Das verlorene Lachen - Gottfried Keller - E-Book

Das verlorene Lachen E-Book

Gottfried Keller

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Beschreibung

Neue Deutsche Rechtschreibung Gottfried Keller (19.07.1819–15.07.1890) war ein Schweizer Dichter und Staatsbeamter. Man kann ohne Zweifel sagen, dass Gottfried Keller der wichtigste Autor der Schweiz im 19. Jahrhundert war. Wegen eines Dummejungenstreiches von einer höheren Schulbindung oder gar einem Studium ausgeschlossen, fand der Halbwaise über den Umweg der Lehre zum Landschaftsmaler doch noch zur Literatur. Er hinterlässt ein großes Werk an Gedichten, Dramen, Novellen und Romanen. Null Papier Verlag

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Gottfried Keller

Das verlorene Lachen

Novelle

Gottfried Keller

Das verlorene Lachen

Novelle

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2024Klosterstr. 34 · D-40211 Düsseldorf · [email protected] 2. Auflage, ISBN 978-3-962812-93-5

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Inhaltsverzeichnis

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Zwei­tes Ka­pi­tel

Drit­tes Ka­pi­tel

Vier­tes Ka­pi­tel

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Erstes Kapitel

Drei El­len gute Ban­ner­sei­de, Ein Häuf­lein Vol­kes, eh­ren­wert, Mit kla­rem Aug, im Sonn­tags­klei­de, Ist al­les, was mein Herz be­gehrt! So end ich mit der Mor­gen­hel­le Der Som­mer­nacht be­schränk­te Ruh Und wand­re rasch dem fri­schen Quel­le Der va­ter­län­d’­schen Freu­den zu. Die Schif­fe fah­ren und die Wa­gen, Be­kränzt, auf al­len Pfa­den her; Die luft’­ge Hal­le seh ich ra­gen, Von Stei­nen nicht noch Sor­gen schwer; Vom Red­ner­sim­se schim­mert lieb­lich Des Fest­po­ka­les Sil­ber­hort: Heil uns, noch ist bei Frei­en üb­lich Ein lei­den­schaft­lich frei­es Wort! Und Wort und Lied, von Mund zu Mun­de, Von Herz zu Her­zen hallt es hin; So blüht des Fes­tes Ro­sen­stun­de Und muss mit gold­ner Wen­de fliehn! Und jede Pf­licht hat sie er­neu­et, Und jede Kraft hat sie ge­stählt Und eine Kör­ner­saat ge­streu­et, Die nie­mals ihre Frucht ver­fehl­te Drum wei­let, wo im Fei­er­klei­de Ein rüs­tig Volk zum Fes­te geht Und leis die fei­ne Ban­ner­sei­de Hoch über ihm zum Him­mel weht! In Va­ter­lan­des Saus und Brau­se, Da ist die Freu­de sün­den­rein, Und kehr nicht bes­ser ich nach Hau­se, So werd ich auch nicht schlech­ter sein!

Die­ses Lied sang der Fah­nen­trä­ger des Seld­wy­ler Män­ner­cho­res, wel­cher an ei­nem pracht­vol­len Som­mer­mor­gen zum Sän­ger­fes­te wan­der­te. Nach­dem die Her­ren am Abend vor­her auf­ge­bro­chen und einen Teil des We­ges auf der Schie­nen­bahn be­för­dert wor­den wa­ren, hat­ten sie be­schlos­sen, den Rest in der Mor­gen­küh­le zu Fuß zu ma­chen, da es nur noch durch schö­ne Wal­dun­gen ging.

