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Cargo, Solon, Surho, Aramas und Shiron haben es geschafft. Sie konnten den goldenen Brustpanzer vor der Schwarzen Armee finden und ihre Reise fortsetzen. Nun geht es in die Wüste, um dort nach dem goldenen Schwert zu suchen. Mit dem Brustpanzer kein Problem, glaubt Cargo und erkennt schnell, dass er sich getäuscht hat. Nicht nur, dass sie den Brustpanzer nicht benutzen können und die halbe Welt hinter ihnen her ist um an ihn zu kommen, sie müssen sich auch noch mit Aramas dunklem Geheimnis und einem gefährlichen Orden herumschlagen.
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Seitenzahl: 296
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Band 2
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
„Bist du sicher, dass wir es nicht besser lassen sollten?“, fragte Arbor, der alte Schamane von Barstaras und sah ein wenig unsicher auf die kleine Flasche, die sein Kollege in der Hand hielt.
Es war nicht zu überhören, dass er von Cargo Calligis Idee nicht gerade überzeugt war. Dieser hielt in diesem Moment eine kleine Flasche in der Hand, in der sich eine zähe, bernsteinfarbene Flüssigkeit befand und war über eine kleine Schüssel gebeugt.
„Ja! Sie sollten ein wenig mehr Vertrauen in mich haben.“, versicherte Cargo nun sicher schon zum sechsten Mal, obwohl ihm selbst der Schweiß über die Stirn lief. „Ich weiß, was ich tue. Das Harz wird das Nudibranch sicher noch viel strapazierfähiger machen!“
„Du vertraust zu viel darauf, dass alles so funktioniert wie du es dir vorstellst!“, erwiderte Arbor misstrauisch. „Dein Nudibranch ist bei den letzten Versuchen wegen dem Harz fast explodiert. In den vielen Jahren, in denen ich schon für Königin Betula Tränke herstelle, habe ich gelernt, dass dieses Harz eine überaus riskante Zutat ist.“ Cargo stöhnte innerlich auf. Er hatte nicht vor zu bestreiten, dass Arbor im Laufe seines langen Lebens eine unheimliche Weisheit angesammelt hatte, aber allmählich nervte es, dass der alte Schamane so wenig Vertrauen in ihn hatte. Es stimmte zwar, dass es bei den letzten Versuchen überaus knapp gewesen war, aber Arbor konnte sich nicht erwarten, dass sie die richtige Menge auf Anhieb finden würden. Vor ein paar Tagen hatten sie zwar zusammengearbeitet, um die königliche Armee von Barstaras mit waffenfähigen Elixieren auszustatten, aber schon da hatte ihn Arbor mehr als seinen Assistenten betrachtet.
Nachdem Cargo von einer besonderen Substanz gehört hatte, die es nur in Barstaras gab, war er sofort auf die Idee gekommen, ein kleines Experiment zu wagen. Cargo nahm eine Hand voll Pulver aus einem kleinen Säckchen und schüttete es in die Flasche. Nachdem er sich ein wenig in der Stadt umgesehen hatte, hatte er festgestellt, dass die vielen Baumhäuser von einem unwahrscheinlich strapazierfähigen Harz an den Bäumen gehalten wurden, das aus einem besonderen Baum gewonnen wurde, der nur in Barstaras wuchs. Cargo war ein Alchemist, ein Mensch, der mit verschiedenen Substanzen, Mineralien und Pflanzen Tränke herstellen konnte, die magische Fähigkeiten besaßen. Dieser Beruf war auch der Grund gewesen, weswegen er vor ein paar Tagen zu einer Mission auf das Schloss Ignis geholt worden war (Das, und die Tatsache, dass man ihn für einen Spion gehalten hatte, aber damit hatte er sich mittlerweile abgefunden).
Jedenfalls war ein Trank in seiner Ausrüstung ein so genannter Nudibranch, der sich bei Luftkontakt ausdehnte und zu einem, beinahe unzerreißbaren, Schleim wurde, der sich allerdings auflöste, wenn er mit Wasser in Berührung kam. Dieser Trank hatte sich schon sehr oft als überaus nützlich erwiesen.
Baumharz war auch eine wichtige Zutat, die der Nudibranch benötigte. Deswegen hatte Cargo sich eine Flasche von dem Harz besorgt und stand nun im Alchemieraum von Arbor, dem Schamanen von Barstaras, über eine Schale blauer, wabernder Flüssigkeit gebeugt, um das Nudibranch mit einem Harz zu verstärken, das sogar in der Lage war, Häuser zusammenzuhalten. Doch der Besitzer dieser, nicht ganz unbeachtlichen Einrichtung, war bisher noch nicht überzeugt von der Idee und das zurecht, denn immerhin war diese Schale der fünfte Versuch und die Flasche mit dem vollkommen reinen Baumharz fast leer. Die Dosierung war bei diesem speziellen Harz offenbar eine andere, und so blieb Cargo nichts anderes übrig, als zu raten, was er vor dem uralten Magier und Alchemisten niemals zugegeben hätte.
„Wenn irgendetwas schon wieder nicht so gelingt, hören wir auf! Verstanden?“
Cargo nickte stumm. Er hatte genauso wenig wie der Schamane vor, in seine Einzelteile gesprengt zu werden und er hatte genug Erfahrung, um mit einer ungewollten Reaktion umzugehen. Auch wenn es Arbor vielleicht nicht wusste, war Cargo nun schon seit gut zehn Jahren als Alchemist tätig und für einen Fünfzehnjährigen war das keine schlechte Leistung.
