Die Sternenforscherin - Nico Mahler - E-Book
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Die Sternenforscherin E-Book

Nico Mahler

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Beschreibung

Sie weist den Astronauten den Weg zu den Sternen.

Schon früh weiß Maureen, dass die Sterne ihr Lebensthema sind. Sie will unbedingt Astronomin werden und setzt sich gegen alle Widerstände durch. Selbst die Liebe kann sie nicht aufhalten. So schafft sie es bis ganz nach oben: Als erste Chef-Astronomin der NASA arbeitet sie federführend an der Entwicklung des bahnbrechenden Weltraumobservatoriums. Der Sternenhimmel – überwältigend, bezaubernd und letztlich unerklärlich – bleibt die Leidenschaft ihres Lebens. Aber ist der Preis, den sie für ihre Karriere zahlen muss, letztlich zu hoch? 

Ein spannender und einfühlsamer Roman über eine der brillanten, aber lange vergessenen Frauen in der Wissenschaft.

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Seitenzahl: 300

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über das Buch

Seit sie mit ihrem Onkel Theodore als Kind nachts am Strand von Rhode Island Sternbilder beobachtet hat, ist Maureen fasziniert und weiß: Sie will den Himmel lesen und eintauchen in die Wunder des Universums. Ohne Wissen ihrer Eltern, die ganz andere Pläne für ihre Tochter haben, schreibt sich Maureen an der NYU für Astronomie ein. Schnell wird sie eine der Besten ihres Faches und hat sogar die Chance, am renommierten Hayden Planetarium zu forschen. An die Ausgrenzung und Herablassung, mit der ihr ihre männlichen Kollegen begegnen, hat sich Maureen über die Jahre gewöhnt. Doch dann wendet sich mit einem Mal ihr Mentor, die einzige Person, die sie in ihren Forschungen immer rückhaltlos unterstützt hat, von ihr ab, und Maureen sieht ihre wissenschaftliche Karriere bedroht, denn nicht nur ihre Doktorarbeit steht auf dem Spiel, sondern auch ihre bahnbrechenden Untersuchungen zum Sternhaufen des Großen Wagens. Maureen muss sich entscheiden: Soll sie einen radikalen Schritt tun, um ihren Traum leben zu können?

Über Nico Mahler

Nico Mahler, 1974 in München geboren, studierte Geschichte und Politikwissenschaften und arbeitet als freier Journalist. Er lebt in Berlin.

Im Aufbau Taschenbuch erschien ebenfalls sein Debütroman »Bella Famiglia«.

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Nico Mahler

Die Sternenforscherin

Roman

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Prolog

Washington, D.C., August 1958

Kapitel 1

Neun Jahre zuvor, New York City, Sommer 1949

Kapitel 2

Sechs Jahre zuvor, Newport, Rhode Island, Winter 1943

Kapitel 3

Fünf Jahre später, Narragansett, Frühling 1948

Kapitel 4

Zwei Jahre später, Hayden-Planetarium New York, Herbst 1950

Kapitel 5

drei Jahre später, Newport, Herbst 1953

Kapitel 6

ein halbes Jahr später, Flagstaff, Arizona, Frühling 1954

Kapitel 7

Lowell Observatory, Flagstaff

Kapitel 8

Lowell Observatory, Flagstaff, Frühling 1954

Kapitel 9

Kapitel 10

Lowell Observatory, vier Wochen später

Kapitel 11

Flagstaff, Frühling 1955

Kapitel 12

Bjurakan, Armenische SSR, Sowjetunion, Oktober 1955

Kapitel 13

Sternwarte Bjurakan, der darauffolgende Abend

Kapitel 14

Sternwarte Bjurakan, die darauffolgende Nacht

Kapitel 15

Artavazik-Kirche, zwölf Uhr mittags

Kapitel 16

Washington, D. C., November 1955

Naval Research Laboratory, Washington, D. C., Dezember 1955

Kapitel 17

Newport, Rhode Island, Weihnachten 1955

Kapitel 18

Kapitel 19

Houston, Texas / Washington, D. C., November 1960

Kapitel 20

Weltraumbahnhof Baikonur, Kasachstan, Juni 1963

Houston, Texas, August 1962

The White House, Washington, D. C., derselbe Abend

Kapitel 21

Paramount Studios, Hollywood, Februar 1963

Kapitel 22

Houston, Texas, 21. November 1963

Kapitel 23

Houston, Texas, April 1964

Houston, Texas / Cape Kennedy, 16. März 1966

Kapitel 24

Los Angeles, Oktober 1966

Kapitel 25

Houston, Januar 1967

Control Center Houston, 27. Januar 1967

Kapitel 26

Houston, März 1967

Hamilton Pool Preserve, Texas, April 1967

Kapitel 27

New York City, Mai 1968

New York City, 5. Juni 1968

Kapitel 28

New York University, Februar 1969

Kapitel 29

49th Street, Mai 1969

Kapitel 30

Rhode Island, Juni 1969

Kapitel 31

New York City, 16. Juli 1969

Kapitel 32

New York City, 18. Juli 1969

Narragansett, Sommer 1971

Erläuterungen

Impressum

Prolog

Washington, D.C., August 1958

Es war Sommer in der Hauptstadt, einer der Abende, wie Maureen sie am liebsten hatte. Sie machte sich fertig, um für die nächtliche Arbeit ins Observatorium zu fahren. Maureen freute sich auf ihre aktuelle Untersuchung, auf den Automatenkaffee und die Klimaanlage. In ihrem Apartment war sie leider kaputt.

Es klingelte an der Tür. Nach einem Blick durch den Spion öffnete sie zwei Männern in schwarzen Anzügen.

