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Jonas Bogner erbt ein Haus in der Wetzlarer Sandgasse. Endlich kann er seiner Leidenschaft, der Geschichte des Industriezeitalters, nachgehen. Doch immer wieder wandern seine Gedanken zu Vera Dauer zurück. Er will sie vergessen, versucht es mit räumlichem Abstand und fährt in die Toskana. Doch auch dorthin verfolgt sie ihn. Er lernt eine Frau gleichen Vornamens kennen. Auch sie ist auf der Flucht. Sie lädt ihn ein, und er folgt ihr in den Norden Sardiniens, wo sie in einer Ferienanlage eine neue Aufgabe gefunden hat. Dort gibt es bald Probleme, die zu sozialen Spannungen führen, denen sich Jonas Bogner nicht entziehen kann. Er lernt Mascha Rudow kennen, eine scheinbar leichtlebige Studentin. Den Schriftsteller zieht es zurück nach Wetzlar, wo er die Arbeit an seiner Bergarbeitererzählung fortzusetzen gedenkt. Seinen Protagonisten, Alfred Karella, lässt er die erste große Liebe erleben, die Blütezeit der Eisenerzgrube "Amanda" bei Nauborn um das Jahr 1906 und deren Ende. Schließlich kann Jonas Bogner in der Frühlingssonne Sardiniens, seine Arbeit an dem Bergarbeiterroman zu Ende führen. Elena, eine Kollegin, lässt ihn auf andere Gedanken kommen.
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Seitenzahl: 350
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Reiner Kotulla
Ausstand
Eine Lahntal - Sardinien Roadstory
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Erster Teil
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
Einundzwanzig
Zweiundzwanzig
Dreiundzwanzig
Vierundzwanzig
Fünfundzwanzig
Sechsundzwanzig
Siebenundzwanzig
Achtundzwanzig
Zweiter Teil
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Dritter Teil
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Vierter Teil
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
Einundzwanzig
Weitere Romane von Reiner Kotulla in der Reihenfolge ihrer Entstehung:
Das Gitter
Morina
Michelle
Marijana
Melina
Muriel
Karen
Leander Parow in: Chatten über Waldgirmes
Leander Parow in: Schicksalsschleuse Altenberg
Leander Parow in: Die Braunfelsrevolte
Carina
Impressum neobooks
„Nein“, schrie sie, „tu das nicht!“
Doch es war zu spät gewesen. Er saß kerzengerade in seinem Bett, als ihm bewusst wurde, dass er geträumt hatte, wieder einmal, immer dieselbe Geschichte. Hörte das denn nie auf?
Draußen war es noch dunkel. Jonas Bogner hatte kaum geschlafen, war jetzt eigentlich noch hundemüde. An ein erneutes Einschlafen war nicht zu denken, wusste er aus Erfahrung.
Und schon begann sein Gehirn zu arbeiten, und auch wenn er kaum geschlafen hatte, ging er davon aus, dass sich vertrackte Gedankenverbindungen geordnet hatten.
Er glaubte fest daran, dass die Theorie stimmte, wonach unser Gehirn ähnlich einer Festplatte funktioniert, mit einer Art Defragmentierungsprogramm, das in der Lage ist, wenn wir schlafen, Gedanken aufzuräumen, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, Bedeutsames zusammenzuführen, Wertloses zu entsorgen. Außer über unsere Träume, so verworren sie uns auch erscheinen mögen, bekommen wir davon nichts mit.
Ihm war kalt. Er kroch noch einmal ganz unter die Bettdecke, und plötzlich schien alles klar zu sein, was ihn noch gestern hatte befürchten lassen, dass es nichts wird, mit dem neuen Roman. Auf einmal wusste er, um was es da gehen sollte: um eine Liebe und um Ereignisse, die sich hier in der Gegend um die Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert im Eisenerzbergbau zugetragen hatten.
Wie wird man Historiker, hatte er sich unlängst gefragt, nachdem sich für ihn so manches geändert hatte. Und er war frei, endlich. Vera war – aber das war eine andere Geschichte. Die neue Freiheit hatte er seiner Lieblingstante zu verdanken. Die war gestorben, nach kurzer schwerer Krankheit, wie es in der Todesanzeige hieß, die er selbst verfasst hatte. Solche Anzeigen haben ihn bisher überhaupt nicht interessiert. Diese Seiten der Regionalzeitung überblätterte er stets.
Er wusste, dass es Leser gab, die sie mit großem Interesse verfolgten, und das waren nicht nur die Älteren. Die lasen sie meist, um zu schauen, ob sie womöglich möglich bald an der Reihe seien, oder um zu erfahren, wer von den Ihren gegangen war.
Warum junge Leute Todesanzeigen lasen, war ihm bisher verschlossen geblieben. Die seiner Tante würde auf alle Fälle Erstere interessieren. In Wetzlar gab es sicher eine ganze Reihe Zeitgenossen, die Margarete Wiener gekannt hatten.
In der Sandgasse, oberhalb vom Eisenmarkt, hatte sie zwei Häuser besessen, die nun ihm gehörten. Ein Rechtsanwalt, ein Zahnarzt und ein Steuerberater hatten hier ihre Kanzlei, Praxis oder Büro und Wohnung. Alle drei alteingesessen mit sicherer Kundschaft, Patienten oder Klientenschaft.
Margarete, die Tante, hatte rechtzeitig restaurieren und renovieren lassen, Zentralheizung, Fahrstuhl und Dachterrasse. Reparaturen oder Renovierungsarbeiten standen zurzeit nicht an, sodass er von den Mieteinnahmen gut leben konnte.
Diese, seine gewonnene materielle Freiheit, erneuerte für ihn die Frage, die er sich schon öfter gestellt hatte: Wie wird man Historiker? Er wusste, dass dieser Beruf in der heutigen Zeit als eine brotlose Kunst galt. Aber wie gesagt, die Mieteinnahmen zweier Häuser …
Ein Freund, Archäologe, hatte ihm empfohlen, sich an der Uni einzuschreiben. Es gäbe da Studiengänge für Leute, die keinen Abschluss erwerben wollten, Senioren meist, die noch einmal etwas Neues beginnen wollten. Als ein solcher fühlte er sich allerdings noch nicht.
In Erwartung des üblicherweise unwirtlichen Februars im hessischen Wetzlar hatte er sich in die Toskana verzogen, nach Arezzo. In der Nähe der Piazza San Francesco war er in einem kleinen Hotel untergekommen. Hier wollte er bis Ende April bleiben, um dann den Frühling zu Hause zu genießen.
Er schrieb eigentlich gerne in Gesellschaft, Gespräche an Nachbartischen hörend aber nicht verstehend. Gerade wurde er bei seinen Aufzeichnungen unterbrochen, als eine Gruppe italienischer Seniorinnen und Senioren über die Terrasse herfiel. Dieses Spektakel allerdings, was die Alten hier inszenierten, ließ ihn keine klaren Gedanken mehr fassen. Deshalb verließ er fluchtartig den vormals so gemütlichen Ort.
