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In der Welt von Ash Woods ist Magie der Elite vorbehalten. Als er vom Lancaster Mage's College abgelehnt wird, bleibt ihm nichts anderes übrig, als im Geheimen Alchemie zu studieren, immer in der Sorge, ohne Lizenz entdeckt und verhaftet zu werden. Erwischt wird er von der herablassenden Ramsay Thorne - doch anstatt ihn zur Rechenschaft zu ziehen, erpresst Ramsay Ash, ihm bei einem persönlichen Projekt zu helfen: der Suche nach dem legendären Buch der Quelle, das seinen Leser angeblich zu einem allmächtigen Alchemisten macht. Während Ash und Ramsay zusammenarbeiten und ihre Gefühle füreinander wachsen, erfährt Ash, dass die Suche nach dem Buch der Quelle gefährlicher ist, als er es sich vorgestellt hat. Er muss gegen einflussreiche und gefährliche Alchemisten antreten - auch gegen seinen eigenen Vater. Als Callum, Ramsays ehemaliger Liebhaber, auf der Bildfläche erscheint, findet sich Ash in einem Gefühlschaos wieder. Dieser fesselnde Fantasy-Roman handelt von einem Suche, die die drei jungen Alchemisten zu gefährlicher Wahrheit, leidenschaftlicher Liebe und außergewöhnlicher Macht führt.
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Seitenzahl: 606
Veröffentlichungsjahr: 2024
Für mein jüngeres Ich, das schon immer ein Fantasy-Jugendbuch schreiben wollte
Liebe Leserin, lieber Leser,
da in dieser Romantasy potenziell triggernde Inhalte vorkommen, möchten wir an dieser Stelle mit einer Triggerwarnung darauf hinweisen.
Manche Szenen enthalten Gewalt, Blut, schwere Verletzungen, Tod, zerstörte Städte, Hinweise auf sexuellen Missbrauch, familiären Missbrauch (körperlich und verbal), Misgendern, Körperdysmorphie und sexuelle Handlungen.
Gehe bitte behutsam mit Dir um, und sprich mit jemandem darüber, falls es Dir während des Lesens nicht gut geht.
Wir wünschen Dir viel Vergnügen beim Eintauchen in die besondere Welt von Ash, Ramsay und Callum.
Dein Karibu-Team
Oberstes Haus von Alexander: Entscheider
Haus von Kendrick: Rotgardisten
Haus von Lune: Wahrsager
Haus von Adelaide: Heiler
Haus von Galahad: Kaufleute
Haus von Alder: Hüter
Haus von Val: Gelehrte
Haus von Thorne: Ingenieure
Schneeflocken lösten sich aus dem grauen Himmel, zunächst langsam und träge – die Sorte von Flocken, die an Wimpern und Zungen hängen bleibt. Ramsay nahm die Hand ihrer Mutter, Eis knirschte wie splitterndes Glas unter ihren Stiefeln. Die dünnen weißen Äste der Bäume schienen unzählige Augen zu haben, die sie beobachteten. Sie konnte ihren eigenen Atem sehen, während sie keuchend versuchte, mit ihrer Mutter Schritt zu halten. Auf ihre vielen Fragen hatte sie keine Antworten erhalten; nur dass sie sich beeilen und jetzt nicht stehen bleiben solle, sie seien fast da. Ramsay klagte, dass ihr kalt sei, doch Amelia drückte ihre Hand nur umso fester zusammen.
»Komm«, sagte sie mit sanfter Stimme. »Es ist fast so weit.«
Sie überquerten einen gefrorenen Fluss. Ihr Vater hatte sie stets davor gewarnt, sich im Winter auf die dünne Eisfläche zu wagen. Wenn Ramsay einbräche, würde sie vielleicht von der Strömung mitgerissen und nie mehr gesehen werden. Ihre Mutter ließ Ramsays Hand los und sagte, sie solle einfach stehen bleiben und warten. Ramsay zog nervös an den Enden ihres Hemds, während sie ihrer Mutter nachsah, die zum anderen Ufer des Flusses ging, bis sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Sie stand auf einer kleinen Lichtung und warf Ramsay über die Schulter einen liebevollen Blick zu.
Der Schneefall wurde dichter, sodass Ramsay ihre Augen vor den Eiskristallen schützen musste, die sie in die Wangen stachen. Die Welt wurde ein weißer Fleck. Der Schnee färbte sich rot. Er sank auf die Erde, Tropfen verteilten sich wie Tintenkleckse. Das Blut tropfte von Amelias Wangen. Ihr Lächeln erstarb, als die Schreie begannen.
Thorne trug einen grauen Mantel über einem zerknitterten weißen Hemd und einer schwarzen Weste. Seine dunklen Haare, noch feucht vom morgendlichen Sprühregen, fielen ihm auf die Schultern und bildeten einen deutlichen Kontrast zu seiner blassen Haut. Ash hatte gehört, dass Thorne im ungewöhnlich jungen Alter von 18 Jahren seinen Doktortitel erworben und nur ein Jahr später – trotz der Vergangenheit seiner Vorfahren – als jüngster Professor in der Geschichte des Colleges nach Lancaster zurückgekehrt war. Wie konnte das College einem Thorne nur so viel Vertrauen schenken und ihn einstellen?
Mit hochgezogenen Brauen und einem Anflug von Langeweile musterte er Ash von oben bis unten.
