Die Tränen der Henkerin - Sabine Martin - E-Book

Die Tränen der Henkerin E-Book

Sabine Martin

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Beschreibung

Als stummer Henker war sie gezwungen, ihren Liebsten zu foltern. Jetzt muss sie fürchten, ihn für immer zu verlieren.

Rottweil, 1332. Melisande und Wendel sind glücklich. Ihr Weinhandel läuft gut, und beide sind ganz vernarrt in ihre kleine Tochter. Doch über dem Glück liegen Schatten: Melisandes Schwiegervater setzt alles daran, die Ehe seines Sohns zu zerstören, und auf der Adlerburg lauert eine alte Feindin auf eine Gelegenheit, den Tod ihres Mannes zu rächen. Als Melisande auf einmal Gegenstände aus ihrer Vergangenheit findet, wird ihr dunkelstes Geheimnis offenbar: Sie war einst Henkerin. Ihr Mann wendet sich von ihr ab. Ihre Tochter wird entführt. Wer steckt dahinter? Um ihre Familie zu retten, muss Melisande es mit einem Gegner aufnehmen, der vor nichts zurückschreckt ...

Spannung pur! Für Fans von Ricarda Jordan und Iny Lorentz.

Band 1: Die Henkerin
Band 2: Die Tränen der Henkerin
Band 3: Das Schicksal der Henkerin

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Seitenzahl: 646

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Cover

Grußwort des Verlags

Über dieses Buch

Titel

Zitat

Karte

Prolog

Die Bedrohung

Das Versteck

Das Zerwürfnis

Die Entführung

Die Rückkehr

Die Flucht

Die Adlerburg

Epilog

Glossar

Über die Autorin

Weitere Titel der Autorin

Impressum

 

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Über dieses Buch

Rottweil, 1332. Melisande und Wendel sind glücklich. Ihr Weinhandel läuft gut, und beide sind ganz vernarrt in ihre kleine Tochter. Doch über dem Glück liegen Schatten: Melisandes Schwiegervater setzt alles daran, die Ehe seines Sohns zu zerstören, und auf der Adlerburg lauert eine alte Feindin auf eine Gelegenheit, den Tod ihres Mannes zu rächen. Als Melisande auf einmal Gegenstände aus ihrer Vergangenheit findet, wird ihr dunkelstes Geheimnis offenbar: Sie war einst Henkerin. Ihr Mann wendet sich von ihr ab. Ihre Tochter wird entführt. Wer steckt dahinter? Um ihre Familie zu retten, muss Melisande es mit einem Gegner aufnehmen, der vor nichts zurückschreckt …

Sabine Martin

DIE TRÄNENDERHENKERIN

Historischer Roman

Ich schäme mich meiner Tränen,und doch ist im tiefsten Unglückmeine Scham darüber noch größer,dass ich keine Träne verliere.

Euripides

PROLOG

Oktober 1330

Der Winter würde lang und streng werden. Das spürte sie mit jeder Faser ihres Körpers. Der Sommer war heiß gewesen, sie hatte kaum etwas zu fressen gefunden, beide Jungen verloren. Sie hatte das Revier gewechselt, sich mit einer anderen Bärin eingelassen. Lange hatten sie miteinander gekämpft, bis die andere schließlich geflohen war. Sie hatte gesiegt, aber der Preis war hoch gewesen: Ihre Nase war angeschwollen und blutete. Die rechte vordere Tatze schmerzte bei jedem Schritt, und das Atmen fiel ihr schwer. Es fühlte sich an, als stecke etwas in ihrer Seite, das ihr ständig ins Fleisch biss.

Überall lauerten Feinde und Gefahren, sie musste aufmerksam sein und immer bereit, ihre Gegner anzugreifen. Sie nahm es mit jedem auf, nur diesen Zweibeinern, den Menschen, ging sie aus dem Weg, denn die bedeuteten meist den sicheren Tod. Selbst das Männchen, das die Bärin im letzten Jahr gewählt hatte, ein stattlicher Bursche, fast eineinhalb Mal so schwer wie sie selbst, hatte es vermieden, Menschen über den Weg zu laufen. Es hatte ihm nichts genutzt. Mit Hunden hatten sie ihn gehetzt und vor seiner Winterhöhle gestellt, ihn getötet und zerfleischt. Sie war geflohen, die Hunde waren ihr nicht gefolgt.

Sie hob den Kopf, stellte sich auf die Hinterbeine und witterte. Ein süßlicher Geruch wehte ihr um die Nase. Ein totes Tier, frisches Blut. Vielleicht einen halben Tagesmarsch entfernt. Sie trottete los, trank an einem Bach, hielt immer wieder inne, um zu lauschen und zu schnuppern. Wildschweine kreuzten ihren Weg, Rehe stoben vorüber. Sie fraß ein paar vertrocknete Beeren, aber ihr Magen knurrte und knurrte.

Der Geruch wurde stärker, sie rannte los, fühlte nichts mehr außer ihrem Hunger. Am Waldsaum blieb sie einen Moment stehen, ein widerwärtiger Gestank mischte sich unter den süßen: Wölfe. Sie waren auf derselben Fährte. Die Bärin musste sich beeilen. Wenn ihr ein Rudel Wölfe zuvorkam, hatte sie das Nachsehen.

Endlich erreichte sie ihre Beute. Als sie sah, um was für ein Tier es sich handelte, schrak sie zurück. Es war ein Mensch. Er bewegte sich nicht, aber das musste nichts heißen. Menschen waren verschlagen.

Die Wölfe hielten ebenfalls Abstand, warteten wohl ab, was sie tat.

Die Bärin sah sich noch einmal um, dann überwältigte sie der Hunger. Mit einem Satz sprang sie auf den Brustkorb des Menschen, der unter ihrem Gewicht zerbrach wie morsches Holz. Nichts geschah. Sie schlug ihre Zähne in den Hals, biss zu, ließ los und witterte erneut. Die Wölfe kamen näher. Sie hatten einen schlechten Tag gewählt, um sich mit ihr anzulegen. Sie stellte sich auf und brüllte so laut, dass ihre Feinde wie versteinert stehen blieben. Einer traute sich heran, sie preschte vor und ließ ihre gesunde Pranke auf ihn niederfahren, sodass er mit gebrochenem Rückgrat umfiel. Die anderen Wölfe heulten auf und verzogen sich. Noch einmal brüllte sie aus vollem Hals, dann beugte sie sich über den toten Menschen, riss ihm den Bauch auf und fraß sich satt.

Auf dem Weg hierher hatte die Bärin eine gute Höhle gesehen, gerade groß genug für sich selbst, zwei Junge und die Beute, die sie für ein paar Tage sattmachen würde. Sie hatte es sich abgewöhnt, große Stücke vor der Höhle zu vergraben, so wie die anderen es taten. Zu oft war das Versteck ausgeräumt worden, wenn sie nicht darauf aufpassen konnte. Das sollte ihr nicht mehr passieren. Sie packte den Menschen an der Schulter, zog und zerrte, musste mehrfach ausruhen, bis sie endlich an der Höhle angekommen war. Sie stopfte ihn ganz nach hinten, fraß noch ein wenig an den Beinen, die lange nicht so gut schmeckten wie die Därme oder die Leber. Der Tag und die Schmerzen hatten sie erschöpft, also legte sie sich hin und schlief.

Schon wenige Wochen später brach Frost über das Land herein, der erste Schnee fiel vom Himmel, und bis zum Februar taute es nicht mehr. Die Bärin blieb in der Höhle und hielt Winterruhe. Ihre Verletzungen heilten. Zurück blieb nur eine Narbe, die von einer Augenbraue über die Nase bis zum Hals verlief.

DIEBEDROHUNG

August 1332

»Fahr zur Hölle, Melisande Wilhelmis!« Ottmar de Bruce hob sein Schwert und schlug Melisande die Waffe aus der Hand.

Sie blickte sich verwundert um. »Aber Ihr seid tot, Graf! So tot wie meine Familie, die Ihr hingemetzelt habt in Eurem Blutrausch.«

De Bruce lachte schallend. »Ich werde niemals tot sein, ich werde Euch immer verfolgen, und ich werde Euch zur Strecke bringen, Euch und Eure Brut.« Mit einer lässigen Bewegung warf er sein Schwert ins Gras.

Melisande war immer noch verwirrt. Wo waren sie? Was geschah hier? Es musste früh am Morgen sein, denn das Gras schimmerte nass. Ein Herbsttag? Oder war das der Tau, der im Frühjahr auf den Wiesen lag und glitzerte wie tausend Edelsteine? Nein, es musste Herbst sein – es roch nicht nach Frühling, es roch nach Winter, nach fauligem Laub, nach erbarmungsloser Kälte und Tod.

De Bruce kam auf sie zu, legte ihr seine Pranken um den Hals und drückte zu. Schmerz schoss ihr durch die Kehle, Panik stieg in ihr auf, sie wollte atmen, doch de Bruce drückte ihr die Luft ab, die sie zum Leben brauchte. Das war schon immer so gewesen. Er hatte ihr die Luft zum Leben genommen, bis sie ihn getötet hatte. De Bruce war tot. Er konnte ihr nichts mehr anhaben!

»Ihr seid tot. Ihr seid tot!« Melisande schlug mit den Fäusten auf de Bruce ein, der aber nur laut lachte und noch fester zudrückte. Sie trat um sich, japste nach Luft, Feuerräder tanzten um ihre Augen.

»Melissa! Melissa!« De Bruce rief ihren Namen, immer wieder, aber es war gar nicht ihr Name. »Melissa!«

Melisande schlug de Bruce’ Arme weg, holte Luft wie eine Ertrinkende.

