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In den 'Gesammelten Werken' von Thomas Wolfe findet sich eine großartige Sammlung seiner Romane, Erzählungen und Aufsätze. Wolfes literarischer Stil ist geprägt von einer tiefen introspektiven Analyse menschlicher Gefühle und Beziehungen. Seine Werke sind für ihre ausdrucksstarke Sprache und emotionalen Tiefe bekannt. Der Autor thematisiert häufig die Themen Identität, Heimat und Verlust in einer sich wandelnden Welt. Thomas Wolfe war ein wichtiger Vertreter des amerikanischen literarischen Modernismus. Seine eigenen Erfahrungen als Schriftsteller und Reisender flossen in seine Werke ein, was sie authentisch und universell macht. Die 'Gesammelten Werke' bieten einen Einblick in die Vielseitigkeit und Tiefe von Wolfes Schreiben, das bis heute relevant und packend ist. Für Liebhaber anspruchsvoller Literatur, die sich von intensiven Charakterstudien und emotionalen Reisen faszinieren lassen, sind die 'Gesammelten Werke' von Thomas Wolfe ein absolutes Muss. Tauchen Sie ein in die tiefgründigen Erzählungen dieses einflussreichen Schriftstellers und lassen Sie sich von seiner Sprachgewalt und emotionalen Aufrichtigkeit berühren. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Seitenzahl: 3461
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Diese Werksammlung Gesammelte Werke: Romane, Erzählungen & Aufsätze versammelt zentrale Texte Thomas Wolfes in einer sorgfältig geordneten deutschen Ausgabe. Sie bietet die beiden großen Romane Schau heimwärts, Engel! und Von Zeit und Strom in vollständiger Gestalt, dazu eine breite Auswahl an Erzählungen sowie den programmatischen Essay Die Geschichte eines Romans. Eine knappe Biografie ergänzt das Bild. Ziel der Zusammenstellung ist es, Wolfes Entwicklung, Themen und Tonlagen in ihrer Spannweite erfahrbar zu machen und zugleich einen verlässlichen Einstieg in ein Werk zu geben, dessen Maß, Energie und Genauigkeit den amerikanischen Erfahrungsraum eigenwillig und dauerhaft geprägt haben.
Die Romane bilden das tragende Rückgrat dieser Ausgabe. Schau heimwärts, Engel! entfaltet den Lebensanfang eines jungen Mannes in einer südlichen Kleinstadt und zeigt, wie Herkunft, Familie und Sprache den Blick auf die Welt formen. Von Zeit und Strom weitet diesen Ansatz zur Bewegung zwischen Heimat und Fremde, Studium und Stadt, Reise und Arbeit; die Bahn eines werdenden Schriftstellers zeichnet sich ab. Beide Romane werden hier vollständig präsentiert, sodass Leserinnen und Leser die Kontinuität der Motive, den wachsenden Ton und die Ausweitung des Erfahrungsradius unmittelbar verfolgen können, ohne über die Ausgangssituation hinaus vorzugreifen.
Die Erzählungen dieser Sammlung führen die großen Linien des Erzählens in komprimierten, präzisen Formen fort. Vertreten sind u. a. Vom Tod zum Morgen, Keine Tür, Tod, der stolze Bruder, Am Rande des Krieges, Nur die Toten kennen Brooklyn, Dunkel im Walde, fremd wie die Zeit, Die vier verlornen Männer, Gulliver, Landstreicher um Sonnenuntergang, Ein »Mädchen« aus unsrer Reisegesellschaft, Ferne und Nähe, Im Park, Die Leute von Alt-Catawba, Zirkus im Tagesgrauen und Das Geweb aus Erde. Diese Auswahl veranschaulicht Wolfes Spannweite von Miniatur und Skizze bis hin zu weit ausschwingenden Novellen, die Orte, Stimmen und Stimmungen prägnant bündeln.
Die Gattungen dieser Ausgabe – Roman, Erzählung, Essay und biografische Skizze – öffnen unterschiedliche Zugänge zu einem durchgängig verbundenen Themenfeld. Wiederkehren die Fragen nach Herkunft und Aufbruch, nach Ferne und Nähe, nach der Unmöglichkeit und dem Wunsch der Rückkehr. Das Reisen, die Straße, die Bahn, das Hotel, die Berge und die Stadt bilden wechselnde Bühnen, auf denen Figuren nach Haltung, Wahrheit und Sprache suchen. In diesen Konstellationen spiegelt sich ein Amerika im Wandel: provinziell und metropolitan, alltäglich und mythisch, gegenwärtig und von Erinnerung überhellt, getragen von der Spannung zwischen Einzelnen und Gemeinschaft.
Stilistisch ist Wolfes Prosa durch einen großen Atem, eine musikalische Satzbewegung und eine ausgeprägte Bildkraft gekennzeichnet. Lange, schwingende Perioden stehen neben scharf beobachteten Details; Pathos und Genauigkeit finden zu einer unverwechselbaren Kadenzenfolge. Häufig entstehen fließende Aufzählungen, die Orte, Menschen und Dinge mit suggestiver Energie verbinden. Zugleich bewahrt die Sprache den Blick für konkrete Geste und leises Nebengeräusch. In der Verdichtung der Erzählungen zeigt sich, wie dieses große Register im Kleinen arbeitet: Motive kehren in Nuancen wieder, Rhythmen variieren, und ein einzelnes Bild kann ein ganzes Leben beleuchten.
Figuren treten häufig als Suchende auf: Reisende, Lernende, Beobachter, gelegentlich Außenseiter. Sie öffnen Perspektiven auf Straßenkreuzungen, Bahnhöfe, Hotelhallen, Parks und Wohnungen, in denen sich das Öffentliche und das Persönliche berühren. Orte gewinnen dabei unverwechselbare Signatur. Das fiktiv aufgeladene Alt-Catawba und andere Schauplätze verbinden Landschaft und Erinnerung; Metropolen bilden Resonanzräume der Begegnung. Diese Topografien sind nicht bloß Kulisse, sondern Tongeber: Sie prägen Sprache, Takt und Wahrnehmung und machen erfahrbar, wie Herkunft und Bewegung einander beleuchten, kontern und erneuern.
Zeit erscheint in diesen Texten als Strom, der Einzelheiten trägt und verwandelt. Erinnerung ist nicht bloß Rückschau, sondern Komposition: Aus Fragmenten entstehen Gewebe, die Leben und Landschaft zusammenbinden. Titel wie Ferne und Nähe, Dunkel im Walde, fremd wie die Zeit oder Das Geweb aus Erde verweisen bereits auf diese poetische Arbeit am Gedächtnis. In ihr wird Gegenwart spürbar verdichtet, ohne dass der Blick den Verlauf preisgibt. So entstehen Bilder, in denen Frühlicht und Dämmerung, Kindheitston und erwachsene Stimme, Augenblick und Dauer ineinandergreifen und die Spannungen des Werdens als Form erfahrbar machen.
Auch Endlichkeit und Gefahr treten ins Bild, ohne den Sinn der Texte zu verengen. Vom Tod zum Morgen und Tod, der stolze Bruder umkreisen die Erfahrung der Vergänglichkeit mit Ernst und Nüchternheit; Am Rande des Krieges markiert Situationen, in denen das Historische in den Alltag dringt. Diese Motive erscheinen nicht als bloße Kulisse des Dramas, sondern als Prüfsteine einer Sprache, die Trost nicht behauptet, sondern Aufmerksamkeit schärft. So gewinnen Entscheidungen, Blicke, Wege und Wendungen Gewicht – getragen von dem Wissen, dass das Erzählen selbst eine Form der Bewahrung und Klärung ist.
Die Formenvielfalt leuchtet in dieser Ausgabe besonders deutlich. Der Roman erlaubt das weite, atmende Ausrollen von Lebensläufen und Räumen; die Erzählung konzentriert die Bewegung in Szene, Tableau und Bild. Beide Gattungen stehen hier nicht nebeneinander, sondern im Gespräch: Figurenhaltungen und Motive wechseln die Skala, Orte erscheinen aus neuen Blickwinkeln, Töne werden gespiegelt oder gebrochen. Wer zwischen den Teilen der Sammlung wandert, kann die strukturellen Entscheidungen wahrnehmen, die Wolfes Werk tragen: Wiederkehr als Variation, Übergang als Poetik, Maßwechsel als Erkenntnismittel.
Der Essay Die Geschichte eines Romans gibt einen reflexiven Einblick in Wolfes Schreibarbeit und in die Entstehung eines großen Erzählprojekts. Er beschreibt Überlegungen, Wege und Entscheidungen, die zum Roman führen, und zeigt, wie Material, Erfahrung und Form zusammenfinden. Diese Selbstbetrachtung ergänzt die erzählerischen Texte um eine poetologische Perspektive. Die beigefügte Biografie bietet eine verlässliche Orientierung zu Leben und Werk, ohne Interpretationen vorwegzunehmen. Zusammengenommen eröffnen Essay und biografische Skizze ein sachliches Umfeld, in dem die Romane und Erzählungen gelesen, kontextualisiert und mit eigenem Urteil verstanden werden können.
Die anhaltende Bedeutung von Wolfes Prosa liegt in ihrer Verbindung von Großform und Nähe, von Intensität und Genauigkeit. Sie zeigt eine Sprachbewegung, die das Alltägliche ernst nimmt und es zugleich in weite Zusammenhänge stellt. Damit bleibt dieses Werk ein Bezugspunkt für Lesarten des amerikanischen 20. Jahrhunderts, die nicht auf Thesen verkürzen, sondern auf Erfahrung hören. Wer heute zu diesen Texten greift, begegnet einer Kunst, die keine einfachen Lösungen sucht, sondern Wahrnehmung schärft, Maßstäbe befragt und die offene, widersprüchliche Fülle des Lebens als literarische Aufgabe annimmt.
