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In Mexiko-Stadt wird der Zirkusdirektor Franz Herbert erpresst: Entweder er gibt seine Tochter Isabel dem Petroleumkönig Sennor Yorge Aldaz zur Frau oder der kündigt seinen Kredit, was für den Zirkus den unweigerlichen Ruin bedeutet. Isabel, die Aldaz hasst, erbittet sich Bedenkzeit, doch als Aldaz nun ihren über alles geliebten Tiger Bonito erschießt, hat sie genug: Sie kehrt Mexiko den Rücken und zieht in das Herkunftsland ihres Vaters, das ferne Deutschland, wo sie bei ihrer Tante Helene Kornelius in Worms am Rhein unterkommt. Helene und vor allem ihre Haushälterin Tine sind zunächst entsetzt über die fremde, wilde "Landstreicherin mit dem Affen", die da bei ihnen auftaucht, schließen die unkonventionelle Halbspanierin, die nur gebrochen Deutsch spricht, aber schnell ins Herz. Auf einem Urlaub in Bad Soden begegnet "das Mädchen aus Mexiko" einem kleinen Wanderzirkus, beeindruckt dort durch ihre außergewöhnlichen Reitkünste und wird sofort für die nächste Vorstellung engagiert. Nicht nur die Zirkusfamilie Gehrken, sondern auch mindestens einer der Zuschauer, Gutsbesitzer Lothar von Brandt, ist von dem jungen Mädchen absolut fasziniert, was wiederum dessen Bekannter, der hübschen, koketten Gisela Rehren ganz und gar nicht gefällt, die keineswegs gewillt ist, ihren angedachten Bräutigam an eine Zirkusreiterin zu verlieren, und so gibt sie Isabel Geld – unter der Auflage, niemals wieder im Zirkus Gehrken aufzutreten. Lothar will die fremde Schöne aufhalten, die der Zirkusdirektor zu seinem Entsetzen nun für seine Frau ausgibt, doch sie verschwindet aus seinem Gesichtsfeld und lässt sich nicht wiederfinden. Da taucht plötzlich Isabels angebliche Zwillingsschwester Alice auf ... Eine vergnügliche, romantische Komödie um die Verwirrungen des Lebens und der Liebe. Dieses "Mädchen aus Mexiko" muss jeder Leser unweigerlich in sein Herz schließen! – Der Roman wurde auch unter dem Titel "Dich und keine sonst auf Erden" veröffentlicht.-
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Seitenzahl: 232
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Anny von Panhuys
Roman
Saga
Das Mädchen aus Mexiko
© 1900 Anny von Panhuys
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711570326
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Isabel Herbert reckte ihre schmale, kleine Gestalt fast starr hoch, und das feine Gesicht mit den wundervollen, schwarzen Augen brannte in dunkler Glut. „Vater, wenn du wirklich verlangst, ich soll freundlich sein zu diesem grässlichen Sennor Aldaz, dann bin ich dir ernstlich böse. Ich mag ihn nicht leiden.“
Franz Herbert lachte. „Dann bin ich dir ernstlich böse!“ machte er seinem verwöhnten Töchterchen nach. „Na lass, kleines Mädchen, so schlimm wird es nicht gleich werden.“
Er zog die Siebzehnjährige zu sich heran und liess sich in einen der Korbsessel fallen, die hier in Isabels hellem, grossem Zimmer reichlich vorhanden waren. Isabel stand nun vor ihm, seine Hände hielten die ihren. Er sah zu ihr auf.
