In den Wäldern des Nordens - Jack London - E-Book

In den Wäldern des Nordens E-Book

Jack London

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Beschreibung

Jack Londons Buch 'In den Wäldern des Nordens' ist ein Meisterwerk der Abenteuerliteratur, das die Leser auf eine fesselnde Reise durch die eisige Wildnis Alaskas mitnimmt. London's einzigartiger Schreibstil verbindet packende Spannung mit tiefgreifenden Themen wie Mensch gegen Natur und die Suche nach persönlicher Freiheit. In diesem Buch erforscht er die raue Schönheit der nordischen Wälder und porträtiert die Überlebenskämpfe des Protagonisten auf eindringliche Weise. Mit seiner prägnanten Sprache und emotionalen Tiefe ist 'In den Wäldern des Nordens' ein Klassiker der Abenteuerliteratur, der den Leser von der ersten bis zur letzten Seite fesselt. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Seitenzahl: 296

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Jack London

In den Wäldern des Nordens

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Anna Pohl

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2018
ISBN 978-80-272-4193-4

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
In den Wäldern des Nordens
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen Frost und Gier entscheidet die Natur über das Maß des Menschen. In den Wäldern des Nordens begegnen wir einer Welt, in der Kälte, Stille und Entbehrung keine Kulisse, sondern handelnde Kräfte sind. Wer hier überlebt, tut es nicht durch große Gesten, sondern durch klare Wahrnehmung, disziplinierte Entscheidungen und ein unbestechliches Gespür für Grenzen. Jack Londons Erzählkunst verdichtet diese Erfahrung zu einem konzentrierten Blick auf Mut, Irrtum und Konsequenzen. Die Wälder, Flüsse und zugefrorenen Meere des Nordens werden zur Prüfstation für Körper und Gewissen – und zum Prüfstein für unsere Vorstellungen von Zivilisation.

Jack London (1876–1916), amerikanischer Schriftsteller und Reporter, formte seine Nordlandgeschichten aus unmittelbarer Erfahrung: 1897/98 nahm er am Klondike‑Zug teil und kehrte mit Notizen, Beobachtungen und Themen zurück, die sein Werk prägten. In den Wäldern des Nordens versammelt Erzählungen und Motive aus diesem Zyklus des frühen 20. Jahrhunderts, geschrieben in einer Phase, in der London in Zeitschriften veröffentlichte und rasch internationale Aufmerksamkeit gewann. Der Band wurzelt somit in jener Entstehungszeit, in der Londons realistische Abenteuerprosa die literarische Landschaft neu akzentuierte und den Yukon zur weltliterarischen Bühne machte.

Dass das Werk als Klassiker gilt, liegt an der seltenen Verbindung aus erzählerischer Ökonomie, psychologischer Genauigkeit und elementarer Spannung. London führt Abenteuer nicht als romantisches Ausflugsprogramm vor, sondern als existenzielle Verdichtung. Er setzt die Sprache so knapp wie die Atemzüge seiner Figuren, misstraut Verklärung und vertraut Beobachtung. Diese Haltung hat das Bild des Nordens in der Literatur geprägt, andere Autorinnen und Autoren zu nüchternem Realismus ermutigt und dem Genre der Überlebensgeschichte ein modernes Profil gegeben. Ein Klassiker ist dieses Buch, weil es Haltung und Handwerk vorführt, die Zeitläufe überdauern.

Sein Einfluss ist weit verzweigt: Er reicht von naturkundlich genauen Landschaftsdarstellungen über sozialgeschichtliche Studien bis in die Populärkultur des Abenteuerstoffs. London zeigt, wie ökonomischer Druck, Kälte und knappe Ressourcen Verhalten formen. Seine Erzählungen verbinden naturwissenschaftliche Neugier, sozialdarwinistische Zeitdiagnosen und eine Ethik der Verantwortung, deren Ambivalenzen bewusst bleiben. Aus dieser Mischung erwächst ein Kanontext, der spätere Reise‑, Outdoor‑ und Expeditionsliteratur anleitet – in Ton, Tempo und Perspektivwechsel. Die Wälder des Nordens sind dabei weniger Ort als Erfahrung, die Leserinnen und Leser lehrt, was eine Entscheidung kosten kann.

Im Mittelpunkt steht eine Ausgangssituation, die schlicht klingt und doch alles fordert: Menschen begeben sich in eine entlegene, winterliche Region, um Wege, Beute oder Gold zu finden, und müssen Unterkühlung, Hunger, Distanz und Unwägbarkeiten überstehen. Hunde, Schlitten, dünnes Eis, offene Ströme und plötzliche Wetterstürze werden zu dauernden Variablen. Aus kleinen Fehlern entstehen große Gefahren, aus kluger Vorbereitung erwächst eine Chance. Ohne vorzugreifen, lässt sich sagen: Die Geschichten verfolgen, wie Selbstbehauptung, Kooperation und Urteilskraft in einer Umgebung bestehen, die jede Schwäche bemerkt und jede Illusion entlarvt.

Stilistisch vertraut London auf Präzision. Seine Sätze sind zügig, bilderhell, handlungsnah. Er benennt Temperaturen, Distanzen, Material, Bewegungen, als zählte er Belege, und schafft doch atmosphärische Dichte. Innenleben zeigt er nicht durch lange Monologe, sondern durch Entscheidungen, Blickrichtungen und knappe Rückblenden. Der Erzählton bleibt sachlich, ohne Kälte; er erlaubt dem Leser, zu urteilen, statt vorzufühlen. Daraus entsteht eine Spannung, die weniger auf Überraschung als auf Konsequenz beruht. Die Dramaturgie folgt dem Realen: Vorräte nehmen ab, Wege verlangen Umkehr, Körper setzen Signale – und jedes Versäumnis verlangt Zahlung.

Thematisch verhandelt das Buch die Grenzlinie zwischen Kultur und Natur. Zelte, Regeln, Werkzeuge und Erzählungen sind Versuche, Ordnung in eine Welt aus Eis und Wald zu tragen. Doch die Natur beantwortet diese Anstrengungen nicht mit Feindschaft, sondern mit Indifferenz – eine Herausforderung, die Demut ebenso verlangt wie Erfindungsgabe. Zugleich treten soziale Fragen hervor: Führungsverantwortung, Gerechtigkeit beim Teilen, das Gewicht von Erfahrung. Wissensformen, die aus dem Land selbst erwachsen, stehen neben dem Selbstvertrauen der Neuankömmlinge. Aus dieser Reibung entstehen Einsichten in Respekt, Maßhalten und die Kunst, rechtzeitig umzukehren.

