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John Locke: Ein Versuch über den menschlichen Verstand E-Book

John Locke

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Beschreibung

In "Ein Versuch über den menschlichen Verstand" entwirft John Locke eine bahnbrechende Analyse der menschlichen Erkenntnis und des Wissens. Mit einem klaren, analytischen Stil betritt Locke das Terrain der Philosophie des Geistes und setzt sich mit der Natur der Ideen und deren Ursprung auseinander. Er stellt die These auf, dass der menschliche Verstand bei der Geburt ein leeres Blatt ist, welches durch Erfahrung und Sinneseindrücke gefüllt wird. Dieses Werk, das im Kontext der Aufklärung verankert ist, prägt das Verständnis von empirischer Erkenntnis und erweist sich als grundlegender Text für die moderne Epistemologie. John Locke, ein englischer Philosoph des 17. Jahrhunderts, wird oft als Vater des Empirismus bezeichnet. Sein Leben war geprägt von politischen und philosophischen Umwälzungen, die ihn dazu inspirierten, die Grundlagen des Wissens und die Rolle des Individuums in der Gesellschaft zu erforschen. Lockes Auseinandersetzung mit dem Thema ist nicht nur akademisch, sondern auch ein Spiegel seiner Zeit, in der Fragen von Freiheit, Naturrecht und politischer Philosophie zentral waren. Dieses Werk ist ein unverzichtbares Monument für jeden, der sich mit der Philosophie, Aufklärung oder der Entwicklung moderner Denkweisen auseinandersetzen möchte. Lockes klar strukturierte Argumentation und tiefgreifende Einsichten laden den Leser ein, über die eigenen Erkenntnisse und deren Quellen nachzudenken. Ein Muss für Philosophen, Historiker und alle Interessierten an der Natur des menschlichen Verstandes. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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John Locke

John Locke: Ein Versuch über den menschlichen Verstand

Bereicherte Ausgabe. An Essay Concerning Human Understanding
Einführung, Studien und Kommentare von Marvin Engel
EAN 8596547759607
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
John Locke: Ein Versuch über den menschlichen Verstand
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Alles Wissen beginnt in der Erfahrung – und an dieser Forderung richtet John Locke sein opus magnum aus. Sein Essay prüft, was der menschliche Verstand leisten kann und wo seine Grenzen liegen. Im Hintergrund steht ein Konflikt, der die Neuzeit prägt: Sind einige Ideen angeboren, oder entspringt alles unserem Umgang mit der Welt und der inneren Selbstbeobachtung. Indem er diese Frage systematisch entfaltet, entwirft Locke kein Dogma, sondern einen Prüfstand für Behauptungen. Er schärft die Unterscheidung zwischen Gewissheit und Wahrscheinlichkeit, lotet die Reichweite von Sprache und Beweisen aus und zeigt, wie Denken zur Rechenschaft über seine eigenen Mittel gezogen werden kann.

Dieses Werk gilt als Klassiker, weil es das Fundament des neuzeitlichen Empirismus legt und das geistige Klima der Aufklärung entscheidend prägt. Sein Einfluss reicht über die Philosophie hinaus in Pädagogik, Wissenschaftstheorie, Theologie und politische Kultur. Es inspirierte Denker wie Berkeley und Hume und provozierte eine systematische Entgegnung in Leibniz’ Neuen Essays über den menschlichen Verstand. Lockes nüchterne, methodische Prosa fördert eine Kultur der begrifflichen Klarheit und zügelt spekulative Übergriffe. Die nachhaltigen Themen sind erkenntnistheoretische Bescheidenheit, die Rolle der Erfahrung, die Verantwortung der Sprache und die Kunst, zwischen Wissen, Glauben und Meinung verantwortungsvoll zu unterscheiden.

John Locke, geboren 1632 in Wrington und gestorben 1704 in Oates, war ein englischer Philosoph der frühen Aufklärung. Er verfasste den Versuch über den menschlichen Verstand über viele Jahre, mit ersten Entwürfen aus den frühen 1670er Jahren und intensiver Arbeit während seines Aufenthalts in den Niederlanden. Das Werk erschien erstmals gegen Ende 1689 in London; das Druckjahr auf dem Titelblatt ist 1690. Entstanden im Umfeld der aufblühenden experimentellen Naturwissenschaft, nimmt der Essay die Frage ernst, wie Erfahrung, Beobachtung und Selbstreflexion zu zuverlässigen Erkenntnissen führen – und wo sie notwendigerweise an die Schwelle des Vermutlichen stoßen.

Der Essay ist in vier Bücher gegliedert, die eine gedankliche Bewegung zeichnen: von der Zurückweisung angeborener Begriffe über die Herkunft und Struktur unserer Ideen, weiter zur Rolle der Sprache, hin zur Prüfung dessen, was wir Wissen nennen. Diese Architektur erlaubt es, Erkenntnis nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel von psychologischen Vorgängen, sprachlichen Mitteln und logischen Maßen zu verstehen. Jede Stufe bereitet die nächste: Erst wenn geklärt ist, woher unsere Vorstellungen stammen und wie wir sie bezeichnen, kann die Frage sinnvoll beantwortet werden, worin Erkenntnis besteht und unter welchen Bedingungen sie beansprucht werden darf.

Im ersten Buch setzt Locke sich mit der Lehre angeborener Ideen auseinander. Er argumentiert, dass vermeintliche Selbstverständlichkeiten ihre Überzeugungskraft aus Gewöhnung, Erziehung oder unkritischer Tradition beziehen. Damit verschiebt er die Beweislast: Nicht behauptete Ursprünge, sondern nachweisbare Entstehungsweisen sollen den Ausschlag geben. Diese Polemik ist nicht destruktiv, sondern ordnend. Sie macht Platz für eine positive, schrittweise Theorie der Herkunft unserer Vorstellungen, die von den Quellen der Erfahrung ausgeht und danach fragt, wie aus einfachen Eindrücken jene komplexen Muster entstehen, mit denen wir die Welt begreifen.

Das zweite Buch entfaltet Lockes Lehre von den Ideen. Er unterscheidet einfache Gehalte, die uns durch Sinneserfahrung und innere Reflexion zufallen, von komplexen Gebilden, die der Verstand durch Vergleichen, Verbinden und Abstrahieren formt. So erklärt er, wie wir zu Begriffen von Substanzen, Qualitäten, Relationen, Zahl und Kausalität gelangen, ohne mysteriöse angeborene Inhalte zu bemühen. Berühmt ist in diesem Zusammenhang die Rede vom unbeschriebenen Blatt: Nicht als naive Leere, sondern als Aufforderung, die Prozesse zu analysieren, durch die Eindrücke geordnet, stabilisiert und zu handlungsleitendem Wissen verarbeitet werden.

Das dritte Buch widmet sich der Sprache. Wörter sind für Locke Zeichen von Ideen; sie dienen der Mitteilung und der Ordnung des Denkens. Missverständnisse entstehen, wenn man mit Namen operiert, ohne die zugrunde liegenden Vorstellungen zu klären, oder wenn man allgemeine Begriffe wie feste Dinge behandelt. Indem Locke zwischen nominalen und vermeintlich realen Wesensbestimmungen unterscheidet, erklärt er, warum Klassifikationen nützlich, aber fallibel sind. Seine Diagnose zielt auf intellektuelle Hygiene: sorgfältige Definitionen, prüfbare Bezüge und die Bereitschaft, Mehrdeutigkeiten offenzulegen, bevor man mit Theorien und Beweisen fortfährt.

Das vierte Buch prüft die Ansprüche des Wissens. Locke bestimmt Wissen als Einsicht in das Verhältnis unserer Ideen und zeigt Abstufungen von Gewissheit bis Wahrscheinlichkeit. Er reflektiert Zeugnis, Erfahrung, Schluss und Intuition als unterschiedliche Wege der Rechtfertigung. Daraus ergibt sich ein Ethos des Für-wahr-Haltens: Wo Beweise fehlen, ist vorsichtiger Glaube angebracht; wo Gründe stark sind, darf man sichere Zustimmung gewähren. Die Grenze des Wissens ist keine Schwäche, sondern Bedingung vernünftigen Urteilens. Sie bewahrt vor Dogmatismus und lenkt Aufmerksamkeit auf Methoden, die Irrtum wahrscheinlich machen und Korrektur ermöglichen.

Charakteristisch ist Lockes methodische Bescheidenheit, verbunden mit analytischer Entschlossenheit. Er arbeitet deskriptiv-psychologisch, ohne die Metaphysik zu verwerfen, und er prüft große Thesen an kleinen Beobachtungen. Beispiele aus Alltagssprache und Wahrnehmung sollen zeigen, wie Denken tatsächlich funktioniert. Diese Verbindung von nüchterner Detailarbeit und systematischer Weite machte den Essay zu einem Modell wissenschaftlicher Prosa. Der Stil ist sachlich, argumentativ, geduldig; er lädt zur Prüfung ein, statt Glauben zu verlangen. In dieser Haltung liegt ein Teil seines dauerhaften Prestiges und seiner Wirkung über die Philosophie hinaus.

Die Rezeptionsgeschichte ist reich und kontrovers. Der Essay wurde in Gelehrtenkreisen schnell diskutiert, löste Zustimmung und Widerspruch aus und wurde in mehreren Überarbeitungen weiter verfeinert. Besonders einflussreich war die Auseinandersetzung mit kontinentalen Rationalisten; Leibniz entwarf eine umfassende Erwiderung, die viele Differenzen systematisch durchspielt. In der britischen Tradition bereiteten Lockes Analysen den Boden für Berkeley und Hume, deren Arbeiten die Grenzen von Wahrnehmung, Kausalität und Selbst weiter sondierten. Auch die französische Aufklärung, etwa bei Condillac, schöpfte aus der lockeschen Programmatik einer Erfahrungs- und Sprachkritik.

Dass der Versuch über den menschlichen Verstand ein Klassiker ist, liegt nicht nur an seinen Thesen, sondern an seinem Maß. Locke verbindet intellektuelle Redlichkeit mit methodischer Strenge. Er zeigt, wie man mit Ungewissheit lebt, ohne ins Beliebige zu fallen, und wie man Vielfalt von Meinungen mit dem Anspruch auf Wahrheit versöhnt. Die Balance aus Skepsis und Zuversicht, Analyse und Praxis, Begriffsschärfe und sprachlicher Genauigkeit verleiht dem Werk eine zeitlose Attraktivität. Es lehrt, dass Urteilsbildung eine Kunst ist, die auf Selbstprüfung, klare Begriffe und Achtung vor Erfahrung angewiesen bleibt.

