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Das Buch enthält Asbecks Märchen "Der Glückspilz", "Die alte Kuckucksuhr", "Purzel sucht den Frühling", "Der Drache im Sumpf", "Mucki-Pucki", "Die Quelle im Walde" und "Zwergkönig Nick". Gleich mehrere der Märchen, so schon die Titelgeschichte, handeln von Mucki-Pucki, dem "König der Pilze", hinter dem sich ein Waldgeist verbirgt, der in manchem – wenngleich nicht in der Größe – an Rübezahl erinnert: "Ihm zur Seite lag im Grase ein winziges Männlein. Es mußte uralt sein, denn sein Gesicht bestand aus lauter Runzeln und Falten. Im Sommer war es grün gekleidet. Selbst sein Antlitz, die Augen und der lange Bart nahmen dann diese Farbe an, so daß niemand es von seiner Umgebung zu unterscheiden vermochte. Es hieß Mucki-Pucki und war ein Waldgeist, der guten Menschen gern Beistand gewährte, schlechten aber mancherlei Schabernack spielte." Während sich die meisten der Märchen, wie etwa "Die alte Kuckucksuhr" und "Purzel sucht den Frühling", sehr gut als Vorleselektüre für Kinder eignen, sind andere, wie etwas das historisierende "Der Drache im Sumpf" eher Märchen für Erwachsene. In allen aber entfaltet sich eine faszinierende, fremde und doch so vertraute Märchenwelt, die wehmütig berührt und fesselt.-
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Seitenzahl: 154
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Von Wilhelm Ernst Asbeck
Saga
Der Glückspilz und andere Märchen
German
© 1947 Wilhelm Ernst Asbeck
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711517888
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Meinen lieben KindernErna und Gertrudgewidmet
Es war einmal ein wilder, weiter Wald, in dessen Mitte sich eine Lichtung befand. Hier wohnten viele kleine Pilze. Alle trugen ein rotes Käppchen, aber einer unter ihnen überragte alle anderen an Größe, auch trug er einen scharlachroten Mantel und auf seinem Haupt ein rotes Krönlein mit weißen Tupfen. Er war der König der Pilze, und wem er wohlgesinnt war, vermochte er Glück zu spenden. Ihm zur Seite lag im Grase ein winziges Männlein. Es mußte uralt sein, denn sein Gesicht bestand aus lauter Runzeln und Falten. Im Sommer war es grün gekleidet. Selbst sein Antlitz, die Augen und der lange Bart nahmen dann diese Farbe an, so daß niemand es von seiner Umgebung zu unterscheiden vermochte. Es hieß Mucki-Pucki und war ein Waldgeist, der guten Menschen gern Beistand gewährte, schlechten aber mancherlei Schabernack spielte.
Unweit dieses Forstes befand sich ein Dorf. Es war in ein liebliches Tal inmitten baumbestandener Höhenzüge gebettet. Ein munteres Bächlein schlängelte sich hindurch, das mit lustigen Sprüngen über Steine und Felsgeröll setzte, und in dessen klarem Wasser Forellen wie Silberstreifen vorüberhuschten. An diesem Bach stand eine alte Mühle, die sich seit grauen Zeiten vom Vater auf den ältesten Sohn vererbt hatte.
An einem schönen Sommertag kam ein Bauer mit seinem Esel, der zwei prallgefüllte Säcke trug, von der Höhe zum Tal hernieder. Er wunderte sich nicht wenig, keine Seele im Dorf anzutreffen; nur von der Mühle klangen Geigentöne an sein Ohr, und eine Stimme sang ein altes Volkslied dazu. Er konnte sich schon denken, wer dort spielte und sang. Richtig, auf einem Mühlstein saß der Fiedelfritz und ließ den Bogen über die Saiten streichen, daß es eine Lust war, ihm zuzuschauen.
Dem Esel schien die Sache absonderlich. Er stieß ein langes „I“ hervor, fügte dann aber bewundernd sein „Ah“ hinzu.