„Kleine Isa, du fauchst gleich wie dein Tiger, wenn ein anderer als du in seine Nähe kommt. Sei doch bitte vernünftig und lass mit dir reden.“ Sein hageres, von mexikanischer Sonne gebräuntes Antlitz, das ebensowenig wie sein blondes Haar und seine blauen Augen die deutsche Heimat verleugnen konnte, wurde sehr ernst und nachdenklich. „Liebe, kleine Isa, deine Mutter starb zu früh, viel zu früh für dich. Ich bin in das Zirkusleben eingekesselt und kann nicht so handeln, wie ich deiner Zukunft wegen möchte. Es würde mir schwer, das ganze Unternehmen aufzulösen. Ich würde den Zirkus Herbert verkaufen, aber es ist langwierig, einen Käufer zu finden. Die ihn übernehmen möchten, besitzen kein Geld, und die Geld besitzen, haben kein Interesse an ihm. Jedenfalls will ich dich aus dem Betrieb heraushaben. Du bist zu waghalsig, arbeitest gegen meinen Willen mit. Wo wir hinkommen, sorgst du für Aufreizungen! Ich gebe zu, manchmal ohne es zu wollen. Und hier, in der Stadt Mexiko, gehörst du gewissermassen zu den Sehenswürdigkeiten! Sieh, Liebling, ich kann sterben, dann stehst du allein auf der Welt, und ich hätte keine Ruhe im Grabe, wenn ich dich so zurücklassen müsste. Ich fürchte tausend Gefahren für dich und möchte dich im bürgerlichen Leben wissen. Sennor Aldaz liebt dich, er ist reich, er ist, wenn ich nicht sehr irre, ein guter Mensch, er würde dich auf Händen tragen. An seiner Seite würdest du auch eine Rolle in der hiesigen Gesellschaft spielen, hast mit ihm kokettiert —“
Isabel hatte plötzlich grosse Tränen in den Augen. „Da du so glatt alle Vorteile anführst, die ich als Sennor Aldaz’ Frau hätte, will ich dich auch auf die Nachteile aufmerksam machen.“ Ihre Lippen schürzten sich. „Möglich, dass Sennor Aldaz mich liebt, möglich auch, dass ich mit ihm kokettierte. Aber er hat braune Zahnflecke vom vielen Rauchen, und sein Gesicht ist anstatt mit Haut mit gegerbtem Leder überzogen, er hat Augen wie ein Fisch, und wenn er lacht, dann meckert er, und seine Ohren wackeln dabei. Dazu sind seine Finger unangenehm feucht und — “
„Hör’ auf!“ Franz Herbert schüttelte den Kopf. „Sennor Aldaz gilt hier als sehr hübscher Mann. Doch kann und will ich dich nicht zwingen, seine Frau zu werden. Aber ich habe ihn ganz gern, er entstammt einer ausgezeichneten Familie, und ich muss dich bitten, ihm wenigstens selbst zu sagen, dass er auf seinen Antrag nichts zu hoffen hat. Der Mensch ist so vernarrt in dich, hat sich so in die Sache hineingeredet, dass er mir nicht glauben würde. Und dann —“ er brach ab, setzte wieder an, brach noch einmal ab, vollendete schliesslich: „Es ist wohl besser, du erfährst die Wahrheit. Der Zirkus hatte letzthin grosse Verluste. Sennor Aldaz lieh mir fünfzigtausend Pesos, in ungefähr einem Jahre hoffe ich sie ihm zurückzahlen zu können. Heute ist es mir nicht möglich, ohne dass ich unsere ganze Zukunft aufs Spiel setze. Den Zirkus könnte ich überhastet nur mit grossem Verlust verkaufen, unser schönes Haus ebenso —“
Isabels schmale, dunkle Brauen zuckten wie die schlanken Flügel eines kleinen Vogels. „Du hast Geld von Sennor Aldaz? Davon ahnte ich nichts. Aber sage, zahlst du ihm denn keine Zinsen, Vater?“
„Komische Frage!“ verwunderte sich Franz Herbert. „Natürlich zahle ich ihm Zinsen.“
Isabel atmete auf. „Darauf kommt es doch nur an. Dann hat er dir doch keine selbstlose Gefälligkeit erwiesen, und du brauchst dich gar nicht so verpflichtet zu fühlen. Übrigens hat der Petroleumkönig Geld genug, er wird gerne warten, bis du es ihm zurückzahlen kannst.“
Ihr Vater unterdrückte einen Seufzer. „Wollen es hoffen, Isabel, wollen es hoffen.“
Er gab Isabels Hände frei und erhob sich. Er war ein Riese gegen die Tochter, die klein und zierlich war, wie es auch die Mutter gewesen, der sie ähnelte in allem, bis auf das Haar. Das war Erbteil von ihm, dem deutschen Vater. Mattblond und leicht gewellt lag es um das schmale Köpfchen. Die grossen, schwarzen Augen bildeten dazu einen überaus reizvollen Gegensatz.
In Mexiko heiraten die Mädchen früh, die Sonne reift hier Blumen und Früchte und Menschen schneller. Cinta Marca, Isabels Mutter, war erst sechzehn Jahre gewesen, als sie Herberts Frau geworden war. —
Er schritt ein paarmal durch das Zimmer, und Isabel beobachtete ihn, wie er so den hübsch möblierten Raum durchquerte. Sie hatte seinen vorher innegehabten Platz eingenommen. Sie lächelte jetzt nachsichtig.