Ash erstarrte und wusste nicht, ob er in der Lage war, auch nur einen Laut über die Lippen zu bringen.
»Ich hab dir eine Frage gestellt!« Thorne ging weiter in sein Büro hinein und zog seinen Mantel aus. »Was«, wiederholte er und warf seinen Mantel über die Stuhllehne, »machst du da?«
Ash schluckte hörbar. »Nichts. Ich hab gar nichts gemacht.« Er umklammerte die Kreation, die er hinter seinem Rücken in der Hand hielt. Wenn Thorne sie sah – mit eigenen Augen sah, dass Ash Alchemie praktiziert hatte –, würde er ihn garantiert feuern, vielleicht sogar festnehmen lassen.
Doch es war allzu offensichtlich, dass Ash doch etwas getan hatte. Thorne ließ seinen Blick über den Schreibtisch mit seinen chaotischen Bücher- und Papierstapeln schweifen. »Du hast dich in Alchemie versucht?«, fragte er mit leiser Stimme, die ein wenig belustigt klang. Doch es war keine sehr freundliche Belustigung.
Ash blieb die Antwort in der Kehle stecken. »Ich, nein, ich …«
Doch Alchemisten hatten einen sechsten Sinn und spürten, wenn Alchemie in der Luft lag – je höher die Stufe, desto ausgeprägter war dieser Sinn. Ashs Gespür war vor allem visueller Natur. Er sah Farben und Lichtblitze, nachdem sich Alchemie ereignet hatte. Andere, die mehr auditiv veranlagt waren, berichten von ganzen Tonkaskaden, wie von unsichtbaren Musikinstrumenten erzeugt. Wieder andere sprachen von verschiedenen Geschmäckern und Gerüchen. Ash war sich nicht sicher, was der Professor gehört oder gesehen, gerochen oder geschmeckt hatte, als er in sein Büro gekommen war, doch es war vollkommen klar, dass er die Antwort auf seine Frage bereits kannte.
»Aber du studierst doch nicht hier«, bemerkte der Professor, als wäre Ash ein lästiges Problem bei einer Gleichung, die er zu lösen versuchte. »Und ich nehme an, du hast auch keine Lizenz.«
Ash hasste es, dass diese Annahme auf der Hand lag. »Ich hab mir nur Ihren Schreibtisch angeschaut«, verteidigte er sich in der Hoffnung, dass Thorne seinem sechsten Sinn misstraute. »Das hätte ich nicht tun sollen. Es tut mir leid. Ich bin schon …«
Thorne machte eine müde Geste. Ein plötzlicher Windstoß schlug die Tür hinter ihm zu. »Leider liegt es in meiner Verantwortung, das Haus von Kendrick zu informieren.«
Ash rutschte das Herz in die Hose. Frank hatte ihn gewarnt, dass genau das passieren würde, wenn sie ihn erwischten, doch bis jetzt hatte sich das nie nach einer realen Bedrohung angefühlt. Ash war achtzehn Jahre alt und kein Kind mehr. Es gab also keinen Grund, ihm gegenüber Milde walten zu lassen. Im Gefängnis würde er unter ständiger Beobachtung stehen und hätte keine Möglichkeit, auch nur den kleinsten alchemistischen Funken zu entzünden. Ash wusste, dass es keine größere Strafe für ihn geben konnte.
»Bitte«, krächzte er mit heiserer Stimme, obwohl er das mulmige Gefühl hatte, dass die Mitleidstour ihn nicht weiterbrachte. Thorne ging quer durch das Zimmer zu seinem Schreibtisch und ignorierte ihn. »Bitte, Sie haben keinen Grund …«
»Keinen Grund?«, wiederholte Thorne spöttisch und drehte sich zu ihm um. »Da komme ich also in mein Büro, erschöpft von der Arbeit einer ganzen Nacht, die es zu vollenden gilt, und finde einen fremden Jungen vor, der in mein Büro eingebrochen ist und verbotene Alchemie praktiziert hat.« Er drehte sich abermals um, schüttelte den Kopf und murmelte etwas in sich hinein, das sich wie unglaublich anhörte.
»Ich bin nicht eingebrochen«, insistierte Ash. »Ich bin der Assistent des Hausmeisters. Ich habe Ihre Pflanzen gegossen.« Er zeigte mit seiner freien Hand auf die Gießkanne, die auf dem Fußboden stand.
