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• So begleiten Eltern ihr Kind in ein glückliches und starke Leben – erprobte Tipps aus der bindungsorientierten Erziehung
• Mit einem Interview der SPIEGEL-Bestseller-Autorin Dr. A. E. Ballmann
Was schüchterne Kinder und ihre Eltern brauchen
das traue ich mich nicht!“ – „Kannst du für mich fragen, Papa?“ – Viele Eltern kennen solche Sätze und fragen sich, ob es in Ordnung ist, dass ihr Kind oft ängstlich ist, alleine spielt oder im Unterricht keinen Ton herausbringt. Wie viel Schüchternheit ist normal? Wann muss ich mir Sorgen kannst, damit es selbstständig wird, und in welchen Momenten du mit Gelassenheit reagieren solltest. Dazu gibt es viele Tipps für die verschiedenen Entwicklungsphasen und typischen Alltagssituationen: von ersten Spielplatzbesuchen über Trennungsängste oder Einschulung bis hin zum Umgang mit Verwandten, Fremden und Gleichaltrigen.Aus dem Inhalt:
Trau dich! – Vorwort von Marco Krahl
Schüchtern – was heißt das?
Der Check: Braucht dein Kind Hilfe?
Schüchtern im Baby-, Kleinkind- und Vorschulalter (0-5 Jahre)
Schüchtern im Grundschulalter (6-10 Jahre)
Schüchternheit im Jugendalter (11-18 Jahre)
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Seitenzahl: 255
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Trau dich! – Vorwort von Marco Krahl
Schüchterne Kinder begleiten
Schüchtern – was heißt das?
Schüchternheit als Chance
Schüchternheit, Introvertiertheit und große Ängstlichkeit
Mit Schüchternheit umgehen
Der Check – braucht dein Kind Hilfe?
Was sind deine Aufgaben?
Check A – Ist dein Kind tatsächlich beeinträchtigt?
Soforthilfe bei Schüchternheit
Check B – Brauchst du die Hilfe eines/r Spezialist*in?
Schüchtern im Baby-, Kleinkind- und Vorschulalter (0–5 Jahre)
Fremdeln bei Babys
Zusammen unterwegs: Spielgruppen & Co.
Spielgruppen für Eltern und Kinder
Erste Hobbys testen
Gut vorbereitet für Spielplatz und Schwimmbad
Unternehmungen und Übergänge gestalten
Reisen richtig planen
Ohne Angst bei Ärzt*innen und Therapeut*innen
Der richtige Umgang mit Verwandtschaft, Freund*innen und Fremden
Allein unterwegs: Eingewöhnung und Alltag in der Außer-Haus-Betreuung
Schritt für Schritt in der Betreuung ankommen
Mit Rückmeldungen richtig umgehen
Trennungsangst überwinden
Wenn die Außer-Haus-Betreuung dauerhaft stresst
Zu Hause klarkommen
Ein gutes Daheim-Gefühl ohne Stress und Angst
Sicherer Schlaf und gute Nächte
Nachtschreck-Phasen begleiten
Wenn die Toilette gruselt
Rund ums wählerische Essen
Dein Kind und seine Persönlichkeit
Zu viele Reize überfordern
Angst vor Monstern, Dieb*innen und dem Tod
Allein Spielen
Gemeinsam Freund*innen finden
Richtig reagieren auf Aggression und Übergriffigkeit
Gefühle sind wichtig – auch die Wut
Bewegung fördern
Unterstützung beim Sprechen
Nähe und Körperkontakt
Selbstwertgefühl stärken
Schüchtern im Grundschulalter (6–10 Jahre)
Unterwegs
Die richtige Schule finden
Einschulung – Ein guter Start
Schulängste begleiten
Stark in der Klassengemeinschaft
Schwierigen Lehrkräften begegnen
Freundschaften und Spielverhalten
Das alltägliche Miteinander
Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte vorbereiten
So wird die Leidenschaft zum Hobby
Sicherheit schenken
Zu Hause klarkommen
Ruheinseln schaffen
Schlaf weiterhin begleiten
Die Hackordnung unter Geschwistern
Eltern sein heißt Vorbild sein
Spielen und bewegen macht mutig
Handy & Co. richtig nutzen
Über sich selbst hinauswachsen
Dein Kind und seine Persönlichkeit
Reize und Ängste
Übergänge bewältigen und Grübeleien beenden
Hochbegabung: Zwischen Unter- und Überforderung/-förderung
Einsamkeit aushalten
Gespräche begleiten
Nähe und Körperkontakt
Bewegung fördern
Motivation und Neugier steigern
Kinder richtig stärken
Schüchtern im Jugendalter (11–18 Jahre)
Unterwegs
Schule und Lehrkräfte
Freundschaften
Hobbys finden
Kinder- oder Hausärzt*in?
