Der Geschmack der Unendlichkeit - Rüdiger Sünner - E-Book

Der Geschmack der Unendlichkeit E-Book

Rüdiger Sünner

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Beschreibung

In den letzten Jahren ist Spiritualität wieder in aller Munde, allerdings scheint sie zu einer vielfach besetzten Modevokabel verkommen zu sein. Hunderte von Webseiten und Youtube-Videos in Hochglanzformat umgarnen die Menschen mit erhaben klingenden Worten, esoterischer Musik, kitschig-schönen Bildern und Heilsversprechen aller Art, doch kaum jemand definiert, was genau er unter Spiritualität versteht. Rüdiger Sünner hat sich als Filmemacher intensiv mit den Themen Religion, Mythologie, Spiritualität und Mystik beschäftigt. Fasziniert von ernsthaften spirituellen Denkern wie Novalis, C. G. Jung oder Rainer Maria Rilke, geht er der Frage nach, welche Spuren ihre Gedanken in seinem Alltag hinterlassen haben. Sind sie in der Lage, auch bei konkreten Problemen und Selbstzweifeln zu helfen, beispielsweise im Umgang mit Krankheit und Tod im Freundes- und Bekanntenkreis? Rüdiger Sünner definiert Spiritualität neu, befreit sie vom negativen Beigeschmack und beschreibt subtile Zwischenzonen der Erfahrung in einer verständlichen Sprache – herausgekommen ist eine sehr persönliche Bilanz und eine praktische Lebenshilfe in schwierigen Zeiten.

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RÜDIGER SÜNNER

DER GESCHMACK DER UNENDLICHKEIT

SPIRITUALITÄT IM ALLTAG

Mit Radierungen vonChristine Klie

»Religion ist Sinn und Geschmack für das Unendliche.«

FRIEDRICH SCHLEIERMACHER

»Würden die Pforten der Wahrnehmung gereinigt, erschiene dem Menschen alles, wie es ist: unendlich.«

WILLIAM BLAKE

INHALT

Warum eine »Spiritualität des Alltags«?

Schlaf und Erwachen

»Die Dinge singen hör ich so gern«

Was ist ein Baum?

Die Magie der Tiere

Seelenlandschaften

Das Lied der Stille

Das Wunder der Inspiration

Musik und Transzendenz

2001 oder der Geschmack der Unendlichkeit

Das Geheimnis der Regeneration

Was kommt nach dem Tod?

Die Weisheit der »Großen Göttin«

Das Gold der Dankbarkeit

Anmerkungen

Ausgewählte Literatur

WARUM EINE »SPIRITUALITÄT DES ALLTAGS«?

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit Spiritualität, Mystik und Mythologie und etliche Dokumentarfilme und Bücher sind aus dieser Leidenschaft entstanden. Aufgewachsen in einem religiös gleichgültigen Elternhaus, entdeckte ich nach und nach meine Faszination für diese Themen, ohne jemals zum Anhänger einer spirituellen Gemeinschaft zu werden. Zwar besuchte ich jahrelang Zen-Meditationskurse und empfing Anregungen durch manche Werke Rudolf Steiners, aber weder wurde ich zu einem Zen-Buddhist, noch zu einem überzeugten Anthroposophen. Dennoch ließen mich all diese Themen nicht los: Ich spürte dem mythologischen Hintergrund der NS-Ideologie nach, der spirituellen Dimension der deutschen Romantik und drehte Filme über Rudolf Steiner, C. G. Jung, Joseph Beuys und Rainer Maria Rilke, die alle auf ihre Weise »Gottsucher« gewesen waren.

Warum interessiere ich mich überhaupt für Spiritualität und was hat es mit diesem Wort auf sich, das heute zu einer Modevokabel verkommen ist? Nur wenige definieren, was sie damit meinen, viele sonnen sich in der Aura dieses Begriffes, der einem suggerieren kann, etwas Besonderes und zu »Höherem« berufen zu sein. Tausende von Esoterikbüchern und Youtube-Kanälen umgarnen die Menschen mit Heilsversprechen aller Art, die mich selten überzeugen und oft eng mit kommerziellen Interessen verbunden sind. Um das Wort »Spiritualität« für mich zu klären, schaue ich auf seine lateinische Wortwurzel »spiritus«: eine alte Bezeichnung für »Geist«, die gleichzeitig »Hauch« und »Atem« bedeutet. »Geist« meinte in früheren Kulturen noch nicht eine von uns produzierte »neuronale Hirnaktivität«, wie es die heutige Naturwissenschaft sieht, sondern wurde mit Metaphern des Luftigen bezeichnet. So wie unser Atemprozess ein Austausch von Innen und Außen ist, so sah man auch unsere geistigen Aktivitäten als eine Beziehung zu einem Umfassenderen an, von dem wir getragen und inspiriert werden. Dies könnte man als das Grundmuster aller »Spiritualität« ansehen: Schamanen, Propheten, Mystiker und Dichter haben das immer so gesehen und man braucht keine Kirche oder Moschee, um das nachzuempfinden. Auch in einem Wald, am Meer oder unter dem Sternenhimmel kann jeder Mensch ein solches Gefühl von Verbundenheit haben – und mit ihm »spirituell« sein. Hierbei handelt es sich um das Empfinden, eingebettet zu sein in ein größeres Kraftfeld, das wir nicht nur in unserem Kopf lokalisieren und bei dem es keine Rolle spielt, ob man es »Gott« nennt oder in poetischen Metaphern umschreibt.

