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Dr. Laurin ist ein beliebter Allgemeinmediziner und Gynäkologe. Bereits in jungen Jahren besitzt er eine umfassende chirurgische Erfahrung. Darüber hinaus ist er auf ganz natürliche Weise ein Seelenarzt für seine Patienten. Die großartige Schriftstellerin Patricia Vandenberg, die schon den berühmten Dr. Norden verfasste, hat mit den 200 Romanen Dr. Laurin ihr Meisterstück geschaffen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Sie hat allein im Martin Kelter Verlag fast 1.300 Romane veröffentlicht, Hunderte Millionen Exemplare wurden bereits verkauft. In allen Romangenres ist sie zu Hause, ob es um Arzt, Adel, Familie oder auch Romantic Thriller geht. Ihre breitgefächerten, virtuosen Einfälle begeistern ihre Leser. Geniales Einfühlungsvermögen, der Blick in die Herzen der Menschen zeichnet Patricia Vandenberg aus. Sie kennt die Sorgen und Sehnsüchte ihrer Leser und beeindruckt immer wieder mit ihrer unnachahmlichen Erzählweise. Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. E-Book 53: Warum hasst du meine Schwester? E-Book 54: Wird er das Kind lieben? E-Book 55: Wir werden nie vergessen … E-Book 56: Der Vater meines Kindes – schuldig? E-Book 57: Als alle Angst ein Ende hatte E-Book 58: Wer sind die Eltern? E-Book 1: Warum hasst du meine Schwester? E-Book 2: Wird er das Kind lieben? E-Book 3: Wir werden nie vergessen … E-Book 4: Der Vater meines Kindes – schuldig? E-Book 5: Als alle Angst ein Ende hatte E-Book 6: Wer sind die Eltern?
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Seitenzahl: 687
Veröffentlichungsjahr: 2018
Warum hasst du meine Schwester?
Wird er das Kind lieben?
Wir werden nie vergessen …
Der Vater meines Kindes – schuldig?
Als alle Angst ein Ende hatte
Wer sind die Eltern?
Seit ein paar Monaten war Michael Hillenberg Assistenzarzt auf der Chirurgischen Station der Prof.-Kayser-Klinik. Dr. Eckart Sternberg, der Chefarzt der Station, hatte sich erst kürzlich wieder sehr anerkennend über ihn geäußert, und nun fragte sich Dr. Laurin, welches Anliegen den jungen Mitarbeiter zu ihm führen könne, da doch Eckart Sternberg für seinen Arbeitsbereich zuständig war.
»Eigentlich ist es eine private Angelegenheit«, erklärte Michael vorsichtig.
»Schießen Sie los«, sagte Leon Laurin aufmunternd, als der junge Arzt so verlegen vor ihm stand.
»Ich wollte Fräulein Faber und deren Geschwister am Samstag mit an den See nehmen«, erklärte Dr. Hillenberg nun zögernd. »Sie kommen doch nie heraus und – na ja, sparen müssen sie halt auch.«
Dr. Laurin unterdrückte ein Lächeln. »Ich wüsste nicht, wer etwas dagegen haben sollte, wenn Sie Moni und ihre Geschwister mal einladen. Sie wird sich sicher gefreut haben.«
»Ich habe sie noch gar nicht gefragt«, gestand Dr. Hillenberg ein. »Zuerst wollte ich mit Ihnen sprechen.«
So was gibt es auch noch, dachte Leon Laurin. Seine Sympathie für Michael Hillenberg vertiefte sich.
Monika Faber hatte nach dem frühen Tod ihres Vaters – ihre Mutter war schon länger tot –, tapfer die Sorge für ihre jüngeren Geschwister übernommen. Sie hatte eine Stellung in der Verwaltung der Prof.-Kayser-Klinik bekommen und sich schnell eingearbeitet. Fleißig und zuverlässig war sie und sehr freundlich dazu.
Dr. Laurin zwinkerte dem jungen Arzt zu. »Na, dann fragen Sie Moni doch gleich«, sagte er.
Er fasste Michael am Arm und schob ihn mit sanfter Gewalt durch die Tür.
»Moni, hier ist jemand mit einem Anliegen!«, rief er in das Büro hinein, wo Monika am Computer saß.
Verlegenheitsröte stieg in das hübsche Mädchengesicht, als Michael näher an den Schreibtisch trat.
Dr. Laurin zog sich milde lächelnd zurück, obgleich er zu gern Mäus-chen gespielt hätte.
»Worum handelt es sich, Herr Doktor?«, fragte Moni verlegen.
»Um den freien Samstag«, erwiderte Michael Hillenberg forsch. »Ich wollte fragen, ob Sie und Ihre Geschwister mit mir an den See fahren würden.«
Verwirrt sah Monika ihn an. »Ich weiß nicht«, stotterte sie. »Dieter und Angelika würden sich natürlich sehr freuen.«
»Und – Sie nicht?«, fragte Michael.
»Doch, ich auch«, sagte Monika leise. »Es ist wahnsinnig nett von Ihnen.«
Es war nicht zu leugnen, dass sich schon eine schüchterne Zuneigung zwischen ihnen angebahnt hatte, als damals, Dr. Hillenberg war erst ganz kurz an der Prof.-Kayser-Klinik, Herr Faber starb. Aber sie waren beide viel zu zurückhaltend, um sich diese Zuneigung einzugestehen, und es war auch nie zu mehr als zu ein paar freundlichen Worten gekommen, die sie im Vorübergehen wechselten.
»Wäre es Ihnen recht, wenn ich Sie gegen neun Uhr abhole?«, fragte Michael. »Dann haben wir den ganzen Tag vor uns.«
»Hoffentlich einen schönen Tag, an dem Petrus uns keinen Strich durch die Rechnung macht«, sagte Moni.
Nachdem er gegangen war, gestattete sich Moni noch eine Minute träumerischer Versunkenheit. Ihr junges Herz klopfte doch recht stürmisch und erwartungsvoll, und das musste sich erst wieder legen, damit sie sich weiter ihrer Arbeit widmen konnte.
*
Begeistert hatten der fünfzehnjährige Dieter und die zwölfjährige Angelika die Ankündigung aufgenommen, dass sie den Samstag am See verbringen durften.
»Wenn bloß das Wetter hält«, sagte Dieter.
»Sei still«, flüsterte Angelika.
Punkt neun Uhr hielt Dr. Hillenbergs neuer Wagen vor der Tür. Der wurde von Moni ebenso bestaunt wie von ihren Geschwistern, denn bisher hatte Michael immer einen alten Klapperkasten gefahren.
»Jungfernfahrt«, erklärte er heiter. »Fabrikneu ist er übrigens nicht, aber gut erhalten.«
»Klasse«, sagte Dieter.
»Mit dem alten hätte ich euch nicht mitnehmen können. Der wäre auseinander gebrochen«, sagte Mi-chael.
Es versprach ein herrlicher Tag zu werden. Auf wenig befahrenen Nebenstraßen gelangten sie zum See, und Michael hatte da auch schon einen Platz ausgekundschaftet, der nicht übervölkert war, weil an dieser Stelle das Wasser tief war.
Moni versicherte ihm, dass sie alle gute Schwimmer wären, aber Mi-chael ermahnte sie doch eindringlich, vorsichtig zu sein.
Dieter und Angelika wollten gleich ins Wasser. Sie konnten es gar nicht mehr erwarten.
»Sie sind schon vorsichtig«, sagte Moni, als Michael ihnen besorgt nachschaute. »Sie haben beide das Rettungsschwimmerabzeichen gemacht. So mutig war ich nie.«
»Sie haben Ihren Mut zur Genüge bewiesen, Moni«, sagte Michael. »Ich bewundere Sie.«
»Ach was, man muss sich einfach in die Tatsachen finden, wenn sie auch hart sind. Die beiden helfen mir tüchtig. Sie sind lieb.«
Bewundern musste er dieses zierliche Mädchen dennoch, das selbst den Kinderschuhen kaum entwachsen war.
Moni hatte sich auf den Bauch gelegt. Ihr Blick war auf den See gerichtet, in dem sich die beiden Jüngeren munter wie Fische tummelten.
»Die Sonne brennt schon ganz schön«, sagte sie.
»Aufpassen, dass es keinen Sonnenbrand gibt«, sagte Michael. »Darf ich Ihren Rücken einreiben?«
»An Sonnenöl habe ich nicht gedacht«, sagte Moni verlegen.
»Aber ich. Schließlich trage ich für diesen Tag die volle Verantwortung. Bleiben Sie mal hübsch liegen, Moni.«
Sie lag ganz still. Sanft rieb er ihr das Öl ein, und er musste sich höllisch zusammennehmen, um sich nicht von dem Wunsch hinreißen zu lassen, den schlanken Hals zu küssen.
Aber da tauchten Dieter und Angelika aus dem Wasser empor, zogen sich ans Ufer und schüttelten lachend die Wassertropfen von sich.
»Herrlich ist es«, sagte Dieter. »Richtig schön frisch.«
»Abtrocknen und antreten zum Eincremen«, sagte Michael im heiteren Befehlston.
»I wo, brauchen wir nicht«, sagte Dieter. »Wir haben ein dickes Fell. Soll ich Sie einreiben, Herr Doktor?«
»Das kann Moni aber besser«, sagte Angelika harmlos.
Vor Verlegenheit wagte Moni gar nicht aufzublicken, doch Michael zeigte sich der Situation gewachsen und lenkte vom Thema ab.
»Wie wäre es denn, wenn wir den ›Doktor‹ weglassen?«, sagte er. »Ich komme mir ja uralt vor. Wir kennen uns doch nun schon ziemlich lange, und ich fände es nett, wenn wir du zueinander sagen würden.«
»Wäre schon prima«, meinte Dieter, »aber bei Moni ist das so eine Sache, weil ihr doch unter einem Dach arbeitet. Da darf man sich keine Vertraulichkeiten gestatten.«
»Freunde können aber du zueinander sagen«, warf Angelika ein, »und jetzt sind wir nicht in der Klinik. Und ich finde es ganz toll, wenn der Doktor unser Freund ist.«
Die beiden trollten sich.