„Reg’ dich doch nicht auf, Vater, Sennor Aldaz denkt nicht daran, sein Geld zurückzuverlangen, und mit unnützen Sorgen schadest du dir nur. Reden wir lieber von gescheiteren Dingen.“ Sie schlug ein Bein über das andere, legte die gefalteten Hände um das Knie und wippte schaukelnd hin und her. „Vater, meine neue Nummer steht! Morgen kannst du sie schon ankündigen, Bonito arbeitet tadellos.“
Franz Herbert unterbrach seinen Zimmerspaziergang. „Isabel, es bleibt dabei, in der neuen Nummer, die du dir selbst zusammengestellt hast, trittst du nicht auf! Du trittst überhaupt nicht auf. Ich will es nicht! Du machst immer aussergewöhnliche Sachen, und wenn das für einen Künstler auch kein Fehler ist, will ich doch nicht in ständiger Furcht um dein Leben sein. Auftreten lasse ich dich nicht mehr.“
Isabels dunkle Augen blitzten. „Vater, du hast es ja nicht der Mühe für wert gehalten, dir meine neue Nummer anzusehen auf den Proben, sonst würdest du mein Auftreten kaum abwarten können.“ Es klang vorwurfsvoll, als sie fortfuhr: „Statt stolz auf meine Leistungen zu sein, behandelst du alles ganz nebensächlich. Das ist unrecht von dir. Ich habe doch nun mal Zirkusblut in den Adern. Kann ich dafür? So etwas lässt sich nicht gewaltsam unterdrücken. In einer Stunde will ich dir die neue Nummer vorführen. Bitte, sieh sie dir an. Du wirst staunen, wie Bonito sich benimmt —“
Bei dem Worte „Bonito“ war der Ausdruck ihres Gesichtchens warm und zärtlich.
Franz Herbert sah ziemlich ratlos aus. Isabel hatte ja recht, sie hatte Zirkusblut in den Adern, er hätte früher versuchen müssen, es in ihr zu unterdrücken. Es war jetzt etwas spät dazu, hoffentlich aber nicht zu spät. Er hatte gehofft, Sennor Aldaz würde ihr gefallen, die Liebe hätte Isabels Leben vielleicht in die Bahn gelenkt, die er für sie wünschte.
Er dachte plötzlich wieder an seine Schwester Helene in Deutschland, wie schon öfter in letzter Zeit, und sagte lächelnd: „Möchtest du nicht ein paar Jahre in Deutschland leben? Tante Helene in Worms am Rhein würde sich freuen, ihre einzige Nichte kennenzulernen. Ich will mich dann bemühen, den Zirkus zu verkaufen, und siedle später auch nach Deutschland über.“
Isabel lachte laut. „Das kann mich alles nicht reizen, Vater. Gib dir gar keine Mühe. Ich bleibe hier, und ich trete auf, und wenn dir das Zirkusleben über ist, dann stelle mich an die Spitze. Sollst dein blaues Wunder erleben, wie ich alles leite!“
„Das glaube ich, dass ich dann mein blaues Wunder erleben würde,“ bestätigte er, wider Willen lächelnd. „Aber ich trage gar kein Verlangen danach.“
Isabel stürzte auf den Vater zu. Mit einem Sprung schwang sie sich hoch, hing an seinem Halse. „Du wirst in einer Stunde in die Manege kommen, Sennor Direktor. Ich lasse dich nicht eher los, bis du ja sagst.“
Was blieb ihm übrig? Es war Isabel bisher immer gelungen, ihn ihren Wünschen geneigt zu machen. „Ansehen will ich mir deine Nummer, aber die Erlaubnis, darin aufzutreten, steht auf einem anderen Blatt.“
Franz Herbert empfing ein paar kräftige Küsse rechts und ein paar kräftige Küsse links, dann gab ihn Isabel frei.
Er machte, dass er aus dem Zimmer kam. Isabel hatte es auch heute verstanden, ihn herumzukriegen. Er ärgerte sich darüber, aber er fiel doch immer wieder darauf herein.
Er kam sich schwach vor, machte sich schon vor der Tür Vorwürfe und suchte ärgerlich sein Arbeitszimmer auf. Vor seinem Schreibtisch stand er lange vor dem Bilde seiner schon vor sechzehn Jahren verstorbenen Frau. Isabel war ihr so ähnlich — bis auf das Haar. Das ihrer Mutter war schwarz gewesen, mit einem Schimmer wie von dunklem Stahl. Er setzte sich an den Schreibtisch, stützte den Ellenbogen auf die Platte und legte das Kinn in die hohle Hand. Er musste in letzter Zeit so viel an seine Schwester denken, mit der er in einem kargen Briefwechsel stand.
Vor fünfundzwanzig Jahren hatte er Deutschland verlassen. Ein gefallsüchtiges Mädchen, das ihn am Gängelband geführt und dann, als sie Gelegenheit dazu hatte, den Reicheren zum Manne nahm, war der Grund, der ihn aus der Heimat trieb. Das kleine Gut der Eltern, das er nach deren Tod bewirtschaftete, verkaufte er, gab die Hälfte des Erlöses seiner mit einem Arzt verheirateten Schwester und zog in die Welt.
In San Franzisko wurde er, als vorzüglicher Reiter, Mitglied des Zirkus Marca, heiratete nach einigen Jahren die einzige Tochter des Direktors, und so wuchs Isabel in der Zirkusluft auf.