»Na großartig«, entgegnete Thorne sarkastisch, während er nach dem Telefon griff, das an einer Ecke seines Schreibtischs unter einem Haufen von Papieren begraben lag. »Ein Verbrechen weniger zu melden.«
Ash war verzweifelt. »Aber wenn Sie Kendrick Bescheid sagen, dann werden Sie viele Fragen beantworten und sich mit der Roten Garde auseinandersetzen müssen.«
»Immer noch besser, als wenn sie herausfinden, dass ich von deinem illegalen Tun gewusst habe. Das würde mich meine Lizenz kosten.«
Ash streckte seine Hand nach Thornes Arm aus, als er den Hörer abnahm. Thorne stieß einen schockierten Laut aus – Wie kannst du es wagen? – und zog seine Hand weg, doch Ash ließ sich nicht beirren. »Bitte … es tut mir leid.«
»Vielleicht hättest du dir das überlegen sollen, bevor du das Gesetz der Stufen gebrochen hast.«
Ashs Angst wich einer unbezähmbaren Wut – vielleicht war er auch wütend, weil er so eine Angst hatte. »Aber es ist ein beschissenes Gesetz!«, brach es aus ihm heraus, obwohl ihm Thorne bereits den Hörer ans Ohr hielt. »Jeder sollte Alchemie ausüben dürfen.«
Thornes lächelnder Mund zuckte. »Ach, ist das so?«
Ash wusste, dass ihm das nicht weiterhalf, doch um Gnade zu betteln, half ihm genauso wenig. Vielleicht ließ sich der Professor erweichen, wenn er um seine Freiheit kämpfte. »Wir bestehen alle aus Energie«, fügte er rasch hinzu. »Alchemie ist etwas ganz Natürliches. Wir praktizieren sie mit jedem Atemzug, bei jedem Gedanken und jedem Gefühl. Zu behaupten, dass nur wenige Auserwählte dazu in der Lage sind, ist doch Blödsinn!«
Ramsay warf Ash einen langen Blick zu, als würde ihn die Gleichung zunehmend interessieren. Mit einem Klick legte er den Hörer auf. Ash schlug das Herz bis zum Hals, während er hinter einem Rücken die Faust ballte. Der Professor lehnte an seinem Schreibtisch, Arme und Beine überkreuzt, als wäre dies eine alltägliche Diskussion in seinem Unterricht. »Meinst du nicht, dass es für manche zu gefährlich wäre, ein Alchemist zu werden?«, fragte er. »Es wäre doch unverantwortlich, die Allgemeinheit in Gefahr zu bringen.«
Ash fand es absurd, dass ausgerechnet Thorne so argumentierte, doch natürlich war er auch besonders berechtigt, um vor den Gefahren der Alchemie zu warnen. »Und von den lizensierten Alchemisten in Kensington und Lancaster ist niemand gefährlich?«, warf Ash mit einem kleinen Lächeln ein. »Wahrscheinlich sind sie gefährlicher als alle anderen.«
»Glaubst du das wirklich?«
»Ja«, antwortete Ash. »Die Reichen und Mächtigen trampeln auf anderen herum, um ihre Ziele zu erreichen.«
Thorne dachte darüber nach, doch nur für einen kurzen Moment, ehe er sich von seinem Schreibtisch abstieß. »Vielleicht hast du recht«, entgegnete er, »doch letztlich ist das egal.« Er warf eine Hand in die Luft, die zu sagen schien: Was soll ich machen? »Gesetz ist immer noch Gesetz, und ich werde nicht meine Stellung riskieren, um einen Jungen zu schützen, den ich nicht einmal …«
Er hielt inne. Etwas hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Ash blickte an ihm vorbei und sah, dass er vor dem Fenster stand und sich in der kleinen Lücke des Vorhangs seine Hand spiegelte.
»Was ist das da?«, fragte Ramsay sofort. »Hinter deinem Rücken.«
Ash schüttelte den Kopf. »Nichts.«
»Zeig es mir.«
Von Ash wurde erwartet, dass er Anweisungen befolgte, doch jetzt sträubte er sich.
»Ich weiß doch schon, dass du Alchemie praktiziert hast. Es hat also keinen Sinn, den Beweis zu unterschlagen«, sagte Thorne leise. Seine Stimme war sanft, doch seinen Augen leuchteten vor Hunger und Energie. Ash schluckte und streckte seine Hand aus. Das blaue Sechseck schimmerte. Ramsay starrte das Objekt in Ashs Hand lange an – so lange, dass Ash nicht wusste, was in Ramsay vor sich ging. Das Gesicht des Professors zeigte nicht die geringste Regung, als er einen Schritt näher trat, das Objekt mit langen Fingern ergriff und seine andere Hand nach den Unterlagen auf seinem Schreibtisch ausstreckte, ohne den Blick von Ashs Schöpfung abzuwenden.
»Ich … ich weiß nicht … die Form sah so interessant aus und hat mich inspiriert, sodass …«
Als ihn Ramsays Blick traf, biss er sich sofort auf die Zunge. So langsam fürchtete er, nicht nur das Gesetz gebrochen, sondern etwas Ungeheures getan zu haben. Obwohl er Angst hatte zu fragen, stieß er aus: »Was bedeutet das?«
Ein verärgertes Zucken von Ramsays Mundwinkel war das einzige Zeichen einer Regung. »Du hast das hier geschaffen?«, fragte er.
»Ja.«
»Die Erschaffung von Dingen zählt in der Alchemie zu den schwierigsten Vorgängen überhaupt. Dies gelingt nur Alchemisten mit einer Lizenz, die sich jahrzehntelang darin geübt haben.«
Ash wusste nicht, was er sagen sollte. Schließlich hatte er keine Lizenz. Ramsay sprach gerade so, als würde Ash gar nicht existieren. »Aber ich bin keiner von ihnen.«
Ramsay spannte seinen Kiefer an. »Wer hat dich Alchemie gelehrt?«
»Niemand. Das hab ich mir selbst beigebracht.«
Ramsay schien jeden Moment in Gelächter auszubrechen, auch wenn seine Augen nicht die geringste Freude zeigten. »Das ist unmöglich. Niemand bringtsich selbst Alchemie bei.«
Ashs Wut schien jetzt auch ihn anzustecken. Thorne mochte Ash erschreckt haben, doch jetzt stellte sich heraus, dass dieser Professor genauso war wie all seine Kollegen in Lancaster: ein arrogantes Arschloch. »Vielleicht kommt es einem unmöglich vor, wenn man so ist wie Sie.«
»Wie ich?«
»Wenn man glaubt, dass nur Leute intelligent oder talentiert sind, die dafür bezahlt haben.«
Ramsay zog überrascht die Brauen hoch. Ash wusste, dass er schon zu viel gesagt hatte, vor allem wenn er ungeschoren aus dieser Sache herauskommen wollte.