Start ins Berufsleben
Zu Hause klarkommen
Rituale für mehr Gemeinsamkeit im Familienalltag
Digitale Medien kreativ und positiv einsetzen
Dein Kind und seine Persönlichkeit
Machen statt Grübeln
Sensibilität, Ängste und Stimmungsschwankungen
Kommunikation mit Teenager*innen
Teenager motivieren
Pessimismus und Depression keine Chance geben
Kinder aktiv werden lassen
Mitwirkende
Danksagungen
Literatur
Weiterführende Adressen
Trau dich! Diese zwei kleinen Worte habe ich als kleiner Junge sehr häufig zu hören bekommen. Oft von meiner Mutter, seltener von meinem Vater. Ja, ich war ein schüchternes, zurückhaltendes Kind. Ängstlich trifft es vielleicht auch. Manchmal haben diese zwei Worte dafür gesorgt, dass ich über mich hinauswachsen konnte, manchmal haben sie aber auch großen Druck auf mich kleinen Mann ausgeübt. „Wie man’s macht, macht man’s falsch“, würde meine Mutter an dieser Stelle sicher sagen. „Und macht man’s falsch, ist es auch nicht richtig.“ Falsch!
Trau dich! Seitdem ich selbst Vater bin, haben auch mir diese beiden kleinen Worte schon oft auf der Zunge gelegen. Meistens in Gegenwart meiner Tochter, die in manchen Situationen sehr zögerlich war – und teilweise noch ist. Sie mag eine Verkäuferin im Spielzeuggeschäft nicht nach dem Preis eines Stofftiers fragen, das sie so gerne kaufen würde. Sie will einen Hundehalter im Park nicht ansprechen, dessen niedlichen Welpen sie gerne einmal streicheln möchte. Sie hat Angst, zu einem fremden Mädchen auf dem Spielplatz zu gehen, mit dem sie gerne spielen würde. „Papa, kannst du nicht für mich fragen?“, bittet sie dann in solchen Situationen. Natürlich könnte ich! Aber spätestens wenn sie 16 ist und einen Jungen anschmachtet, den sie gerne näher kennenlernen würde, bin ich raus aus der Nummer.
Trau dich! Diese zwei Worte gelten übrigens auch immer noch für mich, denn in jeder der geschilderten Situationen stehe auch ich selbst am Scheideweg. Nehmen wir nur mal das erste Beispiel im Spielzeuggeschäft: Stelle ich mich im wahrsten Sinne des Wortes vor meine Tochter und frage die Verkäuferin nach dem Preis des Kuscheltiers? Oder – und das jetzt bitte nicht wörtlich nehmen – schubse ich meine Tochter in Richtung Verkäuferin und ermutige sie, selbst zu fragen? Ich kenne doch die Situation, ich war als Kind ja nicht viel anders. Aber ich bin nicht meine Tochter – und umgekehrt. Die (ungefragten) Ratschläge, die ich dazu von vielen Seiten bekomme, etwa von Großtanten, von Bekannten oder gar von der Verkäuferin vor Ort, machen die Entscheidung für mich nicht einfacher. Bleibt also die Frage: Wie nehme ich meiner Tochter die Schüchternheit oder Ängstlichkeit? Wie mache ich sie stark, ohne sie zu schwächen – und ohne sie zu verbiegen?
Wenn es dir ähnlich geht wie mir in den letzten Jahren, dann kann ich dir nur dieses Buch von der Bonner Familienberaterin Inke Hummel ans Herz legen. Es sorgt dafür, dass du die Schüchternheit deines Kindes besser einschätzen kannst, und gibt ganz praktische Tipps, die sich sowohl am Alter des Kindes orientieren als auch an typischen Situationen, die jeder kennt. Und es erklärt, wann dein Kind Unterstützung braucht – von dir oder sogar von einem Profi in Form eines/r Therapeut*in oder Coach. Aber das Buch will auch dabei helfen, das eigene Kind so anzunehmen, wie es ist. Manch einer wünscht sich vielleicht eine Pippi Langstrumpf als Tochter, bekommt aber eine Annika – das ist dann auch in Ordnung.
In diesem Sinne: Trau dich! Lies dieses Buch. Für dein Kind. Für dich. Für euch.
@head_of_dad: Marco Krahl,
Redaktionsleiter des Magazins „Men’s Health Dad“
(www.MensHealth.de/dad)
Schüchternheit und Ängstlichkeit sehen bei jedem Kind anders aus. Manchmal wirkt die Zurückhaltung niedlich, altersgerecht und verständlich. Oft ist sie angenehmer als die freche Wildheit eines anderen Kindes. Aber bisweilen führt sie auch zu großer Sorge bei Eltern, nicht zuletzt, wenn ihr Umfeld sie ständig darauf anspricht. Lern zu verstehen, wann Schüchternheit wirklich ein Problem ist – und wann du dich zurücklehnen kannst!
„Du sitzt ja immer nur am Rand.“
„Er sagt im Unterricht kein einziges Wort.“
„Sie weint bei jedem Wasserspritzer!“
„Euer Kind ist doch nicht normal – hockt da ewig ganz allein im Sand!“
„Ihr Kind muss jetzt wirklich mal ohne Sie klarkommen!“
„Die hängt immer nur allein in ihrem Zimmer.“
„Ich mag nicht fragen, Mama – kannst du?“
Kennst du solche Sätze? Fragst du dich, ob alles okay ist mit deinem Kind oder ob du etwas übersehen hast? Erwartest du, dass ein Kind anders sein sollte: mutiger, lebhafter, mittendrin. Grübelst du, ob du dein Kind vielleicht mehr fördern solltest – und hast andererseits Bedenken, dass du ihm zu viel zumuten könntest?