Dies könnte eine erste, für mich brauchbare Definition von »Spiritualität« sein. Aber kenne ich diese Wahrnehmung, die über viele Jahrhunderte für alle Kulturen selbstverständlich war, auch aus dem wirklichen persönlichen Erleben? Fühle ich mich in meinem Denken, Empfinden und kreativen Schaffen auch an einen solchen Kraftstrom angebunden, den das alte Wort »spiritus« umschreibt? Genau dieser Frage will ich in diesem Buch nachgehen und zwar so konkret wie nur möglich. Während ich in früheren Filmen und Büchern die Ansichten bestimmter Protagonisten dazu beschrieb, möchte ich nun die dabei erworbenen Anregungen in eine »Spiritualität des Alltags« überführen, auch um diese Erfahrungen Menschen verständlicher zu machen, die damit bisher wenig anfangen konnten. Dieses Buch dient aber auch der eigenen Überprüfung, wie viel von meinen jahrelangen Forschungen wirklich in mein Leben eingeflossen ist. Waren es nur schöngeistige Abenteuer und Träume oder reichten sie tief in existenzielle Momente meines Alltags hinein, etwa in die Wahrnehmung von Menschen und der Natur, in den Umgang mit Problemen, Krankheiten und dem Tod?

Durch einen solchen konkreten Blick möchte ich auch zur Entkrampfung des Begriffes »Spiritualität« beitragen, der in unserer Gesellschaft immer noch mit einem negativen Beigeschmack versehen ist: Gerade in Deutschland schaut die »aufgeklärte Welt« der Wissenschaftler und Medien meist abwertend auf ihn herab. Wenn ich eine Esoterikmesse besuche, kann ich das nachvollziehen: Auch mich befremdet das in bunte Farben gehüllte Angebot von Kristallkugeln, Channeling-Botschaften, Aura-Fotografie, Atlantis- und Engel-Literatur und ich halte es nicht lange in der süßlich-kitschigen Aura solcher Orte aus. Auch in Gesprächen mit Menschen, die sich als spirituell bezeichnen, kann schnell eine Barriere entstehen, wenn diese übereifrig und mit großer Selbstverständlichkeit vom »Göttlichen« sprechen, ohne eine sprachliche Vermittlung zu ihrem Gegenüber aufzubauen. Dasselbe geschieht bei Anthroposophen, wenn sie über »Astralleiber« oder den »Erzengel Michael« dozieren, oder bei Neuheiden, die in jedem Flimmern über einem See schon tanzende Elfen und Elementargeister sehen. Reagiert man bei solchen »Gläubigen« mit Skepsis, wird einem häufig attestiert, man sei noch zu sehr in einem engen Intellektualismus befangen und habe seine »inneren Augen« noch nicht geöffnet.

Ein Buch über die »Spiritualität des Alltags« hingegen soll versuchen, subtile Zwischenzonen der Erfahrung in einer möglichst allgemein verständlichen Sprache zu beschreiben. Das ist auch eine Herausforderung für mich, weil ich mit diesem Anspruch weitgehend darauf verzichten muss, ein spirituelles Spezialvokabular zu benutzen, und gezwungen werde, Dinge so klar wie möglich auszudrücken. Denn was nützt es mir, wenn Menschen mit verzücktem Blick sagen, dass sie mit dem germanischen Gott Odin oder einem Engel in Kontakt stehen, wenn es bei bloßen Behauptungen bleibt, die sich der Kommunizierbarkeit entziehen? Natürlich gibt es diffizile Bereiche der Wahrnehmung, die nicht umstandslos in eine einfache Sprache übersetzbar sind, aber man kann sich um einen verständlichen Ausdruck bemühen und wird dadurch auch reich belohnt. Daher dient dieses Vorhaben auch der Selbsterziehung und ermahnt mich zu mehr Genauigkeit und Aufrichtigkeit.

