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Ziemlich zerknittert wacht Laura am Morgen nach ihrem zwanzigsten Hochzeitstag in einem fremden Bett auf. Aber was soll's: Auch ihr Mann Thomas hat zu diesem Jubiläum die Sektkorken bei jemand anderem springen lassen - und das, wie Laura wütend feststellen muss, nicht zum ersten Mal! Verzweifelt verkriecht sie sich bei ihrer Zufallsbekanntschaft Verena, die ihr aber nicht nur eine Schulter zum Ausheulen anbieten möchte, sondern sie plötzlich in eine ihr bislang unbekannte Liebeswelt entführt, die sie immer neugieriger macht. Gemeinsam gehen die beiden Bestagerinnen auf eine zunächst sehr prickelnde Entdeckungstour. Bis Laura nach einer wilden Geburtstagsparty wie vom Erdboden verschluckt ist. Eine verzweifelte Suche beginnt.
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Seitenzahl: 291
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Katharina Tannhäuser heißt in Wirklichkeit zwar anders, lebt aber in der Realität mit einem treuen Ehemann, zwei genauso launischen wie großen Kindern plus Hund und Katz am grünen Rand einer großen Kleinstadt in Süddeutschland.
Im Frühjahr 2024 veröffentlichte sie als Katharina Tannhäuser ihren ersten Liebesroman »Die Schuhe der Schneiderin«, der in der Buchcommunity und Bloggerszene hochgelobt wurde. Mit „Makkaroni zum Muttertag“ folgt nun die von ihren Leserinnen und Lesern sehnsüchtig erwartete Fortsetzung der Laura-Trilogie.
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Du weißt nicht, welche Lieb' ich zu dir hege, mutmaßtest, dass ich andre Liebe pflege…
Mary Stuart Liebessonett an Jakob Carl von Bothwell
PROLOG
Teil Eins
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
ZWANZIG
EINUNDZWANZIG
Teil 2
ZWEIUNDZWANZIG
DREIUNDZWANZIG
VIERUNDZWANZIG
FÜNFUNDZWANZIG
SECHSUNDZWANZIG
SIEBENUNDZWANZIG
ACHTUNDZWANZIG
NEUNUNDZWANZIG
DREISSIG
EINUNDDREISSIG
ZWEIUNDDREISSIG
DREIUNDDREISSIG
VIERUNDREISSIG
FÜNFUNDDREISSIG
SECHSUNDDREISSIG
SIEBENUNDDREISSIG
ACHTUNDDREISSIG
NEUNUNDDREISSIG
VIERZIG
ZWEIUNDVIERZIG
Die schallende Ohrfeige bringt mich wieder zur Besinnung. Meine linke Wange brennt lichterloh. Benommen schlage ich die Augen auf und schaue ich mich um, ohne aber irgendetwas erkennen zu können. Um mich herum ist es stockfinster. Jede Faser meines Körpers schmerzt, als hätte ich wochenlang mit einer Grippe im Bett gelegen. Trotz der Ohrfeige fühlt sich mein Kopf seltsam taub an. K.o.-Tropfen, denke ich. Scheiße, da war was in den Martini gemixt!
Erst jetzt merke ich, dass ich mit allen Gliedmaßen von mir gestreckt auf einer viel zu weichen und ziemlich durchgelegenen Matratze fixiert bin.
Nackt.
Instinktiv zucke ich vor lauter Ekel zusammen. Sofort schneiden sehr dünne, metallisch kalte Ringe in meine Hand- und Fußgelenke. »Ahhhrrg«, stöhne ich leise auf. Dann erst fühle ich plötzlich die Nähe eines menschlichen Wesens, das dicht neben mir zu sitzen scheint. Augen oder gar ein Gesicht sind nicht auszumachen.
»Wer sind Sie?«, frage ich in die Stille. Und: »Wo bin ich?« Keine Antwort. Ich zerre an meinen Fesseln. Leise klirren Ketten, an denen die Ringe wohl befestigt sind. »Machen Sie mich los! Sofort!«, stoße ich grimmig hervor. »Los jetzt! Oder ich schreie!« Die Gestalt bleibt stumm und regungslos.
Gellend schreie ich los. »Hilfe! Sofort! Hilfe! Hier!« Keine Reaktion.
Ich lasse ein langanhaltendes Kreischen folgen.
Nichts passiert. Hilflos schnaufe ich in die Stille.
Plötzlich legt sich eine Hand wie aus dem Nichts auf mein Gesicht. Fremde Finger tasten über meine Stirn und fahren dem Strich meiner fein gezogenen Augenbrauen nach. Ich fühle, wie sich der Handballen auf meinen Mund legt und beiße reflexartig mit aller Kraft zu. Ich kann nicht anders.
Fremdes Blut rinnt in meinen Rachen. Wieder überkommt mich Ekel, aber ich lasse nicht nach, beiße weiter zu, bis die Muskeln meines Unterkiefers vor Schmerzen zu zittern beginnen. Der metallische Geschmack des Blutes einer anderen Person ist widerlich.
Dann trifft mich wie aus dem Nichts ein harter Schlag mitten zwischen meine Beine.
Ein heißer, feuriger Schmerz fährt mir bis ins letzte Mark. Nun brennen auch meine Schamlippen genauso lichterloh wie bereits zuvor meine Wange.
Ich schreie laut auf und lasse den Handballen frei. Wütend auf mich selbst würge und spucke ich die Reste des fremden Blutes aus. »Du Schwein, du elendes Schwein«, brülle ich ins Dunkel. Ein stahlharter Griff umfasst meinen linken Unterarm und presst ihn gnadenlos zusammen. Kurz darauf fühle ich den feinen Nadelstich in meiner Haut. Es brennt, als die Flüssigkeit in meine Vene dringt. Sofort breitet sich wieder Benommenheit in mir aus, dringt in warmen Schüben durch meinen Körper und lässt meinen Kopf immer schwerer werden.