Hörst du womöglich von anderen, dass dein Kind Probleme habe, vielleicht sogar eine „Störung“ vorliege, „etwas Psychisches“? Kein Wunder, dass du als Mutter oder Vater dann nervös wirst. Du grübelst, du zweifelst, du sorgst dich, du redest darüber. Vielleicht fängt das Kind selbst an, seine Schüchternheit zu thematisieren, sich als ein „Problemkind“ zu fühlen.
Alle Schwierigkeiten und Probleme, die sich dann vor dir aufzutürmen scheinen, sind lösbar. Dieses Buch gibt dir Tipps an die Hand, wie du gut mit der Schüchternheit deines Kindes umgehen kannst. Und es bringt dir bei, zu erkennen, welche Hilfe tatsächlich nötig ist.
Ist dein zurückhaltendes Kind hilfsbedürftig, „gestört“? Leidet es? Muss es sich wirklich verändern? Und musst du wirklich etwas tun? Oder ist dein Kind eigentlich glücklich, eben nur anders als viele andere – anders als die Norm? Entwickelt es sich einfach auf besondere Weise? Braucht es nur bedingt Hilfe – vor allem aber Eltern, die es annehmen, wie es ist? Tragen nur andere die Sorge in sein Leben, es könne „falsch“ sein? Ist es nicht einfach nur zögerlicher als andere – und das war’s auch schon?!
Entspricht das Kind in seiner Art vielleicht nur nicht bestimmten Erwartungen und Rollenvorstellungen? Denn natürlich dürfen beispielsweise auch Jungs schüchtern sein. Dieses Temperament tritt völlig unabhängig vom Geschlecht auf, nur die Gesellschaft nimmt es bei Jungen und Männern noch negativer wahr als sowieso schon. Auch weil Männer Schüchternheit häufig weniger offen leben und sie daher bei ihnen als weniger „normal“ erscheint.
Warst du vielleicht selbst ein schüchternes Kind, durftest aber nicht du selbst sein, sondern wurdest ständig bemäkelt und überfordert? Steckt dir das in den Knochen und du kannst dein Kind deshalb nicht gut in seiner Art annehmen und begleiten?
Dieses Buch hilft dir, die Antworten auf die vorgenannten und speziell die folgenden Fragen zu finden:
• In welchem Rahmen sind Schüchternheit und Ängstlichkeit schlichtweg Merkmale deines Kindes, die okay sind, wie sie sind?
• Wie händelst du sie so, dass das Kind irgendwann gut allein zurechtkommt – als Hilfe zur Selbsthilfe?
• Wann besteht wirklich großer Handlungsbedarf? Vielleicht sogar mit professioneller Hilfe, weil sich Probleme richtig festgesetzt haben?
Das Buch schaut auf Kinder in verschiedenen Altersgruppen und beleuchtet typische Alltagssituationen, in denen Schüchternheit oder Angst hinderlich sein können. Ein Schwerpunkt liegt auf den ersten zehn Lebensjahren, da Kinder bis zum Beginn der Pubertät schon geübter darin sind, mit ihrem Temperament umzugehen. Es gibt dir als Elternteil zahlreiche Ideen mit, wie du deinem Kind grundlegend stärkend zur Seite stehen kannst – sogar, wenn du selbst zurückhaltend bist, und auch, wenn du als Kind keine gute Begleitung im Elternhaus hattest.
„Wir sind uns sehr klar darüber, dass unsere Tochter ist, wie sie ist. Dass wir sie weder verändern können, noch etwas daran ‚falsch‘ ist, wie sie ist. Besonders, weil ich selbst mit Ängsten und Schüchternheit lebe und diese Seite also gut kenne, bin ich mir sicher, dass sie dennoch ihren Weg gehen wird, und alles okay ist. Trotzdem gibt es doch immer mal wieder Situationen, in denen zumindest der Gedanke ‚Ist das noch normal? Braucht sie doch Hilfe?‘ aufblitzt.“
Dieses Buch soll dir außerdem dabei helfen zu erkennen, welche Vorzüge dein wunderbares schüchternes Kind hat. Im besten Fall wirst du merken, dass du dich zurücklehnen und mit Gelassenheit annehmen kannst, dass es eben nur scheuer ist als andere. Mit diesem Blick kannst du Institutionen, Verwandten und auch dir selbst gegenüber deutlich machen: „Mein Kind hat gar kein Problem. Das waren nur meine Erwartungen.“ Oder: „Das sind nur die Erwartungen der anderen.“
Also: Was braucht dein Kind? Im Grunde vor allem einen wachsamen Blick von dir und in schwierigen Situationen den Anstoß zur Eigenaktivität. Denn du sollst ihm nicht sein Leben abnehmen, sondern es stärken, alle Herausforderungen selbst zu meistern.
Schüchternheit beschreibt zunächst einmal eine sehr zurückhaltende Reaktion auf etwas Neues. Anstatt neugierig auf Fremdes und andere Menschen zuzugehen, zögern schüchterne Kinder. Oft spielt Ängstlichkeit dabei eine weitere Rolle: Das Neue „gruselt“. Diese Art, durchs Leben zu gehen, ist, ganz wertfrei, ein Gegensatz zu besonderer Offenheit und gelebtem Mut. Keiner der beiden Wege ist schlechter als der andere. Aber Schüchternheit gibt es in verschiedenen Formen, die du unterscheiden können solltest. Denn manchmal brauchen schüchterne Kinder vermehrt elterliche Unterstützung.