Schon brei­te­te sich der glän­zen­de See vor ih­nen aus mit der bunt­be­flagg­ten Stadt am Ufer, als die sech­zig bis sieb­zig jün­ge­ren und äl­te­ren Män­ner des Verei­nes in zer­streu­ten Grup­pen durch einen herr­li­chen Bu­chen­wald hin­ab­stie­gen und das hin­ter den großen Stäm­men woh­nen­de Echo mit Jauch­zen und ein­zel­nen Lie­der­stro­phen wi­der­hal­len lie­ßen, auch etwa ei­nem wei­ter­hin nie­der­stei­gen­den Fähn­lein ant­wor­te­ten.

Nur der al­len vor­aus­zie­hen­de Fah­nen­trä­ger, ein schlank ge­wach­se­ner jun­ger Mann mit bild­schö­nem Ant­litz, sang sein Lied voll­stän­dig durch mit freu­de­hel­ler und doch ge­mä­ßig­ter Ba­ri­ton­stim­me. Ge­schmückt mit brei­ter reich ge­stick­ter Schär­pe und statt­li­chem Fe­der­hut, trug er die eben­so rei­che, schwe­re Sei­den­fah­ne, halb zu­sam­men­ge­fal­tet, über die Schul­ter ge­legt, und de­ren gol­de­ne Spit­ze fun­kel­te hin und wie­der im grü­nen Schat­ten, wo die Strah­len der Mor­gen­son­ne durch die Laub­ge­wöl­be dran­gen.

Als er nun sein Lied ge­en­det, schau­te er lä­chelnd zu­rück, und man sah das schö­ne Ge­sicht in vol­lem Glücke strah­len, das ihm je­der gönn­te, da ein ei­gen­tüm­lich an­ge­neh­mes La­chen, wenn es sich zeig­te, je­den für ihn ge­wann.

»Un­ser Ju­kun­di«, sag­ten die hin­ter ihm Ge­hen­den zu­ein­an­der, »wird wohl der schöns­te Fähn­rich am Fes­te sein.« Er führ­te näm­lich den hei­ter klin­gen­den Na­men Ju­kun­dus Meyen­tal und wur­de mit all­ge­mei­ner Zärt­lich­keit schlecht­weg der Ju­kun­di ge­nannt. Es er­wahr­te sich auch die Hoff­nung; denn als die Seld­wy­ler, am Orte an­ge­kom­men, sich zum Ein­zu­ge un­ter die lan­gen Sän­ger­scha­ren reih­ten, er­reg­te sei­ne Er­schei­nung, wo sie durch­zo­gen, über­all großes Wohl­ge­fal­len.

Den­je­ni­gen, wel­che schon meh­re­re Fes­te ge­se­hen hat­ten, war er auch schon auf das vor­teil­haf­tes­te be­kannt als eine mus­ter­gül­ti­ge Fes­ter­schei­nung. Von ste­ter Fröh­lich­keit und Aus­dau­er vom ers­ten bis zum letz­ten Au­gen­bli­cke, war Ju­kun­di den­noch die Ruhe und Ge­las­sen­heit selbst; im­mer sah man ihn teil­neh­mend an je­der all­ge­mei­nen Freu­de und an je­der be­son­de­ren Aus­füh­rung, aus­har­rend und hilf­reich, nie über­laut oder gar be­trun­ken. Den schrei­en­den Pos­sen­ma­cher wuss­te er zu er­tra­gen wie den übel­lau­ni­schen Fest­gast, der sich über­nom­men und die Freu­de ver­dor­ben hat­te, und bei­de ver­stand er voll Dul­dung und Freund­lich­keit aus al­ler­lei Fähr­lich­kei­ten zu er­lö­sen, wenn die all­ge­mei­ne Ge­duld zu bre­chen droh­te, und sie aus be­schä­men­dem Schiff­bru­che zu er­ret­ten. Selbst den be­wusst­lo­sen Jäh­zor­ni­gen führ­te er, alle Schmä­hun­gen über­hö­rend, mit stil­lem Ge­schick aus dem Ge­drän­ge und er­warb sich Dank und An­häng­lich­keit des Nüch­tern­ge­wor­de­nen.