Nein, denke ich, Laura, bleib wach! Bleib klar! Meine Augenlider fallen zu.
Ich sehe, wie Eva auf mich zuläuft, immer schneller wird, in ihren heiß und innig geliebten Chucks plötzlich zu rennen beginnt. Ihr Lieblings-Piratenhemd flattert im Wind, die Arme wild fuchtelnd ausgestreckt. Wie sie mit den Händen nach mir greifen will, während ich mich immer schneller und immer weiter von ihr entferne, bis sie als kleiner Punkt im Nichts verschwindet.
Fast neuneinhalb Wochen zuvor
Im Durchgang zum Flur wende ich mich noch einmal um und schaue trotz meiner Erschöpfung genauso glücklich wie zufrieden und obendrein in ziemlich gelöster Stimmung auf das zerwühlte Kingsize-Bett. Wie ein fein glitzerndes Gaze-Tuch haben sich wasserstoffblonde Haarspitzen über das daunenweiche Kopfkissen ausgebreitet. Der Rest bleibt unter der großen Bettdecke verborgen, die sich unter den tiefen Atemzügen der schlafenden Person leicht hebt und senkt.
Plötzlich räkelt sich am Bettende ein Fuß aus dem cremeweißen Überwurf heraus, untermalt von einem wohligen Stöhnen, das ganz tief eingegraben unter der Decke erklingt.
Kurz darauf folgt ein zweiter Fuß und reibt sich behaglich an seinem Partner.
Wieder brummt es entspannt unter der Decke.
Angeregt betrachte ich die malerische Szene und überlege kurz, ob ich nicht doch wieder umkehren sollte, um das so entspannt schlafende Wesen an den Fußsohlen nun endgültig wachzukitzeln. Doch andererseits ist meine innere Unruhe inzwischen zu groß geworden. Entschlossen wende ich mich ab.
Mit den Schuhen in der Hand schleiche ich durch den schmalen Flur zum Ausgang, drücke die Klinke sacht nach unten und schiebe mich durch einen schmalen Spalt nach draußen. Es klickt leise, als ich die Tür wieder ins Schloss ziehe.
Erst jetzt schlüpfe ich barfuß in meine Heels und folge dem Wegweiser in Richtung Lift. Der dicke Teppich schluckt trotz der hohen und dünnen Stiletto-Absätze jeden meiner Schritte.
»Laura!«
Ich erstarre, als ich ihre Stimme in meinem Rücken höre, und wende mich um. Umrahmt von der wasserstoffblonden Mähne blickt mich ein kleiner Schmollmund aus der leicht geöffneten Tür an.
»Ich hatte auf ein zweites Frühstück mit dir im Bett gesetzt!« Wie in Zeitlupe schiebt sich nun ein nackter Körper am Türrahmen vorbei, bis ich schließlich die eine Hälfte von ihr komplett zu sehen bekomme. Das Rosentattoo, das sich von der Scham bis unter die Brust verzweigt, ist eine Augenweide.
»Der Zimmerservice ist einzigartig, das musst du mir glauben. Und nicht nur der…«
Neckisch winkt nun der linke Fuß, um dessen Knöchel sich ebenfalls dornige Rosen schlingen, in meine Richtung.
Ich muss schlucken. »Können wir das auf ein andermal verschieben? Bitte!«
Wieder wird im Türrahmen ein Schmollmund gezogen. »Es ist Wochenende! Und ich habe den Late-Checkout gebucht. Was willst du denn heute noch wichtiges erledigen?« Ich drehe meinen Kopf und nicke über meine Schulter in die entgegengesetzte Richtung. »Du weißt doch, was da gestern Abend passiert ist. Es reicht! Ich muss nun endgültig Nägel mit Köpfen machen.«
Die blonde Mähne nickt bedächtig zurück.
»Okay, das ist nachvollziehbar. Auch wenn ich sagen würde: Jetzt läuft dir doch eh nichts mehr weg. Aber gut. Was erledigt ist, ist erledigt. Das Wichtigste aber: Du hast meine Nummer?«
Ich klopfe auf meine Handtasche und grinse sie an. »Bereits fest eingespeichert! Ich schicke dir gleich eine Nachricht, damit du auch meine hast.«
Sie wirft mir einen schmatzenden Kussmund zu, der durch den langen Gang hallt. »Ich verlasse mich drauf!«
Augenzwinkernd verschwindet die herrliche Haarpracht wieder aus meinem Blickfeld, bevor die Tür mit einem deutlich vernehmbaren Klacken ins Schloss fällt.
Etwas zögerlich setze ich nun meinen ursprünglich geplanten Weg fort und bleibe nach wenigen Schritten vor einem großen Panoramafenster wieder stehen.
Aus dem zehnten Stock des Hotels hat man einen herrlichen Blick auf die Stadt, die an diesem späten Vormittag unter blauem Himmel von einer bereits tiefstehenden Herbstsonne angestrahlt wird. Mein Blick wandert zu den markanten Kirchtürmen im Zentrum. Nicht weit davon entfernt betreibt Natalia ihre kleine Schneiderei. Ich denke an den magischen Moment vor einigen Monaten, als ich in ihrem Laden über dieses eine Paar Schuhe gestolpert bin. Es sind genau die, welche ich gerade an meinen Füßen trage. Eine ungeplante Anprobe, die mein Leben rigoros auf den Kopf gestellt hat.