»Melissa, beruhige dich!«

Wer war Melissa?

Der Druck auf ihrer Kehle verschwand, es wurde dunkel, der Geruch nach Winter und Tod machte dem Duft von Lavendel und frischem Stroh Platz – und auf einmal fiel ihr ein, wer Melissa war. Sie selbst war Melissa, und es war nicht Ottmar de Bruce, der nach ihr rief. Sie ließ ihre Arme fallen, und schon strich eine warme Hand über ihre schweißnasse Stirn.

»Melissa«, flüsterte die Stimme, die sie kannte und liebte.

Sie öffnete die Augen. Nicht de Bruce beugte sich über sie, sondern Wendel, ihr Gatte, der Vater ihrer Tochter. Er hielt sich mit der Rechten die rot glühende Wange, mit der Linken griff er ein Tuch und tupfte ihr behutsam die Stirn trocken. »Du hast wieder geträumt und um dich geschlagen. Diesmal war es die rechte Wange.«

Melisande seufzte. »Tut es sehr weh?«

»Ja, es tut weh, aber es ist ein süßer Schmerz.« Er lachte leise. »Du hast die Arme eines Schwertkämpfers.«

»Es tut mir leid.«

»Ich weiß. War es wieder derselbe Traum?«

Melisande presste die Lippen zusammen. Ja, es war der Traum gewesen, der sie seit zwei Jahren verfolgte. Sie hatte gehofft, mit dem Tod von Ottmar de Bruce würde alles gut werden, doch der Graf ließ ihr auch über das Grab hinaus keine Ruhe. Nacht für Nacht schwor er Rache, bedrohte er sie mit seinem Schwert, legte er ihr die bärenstarken Hände um den Hals. Er war tot, von ihrer Hand gestorben, er konnte ihr nichts mehr anhaben. Doch nachts, wenn sie schlief, bewies er ihr, dass er immer noch Macht über sie hatte.

»Es ist alles gut«, erwiderte sie, doch sie sah in Wendels Augen, dass er ihr nicht glaubte. Was sollte sie ihm denn sagen? Dass sie ihn getäuscht hatte? Dass sie nicht Melissa de Willms aus Augsburg war? Dass sie vielmehr Melisande Wilhelmis war, die wie durch ein Wunder mit dem Leben davongekommen war, als Ottmar de Bruce ihre ganze Familie abschlachten ließ, und dass sie danach beim Henker von Esslingen aufgewachsen war und dessen Handwerk erlernt hatte? Sollte sie ihm sagen, dass sie selbst es gewesen war, die ihn, ihren geliebten Wendel, im Kerker von Esslingen gefoltert hatte, hatte foltern müssen, um ihn zu retten? Dass sie es gewesen war, die Ottmar de Bruce schließlich getötet und damit das Schicksal herausgefordert hatte?

Sie schloss die Augen und konzentrierte sich auf Wendels sanfte Hände, genoss die Liebe, die aus jeder Berührung sprach, ebenso wie die Sorgen, die er sich um sie machte. Ein Geräusch ließ sie hochschrecken. »Ist jemand im Zimmer?«

»Nein, Liebste, das ist der Wind, der an den Läden rüttelt. Er hat die Wolken vertrieben. Das Wetter ist über Nacht umgeschlagen, bestimmt bekommen wir einen herrlichen Sommertag.«

Melisande lauschte. Er hatte Recht. Außer dem leisen Pfeifen des Windes war nichts zu hören. Offenbar schlief die Stadt noch. »Ich bin gleich wieder bei dir.« Sie strich Wendel über den Arm, schlüpfte aus dem Bett und trat ans Fenster. Sie drückte die Läden ein kleines Stück auf und spähte hinaus. Nichts rührte sich auf der Straße vor dem Haus. Selbst der Nachtwächter war nirgends zu sehen. Doch der Himmel wurde bereits grau. Bald würde es vom Kloster der Dominikanerbrüder her zur Laudes läuten, und kurz darauf würde die Stadt zum Leben erwachen. Rottweil, ihre neue Heimat. Hier lebte es sich ganz anders als in Esslingen, wo sie aufgewachsen war. Die Bräuche waren anders, der Singsang der Sprache und vor allem die Aussicht. Da die Stadt hoch über dem Neckartal thronte, konnte man hier vom Stadttor aus den Blick weit in die Ferne schweifen lassen.

Die Morgenluft war mild und kühlte Melisandes heiße Stirn. Langsam beruhigte sich ihr Herzschlag. Sie gähnte. Doch zum Schlafen würde sie nicht mehr kommen. Ein langer Tag lag vor ihnen. Ein mächtiger Handelszug aus Italien sollte heute ankommen, mit über fünfzig Fässern Wein für ihr Geschäft. Rottweil würde kopfstehen, denn außer dem Wein würden auch seltene Tuche, Gewürze, Spezereien und vor allem sündhaft teures Glas aus Venedig angeliefert werden. Wenn nur der Zug heil die Stadt erreichte! Nicht nur Wendels und ihr Geschick hingen davon ab, sondern das eines weiteren halben Dutzends braver Rottweiler Bürger, die wie sie ein Vermögen in den Ankauf der kostbaren Handelsgüter gesteckt hatten. Und der Rest der Woche versprach nicht weniger Aufregung: Am Mittwoch erwartete Wendel seine Mutter, die angekündigt hatte, sie zu besuchen – eine seltene Freude, die ihnen nur zuteilwurde, wenn es ihr gelang, sich unter einem Vorwand aus Reutlingen zu entfernen.

»Komm wieder ins Bett, Liebste.« Auffordernd hob Wendel die Decke an.

Melisande kroch zurück ins warme Nest. Noch ein paar Augenblicke die Ruhe genießen! Sie nahm Wendels Hand und küsste sie. Die Zeit bis zum Hahnenschrei würden sie nutzen. Sie war bereit, ein zweites Kind zu empfangen.

Als wenig später die ersten Geräusche im Haus zu vernehmen waren, wand sich Wendel mit einem Seufzer aus dem Bett. Melisande betrachtete ihn und strich sich über den Bauch. »Ich glaube, vorhin ist es passiert. Und diesmal wird es ein kräftiger Junge.«

»Wirklich?« Er sah sie an und lächelte glücklich. »Dagegen hätte ich nichts einzuwenden. Aber nur, wenn er genauso wunderbar wird wie unsere Gertrud.«

»Versprochen. Und jetzt eile dich. Was sollen die Mägde von uns denken?«

»Lass uns lieber einen Namen für unseren Sohn suchen.« Er trat zu ihr und küsste sie auf die Nasenspitze.

»Raimund. Wenn es ein Sohn wird, soll er Raimund heißen.« Sie musste einen Moment die Augen schließen, denn der Name löste eine Flut Erinnerungen in ihr aus. Raimund war ihr Ziehvater gewesen. Raimund, der Henker von Esslingen.

»Raimund? Was für eine ungewöhnliche Wahl.«

»Ich kannte einmal einen Raimund. Das war ein sehr kluger Mann.«

»Dann ist es beschlossen.« Rasch schlüpfte Wendel in seine Kleider und verließ die Schlafkammer.

Melisande genoss die wenigen Augenblicke der Ruhe. Sie flocht ihr rotes Haar zu zwei Zöpfen, die sie hochsteckte, damit sie besser unter die Haube passten, und betrachtete ihr Gesicht in dem kostbaren kleinen Silberspiegel, den Wendel ihr zur Hochzeit geschenkt hatte. Wendel … Sie hatte ihn dem Schicksal abgetrotzt, und um nichts in der Welt würde sie ihn wieder hergeben! Sie lächelte ihr Ebenbild an, legte den Spiegel zurück in die Truhe und folgten ihrem Gemahl hinunter in die Küche.

Gertrud, ihre kleine Tochter, saß auf dem Schoß der Magd und schlief zufrieden, während Selmtraud Möhren putzte. Ihr Anblick versetzte Melisande einen Stich. Sie hatte ihre Tochter nach ihrer kleinen Schwester benannt, deren Leben sie nicht hatte schützen können. Wenn Gertrud so selig schlief, erinnerte sie sie noch mehr als sonst an ihre Schwester, die ebenfalls immer und überall hatte schlafen können, selbst während des größten Unwetters. Sie war der Sonnenschein der Familie Wilhelmis gewesen. Bis Ottmar de Bruce sie abgeschlachtet hatte wie Vieh.

Rasch trat Melisande vor. »Guten Morgen, Selmtraud.«

»Guten Morgen, Herrin.« Selmtraud sprach, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. »Die Kleine hat schon gegessen. Der Herr hat sich nur einen Kanten Brot genommen und ist hinunter in den Keller gegangen, um nach dem Rechten zu sehen. Weil doch heute der Wein kommt.«

»Gut.« Melisande beugte sich über ihre schlafende Tochter und küsste sie. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass die Köchin mit einem Korb Eier unter dem Arm zur Hintertür hereinkam. »Guten Morgen, Walburg.«

»Guten Morgen, Herrin.« Walburg hielt den Korb hoch. »Da kann ich einen schönen Kuchen backen, wenn übermorgen die Mutter von Herrn Wendel kommt.« Sie blickte sich um. »Ist denn die Berbelin noch nicht zurück? Sie sollte doch nur rasch der alten Martha etwas Brot bringen.« Sie seufzte. »Dieses Mädchen, sicherlich hat sie sich wieder am Brunnen verschwatzt. Der werde ich Beine machen, wenn sie zurückkommt.«

»Ja, tu das, aber sei nicht zu streng mit der Kleinen. Ihre Zunge ist leider flinker als ihr Verstand.« Melisande lachte und öffnete eine Tür am anderen Ende der Küche. Hier lag die Schreibkammer, wo sie die Bücher führte und wichtige Dokumente aufbewahrte.