In die­ser Übung konn­te er üb­ri­gens nur als eine Dar­stel­lung al­ler Seld­wy­ler gel­ten, wenn sie zu Fes­te zo­gen. So un­ge­re­gelt und mü­ßig sie sonst leb­ten, so sehr hiel­ten sie auf Ord­nung, Fleiß und gute Hal­tung bei sol­chen An­läs­sen. Rühm­lich zo­gen sie auf und wie­der ab, eine gut ge­mus­ter­te ei­ni­ge Schar, so­lan­ge die Lust­bar­keit dau­er­te, und sich im vor­aus auf die zwang­lo­se Er­ho­lung freu­end, wel­che zu Hau­se nach so erns­ter An­stren­gung sich lan­ge­hin zu gön­nen sein wer­de.

In die­ser Wei­se hat­ten sie auch den Ge­sang, mit wel­chem sie am Sän­ger­ta­ge um den Preis zu rin­gen ge­dach­ten, treff­lich ein­ge­übt und schon­ten ihre Stim­men mit großer Ent­beh­rung. Sie hat­ten eine Ton­dich­tung ge­wählt, wel­che »Veil­chens Er­wa­chen!« be­ti­telt und auf ir­gend­ein nichts­sa­gen­des Lied­chen auf­ge­baut, aber so künst­lich und schwer aus­zu­füh­ren war, dass es schon Mo­na­te vor­her ein großes Ge­re­de gab an al­len Or­ten, als ob die Seld­wy­ler zu viel un­ter­nom­men und sich dem Un­ter­gang aus­ge­setzt hät­ten.

Als aber der Tag der Wett­ge­sän­ge vor­ge­rückt war und in der mäch­ti­gen wei­ten Hal­le Tau­sen­de von Hö­rern vor fast so viel tau­send Sän­gern sa­ßen und das Häuf­lein der Seld­wy­ler, da ihre Stun­de ge­kom­men, mit dem Ban­ner ein­sam vor­trat in dem Men­schen­mee­re, da hiel­ten sie den eben­so zar­ten als schwe­ren Ge­sang durch alle schwie­ri­gen Har­mo­ni­en und Ver­wi­cke­lun­gen hin­durch auf­recht ohne Wan­ken und lie­ßen ihn so weich und rein ver­hau­chen, dass man das blaue Veil­chen­knösp­chen glaub­te lei­se auf­plat­zen und das ers­te Düft­lein durch die Hal­le schwe­ben zu hö­ren.

Rau­schend, to­send brach der Bei­fall nach der atem­lo­sen Stil­le los, die er­ha­be­nen Kampf­rich­ter nick­ten vor al­lem Vol­ke sicht­bar mit den Häup­tern und sa­hen sich an, die gol­de­nen Do­sen er­grei­fend, Ehren­ge­schen­ke ent­le­gen woh­nen­der Fürs­ten und Völ­ker, und sich ge­gen­sei­tig Pri­sen an­bie­tend; denn es be­fan­den sich von den ers­ten Ka­pell­meis­tern dar­un­ter.

Die Seld­wy­ler selbst tra­ten mit ru­hi­ger Hal­tung zu­rück und wuss­ten ohne Auf­se­hen aus der Schlacht­ord­nung sich hin­aus­zu­win­den, um in ei­nem schat­ti­gen Gar­ten ein mä­ßi­ges Cham­pa­gner­früh­stück ein­zu­neh­men. Kei­ner be­gehr­te mehr als sei­ne drei Glä­ser zu trin­ken, nie­mand merk­te, wo sie ge­we­sen sei­en, als sie wie­der in der Hal­le sich ein­fan­den.