Der Name des Cafés, auf dessen Terrasse er gerade noch gearbeitet hatte, erinnerte an den Titel eines Films, der hier vor Jahren gedreht worden war: „La Vita e Bella, das Leben ist schön“. Wenn er sich richtig erinnerte, geht es in der Geschichte um einen Vater, der seinem kleinen Sohn das Leben in einem faschistischen Konzentrationslager so schön wie möglich gestalten möchte.
Jetzt beschloss er, einen Spaziergang durch das interessante historische Zentrum dieser Stadt zu machen. Dabei setzte er in Gedanken fort, was ihm vor dem Überfall der Alten durch den Kopf gegangen war, um es später, in seinem Zimmer aufzuschreiben. Er hatte sich also entschlossen, sowohl ein Gaststudium der Geschichte an der Gießener Uni aufzunehmen, als auch sich das nötige Wissen im Bedarfsfalle anzulesen. Für einen „gelernten" Historiker mochte das überheblich klingen, doch woraus besteht ein Studium, wenn nicht aus Hören, Lesen und Anwenden von Wissen.
Vor Kurzem hatte er den berühmten Bergarbeiterroman von Emile Zola, Germinal, gelesen, was ihn auf die Idee gebracht hatte, im Tal der Lahn zu forschen. Denn hier war schon in grauer Vorzeit Eisenerz gefördert worden, zuerst im Übertageabbau und später auch tief unten im Gestein.
Etwa um die Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert wollte er die Geschichte ansiedeln, die auch eine tragische Liebe beinhalten sollte, eine, wie er sie selbst erlebt hatte. Erlebt, erduldet, erlitten, erhofft, erfahren, ja, was auch immer.
In seinem ersten Leben, so bezeichnete er die Zeit vor Vera Dauer, war er Journalist gewesen, besser Artikelschreiber, bei einer regionalen Zeitung. Dort bestand seine Aufgabe zum Beispiel darin, neunzigjährige Bewohner der zum Leserbereich gehörenden Ortschaften aufzusuchen und sie nach besonderen Ereignissen in ihrem Leben zu befragen.
Immer wieder hörte er sich ähnliche Geschichten an: Frauen, die von ihren Kindern, Enkelkindern und Urenkeln erzählten, und Männer, die ihre „besten Jahre" in Frankreich, Norwegen, Afrika, Kroatien oder Russland verbracht hatten. Ja, sie waren herumgekommen, hatten sich durchgeschlagen im wahrsten Sinne des Wortes, bei El Alamein, am Nordkap oder in Stalingrad. Einer hatte in seiner Gegenwart zu singen begonnen: „Ob´s stürmt oder schneit, ob die Sonne uns lacht, der Tag glühend heiß oder eiskalt die Nacht“, vom Panzer der vielen zum „ehernen Grab” geworden war. Doch der Sänger hatte überlebt, war heimgekehrt ins Egerland und hatte dort vergeblich nach seinen Angehörigen gesucht, bis er von einem Kommunisten, der hatte dableiben dürfen, erfahren musste, dass man sie davongejagt hatte, die „Henlein-Faschisten“, zurecht, wie der Mann betonte. Und er, der „Naziheimkehrer“ sollte am besten auch gleich verschwinden, nach Deutschland, von wo aus das Jahrhundertverbrechen seinen Lauf genommen hatte.
„Dieses Kommunistenschwein“, meinte der Jubilar, sei dann '68 von den tschechischen Freiheitskämpfern zurecht aufgehängt worden, hätte ihm ein „alter Kammrad“ damals geschrieben.
Er aber hätte seine Familie in Braunfels wiedergefunden, sei bald der Egerländer Gmoi beigetreten. Jahrelang hätten sie gehofft, in die alte Heimat zurückkehren zu können. Aber die sei ja von den Sozis ohne Gegenleistung verschenkt worden.
An dieser Stelle bat Jonas Bogner den Opa um ein Bild aus guten Tagen. Der kramte in einem alten Schuhkarton und förderte schließlich ein Bild zutage, das ihn als Gefreiten in der Wehrmachtsuniform zeigte.
Aus dem Gehörten formulierte er dann einen Neunhundertzeichenartikel und hatte dabei große Mühe, die Lebensweisheiten des alten Mannes zu verschweigen.
Dann war da noch das diamantene Hochzeitspaar aus Leun. Diesmal war die Frau berufen, zu berichten. Sie schwadronierte über ihre schöne Zeit beim „Bund deutscher Mädel“, zeigte ihm das Mutterkreuz, auf das sie heute noch stolz sei. Und wieder hatte er den Neunhundertzeichenartikel geschrieben. Und dazu das Hochzeitsfoto, das sie im schwarzen Kostüm und ihn in der Unteroffiziersuniform zeigte. Im Vergleich zu diesen Berichten empfand er solche über die Jahreshauptversammlung eines Kleintierzüchtervereins noch als angenehm.
Nach dem Tod seiner Erbtante und einem anderen tiefen Einschnitt in sein Leben hatte er diese Tätigkeit aufgegeben, war in eines der geerbten Häuser gezogen: drei Zimmer, Küche, Bad, mit einer kleinen Dachterrasse im obersten Stockwerk, inklusive der Aussicht auf Dächer der Wetzlarer Altstadt. Verregnet zurzeit, weshalb er geflüchtet war.
Es wurde Abend in Arezzo. Er fand ein Lokal, wurde an den letzten freien Tisch geleitet. Nach Spaghetti stand ihm der Sinn. Gerade hatte er die Bestellung aufgegeben, schaute gedankenverloren auf die Straße hinaus, als ihn ihre Stimme aufschreckte: „Ist der Platz noch frei?”
Im ersten Moment fühlte er sich gestört, doch als er hochschaute, in grünblaue Augen blickte, ihr Lächeln sah, machte er eine einladende Handbewegung, auf den Stuhl hin, ihm gegenüber.
Ein Tisch nur für zwei Personen. Wenn man sich da eine Zeit lang gegenübersitzt, entsteht eine unangenehme Situation, ähnlich einer solchen im Fahrstuhl: Zuerst schaut man an seinem Gegenüber vorbei an die Wand, dann ein kurzer, verstohlener Blick, und wenn es dann echt unangenehm wird, ist man hoffentlich im richtigen Stockwerk angekommen.
Doch diese Etage gab es hier nicht, so war die Frage, wer hält den Zustand am längsten aus?
Da räusperte sie sich, als hätte sie eine Sprachbarriere zu überwinden: „Sie sprechen Deutsch, nehme ich an?“
Eine gute Ausgangssituation.
„Ja, aber woraus schließen Sie das?“
„Sie sehen aus wie ein Deutscher.“
Eine weitere Steilvorlage.
