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Augenblicke (ver)führen zur Welt. Erzählungen Verlorene Mützen; ein Zollbetrug; ein Brief ohne Absender. In Spannung stehen Ökologie und das Duschen. Ein Spesenbetrug hat ungeahnte Folgen. Metallkugeln werden gefunden. Begegnungen im blauen Abteil. Ein Tanz in einer Kirche; eine Butterfahrt. Warten auf einer Klippe. Ein Unfall in einem Labor. Fallschirmsprünge auf einem Betriebsausflug. Entscheidungen einer KI. Grünliche Lippen und eine rote Tasche. Die Suche nach dem Namen. Eine Liebe wird realisiert. Weihnachtsglanz. Lyrik Wörter entschlüpfen dem Mund; Punkte begrenzen. Menschen reichen sich Kirschen; eine karge Nähe umhüllt sie. Sterne irritieren die Natur. Sind sie Hehler unserer Illusionen? Algorithmen gestalten transhumane Reflexionen. Die Vernunft schwebt nur leise. Uhren schweigen; Züge verharren auf rostigen Gleisen. Eine Barke fährt zu ewigen Gründen; in der Tiefe ist unbekanntes Leben. Heimat im Garten. Angesichts des Todes neigen sich Tapeten. Ein roter Milan fliegt. Die Lage ist verdichtet. "gegebenes sucht eigenes sucht gründe"
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Seitenzahl: 188
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Vorbemerkungen
zu den Geschichten und zur Lyrik
Übersicht zu den Erzählungen
Übersicht zur Lyrik
Prolog
(Gedichte)
Erzählungen
Lyrik
Alphabetisches Verzeichnis zu Lyrik
Autor: Literatur
(in Auswahl) - Kontakt
I
Die (menschlichen) Geschichten berühren tatsächliche Lebensereignisse; insofern sind sie authentisch. Jedoch habe ich im Rahmen der Collagen-Technik einzelne Gegebenheiten zum Teil leicht verfremdet bzw. in der Art verknüpft, dass keine unerwünschten Identifizierungen möglich werden.
Die Geschichten, die in der Zeit von 2017 bis 2024 geschrieben wurden, sind bewusst kurzgehalten.
Die zusätzlich aufgeführten Gedichte ergänzen auch die Gedichte aus dem Band „Fäden zur Welt“ (siehe Literaturverzeichnis).
II
Es geht um Momente im Leben, um Augenblicke, in denen sich zum Teil sehr unterschiedliche Folgen real ergeben können. Die Entscheidungen werden von den Beteiligten oftmals zügig und intuitiv getroffen.
Die Fragen nach den Gründen und Auswirkungen bleiben erhalten.
Das Mützenwunder
Weihnachtsengel
Das Fest, die Lokomotive und ein Brand
Metallkugeln
Ein Diebstahl und die Richtung einer Kompassnadel
Eine Butterfahrt
Eine Freundschaft (Protokollfragment)
Fragmentarisches Leben: Ökologie und das Duschen
Grünliche Lippen
Auf einer Klippe
Fortschritt – Küchengespräch
Ein vierter Weg: Das fehlende Vermögen
Ein Kartengruß und ein Gedicht
Das blaue Abteil
Blutspende und blaue Tropfen
Laborbetrieb
Frida & Arne
Kirchentanz
Liebeserklärung im Netz
Schmetterlinge
Spesenabrechnungen
Zwillingsschwestern
Katzen, Schnecken, Muscheln und das Leben
Ein Betriebsausflug und Luftlöcher
Weihnachtsbäume, Putzfrauen und eine Leiter
Rote Tasche
Betreff: Zum Tod von M …
Die Entscheidung der KI
Ein Engel in einer fremden Stadt
Titel
kein weiter ohne augenblick
Zeichenwelt
Wachstropfen
Lilienrätsel
Worthaken
Grenzwelt
Melancholische Stunde
Tongrund
blutrote Trauben
Lyrische Bezüge
Heimat
Verbunden im Aufbruch
Schwimmen ohne Grund
Dunkle Wasserschicht
honigwelt
Klärungen
Herbstliche Dialektik
Atem
See-Stimmungen
entbindung
Regentanz
fotobild
Stille Herbstschatten
Selbstüberwindung
PS
roter Milan
Hoher Flug
Sternenlicht
Blick ins Begehren
Schwarze Blumen
nass
spätes Wehen
Grün-blau
Wimpernlicht
Salz im Wind
Salziger Wind (für U. M.)