Der junge Müllerssohn fuhr aus seinen Träumereien empor, legte sein Instrument beiseite, liebkoste den Grauen und reichte alsdann dem Besucher beide Hände, indem er ausrief: „Willkommen Lindenbauer!“
„Grüß Gott, Fiedelfritz, ganz allein auf weiter Flur?“
„Ihr müßt wissen, heut ist ein großer Festtag. Bruder Peter kehrt heim. Fünfzehn Jahre ist er fortgewesen, auf der Universität. Medizin hat er studiert. Nun hat er es aber geschafft und ist Doktor geworden!“
„So, so, hm, was lange währt, wird endlich gut. Und du? Du siehst doch auch nicht aus, als seiest du mit dem Dummbeutel geklopft.“
„Für einen von uns beiden reichte das Geld nur, und da der Peter der ältere ist, so hat Vater ihn auf die Hohe Schule geschickt und mich Müller werden lassen.“
Der Lindenbauer sah Fritz sonderbar an, runzelte die Stirn ein wenig und sagte: „So, so, ich dachte, was dem einen recht ist, sei dem anderen billig. Na, mir kann es ja gleich bleiben. Hier sind zwei Sack Korn, die ich gemahlen haben möchte.“
„Soll geschehen,“ antwortete Fritz, nahm die beiden Säcke und trug sie in die Mühle. Als er wieder ins Freie trat, wollte der Lindenbauer gerade davongehen. Fritz stieß einen Seufzer aus.
„Denkt Euch, ich bin noch nie aus unserem Dorf herausgekommen!“
„Ne so was! Ich mein: es müßt ein schlechter Müller sein, dem niemals fiel das Wandern ein!“
„Solange der Peter fort war, mochte ich es meinen Eltern nicht antun, sie allein zu lassen. Aber er wird ja jetzt im Dorf bleiben, und dann hoffe ich wandern zu dürfen.“
„Merk dir’s, Fritz: ein tüchtiger Spielmann ist überall gern gesehen, und wenn dich dein Weg zum Lindenhof führen sollte, vergiß nicht, mich zu besuchen! — Gelt, Grauer, auch der armen, kranken Trina würde eine Aufmunterung guttun?“
Der Esel blickte traurig drein, nickte mit dem Kopf und schrie gar kläglich „I - ah!“
„Ach, Eure Trina ist krank?“ fragte Fritz voller Teilnahme.
„Ja. Schon seit vielen Jahren.“
„Wenn ich Euch nur helfen könnte, wie gern würde ich’s tun!“
„Ach, Fritz, da kann kein Mensch mehr helfen. Gelt, Grauer?“
Der Esel schrie aus Leibeskräften: „I - ah! I-ah! I-ah!“ hob den Vorderfuß und deutete auf den jungen Müller.
„Ne so was! Der Graue meint, durch dich könnte der Trina geholfen werden!“
„Er wird den Bruder Peter gemeint haben.“
Langohr schüttelte energisch mit dem Kopf und zeigte erneut auf Fritz.
„Esel sind kluge Tiere! Da siehst du es selbst! Es sollte kein Schimpf, sondern ein Lob sein, wenn ein Mensch den anderen einen Esel nennt,“ sagte der Lindenbauer, und sein Grauer rief voller Begeisterung: „I-ah! I-ah! I-ah!“
Fiedelfritz blickte beiden sinnend nach, er wurde aber bald durch das Posthorn aus seinen Träumereien gerissen, und gleich darauf erscholl großer Jubel. Es währte nicht lange, und die ganze Dorfbevölkerung eilte herbei, in ihrer Mitte Doktor Peter und das Müllerpaar.
Fritz betrachtete den Bruder. Nein, der wollte ihm gar nicht gefallen. Er trug die Nase so hoch, als sei er ein Königssohn, und seine Kleidung war bunt und auffällig und paßte gar nicht in diese Umwelt hinein.
Jetzt pflanzte sich der dicke Dorfschulze recht breitbeinig vor dem Angekommenen auf.