„Woran erkennen Sie einen solchen?“
„Erwarten Sie jetzt eine Personencharakteristik des typischen Deutschen?“
„Ich glaube, den gibt es nicht.“
So hätte es weitergehen können, wenn die Frau ihm gegenüber nicht plötzlich gelacht hätte und auf seinen fragenden Gesichtsausdruck hin dem Bla Bla ein Ende gemacht hätte.
„Genug gefloskelt, was hat Sie hier hergetrieben?“
„Wenn ich ehrlich bin, das Wetter und eine Gelenkstelle, die sich für mich ergeben hat.“
Kaum dass er es heraushatte, wurde er sich bewusst, dass das eine Erklärung verlangende Gegenfrage zur Folge haben würde. Die kam auch prompt: „Wie darf ich das verstehen – ich meine nicht das Wetter.“
„Ganz einfach, ich beginne gerade ein neues Leben, treibe historische Studien auch in der Absicht, mein altes Leben zu beschreiben.“
Wenn sie jetzt oberflächlich reagierte, nahm er sich vor, esse ich meine Spaghetti, trinke den Vermentino, bezahle und gehe mit den Worten: Ich will denn mal. Und sie reagierte, dass es ihm gefiel. „Ah ja?!" Jetzt war er an der Reihe: „Und Sie?"
„Nicht wegen des Wetters, wohl aber auch, um irgendwo neu anzufangen.“
„Interessant, dann haben wir ja Ähnliches im Sinn.“
Eine Weile schwiegen sie beide. Jonas Bogner wartete mit dem Bezahlen, bis auch sie fertig gegessen hatte.
Schließlich standen sie auf der Straße.
„Ja dann, war nett, Sie getroffen zu haben“, eröffnete sie den Abschied.
„Danke ebenso“, sagte er, meinte aber anderes.
Die klassische Szene, er nach rechts, die Straße hinunter, sie nach links, bergan.
Doch nichts dergleichen, beide liefen sie bergan, hatten, wie sich herausstellen sollte, dasselbe Ziel, wohnten im gleichen Hotel. Da war es selbstverständlich, nach einer Fortsetzung des Gesprächs zu fragen. Sie verabredeten, dass sie sich an der Hotelbar treffen wollten. Immer noch hatten sie sich einander nicht vorgestellt.
Jonas Bogner schätzte die Frau um die vierzig. Halblanges dunkles Haar, ungewöhnlich für ihre hellen blaugrünen Augen. Ein hübsches Gesicht, mit leicht asiatischem Einschlag. Er kam zuerst in die kleine Hotelbar, setzte sich an einen der wenigen Tische in der Ecke und wartete. Man kennt die Einstellung aus zahlreichen Filmen. Eine Person betritt den Raum. Der Wartende blickt kurz auf und sogleich wieder anderswohin. Er stutzte, Blick zurück, tatsächlich, sie war es.
Die Frau trug jetzt einen dunkelblauen, engen Rock, der ihr bis kurz über die Knie reichte. Dunkelblaue, taillierte Kostümjacke über einem schwarzen Shirt.
Sie lächelte ihn an, schien seine Überraschung zu ignorieren. „Wir treffen uns, wissen jedoch wenig voneinander, kennen jedoch nicht unsere Namen. Ich bin Vera Galina, einundvierzig Jahre alt, auf dem Weg nach Sardinien, wo ich ein neues Leben beginnen möchte.“
Vera, durchfuhr es ihn. Zunächst war er zu keiner Reaktion fähig. Doch die Andere war blond gewesen und zehn Jahre jünger. Jetzt hatte er sich gefasst und stellte sich ihr ebenfalls vor: „Jonas Bogner, fünfzig Jahre alt und wie Sie auf dem Weg, noch keine Ahnung wohin. Irgendwann zurück nach Wetzlar, eine Stadt in Mittelhessen, in der Nähe von Frankfurt am Main …“
„Ich kenne Wetzlar“, und nach einer Pause: „Er kam daher.“
„Da haben wir etwas gemeinsam. Auch sie kam daher.“
Er fragte, was sie nach Sardinen führe.
„Ich bin gelernte Reisekauffrau. Da habe ich mich um Anstellung auf einem Campingplatz beworben, mit Erfolg.“
„Was macht man als Reisekauffrau auf einem Campingplatz?“
„Sie haben jemanden aus der Touristikbranche gesucht, der Deutsch und Italienisch sprechen und schreiben kann. Ich habe mich auch beworben, um möglichst weit wegzukommen. Sie wissen, von meinem Leben zuvor.“
Er kannte Sardinien bisher eigentlich nur dem Namen nach, als eine Insel neben Korsika. Dort war er einmal gewesen.
Warum er nach dem Ort ihrer Anstellung fragte, wusste er nicht.
„Im Norden, in der Gallura, wenn Ihnen das etwas sagt?“
Sage ihm nichts, gestand er, und erzählte von seinem Korsika-Urlaub. Kleines Zelt und Rucksack. Vierzehn Tage sei er gewandert, von Nord nach Süd, eine schöne Zeit, ungebunden, ohne Ziel.
„Das klingt“, meinte Vera Galina, „als trauerten Sie dieser Zeit nach?“
„Nein, trauern ist nicht das richtige Wort. Es war schön, aber noch einmal erleben, vor allen Dingen das, was danach kam, möchte ich nicht.“
Vera Galina schaute ihn eine Zeit lang an, schien über seine Worte nachzudenken. Dann lächelte sie und sagte, auch für sie gäbe es ein Davor und ein Danach.
Jonas Bogner war überrascht. Sollte er so leicht zu durchschauen gewesen sein?
„Ihre Menschenkenntnis, Vera, erstaunt mich.“ Er hätte ihn weglassen können, aber er wollte ihn aussprechen, den Namen, den er so oft in Gedanken sagte. Dann, wenn er irgendwo stand, die Himmelsrichtung bestimmend, wo er sie vermutete und mit ihr sprach.
„Manche Leute erzählen viel, wenn sie eine Reise buchen, auch über den Grund, warum sie wohin fahren. Da erfährt man einiges. Ein Mann erzählte mir, dass er noch einmal dorthin wollte, wo er so glücklich gewesen war.“
„Aber warum, ohne die Frau, mit der er dort war?“
„Vielleicht, weil er sie dort neben sich glauben wollte.“
Jetzt hätte er sagen können, dass er das nachempfinden könnte, ließ es aber bleiben. Warum auch sollte er einer wildfremden Frau von seinem Trennungsschmerz erzählen.
„Sardinien, hat mal jemand gesagt, sei eine wilde Schönheit.“
„Das habe ich auch gehört, und bin echt gespannt. Gelesen habe ich einiges.“
Sie berichtete und es klang so, als sei sie schon einmal dort gewesen, als freute sie sich auf ein neues Leben dort. Ein wenig beneidete er sie darum, sagte, dass er sich für sie freue und hoffte, selbst auch bald so weit zu sein.