Zu meiner Verwunderung tauchte das Thema dieses Buches in den letzten Jahren häufiger in meinem Alltag auf, als mir lieb war. Oft, wenn ich mich angeschlagen oder schwermütig fühlte, musste ich mich fragen: Haben dich deine vielen Filmexkursionen eigentlich glücklicher und zufriedener gemacht? Haben die spirituellen Weisheiten deiner Protagonisten Spuren bei dir hinterlassen, die dich in Notzeiten wirklich trösten und aufbauen können? Oft war ich mir gar nicht so sicher, ob ich diese Fragen mit einem uneingeschränkten Ja beantworten könnte. Manchmal fühlte ich mich auch wie ein rastlos Getriebener, der von einem Filmthema zum nächsten eilte, um doch nirgends wirkliche Erfüllung zu finden. Diese Gefühle kamen vor allem dann auf, wenn ich mit meinen inneren Dämonen konfrontiert wurde, mit Stress, Ängsten, Depressionen, Zweifeln oder mit körperlichen und psychosomatischen Beschwerden, die mir zu schaffen machten. Zuweilen schien mir auch, als sei ich übersättigt von zu viel spiritueller Literatur. Manchmal schaute ich die hohen Regalwände meiner Bibliothek hinauf und erschrak über die Unzahl von Büchern, die sich dort seit Jahrzehnten angesammelt hatten. Hatte ich nicht manchmal wie im Wahn zu viel Lesestoff angeschafft, der zum Teil immer noch ungelesen in den Regalen stand und mich entsprechend vorwurfsvoll anstarrte? War in all den vielen Büchern die Lösung meiner Probleme enthalten, lag in ihren zahllosen Seiten die Weisheit verborgen, die mich in Krisenzeiten ausgeglichener machen konnte? Hatte ich durch meine spirituellen Studien mein »Ego« schon zugunsten eines gelasseneren »höheren Selbst« überwunden? War ich nicht zu oft auch von Neid und Eifersucht getrieben, wenn ich z. B. sah, um wie viel erfolgreicher andere Filmemacher und Autoren waren, deren Werke ich für oberflächlicher als die meinen hielt? War ich nicht gelegentlich zu provokativ im Umgang mit Freunden gewesen, hätte ich nicht bei Meinungsverschiedenheiten durch die vielen tiefgründigen Einsichten milder und toleranter sein müssen? Und reagierte ich nicht bei bestimmten physischen Symptomen oft zu ängstlich, als hätte ich bereits eine schlimme Krankheit in mir, statt geduldig auf die Regenerationskräfte meines Körpers zu vertrauen? Gönnte ich mir eigentlich genug Ruhepausen, war ich zu wirklicher Muße in der Lage, zu zweckfreiem Sein »im Hier und Jetzt«, konnte ich auch mal meine Seele baumeln lassen, um langsam wieder Kraft zu tanken?

Zu diesen brennenden Fragen kam das starke Bedürfnis, Spirituelles auch im Naheliegenden zu finden, das jeden Tag um mich herum ist, in bestimmten Bewusstseinszuständen, in der Natur, beim Musikhören, beim Reisen durch »Seelenlandschaften«, bei der kreativen Arbeit, im aufmerksamen Umgang mit Menschen und Dingen und in der täglich neu erlebbaren Begegnung mit dem Geheimnisvollen dieser Welt. All diese Fragen, die mit zunehmendem Alter immer wichtiger für mich werden, umschreiben die Herausforderung einer »Alltagsspiritualität«, die hier und jetzt bei den Mysterien vor der Haustür beginnt und weniger in Büchern und Bibliotheken. Ab und zu lasse ich mir dabei immer noch gerne von klugen Geistern helfen, die ich im Laufe meines Lebens schätzen gelernt habe. Aber die Grundlage der folgenden Überlegungen sollen ganz persönliche Erlebnisse sein, die ich jeden Tag mache und noch besser verstehen möchte. Daher ist dieses Buch mein vielleicht intimstes geworden und es verlangt eine noch größere Ehrlichkeit und Genauigkeit von mir, als alles, was ich bisher geschrieben habe. Und wenn die Lektüre meiner Betrachtungen dem ein oder anderen Leser Anregungen für seine eigene Spiritualität im Alltag gibt, wäre das für mich schon ein großes Geschenk.