Brüder
Fremde Haut
Sterne erzählen
Gebetskammer
Befreiung
notiert
engelsturz
Tausch
Lebenswein
Mit deinem Lachen
Durch das Fenster fliegt ein Schmetterling
Die Toten sind frei und streiten nicht mehr
Unerwartet trifft mich nachts ein Flügel
richtungen
Beim Espresso
Steinglut
Deine Lippen
lange zeit
Schattenspiele
Karge Nähe
unentwegt
geflüchtet
Anthrazit
nebenbei
Berührungen
Seelensprache
ich vermisse dich
Hommage an die Zukunft
Zeiten
etwas von etwas (ti katà tinós)
Herbstlicht
Treibender Himmel
Regenbogen - scheinbar
Letzte Tage
Erläuterung zur Bilanz
Das letzte Wort
Hades – Mitteilung: amtlich
Spielabpfiff
mein sinn gilt den augenblicken
die sich wie punkte sammeln
die fügung bindet momente
verführt sie zu einer welt
blicke ohne weiter treiben allein
sie finden kein land, kein meer
fallen beinah wie noble sterne
aus dem gefüge der welt
wir bewegen uns, suchen weiter
doch, verrät uns nur ein blick
zerfasern wir stumm und erblinden
die welt fällt in sich zurück
mein jetzt verwandelt sich und lebt
reist eigen in raum und zeit
auch der tod, so blass, verhandelt
er ringt, bündelt und verspricht
Klar wird diese Welt
Nur scheinbar mit den Zeichen
Die das Leben zerteilen
In Sphären von Licht und Lust
Karg wie ein Metall
Erscheint das Ich als Zeichen,
Welches – weltenfern –
glitzert hell wie ein Gestell
Das Ich erfasst sich
– verdreht in Macht und Wissen –
Im Denken, Sprechen, Wollen
Wie ein kluger Automat
Es lebt gebunden
Im Diskurs der Geräte
Kennt kaum die Rechnungen
Nur das Schweigen dieser Welt
Die Welt wirkt grundlos
Alles west und weht
Auch Zeit, Zeichen und Ideen
Der Tod prahlt nur Parolen
Unsere alte Stadt hatte keinen hellen Himmel. Dunst, Nebel, Wolken und das Diffuse erzeugten ein gelbliches Licht. Die Linien der Gebäude erschienen verschwommen. Schwefel- und Ölgerüche lagen in der Luft. Metallstangen, Eisen- und Autobahnen, Zechen, Gasometer und Raffinerien prägten das Bild. Die Bäume standen oft nur für sich, beinah einsam am Straßenrand. Die Natur rang um ihre Würde.
Diese alte Stadt war für mich eine fremde Welt. Sie war ohne Zentrum und gab uns Menschen keinen Halt. Das menschliche Leben lebte in den Winkeln der Häuser und Fabriken und in den Schatten der Straßen und Gassen. Wir fanden Wärme und Beziehungen oft nur in verborgenen Ecken. Diese Stadt zerriss die Menschen. Ihren Namen möchte ich vergessen.
Unsere alte Stadt: Das stimmt, denn wir wohnen nicht mehr in ihr. Im Sommer – in diesem heißen Hochsommer – dachte ich noch, hier bleiben wir für immer und ewig. Es gibt für uns keine andere Welt. Ich hatte mir Mut zugesprochen und Überlebensideen gesammelt: Stelle dich auf eine lange Suche ein, entwickle einen Plan. Versuche, andere Menschen zu finden. In jenen Tagen spielte ich die Rolle des einsamen Welteneroberers: Als Geometer in der Wüste; als Astronaut; als Soldat.
Auch besorgte ich mir ein Fahrtenmesser. In den Schmuckläden hatte ich schöne, aber unbezahlbare Messer gesehen. Hinter dem Bahnhof traf ich einen mir fremden Jungen, den ich auf unserem Schulhof kennen gelernt hatte. Er bot mir ein Messer an. Eine seltsame Atmosphäre von Angst und Mut umwehte unsere Begegnungen. Die Treffen waren kurz und schienen mir nicht ungefährlich zu sein. Wir verhandelten und sprachen doch kaum. Unsere Augen redeten in ihrer eigenen Art. In der letzten Begegnung forderte er fünfzehn DM. Ich bot: „Zwölf“. Wir schauten beide ernst. Es kam zu keiner Einigung und ein jeder ging seinen Weg.