Anfangs liess er sie in allem gewähren, aber Isabel war tollkühn und spielte mit der Gefahr. Er wünschte nicht, dass sie dieses Leben fortsetzte. Er dachte an das Elternhaus, sah die Schwester als junges Mädchen vor sich, im weissen Volantkleid mit glattem Scheitelhaar und dicken Zöpfen. Die Tanzstunde in der Kreisstadt war der Höhepunkt ihrer Jungmädchentage gewesen. Isabel aber ritt wie ein Cowboy, turnte am höchsten Reck und fuhr in ihrem kleinen Auto aus, während neben ihr der junge Tiger „Bonito“ sass, trotzdem es deshalb nur so Strafzettel regnete.
Sie hatte eine Nummer einstudiert mit Pferd und Tiger, aber er würde sie nicht darin auftreten lassen. Isabels Name sollte endgültig vom Programm verschwinden.
Seit einiger Zeit beschäftigte ihn nur die Frage, wie es ihm gelingen könnte, sie ins Privatleben zu drängen. Solange sie jünger gewesen, hatte sie sich leidlich seinen Anordnungen gefügt, nun sie älter geworden war, machte es ihr jedoch Vergnügen, förmlich mit ihrem Leben zu spielen.
Es klopfte. Ein Mestize meldete: „Sennor Aldaz!“ Er erschrak. Richtig. Sennor Aldaz wollte sich ja Antwort auf seinen Antrag holen.
Sennor Yorge Aldaz trat ein. Er war ein hübscher, schlanker Mann. Einem Menschen ohne Vorurteil fiel nichts von dem an ihm auf, was Isabel an ihm bemängelt hatte. Nur etwas selbstbewusst schien er, als er fragte: „Nun, Sennor ’Erbert, darf ich hoffen?“
Franz Herbert, der ihm Platz angeboten hatte, lächelte etwas verlegen. „Nein, Sennor, es bleibt bei Isabels Nein —“
Der Jüngere starrte ihn an. „Ich kann das nicht glauben. Sie hat mir manchmal ganz grosse Augen gemacht.“
Franz Herbert biss auf seiner Unterlippe herum. „Isabel denkt sich nichts dabei.“
In diesem Augenblick flog die Tür auf. Isabel trat ein, und neben ihr trabte weichpfotig ein junger Tiger.
Sennor Aldaz sah plötzlich sehr blass aus. „Donna Isabel, legen Sie das Tier doch an die Kette!“ rief er ihr entgegen und erhob sich zur Begrüssung.
„Wozu?“ lachte sie. „Bonito gehorcht aufs Wort. Wenn ich ihm keinen anderen Befehl gebe, bleibt er an meiner Seite, und wenn ich befehle, er soll Ihnen ein Küsschen geben, dann tut er es.“
Yorge Aldaz zuckte die Achseln. Er fand den Scherz sehr töricht. Wenn das Mädel nur nicht so selten schön wäre, weiss der Himmel, er ginge davon und würde ihrem Vater morgen die Kündigung des Geldes senden. Denn es war ja eine Unverschämtheit, ihm, der die ergiebigsten Petroleumminen in ganz Mexiko besass, einen Korb zu geben. Aber der Korb war vielleicht doch nicht so ernst zu nehmen.
Er äugte nach dem Tiger, der ihn mit seinen schrägen Lichtern neugierig betrachtete. „Schaffen Sie doch, bitte, das Vieh hinaus, Donna Isabel, ich möchte in Gegenwart Ihres Vaters eine Frage an Sie richten.“
„Bonito stört nicht, im Gegenteil, er nimmt grossen Anteil an allem, was mich angeht,“ gab sie zurück und strich dem schön gezeichneten Tier zärtlich über den grossen Katzenkopf. „Oder haben Sie etwa Angst vor Bonito, Sennor? Ich fände das sehr unmännlich.“
Yorge Aldaz versuchte zu lächeln, aber der schräge Blick des Tieres störte ihn. Dennoch sagte er: „Ihr Herr Vater teilte mir eben mit, Sie schlügen meinen Antrag ab. Ich bescheide mich damit noch nicht und wiederhole Ihnen meinen Antrag persönlich. Ich bitte sie, genau zu überlegen, dass ich Ihnen viel, sehr viel zu bieten vermag. Ich bin sehr reich, als meine Gattin dürfen Sie sich jeden Wunsch erfüllen.“
Isabel nickte ihm zu. „Es klingt sehr verlockend, Sennor Aldaz, aber ich darf nicht ja sagen, weil ich Sie nicht liebe!“
Yorge Aldaz atmete unfrei. Er hatte bestimmt mit Isabel Herberts Jawort gerechnet, schon deshalb, weil ihr Vater in seiner Schuld stand und diese Schuld, wie er genau wusste, vorläufig nicht zurückzahlen konnte, ohne schwere Verpflichtungen auf sich zu nehmen.