»Möchtet Ihr denn nichts essen, Herrin? Ich habe frischen Haferbrei gekocht.« Walburg deutete auf den Topf, der im Kamin über der gemauerten Feuerstelle hing.

»Später«, erwiderte Melisande. »Aber du kannst mir einen Becher warme Milch bringen, mit ein bisschen Honig.« Sie zog die Tür hinter sich zu und betrachtete den Tisch, der voller Pergamentrollen lag. Resigniert hob sie die Schultern, ließ sich nieder und entkorkte das Tintenfass. Ein Berg Arbeit erwartete sie. Der Lagerbestand musste erfasst, die Buchhaltung der letzten zwei Monate kopiert, und schließlich sollten auch die Kreditbriefe für die Frankfurter Händler gesiegelt werden.

»Nun gut.« Melisande griff nach der ersten Rolle. Sie stutzte. Unter den Pergamenten lag Wendels Wachstafel, in die er am Vortag noch einige Berechnungen geritzt hatte. Wahrscheinlich hatte er dafür versehentlich ihre mitgenommen – die beiden Tafeln sahen sich so ähnlich wie Zwillinge und waren nur anhand einer kleinen Schnitzerei im Rahmen auseinanderzuhalten, die Melisandes Tafel als die kostbarere auszeichnete. Wendel musste die seine bereits vermissen. Sie nahm sie in die Hand, um sie Wendel in den Keller zu bringen, und stand auf.

Mit einem Mal stand sie wieder im Folterkeller von Esslingen. Sie war der stumme Henker Melchior, hielt die Tafel einem Dieb hin, der sofort erbleichte, weil sie aufgezeichnet hatte, welche Qualen ihn erwarteten. Diese Wachstafel würde sie unter Tausenden erkennen. Sie war aus dunklem, abgegriffenem Holz gefertigt, der Griffel aus kunstvoll verziertem hellen Bein. In die Rückseite hatte sie ihre Initialen geschnitzt: »MW – Melisande Wilhelmis.« Niemand war je auf die Idee gekommen zu fragen, was die Buchstaben bedeuteten, und wenn, hätte sie als Antwort in das Wachs geritzt: »M für Melchior. Und ein umgedrehtes M. Auch für Melchior. Der Henker, der die Menschen vom Leben zum Tode bringt, der das Leben umkehrt. Alpha und Omega – Anfang und Ende.«

Melisande ließ die Tafel sinken und kniff sich in den Arm. Das alles war Vergangenheit. Ihr neues Leben war hier: bei Wendel, ihrer Tochter Gertrud und den heiteren alltäglichen Dingen, die sie um nichts in der Welt wieder eintauschen wollte. Den stummen Henker Melchior gab es nicht mehr. Ebenso wenig wie seine Schreibtafel, die sie zusammen mit all den anderen Erinnerungen im Wald vergraben hatte.

***

Othilia von Hohenfels, Herrin der Adlerburg, zeigte mit ihrem zierlichen Zeigefinger auf die Pastete, dann auf den Pagen, der vor ihr stand und den Blick auf seine Schuhspitzen heftete. »Hol mir den Koch her!«

Ihre Stimme war nicht mehr als ein leises Rauschen, wie ein Luftzug, der durch die belaubte Krone einer Hainbuche fährt. Doch die Wirkung war wie ein Sturm, der Herbstlaub durch den Burghof fegt. Der Page stürzte los, fiel fast über seine langen Schuhspitzen, fing sich und polterte die Treppe hinab.

Othilia verschränkte die Finger. »Sagt, Eberhard von Säckingen, soll ich den Koch zum Tor hinausjagen, oder soll ich ihm die versalzene Pastete so lange in den Schlund stopfen, bis er sich freiwillig entleibt?« Sie wandte den Kopf und fixierte den blonden Ritter zu ihrer Rechten mit spöttisch verzogenem Mund.

»Ich bitte Euch, Euer Gnaden, seid barmherzig und lasst ihm nur die Zunge herausreißen. Seiner Kochkunst nach zu urteilen braucht er sie sowieso nicht mehr.«

Das Gelächter der Ritter dröhnte durch den Saal, die Hofdamen kicherten in ihre bestickten Taschentücher. Othilia zwang sich ein Lächeln auf die Lippen. Diese ungehobelten Schwertträger widerten sie an, aber sie brauchte jeden einzelnen, brauchte diese tumben Toren, die ihrem Gatten die Treue geschworen hatten und sie als ihre Herrin akzeptierten, da der Burgherr spurlos verschwunden war. Nicht, dass dieses Pack Ottmar de Bruce so sehr verehrt hätte, nein! Angst hatte die Adlerburg regiert, das hatte Othilia nach ihrer Heirat rasch herausgefunden. Ottmar war gefürchtet, weil er stärker, tollkühner und vor allem skrupelloser war als alle anderen. Und absolut furchtlos. Hatte er nicht am Ende sogar dem hohen Gericht unter dem Vorsitz des ehrenwerten Grafen Ulrich III. höchstselbst getrotzt? War er nicht unter aller Augen dem Henker entwischt, als dieser bereits das Richtschwert über seinem Haupt erhoben hatte?

Othilia hob die Hand, und sofort erstarb jeglicher Laut. Die Gäste schauten sie erwartungsvoll an. Ein Verrat hatte Ottmar unter das Richtschwert gebracht, zweifellos die Tat einer seiner vielen Gegner. Die Tat eines Feiglings, der sich nicht getraut hatte, sich de Bruce in einem fairen Zweikampf zu stellen. Othilia schloss für einen Moment die Augen. Auch sie selbst hatte Ottmars ungeheure Stärke und Willenskraft mehr als einmal zu spüren bekommen. Wie ein Tier war er in der Nacht, als sie seinen Sohn empfangen hatte, über sie hergefallen und hatte sie in seinem rasenden Strudel der Leidenschaft mitgerissen. Danach hatte sie jeden Tag sehnsüchtig auf die Nacht gewartet, auf das niemals verlöschende Feuer seiner Lenden. Gegen Ottmar waren alle anderen Männer weibische Jammerlappen – auch von Säckingen, der seinen Herrn in ihrem Schlafgemach zwar nicht schlecht vertrat, gegen diesen dennoch wie ein blasses Abbild wirkte.

Sie unterdrückte einen Seufzer. Ein Lebenszeichen, das war alles, was sie sich wünschte, ein Lebenszeichen ihres geliebten Ottmar. Wenn sie nur wüsste, dass es ihm gut ging, würde sie auch weiterhin klaglos das Dasein unter all diesen verderbten Raufbolden ertragen, bis der Tag kam, an dem er im Triumphzug auf die Adlerburg zurückkehrte.

Der Koch näherte sich mit gesenktem Haupt, blieb gute fünf Ellen vor Othilias Platz stehen und fiel dann auf die Knie.

»Bist du Herr einer Salzgrube, Mann?«

Der Koch hob vorsichtig den Kopf. »Herrin, verzeiht, nein, warum …«

»Page! Einen Löffel für den Stümper, der sich Koch schimpft!« Othilia zeigte auf die Pastete. »Er soll selbst kosten.«

Angstschlotternd nahm der Koch den eilig gereichten Löffel entgegen, grub ihn in die Pastete, kostete, verzog das Gesicht und fiel erneut auf die Knie. »Verzeiht, Herrin, ich weiß nicht, wie so viel Salz da hineinkommen konnte. Es ist mir ein Rätsel. Seid versichert, es wird nie wieder passieren.«

Armer Tropf, dachte Othilia, fast könntest du mir leidtun. Aber heute musst du für die Unterhaltung der Vasallen herhalten. Sie zwinkerte von Säckingen zu, der sofort verstand und wie die ganzen anderen ungehobelten Kerle an ihrer Tafel einem derben Spaß nie abgeneigt war.

Er stach den Finger in die Pastete, schleckte ihn ab und grunzte genüsslich. »Ich weiß gar nicht, was Ihr habt, Herrin, diese Pastete ist die beste, die ich seit Langem gekostet habe. Mitnichten ist zu viel Salz darin. Euer Koch ist ein Mann von großem Können und ausgefeiltem Geschmack.«

Othilia zog die Augenbrauen hoch. »Nun, Koch, was sagst du dazu?«

»Vielleicht ist es nicht so viel zu viel«, murmelte der Koch mit hochrotem Gesicht. »Sondern nur ein wenig, sodass es dem edlen Herrn von Säckingen mundet, für Euren zarten Gaumen jedoch eine Zumutung ist.«

»Nun, wenn das so ist, dann will ich Gnade vor Recht ergehen lassen und dir nur einen Wochenlohn einbehalten, weil du nicht weißt, wie viel Salz in deiner Pastete ist. Und nun lass den nächsten Gang kommen, meine Gäste fallen bereits vom Fleische.«

»Sehr wohl.« Buckelnd verzog sich der Koch.

Die Männer im Saal grölten, schlugen die Weinkelche aneinander, erzählten deftige Witze und genossen die vorzügliche Pastete. Die Hofdamen schnatterten unaufhörlich, ließen sich von den Rittern mit Pastetenhappen und Trauben füttern und kicherten aufgeregt, wenn ihnen dabei eine Frucht in den Ausschnitt plumpste.

