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Fachbuch aus dem Jahr 2014 im Fachbereich Theologie - Biblische Theologie, , Sprache: Deutsch, Abstract: Die Summe der Eins ist Dreizehn - wie kann das sein? Hätten wir das früher unserem Mathematiklehrer gesagt, er hätte wohl bestenfalls darüber gelacht. Es sei denn, er wäre in die Symbolik der Hebräischen Bibel eingeweiht gewesen. Ihr ist dieses Buch gewidmet und den tieferen Bedeutungsschichten, welche die Bibel unabhängig von allen historischen Bedingtheiten und Entwicklungsständen enthält. Symbole sind hier als sinnliche Zeichen gemeint, die auch zu Trägern geistiger Inhalte werden. Es sind Sinnbilder, die auf nicht direkt beobachtbare Seiten der Wirklichkeit verweisen. Dieser Technik bedienen sich auch die Naturwissenschaften. Dort werden Formalismen und Modelle verwendet, um bestimmte Wirklichkeitsausschnitte symbolisch zu repräsentieren. In der Bibel erfüllt die Sprache diese Funktion - zum Teil sichtbar in der Textstruktur und zum Teil erfassbar über die Zahlenwerte der hebräischen Buchstaben. So ist z. B. die Summe der 1 in der Tat 13, weil echad, das Wort eins im Hebräischen, aus drei Buchstaben besteht, deren Werte 1 (Aleph), 8 (Cheth) und 4 (Daleth) zusammen 13 betragen. Der Mathelehrer hätte also staunend feststellen können, daß sein Schüler mit der Eins und der Dreizehn bereits zwei wichtige Symbole für den einen Gott kennt. Das Wissen um diese Strukturen ordnet das Leben in Seins- aber auch in Sinnzusammenhänge ein. Das unterscheidet das biblische Weltbild doch sehr von vielen anderen Systemen, die wir uns schaffen, um uns in der Welt zu orientieren: es gibt dem Leben auch Sinn. Eine Grundthese des Buches ist, dass die biblischen Geschichten durch verschiedene mythologische Bedeutungsräume wandern und ihre Protagonisten Beispielgestalten sind, die immer auch etwas vom Menschsein überhaupt aussagen. Im Verlauf der Geschichten verändern sich diese Räume und nehmen immer mehr Formen an, die unserer Erfahrungswelt entsprechen. Ausgehend von den ersten Menschen im Paradiesgarten, die noch völlig konturlose Urgestalten sind, wird über eine bestimmte Anzahl von Generationen das Menschliche immer weiter ausdefiniert und bekommen die beteiligten Figuren auch immer individuellere Züge. Dieser Ablauf wird vor allem anhand des Pentateuchs nachgezeichnet, da er das gesamte symbolische System bereits enthält. Der Verlauf ist in erster Linie nicht chronologisch zu verstehen; er spricht vielmehr verschiedene Wirklichkeitsschichten an, die mehr oder weniger vordergründig immer präsent sind - in der Außenwelt wie in der Innenwelt unseres Erlebens.
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Veröffentlichungsjahr: 2012
Impressum:
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Inhalt
Vorwort
Aufbau der Bibel
Die Schöpfung : Kosmische Ordnung und menschliche Lebenswelt
Die Sintflut – in eine neue Weltzeit schwimmen
Archiv der Völker : Vom Menschen zur Menschheit
Abraham und Isaac oder Vom männlichen und weiblichen Prinzip
Jacob und Esau oder Von Leib und Seele
Joseph : Fall und Aufstieg eines Träumers
Auszug aus Ägypten : Weg zur Gemeinschaft
Am Sinai – wenn sich Himmel und Erde berühren
Der Tempel als Abbild der Raumzeit – die Welt steht Kopf
Rein oder nicht rein, das ist hier die Frage
Wandern in der Wüste – ein Leben lang
An der Grenze zwischen den Welten
Statt eines Nachworts
Exkurs 1: Jacobs Segen und der Tierkreis
Exkurs 2: Der Dekalog
Exkurs 3: Von den dreizehn Eigenschaften Gottes
Exkurs 4: Schma’ Jissrael – Vom Hören und Verstehen
Exkurs 5: Der Segen des Moses und das Land
Literaturhinweise
Die Bibel – unendliche Weiten, ein Kosmos, gewoben aus Zahlen, Zeichen und Bedeutung. Ein ganzes Universum lädt dazu ein, erforscht zu werden. Wer von uns hat das Buch der Bücher schonmal mit solch einer Erwartung gelesen? Sind ihre Geschichten nicht schon oft genug erzählt und altbekannt – also so alt wie bekannt? Gibt es dazu tatsächlich noch etwas Neues zu sagen? Ganz sicher. Nur, dringen wir mit unserer Alltagsroutine zwischen Religionsunterricht und Gottesdienstbesuch in den biblischen Kosmos meist nur so weit vor, wie alle astronautischen Missionen der Menschheit ins Weltall bisher maximal gekommen sind: ein paar Mal bis zum Mond und wieder zurück. Dabei gibt es in den geistigen wie in den physischen Weiten des Universums noch viel mehr zu entdecken. Die alten Geschichten können und wollen immer wieder neu mit Leben gefüllt werden, denn für das Leben sind sie geschrieben. Zudem ist in ihnen noch eine Menge mehr faszinierender Information hinter der Information verborgen. Wollen wir auf Entdeckungsreise gehen, um diese zu ergründen, dürfen zwei Dinge auch in der Ausrüstung unseres virtuellen Raumschiffes nicht fehlen: ein Observatorium und ein Navigator. Nur ist unser Observatorium das wache Auge unserer Aufmerksamkeit, und das „Navi“ ist die Bibel selbst. Anders als die Raumschiffcrews in Science-Fiction-Romanen und -Filmen werden wir also einen geistigen Kosmos bereisen, der ebenso real ist wie der physische. Viele Bedeutungsschichten gibt es zu erkunden, die nicht so offen zutage liegen. Warum sie für die Allgemeinheit meist noch so unerschlossen sind, liegt zum Teil darin begründet, daß dieses Wissen für lange Zeit bewußt nur in einem relativ kleinen Kreis von Gelehrten überliefert wurde, die es vor Mißbrauch schützen wollten. Denn je mehr einer in diese Tiefenschichten vordringt, um so mehr durchschaut er auch die Ordnung der Welt. Das konnte nach Überzeugung dieser Gelehrten ebenso gefährliche Kräfte entfesseln wie das know how der modernen Physik oder Biologie in den falschen Händen. Seine ausgiebige Rezeption in mystischen und chassidischen Strömungen umgab dieses Wissen zusätzlich mit einer Aura des Geheimnisvollen. Da es teilweise aber auch über Hauptstränge der Tradition – wie Talmud und Midrasch – transportiert wurde, ist es zum Teil auch längst im main-stream-Bewußtsein des Judentums angekommen. Inzwischen ist das alte Wissen vielmehr dadurch gefährdet, in den Gefilden der Postmoderne verloren zu gehen und mit ihm das in der Bibel grundgelegte Verständnis von dem, was die Welt – außer Materie und Energie – noch im Innersten zusammenhält. Die beschriebenen Strukturen bleiben natürlich ebenso wie die physikalische Grundordnung des Universums erhalten. Allein die Menschen können sie dann nicht mehr nutzen und in ihre Lebensgestaltung einbeziehen.