Heute bleibt das Buch relevant, weil es Grundfragen adressiert, die unsere Wissensgesellschaft täglich berühren: Was zählt als Evidenz. Wie tragen Begriffe Wirklichkeit, und wie täuschen sie. Welche Verantwortung haben wir, wenn wir glauben, meinen, wissen. In Zeiten digitaler Informationsfülle, wissenschaftlicher Spezialisierung und öffentlicher Kontroversen bietet Lockes Ethik des Begründens ein robustes Gerüst. Sie fördert intellektuelle Demut, Präzision im Gebrauch von Sprache und die Bereitschaft, Gründe zu prüfen. Gerade darin zeigt sich die dauerhafte Qualität dieses Werkes: Es stärkt die Urteilskraft und schützt vor den Verführungen des Dogmatismus.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

John Lockes Ein Versuch über den menschlichen Verstand untersucht systematisch Herkunft, Reichweite und Grenzen menschlicher Erkenntnis. Das Werk ist in vier Bücher gegliedert und verfolgt eine klare Ordnung: Zuerst räumt Locke mit verbreiteten Voraussetzungen auf, dann bestimmt er Ursprung und Arten von Ideen, erörtert die Rolle der Sprache und analysiert zuletzt Struktur und Gewissheitsgrade des Wissens. Leitend ist das Ziel, dogmatische Gewissheiten zu überprüfen und einen nüchternen Maßstab für vernünftige Zustimmung zu finden. Methodisch stützt sich Locke auf Beobachtung innerer Vorgänge, auf begriffliche Analyse und auf eine vorsichtige, erfahrungsgesättigte Argumentation, die spekulative Metaphysik zurückdrängt.

Den Auftakt bildet die Zurückweisung angeblich angeborener Grundsätze. Locke prüft die verbreitete Annahme, es gebe allgemein eingepflanzte Wahrheiten, und zeigt, dass vermeintliche Universalität weder psychologisch noch historisch belegt ist. Unterschiede zwischen Menschen, Entwicklungsstadien und Kulturen sprechen gegen eine ursprüngliche Einprägung. Was als selbstverständlich gilt, erweist sich oft als Ergebnis Gewöhnung oder Lehre. Daraus folgt methodisch: Erkenntnis bedarf eines Ursprungs, der unabhängig von bloßem Nachsprechen ist. Mit dieser Kritik verschiebt Locke den Fokus von vermeintlicher Notwendigkeit zu nachweisbaren Quellen und bereitet den Übergang zu seiner positiven Lehre vom Erfahrungsfundament aller Ideen vor.

Im zweiten Buch entwickelt Locke seine Lehre von der Herkunft der Ideen aus Erfahrung. Er unterscheidet zwei Hauptquellen: Sinneswahrnehmung, die Eindrücke äußerer Dinge liefert, und Reflexion, die die eigenen geistigen Tätigkeiten zum Gegenstand macht. Einfache Ideen entstehen passiv, werden aber vom Verstand aktiv geordnet, verglichen und verbunden. So gelangen wir zu komplexen Vorstellungen. Eine bedeutsame Einsicht ist die Differenz zwischen Merkmalen, die Dingen zugeschrieben werden, und dem, was unsere Sinne tatsächlich liefern. Diese Analyse verankert Erkenntnis in der Erfahrung, ohne die Eigenleistung des Geistes zu leugnen, und bildet das Rohmaterial für weitergehende Begriffsbildungen.

Locke beschreibt sodann, wie aus einfachen Ideen komplexe Strukturen entstehen. Er unterscheidet Modi, Substanzen und Relationen: Zusammensetzungen wie Zahl und Dauer, Annahmen über Träger von Eigenschaften sowie Verhältnisse wie Ursache und Wirkung. Dabei betont er die begrenzte Reichweite unserer Einsicht in das, was Dinge zu dem macht, was sie sind. Wir arbeiten mit Benennungen, die aus beobachteten Merkmalen abgeleitet sind, ohne Zugriff auf verborgene Beschaffenheiten zu haben. Diese Unterscheidung zwischen dem, was wir benennen, und dem, was es an sich sein könnte, markiert einen methodischen Vorbehalt gegenüber spekulativen Wesensbehauptungen.

Besondere Aufmerksamkeit schenkt Locke Vorstellungen von Raum, Zeit, Zahl, Macht und Personalität. Raum und Zeit werden durch Vergleich und Kontinuität gebildet, Zahl durch wiederholte Zusammenfassung. Bei Macht und Ursache richtet sich der Blick auf Fähigkeit und Wirksamkeit, wie sie in Erfahrung und Selbstbeobachtung zutage treten. Prägnant ist seine Überlegung zur persönlichen Identität, die er an fortbestehendem Bewusstsein festmacht. Die Person ist für Locke keine bloß körperliche oder substanzielle Einheit, sondern gebunden an Erinnerung und Zurechenbarkeit. Diese Analyse zielt auf praktische Fragen von Verantwortung und Rechtfertigung, ohne sie auf metaphysische Postulate zu reduzieren.

Das dritte Buch widmet sich der Sprache als Werkzeug des Denkens. Wörter sind Zeichen für Ideen, und ihr gelingender Gebrauch setzt klare, bestimmbare Inhalte voraus. Allgemeine Begriffe entstehen durch Abstraktion aus Einzelerfahrungen, was Verständigung ermöglicht, aber auch Unschärfen produziert. Viele Streitigkeiten entspringen unsauberen Definitionen, Verschiebungen von Bedeutungen und dem Verwechseln von Namen mit Dingen. Lockes Diagnose führt zu methodischen Regeln: sorgfältige Festlegung von Termini, Bewusstsein für den konventionellen Charakter sprachlicher Zeichen und Zurückhaltung gegenüber großen Worte, die keine klaren Vorstellungen begleiten.

Im vierten Buch bestimmt Locke Wissen als Einsicht in die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung von Ideen. Er unterscheidet drei Grade: unmittelbare Einsicht, die keiner Vermittlung bedarf; vermittelte Gewissheit durch nachvollziehbare Beweise; und die besondere Stellung der sinnlichen Gewissheit hinsichtlich äußerer Gegenstände. Mathematik bietet paradigmatische Fälle demonstrativer Sicherheit, während viele andere Bereiche nur eingeschränkte Strenge erlauben. Zugleich ordnet Locke die Arten der Gewissheit in eine abgestufte Architektur, die Klarheit verlangt, ohne über ihre Grenzen hinauszugehen. Diese Einteilung schafft Maßstäbe für Begründung, Prüfung und geordnetes Für-wahr-Halten.

Neben Wissen behandelt Locke den Bereich des Wahrscheinlichen. Da Menschen oft handeln müssen, ohne Beweise im strengen Sinn zu besitzen, entwickelt er Kriterien vernünftiger Zustimmung: Gewicht der Gründe, Glaubwürdigkeit von Zeugen, Übereinstimmung mit Erfahrung und Folgerichtigkeit. Auch religiöser Glaube wird an die Disziplin der Vernunft gebunden, wobei Locke eine klare Trennung zwischen begründbarem Wissen, verantwortungsvollem Für-wahr-Halten und spekulativer Behauptung zieht. Die Anerkennung epistemischer Grenzen ist nicht resignativ, sondern soll intellektuelle Besonnenheit fördern: Offenheit für Evidenz, Bereitschaft zur Revision und Abwehr dogmatischer Übergriffe.

Insgesamt bietet Lockes Werk eine Kartographie des Denkens, die Empirie und begriffliche Klarheit verbindet. Es prägt den neuzeitlichen Empirismus und wirkt in Debatten über Wissenschaft, Bildung, Religion und Moral fort. Die nachhaltige Botschaft lautet, dass Erkenntnis Fortschritt verlangt, aber innerhalb erkenntlicher Grenzen bleibt. Wer die Herkunft der Begriffe prüft, die Sprache zügelt und die Grade der Gewissheit beachtet, kann Streitigkeiten entgiften und produktive Forschung ermöglichen. Damit wird der Versuch zu einer Programmschrift intellektueller Mäßigung und methodischer Strenge, deren Wirkung weit über die Philosophiegeschichte hinausreicht.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Das intellektuelle Umfeld von John Lockes Ein Versuch über den menschlichen Verstand entstand im England der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Nach Bürgerkrieg und Republik wurde 1660 die Monarchie restauriert, die anglikanische Kirche gewann erneut institutionelle Prägewalt, und die Universitäten Oxford und Cambridge blieben zentrale Ausbildungsstätten. Gleichzeitig bildeten Londoner Drucker, Kaffeehäuser und gelehrte Gesellschaften Knotenpunkte einer wachsenden Öffentlichkeit. In diesem Spannungsfeld aus alter Autorität und neuer Debattenkultur reifte Lockes Projekt einer systematischen Untersuchung des menschlichen Erkennens, das die Grenzen von Wissen, die Zuverlässigkeit von Erfahrung und die verantwortliche Steuerung von Zustimmung in religiös wie politisch aufgeladenen Zeiten klären sollte.

Locke, 1632 in Somerset geboren, wuchs mit den Nachwirkungen des Bürgerkriegs auf. Seine Ausbildung führte ihn über die Westminster School an das Christ Church College in Oxford. Dort traf er auf ein noch stark scholastisch geprägtes Curriculum, zugleich aber auch auf die Anziehungskraft neuer Naturphilosophie. Diese Doppelprägung – Respekt vor gelehrter Tradition und Skepsis gegenüber autoritärer Lehre – bildete den Nährboden für sein epistemologisches Programm. Schon als junger Gelehrter verband er philologische und medizinische Studien, las Descartes, aber prüfte dessen Thesen an Beobachtung und Experiment. So entstand ein methodisches Misstrauen gegen „angeborene Ideen“ zugunsten erfahrungsbasierter Erkenntnis.

Die 1660 gegründete Royal Society beförderte ein experimentelles Ethos, das Francis Bacons Programm der „neuen Wissenschaft“ praktisch vorantrieb. Forscher wie Robert Boyle und Robert Hooke machten kontrollierte Experimente, Protokolle und Replikation zu Standards. Locke bewegte sich seit den 1660er Jahren in diesem Umfeld und wurde in den späten 1660ern selbst Mitglied. Der Essay übernimmt daraus die Priorität sorgfältiger Beobachtung, die Vorsicht im Formulieren allgemeiner Prinzipien und die Bereitschaft, Wissen graduell und fallibel zu verstehen. Die menschliche Erkenntnis sollte nicht auf deduktiven Spekulationen stehen, sondern auf der Prüfung von Sinnesdaten und reflektierter Erfahrung.

