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Mats und Mathilde setzen ihre abenteuerliche Reise fort. Auf der Suche nach dem Ort, wo die Sonne untergeht, entdecken sie neue Freundschaften und meistern gemeinsam unglaubliche Abenteuer: Ob die Fahrt auf einem Geschichtenschiff, dessen Segel sich aufblähen, sobald der verrückte Kapitän seinen Seemannsgarn erzählt. Die wilde Jagd nach Sternen in einem fliegenden Himmelbett. Ein atemloser Lauf durch den Dschungel der 999 1/2 Gefahren und die Begegnung mit einem fauchenden Föhn in der Wüste Sahaara. Mats und Mathilde müssen einander ein ums andere Mal retten, doch sie verlieren nie den Mut. Denn wahre Freunde sind immer füreinander da.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Auf der Suche nach Mathildes Mama erleben Mats Piep und Mathilde Vogelscheuch unglaubliche Abenteuer: Ob die Fahrt auf einem Geschichtenschiff, dessen Segel sich aufblähen, sobald der verrückte Kapitän seinen Seemannsgarn erzählt. Die wilde Jagd nach Sternen in einem fliegenden Himmelbett. Ein atemloser Lauf durch den Dschungel der 999 1/2 Gefahren und die Begegnung mit einem fauchenden Föhn in der Wüste Sahaara. Mats und Mathilde müssen einander ein ums andere Mal retten, doch sie verlieren nie den Mut. Denn wahre Freunde sind immer füreinander da.
Christian Wunderlich hat mit Mats und Mathilde zwei liebenswerte und lebendige Charaktere erschaffen, die man sofort ins Herz schließt. Unvergleichlich illustriert von Anne Hofmann.
Für meine Mama
C. W.
Dies ist die Geschichte von der großen Freundschaft zwischen einer Vogelscheuche und einem Spatz. Einem Schwatz, um genau zu sein, denn Mats Piep war der Sohn einer Schwalbe und eines Spatzes. Mathilde Vogelscheuch hingegen wurde von der kleinen Enkeltochter des Bauern zum Leben erweckt, just in dem Moment, da sie der Vogelscheuche ein Herz aus Gold annähte. So wurde das Mädchen zu Mathildes Mama. Doch am Ende des Sommers verließ die Kleine den Hof ihres Großvaters, um nach Hause zurückzukehren; »dorthin, wo die Sonne untergeht«, wie sie Mathilde bei ihrem Abschied verriet.
Bald darauf lernte Mathilde Mats kennen, und gemeinsam begaben sie sich auf die Suche nach dem Ort, an dem die Sonne untergeht. Dort hoffte Mats, der aufgrund seiner Flugangst den Vogelzug Richtung Süden verpasst hatte, auf seine Artgenossen zu treffen. Mathilde wiederum konnte es nicht erwarten, endlich ihre Mama wiederzusehen.
Es war der Beginn einer langen Reise – und einer einzigartigen Freundschaft. Schnell wurden Mats und Mathilde eine unzertrennliche Einheit, retteten einander ein ums andere Mal und merkten, wie schön das Leben war, wenn sie es miteinander teilten.
Viele Wochen und Monate, eine Million Träume und unzählige Gedanken lang waren Mats Piep und Mathilde Vogelscheuch nun schon unterwegs. Sicher habt ihr, liebe Freundinnen und Freunde, von ihren Abenteuern in Ideenreich und Dingsbums, im Zirkus Sensationissimus und in Unter-Erde gelesen. Wenn nicht, solltet ihr dort anfangen.
Hier nun will ich euch erzählen, wie die Reise unserer beiden Gefährten weiterging. Nach einer Flucht aus eisigen Bergen und ihrem Abschied von Hyggingen, dem gemütlichsten Ort der Welt, wanderten Mats und Mathilde in Richtung eines geheimnisvollen Meeres. Wo gleich das nächste Abenteuer auf sie wartete …
An einem rapsgelben Frühlingstag sahen Mats Piep und Mathilde Vogelscheuch von einem Hügel aus das Meer. Es erstreckte sich vor ihnen bis zum Horizont. Mathilde staunte beim Anblick des vielen Wassers. Und da sich auf der ruhigen Oberfläche der Himmel spiegelte, rief sie: »Sieh mal, Mats, der Himmel hat auf die Erde getropft.«
»Das is das Meer, Mathilde«, erklärte der Schwatz. »In seinem Wasser leben ganz viele Tiere: Fische, Quallen, Wale …«
»Wahnsinn!«, wisperte Mathilde. Sie hatte in der Wortschatzkammer des Luftschlosses darüber gelesen. Aufgeregt deutete sie auf die rot-orange Sonne, die weit vor ihnen scheinbar im Wasser versank. »Also ist das Meer der Ort, wo die Sonne untergeht«, rief sie. »Komm, wir suchen dort!«
»Aber um darüber hinwegzufahren, brauchen wir ein Schiff oder wenigstens ein Boot«, sagte Mats.