Wie auch sonst auf Expeditionen ungeahnte Ereignisse und Unwägbarkeiten auf die Entdecker warten, gibt es auch hier durchaus Abenteuer zu bestehen. Was uns den Zugang zum unentdeckten Land und seinen Geheimnissen erschweren könnte, ist eine Sprachbarriere. Denn die Bibel ist im Original nicht auf Deutsch, Englisch, Spanisch oder Klingonisch erschienen, sondern auf Hebräisch – einer sehr alten Sprache, deren erste Anwender noch als Nomaden mit ihren Viehherden durch die Wildnis des Vorderen Orients zogen. Und bis in diese Zeit bezieht sich das zurück, was sie erzählt. Die Bibel ist prall gefüllt mit den spannenden Schicksalen einzelner Menschen und ganzer Völker. Und doch kratzten wir nur an der Oberfläche, würden wir die Texte allein beim Wort, nur wörtlich nehmen. Denn alle Buchstaben und somit alle Wörter haben auch Zahlenwerte, über die sich jeweils weitere Bedeutungen erschließen. Über die hebräische Sprachstruktur entstehen symbolische Bezüge und Sinnzusammenhänge, die damit erst im Original richtig sichtbar werden. Dennoch besteht guter Grund zur Überzeugung, einen großen Teil davon auch ohne ein jahrelanges Sprachstudium verstehen zu können. Zum Teil sind die Strukturen auch in der Übersetzung sichtbar; und zum Teil werden wir uns im Blick auf einzelne hebräische Wörter reichlich Sinngebung auch auf Basis der Entsprechungen zwischen Buchstabe und Zahl aneignen können. Um die Angaben überprüfbar zu machen, ist eine Übersicht des hebräischen Alphabets mit Lautung und Zahlenwerten am Ende dieses Vorworts zu finden.
Für eine sinnvolle Auswahl der zu besprechenden Texte bietet sich an, sich auf den Pentateuch, das heißt die fünf Bücher Moses zu konzentrieren. Sie gelten in der jüdischen Tradition als Kernbereich der gesamten Offenbarung und sind das, was dort im engeren Sinne Thorah heißt – auf Deutsch Weisung. In diesen ersten fünf Büchern der Bibel ist das symbolische System bereits vollständig enthalten. Alle anderen Teile der Schrift wirken dem gegenüber wie Kommentare und wie die weitere geschichtliche Ausgestaltung. Wo es uns inhaltlich weiterführt, werden wir dennoch unser „Fernrohr“ auch auf Passagen aus diesen anderen Bereichen richten. Da es in der Zusammenstellung ihrer einzelnen Schriftstücke signifikante Unterschiede zwischen jüdischem und christlichem Bibelkanon gibt, ist am Ende des Vorworts auch eine vergleichende Übersicht dazu zu finden.
Analog zu den vier Grundkräften des Universums in der modernen Physik – von denen die Gravitation die Bekannteste, aber nicht die stärkste ist – gibt es auch im biblischen Weltbild Kräfte mit unterschiedlicher Reichweite und Intensität. Wie sie wirken, ist besser zu verstehen, wenn wir uns erst einmal klar machen, was Symbolik eigentlich bedeutet. Der Begriff geht auf das griechische Wort symbolon zurück und spricht von etwas Zusammengetanem. Symbalein, das Verb vom gleichen Stamm, bedeutet ursprünglich zusammenwerfen oder zusammentun. Der Symbolik-Begriff wird nun speziell für Zusammenhänge benutzt, in denen sinnliche Zeichen zu Trägern geistiger Inhalte werden. Ein Symbol ist ein Sinnbild. Dieser Technik bedienen sich übrigens auch die Naturwissenschaften. Auch da werden Formalismen und Modelle verwendet, um die Forschungsergebnisse zu bestimmten Wirklichkeitsausschnitten symbolisch zu repräsentieren. Nicht zuletzt ist jede Sprache ein System aus Symbolen, das auf die Wirklichkeit verweist, von der sie spricht. Die Sprachstruktur des hebräischen Bibeltextes tut dies in besonderer Intensität und Dichte. Und auch hier sind die symbolischen Formen als Verweise auf die Wirklichkeit, nicht nur als Gleichnisse und freie Assoziationen zu verstehen. Die Struktur des Textes eröffnet einen für uns heute durchaus ungewöhnlichen Blick auf die Welt und ihre Ordnung; neu ist er aber nicht. Für uns heute ist es zum Beispiel nur noch schwer vorstellbar, daß es Orte und Zeiten verschiedener Qualität gibt, lernen wir doch vor allem, Quantitäten zu messen und zu wägen. Der Chronometer tickt unaufhaltsam, aber sagt uns nichts über die Qualität der Zeit. Früher war es den Menschen noch selbstverständlich, daß Orte und Zeiten mit Bedeutungen gefüllt sind, die man meidet oder sucht. Im Wissen um diese Strukturen ordnet sich das Leben in Seins- aber auch in Sinnzusammenhänge ein. Das ist es, was das biblische Weltbild wie auch die Weltbilder anderer Religionen so sehr von allen sonstigen Systemen unterscheidet, die wir uns schaffen, um uns in der Welt zurechtzufinden: sie geben dem Leben auch Sinn. Nach wie vor. Unter der Patina einer Jahrtausende alten Religionsgeschichte leuchten die Farben einer Bildersprache noch immer unvermindert, in der die Menschen ihre Erfahrungen aufgezeichnet haben, die sie über die Zeit als Geschichte Gottes mit dem Menschen verstehen lernten. Wie sich im Einklang von Zählen und Erzählen die Struktur der Wirklichkeit entfaltet, werden wir uns an vielen Beispielen veranschaulichen. Dabei wird sich auch das Rätsel lösen, warum die Summe der Eins Dreizehn ist. Die Aussagekraft dieser Bilder und Strukturen ist unabhängig von allen auch in der Bibel sichtbaren Geschichtsverläufen. Auf diese Inhalte, die jeder in seiner Zeit und seinem Umfeld neu entdecken kann, konzentriert sich hier alles. Darum wird auch auf das Einflechten möglicher aktueller Bezüge weitgehend verzichtet; die wären ohnehin so schnell veraltet wie die Zeitung von gestern.
Die symbolischen Strukturen in den Tiefenschichten der Bibel sind also keineswegs geheim; sie brauchen nur wiederentdeckt zu werden. Die Kommentare zur Hebräischen Bibel füllen ganze Bibliotheken und sind zugänglich, für jedermann. Erschwert wird der Zugang allenfalls dadurch, daß entsprechende Aussagen weit verstreut in Büchern zu finden sind, die es zum Teil auch heute nur auf Hebräisch gibt. Wie gesagt, ist die Sprache das mögliche Haupthindernis beim Erschließen der Quellen. Friedrich Weinreb (1910-1988), ein Mathematikprofessor und profunder Kenner der jüdischen Überlieferung, hatte vor einigen Jahrzehnten bereits versucht, ein deutsches und niederländisches Publikum mit ihnen vertraut zu machen. Die vorliegende Darstellung korreliert mit seiner Arbeit an den Stellen, wo sie sich auf gleiche Aspekte der Tradition bezieht. Ihre Interpretation orientiert sich aber mehr an zeitgenössischen Bemühungen um eine Erneuerung des Zugangs zur jüdischen Tradition, die vom nordamerikanischen Raum ausgingen, aber inzwischen auch Europa erreichen. Unter den Gelehrten, die das Alte neu zu erschließen suchten und dies immer noch tun, seien hier stellvertretend Aryeh Kaplan, Marcia Prager, Shefa Gold und Arthur Green genannt. Neu ist die Sichtweise vor allem, sofern Aspekte der Tradition für die Praxis aktiviert oder reaktiviert werden, die dort längst angelegt sind. Zum Beispiel wird eine Balance zwischen kosmischem männlichen und weiblichen Prinzip dann nicht mehr nur theoretisch angenommen, sondern ausgelebt mit konkreten Konsequenzen für den Lebensalltag der Männer und Frauen von heute. Für diejenigen, die mit der Tradition leben, ist auch das Nachsinnen über die Schöpfungsordnung – über ihre Herkunft und das sie selbst überschreitende Ziel – nicht nur reines Gedankenspiel. Es resultiert bspw. in einer Ausdehnung der Speiseregeln auf eine auch ökologisch gerechte Gewinnung der Lebensmittel. Die Thora ist eben nicht zum Philosophieren und Spekulieren da, sondern vor allem, um Hilfestellungen für den konkreten Lebensvollzug zu geben.