So rigoros, dass ich schließlich in diesem Hotelzimmer gelandet bin, aus dem ich mich gerade gestohlen habe.
Schon wandert mein Blick weiter, bis ich ganz hinten am Horizont das alte Industriegelände ausmache, wo Eva ihr Fotostudio eingerichtet hat. Ich sehe die Bilder unserer ersten gemeinsamen Session, als ich in Natalias herrlicher Kollektion posieren durfte. Und irgendwann, nach vielen gemeinsamen Shootings, folgte schließlich diese anzügliche Aufnahme von Eva und mir: als wir unsere beiden Köpfe nach der einzigen gemeinsamen Nacht auf ihrem Insta-Profil hochgeladen haben.
Herrliche Schauer der Erinnerung jagen über meinen Rücken, bis mein Blick in dem Viertel verharrt, wo ich mit meiner Familie lebe.
Noch lebe.
Schlagartig habe ich wieder einen dicken Kloß im Hals. Was werden meine Kinder jetzt denken? Was werde ich meinem Mann sagen? Sagen müssen?
Die Wahrheit, habe ich damals im Brustton der Überzeugung gegenüber Eva verkündet. Ja, aber denk dran, dass zur Wahrheit auch das alles gehört, was vorher war und auch alles, was nicht mehr war, hatte sie daraufhin entgegnet. Ich schaue wieder den langen Hotelflur entlang. Vielleicht sollte ich erst einmal klären, was gestern war. Entschlossen stiefele ich los und bleibe kurz darauf vor der Zimmernummer 1051 stehen. Zaghaft klopfe ich an die Tür. Es bleibt ruhig. Ich klopfe etwas fester.
Stille. Ein kurzer Blick nach rechts und links den leeren Flur hinunter gibt mir genügend Sicherheit, bevor ich die Chipkarte aus meiner Handtasche herauskrame und sie gegen den Sensor halte. Es blinkt kurz grün auf, und klickend gibt der Schließmechanismus den Zugang frei. Sachte drücke ich die Türklinke nach unten.
»Hallo?«, rufe ich leise in den Raum hinein. Keine Reaktion. »Hallo!«, wiederhole ich zaghaft. »Roomservice?«, setze ich fast schon flüsternd nach.
Ich schlüpfe wieder aus meinen Heels und schleiche mich auf Zehenspitzen in das Zimmer.
Es ist leer.
Meine Augen streifen das auch hier zerwühlte, noch nicht gemachte Bett und bleiben dann am Sessel hängen, über den achtlos ein dunkelblaues Businesskostüm geworfen ist. Auf dem Boden liegt eine zusammengeknüllte, hautfarbene Strumpfhose.
Wieder wandert mein Blick weiter zur offenen Garderobe in der Ecke der großen Suite, an der zwei mir bestens vertraute Gegenstände hängen: ein, nein, eigentlich mein rotes Cocktailkleid von Natalia, daneben der Smoking meines Mannes, noch frisch aus der Reinigung mit einem Folienüberwurf geschützt, genauso wie ich ihn damals bei Asad abgeholt hatte. Ich muss schlucken.
Langsam gehe ich auf die Garderobe zu und lasse meinen Finger über den feinen roten Stoff gleiten. Einmal hatte ich das Kleid selbst getragen: damals, in Evas Studio, als ich wie eine Diva über einen improvisierten Catwalk stolziert bin, bevor ich schließlich meinen ersten Striptease vor Evas Kamera gewagt hatte. Wieder wird mir heiß und kalt zugleich.
Nun hängt das traumhaft geschneiderte Werk hier. Warum, das weiß ich immer noch nicht. Soll es eine weitere Demütigung sein, die mir mein Mann irgendwann noch um die Ohren hauen will? Durch die Wand höre ich plötzlich viel zu nah die Klospülung rauschen. Scheiße, schießt mir durch den Kopf, ist hier doch noch jemand im Raum? Es rauscht erneut, als der Wasserhahn geöffnet und gleich darauf wieder geschlossen wird.
Keine Chance, noch am Bad vorbeizukommen, die Tür befindet sich direkt neben dem Zimmereingang. Panisch sehe ich mich um. Unters Bett?
Das ist doch affig! Hinter den Vorhang? Dann kann ich gleich mitten im Raum stehen bleiben!
Noch einmal irrt mein Blick durch den Raum. Instinktiv ziehe ich die Schiebetür des großen Kleiderschranks neben der Garderobe auf und presse mich am Bügelautomaten und Zimmersafe vorbei ins geräumige Innere. Leise klappern leere Kleiderbügel, als ich an sie stoße.
Gerade noch rechtzeitig gleitet die Tür nahezu lautlos wieder zu. Durch einen kleinen Spalt kann ich noch sehen, wie eine junge Frau, von der Brust abwärts nur von einem großen Duschhandtuch umschlungen, mit Mickymaus-großen Kopfhörern auf den Ohren summend aus dem Bad ins Zimmer tänzelt.
Es ist tatsächlich Jana Hartwald, rechte Hand meines Mannes. In nervöser Anspannung verfolge ich, an die Wand des Schrankes gepresst und weiter durch den kleinen Spalt blickend, wie sie die Strumpfhose vom Boden aufhebt und, nachdem sie diese kritisch auf Laufmaschen prüfend glattgezogen hat, über ihr Kostüm legt. Dann wühlt sie sich durch das Bett und fördert ein schwarzes Set aus spitzenbesetztem BH und String zutage. Mit der Unterwäsche in der Hand geht sie auf den Kleiderschrank zu.
»Hallo?«
Mir stockt der Atem. Ihr Blick ist fest auf die Schiebetür gerichtet.