Ob er das nur gedanklich oder auch räumlich meine, fragte sie. Vielleicht ergäbe sich das eine aus dem andern, sinnierte er. Sie sah ihn eine Zeit lang an, sodass er ihr Schweigen als ein Ende des Gesprächs deutete, zumal Vera Galina verstohlen auf ihre Armbanduhr schielte. Er wollte ihr zuvorkommen und sich von ihr verabschieden, als sie einen Entschluss gefasst zu haben schien: „Wenn Sie in Wetzlar niemand vermisst, dann kommen Sie doch einfach mit. Ob Sie nun hier auf den Sommer zu Hause warten, oder dort, wo er bereits Einzug gehalten hat.“
Das hatte er nun überhaupt nicht erwartet, was sie ihm anmerkte, und fügte hastig hinzu: „Entschuldigung, ich war gerade nur so einer spontanen Eingebung gefolgt. Auf gar keinen Fall möchte ich Sie bedrängen.“
„Ich möchte darüber nachdenken.“
„Ja, dann wünsche ich Ihnen eine gute Nacht.“
Eilig fast erhob sie sich, nickte ihm noch einmal zu, bevor sie sich abwandte. Das hatte für ihn den Anschein, als sei ihr ihr Angebot auf einmal peinlich.
„Gute Nacht ebenfalls“, rief er ihr noch nach. Im Gehen erhob sie eine Hand, winkte, ohne sich noch einmal umzuwenden.
Später, er konnte nicht einschlafen, kam ihm das Ganze unwirklich vor. Doch es war wirklich so abgelaufen: Sie hatten sich zuerst allgemein unterhalten, hatten sich über ihre gegenwärtige Lage ausgetauscht, bis sie ihm jenen denkwürdigen Vorschlag gemacht hatte, sie nach Sardinien zu begleiten. Dorthin, wo jetzt schon der Sommer Einzug hielt.
Er überdachte seine Lage. Seine Einkünfte waren gesichert, solange der Anwalt, der Zahnarzt und der Steuerberater ihre Miete bezahlten. Er war telefonisch und per E-Mail erreichbar, für den Fall, dass er als Hauseigentümer hätte handeln müssen. Bei einem Kleinunternehmer – „Alles rund ums Haus"– war er unter Vertrag. Auch da genügte ein Anruf, etwas in die Wege zu leiten.
Ich werde ihren Vorschlag annehmen, entschloss er sich. Für neun Uhr am Morgen waren sie zum Frühstücken verabredet, da würde er es ihr sagen. Zufrieden mit diesem Entschluss schlief er ein.
Bereits um Viertel vor neun fand er sich im Frühstücksraum des Hotels ein, konnte es plötzlich kaum erwarten, Vera Galina seinen Entschluss mitzuteilen.
Neun, Viertel nach neun, halb zehn. Sie kam nicht. Vielleicht hat sie verschlafen, dachte er, lief zur Rezeption, bat die Angestellte, Frau Galina auf ihrem Zimmer anzurufen.
Die Frau stutzte kurz, wandte sich zum Schlüsselregal um, zog aus einem der Fächer ein Kuvert hervor, fragte ihn nach seinem Namen und überreichte es ihm mit dem Hinweis: „Die Signora hat mich gebeten, Ihnen das zu übergeben, bevor sie abgereist ist.“
Mit dem Brief in der Hand lief er zurück, setzte sich an seinen Tisch, zog das Blatt aus dem Umschlag und las:
Hallo Jonas,
lange konnte ich nicht einschlafen, machte mir Vorwürfe, Sie mit meinem Vorschlag überfahren zu haben. Warum habe ich ihn überhaupt gemacht, fragte ich mich. Vielleicht weil wir beide in einer ähnlichen Situation sind, und ich gebe es zu, Sie mir sympathisch und vertrauenswürdig sind.
Und doch möchte ich mich für den Überfall entschuldigen, denn ein solcher muss es für Sie gewesen sein, das sah ich Ihnen an. Um uns beiden Peinlichkeiten zu ersparen, bin ich abgereist. Ich werde in Livorno die nächste Fähre nehmen.
Schreiben Sie mir, wenn Sie möchten: [email protected]
Danke für Ihr Verständnis.
Vera Galina
Es stimmte, zuerst hatte er sich überfahren gefühlt, nur peinlich musste es ihr nicht sein. Er würde ihr umgehend schreiben. Da sie aber kaum vor dem Check-in ins Netz gehen würde, ließ er sich Zeit, verspürte plötzlich großen Appetit, was er sich so erklärte, dass noch nichts entschieden sei. Er hatte also Zeit, die Angelegenheit noch einmal gründlich zu durchdenken, war er doch zu nichts verpflichtet. Später saß er in der Lobby, zurückgelehnt in einen Sessel, auf einen Widerspruch wartend. Es wollte sich keiner einstellen. So klappte er sein Netbook auf, stellte die Verbindung her und schrieb: „Hallo Vera“, und kaum, dass er ihren Namen schrieb, war sie wieder da, die Erinnerung an die Andere:
Ein Spaziergang, das unvermeidliche Gespräch, Vera blieb stehen. Da zog ich den Brief aus der Tasche. Vor uns, am Straßenrand der Briefkasten.
„Es ist Zeit, dass ich ihn endlich einwerfe."
„Du weißt ja, was das bedeutet.“
Und ich warf ihn ein und machte die Drohung wahr und leitete damit das Ende ein.
Sie ist eine Andere, die nur so heißt wie sie, rief er sich in die Wirklichkeit zurück. Also schrieb er:
Hallo Vera,
in einem stimme ich Ihnen nicht zu, peinlich muss es Ihnen nicht sein. Unschlüssig war ich, konnte nach unserem Gespräch lange nicht einschlafen. Dann hatte ich mich entschieden, schlief gut. Als ich es Ihnen sagen wollte, am Morgen, beim Frühstück, waren Sie nicht mehr da – schade.
Ich wünsche Ihnen einen guten Start und hoffe, dass wir in Verbindung bleiben.
Herzliche Grüße
Jonas Bogner
Er setzte seine Studien fort: Jürgen Kuczynsky: "Die Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus".
Heute störte ihn niemand. Er hatte ausgiebig gefrühstückt – im Hotel bot man außer dem italienischen auch ein deutsches Frühstück an – da würde er erst in den Abendstunden wieder Appetit bekommen. Was das Arbeiten betraf, hatte er sich angewöhnt, abschnittsweise vorzugehen: Lesen, durchdenken, schriftlich zusammenfassen. Und er kam gut voran. Vielleicht auch deshalb, weil er sich Hoffnungen machte, von Vera Galina erneut eine Einladung zu bekommen. Doch nichts dergleichen geschah. Abends sah er in der Tagesschau die Wetterkarte. Er war endlich eingekehrt, der Frühling in Deutschland, Ende April. Auf seinem Nachttisch lag Zolas Germinal, und er begann zu verstehen.