Der­ge­stalt wür­dig ver­hiel­ten sie sich wäh­rend der Dau­er des gan­zen Fes­tes, bis die Stun­de der Preis­ver­tei­lung kam. Das Gold der Nach­mit­tags­son­ne durch­web­te den bis zum letz­ten Platz an­ge­füll­ten Fest­bau, wel­cher mit ro­tem Tuch und Grün aus­ge­schla­gen, mit vie­len Fah­nen ge­schmückt, in fei­er­li­chem Glan­ze wie zu schwim­men schi­en. Auf er­höh­ter Stel­le, wo die zu Prei­sen und Fest­ge­schen­ken be­stimm­ten Scha­len und Hör­ner in Gold und Sil­ber leuch­te­ten, sa­ßen ei­ni­ge Jung­frau­en, aus­er­wählt, die Krän­ze an die ge­krön­ten Sän­ger­fah­nen zu bin­den.

Oder viel­mehr dienten sie der Schöns­ten und Größ­ten un­ter ih­nen zum Ge­leit, der schö­nen Jus­ti­ne Glor von Schwanau, wel­che sich mit vie­ler Mühe hat­te er­be­ten las­sen, das An­bin­den der Krän­ze zu über­neh­men. Sie sah auch aus wie eine Muse; im reich­ge­lock­ten brau­nen Haar trug sie einen fri­schen Ro­sen­kranz und das wei­ße Ge­wand rot ge­gür­tet.

Al­ler Au­gen haf­te­ten an ihr, als sie sich er­hob und den ers­ten Kranz er­griff, wel­cher so­eben den Seld­wy­lern un­ter Trom­pe­ten- und Pau­ken­schall zu­ge­spro­chen wor­den war. Zu­gleich sah man aber auch den Ju­kun­dus, der un­ver­se­hens mit sei­ner Fah­ne vor ihr stand und in fro­hem Glücke lach­te. Da strahl­te wie ein Wi­der­schein das glei­che schö­ne La­chen, wie es ihm ei­gen, vom Ge­sich­te der Kranz­spen­de­rin, und es zeig­te sich, dass bei­de We­sen aus der glei­chen Hei­mat stamm­ten, aus wel­cher die mit die­sem La­chen Be­gab­ten kom­men. Da je­des von ih­nen sich sei­ner Ei­gen­schaft wohl mehr oder we­ni­ger be­wusst war und sie nun am an­dern sah, auch das Volk um­her die Er­schei­nung über­rascht wahr­nahm, so er­rö­te­ten bei­de, nicht ohne sich wie­der­holt an­zu­bli­cken, wäh­rend der Kranz an­ge­hef­tet wur­de.

Eine Stun­de spä­ter ord­ne­te sich der letz­te und rau­schends­te Zug durch die Fest­stadt, un­ter den un­zäh­li­gen Wim­peln und Krän­zen und durch das wo­gen­de Volk hin­durch, in­dem die ge­won­ne­nen Fest­ge­schen­ke und die ge­krön­ten Fah­nen um­her­ge­tra­gen wur­den. Da sa­hen sich die bei­den wie­der, als Jus­ti­ne von der Gar­ten­zin­ne ih­rer Gast­freun­de aus den Zug an­schau­te und Ju­kun­dus vor­über­zie­hend sei­ne Fah­ne schwenk­te; und am Abend er­eig­ne­te es sich, da das gute Glück heu­te be­son­ders flei­ßig war, dass Ju­kun­dus wäh­rend des Schluss­ban­ket­tes der Schö­nen am glei­chen Ti­sche ge­gen­über­zu­sit­zen kam, so­dass sie um Mit­ter­nacht schon in al­ler Fröh­lich­keit und Freund­lich­keit an­ein­an­der ge­wöhnt wa­ren.