„Herr Doktor,“ begann er, „es ist uns eine große Ehre, daß er, sozusagen, aus uns hervorgegangen ist. Wir alle wissen, wie gewissenhaft unser Peter schon als Schuljunge gewesen ist.“
„Jawohl,“ fiel ihm der spindeldürre Schulmeister ins Wort, „ich als Peters Lehrer kann es bezeugen: wozu andere Jungen ein Jahr brauchten, hatte er deren drei bis vier nötig!“
„Nun ist’s aber genug!“ rief Peter. „Schert euch nach Haus! Glaubt ihr dummen Bauern, ich habe so viel Weisheit gesammelt, um sie bei euch zu verschwenden? Ich werde künftig nur noch an Fürsten- und Königshöfen weilen!“
Der Schulze wollte dem aufgeblasenen Burschen gerade über den Schnabel fahren, als dreimalige Trompetenstöße ertönten, und auf reichgezäumtem Pferd ein Herold erschien. Er entfaltete ein Pergament und verkündete mit lauter Stimme:
„Unser Landesherr, König Gundermann, tut hiermit kund und zu wissen, daß sein Töchterlein, Prinzessin Goldhaar, schwer erkrankt ist. Sie lacht nicht, tanzt nicht, singt nicht und kann sich an nichts erfreuen. Wer da glaubt, dem Prinzeßlein wieder ein Lächeln auf die Lippen zaubern zu können, ist am Königshof willkommen, und wenn es der Geringste unter des Königs Untertanen wäre. Sollte jemand dem Prinzeßlein den Frohsinn wiederschenken, so erhält er einen Sack, gefüllt mit blanken Goldstücken, und findet Goldhaar Gefallen an ihm, soll er sogar des Königs Eidam werden!“
Kaum hatte der Herold seine Botschaft vorgelesen, als Peter ausrief: „Das ist mein Fall! Ich werde des Königs Eidam werden!“
Der Schulze war entschieden anderer Ansicht, lachte geringschätzig und entgegnete: „Du des Königs Eidam? Nichts kannst du, als prahlen!“ und zum Müller gewandt, fügte er hinzu: „Wegen der fälligen Pacht spreche ich nachher bei Euch vor.“ Dann ging er ohne Gruß davon, und alle Dorfbewohner folgten ihm.
Der Müller schüttelte betrübt den Kopf. Nun, nachdem sich die Menschen verlaufen hatten, fand auch Fritz endlich Gelegenheit, seinen Bruder zu begrüßen. Er wurde sehr von oben herab abgefertigt.
„Komm, mein Junge,“ sagte die Müllerin, „die beste Stube haben wir für dich eingeräumt.“
Peter machte eine abwehrende Bewegung. „Ich muß euch gleich wieder verlassen, damit mir niemand an König Gundermanns Hof zuvorkommt. Aber ihr versteht, bei Hofe muß ich standesgemäß auftreten, das kostet viel Geld, viel Geld!“
Der Müller kratzte sich hinter den Ohren. Er beteuerte, daß er kein Geld mehr habe, ja, sogar die Mühle verkaufen mußte und jetzt nur noch Pächter sei.
„Nun,“ antwortete Peter, „so muß ich mich mit der im Hause befindlichen Pachtsumme begnügen.“
Davon wollte der Müller nichts wissen, und auch Fritz bestand darauf, daß der Schulze zu seinem Recht kommen müsse. Peter wußte aber seine Eltern zu überreden, indem er ihnen vorhielt, sie würden den Betrag in Kürze zurückerhalten und dürften ihm doch solcher Kleinigkeit halber seine glänzende Zukunft nicht verderben. Kaum hatte er jedoch den gefüllten Beutel in der Hand, so sagte er hastig Lebewohl und machte sich eilends aus dem Staube.
Es währte nicht lange, und der Schulze trat ins Zimmer. Als er erfuhr, daß Peter mit der Pacht auf und davongegangen sei, ward er fuchsteufelswild und rief: „Bis der Peter den Betrag zurückzahlt, würde ich warten können, bis Ostern und Pfingsten auf einen Tag fallen! Darauf lasse ich mich nicht ein. Oft genug hat’s mich geärgert, wie ihr eurem Ältesten immer mit vollen Händen gegeben habt und für euren Jüngsten nichts übrig hattet.“
Da zeigte Fritz auf seine Fiedel, beruhigte den Schulzen und erzählte, wie der Lindenbauer ihm gesagt habe, einem Spielmann stehe die ganze Welt offen. Er wolle jetzt hinausziehen. In Jahresfrist käme er wieder, bis dahin möge sich der Schulze noch gedulden. Nach einigem Zögern war der mit dem Vorschlag einverstanden, und am anderen Morgen, bei Sonnenaufgang, trat Fiedelfritz frohen Herzens seine Wanderschaft an.