»Und woher kriegen wir eins?«
Als die beiden die Küste erreichten, deutete Mathilde auf ein Schild: »Bootsverleih«, las sie vor.
»Ein Schiff wäre mir lieber«, sagte Mats seufzend, »aber ich fürchte, wir müssen nehmen, was wir kriegen.« Doch sowie er die Boote entdeckte, verzog der Schwatz ungläubig das Gesicht. »Also, wenn wir nur das kriegen, hätte ich doch lieber ein Boot.« Vor ihnen schwamm eine Reihe Badewannen im Wasser.
»Kleine Spritztour gefällig?«, fragte die Bootsverleiherin die zwei. Sie hatte ihre langen Haare mit Muscheln zusammengebunden und ihre Haut schimmerte leicht grünlich unter einem Kleid aus Fangnetzen.
»Wir wollen dahin, wo die Sonne untergeht«, sagte Mathilde.
Die Bootsverleiherin sah aufs Meer hinaus. »Das ist eine längere Tour. Wunderbar, steigt ein! Ich bin übrigens Mare.«
Als sie die beiden zu einer der Badewannen führte, fragte Mats: »Bist du sicher, dass die wasserdicht is?«
»Natürlich nicht«, sagte Mare. »Ist doch eine Badewanne. Da kommt Wasser rein, geht aber auch wieder raus.«
Das beruhigte Mats ganz und gar nicht. Aber er sah bereits, wie Mare Mathilde in die schwimmende Badewanne half, und wo seine Freundin war, wollte auch er sein. Also flatterte er in ihre Brusttasche und behielt sich vor, die gesamte Seereise darin zu verbringen, bis er wieder festen Boden unter den Krallen hatte.
Mare stellte sich an das Heck und verkündete: »Wir beginnen nun mit unserer Reise Richtung untergehender Sonne. Bitte bleiben Sie während der gesamten Fahrt auf Ihren Plätzen! Sobald wir auf hoher See sind, können Sie bei mir Speisen und Getränke bestellen. Genießen Sie nun aber zunächst die wundervolle Aussicht und das abwechslungsreiche Unterhaltungsprogramm.« Damit stieß sie die Wanne mit einer Badebürste von der Kaimauer ab und drehte den Wasserhahn auf. Gleich schoss ein Schwall Wasser aus einer Duschbrause am Heck ins Meer und trieb die Wanne so voran. Mare lenkte das Boot schaukelfrei über die sanften Wellen und sang dabei wie eine Gondoliere. So tuckerten sie gemächlich Richtung untergehender Sonne, bis Mats begann, Vertrauen in die Bootsführerin zu fassen.
Nach dem dritten Lied nutzte Mats die Gelegenheit. Sein Magen war leer und er hatte furchtbaren Hunger. »Ich würde gerne etwas zu essen bestellen«, sagte er zu Mare. »Was hast du denn im Angebot?«
»Nichts«, entgegnete Mare.
»Aber sagtest du eben nich, es gebe Speisen an Bord?«
»Ich sagte, ihr könnt Speisen bestellen. Aber ich hab leider nichts dabei.«
»Na gut.« Ergeben atmete Mats durch. »Dann nehme ich etwas zu trinken.«
»Wie wäre es mit einem Glas Wasser?«
»Bestens. Ich verdurste gleich.«
»Okidoki!« Damit holte Mare ein Glas aus der Wanne und zog es durchs Meerwasser. »Bitte schön! Wohl bekomm’s!«, sagte sie, als sie es dem entgeisterten Schwatz reichte.
»Aber das is doch Salzwasser«, sagte er. »Das kann ich nich trinken.«
»Ach so? Wie bedauerlich. Leider hab ich nichts anderes.« Mare schüttete sich das Wasser in einem Zug hinunter, was Mats ungläubig verfolgte.