Diese Ausgabe versteht sich als Einladung zu je eigener Lektürebewegung. Man kann den Bogen der beiden Romane nacheinander gehen, in die Erzählungen streuen, die Funken zwischen kurzen und langen Formen suchen und sich mittels Essay und Biografie orientieren. Die Anordnung folgt der schlichten Idee, Zugänge zu eröffnen und Verbindungen sichtbar zu machen, ohne Deutungen festzuschreiben. So wird die Vielfalt greifbar, die Einheit erkennbar, und die Gegenwart der Texte spürbar. Wer sich auf dieses Gefüge einlässt, findet eine Werklandschaft, die reich, lebendig und – im besten Sinn – unbegrenzt ist.
Thomas Wolfe (1900–1938) gilt als einer der eigenständigsten Prosastimmen der amerikanischen Moderne. Mit weit ausschwingender, lyrischer Sprache und radikal autobiografischer Anlage kartierte er die Erfahrungen einer Generation zwischen Provinz und Metropole, Erinnerung und Aufbruch. Seine Romane Schau heimwärts, Engel! und Von Zeit und Strom machten ihn zu einer prägenden Figur der Literatur der Zwischenkriegszeit und lösten zugleich Debatten über die Grenzen der Selbstdarstellung aus. Auch als Erzähler und Essayist schuf er ein vielgestaltiges Werk, dessen Energie, Rhythmus und Beobachtungskraft die amerikanische Erzähltradition nachhaltig mitformten und bis in die Gegenwart Wirkung entfalten.
Ausgebildet wurde Wolfe an der University of North Carolina at Chapel Hill, wo er über das Theaterschreiben zur Prosa fand und erste Bühnenerfahrungen sammelte. Anschließend vertiefte er am Harvard-Programm von George Pierce Baker seine dramaturgischen Fertigkeiten; die Disziplin des Workshops prägte sein Gespür für Szene, Stimme und lange Spannungsbögen. In New York unterrichtete er zeitweise Englisch und lebte in der Nähe literarischer Zeitschriften und Verlage, deren Resonanzräume seine Arbeit befeuerten. Reisen, auch nach Europa, erweiterten den Blick. Früh veröffentlichte er Erzählungen in Periodika und erprobte dort Tonlagen, Motive und Perspektiven, die später seine Romane tragen sollten.
Mit Schau heimwärts, Engel! gelang Wolfe 1929 der Durchbruch. Der von Maxwell Perkins betreute Roman verknüpft Erinnerungsstoffe mit großräumig komponierten Stadt- und Landschaftsbildern zu einer Bildungs- und Künstlergeschichte. Stilistisch verbindet das Buch hymnische Kadenzen mit minutiöser Milieuschilderung; thematisch kreist es um Herkunft, Sprache, Ambition und die magnetische Anziehung der Ferne. Die Resonanz war intensiv: Bewunderung für die sprachliche Kühnheit stand Irritation über die schonungslose Nähe der Figuren zur gelebten Wirklichkeit gegenüber. Das Werk positionierte Wolfe im Zentrum literarischer Debatten der späten zwanziger Jahre und machte seine Stimme unverwechselbar. Die Wirkung reichte rasch weit über seinen Ausgangsort hinaus.
Von Zeit und Strom (1935) erweiterte den erzählerischen Radius beträchtlich. Wolfe entwarf eine großformatige Chronik von Bildung, Wanderschaft und Selbstprüfung vor dem wechselnden Panorama des modernen Amerika. Die bewegliche Erzählperspektive und der orchestrale Satzbau dienen einer Poetik des Flusses, in der Orte, Stimmen und Erinnerungen ineinandergreifen. Redaktionelle Zusammenarbeit und strenge Revisionen halfen, die gewaltige Materialfülle zu formen. Das Buch fand breite Aufmerksamkeit und verfestigte den Ruf des Autors als Meister der expansiven Langform, deren emotionale Temperatur ebenso auffiel wie der Wille, individuelle Erfahrung mit kollektiver Zeitgeschichte in Beziehung zu setzen.
Neben den Romanen veröffentlichte Wolfe Erzählungen, in denen er komprimierte Formen erprobte. Der Band Vom Tod zum Morgen versammelt exemplarische Stücke dieser Seite seines Schaffens. Zu seinen bekannten Erzählungen zählen Nur die Toten kennen Brooklyn, Die vier verlornen Männer, Keine Tür, Gulliver, Im Park und Ferne und Nähe; ebenso Am Rande des Krieges, Dunkel im Walde, fremd wie die Zeit, Die Leute von Alt-Catawba, Zirkus im Tagesgrauen, Das Geweb aus Erde, Landstreicher um Sonnenuntergang und Ein »Mädchen« aus unsrer Reisegesellschaft. Sie variieren Motive von Erinnerung, Fremdheit, Stadt- und Landschaftsdrama und setzen markante Beobachtungsdetails.
Mit Die Geschichte eines Romans reflektierte Wolfe seine Arbeitsweise und die Mühen, ein überbordendes Manuskript in ein lesbares Ganzes zu verwandeln. Die Schrift beleuchtet Quellen, Notiztechniken, Umstellungen, Streichungen und die Bedeutung editorischer Gegenstimmen im Entstehungsprozess, ohne den ästhetischen Anspruch aufzugeben, innere Zeit und gelebte Erfahrung in Sprache zu übertragen. Sie dient als Schlüssel zu seinem Verständnis von Komposition: der Glaube an Fülle, Rhythmus und Wiederkehr, gebändigt durch Struktur. Zugleich dokumentiert sie, wie eng Produktion, Publikumserwartung und Selbstkorrektur in der Prosa der Dreißiger miteinander verschränkt waren. Damit liefert der Essay einen seltenen Blick in die Werkstatt eines Autors, der Maßstab und Maß zugleich austestete.
In den späten Jahren arbeitete Wolfe weiter an umfangreichen Manuskripten, reiste und veröffentlichte neue Erzählungen. 1938 endete sein Leben nach kurzer, schwerer Krankheit unerwartet früh. Sein Nachlass belegt die enorme Produktivität und eröffnete der Leserschaft neue Einblicke in Werkstatt und Reichweite seines Projekts. Bis heute wird er als Vertreter einer groß angelegten, musikalisch geführten Prosa gelesen, die individuelle Biografie mit der Topografie eines ganzen Landes verknüpft. Seine Bücher bleiben im Gespräch, weil sie das Pathos des Aufbruchs mit genauer Beobachtung verbinden und die Möglichkeiten des amerikanischen Erzähltons weit ausgeschritten haben.
Thomas Wolfe, 1900 in North Carolina geboren und 1938 verstorben, schrieb im Spannungsfeld zwischen US-Süden und den Metropolen des Nordens, zwischen Gilded Age-Nachwirkungen, Progressiver Ära, Erstem Weltkrieg, Jazz Age und Weltwirtschaftskrise. Die vorliegende Sammlung bündelt Romane, Erzählungen und einen Essay, die thematisch von Kindheitslandschaften bis zu transatlantischen Reiseerfahrungen, von städtischer Moderne bis zu politischen Umbrüchen der Zwischenkriegszeit reichen. Werke wie Schau heimwärts, Engel! und Von Zeit und Strom rahmen die epische Dimension, während Erzählungen wie Nur die Toten kennen Brooklyn oder Das Geweb aus Erde den Blick auf Milieus verdichten. So entsteht ein breit gefächerter Kommentar zur amerikanischen Erfahrung vor dem Zweiten Weltkrieg.
Wolfe kam aus einer sich modernisierenden Südstaatenwelt, deren Nachklang von Bürgerkriegserinnerung, Migration und Industrialisierung geprägt war. Seine Bildungswege – Universität in Chapel Hill, Studien in Harvard – spiegeln die Öffnung akademischer Institutionen für eine breitere Mittelschicht im frühen 20. Jahrhundert. Die Mobilität dieser Generation, begünstigt durch Bahn- und Dampferverkehr, trug ihn in die Kulturzentren New Yorks und Europas. In dieser biografischen Bewegung verdichten sich zentrale Spannungen der Epoche: regionale Herkunft versus nationale Moderne, persönliche Ambition versus soziale Schranken. Diese Kräfte rahmen die frühen Stoffe, die in der Sammlung in unterschiedlichen Gattungen wiederkehren.
Die 1920er Jahre, geprägt von Prohibition, Finanzboom und urbaner Expansion, schufen neue Räume und Sprachen der Großstadt. New Yorks Skyline, elektrische Nächte und die Durchmischung der Viertel bildeten eine Bühne, vor der Wolfe die Erfahrung der Moderne erfasste. Die Erzählung Nur die Toten kennen Brooklyn dokumentiert, wie städtische Topografie, Migration und Dialekteine plurale Alltagswirklichkeit erzeugen. In solcher Prosa wird die Stadt zum Labor sozialer Typen, zu einem Ort von Orientierung und Entfremdung. Sie reflektiert zugleich die Spannbreite der Zeitschriftenkultur, die kurze Formen einem breiten Publikum zugänglich machte.
Der Börsenkrach von 1929 transformierte diese Dynamik. Die Weltwirtschaftskrise verunsicherte Lebensentwürfe, verschärfte soziale Gegensätze und veränderte den Ton der Literatur. In Vom Tod zum Morgen finden sich Motive von Verlust, prekären Existenzen und der Suche nach Halt, die die 1930er Jahre prägten. Von Zeit und Strom, als Roman einer Generation in Bewegung, reagiert auf diese Umbrüche mit einer weit ausgreifenden Perspektive auf Arbeit, Kunst und Selbstbehauptung. Wolferische Weiträumigkeit – Reisen, Jahreszeiten, Städte – setzt dem ökonomischen Einbruch eine Poetik der Dauer und des Werdens entgegen, ohne die Härten der Zeit zu beschönigen.
Der amerikanische Süden blieb ein zentrales Referenzfeld. In der Zwischenkriegszeit trafen dort Landwirtschaftskrise, Industrialisierung und Stadtwachstum auf langlebige soziale Hierarchien. Wolfe griff diesen Kontext immer wieder auf, wenn er die Lebenswelten kleiner Städte, Familienbetriebe und wandernder Arbeitskräfte skizzierte. In Stücken wie Die Leute von Alt-Catawba oder Das Geweb aus Erde erscheinen regionale Sitten, ökonomische Mikroökologien und Erinnerungskulturen, die sich mit nationalen Trends kreuzen. So bündelt die Sammlung regionale Erfahrung mit überregionalen Prozessen – ein Charakteristikum jener Literatur, die den Süden als Amerika im Kleinen begreift.