Kehren wir zu Peter zurück. Er marschierte hocherhobenen Hauptes, ohne auch nur einen der Dorfbewohner anzusehen oder zu grüßen, durch seinen Heimatort. Als er einige Stunden rüstig ausgeschritten hatte, kam der große, weite Wald in Sicht. Gern würde er einen anderen Weg gewählt haben, denn er wußte, daß es dort nicht recht geheuer war, und allerlei spukhafte Geister ihr Wesen treiben sollten. Ihm blieb jedoch keine Wahl, wenn er zu König Gundermanns Hof wollte, so mußte er durch diesen tiefen Forst.
Um sich Mut einzuflößen, stimmte er wüste Lieder an, und da er vierzehn Jahre studiert hatte, war er darin besser bewandert als in der medizinischen Wissenschaft. Zum Takt schwang er seinen dicken Knotenstock und schlug bei der Gelegenheit Zweige von den Bäumen und den am Saumpfad wachsenden Blümchen die Köpfe ab.
Die Vöglein flatterten erschreckt in die Gipfel der Buchen und Tannen, und das Wild flüchtete entsetzt in das dichteste Unterholz.
Der wüste Gesang drang bis zu des Pilzkönigs und Mucki-Puckis Ohren. „Wer stört denn in so frevelhafter Weise die heilige Stille des Waldes?“ fragte er entrüstet.
„Das muß ein schlimmer Bursche sein!“ antwortete das Männlein mit dem Krönchen.
„Na warte, dem werde ich heimleuchten!“ sagte der Waldgeist und stellte sich hinter einen dicken Stamm.
Die kleinen Pilze, die eben noch einen lustigen Reigen aufgeführt hatten, blieben vor Schreck wie gebannt stehen.
Auch Peter stockte plötzlich mitten im Lauf. Er hielt die Hand vor Augen und sprach:
„Da mein ich doch eben ganz deutlich gesehen zu haben, wie lauter kleine Pilzmännlein auf einem Bein tanzten, und wie ich gerade richtig zugucken will, ist alles vorbei. Das ist doch zu dumm!“
Mucki-Pucki rief aus seinem Versteck: „Du dumm!“
Peter sah sich erstaunt im Kreise um, da er aber niemand entdecken konnte, fragte er: „Wie war das? Ich dumm? Ist hier jemand, der mich narrt?“
„Na wart!“ tönte es zurück.
„Bleib er mir gewogen!“ schrie Peter voller Zorn.
„Gelogen!“ gab Mucki-Pucki prompt Bescheid.
„Meint er mich?“
„Ja, dich!“
Ganz entsetzt entfuhr es Peter: „Wie, er weiß, daß ich gelogen?“
„Und betrogen!“ ward ihm zur Antwort.
Peter wurde die Sache unheimlich. Er fragte voller Furcht: „Das weiß er auch?“
„Das auch!“ rief Mucki-Pucki, der seinen Spaß daran hatte, dem üblen Burschen einen kräftigen Denkzettel zu geben. Dem schlotterten bei seinem schlechten Gewissen vor Angst die Knie, und gar kläglich kamen ihm die Worte über die Lippen: „Aber das weiß doch keiner!“
Der lustige Waldgeist erwiderte übermütig:
„Doch einer!“
Nun packte den Wichtigtuer die Wut „Ah, jetzt habe ich die Richtung der Stimme heraus!“ schrie Peter.
Vor dem Pilzkönig blieb er stehen, hob drohend seinen dicken Knotenstock und schimpfte: „Da hab ich also den Frechdachs! Warte, mein Junge, das soll dir schlecht bekommen!“ und ehe das Pilzlein sich dessen versah, schlug er ihm das Krönlein vom Kopf.