Der historische Hintergrund ist der Klondike‑Goldrausch (1896–1899), der Tausende in die nordwestliche Wildnis zog. Wege über Pässe, Flüsse und Eisflächen, Mangel an Nahrung und die Härte des Winters bildeten den Alltag dieses Zuges. London erlebte diese Realität aus nächster Nähe und transformierte sie in Literatur, die in Magazinen erschien und bald in Buchform kursierte. Seine Texte tragen Spuren des Reportagehandwerks: präzise Details, klare Chronologien, Sinn für Risiko. Zugleich übersteigen sie das Zeitdokument, indem sie das Konkrete in eine allgemeine Mythologie des Prüfens und Bestehens überführen.

Im Gesamtwerk nimmt der nordische Zyklus – neben Wolfsblut und Der Ruf der Wildnis – eine zentrale Stellung ein. In den Wäldern des Nordens steht in dieser Traditionslinie: Es ergänzt die großen Tier‑ und Menschenromane durch kürzere, fokussierte Erzählungen, die Motive wie Kälte, Rudel, Hunger, Loyalität und List variieren. So entsteht ein Mosaik aus Situationen, das die Spannweite von Londons Themen sichtbar macht. Wer sein Werk verstehen will, findet hier ein Labor der Formen, in dem Tonlagen, Perspektiven und Konflikte erprobt wurden, bevor sie in späteren Büchern breitere Resonanz erhielten.

Die deutsche Rezeption trug früh zu Londons Popularität bei. Übersetzungen machten seine klaren, bildkräftigen Texte einem großen Lesepublikum zugänglich und bewahrten den Rhythmus der Handlung. Unter dem Titel In den Wäldern des Nordens sind im deutschsprachigen Raum wiederholt Ausgaben erschienen, die die Nordlandstoffe bündeln und neu kontextualisieren. Der Band schließt damit an eine Lesetradition an, die Abenteuer nicht als Flucht, sondern als Erkenntnispraxis versteht. Dass die Geschichten in unterschiedlichen Editionen präsent bleiben, zeigt ihre Anpassungsfähigkeit – ein Kennzeichen lebendiger Klassiker.

Heute, im Zeitalter von Klimawandel, Ressourcenknappheit und globalen Lieferketten, gewinnen die Fragen dieses Buches erneute Schärfe. Wie handeln Menschen unter Druck? Was schulden wir einander, wenn Vorräte und Zeit knapp werden? Welche Rolle spielt Erfahrung gegenüber Selbstüberschätzung? Und wie verhalten wir uns zu Landschaften, die nicht Kulisse, sondern Mitakteure sind? Londons Erzählungen laden dazu ein, Belastbarkeit, Umsicht und Rücksicht neu zu denken. Sie erinnern daran, dass Technik Fähigkeiten ergänzt, nicht ersetzt, und dass Kooperation Überleben sichert, wo das Ich zu klein ist. Darin liegt ihre ungebrochene Aktualität.

Zeitlos ist dieses Buch, weil es klar sieht. Weil es Handlung aus Konsequenz entwickelt, nicht aus Zufall. Weil es Schönheit nicht beschwört, sondern entdeckt, wenn Atem, Schnee und Licht ins Gleichgewicht fallen. Und weil es den Leser an die Verantwortung des Urteils bindet. In den Wäldern des Nordens zeigt die Kraft knapper Sprache, die Würde der Anstrengung und den Respekt vor Grenzen. Es ist Einladung und Mahnung zugleich: Schritt zu halten mit einer Wirklichkeit, die niemandem schmeichelt – und gerade deshalb lehrt, wie beherztes, maßvolles Handeln Gestalt gewinnt.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

„In den Wäldern des Nordens“ von Jack London führt in eine Welt, in der Kälte, Weite und Schweigen den Takt vorgeben. Das Buch bündelt Erzählungen und Episoden, die den Norden als Schauplatz existenzieller Prüfungen zeigen: einsame Pfade, verschneite Flüsse, tiefe Wälder. Menschen brechen auf, um zu handeln, zu suchen, zu überleben oder einem Traum zu folgen. Von Beginn an geht es um Grenzerfahrungen, bei denen Entschlossenheit, Wissen und Nüchternheit über Gelingens- oder Scheiternsfragen entscheiden. Londons klare, bildstarke Prosa hält Distanz und Nähe zugleich: Beobachtend schildert er Handgriffe, Routinen und das Wechselspiel von Vorsicht, Risiko und Notwendigkeit.

Die Eröffnungen vieler Geschichten setzen Figuren in Bewegung: kleine Gruppen, einzelne Schlittenführer, stille Beobachter, gelegentlich Erzähler, die später wieder verstummen. Ein Auftrag, ein Handel, ein Gerücht über reiche Funde oder der simple Zwang zur Nahrungssuche setzt den ersten Schritt in die Tiefe der Wälder. Der Ton bleibt sachlich, doch unter dieser Ruhe vibriert Anspannung. Wer aufbricht, weiß, dass Entscheidungen rasch fallen müssen und selten umkehrbar sind. So entsteht ein Spannungsbogen aus Vorbereitungen, Wegen und Verfehlungen, der nicht auf bloßen Zufall baut, sondern auf Konsequenzen, die aus Können, Charakter und äußeren Bedingungen erwachsen.

Die anfänglichen Etappen zeigen den Norden als Prüfstein handwerklicher Vernunft. Lagerplätze müssen klug gewählt, Holz und Futter rechtzeitig beschafft, Kleidung und Vorräte kontrolliert werden. Die Erzählungen beleuchten ein stilles Regelwerk der Wildnis: Voraussicht auf Kosten von Bequemlichkeit, Strenge mit sich selbst, Respekt vor Wetter und Gelände. Früh treten erste Gegengewichte auf: Hunger zehrt, Dunkelheit entmutigt, ein Fluss trägt unsichtbare Gefahren. Ein erster Wendepunkt entsteht, wenn Routine bricht – ein Wettersturz, trügerisches Eis, eine falsch gelesene Spur. Die Handlung knickt, ohne zu dramatisieren, in Richtung knapper, folgenreicher Entscheidungen ab.