Sie tra­fen sich auch am nächs­ten Mor­gen als gute Be­kann­te auf ei­nem großen be­flagg­ten Dampf­boo­te, wel­ches die Fe­st­re­gie­rung mit ei­ner Zahl ein­ge­la­de­ner Ver­dienst- und Ehren­per­so­nen und aus­wär­ti­ger Freun­de zu ei­ner Lust­fahrt den See ent­lang tra­gen soll­te. Ein wol­ken­lo­ser Him­mel brei­te­te sich über Was­ser, Land und Ge­bir­ge und öff­ne­te die letz­ten Quel­len ed­ler Freu­de, wel­che noch ver­schlos­sen sein konn­ten. Das Schiff durch­furch­te das tief­grü­ne kris­tal­le­ne Was­ser, bald von den Klän­gen gu­ter Mu­sik ge­tra­gen, bald von Lie­dern um­tönt. Von den blü­hen­den Ort­schaf­ten an den weit­hin sich zie­hen­den Ufern rechts und links schall­ten Grü­ße und wink­ten Fah­nen her­über, und mit Stolz wies man den Gäs­ten das wohl­be­bau­te Land, die rei­chen Wohn­sit­ze und Ort­schaf­ten. Ein statt­li­cher Kranz von Frau­en saß auf er­höh­tem Plat­ze des Schif­fes, un­ter ih­nen Jus­ti­ne Glor in schö­ner ein­fa­cher Mo­de­klei­dung, den Son­nen­schirm in der Hand, so­dass Ju­kun­dus, als er in sei­ner Fah­nen­trä­ger­tracht grü­ßend vor sie trat, über­rascht von ih­rem ver­än­der­ten und fast noch fei­nern Aus­se­hen, bei­na­he be­fan­gen wur­de. Sie wech­sel­ten je­doch nur we­ni­ge Wor­te, wie zu ge­sche­hen pflegt, wenn ein reich­lich lan­ger Som­mer­tag zu Ge­bo­te steht.

Als eine Wei­le spä­ter Ju­kun­dus wie­der in ihre Nähe kam, wink­te sie ihm und teil­te ihm mit, dass ihre El­tern in Schwanau, wel­ches am obern Tei­le des Sees lag, die gan­ze Ge­sell­schaft auf den Abend in ihre Gär­ten ein­la­den, dass das Schiff dort vor An­ker ge­hen wür­de und dass sie hof­fe, er wer­de auch so lan­ge da­beiblei­ben. Die­se ver­trau­li­che Mit­tei­lung, von der nur noch we­ni­ge wuss­ten, trug ihm so­fort An­spie­lun­gen und Glück­wün­sche der Um­ste­hen­den ein, die er be­schei­dent­lich ab­lehn­te, aber ger­ne ver­nahm.

In der Tat wur­de es bald kund, dass das Schiff ge­gen Abend in Schwanau an­hal­ten wür­de und dass alle ge­be­ten sei­en, die letz­te Er­fri­schung im Be­sitz­tu­me der Fa­mi­lie Glor ein­zu­neh­men. Die­sel­be tat das der Toch­ter zu Ehren, um zu zei­gen, dass sie wo zu Hau­se sei und ei­gent­lich nicht nö­tig habe, an frem­den Fest­ta­feln zu sit­zen, son­dern selbst ein Fest ge­ben kön­ne. Denn es wa­ren Leu­te, die auf ihre Be­sitz­tü­mer, als selbs­t­er­wor­be­ne, et­was viel hiel­ten.

Um also den viel­ver­hei­ßen­den Abend un­ver­kürzt zu ge­nie­ßen, wur­den die Auf­ent­hal­te an den üb­ri­gen Ufer­or­ten, wo das Schiff er­war­tet wur­de, ge­nau ab­ge­mes­sen und in­ne­ge­hal­ten, und das tö­nen­de und sin­gen­de Schiff fuhr recht­zei­tig quer über den fun­keln­den See, von Ka­no­nen­schlä­gen be­grüßt, nach Schwanau hin­über und leg­te an, wo die ho­hen Bäu­me der Glor­schen Gär­ten sich im Was­ser spie­gel­ten und dar­über weg von den Ter­ras­sen und Hü­geln ihre Häu­ser glänz­ten.