Der Schwatz ließ sich in Mathildes Brusttasche fallen, während Mare ein weiteres Seefahrerinnenlied anstimmte.
»Mats?«, sagte Mathilde.
»Ja, Mathilde?«, ertönte Mats’ kraftlose Stimme.
»Ich habe hier etwas für dich.« Als der Schwatz aus der Brusttasche hervor lugte, öffnete Mathilde ihre Strohhände. Darin lagen so viele Beeren, wie in eine der anderen Taschen ihres Latzkleids gepasst hatten. Einige waren zwar ziemlich zermatscht, aber Mats betrachtete sie wie das größte Festmahl. »Du hast …«, sagte er, und dann fehlten ihm einen Moment lang die Worte. Weil es nichts Schöneres gibt, als wenn auf einem weiten Meer jemand für dich sorgt.
»Ich habe sie am Wegesrand von Hyggingen hierher gesammelt«, sagte Mathilde.
»Oh, was für eine kluge Vogelscheuche du doch bist, Mathilde.« Voller Glück umflügelte Mats ihren Hals. Und da freute sich wiederum Mathilde, denn für jemanden mit einem Kopf voll Stroh war Klugheit nun wirklich nicht selbstverständlich.
Kurz darauf ließ sich Mats, satt und zufrieden, rücklings auf die Brust der liegenden Mathilde fallen. Gemeinsam sahen die beiden in den Himmel und betrachteten die Sonne, die wie eine Laterne über dem Meer baumelte, gelb und leuchtend.
»Ob meine Mama wohl gerade an mich denkt?«, überlegte Mathilde.
»Na klar macht sie das«, meinte Mats. »Eine Mama denkt immer an ihr Kind. Wenn sie sich Sorgen macht oder stolz auf es is. Wenn sie sich fragt, ob es lieber einen Wurm oder Vogelbeeren essen würde. Oder ob es sich am Abend wohl den Schnabel geputzt hat. Und ganz, ganz bestimmt denkt eine Mama an ihr Kind, wenn sie es auf einem Sonnenblumenfeld zurücklassen musste.« Mats schmiegte sich an Mathilde und hörte das Klopfen ihres goldenen Stoffherzens. Er konnte es noch nicht in Worte fassen, aber nichts klang für ihn so sehr nach Geborgenheit.
Während Mare ein Gedicht aufsagte, in dem sich alles auf das Wort »Meer« reimte, fielen ihm die Augen zu. Da rief Mathilde mit einem Mal: »Hast du das gesehen?«
»Was? Piraten?« Panisch blickte Mats sich um. Doch Mathilde deutete in den Himmel.
»Da flog gerade ein Bett über uns hinweg.«
Erleichtert schüttelte Mats den Kopf. »Deine Fantasie spielt dir einen Streich«, sagte er. Mathilde sprang auf. Sie war sich ganz sicher und wollte den Himmel absuchen, da blieb sie mit einem Fuß am Stöpsel der Badewanne hängen. Sie sah noch, wie er wirbelnd über den Wannenrand flog, bevor er mit einem PLOTSCH im Meer versank.
Sofort füllte sich die Wanne mit Wasser, woraufhin Mats hysterisch kreischte und Mare die Schiffsglocke läutete: »Rette sich, wer kann! Frauen und Kinder zuerst!«, rief sie und wandte sich in aller Ruhe noch einmal an Mats und Mathilde: »Wir bedanken uns für Ihre Fahrt mit der MS Untergang und hoffen, Sie bald wieder bei uns an Bord begrüßen zu dürfen. Auf Wannesehen!« Damit sprang sie in einem eleganten Bogen aus der Badewanne. Erstaunt stellten Mats und Mathilde fest, dass sich Mares Beine in der Luft in einen grün schimmernden Fischschwanz verwandelten, bevor sie mit ausgestreckten Armen kopfüber ins Wasser tauchte, und das ohne einen einzigen Spritzer.