Mit dem Fortschreiten verknappen sich Ressourcen, und die sozialen Spannungen wachsen. Partnerschaften auf dem Trail werden auf Zuverlässigkeit geprüft; Fehler des einen bedeuten Lasten für alle. Hunde, Ausrüstung und Vorräte sind nicht nur Mittel, sondern auch Verantwortung. Ein zweiter Wendepunkt ergibt sich, wenn Pflichtgefühl und Selbsterhaltung kollidieren: Wer bleibt, wer geht weiter, was wird zurückgelassen? London zeigt die nüchterne Bilanz solcher Momente, ohne sie auszuschmücken. Das Konfliktfeld bleibt elementar: Natur, Not, und die Frage, ob Solidarität tragfähig ist, wenn die Rechnung des Überlebens enger wird als der Horizont.

Wiederkehrend sind Begegnungen mit anderen Gruppen und mit Menschen, die in dieser Landschaft heimisch sind. Handel, Hilfe, Misstrauen und Neugier stehen nebeneinander. In knappen Szenen verhandeln die Texte, wie Wissen über Wege, Wetter und Jagd geteilt, verkannt oder instrumentalisiert wird. Ein weiterer Wendepunkt ergibt sich, wenn ein Rat, eine Warnung oder ein Tausch die Marschrichtung verändert und Prioritäten verschiebt. Ohne die Ausgänge vorwegzunehmen, lässt London erkennen, dass Zugehörigkeit, Sprache und Gewohnheit über Chancen entscheiden – und dass Orientierung mehr ist als eine Karte oder ein Kompass.

Neben dem äußeren Weg verläuft ein innerer: Einsamkeit schärft Wahrnehmung und entblößt Selbstbilder. Die Stille der Wälder zwingt zum klaren Blick auf Motive – Gewinnstreben, Stolz, Trotz, Hoffnung. Leitmotive wie Feuer, Nahrung und Weg markieren die dünnen Linien, die Zivilisation und Wildnis trennen. Ein Wendepunkt liegt oft in scheinbar kleinen Verirrungen: ein zu spätes Feuer, eine übersehene Strömung, ein unterschätzter Abhang. Aus der Summe von Unachtsamkeiten entsteht eine Lage, die keine großen Worte, sondern präzise Handlungen verlangt. London beschreibt diese Schwelle mit kühler Genauigkeit, ohne sie heroisch zu verklären.

Gier und Versprechen schnellen Reichtums tauchen als Versuchungen auf. Die Geschichten zeigen Kalkül und Kurzsichtigkeit, aber auch Weitsicht und Verzicht. Verträge werden im Schnee ausgehandelt, Loyalität auf dem Prüfstand gehalten. Manchmal markiert ein Akt der Täuschung oder der Treue den nächsten großen Umschlagpunkt: Besitz oder Sicherheit, Vorrang der Gruppe oder des Einzelnen, Weg in die Tiefe oder geordneter Rückzug. Die Konsequenzen bleiben spürbar, doch das Buch verzichtet auf endgültige moralische Urteile. Stattdessen legt es offen, wie dünn die Linie ist, auf der Charakter sich behauptet oder zerbricht.

Gegen Ende verdichten sich die Erzählungen zu Bilanzmomenten. Aus Missgeschicken wird Erfahrung, aus Erfahrung Haltung. Figuren lernen, leichter zu reisen, Signale der Landschaft zu lesen und dem Zufall weniger Raum zu lassen. Nicht jeder Weg führt zurück, doch manche Heimkehr geschieht in anderer Gestalt: als Einsicht, als gelockerte Bindung an Besitz, als größere Trittsicherheit im Ungewissen. London bewahrt dabei einen Ton der Nüchternheit. Die Lösungen bleiben oft offen; die Wälder geben selten klare Antworten. Aber sie formen Blick und Schritt derer, die sie durchqueren, und hinterlassen Spuren, die nicht nur im Schnee liegen.

Im Nachhall zeigt das Buch den Norden als eigenständige Figur – unerbittlich, aber nicht bösartig; groß, aber nicht leer. Es stellt Fragen nach Maß und Demut: Was schuldet der Mensch der Landschaft, die ihn nährt und bedroht? Was hebt ihn, wenn Technik und Wille an Grenzen stoßen? Die nachhaltige Botschaft liegt in der Anerkennung von Abhängigkeiten: zwischen Menschen, zwischen Kenntnis und Bescheidenheit, zwischen Feuer und Frost. „In den Wäldern des Nordens“ bleibt deshalb weniger Abenteuerspektakel als ernste Schule der Wahrnehmung – ein Ruf zu Respekt, Wachsamkeit und Solidarität, der über seine Zeit hinausweist.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

In den Wäldern des Nordens ist in einem subarktischen Raum verortet, dessen boreale Wälder sich über Alaska und den Yukon erstrecken. Die Erzählwelt spiegelt die Zeit um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert, als der Norden von Goldsuchern, Händlern und staatlichen Beamten neu geordnet wurde. Dominante Institutionen waren in Kanada die North-West Mounted Police und die junge Verwaltung des Yukon-Territoriums, in Alaska verschiedene Bundesbehörden, Missionswerke und Handelsgesellschaften. In dieser Grenzregion prägten Klimaextreme, knappe Ressourcen und lange Distanzen die Lebensführung, während wechselnde Souveränitäten und Handelsregeln Alltagsentscheidungen und Konflikte strukturierten.

Politisch war die Region von größeren Verschiebungen geprägt. 1867 ging Alaska von Russland an die Vereinigten Staaten über; die zivile Ordnung entwickelte sich dort schrittweise über den Organic Act von 1884 und spätere Justiz- und Verwaltungsstrukturen. Auf kanadischer Seite gründete Ottawa 1898 das Yukon-Territorium, um die Goldrausch-Zuwanderung zu steuern. Die North-West Mounted Police etablierten Posten entlang der Routen und in Dawson City, setzten Zölle, Ausrüstungspflichten und Alkoholverbote durch. Diese Institutionen bilden den rechtlich-administrativen Hintergrund, vor dem Londons Figuren handeln, handeln müssen oder Regeln umgehen.

Der Klondike-Goldrausch, ausgelöst durch Funde am Bonanza Creek 1896, brachte 1897/98 Zehntausende in den Norden. Die Entdeckung ist eng mit den Namen Keish (Skookum Jim), Káa Goox (Tagish Charlie) und George Carmack verbunden. Zeitungen an der US-Westküste schürten Erwartungen, während Seattle und San Francisco als Ausstattungszentren profitierten. Die stampedes über Chilkoot und White Pass führten zu improvisierten Camps, provisorischen Märkten und gefährlichen Engpässen. Diese historische Bewegung, die Gier, Hoffnung und Verzweiflung bündelte, liefert den sozialen Stoff, den London in seinen Nordland-Erzählungen mehrfach verdichtet.