»Du scheinst dir ja viele Gedanken über mich gemacht zu haben«, entgegnete Thorne mit leiser Stimme.
»Und Sie haben sich keine über mich gemacht?«
Thorne hielt Ashs Schöpfung in der Hand und starrte ihn an, als hätte es ihm die Sprache verschlagen. Ash hatte das Gefühl, dass dies äußerst selten vorkam.
»Warum?«, fragte Thorne schließlich.
»Warum was?«
»Warum hast du dir Alchemie beigebracht?«
Ash spürte einen Anflug von Verzweiflung. Er hob unwillkürlich die Hände und wusste nicht, was er auf diese Frage antworten sollte. »Warum bringen sich Leute das Singen, das Tanzen oder das Malen bei? Ich weiß es nicht. Ich wollte es lernen, also habe ich es getan.«
Erneut kniff Thorne die Augen zusammen und biss sich auf die Lippe, während er Ash betrachtete. Dann nickte er bedächtig.
Ash schluckte. Vielleicht gab es doch eine Chance, aus dieser Sache herauszukommen. »Es tut mir wirklich leid«, sagte er. »Sie können es behalten, wenn Sie wollen.« Er deutete auf Ramsays Hand. Seine Schöpfung zu verlieren, wäre ein schmerzlicher Verlust, doch seine Freiheit zu verlieren, noch viel schlimmer. »Und ich verspreche Ihnen, dass ich nie wieder einen Fuß in Ihr Büro setzen werde.«
Der Professor schwieg, ohne seinen Blick von Ash abzuwenden. Die Stille war nahezu unerträglich. Der innere Konflikt, mit dem Thorne kämpfte, war so greifbar, dass Ash die Gedanken spüren konnte, die durch den Kopf des Professors wirbelten.
Schließlich hob Ramsay die Stimme: »Das Universum ist wie ein fein gewobener Teppich, dessen Fäden aus Energieströmen bestehen, die wir für Leben halten«, sagte er. »Und die Quelle kennt jeden einzelnen Faden.«
Ash blinzelte verwirrt. »Okay«, murmelte er und wusste nicht, warum Ramsay ihm das sagte.
»In der Organisation unseres Universums geschehen Dinge oft gleichzeitig«, fuhr der Professor fort und kümmerte sich offenbar nicht darum, wie seltsam er wirkte. »Wir mögen solche Momente für einen Zufall halten, dabei liefert die Quelle nur das, was wir verlangen, weil auch wir zur Quelle gehören und mit unseren Gedanken und Wünschen unsere eigene Realität erschaffen.«
Ash gab es auf, verstehen zu wollen, wo das alles hinführen sollte, sondern folgte dem Professor mit den Augen, während dieser in seinem Büro auf und ab ging. Der Mann war unberechenbar, und seine Emotionen waren es auch. Ash wusste nicht, ob sich das als Vor- oder als Nachteil herausstellen würde. Während Thorne hin und her tigerte, wuchs die Energie im Raum. Als würde ein frischer Wind wehen, der sich jeden Moment zu einem Sturm entwickeln und sämtliche Bücher und Unterlagen durcheinanderwirbeln konnte. Plötzlich drehte sich Ramsay zu Ash um, worauf dieser einen langen Schritt zurückmachte.
»Ein Mann, der nicht das Haus besitzt, das er sich wünscht, mag bestürzt sein, wenn seines in Flammen aufgeht, dabei hat ihm die Quelle doch nur seinen Wunsch erfüllt. Nun ist er auf dem Weg zum Haus seiner Träume.«
Ash wagte es, eine Frage zu stellen. »Bin ich … dieses Haus?«
»In gewisser Weise«, antwortete Thorne mit etwas herablassendem Blick. Ash vermutete, dass Ramsay beeindruckt war, wusste jedoch nicht, ob er das als Kompliment oder Beleidigung auffassen sollte.
»Ich brauche … Unterstützung«, fuhr Ramsay fort, »schon seit einer Weile.«
»Unterstützung?«, wiederholte Ash.
Thorne hielt das Sechseck hoch. »In meinen Meditationen habe ich gesehen, dass der Eintritt dieses Objekts in die Realität ein Zeichen sein würde, dass die Quelle einen wichtigen, lebensverändernden Faden mit meinem verwoben hat. Ich nehme an, dass du … wie heißt du überhaupt?«
Ash überlegte kurz, ob er lügen sollte, doch Ramsay würde die Wahrheit ohnehin herausbekommen, wenn er auf dem Campus genug Fragen stellte. »Ashen Woods, aber ich werde Ash genannt …«
»Ich glaube, dass Sie die Unterstützung sind, die ich brauche, Mr. Woods«, fuhr Ramsay fort.