Und dann zogen wir um. Der Umzug kam wie ein unerwarteter Sommerregen, der über das Land geht. Für uns Kinder zumindest. Mein Vater veränderte sich beruflich und wir zogen in eine kleine Stadt.
Sehr gut kann ich mich an den Tag des Umzugs erinnern. Es kam ein weißer Transporter mit zwei Hecktüren. Er wurde auf dem Fabrikgelände, auf dem wir wohnten, beladen. Es war ein warmer und staubiger Spätsommertag. Der Asphalt glühte zwar nicht mehr, aber die Luft schwirrte und die Vögel schwiegen. Drei oder vier Möbelpacker packten an. Wir Kinder trugen Blumen, Tüten und Kartons mit Kleidung, Gardinen und Tüchern zum Transporter. Meine Mutter putzte noch in den leeren Räumen und reichte kalten Tee. Zur Mittagszeit war der LKW beladen. Die Ladetüren wurden geschlossen. Doch mein Fahrrad stand noch seitlich am Zaun. Die Packer hatten es übersehen. Eine Hecktür wurde wieder geöffnet und mit einem Hin und Her wurde es wie eine metallische Spinne auf die bereits eingepackten Sachen gelegt. Dann schlossen sich die Türen. Das große Abenteuer begann.
Die Gefühle bei meinen Eltern waren mir aber nicht klar. Bei meiner Mutter meinte ich eine Freude spüren zu können: „Wir sind dann wieder mehr im Norden“, sagte sie einmal nebenbei. Aber es war keine reine Freude, die in ihrer Stimme mitschwang. Ich meinte, einen resignativen Ton hören zu können; vielleicht sogar einen Klang der Niederlage. Bei meinem Vater blieb mir die Gefühlslage noch stärker verborgen. Die Versuche, seine Gefühlswelt ergründen zu wollen, blieben meistens ergebnislos. Eindeutigkeit fühlt sich anders an. Für meine Schwestern war es wohl eine Abwechslung in ihrem Alltagsleben. Ein Beieinandersein, in dem sie sich gegenseitig genug waren.
Die Umzugsfahrt dauert bis zum Nachmittag. Meine Eltern hatten am neuen Wohnort ein kleines Haus gemietet, in dem jeder von uns ein eigenes Zimmer erhielt. Ich erhielt mein erstes eigenes Zimmer. Es war zwar nur vier qm groß und hatte keine Heizung. Aber immerhin. Zum Haus gehörte auch ein Garten, den wir gemeinsam mit den Vermietern und noch einer anderen Mieterin, die ein kleines Appartement bewohnte, nutzen konnten.
Und in den ersten frühen Herbsttagen arbeitete meine Mutter an einem Nachmittag auch im Garten zusammen mit den Nachbarn. Sie trug wie so oft eine Küchenschürze und ein Kopftuch. Es wurde gegraben, gejätet und gezupft. Reste von Karotten und Kohlrabi, Kohl, Kartoffeln und Steckrüben wurden eingesammelt. Auch wurden noch einige Früchte geerntet. Stachelbeeren und Rhabarber gab es reichhaltig. Auch fanden sich noch vereinzelt Himbeeren. Die braunen, gelben und roten Blätter überlagerten aber bereits all die verschiedenen Grüntöne. Kleine Beete wurden gegraben und Abgrenzungen wurden angelegt. Zweige wurden geschnitten. Auch ein Zaunstück wurde ausgebessert. Fette Regenwürmer quälten sich durch die Erde. Käfer und kleinere Tiere liefen herum. Solches Getier und diese Spinnen hatte ich noch nie gesehen.
Meine Schwestern spielten an dem Nachmittag mit Maren, einer Nachbarstochter, Gummitwist. Maren war das Enkelkind unserer Vermieter. Ich selbst spielte nicht mit den Mädchen. Gegenüber Maren brachte ich gerade mal ein „Hallo“ über die Lippen. Es waren sehr schüchterne und spröde Begegnungen. An dem Nachmittag fuhr ich selbst Fahrrad auf den Seitenwegen zum Garten. Ich lernte so die Gegend kennen.