Ein weiterer Strang seines Hintergrunds war die Medizin. Locke arbeitete eng mit dem renommierten Arzt Thomas Sydenham zusammen, der klinische Beobachtung und Krankengeschichten betonte. Dieses klinische, auf Symptome, Verlauf und Erfahrung fokussierte Vorgehen prägte Lockes psychologische Blickrichtung: Die Seele ist kein voll eingerichteter Speicher, sondern bildet Begriffe aus Eindrücken, die der Körper vermittelt. Zeitgenössische Physiologie und Optik, Debatten über Nerven, Wahrnehmung und Irrtum, sowie die von Boyle vertretene korpuskularische Naturphilosophie schufen ein Vokabular, in dem Locke Wahrnehmung, Qualitäten und die Grenzen der Sinneserkenntnis präzis ins Verhältnis setzen konnte.

Politisch gewann Locke seit 1667 als Mitarbeiter und Vertrauter Anthony Ashley Coopers, des späteren Earl of Shaftesbury, Erfahrung. In dessen Haushalt lernte er Verwaltung, Patronagenetzwerke und die Realitäten konfessioneller Konflikte kennen. Die Begegnung mit Regierungsarbeit und Parteikämpfen sensibilisierte ihn für die politische Dimension von Überzeugungen: Behauptungen legitimieren Macht. Der Essay reagiert darauf, indem er Maßstäbe für begründete Zustimmung formuliert und gegen dogmatische Anmaßung abschirmt. So spiegelt sein erkenntnistheoretischer Minimalismus ein politisches Ideal: Autorität soll sich aus nachvollziehbaren Gründen und überprüfbaren Tatsachen speisen, nicht aus bloßen Berufungen auf Tradition.

Das englische Imperium und die Kommerzialisierung erweiterten zugleich den Horizont gelehrter Debatten. Locke war zeitweise Sekretär in kolonialen und handelsbezogenen Gremien und wirkte bei den Fundamental Constitutions of Carolina (um 1669) mit. Verwaltung von Handel, Siedlung und Recht schärfte sein Bewusstsein für die Vielfalt von Sitten, Sprachen und Institutionen. Die epistemische Konsequenz: Gewissheit ist selten, Wahrscheinlichkeit häufig, Zeugnis und Erfahrung müssen abgewogen werden. Der Essay spiegelt diese Praxis in seinen Analysen zu Wahrscheinlichkeit, Glauben und Zeugnis und insistiert darauf, Urteile proportional zu den verfügbaren Belegen zu halten.

Die Restaurationszeit war von konfessionellen Spannungen geprägt. Mit dem Act of Uniformity (1662) wurden nonkonformistische Prediger ausgeschlossen; weitere Gesetze trafen protestantische Dissenters. Religiöse Debatte tendierte zu Polemik, und „Enthusiasmus“ – als Anspruch unfehlbarer innerer Eingebung – galt vielen als politisch gefährlich. Locke nimmt dies im Essay auf: Er unterscheidet natürliche Erkenntnis, demonstratives Wissen und moralische Wahrscheinlichkeit, und warnt vor dem Verwechseln subjektiver Gewissheit mit objektiver Evidenz. Damit knüpft er an latitudinarische Strömungen an, die Mäßigung, Toleranz und Vernunftgebrauch in Fragen des Glaubens befürworteten.

Der Popish Plot (1678) und die Exclusion Crisis (1679–1681) zeigten, wie Gerüchte, Zeugenaussagen und Parteizwecke politische Entscheidungen steuern konnten. Der Streit um die Thronfolge, die Angst vor „papistischer“ Verschwörung und eine Flut von Pamphleten erzeugten ein Klima der Unsicherheit. Lockes spätere Kapitel über Wahrscheinlichkeit, Testimonien und den Grad von Zustimmung lesen sich wie ein methodischer Gegenvorschlag: Urteile sollen der Stärke der Belege folgen, nicht der Intensität der Leidenschaften. Der Essay tritt damit als epistemisches Gegenmittel zu panikgetriebener Politik und konfessioneller Agitation auf.

Nach wachsendem Druck auf das Shaftesbury-Lager und in der Atmosphäre des sogenannten Rye-House-Plots ging Locke 1683 in die Niederlande ins Exil. Die Republik bot relativ große Presse- und Religionsfreiheit sowie dichte intellektuelle Netzwerke, von Remonstranten über Cartesianer bis hin zu Kreisen, die Spinozas Werke diskutierten. In diesem Milieu überarbeitete Locke den Essay, korrespondierte mit Theologen und Gelehrten und brachte seine Toleranzschrift in lateinischer Fassung auf den Weg. Die niederländische Buchkultur – vielseitig, international, weniger stark zensiert – erleichterte die Vorbereitung und Absicherung seines epistemologischen Hauptwerks.

Die Glorious Revolution von 1688/89, die den Thronwechsel zu Wilhelm III. und Maria II. brachte, setzte einen verfassungsrechtlichen Rahmen mit Bill of Rights (1689) und Act of Toleration (1689). In diesem Klima kehrte Locke 1689 nach England zurück. Die politische Neuordnung schuf Freiräume für Publikationen, die Autoritätsansprüche kritisch beleuchten. Lockes Essay erschien um 1689/1690 erstmals im Druck, nahezu zeitgleich mit seiner Toleranzschrift in lateinischer Sprache. Die politische Botschaft blieb implizit: Erkenntnis wird begrenzt, Urteil verantwortet, Dogmatismus entmächtigt – Grundannahmen, die mit dem neuen konstitutionellen Arrangement korrespondierten.

Der Buchmarkt wandelte sich stark. Zwar prägten Zensurmaßnahmen wie der Licensing Act lange die Druckkultur, doch sorgten niederländische Verlage und, nach dem Auslaufen des Gesetzes 1695, eine liberalere Presseordnung für lebhafte Debatten. Lockes Essay erlebte in den 1690er Jahren mehrere Auflagen; die vierte Ausgabe (1700) fügte das Kapitel über die „Assoziation der Ideen“ hinzu. Jede Ausgabe reagierte auf Einwände, klärte Begriffe und verschob Gewichte. Diese editorische Dynamik verdeutlicht, dass der Text weniger Dogma als Werkzeugkasten war – ein offener Beitrag zu einer europäischen Diskussion über Methode, Sprache und Gewissheit.

Philosophisch stand Locke zwischen Kartesianismus und Aristotelismus. Gegen die cartesianische Lehre angeborener Ideen entwarf er die These, dass alle Ideen aus Erfahrung stammen – durch Sinneswahrnehmung und „Reflexion“ auf mentale Vorgänge. Zugleich übernahm er aus der traditionellen Logik das Interesse an Definition, Klarheit und Begründungsarten. Debatten mit Platonikern und Rationalisten – in England wie auf dem Kontinent – machten den Essay zu einem Knotenpunkt. Spätere Repliken, etwa Leibniz’ um 1704 verfasste Nouveaux Essais (postum erschienen), zeigen, wie Lockes empirische Wende den europäischen Diskurs neu ausrichtete.

Ein Kern des Essays ist die Sprachkritik. Locke diagnostiziert, dass Streit oft aus unklaren, schwankenden oder absichtlich „vernebelten“ Begriffen entsteht. Damit knüpft er an das Programm der Royal Society an, einen „plain style“ zu pflegen, der Erfahrung getreu abbildet und prätentiöse Gelehrsamkeit misstrauisch prüft. Theologische und juristische Kontroversen seiner Zeit – über Gnade, Sakramente, Souveränität – lieferten Beispiele für terminologische Verwirrung. Durch die Analyse der „Wörter“ als Zeichen von Ideen schlägt Locke Regeln für redlichen Diskurs vor und macht Sprachaufklärung zur Voraussetzung friedlicher, vernünftiger Auseinandersetzung.

Gesellschaftlich verbreiteten sich in den 1680er und 1690er Jahren Kaffeehäuser, Lesegesellschaften und periodische Drucke. Diese Orte und Medien beförderten eine Kultur des Diskutierens, in der Argumente, Nachrichten und wissenschaftliche Berichte zirkulierten. Locke trug mit Schriften zur Erziehung (1693) zur Formierung eines bürgerlichen Bildungsideals bei, das Urteilskraft über bloße Gelehrsamkeit stellte. Der Essay liefert hierfür die kognitiven Grundlagen: Erklärt wird, wie Geist und Gewohnheit zusammenwirken, wie man Vorurteile erkennt und wie man Wahrscheinlichkeit handhabt – Kompetenzen, die ein größer werdendes Publikum in Alltag, Wirtschaft und Politik benötigte.

Die naturwissenschaftlichen Umbrüche untermauerten Lockes Kategorien. Neuartige Instrumente – Lupe, Mikroskop, Luftpumpe – zeigten eine Welt jenseits unmittelbarer Sinne. Boyles Experimente, Hookes Mikrografie und Fortschritte in Optik und Mechanik etablierten Messbarkeit und Modellbildung. Newtons Principia (1687) gaben der mathematischen Naturbeschreibung enorme Autorität. Locke übernahm korpuskularische Hypothesen und unterschied zwischen „primären“ und „sekundären“ Qualitäten, um zu erklären, wie die Welt sich in der Erfahrung präsentiert. Daraus folgt epistemische Bescheidenheit: Viele Ursachen bleiben hypothetisch; dennoch kann geordnetes, praktisches Wissen wachsen.

Konfessionell prägte die Epoche auch Migration und Austausch. Die Aufhebung des Edikts von Nantes (1685) trieb Hugenotten nach England und in die Niederlande; sie brachten Handwerk, Kapital und Druckkompetenz. Anglo-niederländische Netzwerke verbanden Theologen, Juristen und Naturforscher. In diesen Kreisen fand Lockes Toleranzprogramm Resonanz: Öffentliche Ruhe verlangt, Meinungen nach zivilen Tugenden zu bewerten, nicht nach dogmatischer Reinheit. Der Essay liefert dazu die erkenntnistheoretische Basis, indem er Offenbarung, Vernunft und Wahrscheinlichkeit systematisch trennt und so die praktischen Bedingungen für Koexistenz in pluralen Städten formuliert.