SCHLAF UND ERWACHEN

Fängt Spiritualität im Alltag nicht schon damit an, aus dem Zirkel der Gewohnheiten auszubrechen, in dem wir alle gefangen sind? Wie sehr starten wir schon morgens nach dem Erwachen in einen neuen Tag, der vielfach von eingeübten Mechanismen bestimmt wird. Wir wachen auf, mehr oder auch weniger gut erholt vom Schlaf, und denken: Jetzt ist es so und so viel Uhr und heute warten diese und jene Aufgaben auf mich. Wir stehen auf, schlendern zum Bad und tun zum tausendsten Mal die Dinge, die wir schon immer getan haben. Dabei begann alles mit einem Wunder: dem Prozess des Aufwachens. Aus einem traumlosen oder von Träumen bevölkerten Schlaf, in dem alles fließend und grenzenlos war, kehren wir zu dem zurück, was wir unser »Ich« nennen. Wir wissen: Jetzt schlafen wir nicht mehr, sondern sind bewusst und können nun wieder »früher und später«, »links und rechts«, »vorne und hinten« unterscheiden. Wir verwandeln uns nicht mehr dauernd in andere Figuren wie im Traum, sondern sehen uns als von der Welt unterschiedene Gestalten an, die »Ich« zu sich sagen können.

Novalis, der vielleicht spirituellste unter den deutschen Dichtern, prägte den wunderbaren Aphorismus: »Der Schlaf ist nichts als die Flut jenes unsichtbaren Weltmeers und das Erwachen das Eintreten der Ebbe.«1 Welch unglaubliche Aussage, die uns scheinbar vertraute Prozesse wie Einschlafen oder Aufwachen mit neuen Augen sehen lässt! Im Moment des Einschlafens, so Novalis, werden wir von einer Art Meer überrollt, das sich morgens beim Erwachen wieder zurückzieht. Als ich den Satz das erste Mal las, dachte ich an eine von Kindern gebaute Sandburg, die von der nahenden Flut überschwemmt und aufgelöst wird. Bei Ebbe zieht sich das Wasser zurück und gibt wieder feste Konturen am Strand frei. Ist die Sandburg unser »Ich«, das nachts aufgelöst und weggeschwemmt wird, unser geordnetes Koordinatensystem, das sich bei Flut in das unendliche Meer auflöst, um später wieder zu seiner alten Form zurückzufinden? Was meint Novalis mit dem »unsichtbaren Weltmeer«? Ist es eine Metapher für die Gewalt des Schlafes, der uns tatsächlich urplötzlich überrollen kann wie die Wogen eines Ozeans? Das »Weltmeer«, wie auch die anderen von Novalis häufig verwendeten Wassermetaphern, ist ein spirituelles Bild, das Einschlafen und Aufwachen anders deutet als die moderne Schlafforschung. Der Dichter sieht uns im Schlaf aufgehen in einem höheren, umfassenderen Zustand, den er auch als »Weltseele« beschreibt. Die Romantiker glaubten, dass unsere »Einzelseele« – wie ein Tropfen im Meer – nur Teil einer umfassenderen »Weltseele« ist, in die wir uns auflösen können: in der Poesie, in der Liebe, im Rausch, in der Musik, im Tod und vielleicht auch im Schlaf. Nach diesem Denkmodell flöge dann unsere im Alltag festumgrenzte Individualseele nachts zu jenem grenzenlosen Reich der »Weltseele«, machte dort bestimmte Erfahrungen und kehrte am Morgen gestärkt und inspiriert zurück. »Ich muss eine Nacht darüber schlafen«, sagt man und meint, dass man sich noch nicht entscheiden kann, sondern einen Prozess weiteren Verarbeitens braucht. Ist das der Aufenthalt in Novalis’ »Weltmeer«, wo wir neue Tiefen und Untiefen erkunden, unbekannte Korallenbänke, Unterwasserhöhlen und fantastische Lebewesen erforschen, die uns am nächsten Morgen mit einem erweiterten Blickfeld aufwachen lassen?