»Miss Hooper?«

»Ja?«

»Tom Kovacs, United States Secret Service.« Als er den Ausweis zog, sah Maureen für einen Augenblick seine Dienstwaffe. »Wir sind Regierungsbeauftragte.«

»Regierungs …?«

Obwohl das ›Naval Research Laboratory‹, für das Maureen arbeitete, dem Verteidigungsministerium und damit der Regierung unterstand, erschrak sie einen Moment und überlegte, was der Secret Service von ihr wollen könnte. »Hören Sie, ich war überzeugt, dass ich für die Äußerung meines Chefs eine Entschuldigung erwarten darf.«

Die Beamten sahen einander an. »Welche Äußerung meinen Sie, Miss Hooper?«

»Ich wollte damit keinen Konflikt heraufbeschwören, der gleich den Secret Service auf den Plan ruft.«

»Wir sind nicht wegen irgendwelcher Äußerungen hier«, unterbrach sie der Regierungsbeamte. »Aus Sicherheitsgründen sind wir allerdings verpflichtet, Sie zu überprüfen. Dürfen wir hereinkommen?«

»In meine Wohnung?«, fragte sie alarmiert. »Brauchen Sie dafür nicht … Ich meine, geht das ohne Durchsuchungsbefehl?«

»Wir überbringen Ihnen eine Einladung, Miss Hooper«, antwortete der Beamte geduldig. »Eine Einladung, die Sie schon längst hätten erhalten sollen. Jetzt ist es dafür umso dringender.«

»Eine Einladung – wohin?«

»Das werden wir Ihnen alles erklären, aber vorher müssen wir einen routinemäßigen Check machen, Miss Hooper.« Als sie immer noch zögerte, setzte er hinzu: »Ihre Regierung erwartet Ihre Unterstützung.«

Unsicher öffnete Maureen die Tür. Die Secret-Service-Männer traten ein.

Eine Viertelstunde später saß sie umgezogen, mit jenem einzigen Teil ihrer Garderobe, das die Bezeichnung Abendkleid verdiente, auf dem Rücksitz einer langen Limousine mit verdunkelten Fenstern. Ihre Pumps drückten.

»Sagen Sie mir jetzt, wohin Sie mich bringen?«

Die Secret-Service-Agenten saßen ihr gegenüber auf der Rückbank. »In die Hütte«, antwortete der, der Tom hieß.

»Welche Hütte? Hören Sie, ich habe mich bisher ziemlich kooperativ verhalten. Ich möchte lediglich wissen, wohin …« Sie warf einen Blick aus dem Fenster. »Ooh –!«, machte Maureen.

Hinter dunklen Bäumen tauchte ein erleuchtetes weißes Gebäude auf, mit einem Säulenportal, zu dem eine Einfahrt führte. Für die Limousine öffnete sich nicht das Haupttor, sondern eine Zufahrt an der Seite.

Beim Aussteigen wurde Maureen von einem Gentleman mit Hornbrille begrüßt. »Guten Abend, Miss Hooper. Ich bin Dave Pakula, der Pressesprecher des Weißen Hauses.«

»Presse? Ich möchte eigentlich nicht …«

Er überreichte ihr einen Besucherausweis und führte sie vom Eingang durch einen langen Korridor. »Vor kurzem haben wir Ihren Chef Director Adams hierher eingeladen und ihn gebeten, Sie mitzubringen.«

»Director Adams weiß, dass ich nicht gern in der Öffentlichkeit …«

Pakula drückte ihre Hand. »Wenn Sie mich in Ruhe anhören, Miss Hooper, werden Sie alles erfahren haben, bevor wir das Ende dieses Ganges erreicht haben. Bedauerlicherweise hat uns der Director gestern mitgeteilt, dass Sie beide nicht kommen könnten. Da es bei dieser Einladung aber weniger um ihn ging als um Sie …«

Der Pressesprecher hielt vor einer Tür, an der ein Secret-Service-Mann stand. »Darum sahen wir uns gezwungen, diese unorthodoxe Methode anzuwenden, um Sie rechtzeitig hierherzuschaffen.«

»Rechtzeitig wozu?«

Statt einer Antwort öffnete er die Tür zu einem Zimmer, das Maureen von Bildern als den Ethel-Roosevelt-Room erkannte. Hier hatte die Gattin des 32. Präsidenten ebenso wichtige Verhandlungen für die Nation geführt wie ihr Mann im Oval Office. Von dort führte der Pressesprecher Maureen auf einen Saal zu, aus dem Stimmengewirr drang.

»Was passiert da drin? Was ist das für eine Veranstaltung?«

»Eine Party, Miss Hooper. Eine ganz gewöhnliche Party.«

»Nichts in diesem Gebäude ist gewöhnlich.«

Es war der East Room, ein langgestreckter Saal, über dem mächtige Lüster das Parkett bernsteinfarben erstrahlen ließen. Auf der gegenüberliegenden Seite entdeckte Maureen Musiker in Uniform, die in diesem Moment ›Hail to the Chief‹ anstimmten. Die vielen Gäste, die schon an den Tischen Platz genommen hatten, erhoben sich noch einmal. Durch die Mitteltür betrat Präsident Eisenhower im dunkelblauen Anzug den Saal. Der Präsident begann Hände zu schütteln, doch da Dwight D. Eisenhower nicht besonders groß war, verschwand er gleich wieder in der Menge.

Maureens Unruhe wuchs. »Sie haben mir noch nicht gesagt, was ich hier soll.« Sie drehte sich um. Der Pressesprecher war verschwunden.

»Ich fürchte, das haben Sie mir zu verdanken«, antwortete an seiner Stelle ein Mann mit kantigen Gesichtszügen. Er hatte eine gesunde Hautfarbe und einen freundlichen Blick, doch Maureen spürte etwas Forschendes darin. Sie kannte diesen Mann. Die ganze Welt kannte diesen Mann. Unter seiner Leitung stand das Menschheitsprojekt, an dem Maureen mehr lag als an allem, woran sie je gearbeitet hatte.

»Guten Abend, Mr von Braun.«

»Hallo, Miss Hooper. Wie schön, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind.«

»Ihrer Einladung?«

»Es gab da wohl ein Missverständnis zwischen Ihnen und Ihrem Chef, dem guten Director Adams. Nichts Ernstes, hoffe ich.« Er schüttelte ihr die Hand. »Willkommen.«

»Danke, Mr von …«

»Wollen wir das weglassen?« Er hielt ihre Hand etwas länger fest. »Nennen Sie mich einfach Mr Braun.«

Das Bankett, zu dem Maureen gekidnappt worden war, fand zu Ehren eines Senators statt, der der Republikanischen Partei Millionen gespendet und sich auf seine alten Tage dem Sammeln von historischem Schmuck gewidmet hatte. Als Auftakt der Veranstaltung schenkte er Mrs Eisenhower, der First Lady ein Perlenkollier aus dem 16. Jahrhundert.