Wenn die symbolischen Formen aber Verweise auf die Wirklichkeit sind, welche Folgen hat dann eine Beschränkung der Bibellektüre auf die an der Oberfläche liegenden wörtlichen Textinhalte? Diese eindimensionale Herangehensweise, welche leider weit verbreitet ist, ermöglicht in der Tat nur eine äußerst magere Auslegung und zerstört gar einen Teil der biblischen Botschaft. Und erst sie bringt ein dann nur noch vermeintlich biblisches Weltbild gegen das wissenschaftlich fundierte Weltbild in Stellung – eine Konfrontation, die nicht sein muß. Wir können vielmehr von wissenschaftlichen Erklärungen wie von biblischen Interpretationen gleichermaßen profitieren, sofern beide mit je eigener Kompetenz die Welt beschreiben und das Wissen an die Hand geben, sie schöpferisch weiter mit zu gestalten. Sie tun dies nur jeweils mit ihren eigenen Methoden. Schon allein, wenn wir das Wort Welt aussprechen, ist damit in beiden Denkschemata etwas anderes gemeint. Die Welt, wissenschaftlich betrachtet, ist das physische Universum, das in seinen größeren Zusammenhängen ebenso erforscht werden kann wie im Aufbau seiner kleinsten Bausteine. Hier wird der Mensch auch selbst zum Forschungsgegenstand, aber nur im Allgemeinen. Individuelle Züge müssen methodisch bedingt ausgeblendet werden. Aus dieser Perspektive erscheint die Erde als ein kleiner blaugrüner Planet, der unbeachtet um eine kleine gelbe Sonne kreist, die sich an einem relativ ereignisarmen Ausläufer eines Spiralarms der Milchstraße in einer lokalen Gruppe von Galaxien befindet; beste Bedingungen übrigens, um abseits von kosmischen Turbulenzen und innergalaktischen Kollisionen Leben entstehen zu lassen. So gesehen sind wir alle Staub der Sterne. Denn nur nachdem frühere Sterne starben, konnten neue mit Planetensystemen aus den von ihnen hinterlassenen schwereren Elementen und deren Zusammensetzungen entstehen. Die gemeinsame Schnittmenge der wissenschaftlichen Erkenntnisse ist kulturübergreifend sehr groß, weil hier personengebundene Erfahrungen in den Hintergrund treten. Dem gegenüber steht im Kosmos der Bibel der Mensch als konkrete Person jeweils im Mittelpunkt seiner Lebenswelt und aller organisatorischen Sorge. Aus dieser Perspektive gesehen, bleibt die Erde als Lebensort des Menschen im Mittelpunkt und das Weltbild gewissermaßen ein geozentrisches – jedenfalls solange die Expeditionen zu anderen Welten auf sich warten lassen. Auf unserer Entdeckungsreise soll eben dieses, auf das persönliche Erleben ausgerichtete Weltbild der Bibel im Focus stehen. Auf dem gleichen Terrain tummeln sich viele Religionen. In diesem „Universum“ sind wir nicht allein; wir müssen es mit anderen teilen und werden uns zugleich mit ihnen immer nur auf der Basis einer relativ kleinen gemeinsamen Schnittmenge an Erfahrung verständigen können. Zur gleichen Kultur gehören heißt ja, mit einer begrenzten Zahl von Menschen mehr Erfahrungen, Werte und Ziele gemeinsam zu haben als mit anderen. Also müssen die beiden Systeme – das wissenschaftliche und das biblisch-lebensweltliche – schon aufgrund ihrer unterschiedlichen Zielsetzungen nicht miteinander konkurrieren, im Gegenteil. Ein biblischer Verstehenshorizont und eine wissenschaftliche Systematik, die einander in komplementärer Weise ergänzen, können wir gut brauchen, nachdem wir an die Grenzen der Expansion unseres modernen Lebensstils gestoßen sind und einen Weg zurück suchen, zurück zum Ursprung und auch zu mehr Innerlichkeit. So ist dieser kleine Reiseführer durchs biblische Universum für alle interessierten Menschen geschrieben – unabhängig von ihrer Konfession, das heißt auch für Menschen ohne eine solche. Er richtet sich an alle, die einen neuen Zugang zu den alten Schriften suchen oder ihren ersten Annäherungsversuch wagen. Entstanden und gewachsen ist all das in der jüdischen Tradition, die ihrerseits in dem noch um Jahrtausende älteren Kulturraum des Vorderen Orients wurzelt. Jeder Inhalt braucht einen Startpunkt, auch wenn er sich einen Weg in die breitere Öffentlichkeit sucht. Im Hintergrund aber steht ein altes Menschheitswissen, das einst in vielen Kulturen präsent war und unsere heutige über unterirdische Kanäle noch immer nährt.
Schema des hebräischen Alphabets
Die hier verwendete Umschrift der hebräischen Wörter soll eine weitgehende Unterscheidbarkeit der Buchstaben sicherstellen. Zugunsten einer flüssigen Lesbarkeit habe ich auf die Übernahme wissenschaftlicher Transkriptionsregeln verzichtet. Denn dieses Buch soll nicht nur Experten der Theologie oder andere Fachkräfte erreichen. Zugleich ist die hier genutzte Umschrift nicht einfach aus der amerikanisch-englischen Literatur übernommen. Es gibt lediglich vereinzelte Ähnlichkeiten – vor allem, wo es darum geht, das Cheth vom Khaph sowie das hebräische Zajin vom deutschen Zet-Laut zu unterscheiden, der seinerseits viel mehr dem hebräischen Tzade entspricht. Letzteres ermöglicht zugleich, die scharfen S-Laute Samech und Ssin abzugrenzen vom weichen S-Laut Zajin, für den das Deutsche kein eigenes Zeichen hat. Alle anderen Transkriptionen folgen im Wesentlichen dem deutschen Lautsystem. Die zur genaueren Betrachtung und Analyse eingeführten hebräischen Ausdrücke und Namen werden jeweils kursiv gesetzt. Sonst aber werden im laufenden Text für weithin bekannte Personen und Orte – wie Abraham oder Jerusalem – in der Regel die aus deutschen Bibelübersetzungen eher vertrauen Namen gebraucht. Das Hebräische kennt keine Groß- und Kleinschreibung; deshalb werden hier allein die Namen groß geschrieben und Substantive nur dann, wenn sie als eigene Begriffe weiter verwendet werden, wie etwa die Thevah als alternativer Name für die Arche Noahs. Auch die Auswahl der benutzten und empfohlenen Literatur richtet sich danach, daß dies zwar eine Expedition mit Anspruch ist, aber keine vornehmlich wissenschaftliche Mission. Deshalb sind selbst die Quellen möglichst nur so angegeben, daß sie auf Deutsch oder zumindest auf Englisch nachvollzogen werden können.