Dann, an einem Freitag, er wusste es deshalb so genau, weil er am Montag nach Wetzlar zurückzukehren gedachte, las er:
von vera galina
an jonas bogner
Hallo Jonas,
entschuldigen Sie bitte, dass ich solange nichts von mir habe hören lassen. Ich kam bisher hier nicht zur Ruhe, soviel habe ich dazuzulernen. Ein Campingplatz ist schon etwas anderes als ein Reisebüro. Hier bin ich die Neue unter Alten, die in mir eher eine Konkurrentin denn eine Kollegin sehen.
Kurz gesagt, ich glaube, Ihre Anwesenheit hier täte mir gut, sodass ich hoffe, meine Zeilen erreichen Sie noch in Arezzo.
Herzliche Grüße
Vera Galina.
Da war sie, die Einladung. Er musste nicht lange überlegen, sein Entschluss stand fest.
Zum ersten Mal mit dem Auto auf einer Fähre, verlief das Verladen einfacher als es sich Jonas Bogner vorgestellt hatte. Der Einweiser sorgte dafür, dass er etwas mehr als eine Handbreit neben dem Nachbar-PKW zum Stehen kam. Erleichtert begab er sich in seine Kabine, wo es ihn aber nicht lange hielt. Es zog ihn zum Buffet, und als er vor den Auslagen stand, verleitete ihn sein Appetit, in deutscher Weise zu verfahren, den Teller mit Pommes Frites, Kotelett und Gemüse vollzuladen.
An einem langen Tisch fand er einen freien Platz. Dort saßen bereits zwei Erwachsene und zwei Halbwüchsige, Mutter, Vater, Tochter und Sohn, nahm er an. Alle schienen mit den italienischen Tischsitten besser vertraut zu sein als er, liefen mehrmals zum Büfett, nahmen von diesem und jenem, probierten von Verschiedenem. Zunächst als Beobachter ließ es sich nicht vermeiden, ihren Gesprächen lauschen zu müssen. Offensichtlich waren sie auf dem Weg in den Urlaub, Schweitzer, was er aus ihrer Sprache schloss. Deshalb verstand er nicht alles, was gesprochen wurde. Er hatte den Eindruck, sie gebrauchten ihr Schwyzerdütsch dann, wenn sie nicht wollten, dass er etwas verstand. Manchmal schaute er sich in 3sat die Schweizer Nachrichten an und wundere sich, wenn selbst ein Regierungsmitglied ins Deutsche übersetzt werden musste. Was er von dem Gespräch seiner Tischnachbarn mitbekam, war, dass sie auf Sardinien Campingurlaub machen wollten. Und das nicht zum ersten Mal. Sohn und Tochter hofften, alte Bekannte wieder zu treffen. Vater, Sohn und Tochter wünschten sich viel Wind zum Surfen. Die Mutter äußerte sich kaum, lächelte zu allem.
„Und Sie?“, fragte ihn plötzlich die Tochter, die er auf sechzehn Jahre schätzte.
„Ich schreibe und studiere und hoffe, auf der Insel schönes Wetter und Ruhe zu finden.“
„Was studieren Sie denn?“, hakte sie nach.
„Geschichte“, antwortete er kurz angebunden, hatte eigentlich keine Lust, ausführlicher zu werden.
„Interessiert mich weniger“, war er froh zu hören.
„Und worüber schreiben Sie?“, fragte ihn nun die Mutter.
„Über das, was ich studiere“, wich er aus.
„Nein, ich meine Romane oder Sachbücher?“
„Ein Roman soll es werden, aber es gibt noch nichts Konkretes.“
Damit erlosch ihr Interesse an ihm, und sie ergingen sich weiter in Spekulationen über den bevorstehenden Urlaub zu ergehen.
Die Eltern mussten so um die vierzig sein, der Sohn wahrscheinlich fünfzehn und voll in der Pubertät, was Jonas Bogner aus den Blicken schloss, die er seinen Eltern und ihm zuweilen zuwarf. Die Tochter musste älter sein, vielleicht siebzehn.
Bald empfahl er sich. Er sei müde, sagte er und hoffe auf eine Überfahrt ohne starken Wellengang. Auf dem Weg zu seiner Kabine kam er an einer Bar vorbei, stellte sich an die Theke, bestellte einen Grappa, den er sogleich trank. Kaum unter die Bettdecke gekrochen, schlief er ein.
Am Morgen dann die Ansage, dass man die Garage aufsuchen konnte. Er ließ sich Zeit, fand seine Annahme bestätigt, seinen Wagen frei stehend vorzufinden. Im Hafenbereich legte er einen Halt ein, programmierte das Navi, und bog eine knappe Stunde später von der Straße ab. Kurz darauf erreichte er die Rezeption des Campingplatzes. Die Schranke hob sich, wie von Geisterhand gesteuert. Rechter Hand entdeckte er einen Parkplatz, und kaum dass er sein Auto eingeparkt hatte, sah er sie, Vera Galina, die vom Rezeptionsgebäude her gelaufen kam.
„Schön, Sie zu sehen“, begrüßte sie ihn und reichte ihm ihre Hand. „Sie können den Wagen vorerst hier stehen lassen. Ich zeige Ihnen dann erst mal Ihr Zimmer.“
Sofort ging sie ihm voraus und entband ihn damit der üblichen Floskeln. Sie erreichten ein einstöckiges Gebäude und über ein paar Stufen einen großzügigen Innenhof, atriumartig, von dem drei Türen abgingen. Vera Galina wies auf die Tür, neben der ein kleines Porzellanschild die Nummer acht zeigte. Sie schloss auf, übergab ihm den Schlüssel. „Hoffentlich gefällt es Ihnen. Ich muss dann mal wieder. Man kontrolliert mich – noch, hoffe ich. Um zehn, heute Abend, habe ich Feierabend. Da können wir noch ein wenig klönen, wenn Sie wollen?“
„Aber ja, gerne.“
„Dann bis dann. Ach übrigens, ich wohne in Nummer neun, gleich nebenan.“ Und weg war sie.
In der Mitte des Innenhofes befand sich ein gemauerter runder Tisch mit einer Platte aus rotem Granit. Hier ließ es sich gut verweilen, im Wind- und Sonnenschatten, dachte er, nahm seinen Koffer und ging hinein. Das Zimmer war einfach eingerichtet. An der Wand, gegenüber des Bettes, ein Kleiderschrank. In der Mitte des Raumes ein kleiner Tisch, um den zwei Sesselchen standen. Ein Fenster in der dritten Wand gab den Blick frei auf eine parkähnliche Landschaft.