Dawson City wuchs 1898 vorübergehend zur größten Stadt nördlich von Seattle und westlich von Winnipeg. Zugleich etablierte Kanada dort Gerichte, Zollstellen und Verwaltungsbüros, um Landrechte, Minenansprüche und öffentliche Ordnung zu regeln. Die Mounties verlangten von Einreisenden eine Jahresausrüstung, um Hungersnöte im Winter zu verhindern. Hohe Preise, knappe Unterkünfte und improvisierte Versorgung bestimmten den Alltag. Diese Mischung aus staatlicher Reglementierung und informellen Praktiken erzeugt die Ambivalenz, die in In den Wäldern des Nordens als Reibung zwischen Gesetz, Notwendigkeit und moralischem Eigenrecht wiederkehrt.

Der Transport im Norden folgte den Jahreszeiten. Im Sommer verbanden Flussdampfer den Yukon mit Schiffslinien über St. Michael zum Beringmeer; im Winter dominierten Hundeschlitten, Schneeschuhe und selbstgezogene Schlittenzüge. Über Pässe wie Chilkoot trugen Menschen Tonnen an Vorräten, später ersetzten Lasttiere und Seilbahnen manche Etappen. Das Wissen um Flusspegel, Packeis und Tauwetter war überlebenswichtig. Diese materiell-technische Umwelt, mit ihren sternradgetriebenen Schiffen, Ballen aus Trockenproviant und knirschendem Schnee, rahmt die Handlungslogik der Figuren, die Wege, Distanzen und Zeitfenster kalkulieren müssen.

Die Region war und ist Heimat zahlreicher indigener Völker, darunter Athabaskischsprachige wie Hän, Gwich’in und Koyukon sowie, in Alaska, auch Inupiat und Yup’ik. Vor dem Goldrausch basierten Ökonomie und Mobilität auf saisonaler Jagd, Fischerei und weiträumigen Tauschbeziehungen. Mit dem Zustrom von Außenstehenden verdichteten sich Handelskontakte, Abhängigkeiten und Konflikte. In Londons Texten erscheinen diese Begegnungen oft als Aushandlung zwischen überlieferten Normen und kolonialen Erwartungen. Die Genauigkeit variiert, doch die Konfrontation von Wissensformen – etwa beim Reisen, Heizen oder Spurenlesen – ist historisch gut belegt.

Missionarische Präsenz prägte weite Teile der sozialen Ordnung. Die Russische Orthodoxie wirkte seit dem 19. Jahrhundert an der Küste und entlang großer Flüsse, während anglikanische und römisch-katholische Missionen im Yukon Schulen, Hospize und Kirchen gründeten. In Alaska förderte der presbyterianische Geistliche Sheldon Jackson ab den 1880er Jahren ein Netz von Schulen und führte Rentierhaltung ein, um Versorgungslücken zu schließen. Diese Institutionen veränderten Familienstrukturen, Sprachen und religiöse Praktiken. In Londons Erzählkosmos erscheinen Missionen und Schamanen, Unterricht und Überlieferung als konkurrierende Deutungsangebote für Krankheit, Unglück und moralische Autorität.

Vor dem Gold lag der wirtschaftliche Schwerpunkt auf dem Pelzhandel. Die Hudson’s Bay Company betrieb seit dem 19. Jahrhundert Posten wie Fort Yukon, bevor US-Behörden nach 1867 neue Rahmen setzten. Händler nutzten Kredit, Vorschüsse und Tausch, um lokale Jagdzyklen zu ihren Lieferketten zu verknüpfen. Mit dem Goldrausch kollidierten diese älteren Austauschsysteme mit dem Bargeldbedarf der Camps. Londons Figuren bewegen sich oft an dieser Schnittstelle: zwischen dem Vorratslager des Traders, dem Kreditbuch, der Jagd auf Pelztiere und der neuen Welt des schweren Goldsandbeutels und des unerbittlichen Kassenbuchs.

Die Naturbedingungen waren brutal. Temperaturen weit unter –40 Grad, knappe Dämmerung und sprödes Holz bestimmten den Winter. Fehler bei Feuerung, Ernährung und Kleidung konnten tödlich enden. Scurvy trat häufig auf, wenn frische Nahrung fehlte. Jack London erkrankte während seines Aufenthalts 1897/98 im Yukon selbst an Skorbut und kehrte geschwächt zurück. Diese Erfahrung floss in seine nördlichen Erzählungen ein, in denen Improvisation, Kalorienmanagement und medizinische Ahnungslosigkeit realistisch durchscheinen. In den Wäldern des Nordens nutzt diese Härten als objektiven Zwang, der Moral, Loyalität und Vorsicht auf die Probe stellt.

Recht wurde im Norden teils formal, teils situativ hergestellt. In Kanada regelten detaillierte Minengesetze Anspruchsgrößen, Abgaben und Arbeitsverpflichtungen; die Mounties verhinderten vielerorts Lynchjustiz. In Alaska trafen föderale Regeln, Richter auf Reisen und lokale Gewohnheiten aufeinander. Miners’ meetings kodifizierten frühzeitig einfache Normen zu Claims und Wasserrechten. Alkoholverbote, Waffentragen und Schanklizenzen waren Brennpunkte des Konflikts. Diese Gemengelage verleiht Geschichten vom Nordland ihren Realismus: Entscheidungen wurden zwischen Moral, Nutzen und drohender Strafe austariert, während die Distanz zu staatlicher Gewaltanwendung eine eigentümliche Grauzone eröffnete.

Kommunikation blieb prekär, verbesserte sich aber um 1900 deutlich. Kanada baute 1899–1901 eine Telegrafenlinie nach Dawson City, die Nachrichtenfluss und Marktinformationen beschleunigte. In Alaska verband das Washington-Alaska Military Cable and Telegraph System ab 1900 schrittweise entlegene Orte. Zeitungen wie der Klondike Nugget verbreiteten Neuigkeiten, Preise und Gerüchte. Diese Verdichtung der Information veränderte Konkurrenz, Kooperation und Betrug. In Londons Erzählwelt wirken falsche Signale, verspätete Botschaften und plötzliche Gewissheiten als Katalysatoren von Handlung – sie spiegeln die historische Unwägbarkeit von Kommunikation im Grenzraum.