Am Anfang war der große Knall, der Urknall. So lautet noch immer die gängigste Theorie über den Beginn des physischen Universums. Ob das zugleich der Endpunkt der Kontraktion eines früheren Universums war oder ein absoluter Anfang, wissen wir bislang nicht. Das ist übrigens auch in der Bibel nicht klar geregelt. Geregelt ist, daß die Schöpfung den Rahmen setzt für alles, was in unserer Lebenswelt passieren kann und wird. Die Schöpfung verleiht auch dem gesamten ersten Buch des Pentateuchs seinen Namen: Genesis. Eine stille, ungeschriebene Voraussetzung gibt es aber doch, ohne die die Dynamik des gesamten Prozesses nicht verstanden werden kann. Nennen wir sie einmal so: die Geschichte der Welt und des Menschen nimmt ihren Ausgang in der Einheit Gottes. Vielleicht können wir uns das als eine unvorstellbar große Konzentration von Energie vorstellen. Aus diesem Zustand, noch vor der Existenz von Raum und Zeit, kanalisiert sich die erste Schöpfungstat: „Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“; das ist der „Urknall“ des biblischen Kosmos. Dabei entsteht nicht einfach eine Welt. Mit Himmel und Erde wird eine grundlegende Dualität geschaffen. Am Anfang war die Zwei. Zeitangaben werden hier noch nicht gemacht. Erst danach wird der weitere Verlauf der Schöpfung in einer Folge von Tagen erzählt. Sechs Tage dauert sie, und am siebten ist sie vollendet. Es ist allerdings fraglich, wie weit es sich bei den Tagen tatsächlich um Zeitangaben handelt. Sie enthalten wohl vielmehr die Information über eine Struktur; und die ist auch in jeder Bibelübersetzung sichtbar (Genesis 1:1-2:4):
Einheit bei Gott
Am Anfang schuf Gott eine Zweiheit: den Himmel und die Erde
Tag 7/ Schabbath: Vorwegnahme der Rückkehr in die Einheit bei Gott
Tag 8: Einheit bei Gott
An sechs Tagen werden acht Teilaspekte der Natur geschaffen, die dual aufeinander bezogen sind. Genauer gesagt werden in zwei Zyklen zu je drei Tagen jeweils vier Schöpfungstaten genannt (vgl. F. Weinreb, Schöpfung im Wort, 34-40). Die zwei Schöpfungszyklen bilden folgerichtig auch in sich eine Dualität. Wie Gott seine Energie zum Einsatz bringt, umschreibt die Bibel als Schöpfung durch das Wort: „er sprach“… und „es ward“. Auf diese Weise entsteht eine ganze Hierarchie von Dualitäten: Licht und Finsternis – erster Tag, die Wolken oben und ein Urmeer unten – zweiter Tag; und am dritten Tag gibt es eine zweifache Dualität mit Land und Meer sowie zwei Grundarten von Pflanzen. Der zweite Zyklus wirkt wie die Konkretisierung des ersten. Das Entstehen von Sonne, Mond und Sternen am vierten Tag korrespondiert mit der Scheidung von Licht und Finsternis am ersten. Die Funktion der Himmelslichter besteht nun darin, Tag und Nacht zu regieren, also die helle und die dunkle Zeit zu unterscheiden, was Voraussetzung ist für die Einteilung von Tagen, Monaten und Jahren und damit für jeden Kalender. Die Bildung der Vögel und Meerestiere am fünften Tag bezieht sich auf die Wasser oberhalb und unterhalb des Firmaments vom zweiten Tag zurück. Am sechsten Tag gibt es keine direkte inhaltliche Parallele, aber die verdoppelte Dualität des dritten Tages kehrt wieder. Tiere und Pflanzen entstehen in einer Unterscheidung, die für das Überleben des Menschen wichtig sein wird: Wild und Herdentier sowie Pflanzen allgemein und Pflanzen mit für den Menschen eßbaren Früchten. Und schließlich wird der Mensch geschaffen in männlichem und weiblichem Geschlecht.
Nun haben ja nicht nur die Menschen unterschiedliche Geschlechter, sondern viele Tier- und Pflanzenarten auch. Beim Menschen aber hebt die Bibel diesen Umstand so stark hervor, als handele es sich um zwei eigene Spezies. Dies hat weniger damit zu tun, daß Männer und Frauen auf bestimmte Rollen festgelegt werden sollen, sondern vielmehr mit einem alten Symbolismus. Auch andere Kulturen jenseits des biblischen Kontextes integrierten schon früh die biologischen Geschlechter in die umfassendere Konzeption eines kosmischen männlichen und weiblichen Prinzips. Der Mensch ist danach als Mann und Frau in Teilhabe am männlichen und weiblichen Urprinzip gestaltet. Diese Urprinzipien sind ihrerseits in der Einheit bei Gott aufgehoben und gliedern sich erst in der dualen Welt auseinander. Seit der Neuzeit hat sich das, was als Realität wahrgenommen wird, stark auf mechanische und kausal begründbare Vorgänge verengt. Im Zuge dieses Prozesses wurde das Bewußtsein um eher synthetisch und intuitiv erschlossene Qualitäten von Lebewesen und Dingen, von Orten und Zeiten in die Randzonen unserer Kultur verdrängt. Männlich und weiblich im kosmischen Maßstab – das kennt immerhin noch die Astrologie. Zu ihren Grundsymbolen gehören die Tierkreiszeichen, die sich in sechs männliche (Widder, Zwillinge, Löwe, Waage, Schütze, Wassermann) und sechs weibliche Zeichen (Stier, Krebs, Jungfrau, Skorpion, Steinbock, Fische) aufgliedern. Diese bilden erst zusammen das gesamte Spektrum der Zeitqualitäten im kosmischen Spiel der Kräfte ab.
Die Welt entsteht und entwickelt sich also ausgehend von einer immensen Konzentration an Energie, die traditionell begrifflich in Worte wie „Einheit bei Gott“ gefaßt werden kann. Daß alle Lebewesen und Dinge der Welt auch wieder in diese Einheit eingesammelt werden, ist symbolisch mit dem siebten Tag verbunden. Am siebten Tag wird nichts mehr erschaffen. Von ihm heißt es nur, daß er gesegnet sei als der Tag, an dem Gott von seinem Schöpfungswerk ausruhte. Das klingt scheinbar passiv; tatsächlich aber wirkt er unmittelbar auf die weitere Entwicklung der Schöpfung ein. Der siebte Tag gliedert die Zeit und gibt ihrem Lauf Richtung und Dynamik. Der Rhythmus wird sichtbar in der langfristigen Beobachtung von Sonne und Mond. Die Jahre werden bekanntlich am Lauf der Erde um die Sonne bestimmt, die Monate aber am Lauf des Mondes um die Erde. Die Zusammenfassung der Tage in Wochen ergibt sich da aus zwei Faktoren: Zum einen können die etwas mehr als 29 Tage dauernden Mondmonate ungefähr in vier mal sieben Tage unterteilt werden. Im Mittel sind es ja 28 Tage, sofern die reine (syderische) Umlaufzeit des Mondes 27,3 Tage, sein (synodischer) Umlauf bis zur Wiederholung der gleichen Mondphase aber 29,5 Tage beträgt, weil die Erde dann inzwischen auch ein Stück weiter um die Sonne gewandert ist. Zum anderen lassen sich die Monate in den Rhythmus der von der Sonne vorgegebenen Jahreszeiten einordnen. Die astronomischen vier Jahreszeiten beginnen mit den Tagundnachtgleichen im Frühjahr und Herbst und den Sonnenwenden in Sommer und Winter. Die Jahreszeiten selbst dauern dann jeweils drei Monate mit circa vier Wochen zu je sieben Tagen. Das alles zusammen führt zu einer natürlichen Einteilung der Tage in Siebenereinheiten. Auf Basis dieser kosmologischen Rhythmen begründet die Bibel den steten Wechsel von Arbeiten und Ruhen auch im menschlichen Leben und Streben. Dieser Wechsel ist nicht gleichzusetzen mit einem bloßen Hin- und Herschwingen zwischen Aktivität und Passivität. Qualitativ kann der siebte Tag eine sehr aktive Zeit sein, aber auf keinen Fall eine schöpferische. Etwas Neues zu generieren, ob geistig oder materiell, ist dem Arbeitsalltag der anderen sechs Tage vorbehalten. Der Sinn des siebten Tages besteht für den Menschen darin, sich gerade mit seinen Fähigkeiten, die ihn von allen anderen Lebewesen unterscheiden und immer auch von der Natur zu entfremden drohen, bewußt in ihre Rhythmen einzufügen. In der Struktur der Natur zeigt sich die Sieben auch an anderen Stellen als eine Grundzahl. Das können wir zum Beispiel in der Harmonielehre erkennen. Sieben Töne hat die Tonleiter. Das ist immer so, egal in welcher Tonart wir uns bewegen. Erst beim achten Ton beginnt die Tonfolge mit verdoppelter Frequenz (oder nach unten mit halbierter Frequenz) von vorn. Der achte Ton ist immer wieder ein erster. Wenn für uns ein siebter Tag vorbei ist, beginnt auch alles wieder von vorn, wieder mit einem ersten Tag. Ein echter achter Tag müßte eine ganz neue Qualität haben und in eine andere Existenzform führen, von der uns der siebte Tag nur eine Ahnung geben kann.