Transatlantische Verbindungen prägten Wolferfahrung und Gegenstand. Zwischen 1920er und 1930er Jahren reiste er längere Zeit nach Europa, beobachtete die politische Radikalisierung und den kulturellen Austausch über Sprach- und Marktgrenzen hinweg. Die Schiffspassage, Bahnhöfe, Hotels und Bühnenräume wurden zu Knotenpunkten einer globalisierten Moderne. Vor diesem Hintergrund gewinnen Texte mit europäischer Szenerie oder politischer Alarmstimmung – etwa Am Rande des Krieges – ihr Profil: Sie registrieren die Verhärtung der internationalen Lage, ohne den Blick auf individuelle Biografien und künstlerische Arbeit zu verlieren, die zwischen Reise, Exil und Rückkehr pendeln.
Literarisch steht Wolfe im Dunstkreis des transatlantischen Modernismus. Längere Periodensätze, Kataloge, die Überblendung von Erinnerung und Gegenwart verorten ihn in einer Generation, die erzählerische Formen radikal erweiterte. Gleichzeitig speist sich seine Epik aus US-Traditionen von Whitman bis zur großen Auswandererprosa. In Von Zeit und Strom verbinden sich Bildungsroman-Elemente mit einer Zeitdiagnose der 1930er Jahre. Die erzählerische Nahaufnahme in Erzählungen wie Die vier verlornen Männer oder Keine Tür kontrastiert diese Weite; beide Ebenen reagieren auf eine Epoche, deren Tempo und Geräuschkulissen neue Wahrnehmungsweisen erzwangen.
Die Magazin- und Verlagskultur der Zwischenkriegszeit war ein entscheidender Motor. Illustrierte, literarische Zeitschriften und neue Vertriebswege schufen einen Markt, in dem Erzählungen zirkulierten, getestet und später in Sammlungen konsolidiert wurden. Nur die Toten kennen Brooklyn wurde in einem führenden Magazin publiziert und vielfach anthologisiert – ein Beispiel dafür, wie urbane Milieustudien breite Leser erreichten. Parallel erlaubten kostengünstigere Druckverfahren voluminöse Romane. Der Literaturbetrieb förderte damit die Koexistenz von langen, editorisch geformten Projekten und pointierten, dialognahen Texten, wie sie in Vom Tod zum Morgen gebündelt sind.
Die Rolle des Lektorats ist für Wolfe zentral. Seine umfangreichen Manuskripte wurden von engagierten Editoren in publizierbare Formen überführt. Diese Zusammenarbeit prägte die Fassung von Schau heimwärts, Engel! und Von Zeit und Strom und beeinflusste die zeitgenössische Rezeption zwischen Bewunderung und Kritik. Nach dem Verlagswechsel in den späten 1930er Jahren wurden unveröffentlichte Materialien postum geordnet. Fragen nach Textgestalt, Autorintention und editorischer Intervention begleiten deshalb die Forschung bis heute. Die Sammlung zeigt, wie stark Produktionsbedingungen, Vertragsrealitäten und Lektoratspraxis die literarische Moderne mitgeprägt haben.
Die kulturelle Szene New Yorks – Theater, Agenturen, Ateliers – bildete ein weiteres Bezugssystem. Wolfes Nähe zur Bühne und seine Beziehungen in die Theaterwelt erschlossen ihm Erfahrungsfelder der künstlerischen Arbeitsteilung, des Patronats und der kreativen Ökonomie. Diese Konstellation, in der Frauen als Produzentinnen, Mäzeninnen oder Organisatorinnen präsenter wurden, reflektiert die breiteren Geschlechterverhältnisse der Städte der 1920er und 1930er Jahre. Aus ihr resultieren Kenntnisse von Probeprozessen, Premierenritualen und Tourbetrieb, die in der Sammlung als Hintergrundrauschen der Moderne auftauchen, ohne die erzählerische Autonomie einzelner Texte zu überformen.
Die Erzähltradition der Einwanderungsstadt fügt ethnische Vielfalt, Umgangssprache und Mobilität zusammen. In Nur die Toten kennen Brooklyn materialisiert sich die sprachliche Polyphonie, die New Yorks Bezirke in jenen Jahren prägte; U-Bahn, Straßennetze und Brücken ermöglichten neue Rhythmen der Bewegung. Zugleich standen nationale Diskurse über Nativismus und Zugehörigkeit – von der Quotenpolitik der 1920er bis zu städtischen Integrationsprojekten – im Hintergrund. Wolfes Prosa registriert diese Gemenge, indem sie die Klangflächen des Alltags einfängt und die soziale Topografie kartiert, auf der sich Lebensläufe zwischen Chance und Verlorenheit entwickeln.
Die Epoche war zudem von der rassistischen Ordnung des Jim Crow im Süden und von Konflikten um Bürgerrechte geprägt. Öffentliche Gewalt und informelle Ausschlüsse beeinflussten das kulturelle Klima, auf das auch Schriftsteller reagierten. Wolfe setzte sich in Erzählungen der 1930er Jahre mit Rassenverhältnissen auseinander; selbst wenn solche Themen in dieser Sammlung unterschiedlich gewichtet sind, markieren sie den historischen Horizont, der viele Südstaaten- und Stadttexte rahmt. Der Blick auf Nachbarschaften, Arbeitsplätze und öffentliche Räume zeigt, wie Literatur soziale Spaltungen sichtbar macht, ohne in Programmschriften zu erstarren.
Technik und Verkehr veränderten die Wahrnehmung des Landes. Automobilisierung, ausgebaute Highways und das dichte Eisenbahnnetz machten Wanderexistenzen und Arbeitsmigration sichtbar. Titel wie Landstreicher um Sonnenuntergang oder Zirkus im Tagesgrauen evozieren die Durchquerung amerikanischer Räume durch Schausteller, Suchende und Gelegenheitsarbeiter – Figuren, die in den 1930er Jahren zum sozialen Repertoire gehörten. Die Bewegung über Counties und Staatsgrenzen hinweg spiegelt zugleich eine neue, landesweite Öffentlichkeit. Literatur wurde zum Medium, in dem sich diese Zirkulation von Körpern, Waren und Geschichten verdichtete und kritisch reflektieren ließ.
Erinnerung und Topografie verschränken sich besonders in Das Geweb aus Erde. Boardinghouses, Geschäftsräume und Straßenfronten der Kleinstadt bilden soziale Mikroarchive der frühen Moderne. Solche Schauplätze erlauben, ökonomische Praktiken – Vermietung, Kleinhandel, Dienstleistung – mit familiären Mustern und lokaler Politik zu verbinden. Gerade die Präzision im Detail – Räume, Gerüche, Rituale des Alltags – gibt diesen Texten ihren dokumentarischen Wert. Sie beleuchten, wie private Biografie und kollektive Geschichte ineinandergreifen, und zeigen, dass die großen Narrative der Nation in den kleinen Institutionen der Provinz sedimentiert sind.
Der Essay Die Geschichte eines Romans gehört in die Tradition der poetologischen Selbstkommentare der Moderne. Wolfe rekonstruiert dort den Entstehungszusammenhang eines großformatigen Romans, seine Arbeitsweisen, Recherchewege und die Bedeutung des Lektorats. Damit liefert er zugleich Einblick in die Logistik des Literaturbetriebs der 1930er Jahre: Vertragszyklen, Reisetätigkeit, Lesungen, Übersetzungs- und Lizenzfragen. Der Text macht anschaulich, wie sehr Werkgestalt ein Produkt aus ästhetischem Willen und institutionellen Rahmenbedingungen ist. In Verbindung mit den erzählerischen Stücken entsteht ein selten dichter Blick auf Produktion und Zirkulation von Literatur.
Die Rezeption reagierte früh mit Ambivalenz. Schau heimwärts, Engel! löste in Wolfes Heimatstadt zeitweilig heftige Kontroversen aus, während nationale Kritiken die sprachliche Fülle und Reichweite betonten. In der Depression boten die Texte Resonanzräume für Leserinnen und Leser, die soziale Verwerfungen, Migration und familiäre Umbrüche kannten. In der deutschsprachigen Welt fand Wolfe in den frühen 1930er Jahren rasch Aufmerksamkeit; Übersetzungen machten ihn präsent, ehe die nationalsozialistische Kulturpolitik ausländische Autoren zunehmend aus dem öffentlichen Raum drängte. Nach 1945 setzten Wiederentdeckungen und Neubewertungen ein, gestützt durch Nachlass-Editionen.
Die späten 1930er Jahre verschärften die politische Weltsituation. Reisen nach Europa konfrontierten Wolfe mit Zensur, Verfolgung und Militarisierung des öffentlichen Lebens, was seine öffentliche Haltung prägte und sich in Texten mit internationalem Horizont niederschlug. Am Rande des Krieges steht sinnbildlich für das Schreiben an einer historischen Schwelle, an der individuelle Pläne mit geopolitischen Entwicklungen kollidieren. Zugleich intensivierten Verlage und Medien ihre Internationalisierung; Rechtehandel und Übersetzungen verbanden nationale Literaturen. Wolfes Werk bewegte sich in diesem Netz – und registrierte dessen Schattenseiten im Zeichen von Diktatur und Exilierung von Intellektuellen weltweit.
Schau heimwärts, Engel! folgt einem jungen Mann in den Südstaaten, der zwischen der Anziehungskraft seiner widersprüchlichen Familie und dem Drang nach Selbstbestimmung aufgerieben wird. Der Roman entfaltet eine breite, erinnerungsgesättigte Chronik von Kindheit, Stadtleben und innerer Unruhe. Der Ton ist weit ausholend, lyrisch und von intensiver Sinnesfülle.
Von Zeit und Strom setzt die Suche desselben Helden fort, nun unterwegs durch Städte, Studien und Begegnungen, die ihn prüfen und formen. Das Buch kreist um Bewegung, Erinnerung und das Ringen, das eigene Material des Lebens in eine große Form zu bringen. Es spricht in weiträumigen, rhythmischen Bögen, die innere und äußere Reise verschränken.