Ökonomisch oszillierte die Region zwischen Boom und Entbehrung. Wenige verdienten an ergiebigen Claims; viele arbeiteten für Lohn in Minen, bei Transportunternehmen oder in Küchen und Waschanstalten. Händler profitierten von Monopolen und Transportengpässen, während Spekulation Grundstücke und Konzessionen verteuerte. Nach der ersten Phase setzten größere Firmen auf Technik und Kapital, doch um 1900 dominierte vielerorts noch Handarbeit. Diese Rahmenbedingungen prägen die Logik von Gewinn, Schulden und Abhängigkeit, die London literarisch als Charakterprüfung darstellt, wenn Figuren zwischen kurzfristigem Profit, langfristiger Sicherung und elementarem Überleben wählen.

Soziale Strukturen waren asymmetrisch. Die Camps waren überwiegend männlich, was häusliche Formen ersetzte und Kontakte zu indigenen Gemeinschaften intensivierte. Beziehungen und Ehen „à la façon du pays“ – nach lokaler Sitte – existierten seit dem Pelzhandel; sie stifteten Alltag, Übersetzungskompetenz und wirtschaftliche Netze. Zugleich verstärkten Rassismus und rechtliche Ungleichheiten Verwundbarkeiten. In den Wäldern des Nordens berührt diese Konstellation Fragen von Loyalität, Besitz und Zugehörigkeit, ohne die historischen Spannungen zwischen intimer Nähe, struktureller Gewalt und kolonialen Hierarchien aufzulösen.

Literarisch gehört Londons Nordland-Prosa zur Strömung des Naturalismus, der den Menschen als durch Umwelt, Triebe und soziale Kräfte bestimmt beschreibt. Anfang der 1900er Jahre publizierte er zahlreiche Erzählungen des Nordens in Zeitschriften und Sammelbänden; In den Wäldern des Nordens steht in dieser Reihe. Die Magazine der Zeit suchten realistische, spannungsreiche Stoffe aus neuen Räumen. Londons Texte verbinden Abenteuerdramaturgie mit dokumentarischen Details, die auf Beobachtungen, Zeitungsberichten und Gesprächen in den Camps beruhen. Diese Mischung trägt den historischen Ton, auch wenn Perspektiven und Wertungen zeittypische Verzerrungen enthalten.

Ideengeschichtlich sind zwei Einflüsse wichtig: Sozialdarwinistische Deutungen von „Anpassung“ und „Stärke“ sowie Londons eigene sozialistische Sensibilität. Er trat Ende der 1890er Jahre sozialistischen Organisationen bei und kritisierte Ausbeutung und Klassengegensätze. In den Nordland-Erzählungen verschränkt sich dies paradox: Natur erscheint indifferent und hart, doch Gier, Ungleichheit und Gewalt werden als menschengemachte Übel kenntlich. In den Wäldern des Nordens nutzt diese Spannungen, um Handeln zwischen Zwang der Kälte und Zwang des Marktes zu zeigen – eine doppelte Determination, die den historischen Kontext scharf konturiert.

Zeitgenössisch wurden Londons Nordgeschichten rasch populär. Sie kursierten in großen US-Magazinen und wurden bald in Europa, auch im deutschsprachigen Raum, verbreitet. Frühe Übersetzungen machten aus dem dokumentarisch-herben Ton auch Abenteuerliteratur für ein breites Publikum. Rezeption und Kritik schwankten zwischen Bewunderung für Authentizität und Einwänden gegen stereotype Darstellungen indigener Figuren. Diese ambivalente Aufnahme ist Teil des historischen Umfelds: ein modernes Massenpublikum, das nach „wahren“ Geschichten aus der Peripherie verlangte und dabei die politischen Implikationen der kolonialen Grenzräume nur selektiv wahrnahm.

Ein weiterer Hintergrund ist der ungelöste Grenz- und Souveränitätsdiskurs der Zeit. Vor 1903 war die Alaska-Grenzziehung um die Lynn-Canal-Region zwischen den USA und Kanada Gegenstand von Streit; gleichzeitig kollidierten Zuständigkeiten entlang von Flüssen, die beide Territorien berührten. Für Reisende, Händler und Sucher bedeutete dies wechselnde Regeln, Gebühren und Loyalitäten. Londons Figuren bewegen sich in dieser Schwebe, in der Hoheitsansprüche und praktische Notwendigkeiten aufeinanderprallen. Die Unsicherheit über Rechtstitel und Zugehörigkeit läuft wie ein leiser Bass durch die Handlungssituationen des Nordens und erhöht deren moralische Ambivalenz weiter.','Epidemien und Gesundheitsregime rahmten den Alltag. Atemwegserkrankungen, Masern und Influenza trafen indigene Gemeinschaften besonders hart; um 1900 sind in Teilen Alaskas schwere Ausbrüche dokumentiert. Gleichzeitig setzten Missionen und Behörden auf Internate, Hygienevorschriften und Ernährungsexperimente, deren Folgen widersprüchlich waren. Londons Schilderungen kranker, geschwächter Menschen, improvisierter Pflege und ritueller Deutungen berühren diese reale Lage. Medizinische Knappheit und kulturelle Konflikte über Ursachen und Heilung werden so zum Spiegel der kolonialen Begegnung – ohne einfache Lösungen, aber mit einem Bewusstsein für die Verletzlichkeit des Lebens im Norden.',

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Jack London (1876–1916) war ein amerikanischer Romancier, Erzähler und Journalist, dessen Werk die Spannungen des frühen 20. Jahrhunderts zwischen Wildnis, Industrie und sozialer Umwälzung bündelt. Aus Kalifornien stammend, verband er Abenteuerliteratur mit naturalistischer Beobachtung und politischer Dringlichkeit. Seine weltweit gelesenen Romane und Erzählungen prägten das Bild vom Überlebenskampf in extremer Natur ebenso wie die Debatte über Arbeit, Klasse und Moderne. London schrieb mit hoher Produktivität für Zeitungen und Magazine und erreichte früh internationale Bekanntheit. Sein Stil verband straffe Handlung mit ideenreicher Reflexion. Bis heute gelten seine Bücher als Schlüsseltexte populärer wie ambitionierter Erzählliteratur.