Unter dem Fenster stand ein Tischchen, an dem es sich arbeiten ließ. Neben dem Kleiderschrank befand sich eine kleine Tür, die ins Bad führte; Toilette, Bidet und Duschkabine. Als er begann, seine Sachen in den Kleiderschrank einzuräumen, entdeckte er dort eine Kaffeemaschine, mit der sich deutscher Kaffee bereiten ließ. Ein Kühlschrank hinter der Tür und darüber ein kleines Regal, in dem ein wenig Geschirr gestapelt stand, vervollständigten die Zimmerausstattung. Hier ließ es sich aushalten, dachte er. Alles eingeräumt, zog er sich um, um einen Rundgang zu machen.
In der Hoffnung, Vera Galina zu treffen, lief er zur Rezeption, traf sie aber nicht an, fragte auch nicht nach ihr. Stattdessen ließ er sich einen Lageplan des Platzes geben. Dort war ein Rundweg eingezeichnet, der am Ufer der Buchten entlangführte. Die gesamte Anlage erstreckte sich über eine Halbinsel, die überwiegend mit Pinien bewachsen war. Sofort empfing ihn der harzige Duft dieser mediterranen Kiefer, gedrungener als die unsrige mit schirmartigen Wipfeln. Von einer Felsenbucht aus gelangte er in die nächste, beide menschenleer, weil heute ein ziemlicher Mistral wehte. Um das Kap herum, auf der Ostseite, war es windstill. Hier standen in den Buchten einige Wohnwagen und Wohnmobile. Er gelangte jetzt in eine größere Bucht mit weißem Sandstrand. Über ihm erstreckten sich auf zwei Ebenen Terrassenplätze. Zwei waren mit Wohnwagen und einer mit einem großen, T-förmigen Zelt belegt. Er kletterte den Hang hinauf, wollte sich eine Parzelle näher ansehen.
Als er näher herankam, erkannte er vor dem Zelt, um einen Tisch sitzend, die Schweizer Familie wieder, die er auf der Fähre getroffen hatte.
Der Vater hatte ihn ebenfalls erkannt, winkte ihn sogleich heran. Jonas Bogner, nicht besonders an einem Gespräch interessiert, näherte sich zögernd, wurde aber mit großem Hallo begrüßt, so als träfen alte Freunde aufeinander.
„So ein Zufall“, meinte der Vater, klappte einen Stuhl auf und bat ihn, sich zu ihnen zu setzen. Die Mutter war aufgesprungen und im Zelt verschwunden, kehrte aber sogleich mit einer Tasse in der Hand zurück. Einen Kaffee würde er doch nicht ablehnen, meinte sie, zumal es nun an der Zeit sei, sich einander vorzustellen. Sie wartete seine Antwort erst gar nicht ab, fragte, ob er Milch und Zucker nähme.
Also fügte er sich, bedankte sich für die Einladung. Derweil übernahm der Vater die Vorstellung seiner Familie, indem er der Reihe nach auf die Personen zeigte: „Meine Frau, Maria Wiegler, meine Tochter Patrizia, mein Sohn Torben und ich Josef Wiegler.“
„Jonas Bogner“, nannte er schließlich auch seinen Namen.
Alle waren sie von dem Campingplatz begeistert, lobten das Wetter, den Strand und die netten Nachbarn. Am Abend würde man zusammen mit dem Paar von nebenan grillen, wozu er herzlich eingeladen sei, sagte Josef Wiegler.
Zuerst wollte Jonas Bogner höflich ablehnen, hätte schon etwas vor, als ihm in den Sinn kam, das Wissen über Campinggewohnheiten möglicherweise nutzen zu können.
„Kann ich etwas beisteuern?“, fragte er der Höflichkeit halber.
„Nein, natürlich nicht“, lehnte Maria Wiegler kategorisch ab, alles läge schon im Kühlschrank bereit. Gute Laune sei angebracht, lachte Josef Wiegler.
Man fragte ihn nach seiner Unterkunft und ob er damit zufrieden sei. Er bejahte und beschrieb ihnen sein Apartment, berichtete auch von seiner Bekanntschaft mit Vera Galina. Er wusste nicht, warum er das tat. Vielleicht auch, um zu zeigen, dass er nicht allein war und deshalb eingeladen werden musste.
„Dann bringen Sie Ihre Freundin doch einfach mit“, schlug Maria Wiegler sogleich vor.
Das ginge nicht, da sie Spätdienst hätte, meinte er, ohne es zu wissen.
„Na, vielleicht ein andermal“, meinte die Mutter.
Das ließ er offen, empfahl sich, nachdem er seinen Kaffee getrunken hatte, mit der Begründung, den Platzbereich zu Ende erkunden zu wollen.
„Dann bis später“, verabschiedete ihn Maria Wiegler und griff wieder nach ihrem Häkelzeug, das sie aus der Hand gelegt hatte, als er gekommen war.
Vom Hauptweg zweigte ein Trampelpfad ab, der durch das für die Gegend typische Macchiagestrüpp führte. Ihm folgend, gelangte er in eine kleine Bucht mit weißem Sand, die noch unbewohnt war. Er zog sich bis auf die Unterhose aus, legte sich in den warmen Sand, genoss die Sonne. Es wehte kein Lüftchen und er war deshalb bald so aufgeheizt, dass er sich des letzten Kleidungsstückes entledigte und vorsichtig, nach Seeigeln Ausschau haltend, ins Wasser stieg. Kalt empfand er es, schließlich war es erst Ende April. Er schwamm ein Stück, bis er aus der Bucht hinaus war. Jetzt hatte er einen freien Blick aufs Meer, das von ihm aus gesehen, einen grünlichen Ton angenommen hatte.
Wieder zurück, ließ er sich von der Sonne trocknen und zog sich an. Es war an der Zeit, die nötigen Einkäufe zu tätigen. Frau Wiegler hatte zwar einen Beitrag seinerseits abgelehnt, doch so ganz ohne etwas wollte er dort nicht erscheinen. Einen Vermentino di Gallura und einen Cannonau di Alghero, die wohl bekanntesten Weine Sardiniens, gedachte er mitzunehmen.
Es blieb ihm noch eine Stunde Zeit, die er nutzte, in der relativen Dunkelheit seines Zimmers zu ruhen. Was für ein Leben, ging es ihm durch den Kopf. Geldbesitz kann auch Unabhängigkeit fördern. War er auch weit davon entfernt, zum Müßiggänger zu werden, allein die Möglichkeit, darüber bestimmen zu können, wann er arbeiten wollte und wann nicht, bedeutete ein hohes Maß an Freiheit. Schließlich machte er sich auf den Weg.
„Sie waren eingeladen, und sollten doch nichts mitbringen“, meinte Maria Wiegler und tat vorwurfsvoll, bemächtigte sich aber sofort der beiden Flaschen und deponierte sie im Zeltinneren. Dann beorderte sie ihn an die Tafel, zu der man drei Campingtische aneinandergereiht hatte.