Schüchternheit ist also an und für sich nichts Negatives. Sie ist eine Eigenschaft, wie es viele gibt: rothaarig, stämmig, optimistisch, laut, sensibel. Ein schüchterner Mensch geht langsamer in ungewohnte Situationen. Aber Schüchternheit ist vielgestaltig, weil sie mit anderen Merkmalen zusammen vorkommt, die stark oder schwach ausgeprägt sein können. Zum Beispiel leichtes Erschrecken, erhöhte Sensibilität, außergewöhnliches Vorausplanen, teilweise auch sprachliches Geschick und gutes Einfühlungsvermögen – Schüchternheit ist bunt.
Auch Ängstlichkeit, die manchmal hinzukommt, ist einfach eine Eigenschaft; sie kann aber noch einschränkender sein. Denn Angst spürt man heftig, manchmal sogar mit dem ganzen Körper. Sie kann nervös machen und Zwänge auslösen. Kinder können unter ihr leiden.
Sowohl Schüchternheit als auch Ängstlichkeit sind mit innerer Anspannung beim Erkunden der Welt verbunden. Diese kann unproblematisch und erträglich, aber je nach Ausprägung auch kaum auszuhalten sein. Schließlich können im extremsten Fall Angst und Anspannung dazu führen, dass sich ein Kind minderwertig fühlt und so eingeschränkt, dass es nicht mehr vollwertig am Leben teilhaben kann. Irgendwo zwischen diesen Polen wird dein Kind vermutlich stehen.
KÖRPERLICHE URSACHEN AUSSCHLIESSEN
Auffällige Gehemmtheit kann auch daher kommen, dass bei einem Kind Seh- oder Hörvermögen, Motorik oder Wahrnehmung eingeschränkt sind. Der Kinder- und Jugendmediziner Dr. med. Gerald Hofner (derkinderarztblog.com) beruhigt aber: „Alle diese Bereiche sind in den Standardvorsorgeuntersuchungen enthalten. Da sollte nichts übersehen werden können.“
Wenn du dennoch das Gefühl hast, der/die Kinderärzt*in hat etwas nicht genau untersucht, bitte sicherheitshalber eine/n Fachärzt*in um eine Zweitmeinung.
In welcher Form und zu welchen Gelegenheiten begegnen uns Schüchternheit und Ängstlichkeit?
•Außenwirkung: Viele Menschen sind eher zurückhaltend in ihrem Auftreten, ohne dass dem ein schüchternes Temperament zugrunde liegt. Oft hat das kulturelle Gründe und gilt als Zeichen von Höflichkeit. Die Zurückhaltung ist ihnen möglich durch gute Selbstkontrolle und abwartendes Beobachten ihrer Umgebung. Dadurch können sie schüchtern und ängstlich wirken, sind es aber nicht.
•Babyalter: Manche Menschen sind nur als Babys auffallend scheu, vorsichtig und ängstlich, dann verliert sich diese Eigenschaft.
•Phasen: Viele Kinder zeigen sich nur phasenweise schüchtern, oft im Zuge eines Entwicklungsschubs. Haben sie eine neue Fähigkeit erworben, ist die Zurückhaltung wie weggeblasen.
•Auslöser: Andere zeigen Ängste immer mal wieder, aber nicht in jeder Begegnung mit Unvertrautem (beispielsweise nur in Bezug auf Essen, auf große Menschenmengen oder wenn sie frei sprechen sollen). Sie sind im Grunde nicht mal schüchterne Menschen, sondern können durchaus als sehr selbstbewusst und mutig wahrgenommen werden. Ihre Angst ist nur eine situationsbedingte.
•Empathie: Wieder andere erscheinen uns scheu, sind aber eigentlich einfach besonders empathisch mit extrem gutem Taktgefühl. Sie bremsen sich gegenüber bestimmten Menschen stark aus.
•Erfahrung: Einige nehmen sich erst später im Leben zurück, als Reaktion auf bestimmte Erfahrungen (wie zum Beispiel die Trennung der Eltern, Leben mit Handicap oder Hochbegabung, Traumatisierung durch eine Grenzerfahrung wie einen Unfall oder auch einfach nur als Folge des Erziehungsstils ihrer Eltern).
•Temperament: Und wieder andere Menschen tragen diesen Grundzug deutlich in sich, ohne dass er sich stark verändert (verbunden mit verschiedenen weiteren, recht typischen Eigenschaften) – ihr Leben lang.
Besonders um solche Kinder geht es in diesem Buch: schüchtern, still, vorsichtig, ängstlich, zurückhaltend, grüblerisch, ruhig. So ist ihr Temperament. Wie sie damit umzugehen lernen, ist entscheidend! Voller Selbstvertrauen und irgendwann gut ohne elterlichen Beistand – oder kraftlos, träge und leidend?
ERZIEHUNG IN GUTER BINDUNG
Sowohl überbehütende als auch autoritäre, stark regulierende und ebenso zurückweisende, kühle Erziehung kann vermehrt schüchternes Verhalten in einem Kind auslösen; unabhängig von seinem ursprünglichen Temperament. Das Kind wählt diese Strategie (unbewusst) als Reaktion auf die Übervorsicht, die bedrohliche Willkür oder auch die Ablehnung im Elternhaus. Eine andere Strategie wäre beispielsweise Aggression.