Es ist bemerkenswert, was Gott am ersten siebten Tag der Weltgeschichte tut: er ruhte aus von all seinen Werken (Genesis 2:2-3; vgl. Exodus 20:10f.). Ob Gott wirklich eine Siesta nötig hat? Viele Theologengenerationen haben solche Vergleiche mit menschlichen Eigenheiten bereits kontrovers unter dem Fachbegriff des Anthropomorphismus diskutiert – der Menschenförmigkeit. Die Antwort darauf, ob Gott wohl Nase, Ohren und Arme habe, um die Opfergaben zu riechen, die Gebete zu hören und in die Geschichte einzugreifen, liegt beim Menschen allein. Gott läßt das alles unberührt. Der Mensch allein braucht die Anschaulichkeit, um sich selber besser zu verstehen. Um sich selbst besser verstehen zu können, zeigt die Bibel ihm, woran er sich messen kann: als Geschöpf „im Bild und Gleichnis“ Gottes (Genesis 1:26) – das ist Gleichnis nur im Handeln, nicht im Aussehen. Daran wird er testen können, wie weit es ihm gelingt, das Vorbild Gottes tatsächlich nachzuahmen. Am siebten Tag ruhen idealerweise auch menschliches Tagewerk und menschliche Schöpferkraft. Der siebte ist der einzige Tag, der im Hebräischen auch einen Namen hat: Schabath. Das dazu gehörige Verb schavath bedeutet aufhören und ruhen. Die anderen sechs Tage werden einfach nur durchgezählt: der Sonntag ist der erste Tag, Montag der zweite Tag u.s.w. Ist wieder einmal eine Woche um, können wir am Schabbath zurückschauen auf das große ganze Schöpfungswerk wie auf die gerade vergangene Woche: Was haben wir erreicht, was ist nicht so gut gelaufen? Und wir schauen nach vorn in eine Zukunft, die weit über die nächste Wochenplanung hinausweist. Denn der siebte Tag bringt auch eine Dynamik der Erwartung in den Zeitlauf, Erwartung einer individuellen und globalen Vollendung. Ansatzweise ist Vollendung in jedem gelungenen Moment des Lebens schon da; zugleich ist sie für immer am Kommen. Zu den gelungensten Momenten zählen wohl die, welche wir mit anderen teilen können.
Jetzt ist die rechte Zeit, schonmal ein wenig zu buchstabieren. Der duale Charakter der Schöpfung spiegelt sich auch in der Struktur der Sprache wider. Im Original lautet der erste Satz der Bibel: „Be-reschith bara’ Elohim eth ha-schamajim we-eth ha-aretz.“ Bereschith lautet auch der hebräische Name des Buches Genesis. Denn das erste markante Wort in einer traditionellen Schrift ist in der Regel auch ihr Namensgeber. Das „am“ (be-) des Anfangs (reschith) besteht aus einem einzigen Buchstaben: Beth. Da in einem Satz kein Buchstabe einzeln stehen darf, werden solche minimalen Bedeutungsträger an das nächste Wort angeklebt: be-reschith. Überhaupt ist das Hebräische ziemlich sparsam. Die Schrift besteht nur aus Konsonanten. Vokale hat es auch, aber keine eigenen Buchstaben dafür. Es gibt nur ein Set winziger Zeichen, mit dem sie an die Konsonanten geheftet werden können; meist stehen sie darunter, manchmal dahinter oder darüber. Das nennt man dann „vokalisieren“ oder „punktieren“. Allein die Halbvokale Jud und Waw tauchen auch in unvokalisierten Texten auf, um die Erkennbarkeit bestimmter grammatikalischer Formen sicherzustellen. Eine Thorarolle ist wie die meisten israelischen Zeitungen nicht mit Vokalen ausgestattet. Vokalisiert wird nur für Anfänger, jedenfalls die Zeitung. Zu Studienzwecken werden aber auch Bibeltexte punktiert gelesen, um den Sinn genau zu erfassen. Eben um den Sinn der Texte genau festzulegen, haben sich schon vor einigen hundert Jahren ein paar Experten, die so genannten Masoreten („Überlieferer“) einmal hingesetzt und die gesamte Bibel vollständig durchbuchstabiert und vokalisiert. Das Ergebnis liegt noch heute jeder buchförmigen Bibelausgabe zugrunde. Grammatikalisch mögliche Alternativen des Lesens und Deutens sind freilich nach wie vor erlaubt. Eine weitere Eigenart der hebräischen Sprache besteht darin, daß die Grundbedeutung der Wörter stets auf einer Reihe von Wurzelkonsonanten ruht. Meist sind es drei, aus denen sich über verschiedene grammatikalische Formen weitere Bedeutungsnuancen ableiten lassen. Diese Wurzelbuchstaben werden in den kommenden Erklärungen in der Regel mit angegeben.