Moni warf Michael einen schrägen Blick zu.
»Bekomme ich jetzt eine Zurechtweisung?«, fragte er. »Ich möchte gern euer Freund sein, Moni.« Schlicht und herzlich sagte er es und streckte ihr die Hand entgegen. »Ich wollte es eigentlich schon lange gesagt haben«, fügte er dann verhalten hinzu.
Ein Lächeln lagt nun um Monis weichen Lippen. »Freundschaft ist etwas sehr Schönes«, sagte sie leise. »Danke, Michael.«
Ganz schnell zog er ihre schmale schöne Hand an die Lippen.
»Ich danke dir, Moni. Dieser Augenblick bedeutet mir sehr viel.«
Ihre Blicken tauchten ineinander, und sie beide, die ihre Gefühle nicht auf den Lippen trugen, wussten, dass dieser Augenblick einen Anfang in sich barg.
Dieter und Angelika ließen sich Zeit mit dem Umkleiden, und sie sahen so ein bisschen wie Verschwörer aus, als sie dann mit dem Picknickkorb daherkamen, der wohlgefüllt war. Moni hatte vorgesorgt.
»Mir läuft schon das Wasser im Mund zusammen«, sagte Michael, »aber wie wäre es, wenn wir auch erst eine Runde schwimmen würden, Moni? Mit vollem Magen soll man nicht ins Wasser gehen.«
»Der Doktor hat gesprochen«, lachte Dieter. Und Moni war schon aufgesprungen und lief zum See.
»Langsam!«, rief Michael ihr zu.
Angelika sah ihnen zu, wie sie ins Wasser glitten. »Ich glaube, Michael hat unsere Moni mächtig gern«, sagte sie gedankenvoll.
»Ist doch klar, man muss sie gern haben«, meinte Dieter. »Er ist schwer in Ordnung, da braucht uns gar nicht bange sein.«
»Meinst du, dass sie heiraten werden?«, fragte Angelika.
Dieter riss die Augen auf. »So was braucht man auch nicht gleich denken, wenn man sich befreundet. Sag so was lieber nicht laut.«
»Unter uns können wir doch darüber reden«, sagte Angelika. »Mit Michael würden wir uns wenigstens prima verstehen.«
»Na, weißt du, eigentlich kann man es aber nicht von einem Mann verlangen, dass er gleich drei auf einmal heiratet«, äußerte Dieter skeptisch seine Meinung. »Und überhaupt, was sollen wir schon an so was denken?«
Später saßen sie fröhlich zusammen. Sie ließen es sich schmecken, lachten und waren so unbeschwert, wie es ein so herrlicher Tag verlangen konnte, und nicht einen Augenblick hätten sie daran gedacht, dass dieser Tag nicht auch so fröhlich enden würde, als Dieter und Angelika doch zu ihrer Bootsfahrt kamen.
Weiter draußen im See schaukelten die Segelboote auf den Wellen, die nun von einem leichten Wind vorwärts bewegt wurden, aber Dieter hätte nicht den Wunsch zu äußern gewagt, dass er auch gern mal in einem Segelboot sitzen würde. Jetzt dachte er daran auch gar nicht, denn der Kahn genügte ihm vollkommen. Doch er war es, der dann plötzlich aufsprang.
»Da treibt wer im Wasser!«, rief er aus. »Dort!«, rief Dieter aufgeregt, »ich hab’s genau gesehen. Es ist ein Mensch. Er hat die Arme hochgeworfen.«
Und diese Arme sah jetzt auch Michael. »Haltet die Ruder!«, rief er, und schon glitt er mit einem Kopfsprung ins Wasser.
Moni war eine Sekunde wie erstarrt, dann sah sie, wie sein Kopf auftauchte.
»Werdet ihr allein mit dem Boot fertig?«, fragte Dieter. »Vielleicht braucht Michael Hilfe.«
»Pass auf, Dieter«, murmelte Moni, doch sie und Angelika hielten das Boot im Gleichgewicht, als nun auch Dieter ins Wasser sprang.
»Wenn ihnen bloß nichts passiert«, sagte Angelika, und Moni schickte ein Stoßgebet zum Himmel.
Bebend vor Angst warteten sie, dann endlich konnten sie die beiden dunklen Köpfe wiedersehen, und dazwischen flimmerte helles Haar.
Dieter bewies, dass er nicht umsonst seine Prüfung als Rettungsschwimmer abgelegt hatte.
Sie waren aber beide ziemlich erschöpft, als sie das Boot erreichten, denn der Wellengang war plötzlich höher geworden, und am Himmel jagten jetzt blitzschnell drohende dunkle Wolken.
Niemand außer ihnen schien diesen Zwischenfall bemerkt zu haben, aber jetzt hörten sie die Sirenen.
»Sturmwarnung«, sagte Dieter keuchend, als sie ganz in der Nähe ihres Bootes waren.
Wie sie dann hineingelangt waren, wussten sie nicht mehr, und während sich Moni und Angelika kräftig in die Ruder legten, begann Michael schon mit seinen Wiederbelebungsversuchen.
Auf seiner Stirn mischten sich die Wassertropfen, die aus seinen Haaren rannen, mit Schweiß. Doch erst als sie das rettende Ufer erreicht hatte, gab das Mädchen ein Lebenszeichen von sich, ein Keuchen, das einen Schwall Wasser aus ihrem Körper trieb.
»Sie ist verletzt«, sagte Michael tonlos. »Es wird das Beste sein, wenn wir sie schnellstens in die Klinik bringen. Verstehst du etwas von künstlicher Beatmung, Dieter?«
»Ich versuche es«, sagte Dieter, und obgleich Moni kaum klar denken konnte, kam ihr der ›kleine‹ Bruder schrecklich erwachsen vor.
»Ich hole den Wagen.«
Michael rannte schon davon, denn der Wagen stand ein ganzes Stück entfernt.
*
Irgendwann erreichten sie die Prof.-Kayser-Klinik. Die Polster des neuen Wagens waren durchfeuchtet, doch darauf achtete nur Angelika.
Sie wollte nicht mit in die Klinik gehen, dafür die Polster abreiben. Sie war noch ein Kind und sehr traurig, dass der herrliche Tag einen solchen Abschluss fand.
Moni war vorausgelaufen, verständigte die Stationsschwester Melanie und den diensthabenden Arzt.
Es war Dr. Uhl.
Michael und Dieter trugen das bewusstlose fremde Mädchen in die Halle. Schon wurde eine Trage gebracht. Die Bestürzung wurde von reger Geschäftigkeit vertrieben. Michael musste Dr. Uhl schnell Bericht erstatten. Immerhin waren die Wiederbelebungsversuche von Erfolg gekrönt, und anscheinend hatte sie doch eine recht gute Konstitution.
Dr. Petersen, der heute Dienst auf der Frauenstation machte, hatte schnell entschlossen Moni, Dieter und Angelika heimgebracht, damit sie sich nicht auch noch eine schwere Erkältung holten.
Moni sagte nichts, sie blickte nur traurig vor sich hin. Dieter stellte dagegen Betrachtungen an, wie leichtsinnig manche Menschen doch waren, und Angelika jammerte, dass Michaels schönes Auto nun so kräftig mit Wasser getauft worden war.
»Aber ihr habt ein Leben gerettet«, sagte Dr. Petersen.
»Und wenn sie gar nicht gerettet werden wollte?«, fragte nun Die-
ter.
Monika blickte erschrocken auf, weil er ihre Gedanken aussprach.
»Sie hat nicht mal um Hilfe gerufen«, stellte er fest. »Dabei war zuerst ein Segelboot viel näher als wir.«
»Es waren viele Segelboote da«, sagte Angelika.
»Aber nicht so nahe«, meinte Dieter.
»Es waren plötzlich auch ganz hohe Wellen«, sagte Angelika. »Wie kommt so was so schnell? Erst war es doch so schön. Überhaupt war es schön, und dann passiert so was.«
»Das Wetter hat nun mal seine Tücken«, sagte Dr. Petersen, »und der See auch. Aber jetzt seht mal zu, dass ihr schnell wieder warm werdet. Ein heißes Bad und ein Punsch wären angebracht.«
»Vielen Dank, Herr Doktor«, sagte Moni müde.
Besorgt blickte Dr. Petersen in ihr trauriges Gesicht.
»Wenn es euch morgen wieder gut geht, hole ich euch am frühen Nachmittag ab«, schlug er vor. »Auch wenn das Wetter schlecht ist. Einverstanden?«
»Ihre Familie will Sie doch auch mal für sich haben«, sagte Moni leise.
»Meine Frau freut sich über lieben Besuch. Keine Sorge, Moni.«
*
Nacheinander waren sie in die Badewanne gegangen. Und dann, als Moni in ihren Bademantel gehüllt ins Wohnzimmer kam, saß dort mit den Kindern, die schon wieder frisch und munter waren, Michael. Er sprang auf. Moni errötete, als sein zärtlicher Blick sie umfing.
»Ich ziehe mich rasch an«, sagte sie schnell. »Das konnte ich ja nicht ahnen.«
»Wir hatten nicht einmal Zeit, uns auf Wiedersehen zu sagen«, meinte Michael.
Er hatte wohl auch gedacht, dass ihnen ein heißer Punsch gut tun würde, und gleich ein paar Flaschen Rotwein mitgebracht, aber auch zwei gegrillte Hähnchen, die die fürsorgliche Schwester Marie besorgt hatte.
Moni hatte sich, in lange Hosen und einen hellblauen Pullover gekleidet, zu ihnen gesetzt. Auf dem Rechaud stand schon der Topf mit dem Glühwein und verbreitete aromatische Düfte.