„Dann wollen wir mal! Eins…zwei…drei!“
Mit einem Ruck drehte Cargo die Flasche um, sodass ihr geöffneter Hals auf die Schale zeigte. Langsam rann das Harz aus der Flasche und tropfte in die Schale. Nachdem der Großteil in der Tonschale verschwunden war, legte Cargo die Flasche neben sich auf den Tisch und ging vorsichtig ein paar Schritte zurück. Gespannt starrten sie auf die Schale. Ein paar Sekunden lang passierte nichts, dann kam Bewegung in den zähflüssigen Schleim. Nach dem Hinzufügen des normalen Harzes begannen normalerweise ein paar Blasen aufzusteigen, die zerplatzten und einen fauligen Geruch hinterließen. Danach war das Elixier fertig und konnte abgefüllt werden. Doch so kam es nicht.
Langsam begannen mehrere Blasen mit einem merkwürdigen Zischen vom Grund der Schale aufzusteigen. Gebannt beobachteten Arbor und Cargo wie sich eine Blase nach der anderen durch die zähflüssige Flüssigkeit kämpfte und an der Oberfläche nach ein paar Sekunden zerplatzte. Ein ekelhaft süßlicher Geruch schlug den Beiden entgegen, worauf Cargo angewidert das Gesicht verzog.
„Und?“, fragte Arbor ein wenig skeptisch.
„So sollte das eigentlich nicht laufen.“, murmelte Cargo und beobachtete die Schale.
Immer mehr Blasen stiegen auf und zerplatzten an der Oberfläche, bis das Zeug mit einem Höllenlärm zu brodeln begann. Der unangenehme Geruch bündelte sich nach wenigen Sekunden zu einem gewaltigen Gestank, der Cargo nach Luft schnappen ließ. Er bemühte sich, den merkwürdigen Dampf so wenig wie möglich einzuatmen und versuchte, nach kurzen Atemzügen die Luft anzuhalten. Der gelbe Dampf der Schale hatte sich schon im gesamten Raum verteilt und da Arbors Alchemieraum keine Fenster besaß und nur von ein paar fluoreszierenden Pilzen beleuchtet wurde, steigerte sich der Gestank mit jeder Sekunde.
„Um Himmels…Willen Cargo! Raus mit…der Schale, sofort!“, schrie Arbor keuchend gegen den Lärm des Nudibranchs an. Er hustete stark und keuchte rasselnd nach jedem Atemzug.
Cargo brachte nur ein Nicken zu Stande. Ihm drehte sich alles vor seinen Augen und er musste sich wirklich zusammenreißen, bevor er es schaffte, zur Schale zu stürzen und sie von ihrer Halterung zu nehmen. Mehr stolpernd als laufend schaffte Cargo es zur Tür des Labors. Er riss sie auf und warf die Schale im hohen Bogen vom uralten Baum, auf dessen alten, knorrigen Ästen das mysteriöse Haus des Schamanen errichtet worden war. Seufzend lehnte sich Cargo gegen die äußere Wand des Hauses. Mit langen, tiefen Atemzügen sog er die warme Sommerluft ein, um möglichst schnell den ekelhaften Gestank des Nudibranchs aus seinen Lungen zu bekommen.
„Jetzt reicht es! Wir werden dieses Experiement nicht weiterführen.“, verkündete Arbor hustend und verließ ebenfalls den Alchemieraum.
„Es hätte schlimmer laufen können!“, widersprach Cargo, bevor er von einem heftigen Husten unterbrochen wurde. „Eine kleine Rauchentwicklung zeigt, dass es fertig ist!“
„Dann lauf und sieh nach, ob du recht hast.“, erwiderte der alte Mann und zeigte mit seinem Gehstock auf die Schale, die auf einer Plattform ein ganzes Stück unter ihnen aufgeschlagen war. „Ich sehe in der Zeit zu, dass ich diesen ekelhaften Qualm aus meinem Haus herausbekomme.“
Cargo nickte schnell, stand eilig auf und rannte neugierig zum nächsten Fahrstuhl, der das Haus von Arbor mit der Plattform unter ihnen verband. Von dieser Plattform aus konnte man mit Seilrutschen, Hängebrücken und Fahrstühlen die anderen Plattformen oder Baumhäuser erreichen. Die Technik der Fahrstühle gab es in Barstaras schon seit Ewigkeiten. Entsprechend modern waren die Maschinen, die einen von einer Plattform zur anderen transportierten. Innerhalb weniger Sekunden hatte die hölzerne Kabine Cargos Ziel erreicht. Schnell öffnete er die Holztür, die verhinderte, dass ein ungewollter Ruck den Passagier sein Ziel noch schneller erreichen ließ, als es gewollt war. Die Schale war nicht gerade weit gekommen, sondern lag ungefähr auf der Mitte des Platzes. Neugierig hob Cargo sie auf. Die Schale war in einer wunderschönen, goldgelb glänzenden, ein wenig durchsichtigen Kugel eingeschlossen. Anders als normales Nudibranch, war die Flüssigkeit nicht zu einem lilafarbenen Schleim angeschwollen, sondern hatte sich zu einem festen Klumpen verformt. Er war nicht besonders groß, nicht größer als Cargos Kopf und außer der Tatsache, dass die Ausdehnung nur sehr klein gewesen war, hatte der Klumpen auch sonst wenig mit Nudibranch gemeinsam. Cargo kniff die Augen zusammen. Die Tonschale war vollkommen unversehrt. Das bedeutete, dass der Trank sich im Flug ausgedehnt hatte und sie vor dem Aufprall geschützt haben musste. Trotzdem hatte die Kugel den Aufprall auf dem Plateau ohne einen Kratzer überstanden. Wasser würde diese Art von Nudibranch ganz sicher nicht auflösen können. Cargo drehte die Kugel in seinen Händen und betrachtete sie von allen Seiten. So sehr er auch suchte, dieses Bernsteinzeug schien keinen einzigen Kratzer aufzuweisen. Um seine neue Entdeckung noch einmal zu testen, holte Cargo aus und warf die Kugel so hoch er konnte. Lautlos schoss sie in die Höhe, blieb ein paar Sekunden in der Luft, um dann mit lautem Krachen auf den Holzbrettern zu landen. Erschrocken hob Cargo die Kugel hoch. Tatsächlich! Der Bernstein hatte die Bretter beschädigt! Was er auch immer hergestellt hatte, es schien tierisch hart zu sein. Seine Entdeckung würde sicher später noch einmal nützlich sein.