Isabel sah ihn an. „Nein, Sennor, ich liebe Sie nicht. Sie werden Ihren Wunsch vergessen. An mir hätten Sie doch keine Freude, denn ich bin eine Wildkatze, wie Vater mich manchmal nennt, und Wildkatzen passen gar nicht zur Ehefrau.“
Yorge Aldaz sagte leise: „Sie werden Ihren Entschluss ändern, ich gebe Ihnen Bedenkzeit!“
Isabel machte eine Bewegung lebhaften Verneinens. „Ich liebe Sie nicht und werde Sie nie lieben.“
Er fragte fast heftig: „Sie lieben einen anderen?“
Isabel lachte und neigte sich zu dem Tiger nieder. „Ja, meinen Bonito liebe ich!“
Yorge Aldaz empfand die unüberlegte, etwas übermütige Antwort als Spott. „Sennorita ’Erbert, ich vermag Sie nicht zu zwingen, meine Frau zu werden, ich muss mich fügen, aber nun habe ich noch eine Kleinigkeit mit Ihrem Vater zu besprechen.“
„Ich soll hinausgehen, heisst das, nicht wahr?“ Sie setzte sich. „Ich darf mit anhören, was Sie mit meinem Vater reden wollen, Vater erlaubt das.“
Yorge Aldaz zuckte die Achseln. „Wie Sie wünschen!“ Er wandte sich an Franz Herbert. „Sennor ’Erbert, ich muss Ihnen leider die geliehenen fünfzigtausend Pesos kündigen, wir haben monatliche Kündigung ausgemacht.“
Also doch! Franz Herbert war zusammengezuckt. Er hatte diese Kündigung befürchtet und dennoch nicht daran geglaubt. Er entgegnete fest: „Als Sie mir das Geld liehen, betonten Sie, die monatliche Rückzahlung in unserem Vertrag sei nur eine Formsache.“
„Es wäre auch eine Formalität geblieben, wenn Ihre Tochter —“ Mit lebhaftem Achselzucken brach Aldaz den Satz ab.
Isabel sah mit grossen Augen zu ihm hinüber. „Ich kann mir nicht denken, dass der reiche Petroleumfürst einer so überaus kleinlichen Rache fähig wäre.“
Yorge Aldaz blickte an ihr vorbei. „Sennor ’Erbert, ich halte meine Kündigung aufrecht.“
Da sprang Isabel von ihrem Stuhle empor. „Sie halten die Kündigung aufrecht, auch wenn Sie wissen, dass Vaters Unternehmen vielleicht daran zugrunde geht?“
„Auch dann!“ versetzte er, ruhig scheinend, während er vor Wut über den Korb innerlich zitterte.
„Ich bitte Sie herzlich, die Kündigung zurückzunehmen,“ sagte sie weich.
Er nickte. „Sofort! Wenn Sie meine Frau werden wollen!“
„Aber ich liebe Sie doch nicht,“ wehrte sie sich, „und es ist hässlich, wenn man ohne Liebe heiratet.“
Sein Stolz empörte sich. Die schönsten Mädchen aller Nationen hätten das Glück, seine Frau zu werden, besser zu schätzen gewusst als diese Zirkusprinzessin. Er lächelte mit leichtem Spott, der sein Beleidigtsein verhüllen sollte. „Die Kündigung bleibt bestehen, und nun will ich mich empfehlen.“
Franz Herbert ging einen Schritt auf ihn zu. „Sennor Aldaz, lassen Sie mir wenigstens ein Vierteljahr Zeit.“
„Vier Wochen, Sennor ’Erbert, vier Wochen. Ich brauche mein Geld!“
Franz Herbert wollte noch einmal sein Heil versuchen, doch Isabel liess ihn nicht dazu kommen.
„Demütige dich nicht unnütz, Vater,“ rief sie ihm zu. „Ich will’s einmal auf andere Weise versuchen.“ Sie wandte sich Yorge Aldaz zu. „Sennor, die Art, wie Sie sich gegen meinen Vater benehmen, gleicht einer Erpressung, finde ich.“
Er lachte noch immer voll Spott. „Sennorita, ich habe leider keine Zeit mehr.“
Er wollte auf die Tür zu. Sie vertrat ihm den Weg, der junge Tiger hielt mit ihr Schritt. Sein schräger, grünlicher Blick beengte Yorge Aldaz.
„Nehmen Sie die Bestie beiseite,“ sagte er ärgerlich.