Nur die Toten kennen Brooklyn lässt eine Stimme durch das Labyrinth der Großstadt treiben und die überwältigende Weite der Viertel spüren. Urbanes Tempo, Humor und unterschwellige Bedrohung überlagern sich zu einem Porträt der Anonymität.
Ferne und Nähe und Landstreicher um Sonnenuntergang verbinden Unterwegssein mit dem Rückprall der Erinnerung: Entfernungen schrumpfen oder dehnen sich, wenn Orte im Bewusstsein nachklingen. Flüchtige Gestalten am Rand des Abends spiegeln Sehnsucht und Verletzlichkeit. Der Ton ist elegisch und aufmerksam für Zufallsbegegnungen.
Gulliver und Ein »Mädchen« aus unsrer Reisegesellschaft erzählen von Missverständnissen auf Reisen und der Einsamkeit in Gesellschaft. Ein übergroßes Auftreten oder ein vorschnelles Urteil entlarvt, wie leicht Wahrnehmung verzerrt. Ironie und Mitgefühl halten sich die Waage.
Am Rande des Krieges zeichnet das gespannte Bewusstsein einer Zeit, die auf einen Konflikt zusteuert. Zivile Räume wirken plötzlich provisorisch, Gespräche bekommen einen doppelten Boden. Der Ton ist gedrängt, wachsam, vorausahnend.
Tod, der stolze Bruder, Vom Tod zum Morgen und Dunkel im Walde, fremd wie die Zeit sind Meditationen über Vergänglichkeit, Nacht und Übergänge. Figuren tasten sich durch Trauer, bis ein vorsichtiges Morgenlicht die Perspektive verschiebt. Die Sprache ist feierlich-dunkel, mit visionären, beinahe mythischen Bildern.
Das Geweb aus Erde entwirft eine vielschichtige Chronik von Herkunft, Boden und Erinnerung, in der private Stimmen mit der Topografie eines Orts verwoben sind. Familienbande erscheinen als Kraftfeld aus Stolz, Belastung und unstillbarer Energie. Der Ton ist beschwörend, reich an sinnlichen Details.
Die Leute von Alt-Catawba und Die vier verlornen Männer bündeln Porträts einer Gemeinschaft und einzelner Schicksale, die zwischen Ambition und Enttäuschung pendeln. Kleinstädtische Rituale, Eigenheiten und Masken werden genau beobachtet. Zuneigung und Schonungslosigkeit stehen nebeneinander.
Keine Tür kreist um die Frage, wie ein Schreibender zwischen Privatheit und öffentlicher Darstellung existieren kann. Die Grenzen zwischen Leben und Stoff sind durchlässig, und jedes Erleben verlangt nach Form – ohne sicheren Schutzraum. Der Text ist intensiv, tastend und selbstbefragend.
Die Geschichte eines Romans legt offen, wie aus ungeformter Erfahrung ein Bauwerk aus Sprache wird. Es geht um Maß, Auswahl und die Disziplin, Überfülle zu ordnen, ohne den Pulsschlag des Lebens zu verlieren. Der Ton ist sachlich, genau und kompromisslos gegenüber dem eigenen Anspruch.
Zirkus im Tagesgrauen zeigt ein fahrendes Spektakel in der Zwischenzeit, wenn das Magische dem Tageslicht weicht. Menschen hinter der Manege treten hervor, Müdigkeit und Würde mischen sich. Der Text ist melancholisch und bildkräftig.
Im Park verdichtet beiläufige Bewegungen zu Momenten stiller Erkenntnis. Wege kreuzen sich, doch vieles bleibt wortlos. Die Stimmung ist ruhig, beobachtend und von feinen Übergängen getragen.
Die Biografie skizziert die wesentlichen Stationen und Prägungen des Autors und ordnet Werk und Leben zueinander. Sie betont, wie Herkunft, Ortswechsel und die Erfahrung von Maßlosigkeit und Verlust die Stimme formten. Der Ton ist knapp, informierend und auf Konturen statt Anekdoten gerichtet.
Wiederkehrend sind das Verlangen nach Heimat und Weite, der Kampf mit Zeit und Erinnerung sowie die Nähe von ekstatischer Lebensfülle und Sterblichkeit. Stilistisch verbindet Wolfe hymnische Weiträumigkeit, genaue Milieu-Beobachtung und monologische Intensität zu einem großen Strom. Über das Werk hinweg verschiebt sich der Akzent von jugendlicher Dringlichkeit zu einer reflektierteren, konstruktiveren Selbstprüfung.
Inhaltsverzeichnis
»Einst war die Erde wahrscheinlich ein weißglühender Ball wie die Sonne.«
Tarr and McMurry
Für A. B. »Then, as all my soules bee, Emparadis 'd in you (in whom alone I understand and grow and see), The rafters of my body, bone Being still with you, the Muscle, Sinew, and Veine, Which tile this house, will come againe.«
... ein Stein, ein Blatt, eine nicht gefundne Tür; von einem Stein, einem Blatt, einer Tür. Und von all den vergeßnen Gesichtern.
Nackt Und allein gerieten wir in Verbannung. Im Dunkel ihres Schoßes kannten wir unsrer Mutter Angesicht nicht. Aus dem Gefängnis ihres Fleischs sind wir ins deutungslose Gefängnis dieser Erde geraten.
Wer unter uns hat seinen Bruder gekannt? Wer unter uns hat in seines Vaters Herz gesehn? Wer unter uns ist nicht immer unterm Druck des Kerkers geblieben? Wer unter uns ist nicht immer ein Fremdling und allein?
O Öde aus Verlust: in heißen Wirrsälen verloren; unter hellen Sternen auf dieser müden, lichtlosen Schlacke verloren. Verloren! Uns wortlos erinnernd suchen wir die große vergeßne Sprache, das verlorne End eines Feldwegs in den Himmel, einen Stein, ein Blatt, eine nicht gefundne Tür. Wo? Wann?
O verlornes, vom Wind gekränktes Gespenst, kehre zurück!
... ein Stein, ein Blatt, eine nicht gefundne Tür; von einem Stein, einem Blatt, einer Tür. Und von all den vergeßnen Gesichtern.
Nackt und allein gerieten wir in Verbannung. Im Dunkel ihres Schoßes kannten wir unsrer Mutter Angesicht nicht. Aus dem Gefängnis ihres Fleischs sind wir ins deutungslose Gefängnis dieser Erde geraten.
Wer unter uns hat seinen Bruder gekannt? Wer unter uns hat in seines Vaters Herz gesehn? Wer unter uns ist nicht immer unterm Druck des Kerkers geblieben? Wer unter uns ist nicht immer ein Fremdling und allein?
O Öde aus Verlust: in heißen Wirrsälen verloren; unter hellen Sternen auf dieser müden, lichtlosen Schlacke verloren. Verloren! Uns wortlos erinnernd suchen wir die große vergeßne Sprache, das verlorne End eines Feldwegs in den Himmel, einen Stein, ein Blatt, eine nicht gefundne Tür. Wo? Wann?
O verlornes, vom Wind gekränktes Gespenst, kehre zurück!
Ein Schicksal, das Engländer und Pennsylvania-Deutsche zusammenbringt, ist schon sonderbar genug. Eines aber, das von Epsom in den Quäkerstaat, und von dort – am sanften Lächeln eines Engels aus Stein vorbei – in das Gebirg führt, das Altamont über dem stolzen, korallenroten Hahnenschrei umragt, dunkelt vom Wunder jenes Waltens, das die staubige Welt neu verzaubert.
Jeder von uns stellt alle Stimmen dar, die er nicht zusammengezählt hat. Versetze uns in Nacht und Nacktheit zurück, und Du wirst erkennen, daß die Liebe, die gestern in Texas endete, vor viertausend Jahren auf Kreta begann.
Der Same unseres Verfalls wird in der Wüste blühen, am Fels wächst das Heilkraut, und unsre Leben werden von einer Schlampe aus Georgia heimgesucht, weil ein Beutelabschneider in London ungehenkt blieb. Jeder Augenblick ist die Frucht von vierzigtausend Jahren. Die Tage, an Minuten ermessen, sind Fliegen, die sich totsummen. Jeder Augenblick ist ein Fenster, das auf alle Zeit hinausweist.
Hier ist so ein Augenblick:
Ein Engländer namens Gilbert Gaunt (was er später in Gant änderte, vermutlich ein Zugeständnis an die Aussprache der Yankees) war im Jahre 1837 auf einem Segler von Bristol nach Baltimore gekommen. Den Wert eines Gasthauses, das er sich gekauft hatte, ließ er seine unfürsorgliche Kehle hinunterrollen. Dann wanderte er westwärts nach Pennsylvanien. Sein karges Brot erwarb er auf gefährliche Weise. Er reiste mit Zuchthähnen, die er auf den Höfen gegen die Champions der Ortschaften kämpfen ließ. Oft entkam er nur nach einer im Dorfgefängnis verbrachten Nacht, seinen Hahn tot auf dem Felde zurücklassend, ohne einen klingenden Heller in der Tasche; manchmal trug er die Spuren einer derben Farmerfaust im verwegenen Gesicht. Stets aber entkam er. Er gelangte schließlich unter die Pennsylvania-Deutschen. Es war Erntezeit. Die Fülle des Landes tat es ihm so sehr an, daß er dort vor Anker ging. Im Lauf eines Jahres heiratete er eine handfeste Witwe mit einer sauberen Farm. Das Air des Vielgereisten, das ihn umgab, seine grandiose Art zu reden, besonders wenn er Hamlet in der Manier des großen Edmund Kean vorspielte, gefiel allen Frauen dort sehr. Er hätte Schauspieler werden müssen, sagten die Leute.
Der Engländer zeugte Kinder – eine Tochter und vier Söhne –, lebte angenehm und ohne Sorgen und ertrug das barsche, aber gerechtfertigte Gekeif seiner Frau mit Geduld. Jahre vergingen. Der Engländer ging mit dem Schlürfschritt des Gichtkranken; seine starren Augen wurden trüb und versackten. Eines Morgens, als seine Frau ihn aus dem Bett herausschelten wollte, fand sie ihn tot, vom Herzschlag gerührt. Er hinterließ fünf Kinder, eine Hypothek und – in seinen seltsamen dunklen Augen, die nun glasig starrten, etwas, das nicht mit ihm gestorben war: einen obskuren, leidenschaftlichen Hunger nach Reisen.