Stolz nahm Cargo sein Notizbuch mit dem dicken Ledereinband aus seiner kleinen Tasche und schrieb die verwendete Mischung auf. Hoch kompliziert war sie nicht wirklich, da der einzige Unterschied zu normalen Nudibranch das besondere Harz aus dem einzigartigen Baum war. Trotzdem kam es nicht sonderlich oft vor, dass er etwas Neues entdeckte, was sein berühmter Vater nicht vorher schon in das Buch geschrieben hatte. Jede Mischung, die ihm je gelungen war, füllte die vergilbten Seiten des unscheinbaren, kleinen Buches, das er immer in einer kleinen Tasche mit sich herumtrug. Schon sein Vater, der große Alchemist Fang Calligis, hatte mit diesem kleinen Buch gearbeitet und die Mischungen, die er gebraut hatte, auf diese Seiten geschrieben.
Seufzend steckte er das Buch wieder weg, hob den Klumpen wieder auf und machte sich auf den Rückweg. Es war ja schön und gut, dass er eine neue Mischung entdeckt hatte, die ihm sicher noch hilfreich werden konnte, aber sein eigentliches Ziel hatte er nicht erreichen können. Kurz bevor Cargo sich vor zwei Tagen mit den restlichen Soldaten auf den Weg nach Silva Lupus gemacht hatte, um den goldenen Brustpanzer vor der gefährlichen Schwarzen Armee zu retten, hatte Arbor eine Bemerkung gemacht. Er hatte gesagt, dass Aramas nicht die Einzige von ihnen wäre, die über magische Kräfte verfügte. Aramas war eine mächtige Gladiamagierin, die Cargo zusammen mit seinem Freund, dem Schützen Surho, dem General Solon und dem König von Aventana Shiron auf die lange und gefährliche Reise begleitete, um die vier Teile der goldenen Rüstung zu finden, bevor sie der böse Zauberer Erversors in die Hände bekam und mit ihnen die ganze Welt erobern würde.
Der Schamane hatte es jedenfalls bei dem einen Satz belassen und seitdem nicht ein weiteres Wort darüber verloren, was er Cargo anvertraut hatte. Cargo stellte sich in den Fahrstuhl, legte den Klumpen ab und betätigte den Hebel, der dafür sorgte, dass sich die Kabine langsam und gemächlich wieder nach oben bewegte.
Kurz nach ihrer Rückkehr hatte Cargo den alten Mann darüber ausgefragt, wen er gemeint hatte. Aber nachdem Arbor allen Fragen ausgewichen war, hatte er es über einen anderen Weg versucht. Vor einer halben Stunde war Cargo zu Arbor gegangen und hatte ihn um Hilfe bei dem Experiment mit dem Nudibranch gebeten. Auf diese Weise hatte er sich erhofft, irgendetwas aus dem Schamanen herauszubekommen und ihn zum Reden zu bringen, obwohl es ihm nicht leicht gefallen war, so zu tun, als würde er die Hilfe des Schamanen unbedingt brauchen. Vor allem, weil der Schamane Cargos Fähigkeiten als Alchemist nicht besonders respektierte. Doch was das anging, war der Versuch der komplette Schlag ins Wasser gewesen. Wie schon die Versuche davor, hatte sich der alte Schamane geschickt aus den Fragen gewunden und das Thema gewechselt. Somit war jede einzelne Frage unbeantwortet geblieben.
„Und?“, hörte Cargo schon die kratzige Stimme von Arbor. „Was ist passiert?“
Cargo seufzte. Sah man von der neu entdeckten Mischung ab, war sein Versuch, aus dem Schamanen noch einige Informationen zu bekommen, der vollkommene Reinfall gewesen. Nachdem er noch ein paar Mal versucht hatte, aus Arbor ein paar Antworten zu bekommen, hatte Cargo schließlich aufgegeben, Arbor die verwendete Mischung überlassen, sich verabschiedet und schließlich das Feld geräumt.
Nun saß er auf der kleinen Bank vor seinem Baumhaus und betrachtete die acht Soldaten, die unter den neugierigen Blicken einiger Bewohner der Stadt, eine große Holzkiste voller verbeulter Rüstungsteile an einer Seilwinde nach oben zogen. Hier und da rollte ein kleines Stück eines Rüstungshandschuhs oder eines Helmes von dem Haufen und stürzte in die Tiefe, aber das schien die Männer nicht im Geringsten zu interessieren.