Mit Mühe gelang es Othilia, das feine Lächeln auf ihren Lippen festzuhalten. Wenn Ottmar sie erst zu sich nach Italien holte, konnte sie endlich das Leben führen, das ihr gebührte: ein Stadthaus in Florenz oder Venedig, Festlichkeiten, Bankette. Sie würden in den höchsten Kreisen der Gesellschaft verkehren, wo man ihre vollendete Erziehung und ihren feinen Geschmack zu schätzen wusste. Keine kalten, zugigen Burggemäuer mehr, keine ungehobelten Söldner und keine anzüglichen Bemerkungen hinter ihrem Rücken.

Als die Sonne sich allmählich über den Horizont senkte, hatte Othilia genug. Sie erhob sich, nickte den Männern zu, die ihr Hochrufe entgegenschleuderten, und zog sich in die Kapelle zurück.

Kühle Luft schlug ihr entgegen und der Duft nach frisch gewachstem Holz. Sie kniete vor dem Altar nieder, schloss die Augen und faltete die Hände. »Herr im Himmel«, murmelte sie, »beschütze meinen Gatten Ottmar de Bruce, und lenke seine Schritte, auf dass er bald zu mir komme und mich erlöse. Und auf dass er seinen Sohn in die Arme schließen kann, der seinen Namen trägt und den er noch nie zu Gesicht bekommen hat. Und beschütze auch den kleinen Ottmar, auf dass er zu einem starken und mutigen Mann heranwachse, der seinem Vater Ehre macht. Herr, gib mir die Kraft, nicht zu fehlen. Und verzeih mir meine Sünden jetzt und immerdar. Amen.«

***

Als Wendel die Vorbereitungen im Keller abgeschlossen hatte, war der Zug immer noch nicht angekommen. Der Tag war schon weit fortgeschritten, und die Schatten wurden immer länger. Er begrüßte Melissa, die in der Schreibkammer über einer Rechnung brütete, sah im Hof nach dem Rechten und trat dann vor die Haustür. Das Haus, das sie vor zwei Jahren in Rottweil erworben hatten, lag an der breiten Hauptstraße entlang der Ost-West-Achse der Stadt. Sie war ein wenig abschüssig, sodass Wendel von einem Stadttor zum anderen hätte blicken können, hätte die Straße nicht kurz vor dem Oberen Auentor einen Knick gemacht und hätte ihm nicht zur rechten Hand die mächtige zweistöckige Brotlaube den Blick versperrt. Das Waldtor hingegen lag nur ein paar Dutzend Schritte links von ihm. Dort würde der Zug in die Stadt einfahren.

Ein wenig wehmütig betrachtete Wendel das Tor. Rottweil war ganz anders als seine Heimatstadt Reutlingen. Beides waren Reichsstädte, doch Rottweil war nur ein Viertel so groß wie Reutlingen, dafür erhob es sich respekteinflößend über dem Neckartal, während Reutlingen selbst im Tal lag, überschattet von der gewaltigen Burg Achalm. Er seufzte. Er vermisste seine Heimatstadt, den Blick auf die Weinberge, ja sogar den Anblick der Achalm, auch wenn die Burg, die zu Württemberg gehörte, jedem stolzen Reutlinger ein Dorn im Auge war. Energisch rief er sich zur Ordnung. Er hatte keinen Grund zur Klage. Die Bürger von Rottweil hatten ihn und seine Gemahlin nicht nur freundlich, sondern geradezu zuvorkommend empfangen. Natürlich hatte sich schnell herumgesprochen, dass Wendel sich wegen der Frau, die er geheiratet hatte, mit seinem Vater überworfen hatte. Aber die Rottweiler scherten sich nicht darum. Sicherlich hatten sie ihn auch deswegen so gut aufgenommen, weil sie sich von ihm ein gutes Geschäft versprachen. Seine Beziehungen in alle Welt pflegte Wendel nämlich nach wie vor, und manch langobardischer oder fränkischer Weinhändler verkaufte seine ausgezeichneten Weine nicht an jeden Dahergelaufenen, egal was er bezahlte. Die Angst, der Wein könne gepanscht werden und der gute Name des Händlers in Verruf geraten, war groß.

Wendel verzog das Gesicht. Die Furcht war nicht ganz unberechtigt – auch hohe Herren, Grafen und Bischöfe schreckten nicht davor zurück, obwohl Panscherei sehr streng bestraft wurde. Die Esslinger etwa waren bekannt für ihren Ideenreichtum, was das Verlängern des Rebensaftes anging. Und Ottmar de Bruce, der Burggraf der Adlerburg, war vor zwei Jahren dafür sogar zum Tode verurteilt worden. Dass er der Vollstreckung des Urteils entkommen war, hatte der Graf allein dem Henker zu verdanken, der sein Schwert nicht in seinen Nacken, sondern in das Holz der Tribüne gerammt hatte.

Wendel schauderte. Er kämpfte gegen die furchtbaren Erinnerungen, die ihn zu überwältigen drohten, die Angst, die ihm die Kehle zuschnürte, wenn er daran dachte, dass de Bruce noch immer lebte und eines Tages wieder auftauchen könnte. Dass er herausgefunden haben könnte, wem er die Anklage von damals zu verdanken hatte. Jetzt, wo er Frau und Kind hatte, fühlte Wendel sich verwundbarer als je zuvor. Nicht auszudenken, was der Graf mit seiner Familie anstellen würde, wenn sie in seine Hände geriet. Manchmal träumte Wendel, de Bruce sei tot. Er sah ihn auf einer Lichtung liegen, wo wilde Tiere sich um den Leichnam balgten. Die Bilder erschienen ihm jedes Mal so wirklich, dass er meinte, es müsse sich tatsächlich so abgespielt haben. Doch leider war es nur ein Traum.

»Na, Füger? Träumt Ihr mit offenen Augen?«

Wendel schrak zusammen. Ein Krämer, der in der Nachbarschaft wohnte, grüßte mit einem breiten Grinsen.

»Ich bete dafür, dass der Handelszug heil die Stadt erreicht«, erwiderte Wendel eilig.

»Recht so. Der Beistand des Herrn ist immer von Vorteil.« Der Krämer bekreuzigte sich und verschwand um die Straßenecke.

Wendel musste lächeln. Warum sorgte er sich nur immerzu? Es ging ihm gut in Rottweil, die Menschen waren umgänglich, die Geschäfte florierten. Innerhalb kürzester Zeit hatten Melissa und er ihren Weinhandel zum Blühen gebracht. Ohne Melissas Vermögen wäre das nicht möglich gewesen. Am Tag ihrer Vermählung hatte sie ihm einen Beutel Goldmünzen gegeben und gesagt, er solle damit ihre Zukunft aufbauen, aber nicht fragen, woher das Geld stamme. Sie hatte ihm versichert, dass es ehrlich erworben sei, und Wendel hatte nicht an ihren Worten gezweifelt. Manchmal allerdings überkam ihn dennoch ein seltsames Gefühl – er wusste so wenig über seine Frau. Aus Augsburg stammte sie; ihr Zwillingsbruder Merten war Schreiber und für kurze Zeit sein Freund gewesen, aber seit zwei Jahren spurlos verschwunden. Niemand sonst aus der Familie lebte noch. Das zumindest hatte sie ihm erzählt. Immer wenn er Melissa Fragen stellte – zu ihrem Bruder, ihren Eltern oder ihrer Heimatstadt, wich sie ihm aus, küsste ihn leidenschaftlich und sagte, dass die Vergangenheit nicht zähle und sie erst angefangen habe zu leben, als sie ihn getroffen habe. Das ließ ihn gewöhnlich verstummen. Warum sollte er auch auf Antworten beharren, die er möglicherweise gar nicht hören wollte? Er war schließlich kein neugieriges Klatschweib. Auch ihm war Schreckliches widerfahren, über das er nicht sprach, mit niemandem. Hatte Melissa dann nicht ebenso das Recht, ihre finstersten Geheimnisse für sich zu behalten? Er wusste über seine Gemahlin, was er wissen musste. Also zügelte er seine Neugier und schalt sich einen Narren, über solch unwichtige Dinge nachzudenken, anstatt jeden einzelnen Augenblick mit ihr zu genießen.

Viel schlimmer war, dass sein starrköpfiger Vater ihm bis heute nicht verziehen hatte, dass er die Verlobung mit der wunderschönen Engellin aufgelöst hatte. Nicht einmal die Geburt seines ersten Enkelkindes hatte ihn versöhnen können. In den Augen seines Vaters hatte Wendel sein Eheversprechen nicht eingehalten und damit den Namen Füger in den Schmutz gezogen, die Familie entehrt. Das war die größte Schande, die Erhard Füger sich denken konnte. Unverzeihbar. Wendel schloss die Augen. Zwei lange Jahre hatte er kein Wort mit seinem Vater gewechselt. Eine Ewigkeit.

Die Glocken der Kapellenkirche rissen ihn aus den trüben Gedanken. Der Zug stand vor den Toren. Endlich! Die Menschen strömten aus den Häusern, um die Händler zu begrüßen und sie in einem Triumphzug in die Stadt zu geleiten. Auch das unterschied Rottweil von Reutlingen: Die Hauptstraße war zwischen dreißig und fünfzig Fuß breit, vier Wagen konnten ohne sich zu berühren nebeneinander fahren, sodass der gesamte Zug mühelos innerhalb der Mauern Schutz finden würde. Das war der Grund, warum viele einen kleinen Umweg über Rottweil in Kauf nahmen. Zumindest über Nacht waren die Händler und ihr kostbares Gut sicher vor Raub und Mord. Morgen würde ein Teil des Zuges gen Urach weiterziehen, ein anderer nach Esslingen und ein weiterer nach Reutlingen.