„Halt ein! Halt ein! Schlag mich nicht! Wenn du mich ferner schlägst, verscherzt du dein Glück, ich bin nämlich der Glückspilz!“
Peter lachte höhnisch auf: „Ein Hanswurst bist du!“ Schwuppdiwupp, da lag das arme Pilzlein hilflos am Boden und rief: „Nun hast du dein Glück verscherzt!“
Der Grobian lachte den Ärmsten noch aus und verspottete ihn, hatte aber nicht bemerkt, daß sich Mucki-Pucki auf den Boden geworfen hatte, und stolperte nun über den Grünen. Der hielt den der Länge lang Hingefallenen am Hosenboden fest und zog ihm den Beutel mit Geld aus der Tasche, den er ins Gras warf. Ehe Peter recht wußte, was geschehen war, hatte sich Mucki-Pucki aus dem Staube gemacht.
Mühsam erhob sich Peter. Sein Knie schmerzte. Er humpelte. „Ich bin in einen Zauberwald geraten und wurde verhext,“ schrie er kläglich, „ach, wär ich erst mit heiler Haut hier heraus!“
„Raus! Raus! Raus!“ tönte es ihm von allen Seiten entgegen. Er lief so schnell er es nur vermochte. Der Wind fuhr durch die Bäume und pfiff ihm ein lustiges Lied, und alle Zweige schlugen auf Peters Rücken den Takt dazu. Als er endlich das Ende des Forstes erreicht hatte, war er grün und blau geprügelt und konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten.
Am anderen Tag hallte eine helle, fröhliche Stimme durch Busch und Laub, und die Klänge einer Fiedel begleiteten sie. Lauter liebe alte Volkslieder erklangen.
Alle Vöglein und alles vierbeinige Getier wurden angelockt und begleiteten den Wanderer, und die Pilzlein hüpften im Kreise herum, daß es eine helle Freude war, ihrem Reigen zuzuschauen. Als der Fiedelfritz — denn wer sollte es sonst wohl sein? — das sah, setzte er den Bogen an und spielte: „Ein Männlein steht im Walde“, und da tanzten die kleinen Rotkäppleinträger noch einmal so munter darauf los.
Mitten im Spiel stockte Fritz. Er sah den hilflos am Boden liegenden Pilzkönig, richtete ihn sorgsam auf, holte auch das Krönlein herbei und setzte es ihm aufs Haupt.
„Bist du ein hübsches Kerlchen,“ sagte er, „schaust wie ein König aus!“
„Ich bin doch auch der König aller Pilze, und da du mir, einem Glückspilz, geholfen hast, wirst du selber künftig vom Glück begleitet sein!“
Kaum waren die Worte gesprochen, da stieß Fritzens Fuß gegen etwas Hartes, und wie er es aufhob, hatte er den Beutel mit der Mühlpacht in Händen. Aber statt sich zu freuen, machte er ein betrübtes Gesicht und sagte: „O, ich Unglücksrabe, kaum habe ich meine Wanderung begonnen, schon muß ich wieder umkehren!“
„Warum denn?“ fragte Mucki-Pucki.
„Ich muß doch die Pacht im Hause abliefern!“
„Dummbart, das hat doch ein volles Jahr Zeit!“
Das leuchtete Fritz ein. Daran hatte er gar nicht mehr gedacht.
Nun kam der Pilzkönig angehüpft und sprach: „Mein lieber Junge, weil du gut und hilfreich zu mir gewesen bist, möchte ich auch dir eine Freude bereiten. Wie denkst du darüber, wenn künftig jeder nach deiner Fiedel tanzen muß, so oft du es wünschest?“
„Das wäre freilich die lustigste Sache der Welt,“ entgegnete Fiedelfritz, aber es klang ein wenig ungläubig.
Das Pilzlein hörte wohl den Unterton heraus und meinte: „Versuch’s nur einmal!“
Das ließ Fritz sich nicht zweimal sagen, er setzte die Fiedel an, spielte eine lustige Weise und rief: „Ich wünsche, daß alle Bewohner des Waldes einen Reigen nach meiner Melodie tanzen!“
Da entstand plötzlich auf der Lichtung ein buntes Gewimmel; aus den Blumen schlüpften zierliche Elfen, alle Käfer und Insekten eilten herbei, Rehe, Hirsche, Füchse, Wildschweine, Dachse, Hasen kamen gelaufen, und in der Luft schwirrten die Vögel. Mucki-Pucki hatte das Pilzköniglein umgefaßt und eröffnete mit ihm den Reigen.