Hebräisch ist eine Konsonantenschrift. Das heißt, auch der erste Buchstabe ist kein A, kein Vokal wie etwa im deutschen Alphabet, sondern lediglich ein im Hals erzeugter Verschlußlaut. Ihm kann dann als Vokal ein A folgen, muß aber nicht. Das Aleph für sich allein ist fast unhörbar; und das hat bereits einen tiefen symbolischen Sinn. Als erster Buchstabe mit dem Wert eins ist es zugleich ein Zeichen des einen Gottes, von dem alle Formen und Bewegungen der Schöpfung ausgehen, der aber selbst in ihnen nicht aufgeht. Im Blick auf die Zahlenwerte der 22 hebräischen Buchstaben fällt auf, daß sie nicht einfach durchnumeriert sind, sondern erst alle Einer, dann alle Zehner und schließlich die Hunderter bis zur 400 gezählt werden. Jede Zahl, die größer als 400 ist, kann nur aus verschiedenen Buchstaben zusammengesetzt dargestellt werden. So wird auch bei allen Zahlen zwischen 11 und 399 verfahren, ausgenommen die glatten Zehner und Hunderter bis zur 400. In dieser Folge steht das Beth an zweiter Stelle und hat den Zahlenwert zwei. Der erste Buchstabe in der Bibel überhaupt ist also nicht das Aleph, sondern der mit dem Wert zwei. Das Beth hat wie alle anderen Buchstabenbezeichnungen auch eine eigene Bedeutung. Baith heißt Haus. Die Welt ist das Haus für den Menschen und alle Lebewesen. Die Position des Beth an dieser Stelle sagt bereits aus, daß die gesamte Schöpfung von Rhythmen durchzogen ist, denen Dualitäten zugrunde liegen wie Tag und Nacht, einschlafen und aufwachen, einatmen und ausatmen, sehen und gesehen werden, geboren werden und sterben und vieles mehr. Erst das Zusammenspiel dieser Dualitäten ermöglicht das Leben auf unserem Planeten. Auch sie wirken komplementär, sind Gegensätze, die ohne einander nicht auskommen. Die Struktur, die auf ihnen aufbaut, sollten wir uns aber nicht zu statisch vorstellen. Die Welt befindet sich in einem Prozeß, unterliegt also auch nach biblischem Verständnis einer Evolution. Diese kann symbolisch als eine Bewegung dargestellt werden, die von der Eins über die Zwei zurück zur Eins führt. Der zweite Teil dieser Bewegung, der das Ziel der Schöpfung angibt, ist in dem Wort bereits abgebildet, das die Bibel ausschließlich für die Schöpfungstaten Gottes benutzt. Schaffen heißt bara’ und besteht aus der Wurzel Beth (2), Resch (200), Aleph (1). Von der Zwei, von der Grunddualität aus läuft das Leben durch viele Stufen der Entzweiung – angedeutet durch die Zwei auf der Hunderterebene – und wird schließlich wieder eingesammelt in der vereinheitlichenden Energie Gottes. Auch die Verdopplung der Zwei, die Vier, ist eine Grundzahl der Schöpfung. Die gesamte Vielfalt der Lebewesen und Dinge verästelt sich in eine räumlich ausgedehnte Welt hinein, für die traditionell die vier Himmelsrichtungen stehen. Vierheiten finden sich auch abgebildet in astronomisch bedingten Grundgegebenheiten. Da sind die schon erwähnten Jahreszeiten, die sich aus den wechselnden Sonnenständen mit ihren vier Eckpunkten zwischen den Tagundnachtgleichen im Frühjahr und Herbst sowie dem längsten und kürzesten Tag zur Sommer- bzw. Wintersonnenwende ergeben. Und da gibt es die vier Phasen des Mondlaufes, Neumond, zunehmender Mond, Vollmond und abnehmender Mond, die ebenfalls starken Einfluß auf das irdische Leben ausüben. Über die moderne relativistische Physik haben wir mit der vierdimensionalen Raumzeit inzwischen eine weitere Vorstellung von der Struktur der Welt gewonnen, die mindestens genauso gut mit dem Symbol der Vier korreliert. Es ist kein Zufall, daß die Zählung des Alphabets bei der Vier auf der Hunderter-Ebene endet. Während die Vier die ausgedehnte, physische Welt selbst symbolisiert, drückt die 400 das Maximum an Entwicklungsmöglichkeit von allem aus, was sich in ihr befindet und ereignet. Alle Entwicklung spielt sich in diesem Rahmen ab. Ihn überschreiten hieße, die naturgesetzlichen Vorgaben zu sprengen. Übrigens hat das hebräische Wort für Welt, ‘olam (Ajin, Lamed, Mem), auch eine räumliche und eine zeitliche Dimension. Ha-‘olam – die Welt (ha- ist der bestimmte Artikel) ist der Raum der Welt, in dem wir uns bewegen. Le-‘olam aber (die Partikel le- bedeutet „für“ oder drückt eine Bewegung auf etwas zu aus) wird benutzt für immense Zeiträume; le-‘olam heißt „für immer“ und le-‘olam wa-‘ed – wörtlich übersetzt „für Welt und Zeit“ – wird dann zum Ausdruck für solche Äonen überschreitenden Vorstellungen wie „für immer und ewig“. Gab es da vielleicht schon eine intuitive Vorstellung jener raum-zeitlichen Zusammenhänge, welche die Physik inzwischen ziemlich genau beschreibt? Selbst ein vages Vorverständnis von dem, was später wissenschaftlich erwiesen und technisch anwendbar sein wird – das ist schon echte Science Fiction.
Eine Welt aus Zweiheiten wird geschaffen. Die Schöpfungserzählung bildet insofern noch eine weitere Dualität, als es eigentlich zwei Schöpfungsgeschichten sind. In der ersten laufen alle Schöpfungstaten auf die Erschaffung des Menschen zu (Genesis 1:1-2:4). Die zweite nimmt den Menschen als Ausgangspunkt und erzählt in mythischen Bildern, wie er seine Lebensbedingungen selbst mitbestimmt (Genesis 2:4-3:24). Auf den ersten Blick scheint sich die erste Geschichte auf die kosmische Ordnung zu konzentrieren und die zweite auf den Menschen. In beiden aber geht es um die Welt als menschliche Lebenswelt. Die Verwendung unterschiedlicher Gottesnamen war ein entscheidender Anhaltspunkt für die akademische Bibelforschung, um den beiden Schöpfungsgeschichten eine jeweils andere Herkunft nachzuweisen. Die jüdische Tradition ist sich dieser Unterschiede auch längst bewußt, sieht darin aber keinen Grund, die Texteinheiten in gleicher Weise auseinanderzudividieren. Sie sieht sie vielmehr in einem tieferen Sinn verbunden. Dem entsprechend repräsentieren die beiden Namen verschiedene Eigenschaften oder Handlungsattribute Gottes. So tritt Gott in der ersten Schöpfungsgeschichte als Begründer der Weltordnung und der Naturgesetze auf, welche auch dem Leben unabänderliche Rahmenbedingungen vorgeben. Dort heißt er Elohim, was ins Deutsche mit Gott übersetzt wird. Nach der hebräischen Grammatik ist Elohim ein Pluralwort. Auf -im enden die meisten männlichen Wörter in der Mehrzahl. Historiker mögen den Ursprung des Begriffes in einer polytheistischen Kultur sehen. In der Tradition hat er sich zu einem Ausdruck für die Einheit Gottes entwickelt, der die Vielfalt aller geistigen und materiellen Gestalten in der Welt ihre Existenz verdankt. Unter dem Namen Elohim wird Gott auch als gerechter und strenger Richter verstanden. Die zweite Schöpfungsgeschichte handelt schon speziell von den existentiellen Bedingungen des menschlichen Lebens. In ihr kommt zum Gottesnamen Elohim das Tetragramm, JHWH, hinzu, eine an sich unaussprechbare Form von Sein. In vielen anderen biblischen Geschichten, zum Beispiel in den Erzählungen von Israel in der Wüste, tritt das Tetragramm dann auch allein auf. Sein heißt in der Ursprache hajah (Heh, Jud, Heh) – da gibt es noch keine Sprachschwierigkeiten. Aber jeder Versuch, es in der Form des Tetragramms auszusprechen, kann nur scheitern. Denn wir Menschen, auf der Zeitlinie lebend, können sein einfach nicht gleichzeitig in den Formen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft sagen: war, ist und wird sein. Es geht beim besten Willen immer nur nacheinander (vgl. M. Prager, Path of Blessing, 84-88). Da die jüdische Gemeinde auch nur aus Menschen besteht, versucht sie es gar nicht erst und umschreibt das Tetragramm, wo immer es auftaucht, mit Ersatznamen wie Adonaj – dem Wort Herr in einer seltsamen Pluralform, in der sich die Vielheit der Zeiten zu spiegeln scheint –, oder ha-Schem, was nichts weiter heißt als der Name. In Übersetzungen steht an Stelle des Tetragramms meist „Herr“, mitunter aber auch „der Ewige“. Vokalisiert wird JHWH entweder gar nicht oder nur so, als stünde da bereits der Ersatzname Adonaj. Wer trotzdem probiert, das zu lesen, kommt auf so etwas wie „Jehowah“ – klingt gut, ist aber falsch. Als Attribut gilt JHWH oder ha-Schem dem mitseienden und mitleidenden Gott, der uns an die virtuelle Hand nimmt und durchs Leben begleitet. Hier ist er ganz Person. Als Person ist er ansprechbar für den einzelnen Menschen und die gesamte Gemeinschaft. JHWH wird so zum Begriff für den Gott des Erbarmens. Zwischen diesen Polen, dem Gott der Gerechtigkeit (Elohim) und dem Gott des Erbarmens (JHWH,ha-Schem), entwickelt sich seine Wirkung in der Welt. Und nur mit beiden Eigenschaften zusammen können wir uns von ihm eine Vorstellung machen, sofern wir das überhaupt können. Auch diese Namen verhalten sich zueinander komplementär: ihre Bedeutungen ergänzen einander, ohne ineinander aufzugehen. Übrigens, wer sich die beiden Gottesnamen JHWH und Elohim so einträchtig beieinander stehend in der Übersetzung vorstellt, versteht jetzt auch, wie der „Herrgott“ in den deutschen Sprachgebrauch kam.