Es war ein noch lauwarmer Herbsttag. Die ersten Blätter der Sühne leuchteten auf: Eine blaue Grundfärbung mit rötlichen Spuren und grün-gelben Resten. Und dieses Blau wandelte sich zu einem Violett. Die Farbränder waren nicht klar. Das Spiel der Natur brachte auch in der Hinsicht eine Unschärfe, eine Mehrdeutigkeit ins Spiel. Etwas, worauf ich mich verstand. Und es wurde nach meinem Empfinden auch schon ein erster Wille der Natur zum neuen Leben spürbar. Vielleicht schon diese Sehnsucht zum Frühling, zu einer neuen Entwicklung. Die Schöpfung würde sich wieder bewähren können. Das Lächeln der Welt, so dachte ich, bleibt wohl leicht charmant. Jedoch würde vorerst der Winter kommen und sich ausleben wollen.
In der folgenden Woche waren meine Eltern verreist und ich musste mich an einem Mittwoch nach der Schule bei unseren Vermietern melden. Ich konnte dort zu Mittag essen und meine Hausaufgaben im Wohnzimmer an einem Tisch machen. Nach Abschluss der Arbeit legte ich meine Arbeiten dem Großvater von Maren, er war unser Vermieter, vor. Er war älter als mein Vater und wirkte sehr ernst und streng. Er, so schien es mir, sah in meine Seele. Er hatte den Blick eines Adlers und war genau bei der Sache. Meine Rechnungen kontrollierte er: Sie waren alle richtig. Und es ging, ich kann mich gut erinnern, bei einem Deutschaufsatz von mir um das Wort „Gans“. Ich war mir nicht sicher, ob ich ein ‚s’ oder ein ‚z’ am Ende zu schreiben hätte. Er fragte mich nach der Mehrzahl. Und ich sagte: „Gänse“. „So“, sagte er, „was hörst du?“ „Ein ‚s’“, meinte ich. „Richtig! Und so schreibst du in der Einzahl auch ein ‚s‘.“ Mir fiel eine Last von der Seele. Endlich hatte ich eine Regel gehört und wohl auch verstanden. Die Laute hängen eng mit der geschriebenen Sprache zusammen. Man kann es hören. Ich kann es hören. Ich hatte noch nie davon gehört! Kennen meine Lehrer diese Regel gar nicht? Ich überlegte, es in der Schule erzählen zu wollen. Es schien mir eine große Entdeckung zu sein. Dieses „Richtig!“, diese Zustimmung war wohl auch ein Lob. Ich war glücklich und beeindruckt. Ich hatte das Gefühl, geprüft zu werden – und dies in vielerlei Hinsicht. Dieses trockene, knappe und zugleich so klare „Richtig“ war für mich wichtiger als jedes überschwängliche Lob. Ich brauchte kein Kinderlob mehr. Eine nüchterne Bestätigung war ganz in meinem Sinne. Ich wurde als würdig für das ernsthafte Lernen und Leben angesehen. Der Großvater von Maren wusste viel von mir. ‚Er lässt sich nicht täuschen‘, war mein Gedanke. Und ich wollte bestehen. Er war mein Prüfer, mein Prüfstein. Doch ich merkte auch, dass meine Möglichkeiten zur Beeinflussung gering waren. Ich konnte auf keinen Fall ein Schauspiel oder ähnliches aufführen. Sei korrekt, ehrlich und fleißig! Sei nicht dumm; strenge dich an! Am Samstag darauf arbeitete meine Mutter wieder im Garten. Es war vielleicht schon der goldene Herbst, von dem manchmal bei uns in der Familie gesprochen wurde. Meine Mutter, unsere Vermieter und eine weitere Nachbarin unterhielten sich im Garten. Sie sprachen, ich hörte es nebenbei, über Pflanzen, Gartengestaltungen, Kinder, auch Bücher und Lebensorte. Und erzählt wurde von der Herkunft, den Hoffnungen, den stolzen Gedanken, Bindungen und Erwartungen. Jeder verdeutlichte seine Kräfte und Konflikte und konnte diese so vielleicht auch klären und zum Teil überwinden. Es wurde, so schien es mir, auch gesprochen, um eine neue Heimat zu stiften. Die Sätze bildeten ein Netz, das sich mit dem Garten, den Pflanzen und den