Die heutigen Traum- und Schlafforscher werden nur milde lächeln über solche poetischen Eskapaden, für sie geschieht das Einschlafen durch eine Ausschüttung des in der Zirbeldrüse produzierten Nachthormons Melatonin, das eine Kaskade von chemischen Botenstoffen in Gang setzt. Dadurch fließen die Gedanken langsamer, die Reaktionszeiten werden länger und die Muskelspannung sinkt. Statt der schnellen Hirnstromwellen bei Tage dominieren nun gemächlichere Alphawellen und das Wachstumshormon Somatotropin leitet Erholungsprozesse im Gehirn ein, repariert müde Zellen, entsorgt den Abfall des Stoffwechsels und fördert die Wundheilung. Interessant ist, dass auch im wissenschaftlichen Jargon der Schlafforscher ab und zu Wassermetaphern auftauchen. Wir »sinken« immer tiefer in den Schlaf, heißt es dann, und dabei wird unser Hirn von bestimmten »Deltawellen (…) geflutet«: Auch hier also dominiert der Eindruck des Flüssigen und Ozeanischen.2 Auch wenn die Wissenschaft uns manchmal suggeriert, dass sie alles auf chemische Prozesse zurückführen kann, so erleben wir doch unser Einschlafen und Aufwachen nicht als Ausschüttung von Hormonen, sondern vielleicht doch eher in Bildern der Dichter. Traum, Schlaf und Erwachen sind auch heute noch – wie in früheren Zeiten – eher faszinierende Mysterien als vollständig transparent gemachte Prozesse. Warum wir nachts auf Reisen gehen und wohin, bleibt geheimnisvoll, also können auch Literatur und Dichtung nützliche Erkenntnisinstrumente sein, um diese Wunder noch besser in unser Leben zu integrieren. Ich stehe also morgens auf und stelle beglückt fest, dass ich eben einem »unsichtbaren Weltmeer« entstiegen bin, dass ich aus dem – wie Novalis sagt – »Urflüssigen« wieder zurückkehren durfte in eine umgrenzte Gestalt, die nun ihr Tagewerk beginnt und manchmal sogar Traumwinke aus dem Nachtreich als Inspirationen mitnehmen kann. Eigentlich kein schlechter Tagesanfang.

»DIE DINGE SINGEN HÖR ICH SO GERN«

Nach der Morgentoilette gehe ich hinüber in die Küche und erblicke auf der Fensterbank einige mir lieb gewordene Erinnerungsstücke, die ich jeden Morgen vor Augen habe: Vogelfedern, interessant geformte Steine, die ich aus der Natur mitgebracht habe, ein versteinerter Ammonit sowie eine kleine abstrakte Holzplastik, die mir meine Freundin einmal zum Geburtstag geschenkt hat. Warum habe ich diese Dinge aufbewahrt und warum erfreuen sie jeden Morgen meinen Blick? Zum einen, weil sie Erinnerungen transportieren an bestimmte Erlebnisse und Menschen, die für mein Leben wichtig sind. Aber die Feder einer Möwe oder eines Raubvogels löst auch noch andere Empfindungen aus. Sie sind eigentlich unfassbare Zauberdinge der Natur, die in einer Werkstatt hergestellt wurden, welche für mich undurchsichtiger bleibt als das Labor eines Alchemisten. Obwohl sie ständig und überall in der Natur zu finden sind, können sie mich immer wieder aufs Neue tief berühren: durch ihre Mischung aus Zartheit und Stabilität, Schönheit und Eleganz, durch ihre stromlinienförmige Gestalt und das Durchdachte und Strapazierfähige ihres Aufbaus. Das Wort »beflügeln« kommt mir in den Sinn und tatsächlich wird etwas in mir emporgehoben, je länger ich die Feder anschaue. Mein Auge streift an den zarten Rändern ihrer geschwungenen Form nach oben bis zur fein auslaufenden Spitze – und lässt mich abheben zu Gedankenflügen über Fragen der Entstehung dieses Wunderwerks, die auf keinen letzten Grund treffen. Ich muss da keinen »Gott« als Schöpfer annehmen, denn das wäre ja nur wieder eine Metapher, die nichts erklärt. Ich begnüge mich mit dem »Geschmack des Unendlichen«, der für den Theologen Friedrich Schleiermacher ein wichtiges Charakteristikum einer undogmatischen und zeitgemäßen Religiosität war.

Beim Betrachten der Vogelfeder oder eines besonders interessant geformten Steines fallen mir auch Sätze anderer Künstler ein, die mir in meiner Betrachtung weiterhelfen. Goethe etwa hatte das Empfinden, dass »jeder neue Gegenstand, wohl beschaut« ein »neues Organ« in ihm aufschließe und Rainer Maria Rilke dichtete: »Die Dinge singen hör ich so gern.«3 Joseph Beuys, der in seiner letzten Rede den Einfluss des Bildhauers Wilhelm Lehmbruck auf sein Werk rühmte, sagte, dass ihm vor dessen Plastiken plötzlich klar geworden sei: »Alles ist Skulptur.« Daraufhin habe er in der Skulptur ein kleines Glühen gesehen und den Satz gehört: »Schütze die Flamme!« War Beuys von Gedanken der jüdischen Kabbala beeinflusst, die in jedem Ding einen »göttlichen Funken« erblickt? Der Religionsphilosoph Martin Buber hat faszinierende Formulierungen für diese Form der Spiritualität gefunden, die unser herkömmliches Wahrnehmen stark herausfordert. Er sprach davon, dass selbst Wasserlachen, Steine und niedere Gewächse »Seelenfunken« enthielten, die der Erlösung durch den Menschen harren:

»Überall sind die Funken eingetan. Sie hängen in den Dingen wie in versiegelten Brunnen, sie ducken sich in den Wesen wie in zugemauerten Höhlen, sie atmen Bangigkeit aus und Dunkel ein, sie warten; und die im Raume wohnen, schwirren wie lichttolle Falter um die Bewegungen der Welt umher, schauend, in welche sie einkehren könnten, durch sie gelöst zu werden. Alle harren sie der Freiheit.«

Jeder Funke in einem Gestein oder Gewächs – so Buber – sei eine »völlige Gestalt, die in der Mitte des Dinges wie in einem Block sitzt, daß Hände und Füße sich nicht strecken können und der Kopf auf den Knien liegt.«4

Ist also jede liebevolle, aufmerksame und vertiefende Wahrnehmung bereits ein Akt spiritueller Erlösung dieser verborgenen »Gestalt«? Diesen berührenden Bildern liegt die Auffassung der Kabbala zugrunde, wonach Gott am Anfang der Schöpfung ein so gewaltiges Licht ausstrahlte, dass nichts in seinem Wirkungsbereich eigenständig wachsen konnte. Obwohl er sich fast vollständig zurückzog, blieb sein Licht noch so stark, dass die langsam entstehenden Lebensformen – in der Kabbala »Schalen« genannt – zerbrachen und ihre mit Lichtfunken behafteten Scherben in alle Himmelsrichtungen davonstoben. Heute, so glauben die jüdischen Mystiker, finden wir diese funkelnden Scherben immer noch und überall, auch am Wegesrand, und der wirklich nach Spiritualität suchende Mensch muss sie auflesen und neu zusammenfügen. Mehr Alltagsspiritualität geht eigentlich nicht, weshalb mich diese Art der Theologie immer besonders beeindruckt hat. Doch bin ich solchen Ansprüchen eigentlich gewachsen, wenn ich einen interessant geformten Stein oder eine Vogelfeder am Küchenfenster betrachte? Auch wenn ich nicht sofort etwas »Göttliches« darin sehe, so kann ich doch immer wieder üben, darin mehr zu erblicken als nur das, was sich in bestimmten Funktionen erschöpft. Je genauer ich hinschaue und mich von dem Gegenstand ansprechen lasse, desto tiefere Bedeutungsschichten enthüllen sich, die – nach dem Dichter William Blake – eigentlich ins Unendliche reichen, wenn wir nur die »Pforten der Wahrnehmung« reinigten.5

Aber ich wollte ja eigentlich frühstücken und schaue mich nach weiteren Dingen auf meinem Tisch um. Ich greife zu dem ovalen weißen Objekt, das wir »Ei« nennen, pelle es und esse es mit Genuss. Doch plötzlich frage ich mich: Was hielt ich da eigentlich in den Händen? Einerseits etwas sehr Alltägliches, das im Supermarkt in vielen Preisklassen zu haben ist, verpackt in schmucklosen Pappbehältern, die wir gedankenlos in unseren Wagen legen. Aber diese weiße Zauberform wuchs auf wundersame Weise im Leib eines Tieres heran und betört uns durch eine unglaubliche, gleichzeitig feste und zerbrechliche Gestalt. Wenn wir mit dem Finger über ein Ei streichen, staunen wir über die glatte Oberfläche, die sich makellos zu einer Form rundet, die zwar in der Natur noch in anderen Varianten vorkommt, aber nie so perfekt wie hier. Auch Mangos, Kokosnüsse und Mandeln haben diese ovale Gestalt und es gibt indigene Völker, die davon so fasziniert sind, dass sie Objekte danach kategorisieren, ob sie eiförmig sind. Ich bekam einen neuen Blick auf diese Gestalt, als ich einem Museum die eindrucksvollen eiförmigen Skulpturen der Bildhauerin Barbara Hepworth gesehen hatte, die mich immer wieder neu zum Staunen brachten. In vielen Varianten hatte Hepworth die »Innenarchitektur« des Eies zu ergründen versucht, das Geheimnis seiner Form, die ja von einer besonderen Reinheit und Schönheit ist. Sollte man nicht eigentlich zusammenzucken, wenn man eine so wunderbare Form am Rand der Pfanne zerschlägt oder sie mit dem Löffel aufklopft, um an das Eigelb zu kommen? Mein Vater hatte uns Kindern verboten, ein Ei einfach mit dem Messer zu köpfen, das sei barbarisch, wir sollten gefälligst den Plastiklöffel dafür nehmen. Waren aus solchem Respekt früher die Bräuche entstanden, zu Ostern Eier liebevoll zu bemalen oder sie sogar für den Totenkult zu verwenden? Schon vor 2500 Jahren deponierte man in Italien und Griechenland Eier aus Ton oder Bronze in Gräbern von Verstorbenen. Auf einer Amphore aus Apulien aus dieser Zeit sieht man ein zerbrochenes Ei, aus dem die mythologische Figur der Helena wie ein Küken heraussteigt. Eier wurden also auch als spirituelle Symbole gesehen, nicht nur für Fruchtbarkeit, sondern auch für Geburt, Auferstehung und Wiedergeburt. Ein Biologe kann vielleicht sagen, wie ein Ei aus einer befruchteten Zelle heranwächst, aber nicht, warum die Evolution genau eine solche Form ersonnen hat. Ist die Natur also tatsächlich eine »Künstlerin«, wie Goethe vermutete?