Die Wirkungsgeschichte setzte rasch ein. Übersetzungen – etwa ins Französische um 1700 – machten den Essay auf dem Kontinent wirksam. Universitäten und Akademien diskutierten seine Lehre von der Entstehung der Ideen; Theologen sahen Risiken des Skeptizismus, Aufklärer Chancen nüchterner Erkenntnis. In England stritten Debattierer über Substanz, personal identity und Freiheit. Die Revisionsfreude Lockes und die reagierenden Schriften seiner Kritiker zeigen eine Öffentlichkeit, die methodische Regeln fast so ernst nahm wie Ergebnisse. Der Essay wurde zum Referenztext, an dem sich Lehrbücher, Predigten und naturphilosophische Abhandlungen abarbeiteten und schärften, was „Beweis“ heißen soll in Moral und Naturkunde.」「Am Ende kommentiert und kritisiert Lockes Buch seine Gegenwart, indem es den Geltungsbereich menschlicher Erkenntnis absteckt. Es stellt Autoritätsansprüche unter Rechtfertigungsdruck, rügt die Verwechslung von innerem Gefühl mit Evidenz, verlangt Sprachklarheit und lehrt, Zustimmung dem Gewicht der Gründe anzupassen. In einer Zeit konfessioneller Spaltungen, expandierender Märkte und neuer Wissenschaften bietet es eine Ethik des Urteilens: vorsichtig, öffentlich begründbar, lernfähig. So wird der Essay zum erkenntnistheoretischen Fundament der frühen Aufklärung und zu einem stillen politischen Plädoyer für Toleranz und verantwortliche Vernunft in Staat und Kirche.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

John Locke (1632–1704) gilt als einer der einflussreichsten Denker der frühen Aufklärung und als Hauptvertreter des Empirismus. Seine Schriften prägten moderne Vorstellungen von Erkenntnis, individueller Freiheit, politischer Legitimation und religiöser Toleranz. In einer Zeit tiefgreifender Umbrüche in Wissenschaft, Religion und Staatsverfassung verband er experimentelle Methode mit normativer Theorie. Lockes Wirkung reicht von Debatten über Geist und Sprache bis zur Theorie des Gesellschaftsvertrags und des Eigentums. Als Autor zentraler Werke des 17. Jahrhunderts beeinflusste er spätere liberale Traditionen in Europa und Nordamerika und gehört heute zum festen Kanon der Philosophie-, Politik- und Ideengeschichte.

Locke erhielt seine Ausbildung an der Westminster School und am Christ Church in Oxford, wo er klassische Philosophie, Naturwissenschaften und Medizin studierte. Früh wandte er sich von der scholastischen Lehre ab und suchte Anschluss an die neue, experimentelle Naturforschung. Nachweisbare Bezugspunkte seines Denkens sind Francis Bacon und Robert Boyle; kritisch setzte er sich mit René Descartes auseinander. Medizinisch arbeitete er mit Thomas Sydenham zusammen, dessen klinische Empirie Lockes methodisches Selbstverständnis vertiefte. In Oxford und London bewegte er sich in Kreisen, die wissenschaftliche Experimente, Sprachkritik und praktische Moral verbanden und damit das Terrain für seine späteren Hauptwerke bereiteten.

Eine zentrale Rolle in Lockes Laufbahn spielte seine Verbindung zu Anthony Ashley Cooper, später Earl of Shaftesbury, für den er als Berater und Arzt tätig war. Die politische Erfahrung dieser Jahre, inklusive der Auseinandersetzungen um Nachfolge und Parlamentsrechte, schärfte sein Verständnis von Regierung, Recht und Widerstand. In den 1680er-Jahren hielt sich Locke aus Sicherheitsgründen längere Zeit in den Niederlanden auf, wo er an politischen und erkenntnistheoretischen Schriften arbeitete. 1689 erschienen anonym die Two Treatises of Government, deren Kerngedanken – natürliche Rechte, Einwilligung, begrenzte Gewalt und Schutz des Eigentums – zu einem Grundbestand liberaler Staatstheorie wurden.

Mit An Essay Concerning Human Understanding (1690) schuf Locke ein Grundlagenwerk der Erkenntnistheorie. Er erklärte, der Geist sei nicht mit angeborenen Ideen ausgestattet, sondern erwerbe Inhalte durch Erfahrung, gegliedert in Sensation und Reflexion. Unterscheidungen wie primäre und sekundäre Qualitäten, die Analyse komplexer Ideen und eine ausgedehnte Sprachkritik sollten Irrtümer und terminologische Verwirrung vermindern. Das Essay bot außerdem ein vorsichtiges Modell der Wahrscheinlichkeit und des rationalen Glaubens im Umgang mit empirischer Unsicherheit. Zeitgenössische Reaktionen reichten von Zustimmung bis zu scharfer Kritik; dennoch etablierte das Werk den Empirismus als tragfähige Alternative zu rationalistischen Systemen.

In A Letter Concerning Toleration (1689), ursprünglich in Latein verfasst, argumentierte Locke für eine weitgehende religiöse Duldung und trennte Aufgaben von Kirche und Staat deutlich. Seine Position zielte auf Frieden durch Gewissensfreiheit, setzte jedoch Grenzen, die in der Forschung kontrovers diskutiert werden. The Reasonableness of Christianity (1695) versuchte, den Kern des Christentums als vernünftig zugängliche Lehre darzustellen und dogmatische Zusätze zu relativieren. In Debatten mit Kritikern verteidigte Locke die Vereinbarkeit von Glauben und empirischer Bescheidenheit. Diese Schriften verknüpfen sein ethisches und politisches Denken mit einer pragmatischen Religionsauffassung, die auf zivile Koexistenz und moralische Reform gerichtet ist.

Lockes praktischer Reformgeist zeigte sich auch in Some Thoughts Concerning Education (1693), das Beobachtung, Gewöhnung und Charakterbildung vor intellektueller Dressur betonte. In den späten 1690er-Jahren arbeitete er in London in wirtschafts- und handelspolitischen Gremien, unter anderem als Kommissar im Board of Trade, und befasste sich mit Fragen von Handel, Kolonialverwaltung und Münzwesen. Ökonomische Schriften wie Some Considerations of the Consequences of the Lowering of Interest and Raising the Value of Money (1691) und Further Considerations (1695) diskutierten Zins, Geldwert und Marktmechanismen. Seine Positionen verbanden empirische Analyse mit vorsichtigem Reformismus und fanden in Regierungs- und Kaufmannskreisen Resonanz.

Nach der Glorious Revolution kehrte Locke nach England zurück und verbrachte seine späten Jahre, von gesundheitlichen Einschränkungen begleitet, im ländlichen Oates in Essex, wo er weiter schrieb und korrespondierte. Er starb 1704. Sein Vermächtnis umfasst einen dauerhaften Einfluss auf politische Theorie, Bildungsdenken, Religionsphilosophie und Erkenntnistheorie. In Verfassungs- und Menschenrechtsdebatten werden seine Ideen zu Zustimmung, Rechtsstaatlichkeit und Eigentum weiterhin herangezogen; in der Philosophie bleibt seine Lehre vom Ursprung der Ideen Bezugspunkt empirischer Forschung. In Geistes- und Sozialwissenschaften gilt Locke bis heute als maßgebliche Stimme nüchterner, freiheitsorientierter Aufklärung. Seine Texte werden weiterhin kritisch kommentiert und neu ediert.

John Locke: Ein Versuch über den menschlichen Verstand

Hauptinhaltsverzeichnis
Widmung
Ein Brief an den Leser
Erstes Buch. Ueber angeborne Begriffe
Erstes Kapitel. Einleitung
Zweites Kapitel. Es giebt keine angebornen Grundsätze in der Seele
Drittes Kapitel. Es giebt keine angebornen praktischen Grundsätze
Viertes Kapitel. Fernere Betrachtungen über angeborne theoretische und praktische Grundsätze
Zweites Buch. Von den Vorstellungen
Erstes Kapitel. Von den Vorstellungen im Allgemeinen und deren Ursprunge
Zweites Kapitel. Von den einfachen Vorstellungen
Drittes Kapitel. Von den Vorstellungen eines Sinnes
Viertes Kapitel. Ueber die Dichtheit
Fünftes Kapitel. Die mehreren Sinnen angehörenden einfachen Vorstellungen
Sechstes Kapitel. Von den einfachen Vorstellungen der Selbstwahrnehmung
Siebentes Kapitel. Von den einfachen Vorstellungen der Sinnes- und Selbst-Wahrnehmung
Achtes Kapitel. Einige weitere Betrachtungen über die einfachen Vorstellungen
Neuntes Kapitel. Von dem Wahrnehmen
Zehntes Kapitel. Von dem Behalten
Elftes Kapitel. Von dem Unterscheiden und andern Thätigkeiten des Verstandes
Zwölftes Kapitel. Von den zusammengesetzten Vorstellungen
Dreizehntes Kapitel. Von einfachen Zuständen und zunächst von denen des Raumes
Vierzehntes Kapitel. Von der Dauer und ihren einfachen Zuständen
Fünfzehntes Kapitel. Von der Dauer und Ausdehnung, beide gemeinsam betrachtet
Sechzehntes Kapitel. Von der Zahl
Siebzehntes Kapitel. Von der Unendlichkeit
Achtzehntes Kapitel. Von andern einfachen Besonderungen
Neunzehntes Kapitel. Von den Zuständen des Denkens
Zwanzigstes Kapitel. Die Besonderungen der Lust und des Schmerzes
Einundzwanzigstes Kapitel. Von der Kraft
Zweiundzwanzigstes Kapitel. Von gemischten Zuständen
Dreiundzwanzigstes Kapitel. Ueber die zusammengesetzten Vorstellungen von Substanzen
Vierundzwanzigstes Kapitel. Ueber die Sammel-Vorstellungen von Substanzen
Fünfundzwanzigstes Kapitel. Von den Beziehungen
Sechsundzwanzigstes Kapitel. Ueber Ursache und Wirkung und andere Beziehungen
Siebenundzwanzigstes Kapitel. Von der Dieselbigkeit und Verschiedenheit
Achtundzwanzigstes Kapitel. Von andern Beziehungen
Neunundzwanzigstes Kapitel. Ueber klare und dunkle, deutliche und verworrene Vorstellungen
Dreissigstes Kapitel. Von wirklichen und eingebildeten Vorstellungen
Einunddreissigstes Kapitel. Von entsprechenden und nicht entsprechenden Vorstellungen
Zweiunddreissigstes Kapitel. Von den wahren und falschen Vorstellungen
Dreiunddreissigstes Kapitel. Von der Vergesellschaftung der Vorstellungen
Drittes Buch. Ueber die Worte
Erstes Kapitel. Von den Worten und der Sprache im Allgemeinen
Zweites Kapitel. Von der Bedeutung der Worte
Drittes Kapitel. Von allgemeinen Ausdrücken
Viertes Kapitel. Von den Worten für einfache Vorstellungen
Fünftes Kapitel. Von den Worten für gemischte Zustände und für die Beziehungen
Sechstes Kapitel. Ueber die Namen von Substanzen
Siebentes Kapitel. Von den Neben-Redetheilen
Achtes Kapitel. Von abstrakten und konkreten Ausdrücken
Neuntes Kapitel. Von der Unvollkommenheit der Worte
Zehntes Kapitel. Von dem Missbrauche der Worte
Elftes Kapitel. Ueber die Mittel gegen die erwähnten Unvollkommenheiten und Missbräuche der Sprache
Viertes Buch. Ueber Wissen und Meinen
Erstes Kapitel. Vom Wissen im Allgemeinen
Zweites Kapitel. Von den Graden unsers Wissens
Drittes Kapitel. Von dem Umfange des menschlichen Wissens
Viertes Kapitel. Von der Wirklichkeit des Wissens
Fünftes Kapitel. Von der Wahrheit im Allgemeinen
Sechstes Kapitel. Von den allgemeinen Sätzen, ihrer Wahrheit und Gewissheit
Siebentes Kapitel. Von den Grundsätzen
Achtes Kapitel. Von nutzlosen Sätzen
Neuntes Kapitel. Unser Wissen vom Dasein
Zehntes Kapitel. Unser Wissen von dem Dasein Gottes
Elftes Kapitel. Unser Wissen von dem Dasein anderer Dinge
Zwölftes Kapitel. Von der Vermehrung des Wissens
Dreizehntes Kapitel. Noch einige weitere Betrachtungen über unser Wissen
Vierzehntes Kapitel. Von der Meinung
Funfzehntes Kapitel. Von der Wahrscheinlichkeit
Sechzehntes Kapitel. Von den Graden des Zustimmens
Siebzehntes Kapitel. Von der Vernunft
Achtzehntes Kapitel. Ueber Glauben und Vernunft, und ihre unterschiedenen Gebiete
Neunzehntes Kapitel. Ueber die Schwärmerei
Zwanzigstes Kapitel. Von der falschen Zustimmung oder dem Irrthume
Einundzwanzigstes Kapitel. Von der Eintheilung der Wissenschaften