Seine Bildung verlief unkonventionell. London arbeitete früh, nutzte jedoch Bibliotheken in Oakland intensiv und wurde von der Dichterin und Bibliothekarin Ina Coolbrith ermutigt. 1896 immatrikulierte er sich an der University of California, Berkeley, brach das Studium wegen finanzieller Zwänge bald ab und kehrte in die Arbeitswelt zurück. Prägend wirkten naturwissenschaftliche und sozialphilosophische Lektüren, darunter Charles Darwin und Herbert Spencer, ebenso Schriften von Karl Marx und Friedrich Nietzsche. Literarisch stand er dem Naturalismus nahe; journalistische Präzision und eine Vorliebe für prägnante, handlungsgetriebene Prosa kennzeichneten seinen Ton. Diese Verbindung aus autodidaktischer Disziplin und akademischem Ansatz prägte sein Schreiben dauerhaft.

Vor dem literarischen Durchbruch sammelte London Erfahrungen in harten und wechselnden Tätigkeiten: in Fabriken und Cannery-Betrieben, als Matrose im Nordpazifik und als Wanderarbeiter auf der Suche nach Beschäftigung. Diese Jahre der körperlichen Arbeit, der See und des Umherziehens schärften seinen Blick für Klassenverhältnisse und Überlebenstechniken. In den späten 1890er-Jahren begann er, Erzählungen und Reportagen in Zeitschriften zu veröffentlichen, die bereits seine Mischung aus Tempo, anschaulicher Beobachtung und ideenbezogener Zuspitzung erkennen ließen. Seine frühe Publizistik verband Erfahrungsnähe mit analytischem Impuls und verschaffte ihm eine Leserschaft, die Abenteuerstoff ebenso wie gesellschaftliche Diagnose erwartete.

Ein entscheidender Einschnitt war seine Teilnahme am Klondike-Goldrausch 1897–1898. Die strapaziöse Reise in den kanadischen Norden, Hunger, Krankheiten und die Konfrontation mit extremer Kälte hinterließen tiefe Spuren. Aus diesen Erfahrungen erwuchsen zentrale Texte, darunter die Erzählung To Build a Fire sowie die Romane The Call of the Wild und White Fang, die die Beziehung zwischen Mensch, Tier und Umwelt in existenziellen Situationen loten. London kombinierte Abenteuerdramaturgie mit einer scharf gezeichneten Ökologie der Entsagung und knappen Ressourcen. Der unmittelbare Erfolg dieser Werke etablierte ihn international und verankerte den nordischen Schauplatz dauerhaft mit seinem Namen.

Über den Norden hinaus entfaltete London ein breites Oeuvre. The Sea-Wolf verband Seefahrt, Machtpsychologie und Individualismus; Martin Eden zeichnete den Aufstieg eines Autodidakten als Künstlerroman mit tragischer Schärfe. Mit The People of the Abyss legte er eine investigative Studie über Armut im Londoner East End vor, während The Iron Heel eine frühe dystopische Vision oligarchischer Herrschaft entwarf. Reise- und Bekenntnisprosa wie The Road und John Barleycorn ergänzten das Bild, ebenso Südsee-Erzählungen und experimentelle Stoffe wie Before Adam und Burning Daylight. Gemeinsam ist vielen Texten die Spannung zwischen persönlicher Willenskraft und ökonomisch-gesellschaftlicher Determination.

Politisch engagierte sich London in der sozialistischen Bewegung und kandidierte in den frühen 1900er-Jahren zweimal für das Bürgermeisteramt in Oakland. Seine Reportagen verbanden Reisen mit Analyse: 1904 berichtete er als Korrespondent vom Russisch-Japanischen Krieg; 1907 stach er mit dem Segelboot Snark in den Pazifik und verarbeitete Eindrücke der Südsee später literarisch. Die Überzeugung, dass wirtschaftliche Strukturen Lebensläufe prägen, durchzieht seine Essays und Fiktionen; zugleich bewahrte er einen Sinn für individuelle Entscheidungsfreiheit und Verantwortung. Diese doppelte Perspektive schärfte die politische Lesart seiner Stoffe, ohne den erzählerischen Zug seiner Abenteuer- und Seegeschichten zu unterlaufen.

In den späteren Jahren bewirtschaftete London seine Ranch in Glen Ellen, experimentierte mit landwirtschaftlichen Methoden und plante das Wohnhaus Wolf House, das 1913 vor dem Einzug abbrannte. Gesundheitsprobleme belasteten ihn; 1916 starb er auf dem Anwesen. Die genaue Todesursache ist in der Forschung diskutiert worden, doch sein literarisches Vermächtnis blieb unangefochten. Londons Bücher werden weltweit gelesen, vielfach übersetzt und regelmäßig verfilmt oder neu interpretiert. Sie beeinflussten Abenteuer- und Naturerzählungen ebenso wie sozialkritische Prosa. Sein Name steht für eine Verbindung aus populärer Spannung, dokumentarischem Blick und ideenreicher Auseinandersetzung mit moderner Gesellschaft.

In den Wäldern des Nordens

Hauptinhaltsverzeichnis
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel

Erstes Kapitel

In den Wäldern des Nordens

Inhaltsverzeichnis

Nach einer beschwerlichen Reise bis hinter das letzte verkrüppelte Buschwerk und wuchernde Unterholz, hinter tiefen Einöden, wo der karge Norden der Erde alles zu verweigern scheint, stößt man auf weite Waldgebiete und Striche lächelnden Landes. Aber das hat die Welt erst jetzt erfahren. Einige Forschungsreisende haben es gewußt, aber keiner von ihnen kehrte bisher zurück, um es der Welt zu verraten.

Einöden – ja, es sind Einöden, dieses traurige Land des Nordens[1q], diese Wüsten des Polarkreises, sie, die frostige, rauhe Heimat des Moschusochsen[1], die unfruchtbare, karge Stätte des mageren Steppenwolfes. So fand Avery Van Brunt sie, baumlos und freudlos, kaum mit Moos und Flechten bewachsen und so gar nicht einladend. So fand er sie wenigstens, bis er zu den weißen Stellen auf der Landkarte vordrang und auf ungeahnte reiche Fichtenwälder und auf nirgends verzeichnete Eskimostämme stieß. Er hatte die Absicht – und den Ehrgeiz – gehabt, diese weißen Stellen auf der Karte auszufüllen, indem er in buntem Wechsel Gebirgsketten, Seen und Flußbetten, sich schlängelnde Ströme einzeichnete, und mit wachsendem Entzücken malte er sich die Möglichkeit eines Gürtels von Nutzholz und heimischen Dörfern aus.