»Ach du bist es, die Verbindung war gerade etwas abgehackt. Ja klar, bei mir ist gut. Bin gerade noch allein, kann also reden.«
Erst jetzt begreife ich, dass sie über ihre Mickymäuse auch telefonieren kann. »Nein, Thomas ist gerade unten beim Aufbau der Veranstaltung. Der muss da anscheinend was abnehmen.«
Wieder hört sie der Gegenseite zu. »Nein, die Proben sind erst heute Nachmittag, logisch, da muss ich auch mit ran. Aber bis dahin gönne ich mir noch etwas Wellness! Man ist ja nicht jeden Tag in so einem feudalen Luxusbunker untergebracht. Und muss es noch nicht einmal selbst zahlen. Alles auf Firmenkosten!«
Sie lacht leise los, und durch den Spalt kann ich zusehen, wie sie vor dem Schrank ein paar Stretching-Posen einnimmt. Mir fällt wieder ein, dass die Schiebetüren komplett verspiegelt sind. Deshalb also der ständige Blick in meine Richtung. Puh, Glück gehabt!
»Was willst du wissen? Details? Alles?« Ich höre sie wieder auflachen, diesmal etwas lauter – und klingt es zugleich nicht auch etwas hämisch? »Als der mit diesem komischen Kleid in Rot aufgetaucht ist, dachte ich schon: Jetzt wird’s ja mal schräg! Aber anscheinend hat der noch eine fette Rechnung mit seiner Alten offen!«
Sie geht ein paar Schritte nach vorn und verschwindet aus meinem Sichtfeld. Doch ihre Stimme bleibt ganz nah bei mir. Anscheinend steht sie, wie kurz zuvor ich selbst, direkt vor Natalias Cocktailkleid.
»Nein, das hat er von irgendeiner kleinen Schneiderei hier aus der Innenstadt, wo auch seine Frau immer einkauft. Und irgendwie muss die ihm gerade eine lange Nase drehen, weswegen er es ihr jetzt heimzahlen will.« Ich sehe, wie sie nur Zentimeter von mir entfernt am Spalt vorbeigeht. Es rumpelt leise, als sie sich anscheinend mit dem Rücken an die Schiebetür lehnt.
Wieder hört sie eine Weile nur zu. »Klar haben wir gefickt. Aber weißt du, was wirklich das Schrille ist? Die hatten gestern wohl ihren zwanzigsten Hochzeitstag, und sie hat sich vorher aus dem Staub gemacht! Auch ganz schön wild, die liebe Frau Gemahlin. Und überleg mal: die ist doppelt so alt wie wir!«
Sie kichert kurz los, bevor es eine Zeitlang still bleibt. »Ne, du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich mich auf etwas festes mit dem einlasse. Und dann haben die beiden ja auch noch die Kinder am Hacken. Zwei Stück, wobei die beide aber auch schon volljährig sind. Der Sohn zumindest. Studiert wohl oder macht was Soziales. Die Tochter geht noch zur Schule. Aber auch nicht mehr lange, wenn ich es richtig kapiert habe. Die muss gerade ihr Abi machen.«
Die Gegenseite scheint zu einer längeren Erwiderung anzusetzen, erst dann höre ich sie fortfahren.
»Eben, so ein toller Stecher ist der Alte nun auch nicht und auf das Gerede in der Abteilung kann ich echt verzichten. Das war bis jetzt okay und wenn die Nachfolge für den Gerlinger geregelt ist, dann brauche ich die Fürsprache des lieben Herrn Hermes ja auch nicht mehr. Wenn du verstehst, was ich meine. Ich…«
Sie verstummt für einen Moment, um wieder zuzuhören. Erst dann setzt sie ihren unterbrochenen Satz fort.
»Den notgeilen Sack Gerlinger wollen sie doch absägen, hast du das noch nicht mitgeschnitten. Da gab es jetzt wohl wieder ein paar Vorfälle, die nach oben durchgedrungen sind. Und laut Thomas stehe ich auf seiner Vorschlagsliste ganz oben. Da kann man sich doch auch ein wenig gefällig zeigen, findest du nicht?«
Erneut lacht sie auf, dieses Mal klingt es aber eine Spur dreckiger, als nicht nur ich plötzlich höre, wie sich die Zimmertür öffnet, gefolgt von der Stimme meines Mannes. »Hallo! Jana, bist du noch da?«
Abrupt beendet seine Assistentin ihr Telefonat, um im gleichen Atemzug ihm zu antworten. »Ich muss auflegen, melde mich später, okay? Mach’s gut – ja, hallo Chef, klar bin ich noch da, ich komme doch gerade erst aus der Dusche!« Irritiert bemerke ich, wie sich ihr Tonfall mitten in ihren Sätzen in ein leichtes Säuseln gewandelt hat. »Alles klar bei den Aufbauten? Müssen wir schon für die Proben nach unten kommen?«
Verärgert stelle ich fest, dass mein Mann ihr mit ähnlich schmachtender Stimme antwortet. »Ja hallooo, was haben wir denn hier für einen entzückenden Anblick? Da könnte man doch glatt wieder in Versuchung kommen!« Meine Augen beginnen hinter der Schranktür wie wild zu rotieren: Was für ein Esel!
»Wenn wir die Zeit haben, mein scharfer Chef. Was hältst du denn davon?«
Entgeistert muss ich zusehen, wie das Handtuch aufs Bett fliegt, gefolgt von den Mickymäusen, und höre das Klicken einer Gürtelschnalle wie auch das Geräusch eines Reißverschlusses, der mit einem Ruck geöffnet wird.
Wieder wackelt die Schiebetür, als die Hand von Thomas in den Spalt gleitet und sofort die Schranktür fest umklammert. Instinktiv drücke ich mich ins hinterste Eck und halte meinen Atem an.