Bei Eltern, die Wert auf Bindung und Beziehung legen und ihr Kind sehen und begleiten, wird das eher nicht passieren. Sie treffen aber vielleicht auf ein schon grundlegend, also genetisch so ausgestattetes, schüchternes Wesen – dem sie jedoch mit solch einem zugewandten Erziehungsstil am besten begegnen können.
Vor allem diejenigen, die vom Wesen her schüchtern sind, erhalten oft eine Art Stempel: Die Eigenschaft gilt als negativ und besorgniserregend.
Du als Elternteil sorgst dich vielleicht aus einem der folgenden Gründe:
Dein Kind …
• findet kaum Freund*innen.
• hängt häufig an dir und ist immer ein bisschen „besonders“.
• geht immer wieder zwischen anderen unter.
• braucht dich ständig als Rückendeckung („Mamas Rockzipfel“), weshalb das Bindungsband zwischen euch gar nicht länger werden will.
Die Verwandtschaft …
• bemängelt die Unselbstständigkeit deines Kindes.
• regt sich über fehlende Höflichkeitsfloskeln auf.
• vermutet, dein Kind werde noch mit 15 bei dir im Bett schlafen und mit 32 noch zu Hause wohnen.
Der Kindergarten und die Schule …
• sprechen von Defiziten.
• sind irritiert, weil dein Kind vorwiegend allein sein möchte und wenig spricht.
• kritisieren fehlende Führungswünsche in Gruppen.
• raten vielleicht zu Gesprächen mit dem/der Kinderärzt*in und einem/r Kinderpsycholog*in.
Ja, es ist normal, dass wir Menschen miteinander agieren wollen. Dass wir sozial sein wollen. Wir brauchen das Miteinander. Wenn jemand das augenscheinlich nicht möchte, machen wir uns Sorgen. Doch Interaktion kann nun mal unterschiedlich aussehen: Das eine Kind spielt mit der halben Kitatruppe, ein anderes sitzt nur daneben, hört zu, schaut verstohlen hinüber und wirkt unbeteiligt. Doch zu Hause spielt es vielleicht alles Gehörte mit seinen Plüschtieren nach. Beides ist sozial – nur anders!
Schüchterne brauchen einfach länger, bis sie an einem Gespräch oder einer gemeinschaftlichen Aktivität so teilnehmen können wie andere. Geben wir ihnen Zeit, stellen wir später oft keinen Unterschied mehr zu ihren Mitmenschen fest. Wir brauchen nicht nur Anführer*innen, Selbstdarsteller*innen und Rampensäue! Bunt ist gut. Vielfalt ist ein Gewinn.
Der negative Blick auf das Scheue ist typisch für unseren Kulturbereich – in Asien beispielsweise sieht das ganz anders aus: Da wird „schüchtern“ mit „intellektuell“ und „begabt“ assoziiert; unabhängig vom Geschlecht. Ganz zutreffend ist die Verknüpfung so natürlich nicht, aber der Gedanke kann dabei helfen, den Blick mehr auf das Positive an einem wunderbaren schüchternen Kind zu lenken. Denn das ist da! Oft sind scheue Menschen sehr anpassungsfähig, handeln geplant und ehrgeizig. Häufig können sie sich unheimlich gut in eine Sache vertiefen, von der andere längst die Finger gelassen hätten. Wir müssen genauer hinsehen, um ein schüchternes Kind ganz wahrzunehmen und das Positive zu sehen.
Hast du schon genau hingeschaut?
ZÖGERN IST LEBENSWICHTIG
Interview mit Dipl.-Psych. Christian Bock
Eigentlich ist Schüchternheit bloß Vorsicht und Behutsamkeit, was ja nicht verkehrt ist, sondern tatsächlich positiv. Sie hat einen angeborenen, physiologischen Grund: eine übererregbare Amygdala.
Was genau ist die Amygdala?
Die Amygdala ist der Teil unseres Gehirns, der für die emotionale Bewertung von Situationen zuständig ist, vor allem auch für die Entstehung von Angst und Furcht. Furcht ist dabei immer auf eine konkrete Situation bezogen. Angst hingegen ist mehr eine generelle Besorgnis vor bedrohlich erscheinenden Dingen und Situationen.
Und inwiefern ist das sinnvoll für uns?
Wie oft haben wir uns vielleicht gewünscht, uns nicht fürchten zu müssen? Aber wäre das so erstrebenswert? Wünschen wir uns, dass unsere Kinder gänzlich ohne Furcht am Straßenverkehr teilnehmen oder auf Bäume klettern? Nein, denn Furcht macht uns vorsichtig. Die Amygdala hilft uns dabei, gefährliche Situationen durch Lernprozesse so zu bewerten, dass wir sie ohne Gesundheitsgefahr meistern können.
Bei scheuen und ängstlichen Menschen erfolgt aber schon bei kleinen Auslösern eine übermäßige Reaktion der Amygdala. Sie werden nervös, beginnen zu schreien, flüchten oder suchen verstärkt Nähe und Bindung. Mit Unterstützung können sie jedoch lernen, damit ganz gut und sozialverträglich umzugehen. Zugewandt begleitende Eltern, die ihren Kindern Stück für Stück etwas zutrauen, sind hier das beste Umfeld. – Das kannst du leisten.