Ash war schwindelig von all den Informationen. Stirnrunzelnd beobachtete er, wie Ramsay an seinen Schreibtisch zurückkehrte und das Papier wieder auf den unordentlichen Haufen legte. »Warum sollte ich dieser Faden sein?«
»Das ist ein unabhängiges Projekt«, sprach Ramsay weiter, ohne auf Ashs Frage einzugehen. »Es wird vom College finanziert, aber ich darf dir keine Details verraten – aus dem einfachen Grund, weil ich dich nicht kenne und dir nicht vertrauen kann.«
»Aber Sie wollen meine Hilfe?«
»Ja.«
»Ich soll Ihnen bei einem Projekt helfen, von dem ich nichts wissen darf?«
»So ist es«, erklärte Ramsay, als sei es das Normalste auf der Welt.
Ash blickte zum Stapel auf Ramsays Schreibtisch hinüber. »Hat es etwas mit dem Buch der Quelle zu tun?«
Ramsays Blick durchbohrte ihn. Er schwieg so lange und mit solcher Kälte, dass Ash seine Frage zu bereuen begann. »Was weißt du über das Buch der Quelle?«
»Nur das, was die Legende sagt.« Ash versuchte, Ramsays ausdruckslose Miene zu deuten. »Und mehr ist es doch auch nicht, oder? Eine alte Legende.«
»Es kommt immer darauf an, wen man fragt.«
Ash war sicher, dass Ramsay das Buch der Quelle als sehr real bezeichnen würde, wenn er ihn danach fragte.
Er wusste nicht, was er glauben sollte. Das wäre genauso, als würde er hören, dass Drachen doch existierten und sein Kindheitstraum plötzlich wahr wurde. Falls das Buch der Quelle wirklich existierte und seine Leser zu allmächtigen Wesen machte – mächtiger als jeder Mensch, der je gelebt hatte –, dann war es hochgefährlich und sollte besser verbrannt und seine Asche in den Wind gestreut werden. Doch allein der Gedanke, das Buch mit eigenen Augen zu sehen, all seine Fragen beantwortet zu bekommen und den Weg zu solcher Macht einschlagen zu können, ließ sein Herz schneller schlagen.
»Aber was wollen Sie mit dem Buch der Quelle anfangen?«, fragte Ash.
Ramsay warf ihm einen kurzen Blick zu, ehe er erwiderte: »Ich denke, das waren genug Fragen für heute.« Er schloss seine Hand um das Objekt, setzte sich auf seinen Schreibtischstuhl und legte die Beine auf die Ecke der Tischplatte. »Ich brauche eine Antwort von dir. Entweder du hilfst mir bei meinem Plan oder nicht. Das hier behalte ich übrigens.«
Ash verschränkte die Arme. »Ich glaube, ich habe es verdient, ein paar Details zu erfahren, ehe ich mich entscheide.«
Ramsay zog eine Braue hoch und schaute ihn an. Ash zählte zwei und zwei zusammen, womöglich ein wenig langsamer, als er das hätte tun sollen.
»Wollen Sie mich etwa erpressen?«, fragte Ash mit verhaltenem Zorn.
»Erpressen? Ach was! Ich will dir nur vorschlagen, mit mir zusammenzuarbeiten. Im Gegenzug werde ich deinem Arbeitgeber und dem Haus Kendrick nicht verraten, dass du illegal Alchemie betreibst.«
»Also doch Erpressung.«
»Wenn du es so lieber nennen willst.«
Ash konnte seine Wut manchmal nur schwer kontrollieren. Mitunter entlud sie sich so schnell wie ein Blitz und konnte eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Er hasste es, ausgenutzt und für fremde Zwecke eingespannt zu werden – vor allem von einem eingebildeten Hauserben wie Ramsay Thorne.
Ramsays Lächeln erstarb. Vielleicht witterte er die drohende Gefahr. »Wir könnten noch eine weitere Vereinbarung treffen«, fügte er hinzu.
Ash runzelte die Stirn. »Was für eine Vereinbarung?«
Ramsay hob das Kinn. »Du bist zweifellos talentiert. Was du heute getan hast, wäre nicht vielen gelungen, zumal du ja nie eine ordentliche Ausbildung erhalten hast.«
»Kommt darauf an, was Sie mit ordentlich meinen«, entgegnete Ash.
»Ich wollte dir nichts unterstellen …« Ramsay hielt kurz inne. »Aber du hast nie eine Privatschule besucht.«
»Das stimmt«, sagte Ash. Er mochte Thornes arroganten Blick nicht.
»Du hast keine reguläre Ausbildung an einem College absolviert, und trotzdem …«, Ramsay betrachtete erneut das Objekt in seiner Hand. »So viel rohe Kraft habe ich in all meinen Jahren in Lancaster nie zuvor gesehen.«
Ash wurde von einem warmen Gefühl durchflutet. Er hatte viele einsame Nächte mit dem Lesen von Texten verbracht, die er aus Buchläden gestohlen oder aus der College-Bibliothek entwendet hatte, ohne auch nur ein einziges Mal gelobt worden zu sein. Jetzt schämte er sich dafür, dass er sich durch die Anerkennung eines arroganten Hauserben geschmeichelt fühlte. »Worauf wollen Sie hinaus?«
Mit Ramsays Antwort hätte er nicht gerechnet. »Ich kann dir Unterricht geben«, sagte er.