Das Verhältnis des Menschen zu seiner Welt und zum einen Gott, der in der Welt präsent ist, aber nie in ihr aufgeht, ist das Leitthema der zweiten Schöpfungsgeschichte – der Geschichte vom Paradies (Genesis 2:4-3:24). Es spiegelt sich symbolisch im Verhältnis von Eins zu Vier, das dort mehrfach abgebildet ist:
Erstens werden vier Ströme erwähnt, die sich aus einem Fluß aufgliedern. Sie heißen Pischon (der um das Land Chawila fließt), Gichon (der das Land Kusch umschließt), Chidekel oder Tigris (der sich laut Text östlich von Assyrien befindet) und der Prath oder Euphrat (der südwestlich vom Tigris das Zweistromland umfaßt). Das „Paradies“ erstreckte sich demnach von Vorderasien bis nach Nubien (Kusch) südlich von Ägypten (Genesis 2:10-14). Einer anderen Theorie zufolge könnte sich hinter dem Paradiesgarten aber auch die Erinnerung an ein ehemals üppiges, fruchbares Tal im heutigen Norden des Iran verbergen. Auch hier gab es ein Kusch, wie der „Berg von Kusch“, Kuscha Dagh, heute noch verrät. Das Wort Paradies kommt übrigens im hebräischen Text gar nicht vor. Dies ist eine persische Bezeichnung (orig. Pardes) und kam erst mit der griechischen Übersetzung in die Bibel hinein. Der hebräische Begriff des legendären Ortes ist Gan be-Eden, das heißt „ein Garten in Eden“. Im Deutschen bleibt davon meist nur der „Garten Eden“ – wie es in der Bibel selbst ja auch vorkommt (z.B. Genesis 3:23f.). Im Ursprung aber fällt das längst nicht in eins; denn es wird erwähnt, daß der eine Fluß, der sich in vier aufgliedert‚ „von Eden ausgeht, um den Garten zu bewässern“ (Genesis 2:10). Das Wort Eden hat wahrscheinlich seinen Ursprung im Sumerischen, wo edin erstmal nichts weiter meinte als eine unbebaute Ebene, also das platte Land. Die hebräische Wurzel von ‘Eden – Ajin, Daleth, Nun – nahm dann bereits die Bedeutungen jener Wonne und Fülle an, die sich mit der Vorstellung des paradiesischen Ortes verbanden, wo in einem Raum der ungebrochenen Harmonie das menschliche Leben seinen Ursprung nahm. Sollte sich das Vorbild der fruchbaren Ebene tatsächlich im Nordiran befunden haben, ist von Fülle und Wonne jedenfalls nicht mehr viel zu sehen. Denn die in Frage kommende Senke beherbergt heute die Millionenstadt Tebris. Wer dahin fahren wollte, um ins Paradies zu kommen, findet eventuell das gleiche vor wie an dem Ort, wo er losgefahren ist: ein Häusermeer. Wie es sich anfühlt, „jenseits von Eden“ zu sein, haben uns Filmemacher und Schlagersänger bereits anschaulich zu machen versucht. Im biblischen Denken heißt das grundsätzlich, fern zu sein vom Ursprung. Fern vom Ursprung ist zunächst jeder von uns; und die Paradiesgeschichte erfaßt bildhaft, warum das so ist. Wir kommen gleich darauf zurück.
Zweitens wird berichtet, daß, bevor es Regen auf der Erde gab, alle Pflanzen durch einen Dunst belebt wurden, der sich wie Tau über dem Land ausbreitete und Feuchtigkeit spendete (Genesis 2:6). Der Dunst heißt auf Hebräisch ed – ein Wörtchen, bestehend aus Aleph und Daleth, also aus Eins und Vier. In dieser Kombination auseinandergelegt erscheint die Fünf immer wieder in der vierdimensionalen Welt. Immer wieder so getrennt, denn die Fünf entspricht symbolisch bereits dem achten Tag und verweist wie er auf eine neue, ganz andere Existenzform. Die Lebensaufgabe in dieser Welt, deren Rahmenbedingungen sich hier vorbereiten, scheint darin zu bestehen, in unserem Denken, Sprechen und Handeln die Eins Gottes mit der Vierheit der Welt in Beziehung zu bringen. Die Thora wird diese Aufgabe später Heiligung nennen. Die Heiligung des Lebens wird Gott vom Menschen fordern. Zuerst werden dazu Einzelne berufen und später ein ganzes Volk, denn es ist eine individuelle und eine gemeinschaftliche Aufgabe.
Ein weiteres Mal findet sich das Verhältnis von Eins zu Vier im Begriff des Menschen selbst. Ha-Adam lebt zunächst allein inmitten der Pflanzenwelt. Ha-Adam ist da noch der Mensch schlechthin, noch kein Individuum mit eigenem Namen und eigenem Willen. Die Individualität wird sich im Lauf der Geschichte erst nach und nach entwickeln. Adam (ohne den bestimmten Artikel ha-) wird mit Aleph (1), Daleth (4), Mem (40) geschrieben. Die Vier gibt es hier zweimal, auf der Einer- und der Zehnerebene. Diesen beiden Vieren ist die Eins wie ein Lebensziel vorangestellt. Ohne das Ziel, angezeigt im Aleph, bleiben nur Daleth (4) und Mem (40) übrig. Auch das ergibt ein Wort: dam bedeutet Blut. Ohne Rückbindung an die Eins bleibt nur der nackte körperliche Lebenserhalt übrig; ein Überlebenskampf, der auch im Blutvergießen enden kann. In nur ein paar Zahlen steckt die Information, was Un-Menschlichkeit letztlich bedeutet und was übrigbleibt vom Adam, wenn er nicht mehr bereit ist, mit seinem Leben die Vielheit der Welt der Einheit Gottes näher zu bringen. Eine Einheit in sich ist zunächst auch der Mensch selbst. Erst in einem nächsten Schritt kommt er als männliche und weibliche Gestalt in den Blick. In der ersten Schöpfungsgeschichte heißt es knapp: „Gott schuf den Menschen, nach seinem Bild, im Bilde Gottes schuf er ihn, männlich und weiblich schuf er sie.“ (Genesis 1:27) Und die Paradiesgeschichte ist dazu gewissermaßen der Kommentar.
Denn die Sinngebung des Wortes Adam reicht noch weiter. Es hat dieselbe Wurzel wie das Wort des Erdbodens, adamah, geschrieben: Aleph (1), Daleth (4), Mem (40), Heh (5). Es besteht also eine enge Verwandtschaft zwischen den Wörtern für Mensch und Erdboden. Sie unterscheiden sich nur durch einen einzigen Buchstaben: das Heh, die weibliche Endung mit dem Auslaut -ah im Wort der Erde. In dieser sprachtechnischen Verwandtschaft spiegelt sich die mythische Aussage der Bibel wider, daß der Mensch aus Erde gebildet sei. Der Mensch ist ein Erdling. Als Gott JHWH dann feststellt: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, ich will ihm gegenüber eine Hilfe machen“, formte er – ebenfalls aus Erde – zunächst die Tiere auf dem Felde und die Vögel am Himmel und umgab den Menschen mit ihnen… (Genesis 2:18f.). Warum wird dieser Zwischenschritt eingelegt, bevor Adams weibliches Pendant entsteht? Sollte er mit den Tieren spielen? Nein, der Adam macht etwas, das ihn wesentlich von allen anderen Lebewesen unterscheiden wird. Der Mensch beginnt, den Tieren und Pflanzen Namen zu geben. Er bildet Begriffe und Ideen, baut sich Gedankengebäude daraus und richtet sich darin ein. Er systematisiert seine Welt, um sie zu verstehen. Und je mehr er versteht, um so mehr wagt er auch, in ihre Abläufe einzugreifen. Er wird diese Aktivitäten kultivieren und hoch entwickeln bis hin zu den Wissenschaften und ihren technischen Anwendungen. Diese Übergangsphase zeigt aber auch, daß zum Menschsein immer noch etwas Entscheidendes fehlte: die zwischenmenschliche Beziehung. Dafür brauchte der Adam ein menschliches Gegenüber, das seine Vermehrung ermöglicht, aber auch zur Begegnung herausfordert. So baute Gott die Frau aus einem Teil vom Adam selbst. Nicht aus Erde formte er sie, denn der Mensch ist ja schon geschaffen. Eine eigene Spezies soll das weibliche Gegenüber nicht werden, im Gegenteil. Wie sehr beide zusammengehören, zeigt das Hebräische, indem es für Mann und Frau das gleichen Wort verwendet, nur eben einmal in männlicher und einmal in weiblicher Form: isch (Aleph, Schin) und ischah (Aleph, Schin + die weibliche Endung Heh). Im Deutschen würde das ungefähr klingen wie Mann und Männin. Wie der Urmann hat auch die Urfrau noch einen eigenen Begriff, den ihr übrigens Adam selbst verleiht. Er lautet Eva, in der Ursprache Chawah. Auch Eva ist hier noch nicht als Vorname gemeint. Wie Adam mit der Erde, so ist Chawah inhaltlich mit den aus der gleichen Wurzel (Cheth,Jud, Heh) gebildeten Begriffen lebendig sein (chaj) und Lebewesen (chajah) verbunden. Sie wird als die Mutter aller Lebewesen vorgestellt (Genesis 3:20), natürlich nicht aller Pflanzen und Tiere, aller Sträucher und Kühe. Um das einzuschränken, ergänzt die Tradition den Ausdruck „em kol chaj“ – „Mutter alles Lebendigen“ – durch medaber – ‚sprechenden’, also vernunftbegabten Lebens.
Diese inneren Verbindungen zwischen Adam und der Erde, zwischen Eva und dem Leben werden dann durch die folgende Passage vom Essen der verbotenen Frucht erst erklärt und verständlich gemacht. Den Apfel, der auf vielen Darstellungen zusammen mit Adam und Eva verewigt ist, wird der Leser in der Bibel allerdings vergebens suchen. Er entstammt einer Phantasie der christlichen Tradition, die allein von der Ähnlichkeit der lateinischen Wörter für den Apfel und das Böse lebt. Beides heißt im Latein malum. Und schlecht ist nach ihrer Interpretation auch, was hier geschieht. Ursprünglich wird die Frucht nicht näher benannt. Und ursprünglich muß von vornherein eingeplant gewesen sein, daß sich die beiden davon etwas nehmen. Sonst hätten sich die Menschen nie vermehrt, hätte es eine Menschheitsgeschichte nie gegeben und die ganze Bibel hätte nicht geschrieben werden brauchen. Herr und Frau Mensch entdecken nach dem Genuß der Früchte vom Baum der Erkenntnis einander zunächst einmal sexuell. Dieser Sinn ist im Verb erkennen, jada’ (Jud, Daleth, Ajin), tatsächlich auch enthalten. Wenn er sie erkennt und umgekehrt, dann machen sie miteinander genau das. Sexualität und Scham sind aber längst nicht alles, was die beiden lernen. Das Gewächs, an dem die Frucht hängt, heißt ja vollständig „Baum der Erkenntnis des guten und Bösen“, ‘etz da’ath tov wa-ra’. Sie lernen zu unterscheiden, was logisch und was ethisch-moralisch richtig und falsch ist. Erst nachdem sie das wissen, können sie sich übrigens schuldig machen. Von einer Sünde oder gar Ur-Sünde kann keine Rede sein, so lange einer nicht weiß, was das überhaupt ist. Mit dem Leben als einfältigem, naivem Naturwesen war es jetzt aber ein für alle mal vorbei. Wichtige Grundtriebe im Menschen sind nun festgelegt: sein Forscherdrang und sein Kulturbedürfnis und sein freier Wille, mit dem er sich auch gegen das Gute entscheiden kann. Mit der Verbannung der Menschen aus dem Garten in Eden wird die menschliche Existenz dann noch einmal in eine andere Richtung hin ausdefiniert. War es zuvor die Unterscheidung vom Tierreich, geschieht nun eine Abgrenzung des Menschenwesens von Gott. Dies zeigt sich an dem Grund, warum die beiden den Garten verlassen müssen: sie sollen nicht auch noch versuchen, vom Baum des Lebens, ‘etz ha-chajim, zu naschen. Nach seinen Früchten soll der Mensch zumindest nicht sofort greifen können. Das ist existentielle Bedingung für ein Leben in der Welt, wo Eins und Vier nur nebeneinander bestehen. Dort gibt es kein ewiges Leben. Die Abkürzung zur anderen Welt mit dem Baum des Lebens soll der Mensch nicht nehmen. Deshalb postiert Gott sogar die Cherubim, eine Art Engel, mit ihren „Laserschwertern“ am Eingang des Gartens im Osten (Genesis 3:24). Das Heh am Ende des Wortes für Erdboden, adamah, mit dem Wert fünf deutet darauf hin, wie und wann der Erdling zum Baum des Lebens kommt: wenn er seine körperliche Existenz aufgibt, zur Erde zurückkehrt und diese Welt wieder verläßt. Daß Menschen wieder gehen, ist auch Voraussetzung dafür, daß andere in die Welt kommen können. Die Begegnung mit der Schlange, dem nachasch (Nun, Cheth, Schin) bereitet die Bedingungen dafür vor. Im Hebräischen ist die Schlange tatsächlich ein Er und die Verführung nicht automatisch weiblich. Zwiespältig ist das Wesen der Schlange. Zu Recht denken wir an Verrat und Hinterhalt. Zugleich ist sie das Werkzeug, mit dessen Hilfe die Geschichte erst in Gang kommt – mit allem, was dazugehört: daß Menschen geboren werden und sterben; daß die Frau unter Schmerzen Kinder gebiert, daß der Schmerz vergeht und etwas Neues entsteht. Die Verwandtschaft von Adam und adamah teilt Eva mit ihrem männlichen Gegenüber, denn aus ihm ist sie hervorgegangen. Aber nur ihr, Chawah, ist es vorbehalten, das Leben in die Welt zu bringen; allein die Frauen sind Mütter des Lebens. Die Kinder, die sie gebären, sind dann wieder weiblich und männlich. Das Leben des Menschen ist mühevoll. „Im Schweiße seines Angesichts“ muß er seinen Unterhalt verdienen (Genesis 3:16-19). Und erst, wenn die Grundbedürfnisse gestillt sind, kann das Leben beginnen, mehr als bloßes Überleben zu sein. Am Ende jagt Gott JHWH die beiden nicht einfach aus dem Garten und überläßt sie nicht sich selbst. Er selber macht für den Adam und seine Frau ein Art Kleidung aus Leder oder Fell und zieht sie ihnen an, damit sie die noch frisch entdeckte Scham bedecken und sich schützen können, wo auch immer sie unterwegs sein werden (Genesis 3:21).