Schüchternheit kann mit starker Introvertiertheit zusammenhängen, muss aber nicht. Und selbst wenn, ist das nichts Negatives. Introvertiertheit ist kein Defizit! Sie wird oft missverstanden als ein Synonym von Schüchternheit. Doch es gibt auch sehr offene, mutige, draufgängerische Menschen, die introvertiert sind.
Introvertiert zu sein bedeutet schlichtweg, die Kraft zur Regeneration aus sich selbst zu ziehen, Erholung allein in sich selbst zu finden. Introvertierte Menschen brauchen Ruhe und Entspannung. Sie finden sie vielleicht bei einem guten Buch, beim Mittagsschlaf, beim Puzzeln oder beim Yoga – ganz bestimmt nicht in geselliger Runde, beim Mannschaftssport oder in einer Selbsthilfegruppe, in der noch mehr Interaktion nötig ist. Nach der Ruhepause können sie wieder losziehen in die Welt und ihr je nach Temperament eben schüchtern, langsam und nachdenklich oder mutig, spontan und laut begegnen.
Sprich: Der Begriff „Introvertiertheit“ bewertet nicht, sondern beschreibt nur. Niemand muss (und kann) sie „abtrainieren“! Bist du als Elternteil eher extrovertiert, kannst du ein introvertiertes Kind (oder auch eine/n introvertierte*n Partner*in oder Freund*in) wahrscheinlich nicht so leicht annehmen. Hier liegt es an dir, die Andersartigkeit zu tolerieren.
Der Zusammenhang zur Ängstlichkeit ist nochmals ein anderer: Ängste sind normal, wichtig und gesund! Schüchternheit kann in Befangenheit und Ängsten oder sogar ungesunden Zwängen und der Abhängigkeit von der Meinung anderer gipfeln. Doch das ist nicht immer so. Zeigen sich diese Verhaltensweisen jedoch in übertriebenem Maße, schränken sie dein Kind immer wieder in seinem Tun ein und/oder rufen sogar starke körperliche Reaktionen hervor, musst du genauer hinschauen, was die Ursache ist und ob dein Kind Hilfe benötigt. Dieses Buch wird dir helfen, das richtig einzuschätzen.
Das heißt: Schüchternheit kann nur Vorsicht sein und muss nicht übermäßige Ängstlichkeit zur Folge haben. Und Ängstlichkeit wiederum kann heftige Stressreaktionen hervorrufen und sehr extrem sein, muss aber nicht.
Schüchternheit und Ängstlichkeit, unter denen Menschen nicht leiden und die sie selbst nicht stören, sind erst einmal okay und von uns anzunehmen – als Wesensart und in ihren Folgen. Du, euer Umfeld und dein Kind müssen sie akzeptieren!
Oftmals zeigt sich, wenn wir genauer hinschauen, dass der Apfel gar nicht weit vom Stamm gefallen ist und mindestens ein Elternteil auch eher zurückhaltend ist, aber zurechtkommt. Erwachsene haben sich oft damit abgefunden und sich gut eingerichtet. Oder sie wurden als Kinder ständig dazu angehalten, gegen ihr Temperament zu handeln und blenden nun ihre eigene Schüchternheit im Alltag aus (was ein ständiger Kampf sein kann). Erwachsene werden aber auch nicht mehr so oft hinterfragt wie Kinder, die wir ab Betreuungsbeginn nach bestimmten Schemata beurteilen.
Vielleicht ist ein Elternteil die Blaupause fürs schüchterne Kind. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf können wir ein schüchternes, ängstliches Kind noch mal besser verstehen, annehmen und auch verteidigen.
„Ich war als Kind nicht anders. Von daher stehen wir voll dahinter wie die Kinder sind. Ich halte sämtliche Ängstlichkeit für nachvollziehbar. Ich will auch nicht mit jedem kommunizieren. Daher sehe ich nicht viel Handlungsbedarf.“
Es gibt wichtige Aspekte, die du immer beherzigen solltest, wenn dein Kind schüchtern ist:
• Nimm dein zurückhaltendes Kind ernst und lach es nicht aus.
• Zeig Mitgefühl. – „Du fühlst dich unwohl? Ich bin da!“
• Versuch nicht, es zu verändern, und kommentier nicht andauernd sein Tun. Das würde eventuell noch mehr Rückzug verursachen.
• Bewerte die Schüchternheit nicht negativ und geh nicht davon aus, dass sie schlimme Auswirkungen haben wird.
• Wenn du selbst ein schüchternes Kind warst, das nicht erleben durfte, dass es so okay ist, solltest du dir überlegen, was dich gestört und dir dein Leben schwer gemacht hat – und es anders machen!
• Schau hin, ob dein Kind tatsächlich ein Problem hat (oder eventuell ihr als Familie) – oder ob nur andere ein Problem sehen. Frag es selbst, wenn möglich.
• Lass dein Kind immer deutlich spüren, dass du es so liebst, wie es ist, und nicht etwa verändern willst, damit es dir oder anderen besser gefällt. Formulier deine Sicht auf dein Kind immer positiv, nicht problematisch und voller Kritik! Selbst ein „Deine Vorsicht ist für mich manchmal anstrengend“ kannst du zugewandt kommunizieren, wenn du ergänzt, dass DU das von nun an anders angehen möchtest.