Neben dem Ei liegt auf meinem Frühstückstisch die Zitrone, die ich gerne in meinen Tee träufle: ein weiteres Objekt, das wir, gefangen in Alltagsroutine und Zeitstress, oft kaum beachten. Welche sinnlichen Sensationen erwarten uns, wenn wir eine frische Zitrone aufschneiden! Eine bereits von der gelben Farbe angekündigte Frische sondergleichen entströmt dieser Frucht und ein Duft, der uns aufrichtet und in die Glieder fährt. Im Grunde halte ich zwei strahlende Sonnenscheiben in meinen Händen, die meinen Tag im Nu aufhellen. Auch dies eine unvergleichliche Gabe an der morgendlichen Tafel, die ich meistens übersehe oder nur unbewusst wahrnehme. Dasselbe gilt für den Orangensaft, den Honig, das Brot, das ich oft genug gedankenlos in mich hineinstopfe, während die häufig belanglosen Zeitungsmeldungen meine Aufmerksamkeit beanspruchen. Ich habe es mir längere Zeit zur Gewohnheit gemacht, erst mal an den frischen Brötchen zu riechen, die ich gerade geholt habe, und in der Tiefe des Geruchs den Weg zurückzuverfolgen, den sie gegangen sind: zurück zu den formenden Händen des Bäckers, in die Mehlkästen der Mühle und auf das Getreidefeld, dessen Ähren sich im Wind hin- und hergewiegt haben. Dieses vertiefte Geruchserlebnis kann wie ein kleines Morgengebet sein, ein Moment des konzentrierten Innehaltens, in dem ich mich für etwas bedanke, was alles andere als selbstverständlich ist. Wenn in manchen Ländern bei verschiedenen Gelegenheiten noch heute »Brot und Salz« als symbolische Geschenke mitgebracht werden, so erinnert man sich damit an das Kostbare, ja Numinose dieser Naturgaben; in der Antike war mit dem Getreide noch eine Göttin, Demeter, verbunden, die uns an die Heiligkeit der Erde und ihrer Früchte erinnerte.

Ich führe eine Tasse Tee an meinen Mund und halte kurz inne. Immerhin habe ich feinen Darjeeling gekauft, aber als Teebeutel, was natürlich schon eine Sünde ist. Aber die goldgelbe Farbe und der Geschmack dieses außerordentlichen Getränks betören mich schon seit Jahrzehnten und ich möchte es nicht gegen die physisch attackierende Schwärze von Kaffee eintauschen.