Auf ihren fragenden Blick sagte Michael: »Morgen wird das Mädchen wieder mobil sein, sofern die Kopfverletzung keine Komplikationen mit sich bringt.«
»Was für eine Verletzung?«, fragte Moni nachdenklich.
»Sie muss irgendwo angeschlagen sein, aber vielleicht hatte sie die Verletzung auch schon vorher. Man weiß ja noch nichts, da sie bewusstlos ist. Nicht mal ihren Namen. Wir haben uns schon erkundigt, aber eine Vermisstenmeldung ist noch nicht eingegangen. Nun, morgen werden wir schon mehr erfahren. Aufregungen hatten wir jetzt genug, nun wollen wir den Tag mal friedlich ausklingen lassen.«
»Aber dein schönes Auto, ärgerst du dich gar nicht?«, fragte Angelika.
»Wenn die Polster nicht mal klares Wasser aushalten, taugen sie eh nichts«, sagte Michael mit einem flüchtigen Lächeln. »Aber darüber machen wir uns jetzt keine Gedanken. Hauptsache, euch geht es gut.«
»Und dir auch«, sagte Dieter.
»Dann zum Wohl«, lächelte er.
Wenn es nach Dieter und Angelika gegangen wäre, hätten sie noch lange zusammen gesessen, aber Moni sprach ein Machtwort. Sie war schon ein bisschen heiser, aber vielleicht kam das auch von der Befangenheit, weil es ganz so gewesen war, als gehöre Michael richtig zu ihnen.
Sie hatte ihn zur Tür begleitet, aber ganz so schnell ging er doch nicht.
»Morgen habe ich ja leider Dienst, Moni«, sagte er, »aber vielleicht können wir am Abend mal ein Stündchen zusammen sein.«
»Dr. Petersen hat uns eingeladen. Er wollte uns am frühen Nachmittag abholen. Sie sind auch immer so nett.«
Michaels Gesicht überschattete sich, und da überwand sie schnell ihre Hemmungen. »Aber wir werden nicht lange dort bleiben.«
»Ich möchte dir so vieles sagen«, flüsterte er. Und dann beugte er sich ganz schnell vor und küsste sie auf die Wange.
»Bis morgen Abend«, hatte er gesagt, und sie flüsterte: »Michael«, aber das hörte er nicht mehr, denn nun war er doch ganz schnell gegangen.
*
Dr. Uhl hatte Dr. Sternberg telefonisch Bericht erstattet, wie es bei außergewöhnlichen Ereignissen üblich war.
»Da nimmt Hillenberg endlich mal wieder einen freien Tag«, sagte Dr.?Sternberg zu seiner Frau Corinna, »und dann muss so was passieren. Fortuna ist ihm wahrhaftig nicht wohlgesonnen.«
»Läufst du mir jetzt noch mal davon?«, fragte Corinna, die sich endlich mal wieder auf einen geruhsamen Abend mit ihrem Mann gefreut hatte.
»Nein, Uhl macht das schon.«
Wenig später kam Dr. Petersen nach Hause. Er wurde von seiner Frau Dagmar und den beiden Kindern Ronald und Nikki empfangen. Er kam nicht gleich dazu, seiner Frau Bericht zu erstatten. Die lebhaften Trabanten mussten erst zu Bett gebracht werden, und das nahm viel Zeit in Anspruch. Endlich konnten sie es sich dann auch gemütlich machen. Lars Petersen erzählte, und wie er es erwartet hatte, da er seine Frau kannte, hatte sie nichts dagegen, wenn Moni und ihre Geschwister den Sonntagnachmittag bei ihnen verbringen würden.
Der Abend nahm für sie einen friedlichen Verlauf. Nicht so für Dr. Laurin.
Er wurde in die Klinik gerufen zu einer Geburt, die erst eine Woche später erwartet worden war.
An der Beschleunigung war wohl der schnelle Wetterwechsel schuld.
Schon eine halbe Stunde später schrie sich das Baby, das Komplikationen nicht zu lieben schien, lauthals ins Leben, war kerngesund und mit seinen sieben Pfund auch ganz hübsch beieinander.
Die Eltern waren zufrieden und glücklich, und Dr. Laurin hätte wieder heimfahren können, aber Schwester Marie berichtete ihm nun von Dr. Hillenbergs Abenteuer.
»Jemine, ich hätte der jungen Mannschaft wahrhaftig einen sonnigen, fröhlichen Tag gewünscht«, sagte Dr. Laurin. »Ich gehe mal rüber und schaue nach dem Mädchen.«
»Sie scheint auch im Traum mit den Wellen zu kämpfen«, sagte der lange Dr. Uhl nachdenklich, als er mit Dr. Laurin an das Bett des Mädchens trat.
»Was ist das für eine Kopfwunde?«, fragte Dr. Laurin.
»Eine Prellung mit Platzwunde. Ich würde sagen, dass sie irgendwo aufgeschlagen ist, vielleicht auf einem Bootsrand, aber wenn sie über Bord gegangen wäre, hätte man sie doch wohl wieder hereingeholt.
Vermisst scheint sie nicht zu werden. Man hat bisher auch keine Sachen am Ufer gefunden. Ich habe mich schon bei der Polizei erkundigt. Wir müssen abwarten, was sie uns zu erzählen hat.«
Dr. Laurin betrachtete das Mädchen nachdenklich. Sie hatte ein feines Gesicht, nicht landläufig hübsch zu nennen, und jetzt war es von einem Ausdruck gezeichnet, den man nur als Angst bezeichnen konnte, denn Schmerzen konnte sie kaum haben nach der Spritze, die sie bekommen hatte.
Nun hatte er daheim auch etwas zu erzählen. »Komisch, wir haben von dem Unwetter doch kaum etwas gespürt«, stellte er fest.
»Wir haben uns eine ganz besonders günstige Wohnlage ausgesucht«, meinte Antonia. »Ist dir das noch nicht aufgefallen? Ganz selten geht es bei uns auch so wild her wie drüben auf der anderen Seite.«
»Dafür geht es sonst wild genug her«, sagte Leon mit einem Seufzer, des Trubels eingedenk, der sich am Nachmittag mal wieder bei ihnen abgespielt hatte.
Antonia allerdings meinte, dass sie sonst auch nicht anders wären, dass Leon nur überarbeitet sei. Es war wieder einmal eine sehr anstrengende Woche gewesen.
»Karin hat das Wetter jedenfalls wieder gespürt«, sagte Antonia. »Sie muss jetzt mal eine Kur machen. Du musst ganz energisch mit ihr sein, Leon. Ein paar Wochen kann ich auch mal allein fertig werden«, erklärte Antonia.
»Nein, das kannst du nicht, dann bist du auch reif fürs Sanatorium.«
»Teresa nimmt mir die Kinder ab, und ihre Zugehfrau hilft auch bei uns mal aus.«
»Und was doch alles an dir hängen bleibt, habe ich heute wieder gesehen. Kyra ist ein richtiges Temperamentsbündel. So schnell kann man gar nicht schauen, wie sie herumflitzt. Und Dummheiten machen die anderen drei auch schon genug.«
Es stimmte schon.
Die vier Laurin-Kinder konnten die ganze Familie mitsamt Großeltern in Atem halten. Für Leon stand es jedenfalls fest, dass Karin erst zur Kur fahren konnte und damit auch nur dann einverstanden sein würde, wenn Antonia eine ständige Hilfe im Hause hatte.
Aber noch ahnten sie nicht, woher diese dann kommen sollte.
*
Gleich nachdem er am Sonntagmorgen seinen Dienst angetreten hatte, ging Dr. Hillenberg in das schmale Krankenzimmer, in dem sein Schützling lag.
Gegen Morgen war sie ruhiger geworden und hatte auch fest geschlafen, wie Dr. Uhl ihm berichtet hatte.
Sie lag mit geschlossenen Augen da, aber er spürte, dass sie nicht schlief.
»Wie geht es Ihnen heute?«, fragte er freundlich.
»Danke«, murmelte sie.
»Da haben Sie ja noch mal Glück gehabt. Fast hätte ich Sie nicht mehr erwischt.«
Schnell schlug sie die Augen auf. »Sie?«, fragte sie.
»Sie haben Glück gehabt, dass ein Arzt und ein Junge, der schon als Rettungsschwimmer trainiert war, zur Stelle waren. Sie waren ziemlich weit draußen im See«, erwiderte Michael.
»Es tut mir Leid, wenn ich andere in Gefahr gebracht habe«, flüsterte sie, und Tränen quollen aus ihren Augenwinkeln.
»Man merkt manchmal nicht, wie weit man sich vom Ufer entfernt und in welche Gefahr man sich begibt«, sagte Michael freundlich. »Aber jetzt geht es Ihnen wieder besser, und wir würden nun gern Ihren Namen erfahren und welche Angehörigen wir benachrichtigen können.«
Ihre Lider senkten sich wieder, nachdem sie ihn kurz mit einem angstvollen Ausdruck angeblickt hatte.
»Ich habe keine Angehörigen«, erwiderte sie nach einem kurzen Schweigen tonlos. »Mein Name ist Martina Reinke.« Sehr zögernd kam es über ihre Lippen.
»Beruf?«, fragte Michael nun knapp.
»Ich habe keinen Beruf. Ich wollte mir hier eine Stellung suchen.«
»Dann sind Sie nicht versichert?«, fragte er.
»Nein, ich bin nicht versichert, und deshalb möchte ich Ihnen auch nicht zur Last fallen.«
»Na, davon wollen wir jetzt mal gar nicht reden. Unser Chef ist großzügig.«
»Aber ich habe kein Geld, keine Stellung und bin hier auch nicht gemeldet. Und ich habe nicht mal Kleidung. Ich weiß nicht, wo die ist.«
Michael hatte das eigentümliche Gefühl, dass sie etwas verschweigen wollte, aber er wollte sie nicht drängen.