Ash glaubte, sich verhört zu haben. »Wie bitte?«
»Ich könnte dich zum Ausgleich unterrichten«, wiederholte Ramsay. »Wenn du mir bei meinem Projekt hilfst …«
»Von dem ich immer noch nichts weiß.«
»Richtig. Ich werde dir alles beibringen, was ich weiß. Ich werde dich in Alchemie unterrichten und kann dich sogar auf die Lizenzprüfung vorbereiten, wenn du willst.«
Bei diesem Gedanken wurde Ash von einer euphorischen Freude gepackt. Ein Professor aus Lancaster würde genau wissen, welchen Stoff er beherrschen musste, um die schriftliche Prüfung zu bestehen. Und Thorne bot ihm sogar an, ihn in Alchemie zu unterrichten. »Aber … eben wollten Sie noch die Rote Garde alarmieren, und jetzt wollen Sie mir Alchemie beibringen, damit ich Ihnen helfe?«
»Jaja.« Thorne wedelte beschwichtigend mit dem Handrücken. »Ich bin nun mal ein selbstsüchtiger und egoistischer Narzisst, der sich nicht um das Gesetz schert, wenn es um meine eigenen Ambitionen geht. Also, wie lautet deine Antwort?«
Ash spürte, wie seine brodelnde Sehnsucht in ihm hochstieg und fast überkochte, doch er war immer noch unsicher und schüttelte den Kopf. »Das ist zu riskant. Was ist, wenn sie uns erwischen?«
»Du scheinst nach einem Grund zu suchen, um mein Angebot abzulehnen«, entgegnete Ramsay mit enttäuschter Stimme. »Dabei hatte ich den Eindruck, dass du sehr wissbegierig bist.«
»Schon, aber …«
»Wir würden bestimmte Vorkehrungen treffen«, fuhr der Professor fort. »Ich würde für deine Sicherheit garantieren. Solange unsere Vereinbarung gilt, stehst du unter meinem persönlichen Schutz. Nun, was ist deine nächste Ausrede?«, fragte Ramsay. »Wie willst du mir und dir selbst weismachen, dass du dich lieber nicht darauf einlassen solltest, weil du ein Feigling bist?«
Ash beobachtete mit offenem Mund, wie Ramsay aufstand, in aller Ruhe sein Büro durchquerte, direkt vor ihm stehen blieb und ihn von oben herab musterte. »Und?«, fragte Thorne mit leiser Stimme, Verzweiflung in den Augen. »Bist du einverstanden?«
Am liebsten hätte Ash Nein gesagt und zugesehen, wie Thornes selbstgefällige Visage in sich zusammenfiel. Doch sein Körper hatte ihn verraten. Als Ramsay vorgeschlagen hatte, ihm Alchemie beizubringen und ihn auf die Lizenzprüfung vorzubereiten, auch wenn das noch in weiter Ferne lag, war es Ash so vorgekommen, als würde der größte Traum seines Lebens wahr werden. Vielleicht hatte Ramsay ja recht, und die Quelle hatte wirklich dafür gesorgt, dass ihre Leben in diesem Moment aufeinandertrafen.
»Ja«, antwortete er und hatte das Gefühl, als würde das Wort von allein aus seinem Mund kommen. »Ich bin einverstanden.«
Das Wohnzimmer war feucht, die Wände mit glitschigem Schimmel bedeckt. Im Kamin flackerte die Glut eines sterbenden Feuers. Ein fauliger Gestank lag in der Luft, als wäre Blut in den Teppichboden eingedrungen. Sir Pentridge Val war nervös und wich Hains Blick aus, schwitzend, bleich und fast schon ein Geist.
Die beiden Männer sprachen miteinander. Val wischte sich über die Stirn und sah aus, als würde sein Herz sich selbst zu Tode schlagen, während Gresham ihm den Rücken zugekehrt und die Hände dahinter verschränkt hatte.
»Sie haben nicht mal Informationen darüber, wo es versteckt wird?«
»Das ist die einzige Möglichkeit.«
»Woher wollen Sie wissen, dass es mit Sicherheit funktioniert? So viele Tote …«
»Sie haben versprochen, mir zu helfen, Sir Val, oder etwa nicht?«
»Die Suche zu finanzieren, ja, aber das hier ist …«
»Es steht zu viel auf dem Spiel, um sich jetzt zurückzuziehen.«
Doch der Mann schüttelte den Kopf. »Ich will damit nichts zu tun haben. Ich weigere mich, an einem Massaker teilzunehmen.«
Val wollte sich abwenden, doch Gresham drehte sich blitzschnell um und packte seinen Hals. Val röchelte. Er bekam keine Luft. Selbst nachdem Hain losgelassen hatte, schien etwas in seiner Kehle zu stecken. Val hustete, worauf ein Blütenblatt zu Boden schwebte. Mit großen Augen blickte er auf. Ein Schatten fiel auf das Gesicht seines Mörders. Er schnappte nach Luft und steckte sich zwei Finger in den Mund, wühlte in ihm herum. Er würgte eine Pfingstrose hervor. Immer mehr Blüten entfalteten sich und fielen von seiner Zunge. Er sank auf die Knie und fasste sich an den Hals. Hain betrachtete ihn, bis das Licht in seinen Augen erlosch.