Gleich wie du nicht weisst den Weg des Windes, und wie die Gebeine im Mutterleibe bereitet werden, also kannst du auch Gottes Werk nicht wissen, das er thut überall.

Prediger Salomo, Kap. 11, v. 5.

Wie schön ist es, lieber sein Nichtwissen einzugestehen, als Dergleichen herauszuschwätzen und sich selbst zu missfallen.

Cicero, Ueber die Natur der Götter, Buch I.

Widmung

Inhaltsverzeichnis

Dem Ehrenwerthen Thomas,Grafen von Pembroke u. Montgommery.

Mein Lord!

Diese Schrift ist unter Ihren Augen entstanden und wagt sich auf Ihr Geheiss in die Welt; sie kommt wegen des Schutzes, den Sie ihr vor mehreren Jahren zugesagt haben, in Folge eines gewissen natürlichen Rechts zu Ihnen. Es geschieht nicht, weil etwa ein dem Buche vorgesetzter Name, sei er auch noch so gross, die darin enthaltenen Fehler verdecken könnte; denn gedruckte Sachen müssen durch ihren eigenen Werth oder durch die Meinung der Leser stehen und fallen; indess kann die Wahrheit sich nichts Besseres wünschen, als einen vorurtheilsfreien Hörer, und diesen kann mir Niemand mehr als Eure Lordschaft gewähren, der, wie allbekannt, mit ihr bis in ihre geheimsten Tiefen vertraut geworden ist. Ihre Untersuchungen auf den höchsten und allgemeinsten Gebieten des Wissens sind, wie Jedermann anerkennt, weit über das gewöhnliche Bereich und über die bekannten Methoden hinausgegangen; deshalb wird Ihre Aufnahme dieser Schrift und Ihre Billigung meiner Absicht sie wenigstens davor bewahren, dass sie angelesen verdammt wird; vielmehr wird man dann sich zu einer Prüfung ihres Inhaltes entschliessen, während ohnedem sie vielleicht nicht der Beachtung werth gehalten worden wäre, weil sie von der betretenen Heerstrasse etwas abgeht.

Der Vorwurf der Neuheit gilt bei allen Denen als eine schwere Schuld, die den Kopf eines Menschen wie ihre Perücken beurtheilen; nämlich nach der Mode, und die nichts, als die angenommenen Lehren für wahr gelten lassen. Die Wahrheit hat bei ihrem ersten Erscheinen kaum je und irgendwo die Stimmen für sich gehabt; neue Meinungen gelten immer als verdächtig, und man widerspricht ihnen, blos weil sie noch nicht gemeingültig sind. Allein die Wahrheit bleibt gleich dem Golde nicht weniger sie selbst, weil sie frisch aus dem Schacht gehoben worden ist. Die Probe und Prüfung soll ihren Werth bestimmen, aber nicht eine alte Mode, und selbst wenn sie noch unter keinem öffentlichen Stempel umläuft, so kann sie trotzdem so alt sein, wie die Natur selbst, und ist sicherlich deshalb nicht weniger acht.

Eure Lordschaft könnte einen grossen und überzeugenden Beweis dazu liefern, wenn Sie das Publikum mit einigen von den weiten und umfassenden Entdeckungen erfreuen wollten, die Sie in Bezug auf bisher unbekannte Wahrheiten gemacht haben. Denn bisher sind es nur Wenige, denen Sie Etwas davon mitgetheilt haben. Dieser Grund allein genügte mir, auch wenn keine weiter vorhanden wären, Ew. Lordschaft diesen Versuch zu widmen. Sollte er mit den Theilen jenes hohen und weiten Systems der Wissenschaften übereinstimmen, von welchen Sie einen so neuen, genauen und lehrreichen Auszug gemacht haben, so ist es Ruhmes genug für mich, wenn Sie mir die öffentliche Erklärung gestatten, dass ich auf Gedanken gekommen bin, die von den Ihrigen nicht ganz abweichen. Sollte dies durch Ihre Ermuthigung der Welt bekannt werden, so wird dies hoffentlich Ew. Lordschaft selbst jetzt oder später weiter führen, und Sie gestatten mir zu sagen, dass Sie hier der Welt ein Angeld auf ein Werk geben, was, wenn sie es ertragen kann, deren Erwartungen nicht täuschen wird.

Dies zeigt, welches Geschenk ich Ihnen hier überreiche; genau ein solches, wie ein Armer es seinem reichen und grossen Nachbar giebt, der den Strauss von Blumen oder Früchten gern annimmt, obgleich er selbst eine Fülle davon in grösserer Vollkommenheit besitzt. Werthlose Dinge werden werthvoll, wenn sie als die Gaben der Ehrfurcht, Hochachtung und Dankbarkeit auftreten; diese Gefühle für Ew. Lordschaft zu hegen, baten Sie mir so gewichtigen und besondern Anlass gegeben, dass, wenn diese Gefühle einen ihrer Grösse entsprechenden Werth der sie begleitenden Gabe gewähren Könnten, ich in Wahrheit mich rühmen könnte, Ihnen das reichste Geschenk zu machen, was Sie je empfangen haben. Jedenfalls habe ich die Pflicht, jede Gelegenheit zum Anerkenntniss der langen Reihe von Gunstbezeugungen aufzusuchen, die ich von Ihnen empfangen habe; Gunstbezeugungen, die schon an sich gross und bedeutend, es doch weit mehr durch die Geneigtheit, Sorgfalt, Freundlichkeit und andere verbindliche Nebenumstände wurden, von denen sie stets begleitet waren. Zu Alledem sagen Sie, was denselben den höchsten Werth und Reiz giebt, dass Sie mich Ihrer fernem Achtung würdigen und mir Ihr Andenken, ich hätte beinah gesagt, Ihre Freundschaft bewahren wollen. Ihre Worte und Handlungen zeigen dies bei allen Gelegenheiten, selbst Andern, wenn ich nicht gegenwärtig bin; so dass ich ohne Eitelkeit es, sagen darf, da Jedermann es weiss; ja es würde unhöflich sein, wenn ich nicht anerkennen wollte, was so viele Zeugen und jeder Tag mir sagen, wie sehr ich Ew. Lordschaft dafür verpflichtet bin. Ich wollte, Ihre Worte könnten meiner Dankbarkeit so beistehen, wie sie mich von meinen grossen Verpflichtungen gegen Ew. Lordschaft überzeugen. Ich würde sicherlich über den Verstand schreiben, wenn ich auch keine Verpflichtungen hätte; allein ich bin durchdrungen von denselben und benutze diese Gelegenheit, um der Welt zu zeigen, wie sehr ich sein soll und bin

Mein Lord Eurer Herrlichkeit unterthänigster und gehorsamster DienerJohn Locke.

Dorset-Hof, den 24. Mai 1689.

Ein Brief an den Leser

Inhaltsverzeichnis

Lieber Leser!

Ich lege hier in Ihre Hand eine Arbeit, die mir in freien und schweren Stunden eine angenehme Zerstreuung gewährt hat; wenn sie so glücklich ist, auch Ihnen eine solche für einige Stunden zu gewähren, und wenn das Lesen der Schrift Ihnen nur halb so viel Vergnügen macht, als mir das Schreiben derselben, so dürfte Ihr Geld so wenig, wie meine Mühe schlecht angewendet sein. Nehmen Sie dies nicht als eine Empfehlung meines Werkes; weil mir seine Herstellung Freude gemacht hat, so glauben Sie deshalb nicht, dass ich nun, nachdem es fertig ist, ganz davon eingenommen wäre. Wer mit Falken die Lerchen und Sperlinge jagt, hat dasselbe Vergnügen, aber weniger Mühe, als Der, welcher die Falken zu edlerer Jagd verwendet, und man kennt den Gegenstand dieser Abhandlung, den Verstand, nur wenig, wenn man nicht weiss, dass er nicht blos das oberste Vermögen der Seele ist, sondern sein Gebrauch auch ein grösseres und beständigeres Vergnügen als alles Andere gewährt. Seine Forschungen nach Wahrheit sind eine Art Jagd, wo schon die Verfolgung allein einen grossen Theil des Vergnügens ausmacht. Jeder Schritt, den die Seele in ihrer Annäherung zu der Wissenschaft thut, führt zu einer Entdeckung, die, wenigstens zur Zeit, nicht blos neu, sondern auch die beste ist.