»Ja, wenn Sie keine Kleidung haben, dann werden Sie ohnehin noch ein bisschen bei uns bleiben müssen, bis wir welche besorgt haben. Aber vielleicht hat man Ihre Sachen inzwischen doch am Ufer gefunden.«
Ein todtrauriger Ausdruck legte sich plötzlich über ihr Gesicht, und in den schönen grauen Augen lag so viel Resignation, dass er erschüttert war. Nun kam ihm der Gedanke auch, dass sie den Tod gesucht haben könnte, in einer ausweglosen Situation, allein auf der Welt, ohne Freunde, die ihr helfen konnten.
Man musste mehr von ihr in Erfahrung bringen, wenn ihr hier geholfen werden sollte. Aber jetzt hatte es nicht den Anschein, als wolle sie mehr über sich sagen.
»Was haben Sie sich gedacht, als Sie mich retteten?«, fragte sie plötzlich.
»Gedacht? Gar nichts. Wir sind ins Wasser gesprungen.«
»Und sonst hat niemand versucht, mich herauszuholen?«
»Es war niemand da, ein Segelboot ausgenommen. Aber von dort hat Sie wohl niemand bemerkt.«
Dann war wieder Stille, und als er sich an der Tür umdrehte, sah er, dass sie die Hände über ihr Gesicht gelegt hatte.
Dr. Sternberg war der erfahrenere Arzt und auch Menschenkenner. Er hatte bald heraus, dass Martina etwas verschweigen wollte, aber er glaubte doch, das Mädchen richtig einzuschätzen, wenn er sie als intelligent und guterzogen beurteilte.
Dr. Sternberg war eine eindrucksvolle Persönlichkeit, ein interessanter Mann, und war während vieler Jahre als Arzt auch mit vielen und den verschiedensten Schicksalen konfrontiert worden. Eins glaubte er mit Bestimmtheit von diesem jungen Gesicht ablesen zu können: ein leichtes und frohes Leben hatte Martina nicht gehabt. Ihr Alter gab sie mit zweiundzwanzig an. Nach ihren Papieren gefragt, erwiderte sie zögernd, dass die wohl bei ihren übrigen Sachen sein müssten.
Wenn sie noch keinen Beruf ausgeübt hätte, was würde sie denn dann für eine Vorstellung haben, fragte Dr. Sternberg sie ruhig.
Sie zuckte die Schultern und blickte auf die Bettdecke.
Sie sah aus, als würde sie jeden Augenblick wieder in Tränen ausbrechen.
»Ich mag Kinder sehr«, sagte sie dann. »Kindergärtnerin wäre ich gern, aber das ist eine lange Ausbildung. Herr Doktor, kann ich den Aufenthalt hier vielleicht abarbeiten?«
Sie ist stolz, dachte er. »Darüber reden wir noch«, sagte er freundlich. »Sie brauchen sich darüber nicht den Kopf zu zerbrechen.«
Auf jeden Fall wollte er mit Dr. Laurin darüber sprechen. Man konnte das Mädchen vielleicht zuerst einmal ins Tabea-Heim schikken. Dort wurde immer Hilfe gebraucht, und auch an anderen Möglichkeiten würde es kaum mangeln, wenn sie den ehrlichen Wunsch zur Arbeit hatte. Aber dazu brauchte sie zuerst mal ihre Papiere. Ob sie sich etwas hatte zuschulden kommen lassen? Nein, danach sah sie nicht aus. Aber konnte man es mit Bestimmtheit behaupten? In der Verzweiflung geriet ein so junger Mensch schnell einmal auf Abwege. Ein bisschen vorsichtig musste man schon sein. Man hatte auch in der Prof.-Kayser-Klinik schon allerhand erlebt.
Für heute war seine Tätigkeit in der Klinik beendet. Dr. Hillenberg war jetzt schon so selbständig, dass man ihm die Verantwortung überlassen konnte.
Aber wie so oft traf er mit Dr. Laurin zusammen, und so viel Zeit nahmen sie sich auch an diesem Sonntagmorgen, um sich bei einem Kaffee zu unterhalten. Als Dritter im Bunde fehlte eigentlich nur Dr. Petersen, denn diese drei Ärzte waren die ideale Besetzung für die führenden Stellen einer Klinik. Es sollte damit gewiss nicht gesagt werden, dass die anderen Ärzte nicht zu diesem Team gepasst hätten, aber wenn sich einmal drei Männer zusammenfanden, die sich so blendend verstanden, die so viel gemeinsam hatten in der Auffassung ihres Berufes und auch in ihrem Privatleben, dann war es schon verständlich, dass die gute Schwester Marie so verklärt dreinschaute wie jetzt, wo, als sei er gerufen, auch noch Lars Petersen erschien.
»Wollte nur mal nachschauen, was diese kleine Lebensmüde macht«, erklärte er. »Ich habe die Kinder zum Kindergottesdienst gebracht, und es lohnt sich nicht, dass ich zwischendurch heimfahre.«
Das war das Neueste auch bei den drei Laurin-Kindern, dass sie plötzlich mit Begeisterung in den Kindergottesdienst gingen. Aber es war ein neuer junger Pfarrer gekommen, der es meisterhaft verstand, mit ihnen umzugehen. Und was die Laurin-Kinder taten, das mussten Ronald und Nikki natürlich auch tun.
»Hast du eben Lebensmüde gesagt?«, fragte Leon, der jetzt nicht an den Kindergottesdienst dachte.
»War sie das nicht?«, fragte Lars. »Ich habe mir die Geschichte durch den Kopf gehen lassen. Wir kennen den See. So weit hineinzuschwimmen, kostet doch schon Anstrengung genug. Man spürt, wie die Kräfte erlahmen. Man schwimmt nicht weiter, sondern kehrt um. Aber nach Hillenbergs Schilderung muss sie in die Seemitte geschwommen sein.«
»Sie kann die Orientierung verloren haben«, warf Dr. Sternberg ein. »Allerdings… diese Kopfverletzung…«, er unterbrach sich und schwieg nachdenklich.
»Sie lässt darauf schließen, dass sie sich in einem Boot befunden hat, aber es ist kein treibendes Boot gefunden worden. Ich habe mich auch danach erkundigt«, sagte Lars.
»Es könnte ein Leck gehabt haben und abgesackt sein«, meinte Leon. »Ich habe mich schon manches Mal gewundert, was für alte Kähne da noch vermietet werden.«
»Aber das ist dennoch ziemlich teuer, und Martina behauptet, kein Geld zu haben«, erklärte nun Dr. Sternberg.
»Sie behauptet es«, meinte Leon. »Sagt sie die Wahrheit?«
»Sie ist ein verzweifelter junger Mensch«, sagte nun wieder Eckart Sternberg. »Man kann es in ihren Augen lesen. Sie ist keine Lügnerin.«
»Du scheinst länger mit ihr gesprochen zu haben. Erzähle«, forderte Leon den Freund auf. Und alle drei vergaßen, dass sie heute eigentlich dienstfrei hatten und den Sonntag ganz ihrer Familie widmen wollten. Aber wenn es um ein Menschenleben ging, kam es auf eine halbe Stunde nicht an, und die junge Martina konnte nicht ahnen, wie ernsthaft bereits über sie beratschlagt wurde.
»Auf jeden Fall bleibt sie erst einmal hier«, sagte Dr. Laurin. »Morgen werde ich mich mal mit ihr unterhalten, und eventuell könnte sie dann bei uns vorerst Arbeit finden. Karin muss nämlich unbedingt zur Kur. Ihre Arthritis macht ihr schwer zu schaffen. Es kommt darauf an, ob sie wirklich mit Kindern umgehen kann, aber das können unsere am besten selbst entscheiden.«
»Ich bin jedenfalls erst mal gespannt, was Karin sagt.«
»Sie wird nachgeben müssen, und sie wird es auch. Sie plagt sich arg«, erklärte Leon. »Sie soll einen schönen Lebensabend haben.«
Lars Petersen blickte auf seine Armbanduhr. »Höchste Zeit, dass ich die Kinder wieder abhole. Du lieber Himmel, es ist gleich elf Uhr. Heute Nachmittag wollen wir Moni und ihre Geschwister abholen, damit sie den Schrecken leichter überwinden. Bis morgen, Freunde!«
Das war nicht so hingesagt. Für sie war ihre Freundschaft etwas Bindendes, eine Verpflichtung in jeder Lebenslage. Sie konnten sich hundertprozentig aufeinander verlassen.
*
Ronald und Nikki erwarteten ihren Daddy schon, aber sie brauchten nicht allein zu warten. Konstantin, Kaja und Kevin, die drei älteren Laurin-Kinder, leisteten ihnen Gesellschaft und betreuten sie, weil sie ja die Kleineren waren.
Der pfiffige Konstantin hatte auch gleich eine Erklärung dafür, dass Lars nicht pünktlich war.
»Wenn euer Daddy in die Klinik gefahren ist, dann hat er bestimmt unseren Papi getroffen, und sie haben sich wieder verschwatzt«, meinte er.
»Bei den Männern ist es nämlich auch nicht anders, wie wenn eure Mami und unsere Mami und Tante Corinna sich treffen«, schloss Konstantins Zwillingsschwester Kaja sich an.
»Und wenn dann erst noch Tante Sandra dabei ist, ist es ganz aus«, sagte Kevin. »Die weiß immer am meisten!«
Aber nun war Lars schon da, und das allgemeine Abschiednehmen kam. Die Laurin-Kinder gingen zu Fuß heim. Sie machten das gern. Weit hatten sie es nicht. Aber sie gingen dann immer am Tabea-Heim vorbei, das auch zur Prof.-Kayser-Klinik gehörte und auf das sie nun doppelt stolz waren, nachdem es noch hatte erweitert werden können.
Im Tabea-Heim konnten alleinstehende Mütter mit ihren Kindern so leben wie in einer richtigen Familie. Die Mütter konnten ihrem Beruf nachgehen, die Kinder wurden betreut.
Und wenn die Kinder von Dr. Laurin, der die Schirmherrschaft hatte, kamen, gab es immer ein großes Hallo.