„Darf ich vorstellen“, wandte sie sich an das Paar, das dort schon Platz genommen hatte. „Das ist Jonas Bogner, unser Schriftsteller und das sind Jennifer und Dieter Haller, unsere Nachbarn.“
Die beiden Vorgestellten hatten sich erhoben, und man gab sich artig die Hände. Dieter Haller setzte sich wieder, während seine Frau anscheinend unschlüssig stehen blieb. Jonas Bogner wunderte sich, dass die Nachbarin noch in Badebekleidung war.
„Dann will ich mir mal etwas anziehen“, sagte sie in einem Ton, als sei sie nackt. Jonas Bogner riskierte einen zweiten Blick. Ein roter Bikini bedeckte sowohl ihre Brüste als auch die Scham nur notdürftig. Mit ihrer Bemerkung hatte sie alle Blicke auf sich gezogen, registrierte Jonas Bogner. Man schaute ihr hinterher, als sie sich in Richtung Wohnwagen entfernte.
Ein raffiniert geschneidertes Höschen. Dessen Rückteil war im Verlauf ihrer Hinternspalte leicht gerafft, was ihren Po noch runder erscheinen ließ und die Kerbe verstärkte.
Mit einer Ausnahme kehrten alle Blicke wieder zurück. Josef Wiegler brauchte etwas länger, um sich von dem zugegebenermaßen geilen Abgang der Frau Haller zu lösen.
Jonas Bogner sah sich eher in der Rolle eines Zuhörers. Man sprach über die von ihnen besuchten Stellplätze auf dem Weg nach Livorno. Die Wieglers kamen aus dem schweizerischen Basel, während die Hallers in Karlsruhe zu Hause waren. „Einen Sprung nur voneinander entfernt“, bemerkte Josef Wiegler. Weiter tauschte man sich über die verschiedenen Fährpreise aus, darüber, ob es günstiger sei, von Livorno nach Olbia oder nach Golfo Aranci überzusetzen. Wo man am günstigsten einkaufen und essen gehen könnte. Die beiden halbwüchsigen Kinder der Wieglers führten eher flüsternd ein eigenes Gespräch, verzogen sich bald. Die Animation wollten sie nicht versäumen, begründete Patrizia Wiegler.
Jonas Bogner fiel auf, dass Dieter Haller ohne süddeutschen Dialekt.
„Keinen Hunger!“, meinten die beiden Kinder gleichzeitig, als Frau Wiegler ihnen nachrief, dass es bald ans Grillen ginge. Das war das Stichwort für Herrn Wiegler, der sogleich den Gasgrill in Betrieb setzte, einen sogenannten Holländergrill, wie er erklärte, der Grillrenner überhaupt. Sofort begann eine Diskussion darüber ein, welches wohl das Beste unter den Bratgeräten sei.
„Kann ich helfen?“, rief Jennifer Haller schon von Weitem. Wieder richteten sich alle Blicke auf sie. Ein knallrotes Wickelkleid hatte sie sich um den Körper gewunden. Frau Wiegler, die eine Art Kittelschürze mit Blümchenmuster trug, schaute missbilligend drein, während Herrn Wiegler die Augen übergingen. Jonas Bogner, der sich schon vorgenommen hatte, es bei diesem Besuch zu belassen, änderte seine Meinung, als er Josef Wieglers Blick registrierte. Das könnte noch spannend werden und Stoff für den Unterhaltungsteil seiner Geschichte liefern. Die Sache würde er im Auge behalten, zumal auch er nicht umhin konnte, die Attraktivität der Frau Haller zu bewundern. Zum Essen setzte er sich so, dass er Josef Wiegler und Jennifer Haller im Blick hatte.
Es gab Schnitzel, die, wie Maria Wiegler kundtat, von hiesigen halbwilden Schweinen stammten, die sich noch von den Früchten der Korkeichen ernährten.
Alle sprachen sowohl dem Grillgut als auch dem Bier zu. Deutsches, noch aus den mitgebrachten Beständen, wie Dieter Haller betonte. Man wisse ja nie, vom Wein verstünden sie ja was, die Italiener, jedoch vom Bier …
Da war Jonas Bogner froh, Wein und nicht das hiesige Ichnusa-Bier mitgebracht zu haben, das inzwischen von einer Brauerei produziert wurde, die zu einem deutschen Bierkonzern gehörte. Als er sein Wissen darüber zum Besten gab und bedauerte, dass nun auch der Biergeschmack der Globalisierung zum Opfer fiele, meinte Dieter Haller: „Von bayerischen Bierbrauern können die Italiener noch lernen.“
Jonas Bogner ersparte es sich, an dieser Stelle den letzten deutschen Kaiser zu zitieren: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.“ Wobei er sich eingestand, dass der Vergleich an dieser Stelle etwas hinkte.
Als es ans Abwaschen ging, begrüßten beide Frauen seinen Vorschlag, dabei zu helfen. Prompt entband Maria Wiegler ihren Mann und Haller und Frau von Haller von dieser Arbeit. Als sie dann an der Spüle standen, hätte Jonas Bogner sonst was darum gegeben, heimlich nach den Zurückgebliebenen zu schauen.
Als Jonas zurück war, waren Josef Wiegler und Jennifer Haller dabei, die Stühle um einen Tisch zu ordnen, weil man nun zum gemütlichen Teil des Abends überzugehen gedenke. Jonas Bogners Mitbringsel stand schon geöffnet auf dem Tisch, dazu die passenden Gläser. Man saß im Rund um den Tisch. Bald bewegten sich die Gespräche auf einer ähnlichen Ebene, wie vor dem Essen. Die beiden anderen Männer diskutierten über die Chancen von Bayern München bei der anstehenden Champions League.
Frau Wiegler zeigte Frau Haller die ersten Ergebnisse ihrer Häkelarbeit. Gelangweilt, schloss Jonas Bogner aus dem Blick der Frau Haller, hörte die zu.
Da er zu beiden Gesprächsthemen nichts beizusteuern wusste, beschränkte er sich aufs Beobachten. Das fiel Frau Wiegler bald auf und sie fragte ihn nach dem Stand seiner Romanarbeit. Da sei alles noch im Stadium der Recherche, meinte er: „Ich muss noch viel lesen, muss Leute befragen und mir noch einiges einfallen lassen, Beobachtungen anstellen“, erklärte er.
„Ist das so etwas Ähnliches wie eine Stoffsammlung?“, wollte Maria Wiegler wissen.
So könne man das verstehen, bestätigte er.
Josef Wiegler wollte es genauer wissen. „Was meinen Sie mit Beobachtungen anstellen?“
Schon ärgerte er sich, das erwähnt zu haben, als ihm Jennifer Haller aus der Patsche half: „Ist doch klar, die Typen, die er beschreibt, muss er doch kennenlernen, ihr Handeln, ihren Charakter und so.“ Dabei sah sie Jonas Bogner an, als erwarte sie eine Bestätigung ihrer Worte. Er kam ihrem Wunsch nach: „Genau so ist es, Frau Haller.“
Josef Wiegler hatte wohl zugehört, schlug nun vor, das Siezen zu lassen und fand allgemeine Zustimmung.