anderen Menschen und ihren Gefühlen verband. Ein Netz wurde gewebt, das sich dann über uns legte. Es richtete wie ein äußeres Feld unsere Gefühle und Gedanken, die Bilder und Wünsche aus. Die Wörter selbst erhielten so ihren Klang und ihre Richtung. Manchmal schien es mir, als ob auch meine Träume und Ängste ausgerichtet wurden. Dieses Netz versprach uns eine Zugehörigkeit und band uns ein. Meine Schwestern spielten am Nachmittag wieder mit Maren im Garten. Sie trug eine grau-gelbe Strickjacke und hatte lange blonde Zöpfe. Es gab Kekse und Saft. Alles erinnerte mich an die Erntezeit auf dem Hof meiner Großeltern. Und es erinnerte meine Mutter, so dachte ich, bestimmt auch an ihre Eltern und Geschwister, ja an ihre Heimat. Diese hatte sie als junges Mädchen verlassen müssen. Der später geborene Bruder übernahm den Hof. Ihr blieb die Erinnerung an das Leben in der alten Welt. Meine Großeltern waren selbst Flüchtlinge. Und auch auf der Seite meines Vaters war die Familiengeschichte seit Jahrhunderten geprägt von Fluchterfahrungen.
Die Tage waren inzwischen kürzer und die Sonne stieg nicht mehr so hoch. Die Luft war müde und das Licht war leicht milchig gelb. An jenem frühen Nachmittag wurde es jedoch noch einmal richtig warm. Ein Geruch von der Fülle des Lebens lag in ihr. Ich roch die Erdschollen. Es drang in all meine Poren. Die Gerüche und Farben belebten mich. Sie hüllten mich ein wie eine warme Decke und trugen mich. Es war für mich angenehm und berauschte mich. Das alte Leben findet seinen Abschluss im Herbst. Ein neues Leben wird vorbereitet. Diese Stimmung des Übergangs erfüllte mich mit einem guten Empfinden. Kleine Flugdrachen sah ich in Gartenparzellen fliegen. Ich war seltsam eingebunden und zufrieden.
Und ich war froh, an diesem Nachmittag wieder Fahrrad fahren zu können. Das Rad war mein Freund. Immer wieder ging es vom Hinterhof über den Gartenweg zur Nebenstraße und von dort auf einem Rundweg zurück zum vorderen Teil des Grundstücks. Manchmal, wenn ich zurückkam, gab es ein „Hallo“. Ich hatte eine leichte Weste aus braunem Cord an und auf dem Kopf trug ich eine grüne Pudelmütze, meine Lieblingsmütze. Auch einige Kinder aus dem Viertel spielten dort und wenige fuhren mit ihren Rädern. Es gab zum Teil kleinere Wettfahrten. Es war immer nur ein Spiel. Ein roter Straßenreinigungslaster der Stadt fuhr an diesem Nachmittag gemächlich durch die Straßenzüge und reinigte diese. Eine große Besenrolle drehte sich und sammelte Laub, Papierreste, Staub und Dreck ein. Ich überholte die Kehrmaschine, sie fuhr bestenfalls im Schritttempo, immer wieder. Öfters fuhr sie auch wieder rückwärts, um danach einen Platz, eine Kante noch einmal aus einer veränderten Richtung zu reinigen. Beim Radfahren wurde mir warm. Und bei einer dieser Touren nahm ich nebenbei die Pudelmütze ab und stopfte sie unter meine Weste. Als ich nun wieder zurückkam, rief Maren in einem besorgten Ton: „Deine Mütze ist weg!“ Überrascht, dass ihr dies aufgefallen war, antwortete ich leichthin und irgendwie unüberlegt: „Sie ist mir vom Kopf geflogen und die Kehrmaschine hat sie aufgesaugt.“
„Aufgesaugt“: an das Wort kann ich mich genau erinnern. Stille kehrte für einen Moment ein. Es gab keine Rückfrage oder Ermahnung, nun bitte bei der Wahrheit zu bleiben. Mein Satz wurde, so schien es mir, geglaubt. Was hatte mich getrieben? Mein leichter Ton war mir selbst eher fremd. Höfliche Scherze waren erlaubt. Es überschritt nun eine Grenze. Ich hatte gelogen und stand mir selbst ungläubig gegenüber.