Sie lächelte. „Sofort, wenn Sie es meinem Vater schriftlich geben, dass die Rückzahlung des Geldes ein Jahr Zeit hat.“
Franz Herbert blickte seine Tochter plötzlich entsetzt an. „Isa, Kind, treibe nicht solche Scherze!“
„Lass nur, Vater, ich treibe keinen Scherz. Erpressung gegen Erpressung! Anscheinend traut Sennor Aldaz meinem lieben Bonito nicht. Und er hat bis zu einem gewissen Grade auch recht. Jedenfalls gibt Bonito den Weg nur frei, wenn Sie meinem Vater entgegenkommen, Sennor. Dass Sie mich lieben, dafür kann ich nicht und mein Vater noch weniger. Ich dulde es aber nicht, dass Sie sich an ihm rächen.“
„Rufen Sie die Bestie aus dem Wege,“ befahl Yorge Aldaz noch einmal.
„Nur wenn Sie unterschreiben, was ich Ihnen sagte.“
„Isa, verlass mit dem Tier das Zimmer!“ drängte Franz Herbert.
Isabel schüttelte den Kopf. „Ich nütze unseren Vorteil, Sennor Aldaz hat Strafe verdient, ein Caballero handelt nicht wie er.“ Sie wendete sich an Aldaz. „Soll Ihnen Bonito Pfötchen geben oder Küsschen? Er macht das sehr liebreich.“ Sie lachte. „Sie wollten mich heiraten und haben Angst vor meinem Liebling.“ Sie tätschelte den Tiger, zeigte auf Aldaz: „Schau, Bonito, der Sennor fürchtet sich vor dir.“
Das Tier musste die Bewegung seiner geliebten Herrin falsch gedeutet haben, denn plötzlich schnellte sein weicher und doch nerviger Körper gegen Yorge Aldaz an, der zu Boden stürzte, während der Tiger die rechte Pranke hob.
Nur einen schmalen Streif trug Yorge Aldaz auf der Wange davon, denn Isabel riss das Tier sofort zurück, aber Aldaz war fahl vor Wut. Er riss seinen Revolver aus der Tasche, und in den gellen Schrei Isabels mischte sich schon der Schuss. Das Tier richtete sich steil auf, fiel dann zurück, ein Zucken ging durch den Körper von Isabels verhätscheltem Liebling, dann streckte er sich. Seine grünen Lichter glimmten noch einmal wie in voller Erkenntnis des letzten Abschiedes zu Isabel hinüber, dann brach ihr Glanz.
Verzweifelt warf sich das Mädchen über das tote Tier, ihr Schluchzen war herzbrechend.
Yorge Aldaz trat zu Franz Herbert „Notwehr, Sennor ’Erbert. Sennorita Isabel hat vorhin angezweifelt, dass ich ein Caballero bin. Behalten Sie deshalb, bitte, das Geld, solange Sie es brauchen.“
Er wollte etwas zu Isabel sagen, doch eine leidenschaftliche Geste scheuchte ihn fort. Er verliess das Zimmer. Hinter sich hörte er Isabels Weinen.
Franz Herbert neigte sich über seine Tochter. „Kind, Kind, wie durftest du dich so benehmen! Du hast nur den Schaden davon.“ Er seufzte. „Höre auf zu weinen, Kind! Du hättest Bonito sowieso nicht mehr lange als Haustier behandeln können. Wilde Tiere gehören hinter Gitterstäbe.“
Isabel sass inmitten des Zimmers, der Kopf des toten Tieres lag in ihrem Schoss.
„Vater, ich darf Sennor Aldaz nicht mehr begegnen, ich hasse ihn, ich verabscheue ihn. Ich möchte deshalb fort von hier. Vater, jetzt bitte ich dich, lass mich weit fort, zu Tante Helene nach Deutschland, dort sind die Menschen ruhiger, herzwärmer, niemand hätte dort meinen Bonito getötet.“
„Aber sie wären vor ihm ausgerissen,“ lächelte Franz Herbert, der glücklich war über Isabels Entschluss.
Es war wirklich für sie die höchste Zeit, in andere Verhältnisse zu kommen. Die eben durchgemachte Stunde hatte ihm bewiesen, wie selbstherrlich Isabel war. Bei seiner Schwester würde sie sich ändern. Und es war gut, wenn sie jetzt sobald wie möglich fortkam. Bei ihrem Naturell bestand Gefahr für Yorge Aldaz, wenn er ihr in den Weg kam.
Er half seinem Kinde aufstehen und bettete ihr Köpfchen an seiner Brust. „Liebes, liebes Mädelchen, mit dem nächsten Dampfer schicke ich dich nach Europa.“ Er streichelte sie. „Es wird dir in Deutschland gefallen, wenn der Himmel auch nicht so blau ist wie hier und es einen Winter dort gibt mit Eis und Schnee.“
Er fuhr sich mit den Fingerspitzen über die Augen. An sein Herz klopfte plötzlich urgewaltig das Heimweh, das er niemals so stark, so elementar verspürt hatte wie eben.