»Eine Meerjungfrau«, wisperte Mathilde begeistert. »In der Wortschatzkammer habe ich ein Märchen darüber gelesen.«
Auch Mats sah Mare fasziniert hinterher, bis sie in den Tiefen des Meeres verschwunden war. Erst da wurde ihm wieder bewusst, dass sie in Schwierigkeiten steckten. »Waaaaaah! Mathilde, du musst hier raus.«
»Meinst du denn, ich kriege auch einen Fischschwanz, wenn ich in die Luft springe, Mats?«
»Nein, bloß einen nassen Popo. Den kriegen wir aber sowieso. Mamaaaaaaa!«, rief Mats verzweifelt, worauf Mathilde sich aufgeregt umsah und sagte: »Wo?«
»Ahoi!«, hörten sie mit einem Mal eine röhrende Stimme. Mats reckte auf Mathildes Hut den Kopf und entdeckte ein Segelschiff, das aus der Ferne auf sie zusteuerte.
»Wir sind gerettet«, rief der Schwatz erleichtert. Je näher das Schiff kam, desto seeuntauglicher erschien es ihm jedoch: Seine Segel waren aus bunten Spültüchern zusammengeflickt. Holzwürmer hatten seine Planken zu einem Hotel umfunktioniert, sodass es nun durchlöchert war wie ein Schwamm. Und der langbärtige Kapitän, der von der Reling übers Meer blickte, hatte wortwörtlich Tomaten auf den Augen: Auf dem Glas seines Fernrohrs klebte eine rote Tomatenscheibe.
»Wir sind verloren«, wisperte Mats schnabelklappernd. »Das sind bestimmt Piraten.« Als er sich seiner Freundin zuwandte, sah er mit Entsetzen, dass sie dem Segelschiff fröhlich zuwinkte. »Was tust du denn da, Mathilde?«
»Na, ich mache den netten Mann auf uns aufmerksam. Vielleicht nimmt er uns mit.«
»Vielleicht wirft er uns den Haien zum Fraß vor.«
»Aber dann müsste er uns ja bloß mit der Badewanne untergehen lassen, oder, Mats?«
Der Schwatz kratzte sich am Kopf. Wahrscheinlich hatte seine Freundin recht. Er konnte es nur hoffen.
»Guten Tag, Kapitän!«, rief Mathilde, als das Schiff direkt neben ihnen hielt.
»Ahoi!«, rief der Mann mit dem Tomatenfernrohr. »Ich bin Kapitän Dampfplauderer Quasselstrippe Labertasche Plappermaul Klatschtante Dummschwätzer Redselig. Nennt mich einfach Redselig. Und was seid ihr für komische Vögel?«
»Nur er ist ein Vogel«, sagte Mathilde. »Ich bin eine Vogelscheuche.«
»Wir brauchen ein Schiff, das uns übers Meer bringt, dahin, wo die Sonne untergeht«, rief Mats, nachdem die Badewanne bereits zur Hälfte mit Wasser vollgelaufen war. Ihm blieb nichts anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass sie es nicht mit Piraten zu tun hatten.
»Seid ihr gute Zuhörer?«, fragte der Kapitän.
»Ich habe meiner Mama jeden Tag zugehört«, meinte Mathilde. »Sie hat sehr viel geredet.«
»Und mögt ihr Geschichten?«
»Ich liebe Geschichten«, rief Mats mit panischem Blick aufs steigende Wasser. »Können wir das an Bord besprechen? Unsere Wanne geht gleich unter.«
»Na, dann an Deck mit euch Landratten!«
Mathilde wandte sich an Mats und flüsterte: »Vögel? Ratten? Ich glaube, der nette Kapitän braucht eine Brille.«
Redselig ließ an der Bootswand eine Strickleiter herab, an der Mathilde mit Mats in der Brusttasche aufs Schiff kraxelte. Hinter ihnen hörte Mats die Badewanne glucksend absaufen.
Als Kapitän Redselig sie begrüßte, sahen die beiden Freunde zum ersten Mal das Ausmaß seines Barts. Er war so lang, dass er bis zum Boden reichte. So lang war sein Bart, dass er über das ganze Schiff verteilt lag. Ja, so lang, dass er bis ins Unterdeck ragte.