Sehnsüchtig blickte Wendel auf die ersten Wagen. Dann wandte er sich um und rief durch die offene Tür: »Melissa! Komm rasch, sie sind da!«

***

Eberhard von Säckingen war froh, dass seine Nächte mit Othilia bisher folgenlos geblieben waren – auch wenn er nicht begriff, wie das möglich war. Bestimmt kannte die Gräfin Mittel, um die Empfängnis zu verhindern, anders konnte er es sich nicht erklären. An mangelnder Gelegenheit lag es jedenfalls nicht: Othilias Lust war unstillbar, und seine Leisten schmerzten schon. Bald würde sie ihn rufen, die Sonne stand bereits tief über dem Horizont und tauchte die Adlerburg in ein rötliches Licht. Auf der Burg traute sich niemand, ihn oder die Herrin zu tadeln. Draußen im Lande jedoch waren sie nicht nur zum Gespräch geworden, nein, es kursierte sogar ein Spottlied, das Richard von Alsenbrunn verfasst hatte. Von Säckingen hatte es unlängst selbst zu Ohren bekommen:

Hoch auf der Burg, da sah ich

Eine Krähe ihre Kreise ziehen und nicht den Adler.

Wo er wohl seine Beute schlägt?

Der Horst bleibt unbewacht,

Der Kuckuck ruft in jeder Nacht.

Welch Brut er wohl bringen mag?

Ausgerechnet Alsenbrunn, einer der angesehensten Minnesänger des Reiches, hatte sich ihrer angenommen. Seine spitze Zunge stach von Säckingen ständig ins Fleisch. Er kannte von Alsenbrunn nur zu gut, war der doch einige Male zu Gast auf der Adlerburg gewesen, als Graf Ottmar noch das Zepter in der Hand gehalten hatte. Zuletzt hatte er die zahlreichen Gäste, die der Burgherr anlässlich der Brautschau und der anschließenden Hochzeit eingeladen hatte, mit seiner Sangeskunst beglückt. Von Alsenbrunn war unantastbar. Im Gegensatz zu ihm selbst. Von Säckingen schauderte, wenn er daran dachte, was de Bruce mit ihm anstellen würde, wenn er erfuhr, dass er der Bettgenosse seiner Frau war. Falls er überhaupt noch am Leben war. De Bruce war zweifelsohne ein hervorragender Kämpfer, aber er war allein nach Italien aufgebrochen, und die Wahrscheinlichkeit, eine so weite Reise ohne Begleitschutz zu überleben, war verschwindend gering. Zudem hatte er in den fast zwei Jahren seit seinem Verschwinden nichts von sich hören lassen.

Von Säckingen fuhr sich mit der Hand durch das schulterlange blonde Haar. Er musste sich eingestehen, dass er de Bruce den Tod wünschte, dass er sein ruhiges Leben genoss, das nicht mehr von Gewalt und Blut bestimmt war. Nicht, dass er gegen einen ordentlichen Kampf etwas einzuwenden gehabt hätte, im Gegenteil, er bedauerte es, dass er seine Kunstfertigkeit, die er mit täglichen Übungen ständig verfeinerte, in letzter Zeit nicht hatte unter Beweis stellen dürfen. Aber de Bruce’ Schreckensherrschaft vermisste er nicht. Da zog er es vor, Othilia zu dienen. Man konnte ihr nicht absprechen, dass sie es verstand, die Geschicke der Adlerburg mit großer Weitsicht zu lenken.

Von Säckingen trat vom Palas auf den Hof hinaus. Er schritt zum Haupttor, kontrollierte, ob die Ketten der Zugbrücke gefettet waren, und ließ dann seinen Blick über das Aichtal wandern. Ein Hämmern schreckte ihn auf. Er drehte sich um und entdeckte Nicklas, den jungen Gesellen, der in der Schmiede auf der anderen Seite der Vorburg mit wuchtigen Schlägen ein Stück Metall bearbeitete.

Zwei Mägde kamen aus dem Schweinestall, trippelten an Nicklas vorbei, lachten ihm zu und fuhren sich mit den Händen durch die Haare. Keine Frage, Nicklas war der Liebling aller weiblichen Bediensteten auf der Adlerburg, und doch war er schüchtern und zurückhaltend. Er nahm die beiden Mädchen gar nicht wahr, hatte offenbar nur Augen für das glühende Eisen.

Von Säckingen schlenderte am Pferdestall vorbei. Er würde in den nächsten Tagen mit seinem Wallach Excelsior eine neue, äußerst schwierige Attacke üben, bei der er die Zügel fallen ließ und sein Gewicht auf eine Seite verlagerte, damit er einem Hieb oder Geschoss ausweichen konnte und trotzdem beide Arme frei hatte. Excelsior musste lernen, das Gleichgewicht zu halten und weiter geradeaus zu galoppieren.

Von Säckingen blieb vor Nicklas stehen, doch der bemerkte ihn ebenso wenig wie vorhin die Mädchen. Mit seinen muskelbepackten Armen drosch er weiterhin auf einen rot glühenden Metallstab ein, der in ein oder zwei Wochen ein Schwert sein würde. Nach zehn Schlägen nahm Nicklas das Metall vom Amboss. Erst jetzt wurde er von Säckingens Gegenwart gewahr. Er erschrak, senkte den Kopf und ging leicht in die Knie. »Verzeiht, Herr, ich habe Euch nicht kommen sehen.«

»Schon gut, Nicklas, erhebe dich.«

Nicklas tat, wie ihm geheißen, und schaute von Säckingen geradewegs in Augen.

Von Säckingen erwiderte den Blick. Ein guter Junge, dachte er. Da ist kein Falsch, kein Hass und keine Wut – und das, obwohl er durchaus Grund dazu hätte, mit dem Schicksal zu hadern, ist er doch der älteste lebende Sohn von Ottmar de Bruce. Damit wäre er der Erbe der Adlerburg, wäre seine Mutter nicht eine Küchenmagd gewesen und er somit ein Bastard.

»Euer Schwert ist fertig, Herr. Eben habe ich einen Knecht mit der Nachricht zu Euch geschickt.«

»Das trifft sich ja vorzüglich.«

»Darf ich es Euch zeigen, Herr?«

»Ich bitte darum, ich bin sehr gespannt auf dein Werk«, erwiderte von Säckingen und meinte es auch so.

Nicklas neigte abermals den Kopf, dann verschwand er kurz in der Waffenkammer der Schmiede und tauchte wenig später mit einem Bündel wieder auf. Andächtig, als handelte es sich um eine kostbare Reliquie, hielt er von Säckingen das Bündel hin. Der griff mit einer Hand zu und spürte, noch bevor er das Schwert aus dem Tuch gewickelt hatte, dass Nicklas nicht zu viel versprochen hatte. »Es ist unglaublich leicht, Nicklas. Hast du auch genügend Stahl verwendet?«

Nicklas verzog das Gesicht. »Versucht es, Herr. Ich habe es noch nicht gewagt, doch ich bin mir sicher, dass es gelungen ist.«

Von Säckingen wickelte das Schwert aus und hielt einen Moment inne. Wie lebendiges Feuer leuchteten die feinen Wellen des hundertfach gefalteten Stahls. Kein Zweifel, diese Klinge lobte ihren Schöpfer. Dieser Nicklas war ein Teufelskerl, und ihm allein gebührte es zu prüfen, ob sein Werk nicht nur von erlesener Schönheit war, sondern auch als Waffe seinen Herrn beschützen konnte. Von Säckingen hielt Nicklas die Klinge vor die Nase. »Nimm es! Du sollst den ersten Schlag damit führen.«

Nicklas wich erschrocken zurück. »Ich … ich kann nicht, Herr.«

»Du kannst«, grollte von Säckingen.

»Verzeiht«, flüsterte Nicklas. »Ich wollte nicht ungehorsam sein. Wenn Ihr es wünscht, werde ich die Klinge prüfen.« Er nahm das Schwert, stellte sich breitbeinig vor den Eichenklotz, der neben dem Eingang zur Schmiede stand. Er war hart wie Granit und förderte jeden Fehler einer Klinge erbarmungslos zutage.

»Und wag es nicht, mit halber Kraft zuzuschlagen!«

»Sehr wohl.« Nicklas hob das Schwert über den Kopf, ließ es über die linke Schulter sinken, dann drehte er sich in der Hüfte, vollführte eine Kreisbewegung und rammte die Klinge in das Holz.

Von Säckingen entfuhr ein Laut der Überraschung. Unfassbar! Die Klinge steckte zwei Fingerbreit in dem steinharten Block. Er hatte damit gerechnet, dass sie einen halben Fingerbreit eindringen würde, und selbst das wäre schon beachtlich gewesen.

Mit einer Verbeugung trat Nicklas zurück.

Von Säckingen packte den Griff, der aus Nussholz gefertigt und mit feinen Rillen durchzogen war, die für die nötige Griffigkeit sorgten. Er zog, stellte ein Bein auf den Block und zog wieder. Nichts geschah. Das Schwert steckte fest.