Die Weingläser wurden aufgefüllt. Alle standen auf und stellten sich im kleinen Kreis gegenüber auf. Man stieß die Gläser gegeneinander und trank einen Schluck. Unschlüssig stand man, bis die Frauen die Initiative ergriffen und den fremden Männern einen Kuss gaben. Also Maria Wiegler dem Dieter Haller und ihm und Jennifer Haller ihm und Josef Wiegler. Bei den Letzteren sah er genau hin und glaubte zu bemerken, dass sich deren Münder länger berührten.
Zum Glück schienen sie an Jonas Bogner das Interesse verloren zu haben, sprachen wieder über Belangloses. Man trank Wein und war in gelöster Stimmung. Inzwischen war es dunkel geworden. In der Nähe des Tisches am Ast eines wilden Olivenbaumes spendete eine Lampe ausreichendes Licht.
Jonas Bogner gegenüber saßen Jennifer Haller und Josef Wiegler nebeneinander. Schon dachte er, dass alles nur Einbildung gewesen sei, als er sah, dass sich unter dem Tisch die nackten Füße der beiden trafen, für Sekunden nur in der Berührung verharrten.
Also doch, dachte Jonas Bogner, die Recherche konnte fortgesetzt werden. Immer öfter sah er jetzt auf seine Armbanduhr, in der Hoffnung, dass es bald zehn Uhr wurde, Zeit für ein Treffen mit Vera im Innenhof vor ihren Apartments.
Da sah ich sie wieder vor mir, die andere Vera. An einem Tag Anfang Juli, vor sechs Jahren, lernte ich sie kennen. Das Lokal am Wetzlarer Schillerplatz war damals ein Szenetreff gewesen. Hier trafen sich Maler, Schriftsteller und solche, die es gerne wären.
Die Kneipe war bekannt für ihre außergewöhnliche Einrichtung und eine gemütliche Atmosphäre. Im Sommer saß man dort gerne draußen auf dem Platz, der den Namen des mit Goethe bekannten Dichters trug.
Mir war wieder einmal die Decke auf den Kopf gefallen, und weil ich in der Nähe wohnte, war ich auf ein Bier hingegangen. Dieser Entschluss sollte mein Leben verändern, und zwar so gründlich, dass ich beinahe daran zugrunde gegangen wäre. Dabei fing alles so harmlos an.
Vor mir das Bier, stand ich an der Theke und blickte in den Spiegel an der Wand hinter dem Gläserregal. Links neben mir stand ein Mann, der sich intensiv mit der Frau an seiner Seite unterhielt. Der Platz an meiner rechten Seite war frei. Es war ein Mittwoch, ein Tag, an dem in Wetzlar allgemein nicht viel los ist. Von dieser Stadt hieß es: morgens ein Nebelmeer und abends nach zehn Uhr gar nichts mehr.
Hin und wieder wanderte mein Blick durch das Lokal, in der Hoffnung, jemand Bekanntes zu entdecken – Fehlanzeige. Na gut, nahm ich mir vor, ich gehe zur Toilette, trinke danach mein Bier aus und mache mich wieder von hinnen.
Als ich vom Klo zurück kam, stand sie da, ein Glas vor sich. Ich schätzte sie auf etwa dreißig Jahre. Blond, mittellanges Haar, trug sie ein schwarzes T-Shirt, eine rote Leinenhose und schwarze Ballerinas.
Vergessen die Absicht zu gehen, starrte ich in den Spiegel, solange, bis sich dort unsere Blicke trafen. Als sie endlich lächelte, wanderte mein Blick nach rechts. Sie folgte meinem Beispiel, das Lächeln immer noch auf ihren Lippen.
Ich überlegte krampfhaft, was ich sagen könnte, doch es fiel mir nichts ein. Hätte nicht sie das Wort ergriffen, wer weiß, wie es ausgegangen wäre.
„Entschuldigung, Sie machen ein Gesicht, als sei Ihnen heute alles daneben gegangen. Und irgendwie wirken Sie dabei auch noch komisch.“
Was sollte ich darauf erwidern? Sag, wie es ist, Jonas, was kann dir schon passieren?
„Sie haben recht, ein guter Tag war´s nicht, zumal mir eben nicht einfallen wollte, wie ich mit Ihnen in´s Gespräch kommen könnte.“
Jonas Bogner zuckte regelrecht zusammen, als sie ihm auf die Schulter tippte.
„Weit weg mit Ihren Gedanken?“
„Nein, eigentlich nicht“, log er.
„Ich ziehe mir nur schnell etwas Bequemeres an, bin gleich wieder da.“
Vera Galina verschwand hinter der Tür mit der Nummer neun. Er beeilte sich, Wein und Gläser aus seinem Apartment zu holen, ohne zu wissen, ob sie den Roten mochte.
Und schon kam sie wieder, hatte das stewardessendunkelblaue Kostüm gegen einen lockeren Sportanzug und die hochhackigen Pumps gegen leichte Stoffschuhe ausgetauscht.
„Gerne“, meinte sie, als er auf die Weinflasche wies. Dann saßen sie, beide entspannt und erzählten sich, wie ihr Tag verlaufen war. Vera Galina hatte ununterbrochen an der Rezeption gestanden, neu Angekommene versorgt, Fragen beantwortet, Beschwerden entgegengenommen und das alles auf sich allein gestellt. Man schien sie nicht besonders zu mögen, meinte sie, die Neue, die einer Alten, ohne davon zu wissen, den Arbeitsplatz genommen hatte.
Jonas Bogner erzählte von seinem Rundgang und den Erlebnissen mit den Campern in der kleinen Bucht. Als er seine Beobachtungen und Vermutungen wiedergab, entspannte sich Vera Galina sichtlich, lächelte und meinte: „Zum Glück habe ich in dieser Beziehung gerade mal keine Probleme. Da geht´s mir richtig gut. Und das nicht ohne Ihre Schuld – falsch, von Schuld kann da überhaupt keine Rede sein. Nicht ohne Ihr Zutun, ist es wohl besser ausgedrückt.“
Irgendwie waren sie erleichtert, als sich Jonas Bogner verabschiedet hatte. So ein Studierter, wie ihn Maria Wiegler nannte, konnte ganz schön anstrengend sein. Ständig musste man darauf achten, was man sagte. Fußball und Camping schienen ihn nicht sonderlich zu interessieren.
„Was er schreibt, wüsste ich schon gerne“, meinte Jennifer Haller. Sie war aufgestanden und an den Rand des Lichtkreises getreten, den die Vierzig-Watt-Birne verbreitete.