Mit diesem Vermächtnis verlassen wir diesen Engländer und beschäftigen uns von jetzt ab mit dem Erben, dem er es hinterließ, seinem zweitgeborenen Sohn, einem Burschen namens Oliver. Dieser Bursch stand an der Landstraße, als staubbedeckt die Truppen der Aufständischen auf dem Marsch nach Gettysburg in der Nähe der Farm vorüberzogen. Wenn er den großen Namen Virginia hörte, wurden seine Augen dunkler. Als der Bürgerkrieg endete, war er fünfzehn.
Eine längere Geschichte ist, wie er einmal in Baltimore eine Gasse entlang ging und in einer kleinen Werkstatt polierte granitne Grabmale sah, Lämmer und Cherubim, und auf kalten, abgezehrten Füßen schwebend einen Engel mit dem Lächeln sanfter Blödheit aus Stein. Die kalten, seichten Augen des Burschen wurden dann dunkler von dem obskuren, leidenschaftlichen Hunger, der in den Augen eines Toten gelebt hatte. Als Oliver den großen Engel mit der Lilie anschaute, überkam ihn eisig eine namenlose Erregung. Die langen Finger seiner großen Hände schlossen sich fest zusammen. Er spürte auf einmal, was er wolle. Mehr als alles in der Welt wollte er mit gelenkem Meißel in Stein schneiden, wollte er etwas Dunkles, Unsägliches aus dem kalten Block herausholen, wollte er das Haupt eines Engels aushauen.
Oliver Gant trat in die Werkstatt ein und fragte den stämmigen, vollbärtigen Mann mit dem Holzhammer um Arbeit. Er wurde Steinmetzlehrling. Fünf Jahre Arbeit, dann war er Steinmetz. Als seine Gesellenzeit um war, war er ein Mann.
Er erreichte es nie. Er lernte nie, das Haupt eines Engels aus Stein zu hauen. Taube, Lamm, gefaltete Totenhände, schöne feine Buchstaben, das lernte er. Aber den Engel nicht. Diese Jahre der Arbeit und wüsten Trunks hatten eine verheerende Nachwirkung auf den Steinhauer. Dazu kam der Einfluß des Theaters von Booth und Salvini, denn er lernte den hochtrabenden Schwulst, den er dort hörte, bis auf den Akzent auswendig. Murmelnd, mit großen ausdrucksvollen Händen gestikulierend, schritt er durch die Straßen. So tappen und tasten wir blind in unsrer Verbannung, so zeigt sich der Hunger, wenn wir, uns wortlos erinnernd, die große vergeßne Sprache suchen, das verlorne End eines Feldwegs in den Himmel, einen Stein, ein Blatt, eine Tür. Wo? Wann?
Er erreichte es nie. Er fuhr über den Kontinent in die Südstaaten der Wiederaufbaujahre: ein sonderbarer wilder Kerl, sechs Fuß vier Zoll hoch, mit alten unbehaglichen Augen, einer großzinkigen Nase. Sein Redestrom rollte hochstaplerisch und verrückt, formvollendet wie klassische Zitate. Trotz des leichten Grinsens um die Winkel seines dünnlippigen, kläglichen Mundes nahm er diese pathetische Ausdrucksweise völlig ernst.
In Sidney, der Hauptstadt eines der mittleren Südstaaten, machte er ein Geschäft auf. Er lebte nüchtern und fleißig unter den aufmerksamen Augen der Bevölkerung, die noch vom verlornen Krieg und von Feindseligkeit wund war. Er machte sich einen guten Namen, fand Zutritt, heiratete eine hagere, lungensüchtige, auf die Ehe erpichte Jungfer. Cynthia war zehn jähre älter als er; sie hatte etwas Geld. Achtzehn Monate Ehestand verwandelten ihn wieder in einen tobsüchtigen Trinker. Sein Geschäft ging in die Brüche, während er sich in den Schenken räkelte. Cynthia, deren Leben er – so meinten die Mitbürger – nicht verlängern half, starb plötzlich nachts an einem Blutsturz.
So war wieder alles dahin: Cynthia, die Werkstatt, die schwer erkämpfte Nüchternheit, das Haupt des Engels. Er strich nachts durch die Straßen und verfluchte die Südstaaten und ihre Trägheit in gellen, pathetischen Flüchen. Angekränkelt von Angst, vom Verlust, von Reue, zermürbt von den tadelnden Blicken der feindseligen Stadt, fiel er vom Fleisch; und war überzeugt, daß Cynthias Geißel ihn strafend heimsuchte.
Er war erst knapp über dreißig, sah aber viel älter aus. Sein Gesicht war gelb und hohl. Seine großzinkige, wächserne Nase wirkte wie ein Vogelschnabel. Sein langer, brauner Schnurrbart hing traurig herab. Das wüste Trinken hatte seine Gesundheit untergraben. Er war spindeldürr geworden und hustete ständig. Er war einsam, er dachte an Cynthia. Ihm wurde angst. Er glaubte, er sei schwindsüchtig und müsse bald sterben.
Allein und abermals verloren, da er nirgends in der Welt Ordnung und Bleibe gefunden hatte, da ihm der Boden unter den Füßen entzogen war, nahm er sein zielloses Streunerleben wieder auf. Er wandte sich westwärts gegen das große Gebirg, denn er wußte, daß jenseits der Berge sein übler Ruf unbekannt war. In den Bergen hoffte er Einsamkeit, neues Leben und seine Gesundheit wieder zu finden.
Seine Augen wurden wieder dunkler. Wie in seiner Jugend.
Den ganzen Tag unter einem verregneten grauen Oktoberhimmel fuhr Oliver westwärts durch den großen Staat Catawba. Er blickte traurig zum Fenster hinaus auf das riesige, ungeordnete Land. Die paar armseligen Farmen schienen ihm vergeblich in diese Wildnis gepflanzt. Sein Herz wurde kalt und wie Blei. Er dachte an die mächtigen Scheuern Pennsylvaniens, an das goldne, reife, geneigte Korn, an die Fülle, die Ordentlichkeit, das reinliche Auskommen der Menschen dort. Er dachte daran, wie er selbst ausgezogen war, um Auskommen und Bleibe für sich zu finden. Er dachte an das Wirrsal seines Lebens, seine vergeudete Jugend, die Spur der Jahre.
Bei Gott, dachte er, ich werde alt. Warum hier?
Die verschollenen Jahre zogen gespenstisch in seinem Hirn um. Er sah plötzlich, daß eine Kette von Zufällen sein Leben bestimmt hatte: ... ein Lied von Armageddon, das ein verrückter Rebell sang ... Hörner und Maultiergetrappel der Armee auf der Landstraße ... das alberne weiße Gesicht eines Engels in einer verstaubten Werkstatt ... die wippenden Schinken einer vorüberstreifenden Strunze ... Das hatte ihn aus Wärme und Fülle in diese Öde getrieben. Als er zum Fenster hinaus auf die fahle unbebaute Erde starrte, das große kahle Massiv des Piedmont, das schmutzige Ziegelrot der Landstraßen, die verschlampten Menschen, die gaffend auf den Stationen herumlungerten – einen dürren Farmer, der unsicher auf dem Kutschbock schwankte, einen torkelnden Neger, einen zahnlosen Farmtölpel, ein blasses verhärtetes Weib mit einem schmierigen Balg auf dem Arm –, da packte ihn die Furcht vor der Fremdheit des Geschicks. Was hatte er hier zu suchen? Wie kam er hierher? Aus dem ungetrübten Behagen seiner Jugend hierher in dieses endlose, verlorne, verkrümelte Land?
Der Zug klapperte vorwärts. Es regnete ständig. Der Grund roch stark. Ein Bremser kam und leerte einen Kroppen Kohle in den Ofen am Ende des Abteils. Es zog. Zwei blöde Kerle, die mit ihm in dem mit schmutzigem Plüsch bezogenen Abteil saßen, brachen in ein leeres, hohes Gelächter aus. Die Glocke der Lokomotive bimmelte kläglich über dem Rädergerassel. Am Fuß des Gebirges war ein Bahnknotenpunkt. Dort stand der Zug eine unendliche, dröhnende Weile lang still. Dann ging die Fahrt weiter über die leere rollende Erde hin.
Es wurde düster. Riesige Bergmassen traten vag aus dem Dunst. In den Hütten auf den Hängen gingen kleine blakende Lichter an. Der Zug schwankte über schwindelnde Gerüste, die sich hoch über geisterhaft strudelnden Wassern spannten. Jäh in der Höhe, jäh in der Tiefe hingen kleine Spielzeughäuser an den Ufern, den Schlüften, den Abhängen. Zäh und langsam arbeitete sich der Zug durch Einschnitte ins rote Erdreich in die Höhe. Es war dunkel, als Oliver in der Kleinstadt Old Stockade, der armseligen Endstation der Bahnlinie, ausstieg. Die letzte Bergwand lag ungeheuer vor ihm. Als er in das fettige Funzellicht eines ländlichen Landes starrte, hatte Oliver das Gefühl, daß er – ganz wie ein großes Tier, das sich zum Verenden in die Wildnis zurückzieht – sich dem Tod entgegen in den Ring dieser Berge schleppe.
Am nächsten Morgen reiste er mit der Postkutsche weiter. Sein Ziel war die kleine Stadt Altamont, vierundzwanzig Meilen entfernt, tief im Gebirg gelegen. Als die Pferde auf der steilen Straße anzogen, wurde Oliver etwas vergnügter. Es war ein graugoldner Spätoktobertag, hell und windig. Die Höhenluft wehte frisch und scharf. Die Berge ragten über ihm, ganz nah, ungeheuer, unfruchtbar, unbegangen. Bäume, beinah laublos, hoben sich klar und mächtig ab. Der Himmel trieb mit weißen Wolkenfetzen. Ein dichter Nebelschwaden wogte langsam eine Steilhalde hinab.