Maren war zumindest beeindruckt und bedauerte mich angesichts meines Missgeschicks. Vielleicht bewunderte sie mich sogar für dieses Unglück. Sie erzählte meine Geschichte den anderen. „Oh, sieh an!“; „Was es nicht alles gibt.“ Die Geschichte gewann ihren Raum: Sie war interessant. Ich erfuhr eine Aufmerksamkeit, die mich rührte. Doch nach wenigen Minuten wurde mir das Geschehen unangenehm. Es war mir peinlich. Ich hatte mich wichtig gemacht. Eine hilfreiche Korrektur fiel mir nicht ein. Ich wagte keine Deutung, um meinen Satz zu korrigieren. „Oh, dieser Scherz ist mir aber gelungen!“ Ich war wie gefangen. Ein Satz hat das Leben verändert. Auch dies konnte ich keinem sagen. Ich war unruhig wie ein verwundetes Tier. Was denken die Menschen von mir? Meiner Mutter sah ich nicht mehr in die Augen. An meinen Vater wollte ich gar nicht denken. Und Marens Großvater ging ich nur noch aus dem Weg. Wie könnte ich seinem Blick standhalten? ‚Ich genüge ihm nicht‘, dachte ich. Er wird mich durchschauen und entlarven. Der Rausch der Aufmerksamkeit war allemal verflogen. Ich konnte mich nicht erklären. Ich schämte mich.
Noch am späteren Nachmittag legte ich die Mütze in unsere Mülltonne. Ich legt sie sorgfältig, geradezu behutsam zur Asche. Es tat mir zutiefst leid. Doch mir blieb nur dieser Weg. Nur so konnte ich das Unheimliche, das ich angerichtet hatte, verdecken. Und so kam es in gewisser Hinsicht auch: Keiner sprach mehr davon. Wobei es auch daran lag, dass ich den Nachbarn – speziell Maren – einfach aus dem Weg ging.
Ich spürte die Macht der Regeln. Und doch gab es da noch ein kleines Licht der Wahrheit in mir. Immerhin versprach mir meine Übereinstimmung mit ihr eine gewisse Ruhe und Annahme. Doch die Wellen der Welt erfassten mich immer wieder. Ich musste mit ihnen schwimmen. In den Abendstunden betete ich damals immer ein Gebet. In diesen Wochen hatte ich mich selbst dazu verpflichtet, das Gebet fehlerfrei und flüssig dreimal hintereinander zu sprechen. Meistens gab es eine Störung. Ein Geräusch tauchte auf; ich musste schlucken oder husten; der Text geriet mir durcheinander. Ich musste dann, das gehörte zu meiner Abmachung, wieder neu anfangen. Es hat in den Wochen oft gedauert, bis ich einschlafen konnte.
Einige Zeit später, so gegen Ende November, fielen die ersten Schneeflocken. Der Winter kam und es wurde kalt. Und bei der Suche nach meinen Wintersachen fand ich in meiner Kommode meine alte grüne Pudelmütze wieder. Sie lag akkurat bei meiner Winterkleidung und war ganz sauber und frisch gewaschen. Sie war einfach da. Ich hatte sie wieder!
Ich saß sprachlos in meinem Zimmer und konnte mir diesen Fund nicht erklären. Ich hielt die Mütze in der Hand und blieb für mich stillsitzen. Fragen jagten durch meinen Kopf. Ich konnte keine Erklärung finden. Es war wie ein unerwartetes Wunder. Meine Gefühle tanzten. In der Familie nahm es, so schien es mir, jeder einfach hin, dass sie wieder da war. Es gab keine einzige Bemerkung. Wer hatte sie gefunden, gereinigt und bei mir in die Kommode gelegt? Es war für mich rätselhaft. Ich wagte es nicht, darüber zu sprechen. Das Geheimnis wurde nie besprochen.
Am nächsten Morgen sah ich ein rotes Leuchten am Rand des Horizonts. Der Himmel glühte. „Die Engel backen für Weihnachten", meinte meine Mutter leichthin.