Was Tee wirklich bedeuten, wie auch er im Sinne von Rilke »singen« kann, erfuhr ich bei einer japanischen Teezeremonie, die im Hause meiner Freundin Christine abgehalten wurde. Mariko, eine ihrer Bekannten, zelebrierte in aller Ruhe ein Ritual, bei dem es weniger um das Trinken von Tee ging als vielmehr um eine meditative Versenkung in seine weitreichende Aura. Liebevoll ordnete Mariko minutenlang die Utensilien dieser Zeremonie, was uns schon einmal Geduld abverlangte: Ausgepackt wurden Teeschalen, eine schön bemalte Teedose, ein Wasserkessel, ein Bambuslöffel und ein kleiner Besen. Japanische Teehäuser, so erfuhr ich, sind von einem Garten umgeben, in dem die Besucher vor der Zeremonie ruhig umherwandeln, um erst einmal den Alltag abzustreifen. Mit frischem Wasser reinigt man seinen Mund und betritt das Teehaus durch einen etwa ein Meter hohen Kriecheingang, der die gesellschaftlichen Rangunterschiede abstreifen und zu Demut erziehen soll. Dann taucht man ein in den Zauberreigen der Elemente, für den der Tee wie ein Augenöffner wirken soll. Auch die Aktivitäten von Mariko verdeutlichten dies: Auf dem Feuer glühte die Holzkohle, die Teepflanzen repräsentierten die Erde, die mit dem Wasser eine Vermählung einging, während aus dem Teekessel mit musikalischen Klängen das Element der Luft entwich. Wir wurden durch diese Zeremonie wieder eingebunden in das Ganze des Kosmos, erfuhren Ehrfurcht vor den Dingen und der Natur, reinigten unsere Herzen vom »Staub des Alltags« und wurden zu mehr Achtsamkeit und Gelassenheit geführt. Zum »Teemensch« (»chajin«) zu werden bedeutet in Japan, sich zurückzunehmen, das Wohl der anderen zu fördern und noch mehr Schlichtheit und Genügsamkeit zu lernen. Spirituell ist ein solcher Blick auf Dinge des Alltags, weil sie in diesen Momenten zu Verkörperungen von etwas Nichtstofflichem werden können. Wir sehen äußere Formen, aber nach Novalis ist alles Äußere nur »ein in Geheimniszustand erhobenes Inneres«. Ein speziell geformter Stein, eine Feder, das Ei, die Zitrone und die Teepflanze zeigen uns zunächst nur ihre Außenseite, die wir mit unseren Sinnen abtasten. Aber wir vermessen sie ja nicht nüchtern, sondern reagieren seelisch darauf, etwas spricht zu uns aus diesem Gegenüber, genauso wie etwas aus einem Tier oder aus einem Menschen zu uns spricht. Warum sollten alle Dinge um uns herum nicht genauso eine Innenseite haben wie wir selbst, die wir uns ja von außen und von innen kennen? In einen »Geheimniszustand« erhoben ist das Innere der Dinge, weil wir nicht unmittelbar zu ihm vordringen können, es bleibt eigentümlich entrückt und rätselhaft. In allem Körperlichen scheint also etwas Nichtkörperliches verborgen zu sein, in allem Stofflichen schwingt ein Geistiges mit, hinter jeder materiellen Oberfläche liegt ein Tiefenraum des Seelischen. Indigenen Völker ist das seit Jahrtausenden bekannt, doch ihr Weltbild wurde von Anthropologen lange Zeit als »animistisch« und »primitiv« belächelt. Aber vielleicht können gerade sie uns heute etwas lehren, was wir dringend brauchen: den vertieften Innenblick auf das, was uns äußerlich gegenübertritt. Während kleine Kinder noch mit Steinen, Pflanzen und Tieren sprechen, lernen sie bald in der Schule, dass diese aus Atomen bestehen und alles andere nur subjektive Annahmen sind. Die »eigentliche Wirklichkeit« soll den Naturwissenschaftlern vorbehalten bleiben, die mit objektiven Messwerten angeblich durchdringen zu dem, was »real« ist. Wir dürfen unsere Empfindungen und Fantasien zwar privat oder im Bereich der Kunst ausleben, aber mit der Welt der »harten Fakten« haben sie – laut offizieller Meinung – eigentlich nichts zu tun. So sieht die Grundlage unserer westlichen Kultur seit etwa 400 Jahren aus: ein extrem einseitiger Blick, den dieses Buch durch Übungen zur »Spiritualität des Alltags« zu erweitern versucht.

WAS IST EIN BAUM?

Nach dem Frühstück mache ich einen Spaziergang durch den Park vor meinem Haus, in dem viele schöne alte Bäume stehen. Zu jeder Jahreszeit wirken sie mit einer ganz eigenen Majestät auf mich: im Frühling mit ihren zarten Knospen, im Sommer mit ihrem üppigen Grün und im Winter mit dem abstrakten Schwarz-Weiß ihrer schneebedeckten Äste, das ihnen noch einmal ein ganz anderes Aussehen gibt. Neuerdings übernachten auch Obdachlose und Flüchtlinge in meinem Park, Reste von Schlafsäcken, Matratzen und Lebensmitteln liegen in den Gebüschen herum, manchmal auch Spritzen von Drogenabhängigen. Die momentane Weltlage scheint nicht günstig für Übungen zu sein, die die Spiritualität des Alltags vertiefen wollen. Oder ist es gerade umgekehrt? Die meisten Menschen im Park scheinen die alten Bäume nicht bewusst wahrzunehmen: Spaziergänger, Jogger und Hundebesitzer laufen an den würdevollen Riesen vorbei, die mit ihrer Ruhe schon vielen Stürmen getrotzt haben. Einige telefonieren beim Gehen mit einem Headset und die Läufer schauen auf die Fitnesstracker an ihrem Arm, die ihre Schritte zählen sowie Kalorienverbrauch, Puls und Herzfrequenz. Die Hundebesitzer lieben es, sich mit anderen Hundebesitzern