»Willkommen auf der Rumpelkiste!«, sagte der Kapitän. Nachdem Mats und Mathilde sich vorgestellt hatten, meinte Mathilde erstaunt: »Du hast aber einen langen Bart.«
»Tja, ich bin schon mit Bart auf die Welt gekommen. Seitdem wächst er unaufhörlich weiter«, erklärte Kapitän Redselig. »Also los, stechen wir in See.«
»Aber es is vollkommen windstill«, sagte Mats. »Dein Segelschiff kann sich gar nich vom Fleck bewegen.«
»Die Rumpelkiste wird nicht vom Wind angetrieben, liebe Freunde. Es sind Geschichten, die mein Schiff übers Meer treiben. Deswegen erzähle ich fast rund um die Uhr. Und ich freue mich, endlich neue Zuhörer gewonnen zu haben. Meine Mannschaft weiß all die abenteuerlichen Anekdoten gar nicht mehr zu schätzen.« Er wies auf drei Männer, die das Schiff abfahrtbereit machten. Ihre Ohren waren versiegelt mit spitzen Schneckenhäusern, die sie erst nach ausladendem Winken ihres Kapitäns herauszogen. »Männer«, rief Redselig, »wir haben zwei Gäste an Bord.«
»Ich bin Erik, der Rote«, rief mit erboster Stimme der Erste. Sein Gesicht verfärbte sich blutrot. »Und ich bin richtig sauer.«
»Ich-ch … b-bin … – hick – … Erik-k, … der … B-blaue«, lallte der Zweite am Weinfass.
»Und ich«, hörten sie den Dritten stöhnen, der mit Übelkeit über der Reling hing, »ich bin Erik, der Grüne.« Er übergab sich in die See.
»Setzt die Segel, Männer! Die Rumpelkiste geht auf große Fahrt.«
Kapitän Redselig ließ sich in einen knarzenden Schaukelstuhl fallen. Und sowie er mit seiner ersten Geschichte begann, blähten die Segel sich auf und das Schiff bewegte sich voran. Staunend betrachtete Mats das Schauspiel. Mathilde wiederum lauschte, zur Freude des Kapitäns, gebannt seinen Abenteuern aus fernen Ländern.
Jede seiner Erzählungen schloss Redselig mit den Worten: »Und so endet die Geschichte wie sie begann. Und fängt zugleich von Neuem an.« Worauf sofort die nächste Geschichte folgte.
Erst als die Sonne bereits tief über dem Horizont stand, legte der Kapitän eine Pause ein. »Aber nun verratet mir: Was sucht ihr da, wo die Sonne untergeht?«
»Meine Mama«, sagte Mathilde.
»Ein Zuhause«, sagte Mats.
»Wir sind schon weit gereist, um diesen Ort zu finden. Aber bisher kamen wir nicht an ihn heran. Er scheint zu wandern.«
»Ja, dieser Ort is ein Geheimnis.«
»Heiliges Seemannsgarn, habt ihr ein Glück! Ihr seid bei mir nämlich genau an der richtigen Adresse. Ich bin einer der wenigen Menschen, die dieses Geheimnis gelüftet haben.« Mit stockendem Atem sahen Mats und Mathilde den Kapitän an. »Die Sonne, meine Freunde, versinkt in einer Meerenge. Und ich weiß genau, wo die sich befindet.«
»Ach ja? Und woher?«, fragte Mats skeptisch.
Redselig beugte sich vor und röhrte mit seiner raunenden Erzählerstimme: »Weil mein Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater, der größte Abenteurer der dreitausend Weltmeere, schuld an ihrem Untergang ist. Die Geschichte müsst ihr euch anhören.« Er strich sich über den langen Bart und lehnte sich wieder zurück in seinen Schaukelstuhl. Von seiner Mannschaft erschallte ein genervtes Stöhnen.
Redselig blies gedankenverloren in seine Pfeife, worauf eine rosa Kaugummiblase aus dem Pfeifenkopf wuchs. »In sehr alten Zeiten existierten weder Sonne noch Mond«, begann der Kapitän zu erzählen. »Aber es gab dreitausend Meere, und jedes davon hatte mein Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater befahren. Nennen wir ihn der Einfachheit halber bei seinem Namen: Marcus Polus.
Eines Tages entdeckte er auf dem Meer Oder-Weniger etwas Unglaubliches: Eine junge Frau balancierte auf einer gigantischen Leiter und malte in den Himmel ein leuchtendes rundes Etwas, von dem eine angenehme Wärme ausging. So groß wie der Heißluftballon eines Riesen prangte es am Horizont.
Marcus Polus blieb zunächst auf Abstand. Die Frau – sie hieß Picassa – war eine Hexe, und mit Hexen ist nicht zu spaßen, Freunde. Wenn du Pech hast, verwandeln sie dich in einen kleinen Vogel …«
»Ähem …«, räusperte sich Mats.