Wäh­rend das Sän­ger­volk sich un­ter den Bäu­men aus­brei­te­te, ver­schwand Jus­ti­ne im Hau­se, um den Ih­ri­gen Hand­rei­chung zu tun, wo­ge­gen der Va­ter und die Brü­der sich um die zahl­rei­chen Gäs­te und de­ren Be­grü­ßung be­müh­ten. In Lau­ben und Ve­ran­den wa­ren Nie­der­las­sun­gen für die Frau­en mit den ent­spre­chen­den Er­fri­schun­gen be­rei­tet; in ei­ner frisch­ge­mäh­ten Wie­se, un­ter Frucht­bäu­men, lan­ge Ti­sche für die Män­ner ge­deckt. Es dau­er­te aber nicht lan­ge, so wa­ren auch alle Frau­en auf der Wie­se, an­ge­lockt von den Scher­zen, Pos­sen und Ne­cke­rei­en, wel­che die jun­ge Män­ner­welt un­ter sich trieb, um ein Auf­se­hen zu er­re­gen. Und es gab ge­nug zu schau­en und zu la­chen, da Lau­ne und Ge­schick­lich­keit der ein­zel­nen hun­dert klei­ne ar­ti­ge Er­fin­dun­gen und Stück­lein her­vor­brach­ten, wo­bei das Naivs­te, mit gu­ter Art ent­stan­den, in der all­ge­mei­nen glück­li­chen Stim­mung den herz­lichs­ten Bei­fall weck­te. Selbst ein un­ver­mu­tet ge­schla­ge­ner Pur­zel­baum fand sei­ne Gön­ner, und so­gar der un­glück­li­che Vir­tuo­se, wel­cher auf sei­nem Fri­sier­kamm al­len Erns­tes eine ge­fühl­vol­le Wei­se hat­te bla­sen wol­len und dar­an schei­ter­te, freu­te sich über die un­ge­trüb­te Hei­ter­keit, die er er­weckt, und tat den ihm auf­ge­setz­ten Stroh­kranz nicht mehr vom Kop­fe.

Nur Ju­kun­dus fühl­te sich et­was ver­ein­samt in dem Trei­ben, weil er Jus­ti­nen gar zu lan­ge nicht mehr er­blick­te, an die er schon ein klei­nes An­recht zu ha­ben glaub­te, we­nigs­tens für die­sen letz­ten Tag. In­des­sen fand sich eine hol­de Er­lö­sung, da un­ver­se­hens die Jung­frau dicht bei ihm stand, ohne dass er wuss­te, wo sie her­kam, und ihn dem Va­ter und den Brü­dern vor­stell­te als den Ban­ner­her­ren des erst­ge­krön­ten Verei­nes. Er wur­de von den Män­nern höf­lich und auch freund­lich ge­grüßt und will­kom­men ge­hei­ßen, aber nicht ohne jene fes­te küh­le Hal­tung, wel­che so rei­che Ar­beits­her­ren ei­nem nichts oder we­nig be­sit­zen­den Seld­wy­ler ge­gen­über be­wah­ren muss­ten, in­so­fern er etwa Meh­re­res vor­zu­stel­len ge­däch­te als einen statt­li­chen Fest­be­su­cher.

Der gut­mü­ti­ge Sän­ger fühl­te das doch au­gen­blick­lich und wur­de et­was ver­le­gen; so auch Jus­ti­ne, wel­che ihn dar­um zur Ent­schä­di­gung wei­ter­führ­te, als die Her­ren weg­ge­gan­gen, und ihm das Gut zu zei­gen vor­schlug.