»Wer kann bei dem Anblick schon nein sagen«, grunzt mein Mann mit gicksender Stimme. Mir wird bei dem schmalzigen Klang leicht übel, dass ich fast schon würgen muss.
»Dann lassen wir deinen Prachtburschen gleich mal an die frische Luft«, kontert Jana Hartwald mit inzwischen auffallend herrischer Stimme und schon höre ich, wie sie bei ihm Hose und Boxershorts nach unten streift. »Uihhh, da steht ja wieder was zur Behandlung bereit. Herr Hermes, ich muss ganz ehrlich sagen: Respekt, Ihre Ausdauer!« Gleich darauf verrät ein schmatzendes Geräusch, dass sie bereits ihre Arbeit aufgenommen hat.
Ich sehe, wie nur wenige Zentimeter von meiner Nasenspitze entfernt der Klammergriff meines Mannes das Weiße in seinen Knöcheln hervortreten lässt. Sein Keuchen wird immer heftiger. Zornig starre ich auf seinen, nein, unseren Ehering, der mir zwar reichlich verschrammt, aber immer noch goldglänzend im Halbdunkel des Kleiderschranks entgegenfunkelt.
Ein lauter Klatscher ertönt. Und noch einer. Hat sie ihm etwa auf den Hintern geschlagen? Es scheint so.
»Los Cowboy, jetzt bist du an der Reihe!«, kommandiert dazu bereits die Stimme der Hartwald und ich habe sie wieder voll im Blick, als sie mit weit gespreizten Beinen am Fußende stehen bleibt und sich mit ihrem Oberkörper bäuchlings auf das hohe Boxspringbett legt. Schon taucht auch Thomas hinter ihr auf und zieht ihren (wie ich neidisch registrieren muss) knackigen, apfelrunden Po leicht nach oben und eng zu sich heran.
Weit über sie gebeugt und sich nun mit beiden Händen auf dem Bett abstützend, fährt sofort sein Glied in sie hinein. Und das alles ungeschützt, stelle ich mit wachsender Wut aus meinem Versteck heraus fest.
Während mein Mann mit heruntergelassener Hose seine Assistentin schnaufend penetriert, dreht sich ihr Kopf wieder in meine Richtung. Schaut sie mich etwa doch an? Ahnt sie was? Oder beobachtet sie einfach nur den von ihr schon sehr mechanisch ausgeführten Liebesakt im Spiegel der Kleiderschranktüren?
Ich könnte jetzt tatsächlich nicht nur das Liebesspiel, sondern auch alles andere meines gemeinsamen Lebens mit diesem Mann schlagartig beenden, indem ich einfach aus dem Schrank in den Raum trete. Und seiner Assistentin ob ihrer schauspielerischen Leistung applaudiere: wie sie dort mit gelangweiltem Blick sich selbst im Spiegel betrachtet, trotzdem aber theatralisch im Takt mitkeucht, den mein Mann von hinten schwer atmend vorgibt.
Doch ich bin hin- und hergerissen. Immerhin hat mir die nette Daniela aus der Hotelbar dank Evas Vermittlung gestern Abend genau aus diesem Zweck diese speziell präparierte Zimmerkarte zugesteckt. Du willst Gewissheit? Dann hol sie dir!
Aber auch wenn Daniela extra betont hat, dass sie keine Konsequenzen zu befürchten hat: Nachher ist dennoch etwas nachvollziehbar und fällt auf sie zurück. Den Ärger aber will ich ihr nicht zumuten. Zumal ich bereits einmal erlebt habe, wie hinterfotzig der Servicechef des Hotels als ihr Vorgesetzter sein kann.
Und habe ich jetzt nicht genau das vor Augen, was ich haben wollte? Gewissheit! Dass mein Mann pünktlich an unserem zwanzigsten Hochzeitstag mit seiner Assistentin in die Kiste gehüpft ist. Und es am Tag danach, wie ein Karnickel, gleich wieder macht.
»Auf meinen Bauch, Cowboy!« Jana Hartwalds Stimme reißt mich aus meinen Gedanken und ich sehe, wie sie mit einer schnellen Drehung den steil nach oben gereckten Penis meines Mannes aus sich herausflutschen lässt. Gleich darauf ergießt sich ein überschaubarer Schwall Sperma auf ihren (wie ich ebenfalls neidvoll zugestehen muss) ansehnlich festen Brüsten.
Respekt, denke ich insgeheim, das Mädel hat es ganz schön drauf. Genau den richtigen Zeitpunkt abgepasst.
»Du kleines Ferkelchen«, schnault sie ihn mit übertriebenem Tremolo in ihrer Stimme an, »jetzt muss sich deine scharfe Jana gleich wieder abbrausen.«
Mein Mann grinst sie nur dümmlich an. Plötzlich höre ich den unverkennbaren Klingelton seines Handys. Umständlich fischt er es aus seiner noch in Knöchelhöhe befindlichen Hosentasche. »Klaus-Peter?«
Stirnrunzelnd fixiert ihn Jana Hartwald mit leicht zusammengekniffenen Augen.
»Ja, in fünfzehn Minuten hinten im Saal, das passt. Ich habe gerade noch unseren Kunden in der anderen Leitung, ich müsste dich mal schnell wieder wegdrücken. Okay? Bis gleich!«
Er wirft sein Smartphone in Richtung Kopfkissen und dreht sich nun ebenfalls in Rückenlage neben seine Assistentin aufs Bett. Sein Glied liegt mittlerweile vollkommen erschlafft auf seinem, auch mit zweiundfünfzig Jahren immer noch muskulösen Bauch.