***
Der Campus des Lancaster-Colleges befand sich in einem der Außenbezirke von Kensington, dem Vorort Wynnesgrove mit seinen Alleen und Kopfsteinpflastern und weißen Häusern, deren Fenster von Spitzenvorhängen eingefasst waren. Von hier aus war es ein einstündiger Spaziergang bis nach Hause. Ash hätte die Straßenbahn nehmen können, doch jede Fahrt kostete drei Pfund – Geld, das er lieber für die Miete ausgab. Mit eingezogenem Kopf eilte er durch das wohlhabende Viertel und wagte es nicht, irgendjemandem ins Gesicht zu blicken, aus Angst, dieser würde von ihm wissen wollen, was er hier zu suchen hatte, und damit drohen, die Roten zu alarmieren. Erst als die Häuser etwas kleiner wurden und die Bäume ein Ende nahmen, konnte er freier atmen. Er erreichte die Eisenbrücke, die über den grauen Fluss zu seiner Gemeinde Hedge führte.
Hedge war im Grunde eine eigene Stadt, größer als Kensington sogar, wenn auch nur aus dem Grund, weil es hier so viele Leute gab, die nirgendwohin wollten. Ash folgte den erhöhten Bahnschienen. Ein Zug ratterte über seinen Kopf hinweg, bis sein Hämmern und Quietschen leiser wurde. Die Fenster verlassener Wohnungen waren mit Brettern vernagelt. Leute blickten sich über die Schultern. Der Rauch der Fabrikschlote in der Ferne verwandelte das Blau des Himmels in ein lebloses Schiefergrau. Ash huschte über den rissigen Asphalt der Straßen, und er wusste genau, welche er meiden musste. Rufe gellten ihm entgegen, und Ash blieb stehen, als er eine Gruppe von Leuten sah, die die weißen Gewänder des Hauses Lune trugen. Sie marschierten und skandierten etwas über den Schöpfer und seine Feinde, doch Ash konnte nicht sagen, an wen sich ihr Protest richtete. »Tut Buße!«, rief ein Mann an der Spitze der Gruppe. »Verbrennt eure Sünden! Hängt die Alchemisten und erlöst sie von ihrem Übel!«
Eine vertraute Wut stieg in ihm auf, doch was nützte es ihm, sich auf einen Kampf mit den Lune-Anhängern einzulassen? Wenn sie herausfanden, dass er Alchemie praktizierte, würde er den Abend mit einem Strick um den Hals beenden. Er zog den Kopf ein, als er an der gaffenden Menge vorbeieilte.
»Alchemie ist eine Krankheit!«, fuhr der Mann mit seinen Tiraden fort, während die weiß gekleideten Anhänger jubelten. »Es ist gegen die Natur, die Energie des Schöpfers zu rauben und das Geschenk des Lebens der menschlichen Gier zu opfern. Alchemisten sind eine Gefahr für die Welt!«
Ash bahnte sich seinen Weg durch die Menge und bog in eine Gasse ab. Er lehnte sich an die Wand, hob seine Hände und wartete darauf, dass sie aufhörten zu zittern. Es sollte ihn nicht überraschen, wie sehr seine ganze Existenz die Fremden abstieß, doch ihr Hass raubte ihm immer noch den Atem. Er holte tief Luft und atmete zitternd aus, ehe er seinen Weg fortsetzte.
Er kam an vielen Reihenhäusern vorbei, ehe er seine eigene Wohnung erreichte. Sie lag im ersten Stock eines verblichenen roten Backsteinhauses, eingebettet in eine Straße mit aufgegebenen Geschäften und zahlreichen Kneipen. Es war dasselbe Haus, in dem seine Mutter gestorben war. Ash hatte es kommen sehen – was nicht bedeutete, dass es weniger schmerzte.
Er stieg die knarrenden Stufen hoch und schloss die Tür auf. Die Wohnung machte nicht viel her, aber sie war sein Zuhause. Sie bestand aus einem Zimmer und einer kleinen Küche mit einem rostigen Kühlschrank, einem Herd und einem Tisch, an dem er aß und lernte. In einer Ecke des Zimmers lag seine Matratze neben einer ausgefransten Couch. Die Wände waren mit Arbeitsnotizen tapeziert, worüber sich Ashs Mutter einmal beklagt hatte.
Sie war nicht wie die anderen Konservativen gewesen, die Alchemie gleich verbieten wollten, aber sie sah auch keinen Sinn darin. Sie hatte nie verstanden, warum ihr Sohn die Magie so liebte. Ash nahm an, dass Musiker aus demselben Grund ihre Instrumente liebten und Bildhauer ihr Material. Sie kannte den physischen Schmerz nicht, der sich in Ashs Brust zusammenballte, wenn er eine Weile kein Licht aus seinen Händen strömen lassen konnte.
Ash zog sein Hemd aus und löste mit einem Seufzer der Erleichterung seinen schwarzen Brustbinder. Er hatte schon hundert Mal versucht, seine Brust durch Alchemie abzuflachen, doch der menschliche Körper war eine zu komplexe Manifestation der Quelle und ließ sich, von Unfällen und Krankheiten abgesehen, nicht dauerhaft verändern. Sein Brustbinder war schon mehrere Jahre alt und die Häkchen ausgeleiert, doch er erfüllte seinen Zweck. Er trat sich die Schuhe von den Füßen und ließ sich auf seine Matratze fallen. Er war von Büchern umgeben. Bücher, die er auf dem Fußweg gefunden, aus Bibliotheken ausgeliehen oder in manchen Fällen gestohlen hatte. Einige Bücher hatte sein Vater geschrieben. Gresham Hain hatte die Verbindung zwischen dem Göttlichen – der Quelle – und der Magie der Wissenschaft allgemein bekannt gemacht.