Zwei gleich­ge­bau­te vil­len­ar­ti­ge Häu­ser neues­ten Sti­les, wel­che zu­nächst dem See in den schat­ti­gen An­la­gen stan­den, be­zeich­ne­te sie ihm als die Woh­nun­gen der bei­den Brü­der, wo­von je­der schon sei­ne ei­ge­ne Fa­mi­lie ge­grün­det hat­te, ohne des­we­gen aus der Ge­samt­fa­mi­lie aus­zu­schei­den. Dann stieg sie mit ihm Wege und Trep­pen em­por, bis wo über den Wip­feln der un­tern Bäu­me die Woh­nung der El­tern stand, worin sie sel­ber leb­te, von et­was äl­te­rer Bau­art, aber im­mer­hin ein statt­li­ches Her­ren­haus, um­ge­ben von Wirt­schafts­ge­bäu­den und Stäl­len; wei­ter­hin sah man lan­ge hohe Ge­werbs­häu­ser mit zahl­lo­sen Fens­tern, wel­che an die stau­bi­ge Land­stra­ße grenz­ten, die hier vor­über­führ­te. Jen­seits der Stra­ße aber, an dem an­stei­gen­den Ber­gab­hang, dehn­ten sich Äcker, Wein­ber­ge und Wie­sen mit Wäl­dern von Obst­bäu­men, und hoch über al­lem die­sem zeig­te ihm Jus­ti­ne das Haus der Gro­ß­el­tern als den Stamm­sitz der Ih­ri­gen, in der Abend­son­ne weit über das Land hin schim­mernd, ein weit­läu­fi­ges vor­neh­mes Bau­ern­haus von al­ter­tüm­li­cher Bau­art, mit hel­len Fens­ter­rei­hen, weißem Mau­er­werk und bunt­be­mal­tem Holz­werk an Dach und Scheu­nen, mit stei­ner­nen Vor­trep­pen und künst­lich ge­schmie­de­ten ei­ser­nen Ge­län­dern. Hier haus­ten der Groß­va­ter und die Groß­mut­ter mit ih­rem Ge­sin­de, bei­de acht­zig­jäh­ri­ge Land­leu­te, bei­de noch täg­lich und stünd­lich schaf­fend und be­feh­lend, zähe und ge­stren­ge alte Per­so­nen von ein­fachs­ter Le­bens­wei­se und stets fer­tig mit ih­rem Ur­teil über alle Jün­ge­ren, wie Jus­ti­ne ih­rem Beglei­ter sie schil­der­te. »Wol­len wir noch schnell hin­auf­ge­hen und sie grü­ßen, da sie es ver­schmä­hen, von ih­rer Höhe her­un­ter­zu­stei­gen und un­se­re Lust­bar­keit an­zu­se­hen? Es ist eine herr­li­che Aus­sicht dort oben!« so sag­te das Mäd­chen. Aber Ju­kun­dus emp­fand eine Art Scheu vor den Al­ten und dank­te höf­lich für wei­te­re Be­mü­hung sei­ner Füh­re­rin, da ihn über­dies all das aus­ge­dehn­te We­sen eher ängs­tig­te als er­freu­te.

Sie kehr­ten da­her wie­der zu­rück und misch­ten sich un­ter die Fest­ge­nos­sen, die je län­ger, je lus­ti­ger wur­den, bis im Os­ten der Voll­mond auf­ging und nach dem Nie­der­gang der Son­ne hin­über­schau­te, so­dass Ro­sen und Sil­ber sich in den Lüf­ten und auf den Was­sern ver­meng­ten und das Schiff zur Ab­fahrt be­rei­tet, auch bald be­stie­gen wur­de.