»Bekommt es der Gerlinger mal wieder nicht allein auf die Reihe?«
Erstaunt registriere ich den süffisanten Tonfall in der Frage seiner Assistentin, während sie ein paar Kleenex aus dem Spender auf dem Nachtisch zupft und sich seinen inzwischen zähen Erguss von ihrer Brust wischt.
»Mach dir keine Sorgen, der ist nicht mehr lange auf der Position und dass du dann übernimmst, ist eigentlich nur noch eine Formalität. Dafür habe ich schon alle Weichen gestellt.« Wieder sehe ich das dümmliche Grinsen in seinem Gesicht, als er den Kopf in ihre und damit auch in meine Richtung dreht.
Auch sie dreht ihren Kopf in meine Richtung. »Sag mal, heute Abend, auf der Gala, das mit diesem Kleid da, meinst du wirklich…«
Schnell fällt ihr mein Mann ins Wort. »Nein, nein, das war eine blöde Idee, ich wollte damit eigentlich nur…« Thomas stockt für einen Moment, und ich beiße mir verärgert auf die Lippen. Scheiße, das wäre jetzt mal interessant geworden!
»Ich glaube, dass es deiner Frau hervorragend stehen würde. Aber mein Stil, sorry, dass ich es dir jetzt so direkt sagen muss, ist es auf keinen Fall. Es sei denn, du willst, dass ich nicht nur hier im Bett deine Gattin vertrete.«
Schlagartig wird mein Mann knallrot, während sie aufsteht und nach dem Handtuch greift. Etwas neidvoll sehe ich nun auf die nackte und äußerst attraktive Rückseite einer schlanken und sportlich durchtrainierten Frau Mitte Zwanzig.
»Hast du dich eigentlich mit ihr mal ausgesprochen? Du hast mir doch erzählt, dass du denkst, dass auch bei ihr was läuft. Ich habe keine Lust, dass ich für sie nachher die Buhfrau bin. Oder darüber getuschelt wird: die arme, arme Frau Hermes, die böse, böse Frau Hartmann.« Mein Mann schweigt noch immer, während ihn seine Assistentin mit ihrem Blick anscheinend durchbohren muss. Schließlich wälzt er sich aus dem Bett heraus und zieht seine Hose mit den Boxershorts wieder hoch. »Ich muss dann mal runter, ich will den Gerlinger nicht zu lange warten lassen.«
»Keine Antwort ist auch eine Antwort.« Wieder liegt ein wenig Süffisanz in ihrer Stimme. »Aber denke nicht, dass ich ewig warte, bis du dein Eheleben endlich geklärt hast. Für ein kleines Liebchen bin ich mir zu schade!«
Sie greift nach dem Handtuch, um es um ihre Blöße zu schlingen, und verschwindet aus meinem Blickfeld. Schon klappt die Badezimmertür laut zu, und ich höre, wie die Dusche zu rauschen beginnt.
Mein Mann steht am Fenster und steckt sich bedächtig das Hemd in die Hose. Als er sich mit den Fingern durch seine Frisur fährt, fällt mir der seltsam leere Blick in seinem Gesicht auf.
Genauso hat er vor drei Tagen abends an unserem Küchentisch gesessen, als ich türenschlagend das Haus verlassen habe. Drei Tage? Ich muss schlucken. Was alles ist in diesen drei Tagen passiert? Was anderen noch nicht einmal in drei Jahrzehnten passiert!
Ich habe die zweite Nacht meines Lebens mit einer, dieses Mal sogar wildfremden Frau verbracht und meinem Mann gerade dabei zugesehen, wie er seine Assistentin nicht zum ersten Mal gefickt hat.
Langsam geht er um das Bett herum und verharrt mit melancholischem Blick minutenlang vor dem Kleid, das direkt neben meinem Versteck an der Garderobe hängt. »Ach Laura«, höre ich ihn schließlich leise seufzen, »was ist mit uns inzwischen nur passiert?«
Ich spüre, wie meine Augen in meinem Versteck feucht werden und muss mir auf die Lippen beißen, um nicht laut aufzuschluchzen.
Dann verschwindet auch Thomas aus meinem Blickfeld und Sekunden später hallt bereits das klackende Geräusch der automatisch zuschnappenden Tür durch den Raum.
Das Wasser in der Dusche rauscht weiter. Leise schiebe ich die Schranktür zur Seite und schleiche mich eilig in den Flur, um die Zimmertür einen Spaltbreit zu öffnen. Der Flur ist menschenleer.
Schnell drücke ich mich nach draußen und ziehe die Tür sachte zu, bis das Schloss dieses Mal mit einem kaum vernehmbaren Klicken wieder einrastet.
Barfuß eile ich weiter bis zum Lift und drücke die Taste mit dem Richtungspfeil nach unten. Erst jetzt wage ich es, wieder in meine Schuhe zu schlüpfen und mir das Cape, das ich bislang über meinen Arm gelegt hatte, überzustreifen. Mit einem leisen Pling öffnet sich die Lifttür, und ich schaue Thomas, der konsterniert von seinem Handy aufblickt, mitten ins Gesicht.
Viel zu schnell rast er mit dem alten, leicht zerbeulten Lieferwagen über das zernarbte, mit riesigen Schlaglöchern übersäte Asphaltband in dem alten Industriegebiet. Es rumpelt gewaltig, als er in die kleine Sackgasse einbiegt und dabei mal wieder die besonders große Auswaschung direkt im Scheitelpunkt erwischt. Ein leiser Fluch kommt ihm über die Lippen.
Erst jetzt verlangsamt er das Tempo und lässt den asthmatisch klackernden Dieselmotor nur noch knapp über Standgas weitertuckern.