In unserer Wohnung wehte ein Duft von Stollen und Kerzenwachs. Es war still. Alle hatten sich zurückgezogen in Ihre Zimmer. So hatten es meine Eltern bestimmt. Es war der 24. Dezember: Heiliger Abend, der frühe Nachmittag. Dicke Schneeflocken fielen. Ich war in meinem Zimmer und schaute aus dem Fenster auf die Straße und auch zum Himmel. Zuweilen lag ich auf meinem Bett, hörte mein Herz und sah zur Decke. Ob er kommen wird? Wusste er, dass wir warten? Woher hatte er unsere Adresse? Plötzlich hörte ich ein Rascheln auf dem Flur. Diesen durften wir nur betreten, wenn wir zur Toilette mussten. Auch hörte ich ein Klick-Klack. Ob er jetzt gekommen war? Nach einer Besinnung schlich ich vorsichtig und sehr leise auf Socken aus meinem Zimmer. Die Tür hatte ich unendlich langsam und tonlos geöffnet. Es roch nach Marzipan; es war totenstill. Doch dann erklang im Hintergrund leise ein Weihnachtslied. Kam der Klang aus der Küche? Unter der Wohnzimmertür, die nur angelehnt war, sah ich Licht. Er war also da!
Ich nahm all meinen Mut zusammen und wagte es, die Tür einen Spalt weit aufzuschieben. Ich war überwältigt und sprachlos: Er, der Weihnachtsmann, war nicht da; aber ein heller Engel stand im Raum und strahlte in einem silbrig-gelben Licht, das mit roten und grünen Strähnen durchzogen war. Ich war gebannt und erfüllt von einem unbeschreiblichen Glück. Ich war der Ewigkeit nah. Dann zog ich die Tür zurück und schlich in mein Zimmer. Ich legte mich aufs Bett. Es blieb mein großes Geheimnis.
Sicherlich werden alle, so mein Gedanke, meinen, dass ich nur den Weihnachtsbaum gesehen hätte. Aber ich wusste von dem bezaubernden und menschlichen Engel. Dies ist mir geblieben.
Das mit den Finanzen und dem Geld war für mich eine unklare Angelegenheit. Stellte mein Vater dieses Geld tagsüber in der Firma, in der er arbeitete, her? Und warum mussten auch Beamte Steuern zahlen, wenn sie doch das Geld vom Staat erhielten? Zumindest wurde dies im Fernsehen so immer behauptet. All dies schien mir nicht richtig glaubwürdig zu sein. Seit einiger Zeit erhielt ich nun auch Geld. Und zwar von meinem Vater persönlich. 20 Cent in der Woche. Ich kann mich noch genau daran erinnern, als ich das erste Mal das Geld erhielt. Mein Vater hatte mich an einem Sonntag ins Wohnzimmer gerufen. Er hat mir erklärt, was Taschengeld sei und dass ich dies nun an jedem Sonntag bekommen würde. Ich sollte das Rechnen im Alltag erleben und verantwortlich handeln. Ich könnte es sparen. Aber ich dürfte es auch ausgeben. Doch diese Ausgaben sollte ich genau bedenken. Ich verließ dann die Wohnung und ging die Haustreppe hinab. Ich hatte das Taschengeld in meiner Hosentasche und war unendlich stolz. Ich hatte, so kam es mir vor, eine neue Stufe erreicht.
Ich war auf dem Weg zum Erwachsenensein. Meine Ausgaben waren begrenzt. Esspapier und Gummibären waren für mich interessant und auch bezahlbar. Ich ging öfters zum örtlichen Kiosk und schaute mir die Produkte an. Ich rechnete hin und her. Zwei Gummibären und fünf Blatt Esspapier. Oder nur ein Gummibär und zehn Blatt Papier. Oder doch eine Rumkugel, oder ein Brötchen mit Schokoladenschaum usw. Ich wog die Möglichkeiten ab und rechnete immer wieder neu und überlegte hin und her. Doch dann musste ich nach Haus zum Mittagessen und der Einkauf unterblieb. So sparte ich das Geld an. Später erhielt ich dann einmal im Monat einen Euro. Das war dann das Geld von fünf Wochen. Insofern lag eine Erhöhung vor. Mein Vater meinte, ich solle lernen, über einen längeren Zeitraum zu kalkulieren. Ein Metalllaster interessierte mich besonders. Er kostete 16,95 Euro. Das wären die Taschengeldeinnahmen von 17 Monaten. Immer wieder besuchte ich das Geschäft und schaute mir den Laster an. Doch ich blieb unentschlossen.