Antonia kalkulierte eine halbe Stunde ein, weil sie genau wusste, dass es nicht ohne Aufenthalt im Tabea-Heim abgehen würde.
Leon war vor den Kindern zu Hause.
»Ist unser Nachwuchs noch nicht da?«, fragte er.
»Der Weg führt am Tabea-Heim vorbei«, erwiderte Antonia lä-chelnd.
»Und wo ist Kyra?«, fragte Leon, der seine Jüngste am meisten vermisste.
»Schon bei Omi und Opi. Wir sollen zum Essen rüberkommen, damit Karin ihre Ruhe hat.«
»Dann muss es ihr aber arg schlecht gehen«, sagte Leon. »Ich schaue mal nach ihr.«
»Tu das und rede ihr ins Gewissen, dass sie eine Kur macht. Bad Gastein wäre doch das Richtige. Die Berge mag sie, und wir könnten sie bei Dr. Brugger unterbringen. Der ist ihr auch nicht fremd. Wir würden und ewig Vorwürfe machen, Leon, wenn wir jetzt nicht mal energisch eingreifen würden.«
»Drück mir die Daumen, dass ich energisch mit ihr reden kann«, sagte Leon.
Leicht fiel ihm das nicht. Früher hatte immer Karin energisch mit ihm geredet. Sie war seine erste Sprechstundenhilfe gewesen, schon eine Krankenschwester mit sehr viel Erfahrung. Er dachte an die vielen Jahre zurück, die sie mit ihm geteilt hatte, an den nicht leichten Anfang, an ihre Treue, ihre nimmermüde Bereitschaft. Sie hatte ihren Teil auch dazu beigetragen, dass die bezaubernde Ärztin Dr. Antonia Kayser, die ihren eigenen Kopf und ganz konsequente Ansichten hatte, dann doch verhältnismäßig schnell Frau Dr. Laurin geworden war.
Als Leon dann die Leitung der Prof.-Kayser-Klinik übernahm, hatte Karin die Haushaltsführung bei den Laurins übernommen.
Sie gehörte zur Familie, sie war nicht wegzudenken, wie damals die gute Tina, die Antonia aufgezogen hatte. Aber auch Tina war kein ewiges Leben beschieden gewesen, und eines Tages würden sie wohl auch Abschied von Karin nehmen müssen.
Nicht so bald, dachte Leon, als er in Karins kleines Reich eintrat. Es war ihm gar nicht wohl zumute, als er sie so müde in ihrem Lehnstuhl sitzen sah.
»So was Blödes«, sagte sie barsch, »wenn doch nur mal dieses verdammte Wetter beständig bleiben würde.«
Mit ihren Ausdrücken war Karin niemals wählerisch gewesen, aber das nahm ihr keiner übel, und einiges hatte sie dann auch noch dazugelernt, als die Zwillinge in die Schule kamen und so manches, was nicht salonfähig war, lautstark von sich gaben.
»Wir wollen uns mal darüber klar werden, dass Sie Luftveränderung brauchen, Karin«, sagte Leon. »Ich spreche jetzt als Arzt zu Ihnen. Wir würden uns die bittersten Vorwürfe machen, wenn wir uns die Schuld geben müssten, dass Sie so abge-rackert sind.«
Sie blinzelte, runzelte die Stirn und faltete die Hände. »Und Antonia? Sie ist sowieso bloß noch ein Strich in der Landschaft. Sie kann nicht allein fertig werden, und Frau Kayser muss sich um den Professor kümmern. Der leidet auch unter dem Wetter.«
»Wir könnten ja vorübergehend eine Hilfe nehmen, Karin«, sagte Leon sanft.
»Ich mache es ja schon, wenn jemand kommt, auf den man sich verlassen kann, der lieb zu unseren Kleinen ist. Und wenn’s nicht zu weit ist und Sie mich mal besuchen würden mit meinen geliebten Kindern«, nun schluchzte sie auf, und Leon wusste, wie schwer es ihr ums Herz war. Er streichelte ihre Wange.
»Natürlich brauchen wir Sie, Karin«, sagte er. »So lange halten wir es doch auch nicht aus ohne unsere Gute.«
Sie schluchzte noch heftiger. »Habe es mir ja eh nicht träumen lassen, dass ich es in meinem Alter mal so schön haben würde, dass ich nicht allein bin und verbittert.«
»Dazu sind Sie gar nicht geschaffen mit Ihrem großen, guten Herzen, liebe Karin«, sagte Leon warm. »Wir haben Sie alle sehr lieb und möchten, dass Sie noch lange bei uns bleiben. Deswegen werden Sie sich jetzt auch mal richtig erholen und nicht gleich nach vierzehn Tagen wieder anmarschiert kommen und erklären, dass alle anderen Menschen dämlich sind.«
Nun lächelte sie unter Tränen. »Muss mich ja wundern, dass Sie mich so lange ertragen«, brummelte sie.
»Wir müssen uns wundern, dass Sie unseren Trubel so lange ertragen, Karin.«
»Schön ist’s. Ich kann es mir gar nicht vorstellen, dass ich das nicht mehr haben soll.«
»Später, mit frischen Kräften, haben Sie es wieder. Ich schaue mich nach einer Hilfe um und frage Sie, ob sie Ihnen gefällt.«
»Gefallen muss sie den Kindern, sonst ist die Hölle los, und dann habe ich auch keine Ruhe mehr. Aber jetzt kommen die Kleinen. Gehen Sie runter, Chef, sonst kommen sie rauf, und sie sollen nicht sehen, dass ich geheult habe.«
»Und was essen Sie heute?« fragte er.
»Mir tut es gut, wenn ich mal faste. Aber passen Sie auf, dass Ihre Frau zugreift. Sie hat bestimmt vier Kilo abgenommen.«
So viel? fragte sich Leon besorgt. Ihm war das gar nicht aufgefallen. Aber er konnte Antonia nicht gleich forschend betrachten, denn die Kinder hingen ihm am Hals. Es war natürlich schön, dass sie heute Omis herrliche Kochkünste genießen konnten, aber um ihre Karin waren sie auch besorgt.
»Über Karin reden wir später mal ganz ernsthaft«, sagte Leon zu seinen Kindern. »Sie schläft jetzt.«
»Und heute Abend bekommt sie ein Rahmschnitzel«, sagte Antonia. »Los, Herrschaften, Omi hat es nicht gern, wenn wir uns verspäten.«
Heiß geliebt wurden Omi und Opi, Professor Joachim Kayser und seine Frau Teresa, von allen. Glücklicherweise brauchte man auch nur knappe fünf Minuten, um zu ihrem Haus zu gelangen. Die Kinder stürmten voraus. Hand in Hand
gingen Leon und Antonia hintendrein.
»Du bist dünn geworden«, sagte Leon, nachdem er seine schöne Frau eingehend betrachtet hatte.
Sie lachte hell auf. »Na, höre mal, Schatz, ich hatte vier Kilo Übergewicht, die habe ich Gott sei Dank weggebracht. Du kennst mich nur noch mollig.«
»Mollig ist übertrieben. Karin ist jedenfalls besorgt um dich. Ich muss allerdings feststellen, dass du jung und schön bist wie eh und je.«
»Man hört es gern«, lächelte sie. »Was hat Karin sonst noch gesagt?«
»Auf Petrus hat sie geschimpft und geweint hat sie ein bisschen, aber sie sieht ein, dass es so auch nicht geht. Wenn wir also eine tüchtige Hilfe finden, die von ihren Lieblingen akzeptiert wird, können wir sie nach Gastein schicken.«
»Hoffentlich finden wir eine«, sagte Antonia seufzend. »So einfach ist das gar nicht.«
»Vielleicht ist die Rettung nahe. Das Mädchen, das Hillenberg gestern aus dem See gefischt hat, möchte gern zu Kindern. Es ist mittellos.«
»Hat sie Referenzen?«, fragte Antonia.
»Was bedeuten schon Referenzen? Die Kinder müssen sie anschauen und kennen lernen und dann entscheiden. Sie haben den richtigen Instinkt, wo wir mit Überlegungen kommen. Eckart sagt, dass sie gebildet ist und wahrscheinlich mit einem nicht leichten Schicksal fertig werden muss. Ich werde sie morgen mal unter die Lupe nehmen.«
»Deshalb bist du also so spät gekommen, weil du noch mit Eckart geklönt hast.«
»Lars kam auch noch. Unsere Kinder besuchen jetzt ja gemeinsam den Gottesdienst.« Er lachte leise. »Konstantin hält das durch?«
»Hast du eine Ahnung. Er predigt schon zu Hause. Wenn es so weitergeht, wird er auch Pfarrer. Jedenfalls hat er durch Pfarrer Pietsch eine ganz andere Beziehung zur Kirche bekommen.«
»Dann sollten wir uns den Pfarrer Pietsch eigentlich auch mal anhören«, sagte Leon. Und diese Bemerkung machte Antonia erst einmal sprachlos, denn Leon hatte seine ganz eigenen Ansichten über die Religionen.
*
In der Prof.-Kayser-Klinik gab es Wiener Schnitzel mit gemischten Salaten, nach einer Fleischbrühe mit Grießnockerln. Es schmeckte wie in einem erstklassigen Restaurant, darüber waren sich alle Patienten einig, auch Martina, die zu Schwester Melanies Freude alles gegessen hatte.
Dann kam auch noch der Nachtisch. Schokoladenpudding mit Schlagrahm.
»Darf ich es mir noch ein bisschen aufheben?«, fragte Martina. »Ich bin schon so satt.«
»Dann machen Sie eine Pause«, sagte Schwester Melanie freundlich.