Fast schon im Schritttempo rollt er nun den schmalen Stichweg hinunter. Seine Augen sind nicht mehr auf die Straße gerichtet, über die ohnehin kein Verkehr fließt, sondern scannen sorgfältig den mehr als mannshohen, einst sehr stabilen, inzwischen aber stark verrosteten Maschendrahtzaun ab, der das brachliegende Fabrikgelände auf der rechten Seite des Weges umgibt.
Umso auffälliger glänzt dagegen die neue Stacheldrahtrolle mit fiesen, scharfzackigen Metallplättchen auf der Spitze des Zaunes, die jeden ungebetenen Besucher abwehren wird, die Industriebrache näher in Augenschein zu nehmen. Und wenn doch, das weiß aber nur er, werden die von der Straße nicht wahrnehmbaren Minikameras, die in passenden Abständen in dem struppigen Buschwerk hinter dem Zaun positioniert sind, dank der integrierten Bewegungsmelder stillen Alarm schlagen.
Seitdem im Netz wieder vermehrt Geocacher unterwegs sind und Lost Places-Touristen ihre Fotos verbreiten, hat er nicht nur mit gut sichtbarer Abschreckung am Zaun, sondern auch mit beeindruckenden Hightech-Mitteln ansehnlich aufgerüstet. Bislang mit Erfolg. Und so soll es auch bleiben.
Er schaut kurz nach links zu dem mehrstöckigen Verwaltungsgebäude auf dem Nachbargrundstück hinüber, bei dem die Jalousien in den oberen Etagen immer noch windschief in den Führungen klappern.
Hatte der alte Marwitz ihm nicht von den neuen Mietern erzählt, die dort eine finanzierbare Bleibe für ihr junges Start-up einrichten wollten?
Wahrscheinlich doch wieder abgesprungen. Immerhin bleibt dem Alten als Vermieter noch die kleine Expresskurierfirma, die sich seit langem im Erdgeschoss ausgebreitet hat. Drei Autos stehen noch auf dem Hof, der Großteil der – ebenso wie sein Transporter zerbeulten – Lieferflotte wird auch an diesem Samstag bereits im Stadtgebiet unterwegs sein. Er richtet seinen Blick wieder auf das Grundstück zu seiner Rechten, wo ein brusthohes und von Büschen überranktes Gartentor erscheint. Seine Hand zuckt nach vorn, um auf die Taste eines Transponders auf dem Armaturenbrett zu drücken.
Schon schiebt sich einige Meter weiter ein sehr großes und ebenfalls mit auffällig scharfen Zacken gekröntes Metalltor zur Seite.
Mit ausgeschaltetem Motor lässt er sein Fahrzeug die gepflasterte Rampe nach unten rollen, an deren Ende sich bereits das Lamellentor einer Doppelgarage im Kellergeschoss eines großzügigen Wohnhauses aufwickelt. Durch den hohen Bewuchs ist es von außerhalb des Geländes kaum noch wahrnehmbar. Bereits wenige Meter hinter dem Haus mit seiner verwitterten Fassade, dem man aber immer noch ansieht, dass es vor fünfzig Jahren eine architektonische Perle gewesen sein muss, erheben sich die stark verfallenden Industriehallen ohne Leben.
Der Lieferwagen kommt im Untergeschoss neben einem sorgfältig abgedeckten Fahrzeug, das eine sehr flache und sehr sportliche Kontur hat, zum Stehen. Schon rattert das Rolltor wieder nach unten.
Nur noch ein kleines Notlicht erhellt den akkurat eingerichteten Raum mit einigen verschlossenen Stahlschränken, Schwerlastregalen mit allerhand Kartonagen, einer breiten Werkbank und etlichen Gartengerätschaften, die sauber sortiert an der Wand hängen.
Minutenlang bleibt der Mann noch stumm hinter dem Steuer sitzen, bis er schließlich in einem schnaubenden Wutanfall auf das Lenkrad einhämmert.
Mit einem leise gezischten »Scheiße!« auf den Lippen öffnet er schließlich die Wagentür und steigt aus.
Durch eine Stahltür, die er am Schloss mit seinem Daumenscan entriegelt, betritt er einen langen Kellergang, bevor er die unverschlossene Tür zu einem offenen Treppenhaus aufzieht, das ihn schließlich eine Etage höher in einen hallenähnlichen Eingangsbereich führt. Eine breite, zentral im Raum positionierte Freitreppe führt im leichten Schwung nach oben ins erste Geschoss zu einer umlaufenden Galerie, von der aus einige Türen zu verschiedenen Zimmern abzweigen.
Der Mann bleibt zunächst mitten in der Empfangshalle stehen, bevor er sich nach links wendet und durch einen offenen Zugang eine sehr nüchtern eingerichtete Küche betritt, die, wie auch das Haus selbst, vor fünfzig Jahren einmal »State-of-the-art« gewesen sein muss.
Er öffnet einen Schrank und nimmt ein Glas heraus, das er an der Spüle randvoll mit Leitungswasser füllt.
Gierig trinkt er es in großen Schlucken leer, um es plötzlich in einem spontanen Wutanfall in die Ecke neben dem großen Terrassenfenster zu feuern, wo es laut splitternd in tausend Scherben zerspringt.
Mit müdem Blick schaut er minutenlang auf das Trümmerfeld, bevor er wieder den Raum verlässt. Im Gehen streift er seinen Parka ab und lässt ihn achtlos auf die ebenso flache wie lange Eckcouch fallen, die zusammen mit einem zum flachen Stil des Sofas passenden Glastisch die einzigen Einrichtungsgegenstände in der riesigen Eingangshalle sind.