Tief unten schäumte ein Bach. Oliver sah, ganz winzig, einen Trupp Arbeiter, die an dem Schienenstrang, der sich über die Bergkette nach Altamont winden sollte, arbeiteten. Die Kutsche kam übers Joch. Die Gäule schwitzten. Ringsum schwangen königlich die Bergketten, verschwammen in blaurotem Dunst. Der Abstieg zu dem Hochplateau, auf dem Altamont liegt, begann.
In die geisterhafte Ewigkeit der Berge eingebettet, über hundert kleine Hügel und Senken gebreitet, fand Oliver eine Stadt von viertausend Einwohnern.
Hier war Neuland. Ihm wurde leicht ums Herz.
Diese Stadt Altamont war kurz nach dem Befreiungskrieg gegründet worden. Sie war damals ein bequemer Halteplatz für Viehtreiber und Farmer auf dem Weg von Tennessee nach Süd-Carolina. Bereits ein paar Jahrzehnte vor dem Bürgerkrieg war sie Sommeraufenthalt modischer Leute aus Charleston und von den heißen Plantagen des Südens. In den Jahren, als Oliver Gant dort ankam, hatte ihr Ruf als Kurort für Lungenkranke gerade begonnen. Ein paar reiche Herren aus dem Norden hatten Jagdhütten im Gebirg. Einer von ihnen hatte große Landstrecken aufgekauft und baute nun mit einer Armee von Zimmerleuten und Maurern unter einem Stab importierter Architekten das größte Landhaus in den Vereinigten Staaten – so ein Ding aus Kalkstein mit spitzen Schieferdächern und einhundertdreiundachtzig Zimmern, nach dem Vorbild des Schlosses von Blois. Außerdem gab es ein großes neues Hotel aus Holz, eine kostspielige Riesenscheuer, die protzig-behaglich auf einer gebietenden Anhöhe über der Stadt thronte.
Aber weitaus die Mehrzahl der Einwohner war alteingesessen; stammte aus dem Gebirg; ein Menschenschlag schottisch-irischen Blutes: hinterwäldlerisch, fleißig, handfest, intelligent.
Oliver hatte aus dem Zusammenbruch von Cynthias Vermögen zwölfhundert Dollar gerettet. Er mietet einen kleinen Schuppen an einer Ecke des Stadtplatzes, kaufte ein paar Marmorblöcke auf Lager und fing sein Geschäft an. Zu tun hatte er die erste Zeit wenig. Einsam und trübselig hing er seinen Todesgedanken nach. Während des bittern Winters wurde der lange dürre Yankee, diese wandelnde Vogelscheuche, die murmelnd durch die Straßen strich, zum Stadtgespräch. Alle Leute im Boarding-House wußten, daß er nachts in seinem Zimmer mit großen Schritten wie ein Raubtier im Käfig auf und ab ging, und daß er im Schlaf tief aufstöhnte. Er sprach mit niemandem.
Als aber der wunderbar grün-goldne Bergfrühling mit kurzen heftigen Windstößen, mit dem Zauber und Duft der Blüten, mit lauen balsamischen Brisen kam, begann die große Wunde in Oliver zu verheilen. Seine Stimme ward wieder vernommen. Purpurn leuchteten die alte Beredsamkeit, das alte Ungestüm in ihm auf.
Eines Apriltages, als er frischerweckter Sinne vor seine Werkstatt trat, um das flimmernde Leben auf dem Stadtplatz zu beobachten, hörte er hinter sich die Stimme eines Mannes, der gerade vorüber ging. Und diese seichte, träge, langgezogne Stimme rührte wie ein Lichtstrahl an ein Bild, das zwanzig Jahre in ihm geschlummert hatte.
»Er kommt! Er muß kommen! Meiner Berechnung nach trifft er am 11. Juni 1886 ein.«
Oliver wandte sich um und erblickte die freundlich-feiste Gestalt eines Wanderpredigers, die er zum letztenmal gesehn hatte, als sie auf der staubigen Marschroute entschwand, die nach Gettysburg und Armageddon führt.
»Wer ist das?« fragte er jemanden.
Der Mann guckte und grinste.
»Das? Bacchus Pentland«, sagte er. »Ein Original. Seine Leute leben hier in der Gegend.«
Oliver leckte seinen großen Daumen. Dann fragte er dünn lächelnd:
»Ist Armageddon jetzt gekommen?«
»Er erwartet das täglich«, sagte der Mann.
Dann traf Oliver Eliza. Eines Frühlingsnachmittags lag er auf dem Ledersofa in seiner Bude und lauschte auf die hellen, pfeifenden Geräusche vom Platz. Ein heilsamer Friede brütete über seiner langausgestreckten Gestalt. Er dachte an mulmige schwarze Erde, über die das junge Licht der Blumen flackert, an kühles, perlendes Bier, an des Pflaumenbaums fallende Blüten. Da hörte er Frauenschritte auf die Werkstatt zukommen, schnell sprang er auf. Er zog gerade seinen wohlgebürsteten schwarzen Rock an, als sie eintrat.
»Ich wünscht, ich wär ein Mann«, begann Eliza mit vorwurfsvollem Spott, »und hätt den ganzen Tag nichts zu tun, als auf einem bequemen Sofa zu liegen.«
»Guten Nachmittag, Madam«, sagte Oliver. Er verbeugte sich umständlich. Ein mattes Lächeln spielte um seine schmalen Mundwinkel. »Sie haben mich in der Tat beim Mittagsschlaf überrascht. Ich schlafe tagsüber eigentlich selten, aber meine Gesundheit ist in letzter Zeit ein wenig angegriffen. So bin ich nicht imstand, die Arbeit zu leisten, die ich früher tat.«
Er schwieg einen Augenblick und ließ traurig den Kopf hängen. »Ach Gott, ich weiß wirklich nicht, was noch aus mir werden wird.«
»Ei was!« wandte Eliza schnell und verächtlich ein. »Meiner Meinung nach fehlt Ihnen gar nichts. Sie sind ein Mordskerl von einem Mann und stehn in den besten Jahren. Gut zur Hälfte ist die Sache gewiß nur Einbildung. Vor drei Jahren hielt ich Schule in Hominy Township und bekam die Lungenentzündung. Kein Mensch glaubte, daß ich durchkäme. Aber ich hab's doch geschafft. Ich erinnere mich, da lag ich eines Tags da ... ich glaub, man nennt das rekonvaleszieren ... ja! ... Der Grund, wieso mir das jetzt einfällt, ist der: der alte Doktor Fletscher war gerade dagewesen, und als er wegging, sah ich, wie er zu meiner Kusine Sally den Kopf schüttelte. ›Aber Eliza, um Himmels willen!‹ sagte Sally zu mir, sobald er zum Haus draußen war. ›Er sagte mir, daß Du Blut spuckst, so oft Du hustest. So sicher, wie ich hier steh: Du hast die Schwindsucht!‹ – ›Ei was!‹ hab ich gesagt, und ich lachte so laut heraus, wie ich nur konnte. ›Kein Wort glaub ich davon!‹ Und ich dacht mir: ›Nur nicht nachgeben, ich werd sie alle mal rein zum Narren halten.‹ (Hier nickte Eliza und rollte die Lippen) ... ›und außerdem, Sally‹, hab ich gesagt, ›einmal kommen wir alle dran. Unsinn, sich deswegen Gedanken zu machen. Was kommt, kommt. Es kann morgen sein, es kann später sein. Aber kommen muß es gewiß.‹«
»Ach Gott«, sagte Oliver und nickte traurig, »ein wahreres Wort ist nie gesagt worden.«
Barmherziger Heiland! dachte er verzweifelt. Wie lange wird sie daherreden? Aber ein hübscher Kerl ist sie, todsicher. Er sah wohlgefällig ihre aufrechte, gutgebaute Figur an. Er bemerkte die milchweiße Haut, die schwarzbraunen Augen mit dem drolligen Kinderblick, ihr tiefschwarzes glänzendes Haar, das von der hohen weißen Stirn glatt zurückgekämmt war. Sie hatte die Angewohnheit, vorm Sprechen stets die Lippen zu rollen. Sie sprach langatmig und kam stets erst über nie endende Abschweifungen und Seitenpfade, über alle Wegenden der Erinnerung zur Sache, so, als müsse sie zunächst erst bei allen Dingen, die sie je getan, gefühlt, gedacht, gesehn, erlebt hatte, mit egozentrischem Entzücken verweilen.
Als er sie so anblickte, brach sie plötzlich mitten im Satz ab, legte ihre nett behandschuhte Rechte ans Kinn und starrte mit nachdenklich gerolltem Mund ins Leere.
»Also!« sagte sie. »Falls Sie sich hier erholen und einen Teil Ihrer Zeit liegen müssen, dann brauchen Sie etwas, was Sie geistig beschäftigt.« Sie öffnete das kleine lederne Handköfferchen, das sie trug, und nahm eine Visitenkarte und zwei dicke Bände heraus. »Mein Name«, sagte sie gewichtig und mit langsamem Nachdruck, »ist Eliza Fentland. Ich vertrete die Verlagsanstalt Larkin and Company.«
»Barmherziger Heiland!« dachte Oliver. »Wie würdig und stolz sie das sagt! Eine Buchagentin also!«
»Wir offerieren«, sagte Eliza und öffnete ein mit phantastischem Buchschmuck aus Speeren, Fahnen, Lorbeerreisern ausgestattetes Werk, »eine poetische Blütenlese, betitelt Juwelen in Vers für Herd und Heim und außerdem Larkins Handbuch Arzt und Arznei zum Hausgebrauch, ein Werk, das Kuren und Vorbeugungsmittel für mehr als fünfhundert Krankheiten enthält.«
»So ...« sagte Gant, heimlich grinsend, und leckte seinen großen Daumen. »Da könnte auch ich wohl herausfinden, was mir fehlt.«
»Ei gewiß!« versicherte Eliza mit entschiedenem Kopfnicken. »Sie lesen sozusagen die Poesie zum Besten Ihrer Seele und den Hausdoktor zum Wohl Ihres Leibs.«
»Gedichte mag ich sehr gern«, gestand Oliver, drehte ein paar Seiten um and hielt bei dem Abschnitt Sänge von Säbel und Sporn interessiert inne. »Als ich noch ein Bub war, konnte ich stundenlang rezitieren.«
Er kaufte die Bände. Eliza packte die Muster ein, richtete sich auf und sah sich neugierig in der verstaubten Bude um.