»Das ist doch eine Privatklinik«, sagte Martina. »Was kostet da ein Tag?«
»Keine Ahnung. Darum kümmern wir uns nicht. Aber warum denken Sie daran? Bei uns werden alle gleich behandelt. Privat- und Kassenpatienten. Da gibt es keine Unterschiede. Unser Dr. Laurin macht es genauso wie der Professor Kayser.«
Melanie redete mehr als sonst. Dr. Hillenberg hatte sie darum gebeten. »Reden Sie mit Fräulein Reinke«, hatte er gesagt, »dann geht sie vielleicht auch mehr aus sich heraus.«
»Dr. Laurin ist der Schwiegersohn von Professor Kayser«, fuhr Schwester Melanie fort. »Und die Familie ist einzigartig. Was die schon alles getan haben für die Armen und Hilfsbedürftigen, da kann man nur noch den Hut abnehmen.«
»Ich habe auch kein Geld, Schwester Melanie. Meinen Sie, dass ich meine Schulden abarbeiten kann?«
»Darüber reden wir jetzt nicht. Sie müssen erst gesund werden.«
Armes Hascherl, dachte sie für sich, was sie sich für Gedanken macht.
»Mir fehlt aber gar nichts mehr«, sagte Martina.
»Das wird sich erst noch herausstellen. Tut die Wunde nicht mehr weh? Ist ein ganz schöner Riss.«
Die Wunde schmerzte schon noch, aber etwas anderes schmerzte noch viel, viel mehr.
Doch darüber hätte Martina niemals sprechen können. Damit muss-te sie erst selbst fertig werden.«
Schwester Melanie konnte nicht immer bei ihr sitzen. Martina hatte viel Zeit zum Nachdenken. Und dabei kam sie auf den Gedanken, dass sie gestern gestorben und wieder auferstanden war. Ein Leben war beendet, ein zweites lag vor ihr. Aber konnte dieses erste Leben ganz aus ihrem Gedächtnis gestrichen werden?
Sie hatte nichts gedacht, als die Wellen über ihr zusammenschlugen, sie hatte sich nur dagegen gewehrt, in ihnen zu versinken. Sie hatte nicht sterben wollen, nicht so elend sterben.
Und jetzt wollte sie leben. Hier waren Menschen, die gut zu ihr waren, und eines Tages würde sie einem von ihnen vielleicht sagen können, was geschehen war.
Aber würde man sie morgen nicht zu dem Ausgang geleiten und sie wieder fortschicken in ein Leben, in dem sie nur herumgestoßen wurde?
So war das nicht immer gewesen. Sie hatte Liebe geben dürfen, sie hatte sie empfangen können. Sie war ein Mensch gewesen, manchmal sogar glücklich. Warum war das anders geworden?
Was hatte sie getan, dass…
Sie konnte ihren Gedanken nicht weiter nachhängen. Die Tür tat sich auf. Dr. Hillenberg trat ein. Jetzt wusste sie schon seinen Namen, kannte sein sympathisches Gesicht. Sie mochte seine Stimme, die sie an die Stimme eines anderen Mannes erinnerte. An eine Stimme, die sie geliebt hatte.
Der Schokoladenpudding stand noch immer auf ihrem Tisch. »Mögen Sie nichts Süßes?«, fragte Dr. Hillenberg.
»Ich esse ihn später«, erwiderte sie. »Das Essen war zu gut und reichlich, und ich habe keine Bewegung.«
»Wenn Sie sich so stark fühlen, können Sie im Zimmer herumlaufen«, sagte Michael. »Es schaut Ihnen niemand zu. Nur hübsch langsam, dass Sie nicht wieder zusammenklappen.«
Sie sah ihn nachdenklich an. »Wie weit war ich vom Ufer entfernt?«, fragte sie.
»Ein ganz schönes Stück, aber wir waren mit dem Boot draußen.«
»Sie mit Ihrer Frau?«, fragte Martina.
»Nein, nicht mit meiner Frau. Mit jungen Freunden. Sie haben keine Eltern mehr. Moni ist in der Verwaltung der Prof.-Kayser-Klinik beschäftigt, sie sorgt für ihre jüngeren Geschwister. Ihr Vater starb hier, als ich gerade hier angefangen hatte.«
Warum erzählte er das? So vertraulich brauchte er doch wirklich nicht mit ihr zu erörtern.
Mit weit offenen Augen blickte Martina ihn an, und da sagte er noch mehr.
»Monika Faber ist zwanzig. Ihre Geschwister sind fünfzehn und zwölf. Dieter, er ist der Fünfzehnjährige, hat bei Ihrer Rettung sehr geholfen.«
»Hat er es auch so gut überstanden wie Sie?«, fragte Martina.
»Ich werde mich heute Abend danach erkundigen«, erwiderte Michael. »Es war schon ein Schrecken für die Kinder nach dem schönen Tag.«
Martina schloss die Augen. Sie hörte eine Stimme. »Es wird Sturm geben, aber ich werde an Land kommen. Du nicht, Martina. Du wirst nichts mehr sagen können, gar nichts, hörst du?«
Und dann hatte sie etwas am Kopf getroffen. Plötzlich war Wasser um sie gewesen, und sie war kaum fähig, zu atmen.
Sie sank tiefer, immer tiefer.
»Nein, ich will nicht sterben!« schrie sie plötzlich auf, und erst später wurde es ihr bewusst, dass sie es eben jetzt geschrien hatte.
Sie blickte in Dr. Hillenbergs Gesicht.
Er hielt ihre Hand. »Sie leben, Martina«, sagte er. »Das Leben ist so kostbar. Man wirft es nicht weg.«
Sie denken, dass ich sterben wollte, dachte sie. Sie sollen es denken. Niemand soll es erfahren, vor allem Simon darf es nie erfahren.
»Ich weiß nicht, wie es geschehen konnte«, sagte sie tonlos. »Bitte, glauben Sie es mir.«
Er nickte. »Ich glaube es Ihnen. Ich befand mich auch schon einmal in einer ausweglosen Situation. Hier habe ich mich selbst und auch Ruhe gefunden. Auch Ihnen wird man helfen, Martina. Glauben Sie fest daran.«
»Dann muss ich Gott danken, dass Sie mich gerettet haben, Herr Dr. Hillenberg«, sagte Martina leise. »Und ich danke Ihnen und auch dem Jungen. Sagen Sie es ihm?«
»Gern«, erwiderte Michael.
*
Dieter und Angelika genossen in jugendlicher Unbeschwertheit den Nachmittag auf dem herrlichen Besitz, den Dagmars Vater, Clemens Bennet, vor ein paar Jahren erworben hatte, um hier mit seiner Tochter und seiner heißgeliebten kleinen Enkeltochter Nicola zu leben, nicht ahnend, dass Dagmar hier auch das große Glück mit Lars Petersen und dessen Sohn Ronald finden würde, der seine Mutter schon bei der Geburt verloren hatte.
Clemens Bennet war der Daddy für Dagmar und Nikki gewesen, Lars der Daddy für Ronald, nun gab es einen Daddy und einen Opi-Daddy, der gar nicht wie ein Opa aussah und immer bereit war, mit den Kindern zu spielen.
Das riesige, hügelige Grundstück, das herrliche, weitläufige Haus mit dem überdachten Swimming-pool konnte schon Neid erregen, aber solche Gefühle kannten Moni, Dieter und Angelika nicht. Sie waren voller Staunen und Bewunderung.
Obgleich Nikki und Ronald wahrhaftig alles hatten, was ein Kinderherz nur wünschen und erfreuen konnte, waren sie vollkommen natürlich, und Dagmar war eine reizende Gastgeberin. Doch ihr Charme und die ungekünstelte Herzlichkeit konnten Moni heute auch nicht aufmuntern. Sie hätte selbst nicht erklären können, warum sie so deprimiert war.
Das Glück, das sie gestern Abend empfand, als Michael sie geküsst, hatte den Morgen nicht überdauert. Der helle Tag brachte sie zu nüchternen Überlegungen, vor allem zu jener, dass sie nicht egoistisch sein durfte. Sie musste für ihre Geschwister sorgen, und das noch einige Jahre. Sie konnte Michael keine Mitverantwortung aufbürden, die ihn in seiner eigenen beruflichen Entwicklung hemmen würde.
Dagmar empfand fast so etwas wie Schuldbewusstsein, wenn sie das ernste junge Mädchen betrachtete. Sie – Dagmar – war mit allen materiellen Gütern so reich gesegnet, sie hatte stets einen liebevollen Vater hinter sich gehabt, der ihr in jeder Lebenslage beistand, sie hatte nun auch einen Mann, mit dem sie in tiefer Liebe verbunden war, zwei gesunde Kinder und konnte sich auf ein drittes freuen.
Dagmar spürte sehr wohl, dass Moni bedrückt war.
»Sitzt Ihnen der Schrecken noch in den Gliedern, Moni?«, fragte sie freundlich, als sie nun allein auf der Terrasse saßen, während Lars und Clemens Bennet mit den Kindern und Hunden im Park herumstreiften.
Moni stieg die Röte in die Wangen. Ihre Gedanken kehrten endlich in die Wirklichkeit zurück.
»Ja, es war schon ein Schrecken«, sagte sie. »Man macht sich so seine Gedanken, wie schnell alles vorbei sein kann.«
Das helle Lachen der Kinder schallte zu ihnen herüber, und dann, wenig später, trug der Wind eine glockenreine Stimme an ihre Ohren, die das Leid vom Fuchs, der die Gans gestohlen hatte, sang.
Dagmar lauschte. »Wer ist das?«, fragte sie mehr für sich.
»Angelika«, erwiderte Moni. »Sie singt sehr hübsch. Sie ist überhaupt musikalisch.«
Das hatte der Musikproduzent Clemens Bennet eben auch erstaunt festgestellt.
Eine wunderhübsche Stimme hatte das Mädchen.
»Hast du Gesangsunterricht, Angelika?«, fragte er, als sie das Lied-chen beendet hatte.