Der Verstand urtheilt, gleich dem Auge über die Gegenstände nur nach seinem eignen Gesicht; was er entdeckt, muss ihm deshalb Freude machen, und was ihm entgeht, kann ihn nicht betrüben, weil es ihm unbekannt bleibt. Wer sich über den Almosenkorb erhoben hat und nicht blos träge von den Brosamen erbettelter Meinungen lebt, sondern es unternimmt, durch eignes Denken die Wahrheit zu finden und zu verfolgen, wird (was er auch erlangt) die Zufriedenheit des Jägers empfinden; jeder Zeitpunkt in ihrer Verfolgung, wird seine Mühe mit einer Freude lohnen, und er wird mit Recht seine Zeit nicht für schlecht angewendet halten, selbst wenn er eben nichts Grosses erlangt haben sollte.

Dies, geehrter Leser, ist der Genuas Derer, welche ihre Gedanken loslassen und ihnen schreibend nachfolgen; Sie brauchen sie nicht zu beneiden, denn sie bieten Ihnen Gelegenheit zu gleichem Genuss, wenn Sie nur bei dem Lesen von Ihrem eigenen Denken auch Gebrauch machen wollen. Sind die Gedanken Ihre eignen, so nehme ich Bezug darauf; sind sie aber in Vertrauen von Andern angenommen, so kommt es auf sie wenig an, da sie nicht die Wahrheit, sondern niedrigere Absichten verfolgen, und man sich um das, was gesagt wird, nicht zu bekümmern braucht, wenn es blos Andern nachgesprochen wird. Wenn Sie selbst urtheilen, so weiss ich, dass Sie ehrlich urtheilen, und dann soll mich kein Tadel betrüben oder verletzen. Diese Abhandlung enthält allerdings nichts, von dessen Wahrheit ich nicht voll überzeugt wäre; allein ich kann mich doch irren, wie Sie, und ich weise, dass dieses Buch steht und fällt nicht nach der Meinung, die ich, sondern die Sie davon haben. Finden Sie wenig Neues und Belehrendes darin, so werden Sie mich deshalb nicht tadeln. Es ist nicht für Die bestimmt, welche den Gegenstand schon bemeistert haben und mit ihrem Verstande vollständig bekannt sind; sondern ich habe mich damit selbst und einige Freunde, die anerkannten, dass sie noch nicht genügend mit ihm bekannt seien, unterrichten wollen. Schickte es sich, Sie mit der Entstehung dieses Buches zu unterhalten, so wurde ich sagen, dass fünf bis sechs Freunde sich in meinem Zimmer einzufinden pflegten und bei der Besprechung ganz andrer Dinge, als die hier behandelten, sich bald durch Schwierigkeit gehemmt sahen, die von allem Seiten sich erhoben. Nachdem wir ins viel gemüht, und doch der Lösung der Zweifel, die uns bedrängten, nicht näher kamen, fiel mir ein, dass wir wohl einen falschen Weg eingeschlagen hätten, und dass vor Beginn solcher Untersuchungen man seine eignen Fähigkeiten prüfen und sehen müsste, welche Dinge sich zu einer Beschäftigung für den Verstand eignen. Ich sagte dies der Gesellschaft; man stimmte mir bei und beschloss, dies zuerst in Untersuchung zu nehmen. Einige Gedanken, die ich eilig und roh über diesen von mir bisher unbeachteten Gegenstand bei der nächsten Zusammenkunft vorbrachte, gaben den ersten Anlass zu der vorliegenden Untersuchung. So wurde das Werk aus Zufall begonnen und auf Bitten fortgesetzt; in einzelnen Stücken ohne Zusammenhang niedergeschrieben, und nach langen Pausen der Vernachlässigung wieder ausgenommen, wie es meine Stimmung oder die Umstände gestatteten; zuletzt wurde es an einem einsamen Ort, wohin ich meiner Gesundheit wegen mich zurückziehen musste, in seine gegenwärtige Ordnung gebracht.

Diese Unterbrechungen in der Abfassung vorliegender Schrift haben neben andern die beiden Fehler zur Folge gehabt, dass bald zu viel, bald zu wenig in ihr gesagt worden ist. Wenn der Leser finden sollte, dass Etwas fehlt, so werde ich mich freuen, dass das von mir Gegebene ihn wünschen lässt, ich möchte weiter gegangen sein; scheint es ihm aber zu viel, so trägt der Gegenstand die Schuld, denn als ich die Feder ansetzte, glaubte ich Alles über den Gegenstand auf einen Bogen bringen zu können; allein je weiter ich kam, desto grösser wurde die Aussicht; neue Entdeckungen führten mich immer weiter, und so ist das Buch unvermerkt zu seinem jetzigen Umfange angewachsen. Vielleicht hätte es gedrängter gehalten werden können; ja die stückweise und oft lange unterbrochene Abfassung desselben mag zu manchen Wiederholungen geführt haben. Indess bin ich jetzt, offen gestanden, theils zu träge, theils zu beschäftigt, um es abzukürzen.

Ich weiss wohl, dass ich meinen Ruhm wenig bedenke, wenn ich es so wissentlich mit einem Fehler in die Welt schicke, der den verständigen Lesern, die immer am eigensten sind, misfallen kann; allein wenn die Trägheit sich immer mit einer Entschuldigung zu beruhigen weiss, so wird man es verzeihen, wenn sie auch bei mir, der ich einen guten Theil davon besitze, die Überhand behalten hat. Ich erwähne deshalb nicht, dass derselbe Begriff vermöge seiner verschiedenen Beziehungen für den Beweis oder die Erläuterung verschiedener Theile einer Darstellung nothwendig oder nützlich werden kann, und dass dies hier mehrfach der Fall gewesen ist; indess will ich gern gestehen, dass ich oft aus einem ganz andern Grunde bei einem Gegenstande lange verweilt und ihn in verschiedener Weise ausgedrückt habe. Ich veröffentliche nämlich diesen Versuch nicht zur Belehrung von Männern von schneller Fassungskraft und weitem Blick; solchen Meistern gegenüber bin ich selbst nur ein Schüler, und ich warne sie deshalb im Voraus, dass sie hier nicht mehr erwarten, als was ich aus meinen eignen groben Gedanken gesponnen habe, und was für Leute meiner Art passt. Diesen ist es vielleicht nicht unangenehm, dass ich mir Mühe gegeben habe, manche Wahrheiten ihrem Denken fassbarer und vertrauter zu machen, welche durch herrschende Vorurtheile oder durch die grosse Allgemeinheit der Begriffe schwer fassbar sind. Manches musste nach allen Seiten gewendet werden, und sind Begriffe neu, wie es manche für mich gewesen, oder ungewöhnlich, wie es Andern scheinen wird, so genügt ein einfacher Blick nicht, um ihnen Eingang in Jedermanns Verstande zu verschaffen und sie da klar und dauernd einzuprägen. Mancher wird an sich selbst oder an Andern schon bemerkt haben, dass das, was bei der einen Art des Vertrags dunkel blieb, durch eine andere Art klar und verständlich wurde; obgleich hinterher beide Arten sich wenig unterschieden zeigten und es auffallen konnte, dass man die eine weniger, wie die ändere verstanden hatte. Indess macht nicht jede Sache den gleichen Eindruck auf Jedermann. Der Verstand ist bei dem Menschen ebenso verschieden, wie der Gaumen, und wer da glaubt, dass dieselbe Wahrheit bei Jedem in derselben Kleidung die gleiche Aufnahme finden müsse, müsste auch glauben, Jedermanns Geschmack mit derselben Art zu kochen treffen zu können. Das Gericht kann dasselbe und nahrhaft sein, und doch schmeckt es nicht Jedem gut, und selbst für eine starke Leibesverfassung muss es oft anders zubereitet werden, wenn es verzehrt werden soll. In Wahrheit haben Die, welche mir riethen, die Schrift zu veröffentlichen, auch deshalb gerathen, sie so, wie sie ist, zu veröffentlichen, und nun, nachdem ich sie einmal aus der Hand gegeben, möchte: ich wenigstens, dass sie auch von Jedem, der sie zu lesen sich die Mühe nimmt, verstanden würde. Ich selbst habe so wenig Gefallen an dem Gedrucktwerden, dass ich, wenn ich nicht erwartete, dieser Versuch werde Andern ähnlichen Nutzen wie mir selbst bringen, ihn nur den wenigen Freunden mitgetheilt haben würde, die ihn zunächst veranlasst hatten. Da ich also möchte, dass der Druck der Schrift soviel Nutzen, als möglich, brächte, so schien es mir nöthig, das, was ich zu sagen habe, für alle Arten von Lesern so laicht und fasslich als möglich zu machen. Deshalb will ich lieber, dass Leser von Scharfsinn und schneller Fassungskraft sich über meine Langweiligkeit bei einzelnen Punkten beklagen, als dass die, welche an schwierigen Untersuchungen nicht gewöhnt oder in Vorurtheilen befangen sind, meine Meinung missverstehen oder gar nicht verstehen.