Avery Van Brunt, oder mit seinem vollen Titel: A. Van Brunt, Professor am Geologischen Vermessungsinstitut, war Nächstkommandierender der Expedition und Führer der Unterexpedition, die er selbst auf einem Abstecher 500 Meilen weit durch die Täler des Thelon[2] hinauf geleitet hatte, und jetzt in eines der nicht verzeichneten Dörfer führte. Hinter ihm mühten sich unverdrossen auf seiner Fährte acht Männer: zwei französisch-kanadische Reisende, die übrigen stämmige Crees von der Manitoba-Straße. Er allein war Vollblut-Angelsachse, und das Blut rollte, durch die Tradition seiner Rasse geheiligt, stolz durch seine Adern. Mit ihm schritten Clive und Hastings, Drake und Raleigh, Hengest und Horsa. Als erster aller Männer seiner Rasse sollte er dies weltabgeschiedene Dorf des Nordlandes betreten. Bei diesem Gedanken überkam ihn ein Triumphgefühl, eine frohe Erregung, und seine Kameraden bemerkten, wie seine Müdigkeit wich und wie er unversehens seinen Schritt beschleunigte.

Das Dorf leerte sich und eine buntscheckige Menge zog ihm dichtgeschart entgegen: voran die Männer, Bogen und Speere drohend in den Fäusten, als Nachtrab schüchtern Frauen und Kinder. Van Brunt hob den rechten Arm und gab das übliche Friedenszeichen, ein Zeichen, das alle Völker verstehen, und die Dorfbewohner antworteten mit dem Zeichen des Friedens. Aber da lief zu seinem Kummer ein fellbekleideter Mann vor und streckte die Hand mit einem vertraulichen »Hallo« aus. Es war ein bärtiger Mann, Wangen und Stirn bronzefarbig verbrannt, und in ihm erkannte Van Brunt einen seiner eignen Rasse.

»Wer sind Sie?« fragte er, die ausgestreckte Hand ergreifend. »Andrée?«

»Wer ist Andrée?« fragte der Mann seinerseits.

Van Brunt sah ihn schärfer an. »Bei Gott, Sie müssen eine gute Weile hier gelebt haben.«

»Fünf Jahre«, antwortete jener, und ein düsterer Schimmer von Stolz leuchtete in seinen Augen. »Aber kommen Sie, lassen Sie uns plaudern.

Lassen Sie sie hier lagern«, beantwortete er den fragenden Blick, den Van Brunt auf seine Leute warf. »Der alte Tantlatch wird für sie sorgen. Kommen Sie.«

Mit langen Schritten ging er. Van Brunt folgte ihm auf dem Fuße durch das ganze Dorf. Unregelmäßig, wo sich gerade eine günstige Stelle bot, waren die Zelte aus Elchfellen aufgeschlagen. Van Brunt ließ seinen erfahrenen Blick darüber hingleiten und berechnete.

»Zweihundert außer den Kindern«, schätzte er.

Der Mann nickte. »So ungefähr. Aber hier wohne ich, etwas außerhalb, wissen Sie – mehr für mich. Nehmen Sie Platz. Ich esse mit Ihnen, wenn Ihre Leute abkochen. Ich habe ganz vergessen, wie Tee schmeckt ... Fünf Jahre, und weder geschmeckt noch gerochen ... Etwas Tabak? ... Ah, danke, und eine Pfeife? Gut. Und nun noch ein Zündholz, und dann wollen wir sehen, ob das alte Kraut noch seine Zaubermacht besitzt.«

Mit der peinlichen Vorsicht eines Waldbewohners strich er das Zündholz an, freute sich an der jungen Flamme, als hätte es noch nie etwas Ähnliches in der Welt gegeben, und zog den ersten Mundvoll Rauch ein. Er hielt ihn eine Weile nachdenklich zurück und blies ihn dann mit spitzen Lippen langsam und zärtlich aus. Als er sich zurücklehnte, war sein Ausdruck milder, und ein weicher Schimmer trat in seine Augen. Er seufzte tief und glücklich, mit unermeßlicher Zufriedenheit und sagte plötzlich:

»Weiß Gott! Das schmeckt[2q]!«

Van Brunt nickte verständnisvoll. »Fünf Jahre, sagen Sie?«

»Fünf Jahre.« Der Mann seufzte wieder. »Und ich nehme an, Sie möchten darüber hören, sind natürlich neugierig; es ist ja auch eine seltsame Situation, das stimmt. Aber es ist nicht viel zu erzählen. Ich kam von Edmonton auf der Jagd nach Moschusochsen, hatte Pech wie Pike und die andern und verlor meine Leute und meine Ausrüstung. Hunger, Entbehrung, die alte Geschichte, wissen Sie:, der einzige Überlebende und so weiter, bis ich auf Händen und Füßen hier bei Tantlatch angekrochen kam.

»Fünf Jahre«, murmelte Van Brunt nachdenklich und suchte in seiner Erinnerung.

»Im Februar waren es fünf Jahre. Anfang Mai kam ich über den Great Slave[3] –«

»Und Sie sind ... Fairfax?« unterbrach Van Brunt ihn.

Der Mann nickte.

»Warten Sie ... John, nicht wahr, John Fairfax.«

»Woher wissen Sie?« fragte Fairfax träge und mit seinen Gedanken beschäftigt, während er Rauchspiralen in die stille Luft steigen ließ.

»Die Zeitungen waren voll davon, als Prevanche ...«

»Prevanche!« Fairfax setzte sich, plötzlich munter geworden, auf. »Er verschwand in den Smoke Mountains.«

»Ja, aber er arbeitete sich durch und kam dann heraus.«

Fairfax lehnte sich zurück und wandte sich von neuem seinen Rauchspiralen zu. »Das freut mich«, meinte er nachdenklich. »Prevanche war ein Prachtkerl, wenn er auch seine eigenen Ideen über das Zaumzeug von Zugtieren hatte, das Biest. Und er kam wirklich durch? Wahrhaftig, das freut mich.«

Fünf Jahre – das fuhr Van Brunt immer wieder durch den Sinn[3q], und irgendwie schien Emily Southwaithes Antlitz vor ihm aufzutauchen und lebendig zu werden. Fünf Jahre ... Ein Keil von Wildgänsen schwebte niedrig über ihnen, und beim Anblick des Lagers schwenkten sie schnell nach Norden ab in die glimmende Sonne.