• Hilf deinem Kind einfühlsam, aber führend mit seiner Wesensart immer selbstständiger umzugehen und sich selbst zu mögen. – „Schüchterne haben es in unserer Gesellschaft nicht immer einfach. Ich möchte dir helfen, damit es dir leichter fällt.“
• Sprich nur Aspekte des kindlichen Wesens kritisch an, wenn du genau abgeklärt hast, dass diese seine Entwicklung behindern und ihr an ihnen arbeiten müsst: „Du leidest darunter– da müssen wir etwas tun, mein Schatz.“
• Je jünger dein Kind ist, desto aktueller und konkreter müssen eure Gespräche sein: „jetzt gleich, morgen“ sind die Kategorien, in denen du mit ihm denken musst, nicht „nächstes Jahr“.
• Nimm ihm nicht ständig alles ab, sondern ermutige dein Kind immer wieder zum Selbermachen.
• Stell deine Erwartungen zurück: Du hast dir ein Draufgängerkind gewünscht, aber nicht bekommen? Das ist ein Punkt, an dem du arbeiten musst – nicht dein Kind.
• Vermeide Geschlechterklischees.
• Hilf deinem Kind zu erkennen, worin es richtig gut ist. Such bewusst nach individuellen Vorzügen: Es ist wahrscheinlich nicht immer traurig-allein, sondern oft glücklich-unabhängig?! Es wird nicht dauernd ausgeschlossen, sondern verfolgt ganz gerne zielstrebig seinen Plan?! Es verbiegt sich nicht ständig, sondern ist anpassungsfähig und mag es so?! Es ist vielleicht kein draufgängerischer Teamplayer, aber ein einfühlsamer, sehr sozialer Helfer?! Es ist sicher in ganz vielem ein wunderbares schüchternes Kind! Sag es ihm.
• Unterstütz dein Kind bei einem möglichst entspannten, reizarmen, langsamen, vorhersehbaren Weg durchs Leben. Denn ein schüchterner Mensch fühlt sich am wohlsten, wenn er nicht beständig und in Hektik Neues kennenlernen und über seinen Schatten springen muss. Dies gänzlich zu vermeiden, ist nicht gut (und auch kaum möglich), aber ihn ständig herauszufordern, solltest du definitiv sein lassen.
ZEIT STATT ZWANG
Zwang gehört nicht in eine gesunde Beziehung. Aber in unserem elterlichen Verantwortungsbereich gibt es gesundheitsgefährdende Momente, in denen es notwendig sein kann, ein schüchternes Kind zu etwas zu zwingen: z. B. Zähneputzen, Impfungen und Vorsicht im Straßenverkehr. Der Psychologe Dr. M.B. Rosenberg hat dafür den Begriff der „schützenden Gewalt“ geprägt.
Zwang ist jedoch niemals angebracht, um das schüchterne Kind in seiner Entwicklung vermeintlich „voranzubringen“. Stattdessen braucht es Zeit und Raum, Geduld und Begleitung, vorsichtiges Fordern und Fördern. (Schüchterne Erwachsene, die als Kind aufs wackelige Fahrrad oder in den gruselig tiefen Badesee gezwungen worden sind, berichten davon sehr tief erschüttert und teilweise traumatisiert!)
Fordern, aber nicht überfordern!
Fordern, aber nicht zwingen!
Stress mindern!
Lass dein Kind aktiv werden!
Schüchternheit und Ängstlichkeit sind im Alltag oft herausfordernd, aber keine echten Probleme, die du ausmerzen musst. Schüchternheit als Persönlichkeitsmerkmal empfinden Eltern oder das Umfeld zwar häufig als ungewohnt oder störend. Wichtig ist jedoch allein die Frage, ob und wobei dein Kind selbst leidet. Oder ihr als Familie.
Ein schüchternes Kind solltest du zunächst annehmen. Dein Kind ist gut so, wie es ist: ein wunderbares Kind. Es braucht länger als andere im sozialen Miteinander und verfolgt hier andere Strategien. Es ist ängstlich und zögernd, aber dabei vielleicht fröhlich, selbstbewusst und glücklich. Auch andere Persönlichkeitsmerkmale haben Nachteile.
Du bist aber nicht sicher, ob dein Kind glücklich ist? Du hast Angst, es leidet unter seiner Schüchternheit? Wir checken das.
Dein Kind fremdelt, dein Kind hat Angst vor Badeseen, dein Kind spricht mit niemandem außerhalb der Familie, dein Kind macht in der Schule mündlich kaum mit? Egal, was euer Sorgenthema ist: Beachte bei allen Angelegenheiten rund um die Schüchternheit deines Kindes (auch unabhängig davon, in welchem Kapitel dieses Buches du nachschlägst) die folgenden grundlegenden Fragen:
Musst du etwas tun?
• Beeinträchtigt das gezeigte Verhalten dein Kind, seine Entwicklung oder euer Familienleben?
Diese Frage solltest du im Verlauf der Lektüre und mithilfe von Check A beantworten können, vielleicht aber auch schon spontan. Lautet die Antwort „Nein (Das Kind ist vorsichtig, aber kommt recht gut durchs Leben)“, musst du nicht viel unternehmen. Lies dann vor allem die Kapitel „Dein Kind und seine Persönlichkeit“ zur grundlegenden Stärkung des schüchternen Kindes. Ist deine Antwort ein „Ja“, kommst du zur nächsten Frage:
Was musst du tun und was musst du lassen?