Bei diesem Anblick musste Cargo grinsen und seine Laune besserte sich ein wenig. Zu gerne hätte er das Gesicht von Erversors gesehen, als er von der Niederlage der Schwarzen Armee und deren General Secur gehört hatte. Die Schwarze Armee waren die Krieger von Erversors. Wobei es keine normalen Krieger waren. Es waren leblose Rüstungen, die, soviel sie wussten, durch Zauberei von Erversors lebendig gemacht worden waren. Sollten die Rüstungen besiegt werden, fielen sie zwar in sich zusammen, konnten sich aber nach ein paar Sekunden wieder zusammensetzen und kämpfen, als wäre nichts gewesen. Diese Fähigkeit hatte sie am Anfang wie einen unüberwindbaren Gegner aussehen lassen, aber schlussendlich hatte Cargo entdeckt, dass es möglich war, die Rüstung vom Aufbau abzuhalten, wenn man sie entweder so zerstörte, dass sie nicht mehr dazu in der Lage waren, oder sie von ihrem Kopf getrennt wurden. Als er, Surho und Aramas es damals geschafft hatten, den Brustpanzer in ihren Besitz zu bringen, hatte Aramas ihn dazu genutzt, die tobende Schlacht zwischen den Soldaten von Barstaras und der Schwarzen Armee zu beenden. Wobei „beenden“ ein sehr freundliches Wort war, um zu beschreiben, was sich auf der Lichtung zugetragen hatte.
„Morgen Kumpel.“, hörte Cargo plötzlich eine Stimme hinter sich rufen. „Ist das Experiment schon vorbei?“
Cargo erkannte seinen Freund Surho, der gut gelaunt über die Hängebrücke marschierte und sie bei jedem Schritt schaukeln ließ.
„Es war nicht allzu kompliziert.“, log Cargo, zog eine kleine Flasche mit einem orange-gelben Inhalt hervor und präsentierte sie dem Schützen.
Natürlich hatte sich Cargo sofort neues Harz besorgt, eine weitere Flasche des Trankes hergestellt und an seinen Gürtel gehängt, wo sie sich den Platz mit Cargos einfahrbarem Schwert und noch drei anderen Tränken teilte. „Geht es Aramas eigentlich besser?“
„Den Umständen entsprechend schon. Sie kann von Glück reden, dass sie den Brustpanzer getragen hat. Vielleicht hätte sie sogar den Arm verlieren können.“
Der magische Brustpanzer hatte die Fähigkeit, körperliche und magische Fähigkeiten des Trägers, um das Hundertfache zu verstärken.
Aramas hatte die Fähigkeit, Waffen wie Schwerter und Äxte in ihren Händen erscheinen zu lassen und mit ihnen zu kämpfen. Nachdem sie es geschafft hatte, sich den mächtigen Brustpanzer überzuziehen, hatte sie mit seiner Hilfe den großen Wolf Lupus, das gefährlichste Wesen von Barstaras, mit einer einzigen Handbewegung vernichtet.
In seinen Gedanken hörte Cargo noch immer das aggressive Jaulen des pechschwarzen Wolfes mit seinen glühenden grünen Augen, die wie Laternen im Kopf des Monsters saßen und den gelben, bedrohlichen Zähnen. Er erinnerte sich noch genau an die vielen Pfeile, die im zotteligen Fell des Ungeheuers gehangen hatten und davon erzählten, wie oft die Bewohner von Barstaras schon versucht hatten, den gefährlichen Wolf zu besiegen. Irgendwann hatten sie es schließlich aufgegeben, nämlich als Lupus den König von Barstaras gefressen hatte. Seitdem hatten die Soldaten nur noch selten den Boden betreten und den gewöhnlichen Bürgern war es ganz verboten worden.
„Hat sie dich ihn einmal anziehen lassen?“, fragte Cargo grinsend.
„Sie hat ihn mich nicht einmal ansehen lassen.“, beschwerte sich Surho missmutig. „Wieso haben Shiron und Betula ausgerechnet Aramas den Brustpanzer überlassen?“
„Ist das dein Ernst?“, fragte Cargo mit hochgezogener Augenbraue.
Nachdem Aramas den gigantischen Körper des Wolfes mit einem langen, furchteinflößenden Schwert regelrecht aufgespießt hatte, waren sie so schnell sie konnten zurück zum Schlachtfeld geeilt, wo sie Zeugen eines großartigen Schauspieles wurden. Wie ein Hurrikan war Aramas durch die vielen Reihen der Rüstungen gezogen und hatte jeden Soldaten zerstört, der ihren Weg gekreuzt hatte. Jede einzelne Rüstung hatte sie mit einer solchen Wucht getroffen, dass diese nicht mehr in der Lage waren, sich wieder zu vervollständigen. Doch der große Metalldrache Fulgur, der zu den stärksten Kämpfern der Schwarzen Armee zählte, hatte sich noch einige Zeit gewehrt, wobei es ihm tatsächlich gelungen war, der Magierin eine fiese Wunde am Arm zuzufügen. Danach hatte er aber schließlich auch aufgegeben und war in den Wolken verschwunden.
„In Kombination mit dem Brustpanzer ist sie wahnsinnig stark, das hat sogar Solon zugegeben.“
„Vielleicht wäre ich auch so stark geworden.“, murmelte Surho. „Wer weiß? Vielleicht macht der Brustpanzer alle seine Träger gleich stark.“
Cargo wandte sich kopfschüttelnd ab. Trotz Surhos andauernden Jammern und vieler Verletzter war die Mission ein Erfolg gewesen. Nicht nur wegen des Brustpanzers, sondern auch wegen des Metalls, das die Soldaten auf dem Schlachtfeld hatten sammeln können. In Barstaras gab es so gut wie kein Metall, da eine Stadt in den Bäumen keinen Bergbau betreiben konnte. Cargo sah zur kleinen Schmiede, aus deren Schornstein eine große Rauchwolke drang, die fast die Hälfte des Blätterdaches verdeckte. Die Soldaten hatten alles, was sie an Rüstungsteilen auf dem Schlachtfeld auftreiben konnten, gesammelt und lagerten sie nun in einem kleinen Lagerhaus in der Nähe der Schmiede, wo sie auf das Einschmelzen warteten.