»Geht das Geschäft gut?« fragte sie.
»Nicht daß ich sagen könnte«, gestand Oliver. »Es kommt gerade genug dabei heraus, um Leib und Seele zusammenzuhalten. Ich bin fremd in der Stadt.«
»Ei was!« sagte Eliza fröhlich. »Sie sollten mehr unter die Leute gehen. Sie brauchen etwas, was die Gedanken ablenkt. Wenn ich Sie wäre, dann würde ich mal dran gehn, mich um die fortschrittliche Entwicklung dieser Stadt zu bekümmern. Wir haben hier alles Zeug zu einer Großstadt: Landschaft, Klima, Bodenschätze. Da wäre was zu machen. Wenn ich ein paar tausend Dollar hätte, wüßte ich genau, was ich mit ihnen anfangen würde.« Sie blinzelte ihm lustig zu und begann mit sonderbar männlichen Gebärden: den Zeigefinger ausgestreckt, die Faust lose geballt: »Betrachten Sie mal das Baugrundstück hier an der Ecke, dieses hier, auf dem Ihre Werkstatt steht. Es wird in den nächsten paar Jahren seinen Wert verdoppeln. Und dort –« sie deutete mit einer weiten Armbewegung –' »dort wird eines Tages eine Straße laufen, so sicher, wie ich hier steh ...»– sie rollte nachdenklich die Lippen – »und dann wird dieses Grundstück schweres Geld wert sein.« Sie fuhr fort, versonnen-hungrig über Baugelände zu reden. In ihrer Vorstellung war die Stadt ein ungeheurer Blaupausplan; ihr Gedächtnis war mit Zahlen und Schätzungen vollgepfropft; sie wußte, wer ein Grundstück besaß, wer es verkauft hatte; sie kannte den Kaufpreis, den faktischen und den Spekulationswert; sie verstand sich auf erste und zweite Hypotheken.
Oliver dachte an Sidney. Als sie fertig war, bemerkte er mit Nachdruck:
»Ich hoffe, ich werde nie wieder in meinem Leben Immobilien besitzen; außer einem Wohnhaus natürlich. So was lastet wie ein Fluch auf einem, und am Ende kriegt doch der Steuereinnehmer alles.«
Eliza sah ihn verdutzt an, als hätte er sich zu einer verdammenswerten Irrlehre bekannt.
»Na, aber hören Sie! Das wollen Sie doch nicht im Ernst behaupten! Sie werden sich doch auch etwas für die magern Jahre zurücklegen wollen?«
»Ich befinde mich mitten in den magern Jahren«, sagte er düster. »Was ich an Grund und Boden benötige, sind acht Kubikfuß Erde für ein Grab.«
Dann aber redete er von freundlichern Dingen und geleitete sie zur Tür. Er sah ihr nach, wie sie lustig über den Stadtplatz davonging. Er beobachtete, daß sie im Rinnstein ihren Rock mit damenhafter Artigkeit ein wenig hob. Dann wandte er sich zu seinen Marmorblöcken. Eine Freudigkeit regte sich in ihm, die er für immer verloren geglaubt hatte.
Die Familie Pentland, der Eliza angehörte, war eine der sonderbarsten Sippen, die dies Gebirg je hervorgebracht hatte. Ihr Anspruch auf den Namen Pentland war strittig. Ein Schotte dieses Namens, Bergbauingenieur von Beruf, Großvater des derzeitigen Haupts der Familie, war nach dem Befreiungskrieg auf der Suche nach Kupfer in die Gegend gekommen, hatte dort einige Jahre mit einer der Pionierfrauen gelebt und mehrere Kinder gezeugt. Als er verschwand, nahm die Frau für sich und die Kinder den Namen Pentland in Anspruch.
Derzeitiger Stammeshäuptling war Elizas Vater, Bruder des Propheten Bacchus, ein Major Thomas Pentland. Ein andrer Bruder war im Bürgerkrieg gefallen. Major Pentland hatte seinen militärischen Rang ehrlich aber unauffällig erworben. Während Bacchus, der es nie weiter als zum Korporal brachte, sich bei Shilo Blasen an die Hände feuerte, verteidigte der Major an der Spitze von zwei Landsturmkompagnien das heimatliche Gebirg. Diese natürliche Festung war zwar während des ganzen Feldzugs nicht bedroht, aber in den letzten Tagen vorm Waffenstillstand hatten die freiwilligen Wehrmannen, gut hinter Fels und Baum verschanzt, drei Salven auf ein verirrtes Detachement aus Shermans Armee abgegeben und sich dann stillschweigend zum Schutz ihrer wartenden Weiber und Kinder gedrückt.
Die Pentlands waren so alt wie irgendeine andere Familie in der Stadt. Sie waren immer arm gewesen und spielten sich nur selten als Patrizier auf. Durch Heirat und Versippung konnten sie sich naher Beziehung zu einigen Großen im Lande rühmen. Die Familie hatte den Durchschnitt an Idioten und Geisteskranken hervorgebracht; aber da sie an Intelligenz und Fiber den anderen Sippen der Gegend offensichtlich überlegen war, wurde ihr ein solider Respekt eingeräumt.
Die Pentlands hatten einen ausgeprägten Typ. Gruppenabzeichen waren breitangesetzte Nasen mit fleischigen, tief eingebuchteten Flügeln, sinnliche Lippen, gleichviel grob und delikat, die sich beim Nachdenken mit erstaunlicher Gewandtheit verziehen konnten; breite intelligente Stirnen und tiefe, flache, ein wenig hohle Wangen. Die Männer hatten im allgemeinen – obschon es auch eine leichenblasse Variation gab – hochrote Gesichter. Sie waren mittelgroß, untersetzt, schwer.
Major Thomas Pentland war Vater einer zahlreichen Familie. Die einzig überlebende Tochter war Eliza. Eine jüngere Schwester war ein paar Jahre zuvor an einer Krankheit gestorben, die die Familie wehmütig als »die Skrofeln unsrer armen Jane« bezeichnete. Von den sechs Buben war Bascom, der Älteste, nun dreißig, Will sechsundzwanzig, Jim zweiundzwanzig, waren Crockett, Elmer und Greeley der Reihenfolge nach achtzehn, fünfzehn, elf. Eliza war vierundzwanzig.
Die Kindheit der vier Ältesten war in die Hungerzeit nach dem Bürgerkrieg gefallen. Die Entbehrungen dieser Jahre waren so furchtbar gewesen, daß keins von den vieren je davon sprach. Sie hatten Wunden davongetragen, die nie ganz vernarbten. Die Folgen waren bei allen eine krankhafte Anlage zum Geiz, eine unersättliche Besitzgier und die Sucht, so bald wie möglich aus dem Haus des Majors hinauszukommen.
»Papa«, sagte Eliza mit damenhafter Artigkeit, als sie Oliver zum erstenmal ins Wohnzimmer des Elternhauses führte, »darf ich Dir Mister Gant vorstellen?«
Major Pentland erhob sich gemächlich vom Schaukelstuhl am offenen Kamin, klappte das Messer zusammen und legte den Apfel, den er gerade geschält hatte, auf den Kaminsims. Bacchus, der gerade an einem Stock geschnitzt hatte, sah wohlwollend auf. Will, der wie gewöhnlich an seinen Fingernägeln herumschnipselte, grüßte den Besuch mit einem komischen Zwinkern. Die Herren pflegten sich mit ihren Taschenmessern zu amüsieren.
Major Pentland, ein stämmiger, wohlbeleibter Fünfziger mit hochrotem Gesicht und einem Patriarchenbart, ging langsam auf Gant zu.
»Sie sind W. O. Gant? Nicht wahr?« fragte er mit öliggedehnter Stimme.
»Ja«, sagte Oliver.
»Na, nach dem, was mir Eliza erzählt hat«, sagte der Major und gab seiner Zuhörerschaft ein Zeichen, »müßten Sie L. E. Gant heißen.«
Das Zimmer schallte vom feisten, selbstgefälligen Lachen der Pentlands.
»Schäm Dich, Papa!« rief Eliza und legte die Hand an die Nase. Gant grinste mit geheuchelter Heiterkeit.
»Elender alter Racker«, dachte er, »diesen Kalauer hast Du bestimmt seit einer Woche auf Lager.«
»Will hast Du zuvor getroffen«, sagte Eliza.
»Zuvor und zunach«, blödelte Will.
»Und dies, sozusagen«, sagte Eliza, »dies ist Onkel Bacchus.«
»Tschawoll«, sagte Bacchus strahlend, »ganz wie er leibt und lebt.«
Will spottete gutmütig über seinen beleibten Onkel. Major Pentland riß einen alten Kalauer. Gant, mit frostigem Grinsen, war entschlossen, das Schlimmste über sich ergehn zu lassen. Die Tür ging auf, und ein Trupp Pentlands kam herein; Elizas Mutter, eine einfache, verblühte Frau, schottischen Typs, – Jim, ein sonnverbrannter Bursch, seinem Vater aus dem Gesicht geschnitten, – Thaddäus, braunäugig, braunhaarig, gutmütig, kälbern, – Greeley, der Jüngste, der unter idiotischem Schmunzeln kleine Quietschlaute hervorbrachte, über die die ganze Gesellschaft lachte. Er war elf, degeneriert, schwächlich, skrofulös; seine weißen, schweißigen Hände wußten der Violine ungelernte, überirdische Musik zu entlocken.