Man tadelt es vielleicht als eine grosse Eitelkeit oder Dreistigkeit, wenn ich mir herausnehme, unser kluges Zeitalter zu belehren; denn darauf läuft es wohl hinaus, wenn ich hoffe, dass die Veröffentlichung dieses Versuches für Andere nützlich sein werde. Offen gestanden, scheint es mir indess mehr nach Eitelkeit oder Anmassung zu schmecken, wenn man mit erkünstelter Bescheidenheit seine eignen Schriften für werthlos erklärt, ab wenn man ein Buch aus einem andern Grunde veröffentlicht; denn es ist eine Verletzung der dem Publikum schuldigen Achtung, wenn man Bücher druckt, und deshalb auf Leser derselben hofft, obgleich sie nichts Nützliches für sich darin finden sollen. Sollte auch nichts Gutes in diesem Versuch enthalten sein, so war doch meine Absicht hierauf gerichtet, und diese gute Absicht mag die Werthlosigkeit des Geschenkes entschuldigen. Dies ist es auch, was mich trösten wird, im Fall die Kritiker mich tadeln sollten, was ich, da es bessern Schriftstellern so ergangen, wohl zu erwarten habe. Die Grundsätze, Begriffe und der Geschmack der Menschen sind so verschieden, dass man schwerlich ein Buch finden wird, was Allen gefällt oder Allen missfällt. Ich weiss, dass das jetzige Zeitalter nicht das schwächste an Wissen ist, und dass es deshalb nicht leicht zu befriedigen ist. Wenn ich nicht das Glück habe, zu gefallen, so braucht doch auch Niemand sich durch mich für beleidigt zu halten. Ich sage meinen Lesern offen, dass diese Abhandlung ursprünglich nicht für sie, ein Dutzend ohngefähr ausgenommen, bestimmt war, und dass sie nicht zu diesem Dutzend gehören. Will aber Einer darüber böse werden oder sich darüber lustig machen, so mag er es thun; ich selbst kann meine Zeit besser als zu solcher Unterhaltung anwenden. Ich habe wenigstens immer aufrichtig die Wahrheit und den Nutzen angestrebt, wenn auch vielleicht in sehr einfacher Weise. Die Gelehrtenwelt hat jetzt ihre grossen Baumeister, deren mächtige Unternehmen zur Beförderung der Wissenschaften der bewundernden Nachwelt bleibende Denkmäler überliefern werden; allein nicht Jeder kann ein Boyle oder ein Sydenham sein, und in einem Zeitalter, welches Meister wie den grossen Huygens und den unvergleichlichen Newton[2] und einige Aehnliche erzeugt hat, gereicht es schon zur Ehre, wenn man als ein niederer Gehülfe den Boden ein wenig reinigt und den Schutt aus dem Wege des Wissens forträumt. Die Wissenschaften wären sicherlich schon weiter vorgeschritten, wenn die Bemühungen geistreicher und fleissiger Männer nicht so viel durch den gelehrten, aber nutzlosen Ballast sonderbarer, eitler oder unverständlicher Ausdrücke gehemmt gewesen wären, die in den Wissenschaften eingeführt und zu einer solchen Kunst erhoben worden sind, dass die Philosophie, die doch nur in der wahren Erkenntniss der Dinge besteht, in guter Gesellschaft und in der feinem Unterhaltung nicht mehr berührt und behandelt werden kann. Schwankende und bedeutungslose Ausdrucksweisen und Missbrauch der Sprache haben so lange für Geheimnisse der Wissenschaft gegolten; schwere und falsch angewendete Worte ohne Sinn haben so sehr das Recht erlangt, für tiefe Gelehrsamkeit und erhabenes Denken zu gelten, dass man jetzt weder den Redner noch die Zuhörer davon überzeugen kann, wie damit nur die Unwissenheit und die Hemmnisse des wahren Wissens verdeckt werden. Wenn ich in dieses Heiligthum von Eitelkeit und Unwissenheit einbreche, so leiste ich vielleicht dem menschlichen Verstande damit einen Dienst, obgleich allerdings Wenige glauben, dass sie durch Worte täuschen oder getäuscht werden können, oder dass die Sprache ihrer Sekte an Fehlern leide, die untersucht und verbessert werden müssen. Man wird daher hoffentlich mir verzeihen, wenn ich im dritten Buche etwas lange bei diesem Gegenstande verweilt, und versucht habe, ihn so klar zu machen, dass weder das Alter des Uebels noch die Macht der Mode Diejenigen noch länger entschuldigen kann, welche sich um den Sinn ihrer eigenen Worte nicht kümmern und die Bedeutung ihrer Ausdrücke nicht untersucht haben wollen.

Man hat mir gesagt, dass der kurze Auszug, welcher von diesem Werke 1688 erschienen ist, von Einigen, ohne ihn gelesen zu haben, verurtheilt worden sei, weil die angebornen Ideen[1] darin geleugnet worden. Man schloss voreilig, dass, wenn diese geleugnet würden, von den Begriffen der Geister und dem Beweise für ihr Dasein wenig übrig bleiben könne. Wenn Jemand denselben Anstoss an dem Eingänge dieser Abhandlung nehmen sollte, so wünschte ich wenigstens, dass er sie durchläse; dann wird er hoffentlich überzeugt werden, dass die Beseitigung falscher Grundlagen der Wahrheit nicht schadet, sondern nützt; sie ist niemals so gefährdet, als wenn sie mit dem Irrthum gemischt oder darauf errichtet wird.

In der zweiten Ausgabe dieses Werkes habe ich die folgenden Sätze hinzugefügt: »Der Buchhändler würde es mir nicht vergeben, wenn ich von dieser zweiten Ausgabe nichts sagte, die, wie er versprochen, durch ihre Genauigkeit die vielen in der ersten befindlichen Fehler wieder gut machen soll. Ich soll auch erwähnen, dass sie ein ganz neues Kapitel über die Dieselbigkeit enthält, und mancherlei Zusätze und Verbesserungen in andern Stellen. Sie betreffen nicht immer neue Gegenstände, sondern grösstentheils eine Bestätigung früherer Aeusserungen oder Erläuterungen, um Missverständnissen zuvorzukommen, aber keine Abweichungen von früher Gesagtem, mit Ausnahme der im II. Buch, Kap. 21 gemachten Aenderungen.

Was ich über die Freiheit und den Willen geschrieben habe, verdient nach meiner Meinung die möglichst sorgfältige Beachtung; denn diese Fragen haben zu allen Zeiten die gelehrte Welt beschäftigt, und ihre Schwierigkeiten haben die Moral und Theologie nicht wenig in Verlegenheit gebracht; es sind Fragen, an deren Klarheit die Menschheit auf das Höchste betheiligt ist. Eine genaue Untersuchung der Thätigkeiten der menschlichen Seele und der hierbei auftretenden Beweggründe und Zwecke hat mich zu einer Aenderung meiner frühem Ansichten hierbeigeführt, wonach der Wille bei allen freiwilligen Handlungen die letzte Bestimmung behält. Ich erkenne dies freimüthig und bereitwillig ebenso an, wie ich ebenso in der ersten Ausgabe das aussprach, was mir damals das Richtige zu sein schien; denn ich will lieber meine eigene Meinung aufgeben, als einer andern entgegentreten, sobald mir jene falsch erscheint. Ich suche nur die Wahrheit, und sie wird mir immer willkommen sein, wenn und von wem sie auch kommen mag.

So bereitwillig ich indess meine Ansicht aufgebe oder von früher Gesagtem zurücktrete, wenn der Irrthum mir dargelegt wird, so muss ich doch gestehen, dass ich nicht so glücklich gewesen bin, einiges Licht aus den Entgegnungen zu entnehmen, die mein Buch sonst erfahren hat; ich habe in keinem der betreffenden Punkte einen Grund zur Aenderung meiner Ansicht daraus entnehmen können. Sei es, dass der behandelte Gegenstand mehr Nachdenken und Aufmerksamkeit erfordert, als flüchtige oder wenigstens voreingenommene Leser gewähren mögen, oder sei es, dass die Dunkelheit eine Wolke über meine Ausdrücke verbreitet, und meine Art, die Begriffe zu behandeln, die Auffassung bei Andern erschwert haben mag; jedenfalls bin ich oft missverstanden worden, und ich habe nicht das Glück, dass man meine Meinung immer richtig aufgefasst hat. Diese Fälle sind so zahlreich, dass entweder mein Buch deutlich genug für Die geschrieben ist, welche es so aufmerksam und unparteiisch durchlesen, wie jeder Leser sollte, oder dass es so dunkel verfasst ist, dass jede Verbesserung vergeblich ist.

Wie sich dies nun auch verhalten mag, so bin ich doch hierbei nur allein betheiligt, und deshalb mag ich meine Leser nicht mit dem belästigen, was ich auf die mancherlei Ausstellungen gegen einzelne Stellen meines Buches zu sagen hätte; wer sie für so erheblich hält, dass ihm auf die Wahrheit oder Unwahrheit derselben viel ankommt) wird selbst beurtheilen können, ob diese Ausstellungen schlecht begründet oder meiner Lehre nicht zuwider sind, wenn nur beide Theile richtig verstanden werden.

Wenn Manche aus Besorgniss, dass keiner ihrer guten Gedanken verloren gehe, ihre Kritiken meines Versuchs veröffentlicht haben, und ihm dabei die Ehre angethan haben, ihn für keinen blossen Versuch zu nehmen, so mag das Publikum über die Pflichten ihrer kritischen Feder entscheiden; ich werde meine Zeit nicht so nutzlos und unnatürlich anwenden und solchen Leuten ihre Freude stören, die sie dabei in sich selbst empfinden oder Andern mit einer so eilfertigen Widerlegung meiner Schrift bereiten wollen.«

Als der Buchhändler die vierte Ausgabe meines Versuchs vorbereitete, benachrichtigte er mich davon, im Fall ich, wenn meine Zeit es gestattete, Zusätze oder Veränderungen machen wollte. Ich hielt deshalb für zweckmässig, den Leser damals zu benachrichtigen, dass neben mehreren hier und da gemachten Verbesserungen auch eine Aenderung zu erwähnen sei, die sich durch das ganze Buch erstrecke und deshalb vorzugsweise des richtigen Verständnisses bedürfe. Ich sagte deshalb:

»Klare und deutliche Vorstellungen sind zwar geläufige und bekannte Ausdrücke; allein nicht Jeder, der sie gebraucht, dürfte sie völlig verstehen. Da nun hier und da Jemand näher nach dem Sinn verlangen dürfte, in dem er und ich sie gebrauchen, so habe ich in der Regel statt der Worte: ›klar und deutlich‹, den Ausdruck: ›bestimmt‹ gesetzt, der meine Absicht deutlicher darlegt. Ich bezeichne mit diesem Worte irgend einen Gegenstand in der Seele, der also be stimmt ist, d.h. der so ist, wie er da gesehen und bemerkt wird. Man kann wohl das eine bestimmte Vorstellung nennen, wenn sie so, wie sie zu einer Zeit gegenständlich in einer Seele besteht und in sich bestimmt ist, mit einem Namen oder artikulirten Laute unveränderlich verknüpft wird, welcher damit als das feste Zeichen dieses selben Gegenstandes in der Seele, d.h. der bestimmten Vorstellung, gilt.