Seitdem die erste Ladung Metall in Barstaras eingetroffen war, arbeitete die Schmiede rund um die Uhr. Mit einem beeindruckenden Ergebnis. Obwohl sie wirklich nicht gerade groß war, hatten es die Soldaten geschafft, schon die Hälfte der Rüstungen in Barren einzuschmelzen. Wenn es so weiterging, würde Barstaras in kurzer Zeit nicht mehr von dem merkwürdigen Baum, dessen Harz Grundlage für jedes der Häuser war, abhängig sein.
Die Bewohner der Baumstadt hatte die Neuigkeiten über Lupus Tod so erleichtert, dass die Tatsache, dass eine Armee von schwarzen Rüstungen durch den Wald zog und zusammen mit einem Metalldrachen versuchten sie zu finden, fast vollständig vergessen war. Betula hatte es auch nicht wirklich für nötig gehalten, zu verheimlichen, dass sie den goldenen Brustpanzer geborgen hatten. Erversors wusste es sowieso und somit konnte es nicht schaden, dass das Volk einen Grund zur Freude hatte.
„Aber das ist jetzt auch egal.“, redete Surho aufgeregt, wobei er wild auf der Hängebrücke, auf der er noch immer stand, hin und her schaukelte und sie bedenklich wackeln ließ. „Shiron hat mir gesagt, dass ich dich holen sollte. Er möchte etwas mit dir besprechen.“
„Muss das jetzt sein?“, fragte Cargo ein wenig gequält.
Eigentlich hatte er vorgehabt, seine freie Zeit zu nutzen, bevor Shiron den magischen Brustpanzer benutzte, um das nächste Teil der goldenen Rüstung mit Hilfe ihrer magischen Karte ausfindig zu machen.
„Ja, das muss jetzt sein.“, erwiderte Surho streng und zog Cargo von seiner Bank. „Ich könnte natürlich auch zurückgehen und Shiron ausrichten, dass du keine Zeit hattest, mit ihm über etwas sehr Wichtiges und Geheimes zu reden, weil du lieber auf dieser Bank sitzt und faulenzt!“ „Na gut.“, stöhnte Cargo und stand auf. „Du hast gewonnen. Ich komme schon.“
Als König von Aventana (und mittlerweile guter Freund der Königin) besaß Shiron natürlich das größte Baumhaus, das für Gäste zur Verfügung stand. Es war mit mehreren Etagen ausgestattet, hatte drei verschiedene Eingänge und sogar einen privaten Zugang zum königlichen Palast. Es war mit Schlingpflanzen und Ranken verziert, die um die Wände des Baumhauses wuchsen und nicht viel der Eichenholzwand zeigten. Die Bretter waren trotzdem mit dem geheimnisvollen Harz überzogen, was, wie er von dem Prinzen Kercus erfahren hatte, eine Möglichkeit war, Holz sehr lange Zeit haltbar zu machen.
Skeptisch betrachtete Cargo die, mit Buntglas verzierte Tür des prächtigen Hauses. Wieso gab sich jemand so viel Mühe bei der Errichtung eines Hauses für hohen Besuch, wenn die Wahrscheinlichkeit eines solchen Besuches so gering war? Immerhin waren sie die ersten und einzigen Besucher eines anderen Reiches, seitdem sich das große Reich getrennt hatte.
Cargo zuckte zusammen, als sich die Tür schwungvoll öffnete und krachend gegen die Hauswand schlug. Im Türrahmen stand der König von Aventana, der Cargo mit einem breiten Lächeln entgegensah. Shiron schien seine Kleidung gewechselt zu haben, was aber nicht hieß, dass er sich eleganter gekleidet hatte als sonst. Der König hatte die Angewohnheit nichts anzuziehen, was verraten könnte, dass er Herrscher eines Königreiches war. Er trug immer ein zerschlissenes braunes Lederhemd, eine dazu passende Hose und alte Lederstiefel. Wie immer war das Einzige, das seinen Status verriet, die nicht gerade eindrucksvolle Krone, die er auf dem Kopf trug. Auch Cargo hätte ein Kleidungstausch nicht schaden können, immerhin trug er seine Sachen schon seit fünf Tagen und die Kämpfe gegen Monster, Rüstungen und der Marsch durch Silva Lupus war nicht ohne Spuren an ihm vorbeigegangen.
„Cargo! Schön, dass du vorbeikommst!“, begrüßte er Cargo gut gelaunt und zog ihn ins Innere des Baumhauses.
„Ähm, geht es Ihnen gut?“, fragte Cargo verwirrt und betrachtete seinen König.
Er konnte sich nicht erinnern, ob Shiron, seitdem er erfahren hatte, dass ein größenwahnsinniger Zauberer versuchte die Welt zu erobern, auch nur einmal gelächelt hatte.
„Natürlich.“, erwiderte Shiron strahlend. „Und übrigens, wir beide haben zusammen mit den anderen mehrere Monsterangriffe überlebt, eine Armee verzauberter Rüstungen geschlagen, einen magischen Brustpanzer geborgen und das gefährlichste Wesen von Barstaras getötet. Du kannst ruhig du zu mir sagen.“
„Ähm, wenn Sie…ich meine, wenn du meinst.“, antwortete Cargo irritiert und verkniff sich den Kommentar, dass der König weder bei der Bergung des Brustpanzers noch bei der Tötung von Lupus anwesend gewesen war.