Es war eine Stunde nach Mitternacht. Die Wolken im Norden färbten sich plötzlich blutig, dunkelrote Strahlen schossen südwärts, und die düsteren Wälder brannten in einem blassen Feuer. Die Luft hing in atemloser Stille, keine Nadel zitterte, und die letzten Töne vom Lager kamen klar und deutlich herüber wie Trompetenschall. Crees und Reisende spürten einen Hauch davon, murmelten leise und träumerisch, und der Koch dämpfte unbewußt das Rasseln der Töpfe und Pfannen. Irgendwo weinte ein Kind, und aus der Tiefe des Waldes erhob sich wie das Klingen einer silbernen Saite das Klagelied einer Frauenstimme: »O-o-o-o-o-o-a-haaha-a-ha-aa-a-a, O-o-o-o-o-o-a-ha-a-ha-a.«

Van Brunt erschauerte, und er rieb sich kräftig seine Handrücken.

»Und sie gaben mich auf, dachten, ich sei tot?« fragte sein Genosse langsam.

»Ja, Sie kamen nie zurück, und da haben Ihre Freunde – –«

»Mich prompt vergessen.« Fairfax lachte hart und verächtlich.

»Warum kamen Sie nicht wieder?«

»Teils aus Widerwillen, denke ich, und teils aus Ursachen, über die ich keine Macht hatte. Sehen Sie, Tantlatch hatte sich den Fuß gebrochen, als ich seine Bekanntschaft machte – es war ein häßlicher Bruch – und ich renkte ihn ein und bekam ihn wieder zurecht. Ich blieb einige Zeit und kam wieder zu Kräften. Ich war der erste Weiße, den er gesehen hatte, und natürlich erschien ich ihm sehr weise, und tatsächlich zeigte ich seinem Volke unendlich viele Dinge. Unter anderm paukte ich ihnen Strategie ein, so daß sie die vier andern zum Stamme gehörenden Dörfer, die Sie noch nicht gesehen haben, besiegten und Herren des Landes wurden. Und natürlich hielten sie viel von mir, so viel, daß sie nichts davon hören wollten, als ich daran dachte, wieder aufzubrechen. Sie waren wirklich sehr gastfrei, stellten ein paar Wächter an und bewachten mich Tag und Nacht. Und dann gebrauchte Tantlatch gewissermaßen Lockmittel – er überredete mich sozusagen, und da es so oder so doch keinen großen Unterschied machte, so fand ich mich damit ab und blieb.«

»Ich kannte Ihren Bruder in Freiburg. Ich bin Van Brunt.«

Fairfax streckte impulsiv die Hand aus und schüttelte die des andern. »Wie, Sie sind der Freund Billys? Armer Billy! Er sprach oft von Ihnen.

Und ausgerechnet hier müssen wir uns treffen«, fügte er hinzu, ließ seinen Blick über die urweltliche Landschaft schweifen und lauschte einen Augenblick auf die Trauerklage der Frau. »Ihr Mann ist von einem Bären zerrissen worden, und sie kommt schwer darüber hinweg.«

»Scheußliches Leben!« Van Brunt schnitt eine Grimasse des Ekels. »Ich denke, nach fünf Jahren muß Zivilisation süß schmecken? Was meinen Sie?«

Das Gesicht von Fairfax nahm einen schlaffen Ausdruck an. »Ach, ich weiß nicht. Schließlich sind es ehrliche Menschen, und sie leben ihrer Einsicht gemäß. Und dazu sind sie bewundernswert einfach. Nichts Kompliziertes, nicht tausend feine Verästelungen jeder Gefühlsregung. Sie lieben, fürchten, hassen, ärgern und freuen sich in gewöhnlichen, offenen, unfehlbaren Ausdrücken. Es mag ein scheußliches Leben sein, aber es lebt sich wenigstens leicht. Keine Liebelei, keine Zeitvergeudung. Wenn eine Frau Sie liebt, wird sie nicht zögern, es Ihnen zu sagen. Haßt sie Sie, so wird sie es auch sagen, und wenn Sie dann Lust dazu haben, können Sie sie schlagen. Die Hauptsache ist, daß sie genau weiß, was Sie meinen und umgekehrt. Keine Irrtümer, keine Mißverständnisse. Das hat seinen Reiz nach dem krampfhaften Fieber der Zivilisation. Verstehen Sie das?

Nein, es ist ein ganz gutes Leben,« fuhr er nach einer Pause fort, »gut genug, wenigstens für mich, und ich gedenke es fortzusetzen.«

Van Brunt senkte nachdenklich den Kopf, und ein unmerkliches Lächeln spielte auf seinen Lippen. Keine Liebelei, keine Tändelei, kein Mißverständnis. Nun, Fairfax nimmt es auch nicht leicht, dachte er, eben weil Emily Southwaithe versehentlich in die Klauen eines Bären geriet. Und er war auch kein schlechter Bär, dieser Carlton Southwaithe.

»Aber Sie werden doch mit mir kommen«, meinte Van Brunt vorsichtig.

»Nein.« – »Doch.«

»Das Leben ist zu leicht hier, wie gesagt.« Fairfax sprach mit Entschiedenheit. »Sommer und Winter wechseln wie das Flammen der Sonne durch die Latten eines Zaunes, die Jahreszeiten sind ein nebelhaftes Etwas zwischen Licht und Schatten, die Zeit flieht, und das Leben zerrinnt, und dann ... eine Klage im Walde und die Finsternis. Hören Sie!« Er streckte die Hand in die Höhe, und durch die Stille und Einsamkeit ertönte die silberne Saite von der Trauer des Weibes. Fairfax stimmte leise mit ein.

»O-o-o-o-o-o-a-haa-ha-a-aa-a-a, O-o-o-o-o-o-a-ha-a-ha-a«, sang er. »Hören Sie nicht? Sehen Sie nicht? Die Klage eines Weibes? Das Totenlied? Meine Haare weißlockig und ehrwürdig? Die rauhe Pracht meiner Pelze, in die ich gehüllt bin? Der Jagdspeer an meiner Seite? Wer kann da sagen, es sei nicht gut so?«

Van Brunt blickte ihn kühl an. »Fairfax, Sie sind ein Narr. Fünf solche Jahre genügen, um einen Mann zu knicken, und Sie befinden sich in einer ungesunden, krankhaften Verfassung. Übrigens: Carlton Southwaithe ist tot.«

Van Brunt stopfte seine Pfeife, steckte sie an und beobachtete den andern vorsichtig und mit fast berufsmäßigem Interesse. Einen Augenblick blitzten Fairfax' Augen auf, seine Fäuste ballten sich, und er erhob sich halb; dann erschlafften seine Muskeln, er schien zu grübeln. Michael, der Koch, meldete, daß das Essen fertig sei, aber Van Brunt winkte