»Schmuck kennzeichnet uns, Schmuck zeichnet uns aus«, sagte der Senator während seiner Rede. »Nichts trägt der Mensch so eng am Körper wie Schmuck.«

Maureen und Wernher von Braun standen etwas abseits. »Quatsch«, murmelte sie.

»Wie meinen Sie?«, raunte der Deutsche.

»Ich trage meine Unterwäsche auch am Körper, aber ich finde nicht, dass sie mich auszeichnet.« Eschrocken sah sie ihn an. War sie mit ihrer Äußerung zu weit gegangen?

Von Braun lachte. »Ich bin froh, Miss Hooper.«

»Worüber?«

»Dass Sie genauso wenig hierher passen wie ich.«

»Weshalb haben Sie mich dann ins Weiße Haus bestellt? Hätten wir uns nicht auch bei einer Tasse Kaffee kennenlernen können?«

»Dieser besondere Ort soll Ihnen verdeutlichen, dass es bei unserem Gespräch um Außergewöhnliches geht.«

»Außergewöhnlich?«

Maureen überschlug, was sie über den Deutschen wusste. Die von ihm entwickelte amerikanische Trägerrakete ›Vanguard TV3‹ war bei ihrem Start gleich nach dem Abheben explodiert. Von Brauns Ankündigung, über die Maureen geschmunzelt hatte, er plane, ein Weltraumhotel im All zu errichten, in dem die Gäste schwerelos übernachten könnten, war durch den Fehlstart gegenstandslos geworden. Bald darauf hatte Maureen gelesen, dass von Braun mit Walt Disney zusammenarbeiten würde. Der deutsche Wissenschaftler und die amerikanische Ikone entwickelten den Animationsfilm Man in Space, worin von Braun seine Vision einer radförmigen Raumstation so einleuchtend schilderte, als seien alle Probleme zu ihrer Realisierung bereits gelöst. Mit 42 Millionen Zuschauern war der Film die erfolgreichste je ausgestrahlte Sendung im US‑Fernsehen gewesen. Ein Leitartikel über von Braun hatte die Überschrift getragen: ›Ist Professor Wernher Freiherr von Braun der Kolumbus des Alls?‹ Der Vergleich mit Kolumbus war Maureen zu weit hergeholt gewesen: Kolumbus verfügte immerhin über ein seetaugliches Schiff, wogegen von Brauns Raumschiffe Fantasiegebilde waren.

Pressesprecher Pakula gab bekannt, dass man jetzt zum Dinner Platz nehmen werde. Die geladenen Gäste verteilten sich an insgesamt dreißig Tische.

»Haben Sie Hunger?«, fragte von Braun.

»Wenn ich es recht bedenke, habe ich heute Abend erst ein Glas Weißwein zu mir genommen.«

»Hier soll es gleich Ente geben. Ich hasse Ente. Außerdem können wir bei Tisch nicht ungestört reden. Was halten Sie davon, wenn wir uns in eins der Büros zurückziehen und uns etwas kommen lassen?«

Da Maureen darauf brannte, zu erfahren, was er von ihr wollte, war ihr jeder Raum dafür recht. »Aber könnten wir nicht wenigstens noch ein paar Minuten …?«, fragte sie trotzdem.

»Aha!« Von Braun lächelte. »Es hat Sie schon gepackt, das Who‑is-who-feeling Washingtons.«

»Was sind das überhaupt für Leute?«

Leise sprach von Braun über Maureens Schulter. »Das sind die mit dem vielen Geld und den riesigen Fabriken. Auch die mit den wichtigen Ämtern sind hier. Dann sehe ich die Gruppe derer, die gern für wichtig genommen werden, ohne es zu sein. Dort in der Ecke haben wir die Künstler, die sich gebauchpinselt fühlen, dabei zu sein. Ich sehe einen bedeutenden Dichter und mehrere berühmte Schauspielerinnen. Ich sehe auch solche, deren Stern schon am Verglühen ist.«

Auf Maureens irritierten Blick fasste Braun sie ins Auge. »Ich weiß, was Sie jetzt denken, Miss Hooper: Der Mann ist Ausländer, noch dazu Deutscher, wieso kennt er sich so gut in Washington aus? Vielleicht denken Sie sogar: Der Mann war Nazi, weshalb darf er sich in der Nähe des amerikanischen Präsidenten aufhalten, der Oberbefehlshaber der US‑Streitkräfte war und die Deutsche Wehrmacht geschlagen hat?« Er nickte. »Es stimmt, Eisenhower war im letzten Krieg unser Gegner. Es stimmt auch: Ich habe an mein Land geglaubt.« Er beugte sich zu Maureens Ohr. »Ich mag die Popanze hier genauso wenig wie Sie, Miss Hooper, aber so funktioniert Politik nun mal. Ich bin hier, weil der Präsident begriffen hat, dass ich, der frühere Feind, der amerikanischen Gesellschaft nützlich sein kann. Und aus diesem Grund sind auch Sie hier.«

»Lassen Sie uns jetzt in ein Büro gehen, Mr Braun.«

Während Dutzende Kellner die ersten Platten auftrugen, stahlen sie sich aus dem Saal. In den Fluren passierten sie mehrere Secret-Service-Männer, die den Deutschen zu kennen schienen.

Vor einer Tür im West Wing fragte er: »Ist er da?«

»Nein, Sir«, antwortete der Beamte.

»Gut.« Auf den fragenden Blick des Security-Mannes setzte er hinzu: »Das ist Miss Hooper. Wir haben eine Besprechung.«

»Ich verstehe, Sir.«

Sie folgte von Braun in ein schlicht eingerichtetes Büro. »Wer sitzt normalerweise in diesem Raum?«, fragte Maureen freudig erregt, immer noch ungläubig und voll Neugier.