• Inwieweit musst du dein Kind vor anderen Menschen oder bestimmten Erfahrungen schützen? Wann nicht?
• Wie kannst (und musst!) du es mit kleinen Zielen fordern, um ihm zu einem leichteren Leben zu verhelfen? Wann wird aus „Fordern“ ein „Überfordern“?
• Inwiefern bist du deinem Kind ein gutes Vorbild? Wo solltest du auch an dir arbeiten?
• Hat dein Kind eigene Ideen?
• Wie kannst du dein Kind allgemein in seinem Selbstwertgefühl stärken und wo musst du darauf achten, es nicht zu schwächen?
Die einzelnen Themenkapitel unterstützen dich dabei, diese Fragen zu beantworten und deinem Kind im Alltag zu helfen. Es bleibt die letzte Frage:
Wen musst du mit ins Boot holen?
• Kannst du all das allein leisten? Wer könnte dich unterstützen (in deinem Umfeld oder von professioneller Seite)?
• Wen in eurem Umfeld musst du ansprechen/sensibilisieren und vielleicht auch um Zurückhaltung bitten?
Auch hier helfen dir die einzelnen Kapitel sowie der Check B dabei, genaue Antworten zu finden, je nachdem, was eure drängendsten Themenbereiche sind.
Mach dir bitte Notizen, wenn du mit dem Buch arbeitest. Mit kleinen Gedankensammlungen auf Papier oder Fahrplänen übersiehst du nichts. Gut ist es, Bereiche, die dich sorgen, über mindestens drei Wochen zu beobachten, um dann zu entscheiden, ob dein Kind wirklich beeinträchtigt ist. Diejenigen, an denen ihr schließlich gemeinsam arbeiten wollt, solltest du hingegen mindestens drei Monate beobachten, um entscheiden zu können, ob sich etwas verändert.
„Es ist für uns belastend, weil es uns alle so einschränkt. Sie kann nicht so selbstständig sein, wie sie gerne möchte. Ich weiß nicht, wie ich ihr helfen kann. Mein Mann ist nur noch müde von allem, und wir sind uns nicht einig, wie wir damit umgehen sollen. Er möchte auch nicht ständig mit mir sein Verhalten oder unser Verhalten reflektieren. Das ärgert mich dann wiederum. Unsere Tochter spürt, dass wir genervt sind und ist doppelt unglücklich.“
Check A – Ist dein Kind tatsächlich beeinträchtigt?
Nimmt dein Kind am Leben teil, aber fühlt sich dabei offensichtlich beständig unwohl und gestresst? Leidet es und spricht darüber? Stößt es ständig auf Schwierigkeiten? Wirkt die Schüchternheit sich definitiv nachteilig aus? Dann musst du helfen – aber achtsam und als „Hilfe zur Selbsthilfe“. Mach hier den Check und kreuze an, was auf deine Familie zutrifft:
Dein Kind …
lässt sich ständig von anderen bevormunden und wird auch von ihnen verletzt.
hat keinen starken Rücken, um sich gegen ungute Einflüsse durchzusetzen, und wirkt eher wie ein/e „Mitläufer*in“.
wird körperlich sichtbar nervös und entwickelt vielleicht sogar Ticks, sobald es mit Neuem konfrontiert wird.
fragt immer nach Hilfe und zeigt sich sehr unselbstständig.
läuft vor Problemen davon, vermeidet alles Schwierige und sucht gar nicht mehr nach Hilfe.
ist so zurückgezogen, dass es passiv und verträumt wirkt und nicht mehr allein konzentriert spielen kann.
zeigt und äußert, dass es sich selbst einen niedrigen Wert beimisst.
sagt offen, dass es einsam und traurig ist.
würde bestimmte Situationen gerne meistern, aber schafft es nie.
erfährt ständig Ablehnung und wird dadurch immer antriebsloser.
blickt stark pessimistisch aufs Leben.
ist übermäßig in seinen Ängsten gefangen, die mittlerweile ein Dauerthema sind.
verhält sich so, dass euer Familienleben dadurch kontinuierlich und stark eingeschränkt ist.
Trifft auch nur ein Punkt aus der Liste zu, solltest du dich genau einlesen in die Unterkapitel für das Lebensalter deines Kindes, denn vermutlich braucht es tatsächlich mehr Unterstützung. Außerdem solltest du mit den Tipps aus den Kapiteln „Dein Kind und seine Persönlichkeit“ arbeiten und die folgende Liste zur Soforthilfe beherzigen.
Kreuzt du drei oder mehr Punkte an, ist immer noch die Arbeit mit diesem Buch angeraten. Aber du solltest den Check nach etwa drei Monaten wiederholen. Setzt du dann weiterhin nahezu die gleichen Kreuze, halte mit einem/r Familienberater*in Rücksprache, eventuell auch mit deinem/r Kinderärzt*in. Denn vielleicht wird die Unterstützung durch dich allein nicht ausreichen. Bearbeite unbedingt auch noch Check B zum Thema „Spezialist*innen“.
•Bewusster wahrnehmen:
