Auszeit mit Fremden - Michael Kootz - E-Book

Auszeit mit Fremden E-Book

Michael Kootz

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Beschreibung

Auszeiten! - Mehr oder minder freiwillig. Was zeigt sich von uns unter veränderten Bedingungen? Die Menschen in diesen Erzählungen verschlägt es an Orte und in Situationen, die ihnen nicht vertraut sind: Der schüchterne Familienvater muss sich die Bank auf der Strandpromenade mit einer Kröte teilen. Oliver Härbig, Produzent von Bademoden, möchte die Sau rauslassen und wird dabei in die Pampa entführt. Auf einer Klassenfahrt köcheln allseits Sehnsüchte hoch, doch es gibt Schlimmeres: Der Entwicklungshelfer erbt leider ein Firmenimperium, während die schlaue Beauty-Optimiererin neue Geldquellen auftut. Pech, dass sie plötzlich angewiesen ist auf die Hilfe von Fettwanst, Putzfrau und Kaffeetante. Professor Werthmüller hat zwar einen BMW, aber keine Orientierung. Was nun? Was machen sie alle daraus - und was lassen sie mit sich geschehen?

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Seitenzahl: 364

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Bei der Durchsicht meiner Texte fiel mir auf, dass einige Themen häufig wiederkehren.

Eines davon sind unvertraute Umgebungen und Be-kanntschaften, die nicht gesucht werden; die Figuren in ,Auszeit mit Fremden' erleben beides gleichzeitig. Wie sehr bleiben meine Akteure unter diesen Umständen die Menschen, für die sie sich bislang hielten? Werden sie sich selbst fremd, oder kommen sie sich (und anderen?) näher?

- In diesen zehn Texten geht es zur Sache.

Der vorliegende Band ,Auszeit mit Fremden' (2025) enthält die gründlich überarbeiteten Texte der 1. Auflage von 2024.

Von mir sind bereits einige andere Erzählungen erhältlich: Sechs unter dem Titel ,Unvertraut' (ISBN 9783695114757, Books On Demand GmbH, 2021) sowie der Text ,Kummerkonzert' in der Anthologie ,Pandemie' (Hirnkost Verlag, Berlin 2020). Weitere Bände sind in Vorbereitung.

Inhalt

Frühe Vögel und ein Kröterich

Ausblicke, Ansichten

Zikaden und Grillen

Hochland

Die letzten Stunden der kostbarsten Tage

Erlenmeyers Räume

Auszeit, Freizeit, Spielzeit

Tagebuch und HenkelbecherTotal bescheuert, das alles hier

Kaltes WasserZur Entstehung dieser Texte

Frühe Vögel und ein Kröterich

Ein Balken von Sonnenlicht stand waagerecht im niedrigen Zimmer. Dannemann erwachte: Einfach so, ohne Wecker, ohne irgendeine Störung: Urlaub! Milchig blauer Himmel füllte das Südfenster.

Dannemann lauschte. Er horchte auf die Ostsee; dafür hielt er sogar seinen Atem an. Vögel zwitscherten, jedoch nicht ständig. Dannemann lauschte Richtung Meer und rührte sich nicht, doch wenn er fast sicher war, die See zu hören, genau dann atmete neben ihm Regine schnaufend, oder sie bewegte sich in dem knarrenden alten Bett. Bei ihr am Fenster bauschte sich der dünne weiße Vorhang ganz leicht in einem Luftzug, der bereits bei Dannemann nicht mehr zu spüren war… wundervoll. Ferien.

Irgendwann war es Dannemann egal, ob er die nahe Ostsee jetzt schon hörte oder erst später, am Strand. Bei einem Wetter wie Samt und Seide lag sie vermutlich still da wie ein großer Dorfteich, umso mehr hätte es ihn gefreut, in diesem Moment die See zu hören.

Und, Mensch - wie die Vögel plötzlich lärmten - so laut am Morgen hatte er sie noch nie gehört. Vorsichtig - bloß nicht Regine stören - wandte er sich nach links und hob sich den Wecker vom Nachtschränkchen vor die Augen: kurz nach Fünf. Wann die Kinder wohl heimgekommen waren? Am Abend hatte er Markus das Auto gegeben – „Mit großen Bedenken, mein Lieber, hast den Schein erst seit zwei Monaten!“ Der Junge hatte Sylvia mitgenommen, leider … und gewiss waren die zwei bis ultimo in der Disco gewesen! Bestimmt hatte Markus am Ende das Schiebedach des Wagens offengelassen, oder die Türen, oder beides… Immer wieder las man ja, Diebe kämen meist in der Morgendämmerung… Vorsichtig richtete Dannemann sich auf. Zwar war die Dämmerung im Grunde vorüber, aber fünf Uhr am zweiten Juli schien ihm aus Räubersicht immer noch eine günstige Zeit zu sein, um Urlaubern den Autoatlas oder das Radio oder gleich das ganze Auto zu stehlen, selbst hier draußen auf Jaspers Hof.

So leise er konnte, stieg er aus dem Bett und tappte barfuß zu seinen Kindern hinein, um sich den Autoschlüssel zu besorgen. Markus‘ Arme waren entblößt, seine Beine lugten unter der Decke hervor, offenbar lag der Sohn nackt da - Warum denn das, es ist morgens doch frisch? Den Schlüsselbund hielt Markus in der Hand - Warum das auch noch, fragte sich Dannemann, ausgerechnet wenn ich mir die Schlüssel holen will! Ja, zwingend nötig war das vielleicht nicht, erschien ihm aber doch besser, irgendwie. Er blickte hinüber zu seiner Tochter, seit genau zwei Wochen sechzehn Jahre alt. Kerzengerade ausgestreckt lag sie im weißen Nachthemd unter ihrer Bettdecke, vollkommen symmetrisch ausgerichtet, ihre gefalteten Hände auf dem geblümten Stoff. Der chromglänzende Bügel eines Kopfhörers saß als Krönchen auf ihrem kurzen dunklen Haar. Sylvia schnarchte.

Wie ein Dieb zog Dannemann am Autoschlüssel zwischen den Fingern seines Sohnes. Der gab Widerstand - mit geschlossenen Augen begann er zu nuscheln: ‚He Aller, zwei Cola haich gesach Al-ler, lassas he Al-ler, nich Konjack he Al-ler lassas.’ Ein tiefer Atemzug. Die Hand öffnete sich und gab den Schlüssel frei. Aus der Dämmerung der Schlafkammer schlich sich Dannemann in den engen, lichtlosen Flur; durch die niedrige blaue Tür des früheren Bauernhauses trat er ins Freie. Mit bloßen Füßen stellte er sich auf die kratzige Fußmatte, denn das Gras des Hofes war ihm zu nass vom Tau: Millionen Perlchen glitzerten ihm ins Gesicht. Dort drüben, unter der Kastanie, stand das Auto; ob aber alle Türen korrekt geschlossen waren, das konnte Dannemann vom Haus aus nicht feststellen; also musste er hinübergehen. Nasse Füße bekommen mochte er nicht, doch ein kleines Wunder kam ihm zu Hilfe: Regine hatte seine gelben Gummistiefel gestern nicht gesäubert, nicht den Uferschlamm der gemeinsamen Krebssuche entfernt, sondern sie mit vorwurfsvollem Blick begutachtet und vor der Tür stehen gelassen. Dannemann zog die Haustür hinter sich zu, stieg in die Stiefel und stapfte zum Auto. Es war tatsächlich zu, und das Schiebedach vollständig geschlossen… Tja, ist halt mein Sohn! Also zurück ins Bett.

Wie denn? Die Haustür war geschlossen, vorschriftsmäßig steckte von innen der Schlüssel. Ein Weilchen stand Dannemann und überlegte dabei nicht, ob er einen der drei Schläfer durch Klopfen am Fenster wecken sollte, sondern welchen.

Hoch über dem Mann in Schlafanzug und Gummistiefeln sangen Amseln in den Zweigen der Kastanie; die Sonne hatte bereits Kraft, und wie! Allmählich kam Dannemann zur Besinnung. Eine ungewohnte, eine diebische Freude kam in ihm auf: Er selbst konnte nun zwei, drei Stunden mehr vom Tag haben als seine Lieben – eine Weile spazieren gehen konnte er, und dann – Überraschung! - fit und frisch mit den Brötchen von Jensens nach Hause kommen. Der Held der Familie, für diesen Morgen.

Der Brötchenbeutel mit einem Zehneuroschein lag im Auto bereit, wie jeden Tag. Dannemann nahm den Beutel heraus und fühlte sich marschfertig, eigentlich, bis er in der Fensterscheibe sein Spiegelbild des Wagens sah. Also wirklich - so im Schlafanzug… komisch wirkt das doch… Diese blaue Stretchhose mochte als Trainingshose durchgehen, aber das gestreifte Hemdchen verriet den Schlafanzug. Er öffnete den Wagen nochmals und griff sich von der Hutablage die rote Regenjacke; sofort war der Eindruck entschieden akkurater, sogar sportlich, fand Dannemann.

Bei Jensens am Deichweg wird es ab halb sieben Brötchen geben, die Leute vom Campingplatz stehen sogar schon vorher dort Schlange… Bis dahin hatte Dannemann noch weit über eine Stunde Zeit für sich und für das Meer und für die Sonne. Keinen Tag in diesem Urlaub - und Dannemann war seit neun Tagen hier in Lykholm - hatte er bislang so froh und glücklich begonnen, keinen einzigen.

Kurz nur folgte er dem geteerten Radweg Richtung Mole und Campingplatz, nahm dann lieber rechts den Feldweg hinaus zu den Gehöften und weiter Richtung Kliff. Einige Kühe waren schon auf ihren krummen Beinen; mit müde schlagenden Schwänzen vertrieben sie die Fliegen (oder auch nicht); besonders unter Apfelbäumen versammelten sich die Viecher – warum eigentlich dort? … Ach, egal… Dannemann staunte, welche Kraft die Morgensonne bereits hatte. Vögel saßen auf den hölzernen Zäunen der Koppeln, sie schwirrten hin zu den schimmernden braunen Äpfeln, früh am Morgen fallen gelassen von Pferden, die verstreut grasten. Menschen freilich traf Dannemann nicht, weder auf dem Weg noch bei den drei Backsteinhäuschen, die im Morgenlicht kräftig rot an seinem Weg lagen: Dannemann stellte sich vor, dass dies einmal die Alterssitze längst verstorbener Kapitäne gewesen waren. Auch hier noch keine Stimmen, kein Kaffeeduft, kein Radio, nur Dannemann selbst.

Er schritt kräftig aus, an seiner Hand schlenkerte der leere Brötchenbeutel. Irgendwo in der Ferne brummte ein Sportflugzeug, ansonsten: nur die eigenen Schritte zu hören. Unter tief herabgezogenem Reetdach lag nun Thönnissens Hof, ein runder Platz war dort, unter Linden und Kastanien, und hier endete der Fahrweg. Gutshaus und Stallungen waren kürzlich umgebaut worden, dies ergab viele winzige Ferienwohnungen. Das Café im Hauptgebäude würde erst um halb neun öffnen, also alles noch ruhig, alles wunderbar still.

Zwischen den dicht geparkten Autos der Sommergäste überquerte Dannemann den Hof. Durch Wiesen und Felder führte der grasbewachsene Pfad auf eine Kuppe, kaum Anhöhe zu nennen, doch immerhin konnte der Feriengast von dort aus endlich die See schimmern sehen, schimmern und atmen, denn es ging eine Brise, nur ganz leicht. Jenseits der Förde buckelte sich die dänische Küste, linkerhand als bläuliche Linie gut zu erkennen, doch weiter rechts querab verschmolz sie im Dunst mit dem offenen Meer. Dannemann sog die Luft ein. Nun war er sicher, die Ostsee wirklich zu hören, ganz leise wenigstens. Stehenbleiben mochte er also nicht, sondern rasch ans Wasser. Habe ich das Auto eigentlich wieder verschlossen? Er schüttelte die Frage ab: Der Tag war so blau…

Sein Pfad senkte sich, schmal eingeschnitten zwischen grasbewachsenen Böschungen und rechterhand begleitet von einer mannshohen Hecke; wie nannten das die Leute hier oben: Kick, oder so ähnlich? Egal…

Alleine war Dannemann nicht: Vor ihm, den Pfad hinab, hoppelte ein Kaninchen. Immer wieder verhielt es für einen Augenblick, ließ jedoch die Entfernung zwischen sich und dem Menschen nicht geringer werden. Plötzlich, hinter einer Biegung, war es verschwunden, dafür hüpften zwei große Vögel die Böschung herunter auf den Pfad und verharrten. Graubraun, dunkel gefleckt, kleine Köpfe… Fasane? Er war sich nicht sicher. Reglos blieb er stehen, bis die Tiere sich in aller Ruhe in Bewegung setzten, dem Pfad folgten, hinter ihnen Dannemann, auf leisen Sohlen, so gut das möglich war, in Gummistiefeln. Erst nach ein paar dutzend Metern, nur wenige Schritte vor Dannemann, schlugen die Vögel sich seitlich in die dichte Hecke. Der Spaziergänger staunte. Sind alle Tiere hier so wenig scheu, immer? Die unerschrockene Gemächlichkeit mochte an der frühen Stunde liegen, wer weiß.

Der Pfad hatte die Höhe verlassen und verlief nun knapp neben der Kante des Kliffs, keine fünf Meter oberhalb des schmalen Strandes. Linkerhand gab es einen Einschnitt im Hang, der einen steilen Abstieg bot; damit erreichte Dannemann das felsige Ufer. Hätte ihn in diesem Moment jemand angesprochen und gefragt, was er am meisten liebe hier an der Küste – er hätte sofort geantwortet: Den steinigen Strand, natürlich! Und warum gerade den? Dannemann hätte als Erstes die Felsen genannt: All die Steine, faustgroß, kopfgroß, koffergroß, manche wuchtig wie Schränke; diese Brocken, in allen Farben, grau und weiß, grünlich, rot und gelb, Granit und Kalkstein und Sandstein und Basalt und Marmor, Klötze, die vor Jahrtausenden das große Eis von Norden herangeschoben hatte und dann im Boden zurückließ; all diese Klumpen, vom Meer aus dem Kliff herausgebrochen und freigewaschen, ein einziges Durcheinander, ein Aufeinander, und heute Morgen all das nur für Dannemann allein! Allerdings war ihm auch das Holz hier wichtig: Ganze Bäume hingen schräg herab von der Abbruchkante des Kliffs, manche noch halb belaubt; andere waren gänzlich heruntergestürzt und lagen nun quer über die wenigen Meter Strand zwischen Steilufer und Meer, wo sie sich trafen mit dem Treibholz, das glatt und blass war wie alte Knochen.

Zwei dieser gefallenen Holzriesen erhoben sich, auf mannsdicke Äste gestützt, hoch wie Eingangstore über dem steinigen Strand. Sie standen zueinander im Winkel, gelblich verfärbt der eine, der andere silbergrau und borkenlos. Zwischen diesen Toren, inmitten von Steinbrocken, sah Dannemann eine Feuerstelle, darin Bierdosen und Fetzen von Aluminiumfolie.

Er blieb stehen. Er schaute um sich. Dieser Platz, auf dem im Anblick der nahen See ein Pärchen oder ein Freundeskreis eine Nacht verbracht haben mochte, verwirrte ihn; aber warum nur? Aufblickend las er Worte, in den gelblich nackten Stamm geschlagen: ICH WÜNSCHE, DASS DIESER MORGEN DASS DIESER TAG

Das sah recht gekonnt aus, doch wie ging der Satz weiter? Was sollte denn sein mit diesem Tag?

Auf der Suche nach einer Antwort stapfte Dannemann um den Stamm herum, die Rückseite jedoch war nicht bearbeitet. Bei der Feuerstelle gab es frische Fußspuren: Abdrücke von Gummistiefeln waren es, nämlich seine eigenen, quergerillt und wie versteinert im klammen Sand. Er befühlte seine Spuren mit der Hand und spürte die laue Wärme des Bodens: Angenehm. Dannemann zog Stiefel und Socken aus, denn er liebte es, mit bloßen Füßen im Sand zu gehen. Wohin jetzt mit den Gummistiefeln? ‚Frisch und lecker kommt’s vom Bäcker’: Sein Stoffbeutel trug einen fröhlichen Aufdruck. Als könne er beobachtet werden, blickte Dannemann um sich. Er schlug die Stiefel aneinander: Fast sandfrei! Er schob sie in den Beutel. Auf leichten Füßen folgte er nun dem Pfad; zwischen Felsen und Tang und Bäumen und Treibholz kurvte er ostwärts Richtung Ellermanns Mole. Kein Mensch weit und breit. Aber Vögel.

Vor ihm, thronten Möwen reglos auf den Köpfen hoher dünner Pfähle. Diese steckten, in unregelmäßigen Abständen, im kaum bewegten Blau der Wasserfläche; Netze waren zwischen ihnen befestigt.

Eben war der Mann mit den Gummistiefeln im Bäckerbeutel an einem weiten Verhau von Felsen und umgestürzten Bäumen vorüber, als er unwillkürlich stehen blieb. Er wandte sich um, und erst dann wusste er, wieso - in den Ästen eines breit verzweigten, völlig kahlen und silbrig rindenlosen Baumes hatte er diesen hellgrauen Klumpen wahrgenommen. Auf einem Ast, nur wenige Meter über dem Menschen im Schlafanzug, saß ein großer Reiher, ein großes Tier. Den Kopf unter seinem Flügel verborgen, hockte es ruhig da, wie noch im Schlaf. Besorgt, er könne den Vogel aufstören, es vertreiben, hielt der Betrachter den Atem an. Natürlich musste der Mensch bald durchatmen, durchaus hörbar, doch das Tier zuckte nicht mal.

Dannemann entspannte sich, breitbeinig stellte er sich auf.

Kurz schüttelte sich der Reiher und blieb in Schlafstellung.

Eine kleine Weile noch stand Dannemann so mit dem Blick auf das wenige Meter entfernte, reglose Tier. Er selbst allerdings bewegte sich, er schüttelte den Kopf, verwundert, dass das Tier vor ihm, Dannemann, nicht sofort oder doch zumindest später die Flucht ergriffen hatte. Auf leisen Sohlen und mit einem Gefühl, das er im Gespräch vielleicht als Glück bezeichnet hätte, lief er weiter.

Sie kam nach wenigen hundert Metern in Sicht: Als schmaler, dunkler Balken in der See, quer zum Strand, lag Ellermanns Mole. Im Näherkommen waren die schwarzen Basaltblöcke zu erkennen, aus denen sie gefügt war wie für die Ewigkeit. Seit Jahrzehnten wurde sie nicht mehr von Schiffen genutzt und ragte halb eingesunken in die Förde hinein; quer über das Wasser wies sie nach Dänemark. Zwischen herumliegenden Plastiktüten, leeren Flaschen und Haufen angeschwemmter Algen standen links und rechts der Mole eiserne Tonnen für Abfall. Kein Mensch war zu sehen, nur Dannemann alleine. Der stapfte nun durch tiefen Sand hinauf zum geteerten Uferweg und kam hier, immer noch barfuß, zügig voran. Bald hatte er den ersten Strandkiosk erreicht: Noch geschlossen, kein Mensch zu sehen. Vom Dünenweg hinab erkannte Dannemann in der Ferne bereits die Strandhalle, ebenfalls noch ohne Publikum. In der Nähe aber, auf dem Campingplatz hinter den Hecken von Wildrosen, liefen schon einige Menschen herum zwischen Wohnmobilen und Hauszelten. Rechterhand tuckerten zwei Kutter von der offenen See in die Förde hinein; spiegelnd blendete ihn von dort das Meer. Dannemann schloss die Augen. Er atmete tief durch, mehrmals. Im Schlafanzug und mit bloßen Füßen fühlte er sich plötzlich fast nackt - immerhin waren in der Ferne schon einige Leute am Strand unterwegs… egal! Ihm war warm geworden: Er zog die Regenjacke vom schweißfeuchten Rücken und band sie um die Hüften. Anschließend stieg er in die Gummistiefel, um sich vor den Augen anderer weniger bloß zu fühlen. – Wie nun weiter? Er war unschlüssig: Der geteerte Weg würde ihn von hier aus direkt nach Hause führen, genauer gesagt: ins Ferienhaus. Er könnte dort schon den Tisch decken und dann noch rasch Brötchen holen, mit dem Auto… doch warum sollte er? Ihn strahlten die Dünen an, mit dem fast weißen Strand und dem Meer dahinter. All das lockte ihn und lud ihn ein auf mehr Stunden, als der Tag hatte; was also tun? Er blickte um sich – wunderbare Stille, in der Nähe immer noch kein Mensch, bis auf… Dannemann stutzte: Ein paar Meter unterhalb von ihm, bei der Holztreppe, die zum Strand hinabführte, da hockte etwas auf einer grün gestrichenen Holzbank – etwas Großes, massig und still. Ein breiter Rumpf, enormer Bauch, massige Oberschenkel und Waden, rund und dick wie Keulen, breite Füße in schwarzen Gummilatschen. Der Mensch trug eine karierte, über den Knien abgeschnittene Hose, dazu ein Unterhemd, ärmellos, grün. Unter dem Hemd des Mannes zeichneten sich schlappe, speckige Hautfalten ab, die über den Hosenbund quollen. Massige Arme, auf der Banklehne ausgestreckt, endeten in breiten Pfoten; diese patschten auf und ab, nach irgendeinem nicht erfassbaren Rhythmus. Ums linke Handgelenk lag eine schwarze, massige Taucheruhr, breite Ringe blitzten golden an der rechten Hand. Die Haut dieser Gestalt war faltig, bedeckt mit Warzen, Runzeln und Härchen.

Beim Betrachten war Dannemann im weichen Sand Schritt für Schritt herangestapft. Nun musterte er den breiten Kopf: Ein Nacken mit Speckfalten, und vom Rand der Glatze ragten graue Haarbüschel in alle Richtungen. Eine große, kantige Sonnenbrille lag über stoppelbärtigen, hängenden Wangen, und der breite Mund stand leicht geöffnet. Sachte schaukelnd bewegte dieser Kopf sich hin und her.

Eine Kröte, befand Dannemann, ein Typ wie eine Kröte.

„Setzen Sie sich ruhig, junger Mann!“ Dannemann schrak zusammen. Erwischt fühlte er sich, aber doch nicht wirklich angesprochen, bis der alte Mann vor ihm langsam den schweren Kopf wandte, den Jüngeren ansah und sehr bestimmt aufforderte: „Jetzt setzen Sie sich man her zu mir.“

Dannemann konnte nicht ausweichen. Er trat die wenigen Schritte hinunter zur Bank und nahm Platz, mit größtmöglichem Abstand. Er schaute zu Boden. Er schwieg. Er räusperte sich. Der Mann neben ihm saß mit weit geöffneten, massigen Schenkeln; die Sonne beschien seine prallen Waden und die breiten Füße, zwischen den Zehen krümelte Sand. Dannemann wurde von der Seite betrachtet, und er spürte, wie sein Kopf rot anlief. Entsetzlich verlegen war er und fühlte sich so hochnotpeinlich ertappt wie lange nicht mehr. „Guten Tag“ murmelte Dannemann.

Der Alte brummte etwas Unverständliches. Seine breiten Hände hielten ein silbernes Kästchen, das durch zwei dünne schwarze Kabel mit Stöpseln in seinen Ohren verbunden war. Diese Stöpsel zog er heraus. Er hustete und sprach: „Nun kann ich Sie besser hören… Also, irgendwann wollte ich doch wissen, wer da hinter mir steht, nachdem Ihr Schatten eine halbe Stunde lang genau vor meine Füße fällt… das werden Sie verstehen, oder?“ Der alte Mann lächelte kurz, schwach nur; dabei zeigten sich glänzend goldene und stumpf bräunliche Zähne.

„Natürlich, selbstverständlich, ist doch klar“, murmelte Dannemanns trockener Mund; seine Hände nestelten am Bäckerbeutel.

„Reinigk mein Name. Sie haben vermutlich auch einen?“

„Dannemann; Dannemann, Gernot Dannemann,“ erwiderte dieser, froh, etwas sagen zu können, „aus Hildesheim.“

„Oho! Aus Hildesheim! Eine Metropole, der Nabel der Welt… - egal; von hier bin ich jedenfalls auch nicht, oder was dachten Sie?“ Dannemann meinte, in der Stimme einen rheinischen Klang zu hören. Nun schien der Kröterich nachzudenken. Er lachte kurz auf und schüttelte den Kopf, den Blick auf die glatte See gerichtet. Mit der flachen Hand patschte er neben sich auf die Holzbank: „Nun setzen sie sich mal näher ran, Herr… Dannemann aus Hildesheim. Muss sein. Ich beiße ja nicht.“

Mit steifem Rückgrat gehorchte der Jüngere. Der Mann namens Reinigk lehnte sich zurück. „Sie möchten wissen, was ich hier mache. Wollen Sie es hören?“

Aus den Augenwinkeln lugte Dannemann auf die altersfleckigen, weiß behaarten Hände, die den kleinen Apparat hielten. „Ja, klar.“

„Das Ding heißt Discman, ein Plattenspieler in Miniatur. Und dies hier sind die Ohrhörer.“

Erst jetzt erkannte der Jüngere das Gerät. Als Jugendlicher hatte er selber eines besessen, hatte freilich nicht mit den Armen gefuchtelt beim Musikhören, sondern war in eine Art von Starre verfallen, erinnerte sich Dannemann. Alte Menschen hatte er noch nie mit dergleichen Geräten gesehen, erst recht nicht frühmorgens am Strand in der Sonne.

„In der Tasche hier auf der Bank,“ fuhr Reinigk fort, freundlich wie zu einem Kranken, „habe ich jede Menge Zehdehs, dreißig Stück, schätze ich. So viele brauche ich wohl.“ Reinigk schloss die Augen.

Der Mann im Schlafanzug schwieg. Irgendwann fragte er, ob Reinigk vom Fach sei: „Sind Sie sowas wie ein Musikspezialist?“

Der Alte lachte glucksend, verschluckte sich und hustete. „Liebe Güte! Nein, wissen Sie, ich versuche nur, die passende Musik zu finden zu dieser Landschaft, zu meiner Stimmung, zur Stimmung dieses Sommermorgens. Helfen Sie mir?“

Dannemann verstand nicht wirklich, nickte aber, „Na gut, ja, gerne. Was genau?“

Der Kröterich neben ihm griff in ihre bunt bedruckte Strandtasche. Mit verschwörerischer Miene hob der Mann eine Pappschachtel heraus. „Zweitkopfhörer. Nie gebraucht - immer für nötig gehalten.“

Während der Jüngere sich den Bügel des großen Kopfhörers über das Haar legte, schob der Alte ein Scheibchen in das silberne Kästchen. Dannemann hörte klassische Klänge, Musik, die bald elegisch, bald furios war; Reinigk stoppte sie, den Blick fragend auf Dannemann gerichtet: „Also?“

Der druckste herum; „Hm… also… ich weiß nicht recht…“ „Ihre Empfindung möchte ich hören“, forderte Reinigk, „ist das Musik für einen stillen Sommermorgen am Meer, oder nicht?“

„Ich bin ja kein Musikkenner“, mühte sich Dannemann, „aber ich find’s zu heftig. So aufgewühlt.“ Er wies auf den ruhigen Spiegel der Förde, wo von der offenen See her zwei Kutter langsam einfuhren. Reinigk nickte. „Hier passt er wirklich nicht, Der Sommer von Vivaldi. Fehlgriff.“

Der Alte lud nach, nun kam Rimski-Korsakows ‚Scheherazade’ an die Reihe. Sie flüsterte und schmetterte in die vier Ohren. Auf Dannemanns Ablehnung folgte Reinigks Kommentar: „Pomp und Düfte des Orients. Südliche Gestade und Gefilde. Love it or leave it.“

Von oberhalb, von der inzwischen belebteren Promenade herab, und von unterhalb, vom Strand aus, wurden die zwei Männer zuweilen beobachtet; Dannemann bemerkte es nicht. In hoher Geschwindigkeit hörte man die klassischen Klassiker durch, wobei Dannemann selbstsicherer wurde und Reinigk gesprächiger. Sie verwarfen Titel um Titel, Komposition um Komposition auf der Suche nach einem Ausdruck für diese, für ihre eigenen Morgenstimmungen. Es überraschte Dannemann, dass man sich fast immer schnell einig war. Debussys ‚La Mer’ konnte ebenso wenig bestehen wie Smetanas ,Die Moldau’; Mozart fiel bei Reinigk pauschal durch - „Der hat doch niemals das Meer gesehen, glaube ich jedenfalls…“, und Albinoni wurde von den beiden als nur abendtauglich erklärt. Reinigk legte die nächste Plastikscheibe ein. „Keine teurer gewesen als zehn Mark’, ließ er unvermittelt fallen.

„Schschscht, lenken Sie nicht ab“, forderte Dannemann, „spielen Sie das letzte Stück nochmal an.“

Bereitwillig schaltete der Alte zurück. Nochmals ertönte der zweite Satz von Mahlers erster Symphonie; beide lauschten.

„Also?“ fragte Dannemann.

„Das könnte es sein, ja… Aber das Warum, das müssten Sie mir noch sagen, Herr Dannemann.“ Reinigk schaute krötig; er ließ sich nicht in die Karten blicken. Der Jüngere hatte in der zurückliegenden Zeit dazugelernt: „Die Musik kommt langsam daher wie die Morgendämmerung, und gleichzeitig hartnäckig, irgendwie unaufhaltsam. Wie die Schiffe, die da unten ein- und auslauten. So stetig. Von hier oben aus wirken die langsam, aber in Wirklichkeit sind sie ja fix, und nicht zum Spaß unterwegs. Und… eigentlich ist die Musik etwas traurig, und bleibt es auch, selbst wenn sie nachher heller und schneller wird.“

„Bravo!“ Der Alte klatschte. „Bravo Mahler und bravo Dannemann! So, traurig ist das Stück also! Dann passt es ja zu uns, mein Lieber.“

Der Andere schaute überrascht. Er wurde rot und blieb es, als Reinigk ihn fragte, ob er das Lied erkannt habe, das Mahler verwende; kopfschüttelnd verneinte Dannemann.

„Bruder Jakob heißt es. Volkslied. Kenn‘ Sie aus der Schule. Bruder Jakob, Bruder Jakob, schläfst Du noch, schläfst du noch? Hörst Du nicht die Glocken, hörst du nicht die Glocken… Das geht an Sie, Dannemann. Wie wach sind Sie eigentlich?“

Der Mann mit den Gummistiefeln setzte sich aufrecht. Er atmete tief durch. Er runzelte die Stirn. „Wie bitte? Wach bin ich doch, das merken Sie ja wohl.“

Kopfwiegend, blieb der Alte hartnäckig: „Je nachdem. Ich würde wetten, als Sie vorhin ankamen, da fragten Sie sich, was für ein Kauz ich wohl sei. Nun verrate ich Ihnen: Genau das habe ich über Sie gedacht.“

Nie hatte Dannemann sich selbst so gesehen oder von anderen wahrgenommen gefühlt: Er – ein Kauz? Mit rotem Kopf bat er um eine Erklärung.

Breit grinste der Kröterich. Sie deutete mit dem Finger auf ihn: „Gummistiefel - Schlafanzug - Regenjacke, das alles bei Mittelmeerwetter! - Ist es da verboten zu fragen, ob der junge Mann einen Sprung in der Schüssel hat? Eine Kompassabweichung? Ein Orientierungsproblem?“

In die ersten Worte hinein, mit denen Dannemann eine Erklärung geben wollte, wedelten die breiten Hände des Alten eine Bitte um Ruhe: Wenn es nach ihm ginge, dann dürfe jeder so bemackt herumlaufen, wie er wolle, Lebensregel Nummer 1 für ihn selbst, und für junge Leute sowieso.

Heiß war es Dannemann geworden. Er band die Jacke vom Bauch und stopfte sie in den leeren Bäckerbeutel. Junge Leute? Wen meinte der Alte? „Für wie alt halten Sie mich eigentlich“, wollte er wissen.

Kopfwiegen des Alten: „Na ja… Glatte, fast haarlose Haut, kaum Bauchansatz, kurze rötliche Haare, knapper Kinnbart, gerade Haltung - so jemand könnte Dreißig sein oder hat sich gut gehalten, dann an die Fünfzig. Tippe auf Ende dreißig.“

„Daneben“, triumphierte Dannemann, „legen Sie knapp zehn Jahre drauf!“

Reinigk grinste behaglich; also habe er doch recht. – ‚Bruder Jakob, schläfst Du noch‘? Zehn Jahre seines Lebens müsse Dannemann verschlafen haben, natürlich nicht am Stück, aber so immer mal wieder… deshalb wirke er so unverbraucht. „Mich selbst hält man doch - Seien Sie ehrlich! - für Ende der Siebzig; dabei stehe ich noch am Anfang. Kräftig gelebtes Leben zeichnet den Menschen, müssen Sie wissen.“

Dannemann runzelte die Stirn. Er schwieg, der Kröterich setzte nach: „Tippe mal mittlere Verwaltungsebene – richtig?“

Dannemann stutzte. „Ein Punkt für Sie: Einkaufsleiter im Kreiskrankenhaus.’’ Reinigk blieb dran: „Ein bis drei Kinder. Verheiratet. Keine besonderen Interessen… Sie sind doch verheiratet?“

Dannemann nickte. „Stimmt ja alles, und zwei Kinder haben wir.“ Nun wollte er kontern: „Und wie steht’s bei Ihnen?“

Der Alte schnaubte und ließ die Pranken auf seine bloßen Schenkel patschen. Seine Augen hinter der großen Sonnenbrille waren auf die See gerichtet, wo inmitten der Fahrrinne ein kleines Frachtschiff ostwärts tuckerte. „Keine Kinder. Keine kleinen, keine großen. Und, ganz offen gesagt, ich lebe von meiner Frau getrennt. Vielmehr: Sie von mir. - Aber nicht geschieden.“

Also sei die Ehe unglücklich gewesen, vermutete Dannemann; von Reinigk erhielt er einen erstaunten Blick: „Aber nicht doch! Meine unglückliche Ehe habe ich mit Vierunddreißig scheiden lassen: Diese Frau hatte sich zur Xanthippe entwickelt, die wollte über mich bestimmen… über mich! Ha! … Wissen Sie“, ergänzte er nach kurzer Pause, „wissen Sie, ich bin eingefleischter Geschäftsmann, schiefe Sachen laufen bei mir nicht lange. Ratzfatz war die Sache ausgestanden, als ich gemerkt habe, wohin der Hase läuft.“ Von Dannemann abgewandt, blickte er wieder auf die See. Er faltete die Hände und fuhr fort: „Also mit meiner zweiten Frau… nein, diese Ehe ist überhaupt nicht unglücklich gewesen, jedenfalls nicht für mich. Wissen Sie, meine Frau war kultiviert, eine ganz Zärtliche, und in allen Belastungen hat sie mich gestützt. Ich hab‘ ja mal ganz klein angefangen… Banklehre! Hinter dem Bankschalter hocken! … und als ich in Rente ging, was glauben Sie, da hatte ich eine große Regionalbank unter mir, Bilanzsumme fast drei Milliarden - nicht zuletzt durch mein bescheidenes Zutun…! Soviel mal nebenbei. - Ach ja, meine Frau… Nein, die hat mir meine Freiheiten gelassen, meine Entwicklung.“ Für eine Weile verstummte der Alte, den Blick aufs glitzernde Wasser.

Dannemann verstand nicht. Er wartete eine Weile, endlich fragte er nach: „Also ist eines Tages, na ja, da ist ein Anderer gekommen?“

Reinigk wehrte ab: Das hätte er ja verstanden, eine Schönheitskonkurrenz sei mit ihm wirklich nicht zu gewinnen, zudem sei er nicht pflegeleicht, und rumsülzen habe er nie gekonnt… aber nein, einfach ausgezogen sei sie, wohne nun alleine. Habe gesagt, es gehe nicht länger, sie könne und wolle nicht mehr: „Ende, aus.“

Von der Promenade herab konnten frühe Bummler eine Weile lang zwei Männer in der schon gleißenden Sonne sitzen sehen, ein kleines Gerät zwischen sich, beide mit gefalteten Händen, stumm, den Blick aufs Meer gerichtet. Irgendwann hob der Alte wieder an: „Ich habe ihr wohl nicht genug gegeben. Oder sie hat bei mir nicht genug bekommen, oder nicht mehr genug, oder nicht das Richtige… Ist vielleicht alles dasselbe… Jetzt aber bitte zu Ihnen: Junger Mann, Sie sind dran.“

Über sich selbst hatte Dannemann in diesen Minuten nicht nachgedacht, sondern über den Älteren und dessen so seltsam Verschwundene. Er wurde rot und sprach von einer ganz normalen, guten Ehe, es laufe alles prima, sehr tüchtig sei seine Frau, und sehr praktisch veranlagt.

„Klingt nicht so, als ob Sie sich noch freuen, sie zu sehen“, ätzte der Alte. Dannemann protestierte, seufzte schließlich: „Irgendwie haben Sie recht.“ Der Kröterich grub weiter: „Ach, ich frage mich überhaupt, wo denn Ihr Schwung ist, wofür Sie brennen im Leben. Was interessiert Sie eigentlich?“

Als der Jüngere stumm blieb, fasste Reinigk ihn mit beiden breiten Händen bei den Schultern. Er drehte Dannemanns Gesicht dem eigenen zu und klang versöhnlicher: „Schau’n Sie, ich selbst habe allem Möglichen nachgehen können… Tauchen, Astronomie, Musik… Was mich angesprochen hat, das habe ich probiert; ich habe überall ein fantastisches Achtelwissen! Schau’n Sie selbst, ob ich deshalb glücklicher bin als Sie. Aber gucken Sie auch mal sich selbst an, Dannemann, Sie junger Kerl, ob Sie was machen aus sich, oder ob über ihrer Haustür das Motto steht: ‚Mein Beruf, mein Haus und Garten – so lässt sich der Tod erwarten.“ Er lachte und musste husten. „Mensch, Dannemann, ich meine es doch gut mit Ihnen!“

Verwirrt hörte er in diesen Worten Ernsthaftigkeit. Dabei zwickte es ihn, aus Reinigks Mund Dinge zu hören, die er selbst genannt hätte – nichts davon schimpflich, und doch, irgendwie... „Ich habe fast den Eindruck, Sie können in Menschen hineinsehen, Herr Reinigk.“

Der schnaufte zufrieden. Er kniff ein Auge zu und schnippte mit den Fingern: Als Banker könne man viel über Menschen lernen - wenn man nur wolle…

Dannemann hob hervor, er sei ja beruflich ebenfalls mit Finanzen befasst. Das sei sehr vielseitig und enorm lehrreich, ständig gebe es Neues…

„…wenn wieder Verbandsmaterial und Desinfektionsmittel in Zahlenform über Ihren aufgeräumten Schreibtisch gehen. Hochinteressant, führt hier aber nicht weiter. Nein, kommen wir mal zurück zum Thema.“

Gekränkt schwieg Dannemann, doch der Andere ließ nicht locker. Mit kreisender linker Hand wies er auf eine Gruppe von Frauen mittleren Alters, die vom Campingplatz her über die Promenade hinweg Richtung Strand herabkamen: „Ich denke, Ihre Frau ist wohl wie die dort.“

„Wie welche von denen?“

„Wie alle! Nun schau’n Sie doch hin, sonst sind die vorbei!“

Der Einkaufsleiter linste zu den Frauen hinüber. – Es war ihm peinlich, und doch musterte er sie, immerhin hatte ihn der Alte ja dazu aufgefordert. Schlanke standen dort neben überbordend dicken, und hagere alte Damen bei jugendlichen Pummligen; Dannemann sah toupierte Köpfe und Frisuren im alltagspraktischen Haushaltsschnitt, er fand wogende Brüste und eckige Formen, schüttelte schließlich den Kopf: „Nein, keine wie meine.“

„Nicht auf den Po schauen, nicht auf den Busen…“, zischte der Alte, „…auf die Münder! Sehen Sie doch mal die Münder!“

Wie auf Wunsch waren die Frauen stehen geblieben. Sie beschirmten ihre Augen mit den Händen und blickten gen Himmel, denn unten am Strand hatten zwei Jungen ihren Lenkdrachen gestartet; hoch über den Frauen standen die bunten Gebilde in der Luft. Die Münder dieser Zuschauerinnen waren fest geschlossen, schmal waren sie und klein, die Mundwinkel nach unten gezogen. Dannemann verstand: „Regines Mund“, flüsterte der Einkaufsleiter, „es ist unglaublich.“

Der Kröterich erhob sich und verschränkte die Arme, die Gruppe der Frauen fest im Blick. „Na bitte! Ich finde, die schauen irgendwie eingeschnappt, oder beleidigt; als habe ihnen vor langer Zeit jemand versprochen, im Leben sei alles leicht, bunt, irgendwie flauschig, ganz toll halt, und sie selbst eigentlich auch ganz große Klasse…“

„Die gucken alle schlecht gelaunt; missmutig, nein, richtiger: missbilligend, irgendwie“, fügte Dannemann hinzu. Der Alte übernahm: „Genau. Jetzt sind sie beleidigt, weil alles nicht so toll ist wie gewünscht…“ Reinigk seufzte, „…und ich auch nicht toll bin, Sie sicher auch nicht…“

So trostlos mochte der Jüngere die Sache nicht stehenlassen. Suchend blickte Dannemann sich um. Er wurde fündig, auf einer Bank jenseits des Teerweges. Eine junge Frau saß dort, las mit weichem, halb geöffnetem, fast lächelndem Mund konzentriert in einem Buch. Dannemann stieß den Alten an und wies auf die Frau hin: Also seien doch nicht alle so verbiestert…

„Ich möchte auch, dass Sie mich verstehen,“ brummte Reinigk; genau das sei es ja, mit dem Blick und dem Mund! Denselben lebendigen Blick, ja, genau diesen amüsierten Mund habe seine Frau früher auch gehabt, und er vermute, sie habe ihn letztlich verlassen, um nicht so trist werden zu müssen, nicht schmallippig, nicht eng! Er fürchte, murmelte Reinigk, er habe sie ausgebremst, aber wie genau? Ab wann? „Das ist doch mein Kummer. Anders versteh’ ich’s nicht, dass sie weg ist; letztlich, weil ich war, wie ich war, weil ich bin, wie ich bin, Punkt. Aber Ihre Nöte, Sie junger Kerl, die sind gottlob anders gelagert, Sie haben noch Zeit, Dannemann, an sich selbst können Sie noch hobeln und feilen und dann sehen, was mit Ihnen beiden wird und werden soll, mit Ihnen und Ihrer …na, Ihrer Regine.“ Der Kröterich schnaufte, wie außer Atem; Dannemann war ratlos. Seine Finger trommelten auf dem grün lackierten Holz, er spürte ein Ziehen im Herzen, und im Magen auch. Neben ihm sortierte der Alte seine Zehdehs sorgsam in die bunte Strandtasche. Plötzlich landete Reinigks Pranke klatschend auf der Schulter des Jüngeren: „Schluss, genug sinniert! Lassen Sie uns frühstücken gehen.“ Dannemann zuckte zusammen: „Das wird mir arg spät jetzt. Ich müsste endlich unsere Brötchen besorgen und ganz schnell heimbringen.“

„Damit die Familie nicht verhungert? Sind die denn nicht imstande, selbst einholen zu gehen…“ lästerte der Alte, „…ach was, die haben ja längst den Rotkreuz-Suchdienst eingeschaltet, um den Papa suchen! Nein, zum Verhungern haben die jetzt gar keine Zeit…“

Der Jüngere wurde rot. Er überlegte, blieb dann bei seiner Haltung: - „Nee, ich geh’ jetzt mal lieber.“

„Dann borgen Sie mir wenigstens fünf Euro, oder zehn. Hab’ keine Lust, erst noch zum Wohnwagen zu gehen wegen Geld; frühstücke immer am Kiosk. Ist da schlicht, aber gesellig.“

Dannemann zog seinen Zehner hervor.

Neben der hölzernen Treppe stapften beide durch rutschigen Sand hinauf zur Promenade; nebeneinander gingen sie, mit gesenkten Köpfen. Der Kröterich reichte dem Mann im Schlafanzug die Hand. „Wir sehen uns!“

„Vielen Dank; ja, doch, ich danke Ihnen.“ Das war Dannemann. Reinigk sah ihm in die Augen, griff sich nochmals die Hand des Jüngeren und pumpte an dessen Arm. Schließlich klopfte er ihm sanft auf die Schulter und trottete davon, Richtung Kiosk.

Barfuß lief Dannemann auf der Promenade in die Gegenrichtung. Er gelangte bis zur Weggabelung: Geradeaus konnte er dem geteerten Radweg folgen und schnell heimkommen, rechts hinunter gelangte man zum wilden Pfad am Ufer der Ostsee. Dannemann entschied sich, heimwärts den direkten Weg oberhalb der Steilküste zu nehmen, natürlich in Gummistiefeln, am besten auch mit Regenjacke! Er griff in den Stoffbeutel und stieß gegen etwas Hartes, das eckig und glatt war: Mahlers Erste Symphonie. Kurz war Dannemann in Versuchung, sie als Geschenk zu werten, mindestens als Andenken, in jedem Fall als glückliche Fügung … aber nein, es wird sich wohl um ein Versehen handeln… Die Regenjacke um die Hüfte gebunden, eilte er zurück Richtung Kiosk. Dort war der Alte nicht zu sehen, also weiter. Am Campingplatz musste Dannemann einen lästig langen Moment auf den Platzwart warten, dessen Frühstück ging vor; er beschrieb ihm den Alten. Der Mann schüttelte den Kopf. „Ha’m wa hier nich, aba kuckense ruich selbs“, und er schlurfte zurück in seine Kabine. Zwar durfte Dannemann sich alleine auf dem Gelände umschauen, Reinigk freilich war nicht zu sehen. Bei zwei Wäsche aufhängenden Mädchen erkundigte sich der Mann im Schlafanzug - kichernd schüttelten sie die Köpfe. Vier dürre alte Männer unterbrach er beim Bocciaspiel, ohne Ergebnis, und Kinder sprach er an, die auf den rostig bunten Eisenstangen eines Klettergerüstes tobten: „Nö, kenn wir nich, so ein‘ gib’s hier nich.“ Sie blickten dem Mann in Schlafanzug und Gummistiefeln nach, als der den Platz verließ.

Am Abzweig vom Hauptweg zog Dannemann die Stiefel aus. Er knickte ihre Schäfte um, so konnte er die sandigen Dinger in den Bäckerbeutel schieben; dazu stopfte er die Regenjacke, und daneben zwängte er Gustav Mahler. Barfuß tappte Dannemann den steilen Hang zum wilden Ufer hinab; dort unten schritt er energisch aus, laut kreischend erhoben sich bei seinem Anmarsch einige Möwen von den Pfählen im flachen Wasser. Vor dem Wanderer, von den Ästen toter Bäume, schwangen sich Reiher hinauf ins Blau. Die Strecke an der Wasserlinie, zwischen Felsen und Treibholz, kam ihm nun kurz vor, und bald hatte er den Einschnitt im Kliff erreicht, die kleine Schlucht, durch welche es hinauf ging zum Wanderpfad. Dannemann blieb stehen und kramte die Gummistiefel heraus. Während er sich dann auf dem rutschigen Lehmgrund nach oben arbeitete, setzte der Mensch im Schlafanzug seine Füße ganz sorgsam, um weder Blindschleichen noch Schnecken zu zertreten. Er fühlte sich hellwach, und die Tiere schienen es inzwischen auch zu sein: Kaninchen flitzten zu ihren Höhlen und verschwanden im Hang. Irgendwo hoch über Dannemann stand eine Lerche singend im Sommerhimmel, und auf seinem Weg durch die Wiesen flog vor ihm ein bunter Vogel auf, ein Fasan, ein Hähnchen. Seit Ewigkeiten bin ich nicht mehr so tollen Tieren begegnet, so vielen, und das in so kurzer Zeit… Auf seinem letzten Wegstück heimwärts summte Dannemann vor sich hin, er hielt inne – Moment mal - ach ja, Mahlers Erste. Bruder Jakob.

Ausblicke, Ansichten

Beim Frühstück bist du noch müde, zumal es dämmrig ist unter der niedrigen Balkendecke, in dieser engen Stube mit ihren Wänden von altersdunklem Holz. Die Fenster gewähren keinen Ausblick, denn um das kleine Haus scheint Nebel zu liegen.

Du erkundest den Raum mit den Augen und bist dir nicht sicher, ob er anheimelnd wirkt oder dich bedrückt. Dein Gastgeber nimmt das Schweigen hin; freilich weiß er, dass du erst spät nachts eingetroffen bist, nach einer Fahrt auf unbekannten Straßen, bei heftigem Regen, und dass du dabei nur das Wenige im Blick haben konntest, das die Scheinwerfer erfassten. Nichts hast du sehen können vom Hochtal, in welchem du angekommen bist. Dein Gastgeber, der dies Haus bewohnt, er bleibt still. Während ihr schweigend esst und trinkt, blickt er zuweilen zum Fenster hin.