»Oh, ’tschuldige!« Kapitän Redselig stupste den Schwatz versöhnlich an. »Hört zu, jetzt wird’s spannend.« Er rückte vor und setzte den »Jetzt wird’s spannend«-Erzählerblick auf. Dabei breitete er die Hände aus wie ein Zauberer, kurz vor seinem größten Hokuspokus.
»Am liebsten malte Picassa Sonnenblumen, die damals, als es noch keine Sonne gab, Feuerblumen hießen«, fuhr Redselig fort. »Doch als Hexe hatte sie keine Chance, mit ihren Bildern Geld zu verdienen, denn niemand nahm ihre Kunst ernst. Bis ihr schließlich die Idee für ihr Meisterwerk kam: Der leuchtende Kopf einer Feuerblume sollte am Himmel prangen, so groß, dass jedes Lebewesen auf der Erde ihn sah. Dann würden die Menschen endlich begreifen, was für eine bedeutende Malerin sie war.
Für die perfekte Farbe mischte Picassa Lava mit echtem Gold. Und so entstand Pinselstrich für Pinselstrich die Sonne. Marcus Polus erkannte jedoch nicht die wahre Genialität von Picassas Werk. Er sah nur diese gigantische Goldmünze, die sie an den Himmel malte. Ab und zu tropfte etwas Farbe ins Wasser. Polus hätte sich damit zufriedengeben sollen, diese Goldkleckse herauszufischen. Er wäre bis zu seinem Lebensende ein reicher Mann gewesen.
Doch mein Ur-und-so-weiter-Großvater stand im Bann der Sonne. Und so breitete sich in ihm ein Gift aus, das die Menschen bis heute zu den dümmsten Taten und ins größte Unheil treibt: die Gier. Berauscht von der Schönheit der Sonne und ihrer unfassbaren Größe, schmiedete Marcus Polus einen verhängnisvollen Plan …«
Kapitän Redselig streckte sich, gähnte und sagte dann: »Heiliges Seemannsgarn, bin ich vielleicht müde … Den Rest der Geschichte erzähle ich euch morgen.« Ohne zu zögern, sprang er auf und eilte in seine Koje. Zurück blieben Mats und Mathilde, die ihm mit flehentlichen Blicken hinterher sahen. Sie konnten den Ausgang der Geschichte nicht erwarten.
»Bitte, kannst du nicht …«, rief Mathilde, doch die Tür schlug bereits hinter dem Kapitän zu.
Also bezogen die zwei ihr Quartier für die Nacht: eine kleine Koje im Schiffsrumpf, mit einer schaukelnden Öllampe und einem Bullauge, durch das sie die untergehende Sonne betrachteten.
»Wie es wohl weitergeht?«, sagte Mathilde leise.
»Was meinst du?«, fragte Mats, schon halb schlafend. »Die Geschichte des Kapitäns? Oder unsere Geschichte?«
Mathilde sah zu, wie die Sonne im Wasser versank. Dann antwortete sie: »Beide.« Doch da schlief der kleine Schwatz bereits in ihren warmen, weichen Strohhänden.
Am nächsten Morgen wachte Mats auf mit dem Duft von frisch gebratenem Fisch. Schiffskoch Erik, der Grüne hatte an Deck ein offenes Feuer entzündet. Eine zugegebenermaßen ungewöhnliche Zubereitungsart an Bord eines Holzschiffs. Doch Kapitän Redselig schien sich nicht daran zu stören: Mit freudiger Erwartung und einem selbstgemachten Teller aus Felsgestein in der Hand stand er vor der brutzelnden Bratpfanne.
»Guten Morgen, Landratten!«, grüßte er Mathilde und Mats, als sie sich dazu gesellten. »Setzt euch! Ihr müsst einen Riesenhunger haben.«
»Ich esse nicht«, sagte Mathilde.
»Und mein Schwatzenmagen verträgt bei der Schaukelei kaum was«, meinte Mats.
»Umso willkommener seid ihr an meiner Tafel.« Der Kapitän nahm den gebratenen Fisch aus der Pfanne und fing an, ihn abzuknabbern, da schien er auf einmal etwas am Horizont zu entdecken. Durch sein Fernrohr sah er konzentriert aufs Meer hinaus.