Cargo sah sich um. Von innen war das Haus nicht weniger eindrucksvoll als außen. Überall standen Töpfe, in denen die seltsamen leuchtenden Pilze wuchsen und den Raum taghell ausleuchteten. Das war wahrscheinlich auch nötig, da die meisten Fenster reich verzierte Buntglasfenster waren, die zwar wunderschön aussahen, aber wenig Licht in den Raum ließen. Jeder freie Fleck der Wand war mit Wandteppichen verdeckt, die Bilder von Soldaten, verschiedenen Pflanzen und auch einigen Monstern zeigten. Kurzum war Cargos Haus im Vergleich zum Baumhaus des Königs ein Kuhstall.
„Gut!“, fuhr der König fort, nachdem er sich auf einen Ledersessel gesetzt hatte. „Ich habe gute Neuigkeiten und möchte, dass du sie als Erster hörst.“
„Haben die Soldaten endlich Secur gefunden?“, fragte Cargo aufgeregt.
Secur war der junge General der Schwarzen Armee. Bei der Schlacht hatte er seine Krieger als Ablenkung benutzt, um ungestört nach dem Brustpanzer suchen zu können. Zum Glück hatten Cargo und Aramas es geschafft, den General unter größter Anstrengung zu besiegen und gefangen zu nehmen. Doch leider hatte Secur es geschafft, sich zu befreien und seitdem fehlte von ihm jede Spur.
„Nein, leider nicht.“, gab Shiron zu. „Die Soldaten durchsuchen den gesamten Wald, aber bisher haben wir ihn nicht finden können.“
„Was ist dann…“
Der Rest des Satzes ging in einem lauten Donner unter, der wie aus dem Nichts kam. Cargo zuckte zusammen und griff sofort nach dem kleinen Stab, der sich innerhalb eines Wimpernschlages in ein starkes Schwert verwandeln konnte.
Langsam waberte ein grauer, dichter Nebel zwischen den Brettern des Holzbodens hervor und bildete eine Gestalt, die mit jeder Sekunde deutlicher wurde. Cargo machte ein paar Schritte zurück und hielt den Atem an. Diesen Nebel kannte er nur zu gut. Auf diese Weise konnten Zauberer miteinander über weite Entfernungen kommunizieren. Eine Methode, die auch Erversors schon genutzt hatte, um mit ihnen zu sprechen.
Doch dieses Mal erschien, zu Cargos Erleichterung, nicht der böse Magier. Aber auch nicht Pentor, der Hofmagier von Aventana, sondern ein Mann mittleren Alters mit kurzem Bart, braunen Haaren und einem dicken Verband um Arm und Schulter, der Cargo und dem König müde, aber lächelnd entgegensah.
„Fang!“, rief Shiron erfreut. „Schön dich endlich zu sehen. Perfektes Timing!“
„Ich glaube es nicht.“, keuchte Cargo und betrachtete fassungslos das Bild seines Vaters. „Ich dachte…also Pentor sagte, du würdest mindestens noch Wochen schlafen! Wie kann es sein, dass du schon wach bist!“
Fang brachte ein Grinsen zu Stande. „Es ist schon mehr nötig als eine Riesenschlange um einen echten Calligis zu beseitigen“
„Da hast du recht!“, antwortete Cargo lächelnd.
Vor über zwei Wochen, als Cargo in seinem Garten von einer Monsterschlange angegriffen worden war, wurde sein Vater so schwer verletzt, dass Pentor ihn nach ein paar Behandlungsversuchen in einen magischen Schlaf schicken musste. Der Hofmagier selbst hatte Cargo mitgeteilt, dass er nicht wisse, wann und ob der große Alchemist wieder erwachen würde. Insgeheim hatte Cargo sich schon damit abgefunden, dass sein Vater vielleicht jahrelang schlafen würde.
„Wie geht es dir?“, fragte Shiron ein wenig besorgt und betrachtete die vielen Verbände, die um Fangs Brust gewickelt waren.
Der König war schon seit Jahren ein sehr guter Freund von Cargos Vater und war nicht selten zu Besuch in der Holzhütte gewesen, die Cargo und Fang bewohnten. Shiron war nach der Nachricht über den Tiefschlaf beinahe genauso besorgt gewesen wie Cargo, auch wenn er es sich selten anmerken ließ.
„Eigentlich gut.“, antwortete Fang und versuchte die Hand für ein Daumenhoch zu heben, was er sofort wieder sein ließ. „Wer hätte gedacht, dass gebrochene Rippen so weh tun können?“. Theatralisch legte er sich vorsichtig die Hand auf den Verband und seufzte. „Bei meinem Glück sind die Rippen natürlich eine der wenigen Teile des Körpers die nicht mit Sanartränken behandelt werden dürfen.“
„Wie lange dauert es noch, bis du die Krankenstation verlassen kannst?“, fragte Cargo schnell. Er kannte seinen Vater gut genug, um zu wissen, dass man ihn besser unterbrach, wenn er mit dem Jammern anfing.
„Cargo, ich bin gestern aus einem magischen Tiefschlaf erwacht und kann momentan nicht einmal laufen, oder wenigstens Türen öffnen.“
„Ich habe mir mit meinen Tränken eine ausgekugelte Schulter und ein gebrochenes Bein innerhalb eines Tages geheilt.“, konterte Cargo.