Schließlich sagt er, es sei soweit.

Indem dein Gastgeber sich erhebt, winkt er dir, ihm zu folgen, hinaus auf den Balkon. Schmal ist der, aus grauem, rissigem Holz. Er umfasst dies Haus, das hoch am Hang liegt, auf drei Seiten.

Nebeneinander steht ihr und schaut nach Osten, in blendend hellen Morgendunst. Es ist kühl. Über euch spannt sich ein Himmel von zartem Blau, und vor euch, fast bis ans Haus heran, erstreckt sich in sanfter, kaum merklicher Bewegung eine helle, weiche Masse, wie die Oberfläche eines ungeheuren Sees: Wolken, überlegst du, oder Nebel? Du blickst hinunter auf ein weißes Meer. Unter dieser weißen Decke, denkst du, in diesem See von Nebel muss das Dorf verborgen liegen. „Der Talboden ist ja sommerwarm“, erläutert dein Gastgeber, „und wenn es darauf geregnet hat, und wenn sich dann nachts die Luft abkühlt…“ Um die helle, sacht wogende Fläche herum ragt es im Halbrund himmelwärts auf: das Gebirge.

Es ist nur ein sanfter Zug an deinem Ellbogen, mit dem der Gastgeber dich ein wenig zu sich dreht. Sein ausgestreckter Arm weist nach Osten. In der Ferne erkennst du dort, unscharf im Morgendunst, schroffe Gipfel. Sie tragen weiche Töne von grauem Lila; die milchige Luft lässt alle Farben verblassen. dieser dunstige Horizont mit seinen Bergspitzen blendet dich, obwohl die Sonne sich noch verschleiert. Gestaffelt stehen die Zacken im zarten Licht und scheinen ohne Masse zu sein, so wie zackige, dünne Stücke von Pappe, in Watte gesteckt. Das, welches euch am nächsten ist, scheint fast dunkelgrau; dahinter im Weiß stecken die anderen Stückchen. Je ferner die Zacken sind, desto zarter sind ihre Farbtöne von Graublau hin zu zartem Lila. „Diese Gruppe nennt man die Sanftenhübel“, erläutert dein Gastgeber, „und noch davor, in der Tiefe, da liegt die Schlucht, durch die du nachts gefahren bist…“ Gern würdest du sie von hier oben sehen, die enge, endlose Klamm, durch die du es in der Nacht geschafft hast, doch an diesem Morgen verbirgt sie der weiße See.

Sachte schiebt der Gastgeber dich nach rechts. „Und der nächste Berg, das ist der Reinebrock.“ Krasser, staunst du, könnte der Gegensatz zwischen beiden Gebirgen nicht sein: Im Osten erheben sich abweisend die scharfen Zacken, und gleich daneben, nur durch die schmale Schlucht getrennt, wölbt sich über dem Weiß ein grünes Massiv - rundliche Formen hat es, eingehüllt in einen Pelz von dichtem Wald. Gegliedert ist dieser Reinebrock in vier breite, sanfte Buckel; du denkst an Kamelhöcker. „Da oben kann man gut wandern…“, bemerkt dein Gastgeber, „…jedenfalls nach hier zu, auf dem Nordhang. Nach Süden bricht der Reinebrock steil ab, senkrecht, vier-, fünfhundert Meter; Obacht…!“ Erneut wirst du sanft weitergeschoben, der Arm weist in die Ferne. „Der Nachbarberg dann – das ist unser Flachberg. “

Hinter den Zacken im Osten hat sich die Sonne aus dem Dunst erhoben, nun blendet dich das Weiß im Tal unter dir. Du kneifst die Augen zusammen. Über das Nebelmeer hinweg schaust du und siehst, dass von den rundlichen Buckeln des bewaldeten Massivs ein breites Joch überleitet zu einem weit höheren Berg, einem schroffen Gebilde aus grauem Gestein. An dessen Fuß glaubst du Gebäude zu erkennen - eine Alm? Eher eine Ruine. Winzig stehen ihre Mauern vor einer Masse an Felsengeröll. Dieser Bahn von Gesteinsschutt folgt dein Blick bergauf; er trifft auf helle Wände, fast senkrecht. Der Flachberg? – Dich befremdet der Name angesichts dieser steilen Flanken: Es sind vier gewaltige Scheiben von nahezu gleicher Höhe, die miteinander den Berg bilden. Getrennt durch Klüfte mit tiefen Schatten schieben sie sich voreinander wie die Falten eines steifen Theatervorhangs. Unten laufen sie flach aus, werden zu breiten Schleppen von Geröll und von Felstrümmern; bis weit in die Almwiesen hinein gießen sie Bahnen von Schutt. Die Flanken, welche in der Höhe so schroff standen, sind an ihrem Fuß zu sanften Hängen geworden, wo sich ihr Felsengrau vollständig in der sattgrünen Hochfläche verliert. Und diese fernen Wiesen erscheinen dir wie ein grüner Strand; ja: Sie sind der Meeressaum an einer zu Fels erstarrten Brandung… Deiner Verwirrung kannst du nicht nachspüren, denn schon fasst der Hausbewohner dich am Arm. Auf seinem schmalen Balkon aus verwitterten Bohlen führt er dich einige Schritte weiter.

Über den weißen See im Tal hinweg deutet der Hausherr nach Westen: Dort endet der Flachberg. Indem seine steilen Wände stufenweise niedriger werden, läuft er harmlos aus - von ihm bleibt schließlich nichts als eine geduckte Reihe felsiger Zacken, welche klein und scharfkantig aus Buschwerk und Geröll ragen. Ins klare Blau eures Morgenhimmels stechen sie wie graue Mützen verborgener, gehässiger Zwerge.

Dein Blick hat sich dem ausgestreckten Arm des Gastgebers anvertraut und ist dessen langsamer Bewegung gefolgt. Du zuckst zusammen, als dieser Arm sich ruckartig hebt und auf einen blanken Gipfel im Süden weist - du erschrickst: Der Brocken aus Stein ist viel zu nah.

„Unser Zwiewahr.“ Der Hausherr scheint es gespürt zu haben, dein Gefühl, dieser Riese könne sich lösen und auf euch stürzen. „Nein, keine Angst. Ich schätze, es sind drei oder vier Kilometer, Luftlinie, von hier bis zum Gipfelkreuz.“ Du solltest also beruhigt sein – der Brocken dort wird dich nicht erschlagen, doch deine Unruhe hält an. Du schweigst. Du atmest durch, dann wird dir klar: Der Koloss selbst ist es, die schiere Gestalt des Klotzes dort am anderen Ufer des Nebelsees, sie gibt dir ein Gefühl der Beklommenheit, denn: Schroff und steil schiebt sich der mittlere Teil des Zwiewahr als wuchtige Gestalt nach vorn. Über das Tal hinweg drängt er zu euch her, und: Indem sich der Berg hinauf ins Blau hebt, erweist sich sein spitzer Gipfel unübersehbar als ein Vogelkopf, mit dem gebogenen Schnabel nach