Die verwitwete Frau Geheimrat Helene Kornelius sass wie vernichtet in ihrem Armstuhl am Fenster. Der Briefträger hatte vorhin einen Brief aus Mexiko gebracht von ihrem Bruder Franz. Er kündigte ihr darin ganz unvermittelt den Besuch seiner einzigen Tochter Isabel an, die schon kurz nach diesem Brief eintreffen sollte.
Sie las den Brief immer wieder, schob mit verzweifelter Geste ihre Hornbrille auf die Stirn und rief überlaut: „Tine, Tiiinee! Tiiiiiineee!“
Tine Mottebusch schlief wohl wieder. Nach dem Frühstück schlief sie meistens ein halbes Stündchen in der Küche ein.
„Tiiinee!“ Gell klang es.
In der Tür erschien die alte Köchin und Vertraute der Frau Geheimrat.
Tine war schon zu ihr gekommen, als sie heiratete, dann später ein Jahr von ihr fort gewesen, weil sie selbst heiratete, und als ihr Mann, ein notorischer Säufer, starb, zog sie wieder zu ihr und war ihr nun seit achtundzwanzig Jahren treu geblieben.
Wenn Frau Geheimrat Kornelius ärgerlich war, redete sie Tine nicht bei ihrem Vornamen an. „Frau Mottebusch, Sie haben wohl wieder ein Verdauungsnickerchen gemacht? Natürlich, da kann ich mir die Kehle ausschreien, aber Sie kommen nicht, und ich weiss vor Angst nicht, was ich anfangen soll.“
Tine rieb sich die roten Hände, ihr Vollmondgesicht nahm einen tragischen Ausdruck an. „Ach, du mein liebes Himmelchen, haben Sie wieder Magendrücken? Na, warten Sie man ich koche Baldriantee, oder wollen Sie lieber Pfefferminztee? Und zuerst hole ich ein Wacholderschnäpschen.“
Die Geheimrätin machte eine unmutige Bewegung. „Ach was, damit können Sie mir nicht helfen. Das kommt aber auch so plötzlich —“ Sie schüttelte den Kopf.
Tine war schon an der Tür. „Nur nicht gleich verzweifeln, Frau Geheimrat! Sie wissen, meine Hausmittel helfen für alles. Und plötzlich kommt das bei Ihnen doch immer.“ Schon schloss sich die Tür hinter ihr.
„Tine! Tiiinee! Tiiiiiineee?“ zeterte es der Enteilenden nach.
Doch Tine dachte nicht daran umzukehren. Erst wollte sie das Wasser für den Tee aufsetzen und dann den Wacholderschnaps einschenken. Wenn die Geheimrätin Magendrücken hatte, war sie immer so aufgeregt, da musste man sie ruhig ein bisschen zetern lassen.
„Tiinee!“ Die brave Dicke stiess einen Schrei aus, denn ihre Herrin stand vor ihr, fächelte ihr mit einem Blatt Papier vor der Nase herum und schrie sie jetzt an: „Was gucken Sie denn so, Frau Mottebusch? Wollen Sie nun endlich so gut sein und zuhören, wenn ich Ihnen was mitzuteilen habe?“
„Ich weiss ja, Sie haben Magendrücken, Frau Geheimrat, aber heute stellen Sie sich ganz toll an. Tut’s denn so weh?“ erkundigte sich Tine teilnehmend.
„Ich habe einen Brief bekommen, der Briefträger gab ihn mir vorhin zum Fenster hinein,“ japste Helene Kornelius. „Mein Bruder will mir seine Tochter schicken.“
Tine Mottebusch fiel beinahe die Blechbüchse mit Pfefferminztee zu Boden. „Wie? Was, wer soll kommen? Die Tochter von Ihrem Bruder in Mexiko?“
Die Geheimrätin neigte nur den Kopf. Sie war selbst noch ganz matt von der Neuigkeit.