Ei, war das ein fröhliches Drehen und Wiegen, und alle summten, surrten oder brummten, so gut sie es vermochten, zum Takt der Geige die lieben alten Kinderliederweisen, die der Fritz unermüdlich aufspielte.
Endlich wurde ihm der Arm lahm, und er setzte den Bogen ab. Alle dankten ihm und behaupteten, so schön hätten sie nie zuvor getanzt und baten, er möge doch bei ihnen bleiben. Da auch der Pilzkönig und Mucki-Pucki ihn einluden, ihr Gast zu sein, so willigte er gern ein. An jedem Morgen lachte die Sonne und freute sich zu dem lustigen Treiben in der Waldlichtung.
Wie lange Fiedelfritz dort geweilt hatte, vermochte er nicht zu sagen, denn die Tage vergingen ihm wie ein schöner Traum. Als er endlich aufbrach, begleiteten ihn alle Bewohner des Waldes und wünschten ihm Glück.
„Daran wird es ihm nicht fehlen,“ sagte Mucki-Pucki, „denn wen das Glückspilzlein begleitet, dem kann kein Unglück zustoßen!“
Und wirklich, der kleine Pilzkönig wich künftig nicht mehr von Fritzens Seite, er begleitete ihn, wohin er immer den Fuß setzen mochte.
Kehren wir zurück zum Peter. Am zweiten Tag seiner Wanderung war er abends hungrig und durstig auf dem Lindenhof eingekehrt und von dem gutherzigen Bauer aufs beste bewirtet worden. Als Peter sah, daß er sich hier an einem Ort befand, an dem Wohlstand herrschte, und obendrein hörte, Trina, die Bäuerin sei krank, da lachte ihm das Herz im Leibe, denn er hoffte, den guten Leuten manches Goldstück aus der Truhe locken zu können.
Ein voller Monat war ins Land gegangen, da saß eines Morgens der Bauer mit seiner Frau auf der Rundbank unter der großen Linde. Die Pfeife war längst ausgegangen und hing ihm schief im Mundwinkel, ein untrügliches Zeichen, daß er schlechter Laune war.
„Trina,“ begann er, „ich war so froh, als der Doktor zu uns kam, und glaubte seinen hochtönenden Versprechungen. Geholfen hat er nicht, stattdessen läßt er sich das Beste aus Küche und Keller geben, trinkt uns unseren Wein aus und prahlt, er sei es gewohnt, an Fürsten- und Königshöfen zu verkehren. Ich glaube, er ist nichts als ein Windbeutel!“
„Das habe ich längst festgestellt, aber weil du so große Hoffnung auf seine Heilkunst setztest, wollte ich sie dir nicht rauben,“ sagte die Bäuerin.
Peter, der unbemerkt herbeigekommen war, wurde unfreiwillig Zeuge dieser Unterredung. Er setzte eine hochmütige Miene auf, trat hervor und sprach:
„Undank ist der Welten Lohn, ich will aber nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Wenn du auch kein gebildeter Mann bist, Lindenbauer, so viel mußt du doch verstehen, daß man nicht in einem Monat heilen kann, was in hundert Monaten versäumt wurde. Ihr braucht jedoch deswegen nicht den Kopf hängen zu lassen, denn ich habe meine Nachtruhe geopfert und aus den kostbarsten und heilkräftigsten Kräutern des Orients einen Wundertrank gebraut, der unfehlbar hilft. Ich will ihn Euch für ein Spottgeld überlassen, nur ein lumpiges Goldstück sollt Ihr dafür bezahlen.“
Ganz langsam erhob sich der Lindenbauer von seinem Sitz: „So, so, Herr Doktor, nur ein ‚lumpiges‘ Goldstück? Nun, da will ich Euch lieber in frischgeschlagener Münze zahlen!“ Sprachs, holte einen dicken Eichenknüppel hervor und gerbte dem Peter nicht übel das Fell, indem er rief: „Da, Herr Beutelschneider, frischgeschlagene Münze!“