»Nixon.«

»Der Vizepräsident?«

»Er ist nie hier. Der Präsident schickt ihn in der Welt herum. Die beiden mögen sich nicht.«

»Sie können so einfach im Büro des Vizepräsidenten …?«

Von Braun bot ihr einen Platz auf dem Sofa an. »Eines muss man im Weißen Haus schnell lernen: Es gibt nicht genügend Platz für alle. Jeder weicht ständig in irgendwelche Büros aus, um den anderen nicht auf die Füße zu treten. Sollten Sie mal das Oval Office besuchen, wären Sie enttäuscht, wie klein es ist.«

Maureen ließ die Frage noch nicht los. »Aber auf dem Schreibtisch des Vize liegen eine Menge Papiere. Da könnte doch jeder …«

»Fürchten Sie, ich könnte Staatsgeheimnisse stibitzen?« Von Braun setzte sich in den Sessel gegenüber. »Miss Hooper, derjenige, der die wahren Geheimnisse der USA in der Tasche hat, bin ich.« Er nahm eine Packung Lucky Strike aus der Tasche. »Rauchen Sie?«

»Danke, nein.«

Eingehüllt in eine Rauchwolke, fuhr er fort. »Ich habe Ihre Forschungsberichte gelesen, insbesondere Ihre Arbeit über das ›Orbiting Solar Observatory‹.«

»Sie haben sich mit dem O. S. O. beschäftigt?«, entgegnete sie überrascht.

»Ihr Aufsatz klingt für mich nach Science Fiction.«

»Sie glauben, ein Observatorium im All wäre Fantasie?«, entgegnete Maureen enttäuscht.

»Im Gegenteil!« Er sprang auf, lief im Zimmer umher und achtete nicht darauf, dass die Zigarettenasche auf den Teppich fiel. »Leider gibt es beim US‑Militär noch zu viele, die ein Weltraumteleskop für Fantasie halten.«

Seine Kritik traf bei Maureen ins Schwarze. »Ich weiß! Weil unsere Generäle nicht daran interessiert sind, dass Raketen die Erdatmosphäre verlassen.«

»Stimmt!«, rief er. »Woher wissen Sie das?«

»Ich arbeite für die Navy und das Marine Corps. Daher bin ich täglich mit dieser Scheuklappenmentalität konfrontiert.«

»So ist es. Solange die Raumfahrt allein dem Militär untersteht, kommen wir nur im Schneckentempo voran.«

»Wir?«

»Ich und die NASA.«

»Was wollen Sie dagegen tun?«

»Nichts«, antwortete von Braun nüchtern. »Präsident Eisenhower war General. Ich würde ihn nie dazu bringen, die NASA von seinem geliebten Militär abzukoppeln. Dafür müssen wir noch warten und zwar auf einen Zivilisten.«

»Wer könnte das sein?«

»Ein junger Präsident, hoffe ich. In zwei Jahren sind Wahlen. Ich setze auf die Demokraten.« Er drückte seine Kippe im Aschenbecher des Vizepräsidenten aus. »Das Problem ist nur: Während wir auf politische Veränderungen warten, hängen uns die Russen im All ab. Sergei Koroljow ist uns mit dem sowjetischen Raketenprogramm um Jahre voraus.« Mit einem füchsischen Lächeln wandte er sich zu ihr. »Habe ich recht, Maureen?«

»Das fragen Sie mich?«

»Ja, Miss Hooper.« Er ließ sie nicht aus dem Blick. »Sie sind vor kurzem in Russland gewesen, genauer gesagt bei einem Astronomiekongress in Armenien.«

Auf einen Schlag wurde Maureen alles klar, sämtliche Räder griffen ineinander. Weil sie auf einem Spezialgebiet forschte, war sie zu jenem Kongress in die Sowjetunion eingeladen worden. Damit war sie die erste und einzige westliche Wissenschaftlerin, der man Zutritt hinter den Eisernen Vorhang gestattet hatte. Die Ereignisse dort, ihre Gespräche mit führenden Kollegen des feindlichen Systems – das und nichts anderes hatte zu Maureens Einladung ins Weiße Haus geführt. Die scheinbar freundschaftliche Begegnung mit dem Leiter des amerikanischen Raketenprogramms diente nur einem einzigen Zweck, und Maureen sprach ihn aus.

»Sie wollen erfahren, was Leopold Reißmann mir in Armenien verraten hat.«

»Sie kapieren schnell, Miss Hooper.« Von Braun kam zur Couch zurück. »Sie haben Leopold also getroffen?«

»Natürlich. Er war Teilnehmer der Konferenz.«

»Haben Sie ihn auch unter vier Augen gesprochen?«

»Mehrmals.«

»Wie geht es ihm?«

»Er lässt Sie grüßen, Mr Braun.«

»Der ruhige, freundliche Leopold: Wir hatten eine gute Zeit miteinander, damals in Peenemünde. Ich bin der Meinung, dass Leopold der bessere Physiker ist als ich. Was haben Sie mit ihm besprochen?«

Da war es wieder, dieses Gefühl, das Maureen so hasste und das sich jedes Mal anfühlte wie ein dunkler Tropfen, der in ihr Herz fiel: Die Gewissheit, dass sie ausgenützt wurde, von gewissen Männern in bestimmten Positionen wurde sie immer wieder ausgenützt.

Kapitel 1

Neun Jahre zuvor, New York City, Sommer 1949

Maureen Hooper schloss das Apartment von Wilson Hathaway auf. Typischer hätte ein Professor nicht wohnen können. Die Bücherregale an den Wänden sparten lediglich die Fenster aus. Die abgewetzten Dielen gaben Auskunft darüber, welche Wege Hathaway tagein tagaus beschritt. Die Küche zeugte davon, dass der Professor seine Mahlzeiten lieber auswärts einnahm. Im Kühlschrank fand Maureen Zersetzungsprozesse durch Mikroorganismen, entsorgte das grünlich schimmernde Sandwich und kippte die geklumpte Milch in den Ausguss. Professor Hathaway hätte sich natürlich eine Haushaltshilfe leisten können, vertraute in diesen Fragen aber lieber seiner Studentin. Bei Maureen hatte er es leicht gehabt. Am New Yorker Hayden-Planetarium wurde ein Forschungsprojekt ausgeschrieben und Hathaway, Professor für Astronomie und Polytechnik fungierte sowohl als Leiter des Projekts als auch der Auswahlkommission dar. Für Maureen war er dadurch mit dem Allmächtigen gleichzusetzen.