Shiron stand von seinem Sessel auf und ging in Richtung der Tür. „Wenn es für euch okay ist, werde ich mich jetzt verabschieden. Ich habe mit Solon und Betula noch einiges zu besprechen, was ich so schnell wie möglich erledigt haben möchte.“
Kurz bevor er die Tür geschlossen hatte, steckte er noch einmal seinen Kopf durch den Spalt. „Und Cargo vergiss nicht, in einer Viertelstunde werden wir mit dem Brustpanzer den nächsten Teil der Karte freischalten. Sei pünktlich und Fang, gute Besserung!“
Mit diesen Worten nickte er Vater und Sohn noch einmal zu und verschwand.
„Also.“, begann Fang aufgeregt. „Wie ist es gelaufen? Musstet ihr schon gegen Monster kämpfen?“
„Ein paar Mal.“, erwiderte Cargo.
Fang machte ein besorgtes Gesicht. „Versteh mich nicht falsch. Ich bin stolz auf dich und weiß, dass du auf dich aufpassen kannst, aber trotzdem finde ich es riskant von Shiron dich mitzunehmen.“
„Er hat mich gefragt und ich habe ja gesagt.“, stellte Cargo klar. „Wir müssen Erversors aufhalten und wenn wir das nicht schaffen, wird er gefährlicher als alles sein, was ich bisher bekämpft habe.“
„Von diesem Erversors hat man mir schon erzählt.“, erwiderte Fang und ballte die Fäuste. „Wenn der mir zwischen die Finger kommt, ich schwöre dir, er wird sich wünschen, nie geboren worden zu sein.“
Plötzlich kam Cargo eine Idee. „Du kennst doch sicher die Mitglieder der Reise, oder?“
„Natürlich.“, bestätigte Fang ein klein wenig irritiert. „Wenn ich mich nicht irre, Surho, Solon, Aramas, Shiron und natürlich du. Wieso fragst du?“
„Ich weiß von dem Schamanen von Barstaras, ein Schamane ist eine Art Alchemist, dass einer von uns Zauberkräfte besitzt, aber er will mir nicht verraten, wer es ist.“, erklärte Cargo. „Hast du vielleicht eine Ahnung, ob irgendwer einen Magier in der Familie hat und Zauberkräfte besitzen könnte?“
Für einen Wimpernschlag glaubte Cargo, dass Fang bei der Frage zusammengezuckt wäre, aber sicher handelte es sich nur um das Wabern der Nebelübertragung, denn er antwortete in einem festen Tonfall und ohne sich etwas anmerken zu lassen.
„Lass mich einmal überlegen.“, murmelte sein Vater und strich nachdenklich über seinen Bart. „Wenn ich genau darüber nachdenke…ich glaube da gibt es tatsächlich jemandem. Pentor könnte vielleicht einmal darüber gesprochen haben, als ich vor einiger Zeit eine Lieferung in den Palast bringen sollte. Ich denke es ist diese Aramas.“
Enttäuscht ließ Cargo sich auf den Ledersessel fallen. Der kleine Funke Hoffnung war soeben erloschen. Kurz hatte er geglaubt, dass er nun tatsächlich erfahren sollte, wen Arbor gemeint hatte, dabei wusste sein Vater anscheinend noch weniger als er.
„Gibt es den keinen anderen, der magische Kräfte haben könnte?“, fragte Cargo hoffnungsvoll. „Vielleicht hatte Solon einmal einen Onkel, der…“
„Sonst habe ich von niemandem gehört.“, unterbrach ihn Fang in einem merkwürdigen Tonfall. „Es tut mir leid, dass ich dir nicht helfen kann, Cargo!“
„Ähm, nicht so schlimm.“, erwiderte Cargo überrascht. Er wusste nicht, was sein Vater hatte, aber da er ihm wohl wirklich nicht helfen konnte, war es wohl besser das Thema auf sich beruhen zu lassen. Immerhin gab es auch andere Wege, endlich etwas darüber herauszufinden. Fang schien den gleichen Gedanken zu haben.
„Also, hast du schon ein Rezept für Serpentinagift gefunden?“
„Woher weißt du, dass ich mir welches genommen habe?“, fragte Cargo erstaunt. „Ich meine, wie kommst du darauf, dass ich welches genommen haben sollte? Ich weiß, dass es verboten ist. Niemals würde ich mir…“
„Du bist ein furchtbarer Lügner.“, unterbrach Fang ihn. „Außerdem kenne ich dich gut genug, um zu wissen, dass du dir einen Zahn herausgebrochen, das Gift daraus herausgelöst und das Gift und den Zahn mit ins dunkle Land genommen hast, um ein Rezept dafür zu finden. Habe ich recht?“
„Hast du.“, gab Cargo kleinlaut zu. Fang kannte ihn wirklich gut. „Ich weiß, dass es verboten ist. Ich dachte nur, es ist eine großartige Chance und die Soldaten konnten mit dem Gift sowieso nichts anfangen Das Gift wäre bei ihnen doch nur schlecht geworden. Das wäre eine riesige Verschwendung gewesen!“
„Du hast recht.“
„Ich weiß ja, dass ich es Shiron hätte sagen sollen, aber dann hätte ich wahnsinnigen Ärger bekommen, vielleicht hätte er mich sogar in den Kerker geworfen und…warte mal. Hast du gesagt, ich hätte recht?“
„Habe ich.“, bestätigte Fang. „Das Gift hätte seine Wirkung verloren. Eine ungeheuer wertvolle Substanz wäre verloren gewesen. Ich habe schon seit Jahren versucht, an Serpentinagift zu kommen, habe es aber nie geschafft. Es war richtig, es aus dem Zahn zu entfernen und aufzubewahren. Und wenn du mich jetzt nach Rezepten fragen willst, hätte ich da einen guten Vorschlag…“
„Ein uraltes Rezept?“, fragte Surho neugierig.