Sie sah ihn ganz verblüfft an, wurde ein bisschen rot und schüttelte den Kopf. »I wo, dazu haben wir doch gar kein Geld«, erwiderte sie unbefangen. »Ich singe einfach so. Wenigstens in Musik habe ich einen Einser.«
»Tu doch nicht so, als wärest du in den anderen Fächern schlecht«, warf Dieter ein. »Singen kann man doch nicht lernen. Man kann’s, oder man kann es nicht.«
Ja, so sollte es sein, dachte Clemens Bennet. »Hast du noch nicht daran gedacht, Sängerin zu werden?«, fragte er.
»Sängerin?«, staunte Angelika kindlich. »Ich muss einen richtigen Beruf lernen, wo man Geld verdienen kann. Moni kann doch nicht ewig für uns sorgen.«
»Mit einer solchen Stimme kann man viel Geld verdienen«, sagte Clemens Bennet.
»Und wenn man mal heiser ist?«, fragte Angelika.
»Lass doch Geli lieber singen, Opi-Daddy«, sagte Nikki, »red nicht soviel mit ihr.«
»Na, dann sing mal schön«, sagte er gutmütig. »Wir setzen uns jetzt ein bisschen zu unseren Damen auf die Terrasse. Einverstanden, Lars?«
Lars ahnte schon, worüber sein Schwiegervater nachdachte. »Witterst du mal wieder ein Nachwuchs-talent, Clemens?«, fragte er.
»Mal wieder? Du scheinst noch immer nicht zu wissen, wie dünn wirkliche Talente gesät sind. Wir suchen schon seit Wochen krampfhaft nach einer Gretel.«
»Nach einer Gretel?«, wiederholte Lars fragend.
»Für die Märchenoper, die wir aufnehmen wollen. Mir widerstrebt es einfach, diese Kinder von ausgewachsenen Damen singen zu lassen. Es nimmt so viel von dem Zauber. Es zerstört ihn vor allem für die kindlichen Zuhörer und Zuschauer. Nikki und Ronald haben neulich im Fernsehen mal einen Ausschnitt gesehen und haben das auch festgestellt. Das wären ja gar keine Kinder, haben sie gesagt, und schon war das Interesse dahin. Angelika hat eine wunderhübsche Stimme. Es wäre ein Jammer, wenn sie nicht gefördert würde. Das würde sich endlich einmal wieder lohnen, und für Moni wäre es schon eine Entlastung. Das arme Ding muss doch mit jedem Cent rechnen.«
»Aber wie ich sie kenne, wird sie aus Angelika keinen Kinderstar machen wollen.«
»Immerhin ist Angelika schon zwölf, und wenn ich sie unter die Fittiche nehme, wird sie keine Starallüren entwickeln. Dazu hat sie übrigens auch keine Veranlagung.«
Sie waren der Terrasse schon nahe gekommen, und obgleich Clemens Bennet seine sonore Stimme dämpfte, konnte man dort deutlich verstehen, was er sagte.
»Daddy hat ein Talent entdeckt«, sagte Dagmar leichthin.
Bestürzt blickte Monika sie an. »Aber Angelika singt doch immer so«, sagte sie.
»Eben«, sagte Dagmar lakonisch. Es wunderte sie gar nicht, dass ihr Vater Monika auch gleich seine Gedanken mitteilte.
Benommen hörte Moni zu. »Da-ran habe ich nie gedacht«, flüsterte sie. »Angelika geht doch zur Schule. Papa hat sehr großen Wert darauf gelegt, dass wir gute Zeugnisse heimbringen.«
Clemens Bennet lächelte. »Was bei einem so intelligenten Mädchen wie Angelika auch noch drin ist, wenn sie nebenbei ein bisschen singt. Sie soll ja nicht öffentlich auftreten. Wenigstens vorerst nicht. Es wäre ein Jammer, wenn diese schöne Stimme nicht ausgebildet würde.«
Dagmar gab Lars einen Wink. Sie entfernten sich, ohne dass Moni es bemerkte. Clemens Bennet hatte eine ungeheure Überzeugungskraft und schlug sie damit in seinen Bann. Und im Park sang Angelika ein Lied-chen nach dem anderen, unbefangen, nicht ahnend, dass in dieser Stunde eine Entscheidung über ihre Zukunft getroffen wurde, vorausgesetzt, dass sie einverstanden war.
»Ich verschließe mich Ihren Argumenten nicht, Herr Bennet«, sagte Moni gedankenvoll. »Voraussetzung ist, dass Angelika Freude daran hat, und meine Bedingung wäre, dass ihre Honorare für sie angelegt werden, damit sie später ein bisschen Geld hat, wenn sie die Erwartungen nicht erfüllt, die Sie jetzt in sie setzen.«
»Wann denken Sie auch mal an sich, Moni?«, fragte Clemens Bennet.
Ihr Blick schweifte in die Ferne. »Wir gehören zusammen, wir drei«, erwiderte sie leise. »Und wir werden zusammen bleiben.«
Ob Dieter und Angelika auch mal so selbstlos denken werden, überlegte Clemens Bennet.
Doch Angelikas Reaktion war rührend, als er dann mit ihr gesprochen hatte.
»Dafür kriege ich dann richtiges Geld?«, fragte sie. »Oh, dann kann ich Moni auch mal was Hübsches kaufen. Ist das nicht toll, Dieter?«
»Schade, dass ich nicht auch singen kann«, war sein Kommentar.
»Du musst studieren«, sagte Angelika. »Du bist ein Junge.«
Dagmar nahm ihren Vater dann allerdings ins Gebet, als Lars die jungen Gäste wieder heimbrachte.
»Halt dich in Zaum, Daddy«, sagte sie eindringlich. »Für Moni ist es am wichtigsten, dass sie sich gut verstehen. Angelika darf ihrer Welt nicht entwachsen.«
»Das wird sie nicht. Aber ich meine, dass Moni sich ein bisschen Glück verdient hat, und damit soll sie nicht warten, bis sie dreißig ist.«
Dagmar warf ihm einen schrägen Blick zu. »Nun sag nur nicht, dass man mit dreißig zum alten Eisen gehört. Ich steuere schon kräftig darauf zu, und ich fühle mich sehr wohl dabei.«
»Du hast alles, meine Kleine, das ist der Unterschied. Du brauchst von einem bisschen Glück nicht zu traumen.«
Sie gab ihm einen Kuss. »Da hast du auch wieder recht, Daddy.«
Hatte Moni gestern von diesem bisschen Glück geträumt, ging es Dagmar durch den Sinn. Von einem Glück mit Michael Hillenberg? Dagmar kannte und schätzte den jungen Arzt. Doch es verursachte ihr eine leise Beklemmung, wenn sie an Monis Bemerkung dachte.
Wie schnell kann alles vorbei sein!
*
Nein, es war nicht vorbei, das las Moni in Michaels Augen, und plötzlich wusste sie gar nicht mehr, wa-rum sie das hatte denken können. Man musste doch auch an das Glück glauben, wenn es Wirklichkeit werden sollte.
Dieter und Angelika legten sich keinen Zwang an. Sie hatten ihrem Freund Michael ja so viel zu erzählen. Richtig übermütig waren sie.
»Was ist denn in euch gefahren?«, fragte er verblüfft.
Und dann sprudelte es über Angelikas Lippen, dass sie Geld verdienen könne, ohne die Schule zu vernachlässigen. Dass Herr Bennet ein ganz toller Mann wäre, und so fort.
Moni war in die Küche gegangen, denn heute Abend wollte sie für das Essen sorgen. Sie war gerade dabei, die Fleischplatte appetitlich herzurichten, als leise die Tür aufging. Sie hörte es gar nicht, so eifrig war sie bei ihrer Beschäftigung.
Sie schrak zusammen, als sich zwei feste Hände um ihre Schultern legten. Warme Lippen streiften ihre Schläfe, und eine Woge heißen Glückes erfasste sie.
»Dir ist das wohl alles nicht so recht, Moni?«, fragte Michael.
»Du bist da, ich bin froh«, flüsterte sie. Und was sollten sie jetzt über Angelika sprechen. Zum ersten Mal waren sie sich ganz nahe, zum ersten Mal küssten sie sich mit aller Zärtlichkeit und Sehnsucht.
»Gibt’s jetzt endlich Essen?«, rief Dieter durch die Tür.
»Ihr werdet es doch noch erwarten können!«, rief Michael zurück.
»Sie hatten sich wohl was zu sagen«, raunte Angelika Dieter zu.
Später wollten die Kinder dann doch wissen, wie es Martina ginge, aber Michael war in seinen Erklärungen sehr zurückhaltend. Er sagte nur, dass sie keine Angehörigen hätte, und damit weckte er sogleich tiefstes Mitgefühl.
»Wir können uns ja ein bisschen um sie kümmern«, meinte Dieter.
»Vielleicht kann sie singen«, meinte Angelika. »Herr Bennet würde dann schon was für sie tun.«
»Ich denke, dass wir ihr schon anders weiterhelfen können«, meinte Michael. »Was erwartest du eigentlich von deiner Karriere, Angelika?«
Sie sah ihn verblüfft an.
»Karriere? Ich muss erst noch lernen, hat Herr Bennet gesagt, und wenn wir schon morgen Aufnahmen machen, dann bloß zur Probe. Aber ich kriege schon fünfzig Euro dafür. Stell dir mal vor, fünfzig Euro, Mi-chael! So eine Masse Geld!«
Er tauschte mit Moni einen Blick, und beide dachten das gleiche.
Wenn Angelika so unbeschwert blieb, dann brauchten sie nichts zu fürchten. Und Michael meinte auch, dass man eine solche Chance nicht ungenützt lassen dürfe, was sehr beruhigend für Moni war.
»Ich muss mich erst daran gewöhnen«, gestand sie ein. »Es ist ein
bisschen viel auf einmal.«
»Aber ich bin dir doch nicht zuviel?«, fragte er neckend.
Da kamen kurz doch wieder diese Gedanken, die sie bange machten.
»Wir sind drei«, flüsterte sie.
»Und das ist wundervoll«, sagte Michael. »Ich habe endlich eine Familie!«
Er sagte es so, dass sie gar keine Zweifel mehr hegen durfte.