Durch eine nur angelehnte, doppelflügelige Tür betritt er ein genauso wie Küche und Flur minimalistisch eingerichtetes Wohnzimmer und lässt sich schnaufend auf eine Couch fallen, die das Zwillingsexemplar des Möbelstücks aus dem Flur sein könnte.
Er greift nach der fein geschliffenen Kristallkaraffe, die neben ihm auf einem, in schwarzem Klavierlack glänzenden Beistelltisch steht und gießt sich deutlich mehr als zwei Finger breit in das zur Karaffe passende Whiskyglas ein. Nach nur einem großen Schluck ist es bereits zur Hälfte geleert.
Diese Scheissnutte!
Er leert sein Glas jetzt komplett, um es aber sofort wieder aufzufüllen. Dieses Mal einen Fingerbreit mehr.
Musste sie diesen spöttischen Blick aufsetzen?
Und ihre Augenbraue hochziehen?
Und dann diese Süffisanz in ihrer Stimme! Am liebsten hätte er ihr schon unten in der Tiefgarage eine verpasst. Aber sie musste sich dort gut auskennen. Der Treffpunkt war gut von ihr gewählt. Nein, nicht gut. Eigentlich perfekt. Immer hatte sie so gestanden, dass die Überwachungskameras des Hotels sie stets erfasst hatten. Und damit auch ihn!
Vielleicht wäre es dieses Mal wieder gut gegangen. Nur im Dunkeln sitzen und zugucken, wie sie es sich selbst besorgt. So war doch der Deal. Aber diese überlegene Arroganz, die sie vom ersten Moment an ausgestrahlt hat. Diese Selbstgefälligkeit, die plötzlich wie sein Vater klang, als sie ihn schon unten in der Tiefgarage frech angesprochen hatte.
Er wusste ganz genau, dass ihn genau das in Rage gebracht hat. So sehr, dass…
Wieder nimmt er einen großen Schluck.
Er spürt, wie der Alkohol ihn besänftigt. Klar, er hat ja seit gestern Mittag auch nichts mehr gegessen. Kein Wunder, dass er jetzt so schnell wirkt, ihn benommen, ja fast schon schläfrig macht. Sinnierend schaut er vor sich auf den Tisch, um dann auf den Knopf einer kleinen Fernbedienung zu drücken, die neben ihm auf dem Tisch liegt. Leise rattert das Lamellenrollo vor dem großen Terrassenfenster nach unten und taucht den Raum in diffuses Licht. Er greift nach dem Tablet, welches neben ihm auf dem Sofa liegt und wischt ungeduldig auf dem Display herum, bis er das gefunden hat, wonach er gesucht hat. Surrend springt ein an der Decke montierter Beamer an. Sofort ist SIE zu sehen. Lebensgroß!
Nein, überlebensgroß taucht SIE vor ihm auf der schneeweiß getünchten Wand auf.
Dieser Mund, dieses Lachen, diese Augen. Im Sekundentakt flackern die Motive mit ihr auf. Diese herrliche Pin-up-Pose, hier dieser verruchte Ausschnitt, dort dieses frivol verrutschte Kleid, dann diese Schuhe, die sie gerade von ihren Füßen streift und dieser Rock, den sie gerade flattern lässt. Sehr hoch flattern lässt.
Er spürt, wie ihm das Blut in die Lenden schießt.
Genauso hätte er es doch gestern haben wollen! Nur zugucken und genießen! Aber dann spricht diese Nutte ihn in genau diesem Tonfall an. Den er nicht mehr hören kann. Noch nie hören wollte. Vielleicht hätte er sie doch nicht in diesem Look bestellen sollen. Aber er wollte es auch mal wieder so genießen! Sich die Erinnerung zurückholen. Jemanden genauso sehen, wie er es in seinen Träumen konserviert hatte. So unendlich viele Jahre sind doch bereits verstrichen, seitdem er heimlich beobachtet hatte, wie damals in diesem Haus, im Schlafzimmer…!
Seufzend lässt er den Rest der goldenen Flüssigkeit seinen Rachen herunterrinnen und genießt die brennende Schärfe, die zugleich auch etwas Wärme in seinen Körper fließen lässt.
Egal, er wird es der Nutte heimzahlen! Das Geld, das er ihr überreichen musste, bevor er Reißaus genommen hat, wird noch verrechnet werden. Auch wenn ihn die Summe in keiner Weise schmerzen wird.
Aber die Gegenleistung wird noch eingefordert werden. Mit Zuschlag!
Doch bevor er wieder allzu sehr in Rage geraten kann, lächelt SIE ihn von der Wand an. Besänftigt prostet er ihr zu und fährt mit seiner Hand in die Hose, wo ihn bereits sein inzwischen knallharter Penis erwartet.
Ich schaue in Evas zorniges Gesicht. So wütend habe ich sie noch nie erlebt. »Nur um es noch einmal kurz zusammenzufassen: Du triffst eine Hure im Aufzug und springst sofort mit ihr ins Bett, anstatt dich um Klarheit in deinem Eheleben zu kümmern? So wie wir es gemeinsam geplant hatten. Dafür guckst du später auch noch heimlich aus dem Schrank heraus deinem Mann und seiner Assistentin beim Vögeln zu!« Sie schnauft hörbar durch.
»Daniela könnte dafür in Teufels Küche kommen, wenn du aufgeflogen wärst und rauskäme, dass sie die Chipkarte freigeschaltet hat. Das ist dir hoffentlich klar!«
Das reicht.
Trotzig feuere ich nun zurück. »Das hätte auch schon gestern Abend passieren können! Also, dass die Sache mit der Chipkarte auffliegt.«