Da saßen sie dann in der warmen Wohnstube, im Geruch mürber Äpfel. Der Wind brauste von den Bergen herunter, sauste in den kahlen Föhren, so daß die Äste aneinanderschlugen. Und während sie schälten oder schnitzten oder schnipselten, glitt das Gespräch von Ulk und Blödelei hinweg. Die Rede war vom Tod und vom Sterben. Dumpf, eintönig, mit feistem Behagen schwatzten sie vom Geschick, sprachen sie von kaum begrabnen Leuten. Und indessen das Gespräch kein Ende nahm, heulte draußen der geisterhafte Wind. In Gant wurde es finster. Seine Seele sank in Nacht. Er spürte, daß er immer ein Fremdling auf Erden bleiben werde, er spürte, daß er, ein Fremdling, sterben müsse, er spürte, daß alle sterben müssen – nur diese triumphierenden Pentlands, die sich schmatzend am Tode gütlich taten, nicht.
Wie einer, der in Polarnacht untergeht, dachte er an die üppigen Wiesen seiner Jugend: die Maisfelder, den Pflaumenbaum, das reife Korn. Warum hier? O verloren!
Oliver heiratete Eliza im Mai. Sie machten eine Hochzeitsreise nach Philadelphia und zogen dann in das Haus an der Woodson Street, das er ihr gebaut hatte.
Mit seinen großen Händen hatte er Fundamente gelegt, tiefe Keller ausgegraben, Wände mit glattem, warm-braunem Mörtel verkleidet. Er hatte sehr wenig Geld, dies Haus aber ward zum Spiegelbild seiner reichen Phantasie. Schließlich stand es – mit behaglichen Stuben im Innern, in denen er nach Laune auf und ab gehen konnte – mit einer großen weitbauchigen Veranda nach außen – an der Berglehne, nahe bei der hügeligen Straße. In der mulmigen Erde des Vorgartens legte Oliver Blumenbeete an; das kurze Stück Wegs zur Veranda pflasterte er mit viereckigen Buntmarmorplatten; er errichtete einen Staketenzaun zwischen seinem Heim und der Welt.
Im Garten hinterm Haus, der vierhundert Fuß den Abhang hinauf reichte, pflanzte er Obstbäume und Reben. Was er auch anrührte, gedieh. Mit den Jahren wuchsen die Bäume – Pfirsich, Pflaume, Kirsche und Apfel – hoch und trugen schwer. Die Rebhölzer wurden zäh, schlangen, wanden und schraubten sich an den Drähten, trieben üppig in Blätter, Ranken und Trauben. Sie umzogen das Grundstück in doppeltem Spalier, klommen zur Veranda vor, umrahmten die Fenster des Obergeschosses dicht mit Laub. Die Gartenblumen wucherten in wildem Tumult: sammelblättriges Nasturtium mit hundert gelb-goldnen Farben gefleckt, Rosen, Schneeballblüten, rotkelchige Tulpen und Lilien. Dichtes Geißblatt belud den Zaun. Was auch immer Olivers große Hände berührten, gedieh.
Für ihn war das Haus ein Bild seiner Seele, ein Gewand seines Lebenswillens. Aber für Eliza war es ein Stück Hab und Gut, dessen Wert als Grundstock zu einem Vermögen sie klug einschätzte. Wie alle älteren Kinder des Majors Pentland hatte sie seit ihrem zwanzigsten Lebensjahr langsam angefangen, Boden zu erwerben. Sie besaß bereits ein oder zwei Stücke Land, die sie vom Ersparten ihres kargen Verdiensts als Lehrerin und Buchagentin gekauft hatte. Sie überredete Oliver, sich auf einem dieser Grundstücke, einem kleinen Eckchen am Rand des Stadtplatzes, eine Werkstatt zu bauen. Mit eignen Händen und der Hilfe von zwei Negerarbeitern errichtete er einen Backsteinschuppen mit einer breiten Holztreppe, die von einer marmorgepflasterten Veranda auf dem Platz hinunter führte. Auf der Veranda lagerte er die Steinklötze. Neben der hölzernen Tür stellte er eine alberne, plumpe Engelsfigur aus.
Aber Eliza war mit seinem Geschäft nicht zufrieden. Am Tod war kein Geld zu machen. Die Leute stürben zu langsam, dachte sie. Sie sah voraus, daß ihr Bruder Will, der mit fünfzehn Jahren als Lehrling in den Holzhandel eingetreten war und nun bereits ein eignes Geschäft besaß, mit der Zeit ein reicher Mann werden würde. Sie überredete Gant, Will Pentlands Geschäftspartner zu werden. Nach einem Jahr jedoch ging Gants Geduld aus; sein Egoismus brach durch. Er schrie, daß Will sie alle ruinieren würde. Will, der seine Stunden im Geschäft abwechselnd damit zubrachte, mit einem Bleistiftstummel auf verschmutzte Briefumschläge Zahlen zu kritzeln, an seinen Nägeln herumzuschnipseln und blöde Witze zu reißen, kaufte stillschweigend Olivers Geschäftsanteil aus und baute weiterhin an seinem Vermögen. Gant zog sich in den einsamen Werkschuppen zu seinen verstaubten Marmorengeln zurück.
Die seltsame Gestalt Oliver Gants warf ihren Schatten durch die Stadt. Die Leute hörten, wie er früh und spät Eliza pathetisch verfluchte, sahen ihn, wie er vom Haus zur Werkstatt rannte, wie er sich über seinen Marmorblöcken beschäftigte, wie er fluchend und heulend mit leidenschaftlichem Eifer an seinem Heim baute. Sie lachten über die Großspurigkeit seiner Redensarten, seiner Fühlweise, seiner Gebärden. Sie verstummten vor der manisch-trunksüchtigen Wut, die ihn fast pünktlich alle zwei Monate befiel und zwei bis drei Tage dauerte. Stinkend und bewußtlos fanden sie ihn in der Gosse und schleppten ihn heim ... der Bankier, der Schutzmann, ein ihm ergebner, schäbiger Juwelier namens Jannadeau, ein stämmiger Schweizer, der eine kleine, ausgezäunte Ecke von Gants Grabmalschuppen gemietet hatte. Sie behandelten ihn zart und sorgfältig, sie empfanden das Seltsame, Stolze und Glorreiche in ihm. Er blieb ihnen fremd. Niemand – nicht einmal Eliza – nannte ihn je beim Vornamen. Er war und blieb für immer »Mister« Gant.
Was Eliza an Schmerz, Angst und Herrlichkeit ausstand, weiß kein Mensch. Über alles atmete Gant seine Gier, seine Wut. Wenn er betrunken war, trieb ihn ihr weißes, zusammengezogenes Gesicht mit den kleinen, langsamen Anzeichen des Mißmuts zum hellen Wahnsinn. Sie war dann tatsächlich in Lebensgefahr und mußte ihr Zimmer vor ihm absperren. Von allem Anfang an führten die beiden einen dunklen, unheimlichen Krieg miteinander. Wenn er fluchte, flennte Eliza oder blieb stumm. Auf seine hochtrabenden Reden antwortete sie mit trocknem Genörgel. Sie war nachgiebig wie eine Weide im Sturm ... und langsam, unwiderstehlich setzte sie ihren Willen gegen ihn durch. Jahr um Jahr, trotz seines brüllenden Protests, erwarben sie – er wußte nicht wie – kleine Stücke Land, zahlten die verhaßten Grundsteuern und kauften von dem übrigen Geld neuen Boden hinzu. Über die Ehefrau hinweg, über die Mutter hinaus, entwickelte sich in Eliza eine Person männischen Wesens: die Grundstücksspekulantin.
In elf Jahren gebar sie ihm neun Kinder, von denen sechs am Leben blieben. Das erste, ein Mädchen, starb im zwanzigsten Monat an Kindercholera. Zwei andre starben bei der Geburt. Die übrigen überstanden die grimmen Anfälligkeiten der ersten Lebenszeit. Das älteste, ein Junge, war 1885 geboren und wurde Steve getauft. Das zweite, fünfzehn Monate später geboren, war ein Mädchen: Daisy. Das nächste, gleichfalls ein Mädchen, kam drei Jahre später. Dann, 1892, kamen Zwillingsbuben, denen Gant, der stets Geschmack an der Politik fand, die Namen der Präsidenten Grover Cleveland und Benjamin Harrison gab. Der letzte, Luke, war zwei Jahre später, 1894, geboren.
Zweimal in dieser Zeitspanne – in fünfjährigen Intervallen – artete Gants periodische Trunksucht in wochenlang ununterbrochene Sauferei aus. Er verkam. Beide Male schickte ihn Eliza zur Kur in eine Trinkerheilstätte in Richmond. Einmal erkrankten sie und vier ihrer Kinder zu gleicher Zeit an Typhus. Während einer langwierigen Rekonvaleszenz schürzte sie die Lippe und fuhr mit den Kranken zur Erholung nach Florida.
Schwerfällig rang sich Eliza in diesen Jahren der Liebe, der Widerwärtigkeiten und des Verlusts zum Sieg durch. Sie ertrug das wilde Flackern von Gants fremdem, leidenschaftlichem Sein. Stumpf und grausam war er oft, aber sie erinnerte sich immer an das Herrliche, die ungeheure Leuchtkraft des Lebens in ihm, sie dachte stets an das Verlorne, Verschüttete in ihm, das er nicht finden konnte. Furcht und wortloses Mitleid packten sie, wenn sie manchmal beobachtete, daß seine kleinen unruhigen Augen still und dunkel wurden vom sinnlos-gierigen Hunger, der alten Qual. O verloren!
In der Prozession der Jahre, in denen die Geschichte der Familie Gant sich vollzog, sind nur wenige mit Schmerz, Schrecknis und Elend so beladen gewesen wie das, mit dem das 20. Jahrhundert begann. 1900 wurde Gant fünfzig. Er wußte, daß er halb so alt war wie das ausgegangne Jahrhundert, daß Menschen nur selten ein Jahrhundert alt werden. Eliza, die mit dem letzten Kind, das sie gebären sollte, schwanger ging, überstand ihre letzte verzweifelte Angst. In der üppigen Dunkelheit von Sommernächten, als sie ausgestreckt, die Hände auf dem verschwollenen Leib, im Bett lag, begann sie, ihr Leben für die Jahre, in denen sie nicht mehr Mutter werden würde, zu planen. Der Golf, an dessen gegenüberliegenden Küsten ihr und Olivers Leben gegründet waren, lag weit offen vor ihr. Mit unendlicher Geduld und instinktiv prophetischer Gefaßtheit spähte sie aus.