Das Arrangement zwischen ihr und dem Professor war zufällig entstanden. Der Campus der New York University lag in Greenwich Village. Zu den Liegenschaften der Uni zählte auch das NYU Village, ein Wohnkomplex für Professoren und Angestellte. Wilson Hathaway hatte sein Apartment im westlichen Turm.

Vor Monaten war Maureen ihm begegnet, als er über ein Buch gebeugt in einem Waschsalon saß; hinter ihm rotierten Wäschetrommeln. Maureen wollte weitergehen, doch er hatte sie schon entdeckt und trat in die Tür.

»So etwas Banales haben Sie natürlich nicht nötig, Miss Hooper.« Hathaway war ein kleiner Mann, der sich übertrieben aufrecht hielt. Er hatte strohiges schwarzes Haar, von grauen Fäden durchzogen, und einen unmodischen Schnäuzer. Er war stets korrekt gekleidet, obwohl Maureen bemerkt hatte, dass er nur zwei Sakkos zu besitzen schien, eines für die kalte, eins für die warme Jahreszeit.

»Was habe ich nicht nötig, Professor?«

»Sich selbst um Ihre Wäsche zu kümmern. Das machen bestimmt dienstbare Geister in Newport für Sie.«

Maureen Hooper war nicht die einzige Tochter aus reichem Haus, die an der New York University studierte. Trotzdem wurde sie manchmal mit Bemerkungen konfrontiert, die sich in dem Satz zusammenfassen ließen: »Du hast es nicht nötig zu studieren, denn falls es schiefläuft, kümmern sich Mommy und Daddy um dich.«

Doch Maureen hatte es bitterer nötig als die meisten auf dem Campus. Kaum jemand wusste, dass sie trotz ihrer Eltern hier studierte, gegen deren Willen und ohne das Wissen von Mommy und Daddy.

»Wenn das so wäre, würde ich bald als Geruchsbelästigung in Ihrer Vorlesung sitzen«, antwortete sie. »Ich komme nur einmal im Monat nach Hause. So lange kann meine Wäsche nicht warten.«

»Fahren Sie nicht jedes Wochenende an die Küste?«

»Am Wochenende muss ich lernen, Sir.«

Das Bekanntwerden des Forschungsprojekts am Hayden-Observatorium und Maureens Tätigkeit für Hathaway fielen etwa in die gleiche Zeit. Dienstags und freitags holte sie die Wäsche aus seiner Wohnung, brachte sie gewaschen und gebügelt zurück, besorgte Einkäufe und achtete darauf, dass Hathaways Tabakdose stets gefüllt war. Als es zu umständlich wurde, dass sie nur ins Apartment konnte, wenn er zu Hause war, händigte der Professor Maureen zwei Schlüssel aus.

»Wofür ist der andere?«

»Da wäre noch eine Kleinigkeit, um die ich Sie bitte, Miss Hooper.«

Auch an diesem Dienstag öffnete sie den Wäschekorb und sortierte Dunkles und Helles. Sie kontrollierte den Tabakvorrat, verließ die Wohnung, hastete in den Waschsalon, stellte die Programme ein, sprintete zur Subwaystation, nahm den Expresstrain nach Brooklyn und rannte keuchend fünf Etagen in einem Brownstone-Building hoch.

»Hallo, Mrs Hathaway!«, rief sie im Flur. »Nicht erschrecken, ich bin es, Maureen.« Vorsichtig betrat sie das Schlafzimmer der alten Dame.

»Mein Gott, haben Sie mich erschreckt, mein Kind!«

»Das tut mir leid.«

Hathaways Mutter war nicht wirklich krank, nicht wirklich alt und auch nicht bettlägerig, sie lag nur am liebsten im Bett. Und der Professor hatte Maureen dazu ausersehen, bei seiner Mom nach dem Rechten zu sehen.

Nach einer knappen Stunde hatte sie die Wünsche der Mutter erfüllt, Sesambagels aus der jüdischen Bäckerei besorgt; sie richtete Mama Hathaways Lunch mit Rettich, Tomaten und Frischkäse an, wünschte einen guten Tag und machte sich auf den Rückweg. Nachdem Maureen die Wäsche dem Trockner überantwortet hatte, lief sie in das Deli an der Ecke. Der Besitzer wusste Bescheid und übergab ihr kurz darauf eine braune Papiertüte. Maureen holte die Wäsche aus dem Trockner, faltete und legte sie in die Kommode in Hathaways Apartment. Mit der Tüte kehrte sie auf den Campus zurück und brachte ihrem Astronomieprofessor seinen Lunch.

Hathaway nahm Besteck und einen Salzstreuer aus der Schublade. »Wollen Sie mir Gesellschaft leisten, Maureen?«

»Ich muss zur Vorlesung, Sir.«

»Dann sehen wir uns später. Sagen wir um fünf?«

»Haben Sie denn … noch etwas für mich zu tun?«

»Wir beide sollten ein kleines Gespräch führen.«

Maureen besuchte darauf ihren Kurs ›Physik der Gasnebel‹ und nahm als Gasthörerin am Symposion ›Relativitätstheorie‹ teil. Sie konnte es kaum erwarten, dass es fünf Uhr wurde. Ein Gespräch! Das konnte eigentlich nur bedeuten … Ja, das musste es bedeuten! Ihre Anstrengung hatte sich gelohnt.