Hain hatte der breiten Masse die Grundlagen der Alchemie beigebracht. Während ganz normale Leute wie Ash früher gedacht hatten, dass Alchemie den Reichen und Mächtigen vorbehalten sei, begriffen dank Hain immer mehr Menschen, dass sie selbst ein Teil der Alchemie waren. Das Chaos, erklärte er, sei der ursprüngliche Funke der Energie, worauf die Quelle ihr eigenes Wesen begriffen und das Universum erschaffen hatte. Das Chaos selbst war gewissermaßen die Quelle: eine gewaltige Explosion von Energie, die sich zu Fäden des Daseins auffächerte. Zwei Seiten derselben Medaille. Ash spürte manchmal den ursprünglichen Funken, der den Kern des Lebens und der Alchemie ausmachte. Er wollte nach diesem Funken greifen, wenn er selbst Alchemie betrieb, wollte seine ungefilterte Macht spüren – doch es war gefährlich, sich das Chaos zunutze zu machen, und es war schon vorgekommen, dass sich Alchemisten in dieser unkontrollierbaren, grenzenlosen Energie verloren hatten.
Hain schrieb, dass die Quelle aus Energie bestehe und, da jede Schwingung des Universums Teil der Quelle sei, dies somit auch für jedes einzelne Lebewesen gelte. Um die Quelle und ihre Rolle im grandiosen Universum zu verstehen, sollte man sich am besten einen fein gewebten Teppich vorstellen. Alle Fäden sind so kunstvoll miteinander verwoben, dass sie ein Ganzes bilden, doch nehme ich an, dass sich jeder einzelne Faden für einzigartig hält.
Im Haus Lune wurde das als Blasphemie betrachtet. Dort wurde gelehrt, die Quelle als den Schöpfer zu verehren, der außerhalb der Menschen stehe und nicht zu ihnen gehöre. Viele Lune-Anhänger waren eingefleischte Konservative und behaupteten, dass der Gründer ihres Hauses, Sinclair Lune, eines Tages auferstehen werde, um alle Alchemisten sowie andere Formen des Übels von der Erde zu tilgen.
Wer begreift, dass wir alle Quelle sind und Göttlichkeit in uns tragen, Fragmente des Schöpfers, der begreift auch den Wert und die Würde jedes Einzelnen. Aber Gresham Hain war ein Heuchler. Waren das nicht alle großen Männer? Er hatte eine zwanzigjährige Hausangestellte geschwängert, die halb so alt war wie er, und die Briefe ignoriert, die sie ihm geschrieben hatte. Er hatte ihr jede Hilfe verweigert und sie mitsamt ihrem Kind dem Tod überlassen. Vielleicht war das der Grund, warum Samantha Woods Magie nicht ertragen konnte. Sie erinnerte sie zu sehr an Ashs Vater.
Ash setzte sich an der Bettkante auf und umklammerte seine Knie, die Hände wund von der Arbeit des Tages. Er hatte nicht mal gewusst, was er tun würde, wenn er seinem Vater begegnete. Ash hatte sich vorgestellt, den Mann anzugreifen und ihn anzuschreien, er solle ihn als seinen Sohn anerkennen und sich dafür entschuldigen, ihn und seine Mutter im Stich gelassen zu haben. Jetzt begriff er, dass es ein kindischer Jungentraum gewesen war. Was hatte er sich nur eingebildet? Dass der Mann ihn um Verzeihung bitten und liebevoll in seine Arme schließen würde?
Und jetzt? Diese Frage hallte durch seinen Kopf. Seinen Vater zu treffen, war die meiste Zeit seines 18-jährigen Lebens sein einzig erreichbares Ziel gewesen, sodass er jetzt kaum noch wusste, wozu sein Leben eigentlich gut war.
Doch nun nahm ein neues Ziel langsam Gestalt an. Seine Tagträume schienen gar nicht mehr so unrealistisch zu sein. Ramsay Thornes Angebot, ihn in Alchemie zu unterrichten, konnte kein Zufall sein. Ash hatte zwar keinen Studienplatz in Lancaster bekommen, aber er würde dennoch einen Weg finden, seine Lizenz zu erwerben. Er würde einer der mächtigsten Alchemisten seines Staates werden. Ash würde seinen Vater dazu bringen, ihn zu sehen und respektvoll sein Haupt zu neigen. Sein Vater würde gezwungen sein, Ashen Woods als seinen Sohn anzuerkennen und einzuräumen, dass er seiner würdig war und so viel mehr verdient hatte.
Seufzend ließ sich Ash auf seine Matratze zurücksinken. Dieser Tag war sehr aufregend gewesen und hatte ihm vieles abverlangt. Dennoch konnte er nicht anders, als nach dem nächsten Lehrbuch zu greifen, es aufzuschlagen und mit seinem abendlichen Studium zu beginnen – und diesmal suchte er nach jedem möglichen Hinweis auf das Buch der Quelle.
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Ash drängte ein übernächtigtes Gähnen zurück, als er am nächsten Morgen aus der Haustür seines Wohnblocks stolperte, die Hände in seinen grünen Jackentaschen vergraben. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, doch das Ausladen auf den Docks war ein guter Gelegenheitsjob, bevor er zum College ging, und sorgte zudem dafür, dass er seine Miete bezahlen konnte – sofern der Manager nicht auf die Idee kam, sein Gehalt zu kürzen. Es gab genug Leute, die verzweifelt nach einem Job suchten.