Tine Mottebusch sagte beruhigend: „Aber, Frau Geheimrat, was sollen wir hier in unserem stillen Haus mit so was? Schreiben Sie doch ab, dann ist’s ja wieder gut.“
Die andere stöhnte: „Wenn das noch ginge! Ach, ich bin ja nicht so, ich würde mich ja vielleicht freuen, das einzige Kind meines Bruders ein Weilchen bei mir zu haben, aber so plötzlich, so plötzlich! Man muss sich doch vorbereiten können, und mein Bruder schreibt, sie ist schon unterwegs.“
Tine erstarrte zur Salzsäule. Nach einem Weilchen begann sie wieder lebendig zu werden. „Vielleicht ist sie doch noch drüben in dem wilden Land. Ich habe neulich gelesen, mit Radio kann man weit über die Länder wegreden. Wir haben doch einen Radioapparat, rufen Sie doch mal Ihre Meinung da rein, Frau Geheimrat.“
„Ach, Tine, Sie pappeln ja Blech,“ ärgerlich sagte es Helene Kornelius. „Ich meine, wir können jetzt gar nichts tun, als eben ein Zimmer zurechtmachen und abwarten, bis sie kommt. Ich habe nur ein einziges Bild von ihr, da war sie erst fünf Jahre, und es ist darauf nicht viel mehr zu sehen als ein hässlicher, kleiner Balg.“
Tine wiegte den Kopf hin und her und strich sich die starren, graugesprenkelten Haare zurück. „Ihr Bruder hat doch eine von drüben geheiratet. Wollen doch gleich einmal in Ihrem Konfektionslexikon nachgucken, was in Mexiko für ’ne Rasse lebt, Frau Geheimrat.“
Frau Helene verbesserte: „Es heisst Konversationslexikon!“
Tine machte ein gekränktes Gesicht. „Ich habe mich bloss versprochen, ich meinte ja auch Konservationslexikon!“
Helene Kornelius seufzte nur. Es hatte keinen Zweck. Tine sprach leidlich hochdeutsch, doch mit den Fremdwörtern stand sie immer auf gespanntem Fuss, konnte es aber nicht lassen, sie zu benützen.
Eine plötzliche Angst war in Frau Helene erwacht. Sie wusste von ihrem Bruder, seine Frau war eine Mexikanerin gewesen. Aber das sagte gar nichts. Tines Schrei nach dem Lexikon hatte die Angst in ihr erweckt. Das Bild der kleinen Isabel war ziemlich dunkel, besonders das Gesicht. Sie hatte bis jetzt gedacht, es wäre nur eine wenig gute Photographie, weil die Züge so sehr im Schatten lagen. Jetzt aber verspürte sie Herzklopfen. Die Schatten auf dem Gesicht schienen ihr mit einem Male verdächtig. In Mexiko gab es Indianer! Vielleicht war die Frau von Franz eine Indianerin gewesen, und seine Tochter hatte rotbraune Haut!
Sie wankte. „Tine, wenn sie kupferne Haut hätte!“
Tine war verblüfft. „Kupferne Haut? Aber, Frau Geheimrat, das gibt es nicht, Haut ist Haut, Menschen mit Kupferhaut gibt es nicht.“
Helene Kornelius zitterte. „Frau Mottebusch, Sie sind zu dumm! Ich meine ja nur, vielleicht hat meine Nichte Indianerhaut, die sieht kupferfarben aus!“
„Ach, du Grundgütiger?“ schrie Tine auf, „das wäre ja furchtbar. Die Indianer haben hohe Federbüsche im Haar und beinahe nichts an. Nee, nee, das wäre schrecklich, dann müsste man sich ja hier vor jedem anständigen Menschen die Augen aus dem Kopfe schämen, wenn wir eine solche Nichte hätten!“
Beide sahen sich entsetzt an, und dann rannte Tine davon, dass ihr steif geplätteter Kattunrock rauschte, als gehe der Wind draussen durch die Gartenbäume.
Was hatte sie nur vor? Kopfschüttelnd folgte ihr die ebenfalls ziemlich mollige Geheimrätin. Sie fand Tine vor dem Bücherschrank, dem sie eben einen Band des Konversationslexikons entnahm. Sie legte ihn auf den nahen Tisch und begann hastig darin zu blättern.
Helene Kornelius sah etwas überlegen aus, aber im Grunde fand sie Tines Gedanken, sich zu vergewissern, ganz gut. Sie selbst wusste ja so allerlei über das einstige Aztekenland, aber genau besehen doch sehr wenig. Ihr Briefwechsel mit dem Bruder war nie besonders lebhaft gewesen. Sie hatte ihm anfangs sehr gezürnt, dass er um eines berechnenden Mädchens willen die Heimat verliess und das Elterngut verkaufte, dann hatte sie ihm gezürnt, dass er ein „Zirkusmensch“ geworden war.
„Zirkusmensch“ war für sie etwas, was sich nicht in der Sonne der Gutbürgerlichkeit zeigen durfte, ohne dass jedermann eine Menge Flecke an ihm entdeckt hätte. Sie hatte niemals daran gedacht, die Frau ihres Bruders könne etwas anderes als eine Kreolin gewesen sein, eine in Mexiko geborene Weisse spanischer Abkunft. Aber nun war die Angst da, ob es nicht doch etwas anders sein könnte
Tine schaute sich nach ihrer Herrin um, neigte den Kopf dann wieder über das Buch, und mit dem Zeigefinger den Zeilen nachgehend, las sie: „Siebenunddreissig Prozent Indianer, vierundvierzig Prozent Mischlinge —“ Sie richtete sich aus ihrer gebeugten Haltung auf. „Was sind denn das: ‚Mischlinge?“‘
„Dort in Mexiko sind Mischlinge die Kinder von Weissen und Indianerinnen und heissen Mestizen,“ erklärte Helene Kornelius.