Um dies etwas weiter zu erklären, verstehe ich unter ›bestimmt‹ bei einer einfachen Vorstellung die einfache Erscheinung, welche die Seele erblickt oder in sich bemerkt, wenn man sagt, dass diese Vorstellung in der Seeleist; unter ›bestimmt‹ bei einer zusammengesetzten Vorstellung verstehe ich eine solche, die aus einer bestimmten Zahl einfacher oder weniger zusammengesetzten Vorstellungen besteht, die in einem solchen Verhältniss verbunden sind, wie die Seele es in sich sieht, wenn die Vorstellung ihr gegenwärtig ist oder bei Nennung deren Namens ihr gegenwärtig sein sollte; ich sage ›sollte‹, weil nicht Jeder, ja vielleicht nicht Einer in seinem Sprechen so sorgfältig ist, dass er kein Wort eher gebraucht, als bis er in seiner Seele, die genau bestimmte Vorstellung sieht, die er damit bezeichnen will. Dieser Fehler veranlasst viel Dunkelheit und Verwirrung in dem Denken und Reden der Menschen.

Ich weiss wohl, dass keine Sprache die genügenden Worte für all die mannichfachen Vorstellungen enthält, die in dem Denken und Untersuchungen der Menschen auftreten. Allein deshalb kann doch Jeder bei dem Gebrauch eines Wortes eine bestimmte Vorstellung haben, die er damit bezeichnet, und welches Wort er während einer solchen Rede nur streng für diese Vorstellung benutzen darf. Wer dies nicht thut oder nicht zu thun vermag, kann auf klare und deutliche Vorstellungen keinen Anspruch machen; offenbar sind die seinigen nicht der Art, und deshalb kann nur Dunkelheit und Verwirrung aus dem Gebrauche solcher Ausdrücke ohne feste Bedeutung hervorgehen.

Deshalb scheint mir der Ausdruck: ›bestimmte Vorstellung‹ dem Missverständniss weniger ausgesetzt, als ›klare und deutliche Vorstellung‹, und wenn man erst solche bestimmte Vorstellungen für alle Begründungen, Untersuchungen und Beweise erlangt haben wird, kann ein grosser Theil der Zweifel und Streitigkeiten ein Ende nehmen. Da die meisten Zweifel und Streitfälle, weiche die Menschheit in Verlegenheit setzen, aus dem zweideutigen und schwankenden Gebrauch der Worte oder (was dasselbe ist) aus unbestimmten Vorstellungen entstehen, wofür sie gebraucht werden, so habe ich diese Ausdrücke gewählt, um damit 1) einen unmittelbaren Gegenstand der Seele zu bezeichnen, welchen sie wahrnimmt und vor sich hat, verschieden von dem Laute, womit sie ihn benennt, und dass diese Vorstellung in dieser Bestimmtheit, d.h. in der, welche die Seele in sich hat und da weiss und sieht, unveränderlich mit diesem Namen, und dieser Name genau mit dieser Vorstellung verknüpft ist. Gebrauchte man solche bestimmte Vorstellungen in den Untersuchungen und Verhandlungen, so würden sie erkennen lassen, wie weit die eigenen Untersuchungen und die gegenseitigen Verhandlungen gehen, und der Streit und das Gezänk würde zum grossen Theil vermieden werden können.

Ich soll ausserdem auf den Wunsch des Buchhändlers den Leser noch benachrichtigen, dass zwei ganze Kapitel neu hinzugekommen sind; eines behandelt die Ideen-Verbindung, das andere die Schwärmerei. Diese und einige andere neue und grössere Zusätze hat er versprochen, in derselben Weise und zu demselben Zweck eindrucken zu lassen, wie es bei der zweiten Ausgabe dieser Schrift geschehen ist.«

Bei der sechsten Auflage ist nur wenig zugesetzt oder verändert worden; das meiste Neue enthält das 21. Kapitel des II. Buches, und Jeder wird dies, wenn er es der Mühe werth hält, leicht an den Rand der früheren Ausgaben nachtragen können.

Erstes Buch. Ueber angeborne Begriffe

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel. Einleitung

Inhaltsverzeichnis

§ 1. (Die Untersuchung des menschlichen Verstandes ist unterhaltend und nützlich.) Indem der Verstand es ist, welcher den Menschen über alle andern lebenden Wesen erhebt, und ihm die Vortheile und Herrschaft gewährt, die er über sie besitzt, ist der Verstand, schon seines Adels wegen, ein Gegenstand, welcher sicherlich der Mühe einer Untersuchung werth ist. Während der Verstand, gleich dem Auge, uns alle andern Dinge sehen und erkennen lässt, achtet er auf sich selbst nicht und es erfordert Kunst und Mühe, ihn sich gegenüber zu stellen und ihn zu seinem eigenen Gegenstand zu machen. Allein welcher Art auch die, auf dem Wege seiner Untersuchung liegenden Schwierigkeiten sein mögen, und was auch das sein mag, was uns so in Dunkelheit über uns selbst erhält, so bin ich doch überzeugt, dass all das Licht, was wir auf unsern eignen Geist fallen lassen, und alle die Bekanntschaft, die wir mit unserm eignen Verstande machen können, nicht allein unterhaltend, sondern auch für die Untersuchung andrer Dinge, wenn wir unser Denken darauf richten, von grossem Nutzen sein wird.

§ 2. (Meine Absicht.) Es ist deshalb meine Absicht, den Ursprung, die Gewissheit und die Ausdehnung des menschlichen Wissens, sowie die Grundlagen und Abstufungen des Glaubens, der Meinung und der Zustimmung zu erforschen. Ich werde dabei nicht auf eine physikalische Betrachtung der Seele eingehen, und nicht untersuchen, worin das Wesen derselben bestehe, und durch welche Bewegung unsre Lebensgeister oder durch welche Veränderungen in unserem Körper wir zu einer Empfindung durch unsre Sinnesorgane und zu Vorstellungen In unserem Verstande gelangen, und ob einige dieser Vorstellungen oder alle bei ihrer Bildung von dem Stoffe abhängen oder nicht. Diese Untersuchungen mögen anziehend und unterhaltend sein; allein ich lasse sie bei Seite, da sie bei dem Ziele, was ich jetzt verfolge, ausserhalb meines Weges liegen. Für meinen jetzigen Zweck genügt die Betrachtung der verschiedenen Vermögen des Menschen in ihrer Anwendung auf Gegenstände, mit denen er zu thun hat, und ich meine, dass ich mein Denken bei diesem Unternehmen nicht schlecht angewendet haben werde, wenn ich auf diesem beobachtenden und einfachem Wege einige Auskunft über die Mittel gewinnen kann, durch welche unser Verstand die Begriffe erlangt, die wir von den Dingen haben, und wenn ich einen Maassstab für die Gewissheit unseres Wissens und die Gründe jener Ueberzeugungen auffinde, welche unter den Menschen in so mannichfacher, verschiedener, ja ganz entgegengesetzter Weise bestehen, und dabei doch im Einzelnen mit soviel Zuversicht und Sicherheit festgehalten werden, dass, wenn man die Meinungen der Menschen überschaut, ihre Gegensätze bemerkt und zugleich sieht, mit welcher Liebe und Verehrung sie festgehalten, und mit welcher Entschlossenheit und Eifer sie vertheidigt werden, man wohl mit Grund zweifeln darf, ob es überhaupt so Etwas wie Wahrheit gebe, und ob die Menschheit die genügenden Mittel zur Erlangung einer sicheren Kenntniss derselben besitze.

§ 3. (Mein Verfahren.) Es ist daher wohl der Mühe werth, die Grenzen zwischen Meinung und Erkenntniss zu untersuchen und die Maassregel zu prüfen, durch die wir da, wo wir keine sichere Kenntniss besitzen, unsere Zustimmung zu regeln und unsere Ueberzeugungen zu mässigen haben. Ich werde hierbei in nachstehender Weise verfahren:

Zuerst werde ich den Ursprung der Vorstellungen oder Begriffe, oder wie man es sonst nennen will, untersuchen, die der Mensch in seiner Seele findet, und deren er sich bewusst ist, sowie der Wege, auf denen der Verstand zu ihnen gelangt.

Zweitens werde ich zeigen, welches Wissen der Verstand durch diese Vorstellungen besitzt, und worin die Sicherheit, Gewissheit und Ausdehnung dieses Wissens besteht.

Drittens werde ich die Natur und die Grundlagen des Glaubens und der Meinung untersuchen. Ich verstehe darunter die Zustimmung, die wir einem Satze, als einem wahren, geben, obgleich wir von seiner Wahrheit noch keine sichere Kenntniss haben. Dies wird mir die Gelegenheit bieten, die Gründe und die Grade der Zustimmung zu prüfen.

§ 4. (Die Kenntniss, wie weit unser Wissen sich erstreckt, ist nützlich.) Wenn ich durch diese Untersuchung der Natur des Verstandes seine Kräfte entdecke, und sehe, wie weit sie reichen, für welche Dinge sie einigermassen zureichend sind, und wo sie ausgehen, so meine ich, dass dies den geschäftigen Geist der Menschen bestimmen wird, sich vorzusehen und nicht mit Dingen einzulassen, die seine Fassungskraft übersteigen, so wie anzuhalten, wenn er an den äussersten Grenzen seines Vermögens angekommen ist, und sich über seine Unwissenheit von Dingen zu beruhigen, wenn sie bei ihrer Prüfung sich als solche zeigen, die ausser dem Bereich unserer Vermögen liegen. Man wird dann vielleicht weniger bereit sein, ein allumfassendes Wissen in Anspruch zu nehmen und Fragen zu erheben, oder sich und Andere in Streit über Dinge zu verwickeln, für welche unser Verstand nicht passt, und von denen man keine klare und deutliche Vorstellung in seiner Seele bilden kann, oder von denen man (wie es nur zu oft vorkommen dürfte) überhaupt keinen Begriff hat. Wenn man ausfindig machen kann, wie weit der Verstand seinen Blick auszudehnen vermag, wie weit er die Gewissheit zu erreichen im Stande ist, und in welchen Fällen er nur meinen und vermuthen kann, so wird man lernen, mit dem sich zu begnügen, was dem Menschen in seinem jetzigen Zustande erreichbar ist.

§ 5. (Unsere Vermögen sind unserem Zustande und Bedürfnissen angemessen.) Denn wenn auch unser Verstand zum umfassen der weiten Ausdehnung der Dinge viel zu klein ist, so haben wir doch allen Grund, den gütigen Urheber unseres Daseins für das uns verliehene Verhältniss und Maass der Erkenntniss zu preisen, da es so hoch über das aller übrigen Bewohner unseres Aufenthalts steht. Die Menschen können sehr wohl mit dem zufrieden sein, was Gott für sie passend erachtet hat, denn er hat ihnen (wie der heilige Petrus sagt) panta pros zôên kai eusebeian[3]