Nachdem die Viertelstunde verstrichen war, hatte sich Cargo von Fang verabschiedet, der versprochen hatte, mit Hilfe eines Magiers der sich bereit erklären sollte, so bald wie möglich eine neue magische Verbindung aufzubauen und alles zu erzählen, was auf dem Schloss Ungewöhnliches passiert war. Nun war Cargo zusammen mit dem Schützen auf dem Weg zum königlichen Palast von Barstaras, einem riesigen Baumhaus in dem für gewöhnlich die streng geheimen Treffen abgehalten wurden, zu denen nur die engsten Vertrauten der Königin und die Mitglieder der Reise Zutritt hatten. Dazu zählten eigentlich nur Prinz Kercus, der gleichzeitig der Hoferfinder war und der alte Schamane Arbor. Selbst die Königliche Wache durfte den Raum, während einer solchen Besprechung nicht betreten, sondern musste die Umgebung bewachen.
„Ganz genau.“, bestätigte Cargo und blieb kurz stehen, da die Brücke unter ihren Schritten so heftig wankte, dass er fast das Gleichgewicht verloren hätte. „Ein uraltes Rezept. Niedergeschrieben wurde es von einem unbekannten Autor, der angeblich einer der Magier sein soll, der auch an der Erschaffung der Rüstung beteiligt gewesen sein soll. In dem Buch sind der Legende nach, die stärksten Rezepte der Alchemie aufgelistet, vom Frostrank bis zum legendären Stein der Weisen. In den alten Sagen nennen wir Alchemisten es die Schrift der Ältesten.“
„Das ist der Wahnsinn.“, flüsterte Surho und ging ebenfalls ein wenig langsamer, um das Gleichgewicht zu halten. „Weiß Fang, wo das Buch ist?“
Während ihrer Reise hatten die beiden sich angewöhnt, Wichtiges sehr leise zu besprechen, da schon zu vieles von Spionen abgefangen worden und innerhalb von Stunden zu Erversors gelangt war.
„Leider nein.“, gab Cargo ebenso leise zu. „Das weiß keiner. Man erzählt sich, dass im Laufe der Zeit viele Seiten verloren gegangen sein sollen, als sie aus Sicherheitsgründen aus dem Buch entfernt wurden.“
Mit einem großen Schritt verließen die beiden die wackelige Hängebrücke und hasteten die wenigen Stufen zum Eingangstor hinauf.
„Viele junge, unbekannte Alchemisten haben es mit den einzelnen Rezepten zu einer großen Berühmtheit gebracht. Andere aber konnten mit den mächtigen Rezepten nicht umgehen und sind… nun ja, du weißt schon. Eines Tages, vor vielen Jahren hat mein Vater auf einer Suche nach Zutaten im dunklen Land eine kleine Reisetasche gefunden, die dort sicher schon seit Jahrzehnten gelegen hatte.“
Cargo musste seine Erzählung kurz unterbrechen, um das riesige Eingangstor zu öffnen, um den Hauptflur zu erreichen, der den kürzesten Weg zum Thronsaal darstellte. Das gesamte Tor war aus getrocknetem Harz gegossen, was es hart, aber trotzdem federleicht machte. Einige Soldaten standen auf den Gängen, bewachten die einzelnen Türen und betrachteten die beiden Jungs ein wenig skeptisch. Selbst nach der erfolgreichen Mission in Silva Lupus trauten manche Soldaten den Fremden nicht und ließen sie nicht aus den Augen.
„Jedenfalls,“ fuhr Cargo noch ein wenig leiser fort. „befanden sich in dieser Tasche zwei Seiten aus eben diesem Buch. Sicher hatten sie einem Alchemisten gehört, der durch das dunkle Land gezogen war und schließlich von irgendeinem Ungeheuer gefressen wurde. Auf jeden Fall waren auf diesen Seiten zwei Tränke festgehalten. Zum einen der Frostrank, den mein Vater sofort in sein Notizbuch notiert hat und auch ich hin und wieder benutzte und zum anderen ein überaus mächtiger, uralter Zauber. Nachdem er das Rezept an einem sicheren Ort versteckt hatte, hat er jahrelang nach den Zutaten des zweiten Trankes gesucht. Sozusagen als Notfallplan um Aventana zu schützen. Der Trank ist in der Lage, Zauberern und Gegenständen ihre magische Kraft zu entziehen! Für immer.“
Surho fiel die Kinnlade herunter. Ihm war anzusehen, dass er Cargo noch etwas fragen wollte, doch in dieser Sekunde öffnete Cargo das Tor zum Thronsaal und Surho schloss den Mund schnell wieder.
„Da seid ihr ja endlich!“, begrüßte sie Solon auf seine gewohnt schlecht gelaunte Art. „Wir haben schon gedacht ihr würdet nicht mehr kommen!“
„Nicht so schlimm Solon.“, verteidigte Shiron die beiden Jungs. „Die paar Minuten werden wir noch verkraften können.“
Solon sah den König verständnislos an, sagte aber nichts. Cargo nickte Shiron dankend zu und beeilte sich, zu seinem Stuhl zu kommen, der schon für ihn bereitstand. Solon, der General von Aventana saß ihm an dem langen Tisch des Thronsaals gegenüber und trommelte unruhig