Es gab ein Ge­drän­ge hie­bei, da je­der den Wir­ten, die am Ufer stan­den, die Hand ge­ben woll­te, wäh­rend die Schiffleu­te zur Eile mahn­ten. So kam es, dass Ju­kun­dus Meyen­tal von sei­nem Vor­ha­ben, von der schö­nen Jus­ti­ne Ab­schied zu neh­men, ab­ge­drängt wur­de und dem Stro­me fol­gen muss­te, da sie nicht am Wege stand. Frei­lich schüt­tel­ten auch ihm Va­ter und Brü­der die Hand, flüch­tig spre­chend: »Es hat uns ge­freut«, aber der eine nann­te ihn Herr Tal­mey­er, der an­de­re Mei­en­berg, der drit­te gar Herr Mei­er­heim, und kei­ner sag­te: »Auf Wie­der­se­hen!«

Als das Schiff in den Abend­glanz hin­aus­fuhr, sah er sie auch nicht mehr, da sie mit den an­de­ren Frau­en im dun­keln­den Schat­ten der Bäu­me stand.

*

Zu Hau­se leb­te Ju­kun­dus bei sei­ner Mut­ter, de­ren ein­zi­ger Sohn und Ju­kun­di er war und de­ren große Hoff­nung. Weil der Va­ter früh ge­stor­ben, so hat­te er das von aus­wärts zu­ge­brach­te Ver­mö­gen der Frau nur halb auf­brau­chen und sie mit der an­de­ren Hälf­te den Sohn auf­zie­hen kön­nen; und es war auch jetzt noch et­was da, ob­schon er noch kei­nen ent­schie­de­nen An­lauf ge­macht und noch we­nig er­wor­ben hat­te. Aber es war von ihm auch noch nichts ver­schwen­det wor­den, weil er der Mut­ter, von wel­cher er sei­ne Schön­heit und Ge­sund­heit be­saß und die ihn mit Freund­lich­keit lieb­te, leid­lich ge­horch­te und sich von ihr lei­ten ließ.

Bei ei­nem be­stimm­ten Be­ru­fe war er noch nicht ge­blie­ben. Zu­erst hat­te es ge­schie­nen, dass er für tech­ni­sches We­sen Nei­gung zei­ge, und er war des­halb eine Zeit lang auf die Bu­re­aus ei­nes In­ge­nieurs ge­gan­gen. Dann än­der­te sich aber die­se Stim­mung zu­guns­ten des Kauf­manns­stan­des, und er trat in ein Ge­schäft ein, wel­ches bald dar­auf aus Miss­ge­schick sich auf­lös­te, ohne dass er viel ein­büß­te; jetzt war er ge­ra­de in der Rich­tung, sich dem Mi­li­tär­we­sen zu wid­men, in­dem er sich zu ei­nem Un­ter­richts- und Stabs­of­fi­zier aus­bil­de­te. Da er hie­bei den größ­ten Teil des Jah­res auf den Waf­fen­plät­zen zu­zu­brin­gen hat­te und Sold emp­fing, so ge­währ­te das für einst­wei­len ein statt­li­ches Da­sein, ohne dass es bei sei­ner mä­ßi­gen Le­bens­wei­se großen Zu­schuss ei­ge­ner Mit­tel er­for­der­te.

Als er nun nach dem Fes­te in schmuckem Kriegs­ge­wand und den Sä­bel an der Sei­te zu Pfer­de saß, be­schau­te ihn sei­ne Mut­ter mit Wohl­ge­fal­len und be­merk­te da­bei, dass sein an­mu­ti­ges Lä­cheln eine klei­ne Bei­mi­schung von Me­lan­cho­lie oder der­glei­chen ge­won­nen hat­te. Er schi­en aus­zu­se­hen wie ei­ner, der ir­gend­ein Heim­weh oder eine Sehn­sucht auf­ge­le­sen hat. Sie dach­te dar­über nach und stell­te auch ei­ni­ge vor­sich­ti­ge For­schun­gen an, und als sie von dem Aben­teu­er mit der Kranz­jung­frau hör­te und wie er etwa von den an­dern da­mit gen­eckt wur­de, ging ihr ein Licht auf, bei des­sen Schei­ne sie so­fort still an die Ar­beit ging, um ein Glück zu schaf­fen, wohl an­ge­mes­sen und gut ge­näht.