Bereits zwanzig Minuten vor fünf Uhr tauchte Maureen im Korridor vor dem Studierzimmer ihres Professors auf. Um ihre vorfreudige Nervosität zu bekämpfen, lief sie auf und ab und suchte währenddessen im Geist alle weiblichen Wissenschaftlerinnen der Geschichte auf, die ihr einfielen und die Maureen Hooper auf dem steinigen Pfad der Forschung vorausgegangen waren. 2500 vor Christus hatte im Alten Ägypten eine Frau namens Peseshet gelebt, die als erste bekannte Physikerin der Geschichte galt. 160 vor Christus unterrichtete Cornelia Africana ihre Söhne, die Gracchus-Brüder, in Mathematik und Musik. Um das Jahr 1240 lehrte Bettisia Gozzadini Rechtswissenschaft an der Universität von Bologna. Dreihundert Jahre später bestimmte die schwedische Kirche, dass auch Mädchen eine schulische Grundausbildung erhalten sollten. 1636 studierte Anna van Schurman als erste Frau an der Universität Utrecht, ohne allerdings ein Diplom zu erhalten. Ein knappes Jahrhundert später gründeten die Schwestern des Ursulinenordens in New Orleans die ›Ursuline Academy‹, die älteste Mädchenschule der Vereinigten Staaten. 1826 öffneten Grundschulen in New York für Mädchen. 1849 erhielt Elizabeth Blackwell als erste Amerikanerin einen Hochschulabschluss in Medizin. Die erste Afroamerikanerin mit College-Abschluss folgte 1850. Und 1870 legte die Universität von Kalifornien fest, dass Studentinnen den gleichen Status erhalten sollten wie ihre männlichen Kommilitonen. Ein langer, weiter, ein steiniger Weg, dachte Maureen, als sie nun, zweiundachtzig Jahre später, klopfte und ins Zimmer ihres Professors trat.

Hathaway bat sie, Platz zu nehmen und erklärte ihr ohne lange Vorrede, welche Entscheidung die Leitung des Hayden-Planetariums getroffen hatte.

»Abgelehnt?« Sie sprang auf, doch da ihre Knie im selben Augenblick weich wurden, sackte sie wieder auf den Stuhl zurück. »Warum?«

»Fachlich gibt es an Ihnen nichts auszusetzen, Maureen. Bei Ihrem Semesterabschluss waren Sie unter den besten fünf.«

»Was ist die Begründung der Kommission für meine Ablehnung?«

»Die Leitung des Planetariums braucht keine Begründung abzugeben.« Hathaway griff nach seiner Pfeife. »Wir haben es mit einem altbekannten Problem zu tun, mit dem die Wissenschaft zu kämpfen hat.«

»Welches Problem?«

»Frauen.«

»Frauen sind ein Problem?«

Er gestattete sich ein väterliches Lächeln. »Normalerweise nicht, aber wenn es um die Naturwissenschaft geht, können sie eins werden.«

»Ich verstehe nicht, Sir.«

»Versetzen Sie sich in die Lage des Direktors des Planetariums.« Hathaway fand die Streichhölzer nicht.

Maureen gab sie ihm.

»Das Zeitfenster, in dem unsere Fakultät mit dem Hayden-Teleskop arbeiten darf, ist auf die Minute genau eingeteilt. Alle zwei Jahre stipuliert das Institut ein Forschungsprogramm, bei dem es Studenten die Möglichkeit gibt, sich erste Sporen zu verdienen.« Die Pfeife brannte, Hathaway paffte.

»Und warum sollen das nicht meine Sporen sein?«

»Maureen, Sie sind zwanzig, sportlich durchtrainiert, Sie haben schönes Haar und ein erfrischendes Lachen.«

Entgeistert sah sie ihn an. »Und … was weiter?!«

»Ich gebe zu, Sie widmen sich der Astronomie mit Leib und Seele, aber zugleich sind Sie ziemlich hübsch. Wie lange mag es dauern, bis ein junger Mann auftaucht, der Ihnen den Hof macht? Sie gehen aus, Sie verlieben sich, er hält um Ihre Hand an. Und weil das Leben schön ist und die Liebe ein Geschenk, nehmen Sie seinen Antrag an. Sie heiraten und werden schwanger, und all das geschieht während des Forschungsprojekts, für das ein großes Planetarium Sie ausgewählt hat und Ihnen das modernste Teleskop der USA zur Verfügung stellt. Von nun an denken Sie hauptsächlich an Ihr Baby und das Nest, das Sie und Ihr Mann bauen. Und dann kommt der Tag, an dem Sie dem Leiter des Planetariums mitteilen, dass Sie nicht länger an dem Projekt arbeiten können, weil Sie Mutter werden. Dann geht die Suche für ihn von neuem los und die Wissenschaft hat ein ganzes Jahr verloren.«

Es wurde still im Zimmer.

»So schätzen Sie mich ein?«, fragte Mauren fassungslos.

»Könnte es nicht so sein?«

»Nein!«

»So denken Sie jetzt und glauben auch, dass es so ist. Aber wir an den naturwissenschaftlichen Fakultäten haben diesen Fall oft erlebt. Mädchen interessieren sich für Physik, Chemie oder die Sterne, aber meistens kommt die Natur der Naturwissenschaft in die Quere.«

Ernüchtert, beschämt, frustriert wie selten in ihrem Leben, fragte Maureen: »Wer wurde denn für das Forschungsprojekt ausgewählt?«

»Eigentlich darf ich Ihnen das nicht sagen.«

»Ich erfahre es ohnehin spätestens, wenn der junge Mann mit stolzgeschwellter Brust in der Mensa auftaucht und sich gratulieren lässt.«

»Archibald Tucker«, ließ Hathaway die Katze aus dem Sack.