Eine leise Stimme drang von Säckingen ans Ohr. »Würde er seine Manneskraft nicht im Turm vergeuden, würde er auch das Schwert aus dem Block bekommen.«

Er fuhr herum, doch niemand war zu sehen. Der feige Spötter hatte sich versteckt. Von Säckingen wandte sich wieder dem Schwert zu. Mit all seiner Kraft riss er die Klinge aus dem Block. Sollten die Spötter an ihrer eigenen Häme ersticken! Er holte tief Luft. »Nicklas!«, rief er lauter, als er es gewollt hatte. Der Junge zuckte zusammen. »Komm her und schau mich an!«

Von Säckingen blickte dem Jungen direkt in die Augen und sah dort das gleiche Feuer, das auch in Ottmar de Bruce’ Augen gelodert hatte. Die gleiche Leidenschaft, jedoch nicht die gleiche Selbstsucht. Nicklas war kein Zerstörer, sondern ein Schöpfer mit einer reinen Seele. Und genau diese reine Seele sollte das Schwert vollkommen machen. »Dieses Schwert ist noch nicht fertig«, sagte von Säckingen.

Nicklas erbleichte.

»Dein Zeichen fehlt.«

Schweiß trat auf die Stirn des Jungen. »Herr, ich darf nicht … Ich kann nicht …«

Von Säckingen winkte ab. »Du bist nur Geselle, ich weiß, und daher nicht berechtigt, dein Zeichen einzugravieren. Aber ich bin dein Herr. Wem bist du verpflichtet?«

»Euch selbstverständlich, Herr.«

»Du wirst dieses Schwert also mit deinem Zeichen vollenden, und wenn jemand Anstoß daran nehmen sollte, dann darf er sich vertrauensvoll an mich wenden. Ich werde ihm mit dieser wunderbaren Waffe zeigen, dass du bereits ein Meister deiner Kunst bist, der seinesgleichen sucht.«

Nicklas lief feuerrot an. »Wie Ihr wünscht Herr. Ihr könnt morgen …«

»Morgen? Jetzt, vor meinen Augen. Und lass dir Zeit.«

»Sehr wohl, Herr.« Nicklas stolperte in seine Werkstatt, griff sich seine feinen Stahlmeißel und einen Schemel, ließ sich vor von Säckingen nieder und stemmte mit leichten Schlägen das Jahr und seinen Namen in die Klinge, direkt unterhalb der Parierstange. Das dauerte nicht lange. Für sein Zeichen aber benötigte er so lange, dass die Sonne schon rot glühend hinter den Bergen versank, als es endlich vollendet war.

Von Säckingen hielt es sich dicht vor die Augen. Es war eine Schlange, die mit sich selbst kreisförmig verflochten war und die in ihrem Maul statt zweier Giftzähne Schwerter trug. Er kam nicht umhin, Nicklas für sein Geschick zu bewundern. Seinen Pranken wollte man eine so feine Arbeit gar nicht zutrauen, die jeden Goldschmied begeistert hätte. Er reichte das Schwert zurück.

Nicklas polierte die gravierten Stellen mit feinem Sand, ölte die Klinge noch einmal und reichte sie schließlich von Säckingen. »Möge dieses Schwert Euch in jedem Kampf beschützen.«

Von Säckingen lächelte, nahm es, und drückte Nicklas einen Kreuzer in die schwielige Hand. »Du hast auf jeden Fall alles dafür getan.«

***

Melisande hörte die Glocken und schrak zusammen. Geschwind stieg sie hinauf in den kleinen Lagerraum neben den Schlafkammern für die Mägde und Knechte und schob eine Schindel zur Seite. Obwohl die Straße ein ganzes Stück unter ihr lag, hatte sie von hier einen guten Blick auf die Neuankömmlinge. Mit klopfendem Herzen musterte Melisande jeden der Reisenden: die Händler, die schwer bewaffneten Söldner und sogar die Knechte. Wenn Fremde in die Stadt kamen, versteckte sie sich immer, bis sie sicher war, dass niemand dabei war, der sie erkennen könnte. Niemand, der sich an Melisande Wilhelmis erinnern könnte, an Melchior, den stummen Henker, oder an Mechthild, die Magd.

Die Wagen zogen einer nach dem anderen vorbei, lediglich die mit den Weinfässern hielten vor dem Haus. Ein junger Mann sprang vom Bock des ersten Gespannes. »Grüßt Euch, Meister Füger. Wo wollt Ihr Eure Fässer haben?«

»Wollt Ihr Euch nicht vor dem Abladen bei einem kühlen Becher Wein und einem anständigen Stück ofenwarmem Brot von der Reise erholen?«, fragte Wendel.

Ein Lächeln glitt über Melisandes Gesicht. Sie liebte ihn dafür, dass er immer zuerst an die Menschen dachte und dann ans Geschäft.

Der Fuhrmann nahm dankend an. Wendel ließ auch den anderen Männern eine Stärkung reichen, und so standen sie eine Weile kauend und plaudernd vor dem Haus. Auf einmal schlug sich der Fuhrmann an die Stirn. »Fast hätte ich es vergessen, Meister Füger«, sagte er und schluckte einen Bissen hinunter. »Mit uns ist Johann Hartkopf, der Ältere, gereist. Er ist Ratsherr in Augsburg und hat eine Frage an Euch.«

Melisande gefror das Blut in den Adern. Ein Augsburger Ratsherr, der mit Sicherheit Merten de Willms gekannt haben musste! Den echten Merten de Willms. Den Mann, der vor mehr als zwei Jahren Opfer eines Überfalls geworden war, als er mit einem ähnlichen Händlerzug gereist war. Melisande hatte einigen Männern das Leben gerettet, doch für Merten de Willms war jede Hilfe zu spät gekommen. Jetzt rächte sich ihr Frevel, einen toten Mann beraubt, ihm all seine Dokumente und das Schwert genommen zu haben. Sicherlich würden Wendel und der Fremde ins Gespräch kommen; Wendel würde erfahren, dass Merten niemals eine Schwester namens Melissa gehabt hatte. Und dann würde er nachforschen und auch den Rest herausfinden. Herausfinden, dass er, Wendel Füger, der Sohn des ehrbaren Karchers Erhard Füger aus Reutlingen, mit dem Henker von Esslingen verheiratet war.

Melisandes Atem ging schneller. Man würde sie in den Kerker werfen und ihre kleine Tochter, die Brut der Henkerin, ebenfalls. Das durfte nicht geschehen! Ihr blieb nur eine Möglichkeit. Sie musste Gertrud nehmen und fliehen. Ihr wurde schwindelig, sie wankte, krallte sich an einem Dachbalken fest. Kühler Abendwind strich ihr über das Gesicht. Halt ein, sagte sie sich. Nichts überstürzen! Du darfst nicht jedes Mal den Kopf verlieren, wenn so etwas geschieht! Spitz die Ohren, pass auf, was der Fremde aus Augsburg mit Wendel zu besprechen hat, vielleicht ist deine Angst unbegründet.

Gerade als sie wieder hinausblickte, hörte sie den Fuhrmann sagen: »Ich gehe den Johann Hartkopf holen, Meister Füger. Ich bin sofort zurück.«

Der Fuhrmann lief die Straße hinunter in Richtung Rindermarkt. Wendel gab den Knechten Anweisungen, wie sie die Weinfässer abzuladen und in den Keller zu verfrachten hatten. Und kaum war das erste Fass in der Luke neben dem Hauseingang verschwunden, da kehrte der Fuhrmann bereits zurück, im Schlepptau einen wohlgenährten grauhaarigen Herrn in prachtvoller Reisekleidung.

Melisande hielt die Luft an. Alles schien sich zu verlangsamen. Selbst ihr Herz schien langsamer zu schlagen, und die Worte, die die Männer sprachen, verzerrten sich in ihren Ohren zu seltsamen Lauten, deren Sinn sie nicht verstand.

Wendel hielt dem Augsburger die Hand hin, der Mann schlug ein, lächelte. Wendel sagte etwas, der Mann hob abwehrend die Hände und schaute direkt zu Melisande hoch. Er konnte sie nicht sehen, das war unmöglich, dennoch fuhr sie erschrocken zurück und stieß sich den Kopf am Gebälk. Der schmerzhafte Aufprall riss Melisande aus ihrer Betäubung.

»Aber natürlich, mein Herr«, sagte Wendel. »Ich kann Euch wärmstens die Herberge meines Vaters empfehlen. Es ist ohne Übertreibung das beste Haus am Platze. Und das einzige weit und breit, in dem es für hochgestellte Reisende eigene Kammern gibt. Die sind im Sommer kühl und im Winter warm, denn sie liegen direkt über dem großen Kamin der Schankstube, der jeden Tag gründlich gereinigt wird. Die Speisen sind von ausgesuchter Qualität, der Wein ist erlesen.«

Der Augsburger schmunzelte. »Nun, so soll es sein. Ich werde Eurem Vater Grüße von Euch überbringen und ihm versichern, dass Ihr ein ausgezeichneter Handelsmann seid, der weiß, wie man seine Leistungen anpreist. In drei Tagen werde ich ihn sehen, so Gott will, doch jetzt muss ich mich sputen, denn die Sonne geht bereits unter und ich möchte noch ein anständiges Plätzchen für die Nacht im Gasthof ›Zum Löwen‹ bekommen. Morgen muss ich in aller Frühe nach Sulz weiterreisen. Dort kennt Ihr nicht zufällig ebenfalls eine empfehlenswerte Herberge?«

»Bedauere, nein.« Wendel drehte sich um und blickte ins Haus. »Zu schade, dass Ihr so in Eile seid. Meine Gemahlin und ich hätten uns gefreut, Euch als Gast willkommen zu heißen. Zumal meine Gemahlin selbst aus Eurer wunderbaren Heimatstadt stammt. Sicherlich würde sie gern ein paar Worte mit Euch wechseln.«

»Was für eine glückliche Fügung!«, rief der Augsburger. »Wie bedauerlich, dass ich gerade heute so in Eile bin. Bitte richtet Eurer Gemahlin meine besten Wünsche aus. Wenn ich das nächste Mal in der Gegend bin, nehme ich Eure Gastfreundschaft dankbar an, das verspreche ich Euch.«

»Betrachtet Eure guten Wünsche als ausgerichtet. Kann ich sonst irgendetwas für Euch tun?«

Der Augsburger winkte ab. »Habt Dank. Ich reise morgen mit vier meiner besten Männer weiter, wir sind gut verpflegt und mit schnellen Reittieren ausgerüstet. Und die Wege nach Sulz sind durch das Geleit Ulrichs III. inzwischen sicherer geworden.«

Er reichte Wendel die Hand, drückte sie kräftig und ging davon.