*
Die Woche begann und der Arbeitsalltag. Glück durfte nicht übermütig machen, aber Moni hätte auch nicht im entferntesten daran gedacht, ihre Pflichten zu vernachlässigen. Hanna Bluhme sollte mit ihr zufrieden sein, wenn sie aus dem Urlaub zurückkam.
Vier Wochen war Hanna nun schon fort, und manchmal fragten die Patientinnen, wann sie denn wiederkäme, aber es wurde nicht so gesagt, dass Moni niedergeschlagen sein könnte, wie anfangs, als man sie mit teils erstaunten, teils skeptischen Blicken gemustert hatte.
Auch an diesem Montagmorgen saß Moni sehr pünktlich an ihrem Arbeitsplatz, denn sie ging immer mit Dieter und Angelika aus dem Haus, und die beiden hatten es weiter bis zur Schule als sie bis zur Klinik.
Als Erste steckte heute Schwester Leonie den Kopf zur Tür herein. »Hallo, Moni, habe schon gehört, was euch neulich passiert ist«, sagte sie. »Ist bei euch alles okay?«
»Kann nicht klagen«, erwiderte Moni lächelnd. »Das Wochenende gut verbracht?«
Sie hatten sich von Anfang an gut verstanden, und wenn sich die Gelegenheit bot, setzten sie sich auch mal zu einem Plausch zusammen, aber beide hatten ja wenig Zeit.
»Wie geht es Adrian?«, fragte Moni.
»Er büffelt. Ist gerade wieder im Examen. Es ist nicht leicht, verlobt zu sein, Moni.« Leonie lachte dabei.
So schwer konnte es nun auch wieder nicht sein.
Als Leonie wieder verschwunden war, ließ Moni ihre Gedanken schnell ein bisschen in die Zukunft wandern. Vom Heiraten hatte Mi-chael gestern Abend schon gesprochen. Überstürzen wollten sie nichts. Für sie würde es sowieso eine ziemlich lange Wartezeit geben wie für Leonie und Adrian von Burkhardt, aber was machte das schon, wenn man sich lieb hatte.
Michael dachte an diesem Morgen schon ganz anders. Wenn wir bald heiraten würden, brauchten wir keine doppelte Miete, überlegte er. Er wohnte zwar im Ärztehaus, und dafür wurden keine hohen Kosten aufgerechnet, aber wenn sie unter einem Dach leben würden, konnten sie sich alles doch besser einteilen.
»Na, Sie träumen ja«, sagte Dr. Uhl freundschaftlich. »Darf ich Ihnen offiziell den Dienst übergeben, Herr Kollege?«
»Ich bin bereit«, erwiderte Mi-chael verlegen. »Wie war die Nacht?«
»Ruhig. Ihre Wassernixe hat gut geschlafen.«
Michael ging zu ihr hinein. Sie saß im Bett. »Heute kann ich aber doch aufstehen?«, fragte sie.
»Dr. Laurin wird später kommen und mit Ihnen sprechen«, erklärte Michael.
»Hat jemand nach mir gefragt?«, entfuhr es ihr.
Wer sollte denn nach ihr fragen, da sie doch erklärt hatte, dass sie keine Angehörigen hätte?
»Ich meine, kommt das etwa in die Zeitung?«, fragte sie nun zögernd.
»Bis jetzt hat sich noch niemand gerührt. Dr. Laurin gibt prinzipiell keine Erklärungen an die Presse.«
Er sah, dass sie aufatmete.
Sie hatte vor etwas Angst, aber wovor?
Das soll nicht mehr meine Sache sein, dachte er. Auch für ihn begann der Arbeitstag. Operationen wurden montags nicht durchgeführt, wenn es nicht ein akuter Fall war. Die Visite wurde absolviert. Blutabnahmen, Kontrollen, Spezialbehandlungen. Verbände wechseln und was alles so anfiel.
Gegen elf Uhr kam Dr. Laurin, und gleich danach wurde ein Mann eingeliefert, der auf einem Bau verunglückt war. Dr. Sternberg und Dr. Hillenberg waren für die nächste halbe Stunde beschäftigt, während dieser sich Dr. Laurin mit Martina unterhielt.
Sie merkte gar nicht, dass sie einem regelrechten Verhör unterzogen wurde, so geschickt fing es Dr. Laurin an. Er war ganz leger.
»Ja, dann werden wir Ihnen erst mal Kleidung besorgen«, sagte er. »Ich denke, dass meine Frau da keine Schwierigkeiten haben wird.«
»Ich kann das nicht annehmen«, flüsterte Martina.
»Im Nachthemd herumlaufen können Sie aber auch nicht, Mädchen«, sagte er lächelnd. »Ja, und was dann mit der Beschaffung Ihrer Papiere wird, muss überlegt werden.«
»Es ist schlimm, wenn man keine Papiere hat, nicht wahr?«, fragte sie.
»Ziemlich, in unserem bürokratischen Staatswesen. Ohne Papiere im Allgemeinen keine Arbeit, aber wir werden schon sehen, was sich machen lässt.«
Er hatte einen guten Eindruck von ihr, aber natürlich musste Antonia das letzte Wort sprechen. Sie und die Kinder mussten mit dem Ersatz für Karin auskommen, sofern man von Ersatz überhaupt sprechen konnte.
Er rief Antonia an und sagte ihr Bescheid, dass sie ein paar Kleidungsstücke bringen möchte.
»Für wen?«, fragte sie überrascht.
»Für unsere eventuelle neue Hilfe«, erklärte er.
Damit gab sie sich natürlich nicht zufrieden, obgleich Leon sich recht kurz fasste und auch noch alles offen ließ, machte sie keine Einwände. Sie wusste genau, dass er solches gar nicht ins Auge fassen würde, wenn er ernste Bedenken hätte.
Also suchte sie ein paar hübsche Kleider von sich heraus, die sie abgelegt hatte, Wäsche, Schuhe und alles, was zu einer kompletten Ausstattung gehörte, für ein Mädchen, das mit nichts als mit einem Badeanzug bekleidet gewesen war.
Sie setzte Kyra in den Wagen, rief nach Kevin, der mal wieder erdverschmiert aus dem Garten kam und nicht begriff, dass seine Mami ihn in diesem Zustand mitnehmen wollte.
»Du kannst dich in der Klinik waschen«, sagte sie. »Wir müssen wieder daheim sein, wenn Konstantin und Kaja aus der Schule kommen.«
»Na, was wird denn Papi dazu sagen?«, fragte er.
»Dass du ein unverbesserlicher Dreckspatz bist, aber gesund«, erwiderte Antonia lachend.
»Du bist eine ganz prima Mami«, sagte Kevin.
»Freut mich, mein Sohn.«
»Weißt du ja auch«, erklärte er.
»Mami ist schön«, echote Kyra von ihrem Rücksitz.
»Nun hört mal auf mit den Komplimenten«, sagte Antonia. Sie waren auch schon bei der Klinik angelangt.
»So, du gehst zu Schwester Marie und sagst, dass du dich waschen willst«, sagte Antonia zu Kevin, »und Kyra nehme ich mit.«
»Wohin?«, fragte Kevin. »Kannst du mich nicht erst zu Marie bringen?«
»Du kennst den Weg. Bist doch ein großer Junge!«
»Wenn mich nun aber einer sieht und sagt, dass Papis Sohn ein Dreckspatz ist?«, fragte er.
»Dann sagst du, dass du Mamis lieber Sohn bist«, scherzte Antonia. »Kevin, wir haben nicht viel Zeit.«
»Na, wenn du meinst«, murmelte er und trollte sich.
Kyra trippelte neben ihr her. Ganz ohne Aufenthalt gelangten sie nicht zur Chirurgischen, denn die Schwestern, die ihnen begegneten, muss-ten Kyra begrüßen.
»Tag-Tag«, sagte Kyra immer wieder mit strahlendem Lächeln, ganz das winzige Ebenbild ihrer schönen Mutter.
Wo ist Papi?«, fragte sie dann aber auch jedesmal.
»Papi arbeitet«, erwiderte Antonia geduldig.
Ja, mit ihr war es jetzt auch nicht mehr so einfach. Sie kam in das Fragealter, und da gab sie ihren größeren Geschwistern nichts nach. Im Gegenteil. Sie war wohl die Lebhafteste von allen und übertraf sogar noch Konstantin.
Eckart Sternberg sprach gerade mit Michael Hillenberg, aber das störte Kyra durchaus nicht. Sie lief auf ihn zu und rief: »Onkel Eckart!«
Michael sah die Jüngste der Laurins zum ersten Mal. Sie stellte sich nach der herzlichen Begrüßung mit Onkel Eckart vor ihn hin und sah ihn forschend an.
»Ist denn das?«, fragte sie. »Kenn’ ich nicht.«
»Das ist Dr. Hillenberg«, erklärte Dr. Sternberg.
»Tag, Hille«, sagte Kyra, sich die zweite Silbe schenkend.
»Himmel, ist das ein süßes Kind«, sagte Michael, als Antonia mit ihrem Nesthäkchen dann auf Martinas Zimmer zusteuerte.
So spontan kannte ihn Eckart noch gar nicht. »Da kann man auf den Geschmack kommen«, sagte er lächelnd.
»Sie haben doch auch eine süße Tochter«, sagte Michael. »Ich habe mir noch nie Gedanken gemacht, dass so kleine Kinder schon so reden.«
»Da werden Sie noch Erfahrungen sammeln und Überraschungen erleben. Und wir werden sehen, was der Chef mit Martina vorhat. Wie es scheint, kommt es dabei auch auf Kyra an.«
Daraus konnte Michael nun noch keinen Sinn entnehmen, aber Dr. Sternberg erklärte es ihm.
Michael war mehr als erstaunt.
»Sie meinen, dass Dr. Laurin ein Mädchen in sein Haus nehmen würde, das nicht mal Papiere hat?«, fragte er.