»Archie Tucker?«, rief sie mit lautem Lachen. »Archie weiß nicht mal, von welcher Seite er in ein Teleskop hineingucken soll!«

»Seine letzten Benotungen sind tadellos.«

»Soll ich Ihnen den wahren Grund sagen, weshalb Archie ausgewählt wurde? Archibalds Vater sitzt im Vorstand der NYU. Die Tuckers haben den neuen Flügel für Augenmedizin mit einer hohen Summe gesponsert. Das ist der ganze Grund! Und ich fände es fair, wenn Sie das wenigstens zugeben würden, Professor!«

Hathaways Pfeife war ausgegangen. »Lassen Sie sich nicht zu unhaltbaren Vorwürfen hinreißen, Maureen. Gerade Sie dürfen das nicht.«

»Gerade ich, wieso?«

»Ihre Familie besitzt die größte Kohlenmine von Pennsylvania. Sie sollten aus dem Reichtum anderer Leute keine falschen Schlüsse ziehen.«

»Haben mir meine Eltern jemals durch Finanzspritzen an die Universität unter die Arme gegriffen?«

»Soweit ich weiß, nicht.«

»Keinen Penny hat mein Vater gestiftet.«

Hathaway klopfte den verbrannten Tabak in den Aschenbecher. »Warum eigentlich nicht? Da seine Tochter bei uns studiert, wäre das doch eine schöne Geste.«

»Weil meine Eltern diese Art von Protektion ablehnen!«

In diesem Moment erkannte Maureen, dass ihre Tarnung in Gefahr war. Die Wahrheit schimmerte durch und die Wahrheit lautete: Weder ihr Vater noch ihre Mutter wussten, dass ihr einziges Kind an der New York University das Studienfach Astronomie belegt hatte. Die Familie war zwar einverstanden gewesen, dass sie Newport verließ, um in New York zu studieren, doch sie vermuteten ihre Tochter in einer anderen Disziplin. Nördlich des Washington Squares in der 5th Avenue lag die Juilliard School, eine anerkannte Adresse für junge Menschen, die Musik studieren wollten.

Der ausdrückliche Wunsch von Maureens Eltern lautete, sie möge einen Studienweg einschlagen, der ihr die Möglichkeit gab, eine gebildete, künstlerisch geschmackssichere Ehefrau zu werden. Dass sich ihre Tochter der Erforschung der Sterne verschreiben könnte, lag für John und Aurelia Hooper so außerhalb ihrer Vorstellungskraft, dass Maureen auch nach mehreren Versuchen gescheitert war, sich durchzusetzen. Sie hatte daher keinen anderen Weg gesehen, als Vater und Mutter zu hintergehen.

Während sie im Studierzimmer ihres Professors die bittere Pille schluckte, den Traum vom Hayden-Teleskop aufgeben zu müssen, während sie ihren Konkurrenten Archie zugleich verachtete und beneidete, kam ihr der Verdacht, dass der Betrug, den sie seit zwei Jahren beging, in erster Linie mit Otis Kittridge zu tun hatte.

Kapitel 2

Sechs Jahre zuvor, Newport, Rhode Island, Winter 1943

Die bunten Häuser am Hafen von Newport, die Strandhotels, die schlossartigen Villen und Herrenhäuser, die Leuchttürme und Brücken, auch die elegant gekleideten Bewohner vermittelten das Gefühl, das Leben sei die beschwingte Reise von einer Vergnügung zur nächsten. In Europa tobte ein Krieg, über dessen Grausamkeit und Fanatismus man in den USA wenig wusste und auch nicht wissen wollte. Ein Vierteljahrhundert zuvor hatte Amerika seine jungen Männer über den Atlantik geschickt; ein zweites Mal würde das bestimmt nicht geschehen.

Seit Ende des 18. Jahrhunderts waren Maureen Hoopers Vorfahren Unternehmer. Sie hatten Zucker, Tabak und Melasse umgeschlagen, bis sie nach Erfindung der Eisenbahn in die Energiewirtschaft umschwenkten und ihren Reichtum aus dem Boden holten. Kohle hieß das Konzept der Hoopers. Die Quelle ihres Wohlstands lag wohlbehütet und durch Verträge gesichert im Erdreich nahe der Stadt Pittsburgh.

Niemand, der zu Geld gekommen war, lebte freiwillig in Pittsburgh. 1873 hatte die Familie ein Areal von mehreren Hundert Äckern in Newport, Rhode Island erworben, auf dem Maureens Urgroßvater ein Herrenhaus erbauen ließ. Zahlreiche Schornsteine, Türmchen, Gauben, auch die Parkanlage legten Zeugnis davon ab, dass die Hoopers die Engländer bewunderten. Sie schmeichelten sich, einen englischeren Rasen zu besitzen als die Briten.

Trotz ihrer unverbrüchlichen Liebe zueinander hatten John und Aurelia nur ein Kind bekommen, Maureen. Der Lebenspfad eines Mädchens musste noch gewissenhafter geplant werden als der eines männlichen Nachkommen. Maureen sollte eine Bildung erhalten, die gewährleistete, dass sie, sobald sie ins richtige Alter kam, an einer intelligenten Konversation teilnehmen konnte. Geist und Klugheit allein standen einem Mädchen jedoch nicht zu Gesicht, also förderte man auch seinen Kunstsinn. Das Kind sollte hübsche Bilder malen und wenigstens ein Musikinstrument beherrschen. Mit fünf hatte Maureen leichte Bach-Fugen gespielt und sich später auf die Werke Strawinskys verlegt, was ihre Mutter zu dem Ausruf bewog: »Spiel doch mal etwas mit Melodie.«

Maureen bekam Fechtunterricht, sie spielte Tennis. Ein gut funktionierender Körper war Voraussetzung für die kommende Gattin, wenn schon keines Senators, dann zumindest eines jungen Mannes, der in der Kohlenindustrie seinen Aufstieg nehmen würde.

Die Flausen, die Johns jüngerer Bruder Theodore der wissbegierigen Maureen in den Kopf setzte, erfüllten die Eltern mit Sorge. Onkel Theodore ließ jede feine Lebensart vermissen, schon sein Wohnsitz war unmöglich. Theodores Haus lag nicht im mondänen Newport, sondern an der anderen Seite der Bucht, in Narragansett. Hier waren die Strände felsig, die Häuser schlicht. Narragansett galt als das Quartier der armen Nachbarn, die sich Newport nicht leisten konnten. Das Eingangsportal seines Hauses war so dicht mit Brombeeren und Efeu bewachsen, dass er das Terrassenfenster benützen musste, um hinein- und herauszukommen. Durch die Ritzen des Gemäuers pfiff der Wind, die Kamine zogen schlecht und das Dach hätte repariert gehört. Doch die kleine Maureen liebte dieses Geisterschloss, denn hier fand ihre erste Begegnung mit einer Welt statt, die ihr ganzes späteres Leben bestimmen sollte, der Welt außerhalb unseres Planeten.