»Kapitän?« Mathilde rutschte unruhig auf ihrem Platz hin und her. Seitdem Redselig gestern seine Geschichte so abrupt unterbrochen hatte, musste die Vogelscheuche daran denken, wie es wohl mit seinem Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater und der Hexe Picassa weitergegangen war.
Kapitän Redselig, der nichts lieber getan hätte, als seine Geschichte fortzuführen, schien nicht ganz bei der Sache. Er nahm das Fernrohr vom Auge. »Bevor ihr mir dabei zuseht, wie ich mir den Bauch vollschlage, müssen wir zuerst die Rumpelkiste da hindurch navigieren.« Der Kapitän deutete auf eine Nebelwand, die auf das Schiff zuwaberte.
»Was ist das?«, fragte Mathilde, und als Mats den Nebel sah, kreischte er: »Piraten?«
»Das ist der Verwirrnebel«, sagte Kapitän Redselig im rauen Ton des Geschichtenerzählers. »Er hat Spaß daran, Seefahrer zu verwirren, bis sie die Orientierung verlieren und sich hoffnungslos verirren. Deswegen nennt man ihn auch den Verwirrnebel. Er ist so verwirrend dicht, dass darin nicht einmal ein Kompass die Richtung anzeigt. Du kannst dir ein Stück herausschneiden und Nebelkerzen daraus basteln, so dicht ist der Verwirrnebel. Sobald wir mittendrin sind, sehen wir die Sonne nicht mehr und fahren womöglich bis ans Ende unserer Tage im Kreis.«
»Und was machen wir jetzt?«, fragte Mathilde.
»Außer in Panik zu geraten?«, ergänzte Mats, der sich schon wieder in ihrer Brusttasche versteckt hatte.
»Keine Sorge, wir sind bestens darauf vorbereitet.« Redselig deutete geradewegs nach oben. »Mein Mast ist so hoch gebaut, dass der Ausguck über den Nebel hinweg ragt. Allerdings habe ich bei seinem Bau nicht bedacht, dass ich niemanden für den Posten des Ausguckers habe. Die Eriks brauche ich alle hier an Deck. Für mich und dich, Mathilde, ist der Ausguck zu klein.« Er deutete auf Mats. »Du bist der Einzige von uns, der das Schiff von da oben durch den Nebel navigieren kann. Du musst bloß der untergehenden Sonne folgen, ein Klacks für einen Vogel, Problem gelöst.« Der Kapitän lachte unbeschwert. Er hatte keine Ahnung, dass für den entsetzten Mats die Probleme damit erst anfingen.
»Da soll ich rauf? Nie und nimmer«, bibbersagte Mats starr vor Angst. Denn wie ihr wisst, hatte Mats Panik vor der Höhe, und so weit oben war er seit seinem letzten Absturz aus dem Himmel nicht mehr gewesen.
»Mats, die Arbeit im Ausguck hilft dir vielleicht gegen die Höhenangst«, meinte Mathilde aufmunternd.
»Die Höhe soll gegen meine Angst helfen?« Mats sah seine Freundin ungläubig an. »Das wäre ja, als würde ich mich absichtlich von einem Wal fressen lassen, weil ich Angst habe, von einem Wal gefressen zu werden.«
»Ich wurde schon mal von einem Wal gefressen«, rief Kapitän Redselig. »Wollt ihr die Geschichte hören?«
»Nein!«, riefen die drei Eriks von allen Seiten.
»Du hast es geschafft, auf die Höhe eines Eisbaum-Astes zu fliegen«, sagte Mathilde zu Mats. »Wenn du dich erst nach da oben traust, wirst du bald ohne Furcht durch die Luft gleiten, ganz bestimmt.«
»Auf keinen Fall.« Mats verschränkte die Flügel und schüttelte zusätzlich den Kopf, um seinem Widerwillen noch mehr Nachdruck zu verleihen. Nichts würde ihn da hochbringen.
Kapitän Redselig sah derweil konzentriert durch das Tomaten-Fernrohr und machte: »Hrrrrrr«, was nicht gerade nach »Alles ist in Ordnung« klang. »Der Verwirrnebel ist gleich da«, murmelte er. »Wenn wir einmal drinstecken, sind wir verloren.« Er linste zu Mats und nickte bedeutungsschwanger.
»Können wir ihn irgendwie umfahren?«, fragte Mats, tief in Mathildes Brusttasche gedrängt.