Melisande sank auf die Knie. »Herr, hab Dank für deine unendlich Gnade, die mich wieder einmal vor Entdeckung geschützt hat, und verzeih mir meine Sünden. Beschütze den ehrenwerten Kaufmann Johann Hartkopf auf all seinen Wegen, doch führe ihn nicht allzu bald wieder nach Rottweil.«

***

Hufe donnerten über die äußere Zugbrücke. Von Säckingen griff sein Schwert fester.

»Ein Bote, Herr!«, rief ein Wächter. »Es ist Arnfried.«

Von Säckingen entspannte sich. Arnfried kam von Reutlingen, wo er in seinem Auftrag in einer besonderen Angelegenheit Erkundigungen eingezogen hatte. Schon preschte der Reiter durch das Tor, parierte sein Pferd durch und sprang vom Sattel.

Von Säckingen eilte auf ihn zu. »Seid willkommen, mein Freund.«

Der Reiter verbeugte sich knapp. Sein Atem ging schnell, der Schweiß zog Linien in seine staubige Stirn. »Seid gegrüßt, von Säckingen.«

»Wie gut, dass Ihr die Burg noch vor Einbruch der Nacht erreicht habt!« Von Säckingen ließ sich von einem Knecht eine Fackel reichen und bedeutete dem Boten mitzukommen. »Folgt mir.«

Er ging voran in jenen Keller, der de Bruce zum Verhängnis geworden war. Statt der Fässer mit gepanschtem Wein lagerten hier nun eingelegtes Kraut und Bohnen. Doch hinter dem letzten Fass Kraut hatte von Säckingen ein Fässchen mit einem erlesenen Traminer versteckt. Nicht weil Othilia ihm den nicht gegönnt hätte, sondern weil sich sonst die übrigen Männer darüber hergemacht und den edlen Tropfen gesoffen hätten wie Wasser – eine Verschwendung ohnegleichen.

Von Säckingen zog zwei Zinnbecher aus einer Mauernische hervor, füllte sie halb und reichte Arnfried einen davon. Der setzte sofort zum Trinken an. Von Säckingen hob die Hand. »Ich weiß, Ihr seid erschöpft und durstig, doch bevor Ihr trinkt, erlaubt mir eine Frage: Habt Ihr gute Neuigkeiten für mich?«

Arnfried ließ den Becher sinken und schaute hinein, als stünde dort geschrieben, was er seinem Auftraggeber zu antworten hatte. »Ich habe eine Spur von Mechthild, der Magd, gefunden«, sagte er schließlich. »Oder zumindest von einer Frau, die ihr sehr ähnlich sieht.«

Von Säckingen stieß verärgert Luft aus. »Es gibt Hunderte Frauen, die dieser verdammten Magd gleichen! Wie viele davon habe ich mir bereits vergeblich angesehen?« Sein Herz schlug schnell und hart. Dieses verfluchte Weibsstück beherrschte seit zwei Jahren seine Gedanken. Er hatte sie nur ein einziges Mal gesehen, doch ihr Anblick hatte sich in seine Eingeweide eingebrannt, fraß ihn von innen her auf. Es war, als hätte sie ihn verhext. Wenn er mit Othilia das Bett teilte, tanzte Mechthilds Gesicht vor seinen Augen, war es ihr feuerrotes Haar, das auf dem Laken schimmerte, waren es ihre blauen Augen, die ihn voller Leidenschaft ansahen. Er musste sie besitzen, sonst würde er wahnsinnig werden.

Er atmete tief durch. Arnfried sollte seine Enttäuschung nicht spüren. Sein treuer Spion konnte nichts dafür, dass er von dieser Magd besessen war. Im Gegenteil: Arnfried scheute keine Mühen und Gefahren, um sie zu finden; sogar im tiefsten Winter, als fast alle Straßen unpassierbar waren, war er Hinweisen nachgegangen. »Verzeiht meine Ungeduld, mein guter Arnfried. Was macht Euch so sicher, dass es diesmal die Richtige ist?«

Der Spion hob den Blick. »Nun, in Reutlingen ist mir eine bemerkenswerte Geschichte von einer Familie Füger zu Ohren gekommen, die in Rottweil lebt. Ein Wendel Füger mit Gemahlin und Tochter.«

Wendel Füger! Von Säckingen hatte lange nicht an ihn gedacht, doch vergessen würde er diesen Namen nie. Wendel Füger, der junge Karcher, war dem Tod gleich zweimal von der Schippe gesprungen: erst bei der Hinrichtung in Esslingen und dann den Meuchelmördern in den Gassen seiner Heimatstadt. Der Bursche schien mehr Leben zu besitzen als eine Katze. Seit de Bruce verschwunden war und mit ihm der Befehl, Wendel Füger zu töten, hatte von Säckingen sich nicht mehr um ihn geschert. Jetzt aber war sein Interesse geweckt. »Und? Was ist mit diesem Füger? Was macht er in Rottweil? Er ist aus Reutlingen, nicht wahr?«

Arnfried zog die Augenbrauen hoch. »In der Tat, er stammt aus Reutlingen. Sein Vater ist der ehrenwerte Meister Erhard Füger, ein überaus erfolgreicher und angesehener Weinhändler und Wirt.« Er starrte wieder in den Becher und räusperte sich.

»Schon gut«, sagte von Säckingen. »Zum Wohl!«

Sie stießen an. Von Säckingen nippte nur einmal, Arnfried aber nahm einen tiefen Zug. »Wahrhaftig ein guter Tropfen, von Säckingen! Ihr beweist ein ums andere Mal guten Geschmack.«

»Dank Euch für das Kompliment.« Er versuchte zu lächeln. »Nun, was ist mit diesem Wendel Füger? Was hat er mit der Magd Mechthild zu schaffen?«

»Er hat sie geheiratet.«

Von Säckingen ballte unwillkürlich die Faust, befahl sich jedoch sogleich, ruhig zu bleiben. »Er hat was?«

»Nun, Fügers Gemahlin ist angeblich eine Melissa de Willms aus Augsburg. Ich habe mich umgehört, eine Familie de Willms ist in Augsburg gut bekannt. Eins ist jedoch seltsam.«

»Ja?« Von Säckingen griff an seinen Schwertknauf.

Arnfried fuhr eilig fort: »Melissa ist angeblich die Zwillingsschwester eines gewissen Merten de Willms, Schreiber aus Augsburg, der just ein paar Wochen vor Fügers Heirat spurlos verschwand.« Er leerte seinen Becher in einem Zug.

Von Säckingen fragte sich, ob dieser Wein nicht auch an den Spion verschwendet war. Bisher hatte er nichts als wirre Reden hervorgebracht. »Soll ich Euch nachschenken?«, fragte er dennoch so freundlich er konnte. Am liebsten hätte er Arnfried die Worte aus dem Hals geschüttelt.

»Habt Dank, aber dieser Tropfen ist zu schade, um meinen Durst damit zu löschen.«

»Ich dachte schon …«

»… ich sei genauso ein Barbar wie Eure Soldaten?« Arnfried schüttelte den Kopf. »Ihr solltet wissen, dass ich einige Jahre am Hofe Eberhards I. als Sekretär gedient habe.«

Natürlich wusste von Säckingen das. Er hatte nach dem lebensgefährlichen Reinfall mit seinem früheren Spion Dietrich nicht umsonst Arnfried angeheuert – keinen Gauner, sondern einen Mann mit tadellosem Ruf und besten Verbindungen. Er unterhielt weit über Württemberg hinaus ein dichtes Netz an Informanten. Entsprechend kostspielig waren seine Dienste.

»Dieser Merten de Willms hat bis kurz vor seinem Verschwinden bei Erhard Füger als Schreiber gearbeitet«, berichtete Arnfried. »Nun frage ich Euch: Wohin ist dieser Merten verschwunden? Und wie kommt es, dass kurz darauf eine rätselhafte Zwillingsschwester auftauchte? Was meint Ihr?«

»Spannt mich nicht länger auf die Folter, Arnfried. Ich warne Euch!«

»Ich sagte Euch doch, dass ich mich über die Familie de Willms kundig gemacht habe. Mein Informant wusste nicht viel, einer Sache war er sich aber ganz sicher: Die de Willms sehen sich alle sehr ähnlich, sie haben pechschwarze Haare, tiefbraune Augen und eine auffällig geschwungene Nase.«

»Und Wendel Fügers Gemahlin …«

»… hat blaue Augen und eine feuerrote Mähne – ganz so, wie Ihr mir die Magd Mechthild beschrieben habt. Melissa Füger mag sein, wer sie will, eine de Willms ist sie nicht.«

Von Säckingen wurde es heiß. War es das? War er endlich am Ziel seiner Jagd angelangt? War diese falsche Melissa wirklich seine Mechthild? Er hatte schon damals auf dem Fronhof den Verdacht gehabt, dass sie keine einfache Magd war, dass irgendetwas mit ihr nicht stimmte. Doch was? Und wer war sie wirklich? Hatte de Bruce am Ende doch Recht gehabt und …

Er wagte es nicht, den Gedanken zu Ende zu denken. Es gab nur einen Weg, die Wahrheit herauszufinden: Er musste Wendel Fügers Gemahlin selbst in Augenschein nehmen. Ihr Antlitz würde ihm verraten, was er wissen musste.

***

Wendel erhob sich und klatschte in die Hände. »Zurück an die Arbeit, es gibt noch viel zu tun!«

Seit am Montagnachmittag der Handelszug gekommen war, hatten sie unermüdlich gearbeitet. Und noch immer hatten sie alle Hände voll zu tun. Heute würde seine Mutter eintreffen, und bis dahin wollte er das Haus herausgeputzt haben wie ein kostbares Kleinod. Sie sollte sich willkommen fühlen, sollte spüren, wie sehr ihn ihr Besuch freute. Den ganzen Vormittag hatten Selmtraud und Berbelin die Böden geschrubbt und frisches Stroh ausgelegt, die Truhen, Küchenborde und Fensterbänke abgewischt und überall duftende Sträußchen Zitronenmelisse aufgehängt. Walburg hatte unermüdlich gebacken, Hühnchen gerupft und Fische geschuppt und es dennoch fertiggebracht, ein deftiges Mittagsmahl auf den Tisch zu bringen.

»Michel und Bart«, Wendel wandte sich an die Knechte, »ihr beiden geht schon mal voraus in den Keller und macht dort weiter, wo wir eben unterbrochen haben. Wolfgang, du gehst zum Nagelschmied und holst die Nägel ab, die ich bestellt habe. Drei Dutzend, zähl sie nach. Die Herrin gibt dir Geld.« Er schaute zu Melissa, die Gertrud auf dem Schoß hielt und ihn anlächelte. »Ist die Kammer für meine Mutter bereit?«

»Natürlich. Berbelin hat sogar einen Strauß frischer Blumen auf das Fensterbrett gestellt.«

»Das ist gut. Und was ist mit Antonius?« Antonius war Wendels ehemaliger Leibwächter und ein treuer Freund, war jedoch als Bediensteter seines Vaters in Reutlingen geblieben.

»Ich habe einen zusätzlichen Strohsack in die Schlafkammer der Knechte bringen lassen.«

»Wunderbar.« Wendel gab seiner Frau und seiner Tochter einen Kuss.

Melissa erhob sich und reichte Gertrud an Selmtraud weiter. »Leg sie hin. Sie ist müde, und ich möchte, dass sie ausgeruht ist, wenn ihre Großmutter kommt, sonst wird sie vor Aufregung zu schnell quengelig.«

»Sehr wohl.« Die Magd nahm das Kind und stieg mit ihm die Treppe hinauf. Wendel warf Gertrud einen Luftkuss hinterher und ging dann auf die Hintertür zu.

Melissa drehte sich zu Wolfgang um und drückte ihm eine Münze in die Hand. »Los, spute dich, Junge.«

Wolfgang rannte los, an Wendel vorbei auf den Hof und durch das Tor auf die hintere Gasse. Gerade als Wendel ihm nach draußen folgen wollte, klopfte es laut und vernehmlich an die Vordertür. Berbelin lief hin, um zu öffnen, und schon wenige Augenblicke später trat Katherina Füger in die Küche. Ihre Reisekleidung war staubig, ihre Haube verrutscht, doch ihre Augen strahlten freudig.

»Katherina! Wie schön, dass du da bist.« Melissa umarmte ihre Schwiegermutter.

Wendel wurde es warm ums Herz. »Lass mir noch etwas von meiner Mutter übrig, Liebste.«

Melissa lachte, löste sich von Katherina, und Wendel drückte seine Mutter fest und lange. Er musste sich beherrschen, um nicht in Tränen auszubrechen.

»Da ist noch jemand, der darauf brennt, dich zu sehen, mein Sohn.«

Wendel machte sich los, zögerte einen Moment, dann nahm er Antonius ebenfalls in die Arme, nicht so lange wie seine Mutter, aber lange genug, um ihm zu zeigen, dass er nicht vergessen hatte, dass der Leibwächter und Freund ihm das Leben gerettet hatte.

Antonius verneigte sich vor Melissa. »Seid gegrüßt, Melissa. Ich hoffe, es geht Euch gut.«

»Hab Dank, Antonius. Wie war die Reise?«

»Lasst uns das bei einem Becher Wein besprechen«, unterbrach Wendel. Er lief zur Kellertür und stieß sie auf. »Die Gäste sind eingetroffen! Kümmere dich um die Pferde, Michel!«, befahl er.

Sie ließen sich nieder, Walburg servierte den Gästen Braten, Brot und frische Früchte und stellte einen Krug verdünnten Wein auf den Tisch.

»Die Reise war angenehm, Herr«, sagte Antonius und griff nach seinem Becher. »Ganz ohne leidige Zwischenfälle. Bis Zimmern haben wir uns einem Handelszug angeschlossen, sodass wir nur noch wenige Meilen ohne Begleitung reisen mussten.« Er schlug den Blick nieder und nahm einen Schluck Wein.

Wendel war aufgefallen, dass Antonius es vermied, ihm in die Augen zu sehen. Er wusste, dass Antonius zwischen der Loyalität zu ihm und der zu seinem Herrn, Erhard Füger, hin- und hergerissen war. Es schmerzte ihn, doch er wollte sich davon nicht die Freude über den Besuch seiner Mutter verderben lassen.

Katherina erzählte Neuigkeiten aus Reutlingen, und Wendel berichtete, wie es um seine Geschäfte stand. Schließlich fragte er: »Mutter, möchtest du unseren neuen Keller sehen? Er ist erst vor ein paar Tagen fertig geworden. Ich muss ohnehin hinabsteigen und sehen, ob die Knechte ihre Arbeit ordentlich machen.«

»Aber gern!« Katherina stellte ihren Becher ab. »Und danach möchte ich meine Enkeltochter in den Arm nehmen. Bestimmt ist sie in den letzten Wochen furchtbar gewachsen!«

»Und wie!« Melissa lächelte ihr zu. »Du wirst sie kaum wiedererkennen. Sie läuft sogar schon.« Sie wandte sich an Antonius. »Nun, dann bitte ich dich um die Ehre, mich auf den Markt zu begleiten. Ich habe noch einige Besorgungen zu machen und brauche einen kräftigen Träger.«

Antonius verschluckte sich fast an der Pflaume, die er gerade in den Mund gesteckt hatte, sprang auf und verbeugte sich. »Aber gern, Herrin.« Gemeinsam verließen sie das Haus.

Wendel nahm die Hände seiner Mutter. »Wie stehen die Dinge in Reutlingen, Mutter? Hat Vater noch immer kein Einsehen?«

Katherina seufzte. »Ach, mein Junge. Erhard ist so stur wie ein Esel. Mit seinem Dickkopf könntest du die Mauern Stuttgarts einreißen, ohne dass er einen Kratzer davontragen würde. Wenn er wüsste, dass ich hier bin, würde er mich einsperren und Antonius totpeitschen, das steht fest.«

»Was hast du ihm erzählt?«

»Ich besuche meine Schwester in Tübingen. Sie ist eingeweiht und wird mich nicht verraten.«

Wendel lachte bitter. »Das ist alles so erbärmlich! Vater macht dich zur Betrügerin. Und mich behandelt er wie einen Verbrecher.«

»Er ist zutiefst verletzt. Sein Ansehen hat gelitten.«

»Niemand in Reutlingen hegt Groll gegen ihn, ja noch nicht einmal gegen mich. Engellin war enttäuscht, aber sie versteht mich; sie hat mir alles Gute gewünscht und mir zur Hochzeit mit Melissa sogar einen Glückspfennig geschenkt. Sie hat mich genauso wenig geliebt wie ich sie. Ihre Eltern haben meine Erklärung akzeptiert, dass allein ich die Schuld an der aufgelösten Verlobung trage. Und in ein oder zwei Jahren werde ich Vater das Kranzgeld zurückzahlen können, doppelt und dreifach.«

Katherina strich Wendel über die braunen Locken.

Er lächelte. »Warum hast du mir so schnell verziehen?«

»Weil ich nicht anders konnte. Eine Mutter liebt ihre Kinder ohne Bedingung. Ich bin da keine Ausnahme. Du bist mein Sohn, und ich werde dich lieben bis ans Ende meiner Tage.«

Wendel schluckte. Freude und Trauer machten sich gleichzeitig in ihm breit: Freude darüber, dass seine Mutter ihn nicht verstoßen hatte, und Trauer, weil er seinen Vater wohl für immer verloren hatte. »Geht es Vater wenigstens gut?«

Katherina traten Tränen in die Augen. »Er leidet jeden Tag. Nachts hat er furchtbare Albträume, in denen er oft nach dir ruft. Er ist rastlos, kaum noch zu Hause, ständig auf Reisen, und oft trinkt er sich in den Schlaf. Ich kenne ihn nicht mehr, das ist nicht der Mann, den ich geheiratet habe.«

Wendels Kehle schnürte sich zu. Er war schuld am Elend seiner Mutter. Aber er konnte es nicht rückgängig machen. Er liebte Melissa über alles, umso mehr, seit sie ihm Gertrud geschenkt hatte, für deren Wohl er sich jederzeit und ohne zu zögern wieder der Folter überantwortet hätte. »Es tut mir so leid«, flüsterte er.