»Es hat das Leben nicht immer gegeben und wird es nicht immer geben«, sagte Onkel Theodore eines Nachts, als sie zusammen am Strand saßen.

Obwohl Maureen in eine Decke gehüllt war, fröstelte sie. Neugierig blickten ihre Augen zum Nachthimmel empor. »Und die Sterne?«

»Die Sterne sind noch bedeutend älter als das Leben«, antwortete Theodore und hob die Hand. »Dort oben ist es also, das Getümmel der Milchstraße.«

In Maureens Gesicht spiegelten sich Begeisterung, Scheu und Ehrfurcht. »Es sind … so unendlich viele.«

»Viele sind es schon, aber sie sind nicht unendlich.«

»Und du kennst sie alle?«

»Eine ganze Menge.«

Gemeinsam blickten sie in das Schwarzblau des Frühlingshimmels über Narragansett.

»Ich will das auch können«, sagte Maureen.

»Was denn?«

»Mich im Himmel auskennen.«

»Es ist gar nicht so schwer.«

In vielen darauffolgenden Nächten erklärte ihr Theodore die unterschiedlichen Himmelskonstellationen, und Maureens Begeisterung für die Sterne wurde immer größer.

Ihre Familie wollte dem alleinstehenden Theodore die Gesellschaft seiner Nichte nicht entziehen, doch als er das Interesse des Mädchens mehr und mehr für die Naturwissenschaften weckte, erkannten die Hoopers die Gefahr. Selbst im konservativen Newport hatte man inzwischen akzeptiert, dass es weibliche Ärzte oder Physikerinnen gab, doch für Maureens Karriere als Stammhalterin der Familie kam das nicht in Frage. In den Hooperschen Kreisen galt Wissenschaft als unweiblich. Als Maureen, inzwischen auf der Highschool, eines Tages bekanntgab, sie wünsche sich zu Weihnachten ein Teleskop, schoben die alarmierten Eltern der Sternguckerei einen Riegel vor: Statt des Teleskops bekam sie einen Flügel geschenkt. Maureen liebte das Instrument, gab die Idee mit dem Teleskop aber nicht auf.

Otis Kittridge hatte das Aussehen eines Jünglings des 19. Jahrhunderts. Seidig schwarzes Haar fiel ihm in die Stirn, die Lider hingen schwer über seinen Augen. In der Schule hänselten sie ihn als den verschlafenen Prinzen.

»Das ist ja großartig«, sagte der vierzehnjährige Otis im Frühling des nächsten Jahres.

Behutsam packte die gleichaltrige Maureen Hooper das optische Instrument aus. »Es ist ein mittelstarkes Newton-Teleskop, aber das Okular hat eine Barlow-Linse.« Sie justierte das Gerät auf dem Stativ. »Mit einem Herschelkeil habe ich allerdings nicht gerechnet.«

»Herschel … was? Herschel?« Otis sah seine Mitschülerin bewundernd an.

»Ein Sonnenzenitprisma. Da wir nachts wohl nicht oft Gelegenheit haben werden, das Teleskop zu benützen, macht es Sinn, dass wir tagsüber die Sonne beobachten.«

Er sah zu, wie souverän Maureen mit dem Instrument hantierte. »Ich staune, dass du Mrs Premminger dazu gebracht hast, das Schulteleskop für uns herauszurücken.«

»Wieso nicht? Ich bin die Präsidentin des Astronomieclubs der Rogers Highschool.«

»Weil du dich selbst dazu ernannt hast.«

»Ich habe den Club ja auch gegründet.«

»Du hast ihn gegründet, um an das Teleskop ranzukommen.«

»Da hast du vielleicht recht.«

»Was hat Mrs Premminger geantwortet, als du sagtest: Die Rogers High hat ab heute einen Astronomieclub?«

»Was ich gesagt habe, ist unwichtig. Entscheidend ist Mrs Premmingers Charakter.«

»Was ist an Mrs Premmingers Charakter so besonders?«

Maureen prüfte die Stahlgelenke, mit denen das Teleskop bewegt wurde. »Otis, beschreibe unsere Lehrerin mal. Mach schon, beschreib sie.«

Nachdenklich strich er das Haar aus der Stirn. »Sie ist fünf Fuß sieben, wegen ihrer Größe trägt sie flache Schuhe. Braunes Haar, Hornbrille, ein Vorderzahn steht schief. – Na, bin ich ein guter Beobachter?«

»Das sind Äußerlichkeiten.« Maureen setzte sich neben ihn auf die Kiste, in der das Teleskop aufbewahrt worden war. »Mrs Premminger ist eine Frau, die vom Leben mehr erwartet hat. Sie hätte gern eine wissenschaftliche Laufbahn eingeschlagen. Sie wollte in die Forschung gehen.«

»Warum hat sie es nicht getan?«

»Hast du ihren Mann mal kennengelernt? Er kommandiert sie ständig herum und zeigt, dass er der Boss ist. Wenn ich die beiden auf der Straße sehe, benimmt sie sich völlig anders als im Unterricht.«

»Wie denn?«

»Wie ein Hausmütterchen. Dabei hat sie hundert Mal mehr in der Birne als er. Sie ist ein As in ihren Fächern und kann den Lehrstoff so gut vermitteln, dass sogar ein Langweiler wie du mitkommt.« Sie knuffte ihn in die Seite, zum Zeichen, dass es nicht böse gemeint war. »Das Traurige ist: Mrs Premminger hat ihren Traum aufgegeben. Was das Leben ihr zu bieten hat, ist eine Stelle als Lehrerin. Die Forschung wird weiterhin von Männern bestimmt.«

»Ich bin sicher, du würdest dir Mrs Premmingers Schicksal nicht gefallen lassen.«

Mit im Schoß gefalteten Händen saß sie da. »Mein Schicksal könnte noch schlimmer werden.«

Sie sprach so leise, dass er sich zu ihr beugte. »Wieso, Maureen?«

»Auf mir liegt ein Fluch besonderer Art.«

»Ein …