Nachbarinnen - Ella Danz - E-Book

Nachbarinnen E-Book

Ella Danz

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Beschreibung

Vier Frauen, zufällige Nachbarinnen in einem Mietshaus: Jenny, die unbedingt schwanger werden will, Tanja, die ihre drei Kinder größtenteils allein erzieht, Vera, deren Sorgenkind ihr behinderter Mann ist, und Frederike, die sich aufopfernd um ihren kränkelnden Sohn kümmert. Jede sucht nach Gemeinsamkeiten oder aber nach den Rissen in der heilen Fassade des Lebens und der Liebe nebenan. Als die Umstände die Schicksale der Frauen enger verknüpfen, treten unerwartete Abgründe zutage und es kommt zu dramatischen Ereignissen.

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Seitenzahl: 313

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Ella Danz

Nachbarinnen

Roman

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © jock+scott / photocase.de

ISBN 978-3-7349-3084-3

Widmung

Allen meinen wunderbaren Nachbarinnen!

Those were the days, my friend, we thought they'd never end …

Wir wollten noch so viel zusammen machen. Wenn uns die Arbeit mal wieder über den Kopf wuchs, wir dem Hamsterrad unseres Alltags nicht entfliehen konnten, beglückwünschten wir uns, wie gut es uns doch ging: Wir hatten keine Reichtümer angesammelt, aber wir hatten einander, und die Zeit würde kommen, da würden wir das noch viel mehr genießen können. Wir würden weniger arbeiten, dafür reisen, Kultur genießen, die Seele baumeln lassen, wir würden ein paar Jahre älter, aber immer noch zusammen und glücklich sein.

Die Zukunft lag vor uns wie ein Versprechen. Doch es wurde nicht eingelöst, denn von einer Sekunde zur anderen zerstoben unsere Träume. Da habe ich begriffen, dass wir etwas falsch gemacht hatten.

Vera

Kapitel I

Eisengraue Wolken treiben über den Himmel, nur für kurze Momente blendet die Sonne auf und taucht Straßen und Häuser in gleißendes Licht. Nach ein paar Sekunden verschwinden die Gründerzeitbauten wieder hinter einem Schleier von Grau, aus dem feine Nebeltröpfchen niedergehen. In dieser Kreuzberger Straße haben alle Wohnhäuser vier Stockwerke und exakt die Berliner Traufhöhe von 22 Metern, auch das Haus, von dem hier erzählt werden soll.

Hinter seiner hübsch dekorierten Fassade leben sehr unterschiedliche Menschen in sehr unterschiedlich gestalteten Wohnungen nebeneinander und übereinander, sie sind Nachbarn und Nachbarinnen, grüßen sich im Treppenhaus, und die meisten kennen sich kaum.

Ein Paar ist seit mehr als 30 Jahren im dritten Stock daheim, Vera und Reinhold. Vera hat lange als Journalistin gearbeitet, mittlerweile schreibt sie unterhaltsame Romane. Reinhold war Filmproduzent. Ihr Leben floss dahin wie ein ruhiger, breiter Fluss zwischen blühenden Ufern, der nur selten von Stromschnellen aufgewühlt wurde. Es waren ihre glücklichsten Jahre, wie Vera heute weiß.

Vera

Ich weiß, dass ich ihn töten werde, aber manchmal ist es wirklich nicht einfach. Ich kann mich nicht entscheiden. Wie soll ich es tun? Schnell, nachhaltig und spurlos muss es sein, jedenfalls so, dass es keinen Verdacht erregt. Gift? Aber welches? Meine Gedanken verknäulen sich, und ich komme nicht voran, werde mich später darum kümmern müssen. Jetzt dudelt sowieso mein Radiowecker los.

Was für eine Nacht! Dreimal aufgestanden wegen ihm, ab 5 Uhr kaum noch geschlafen. Ich fühle mich wie betäubt. Oh Mann, eine Frau in meinem Alter sollte kein Baby haben, das ihr die Nachtruhe nimmt. Das zerknautschte Gesicht im Badezimmerspiegel nehme ich nur im Vorübergehen wahr.

Geduscht und angezogen, ich spüre die Müdigkeit nicht mehr oder denke einfach nicht daran. Ach ja, bin ein pflichtbewusstes, altes Schlachtross.

»Guten Morgen! Jetzt muss der liebe Schatzi aufstehen.«

Decke wegnehmen, zum Auslüften legen. Aus dem Bett ein geplagtes Stöhnen. Jalousie hochziehen. Ein Stockwerk tiefer über den Hof schließt die junge Frau gerade das Fenster. Vor drei Wochen habe ich ihr Brot und Salz zum Einzug gebracht. Sie hat es dankend angenommen, mich aber nicht reingebeten. Entweder wollte sie keinen Kontakt oder sie hatte wirklich keine Zeit. Abends sehe ich manchmal einen Mann in der Küche werkeln, sie steht mit einem Weinglas daneben. Wahrscheinlich ist sie eins von diesen jungen Dingern, die stolz drauf sind, nicht kochen zu können. Und er so ein Küchenperfektionist. Ich hasse kochende Männer, wäre auch mal ein Mordmotiv. Na ja, wir werden uns schon noch kennenlernen.

Mir gefällt es, dass immer mehr jüngere Leute ins Haus ziehen, dann vergreisen wir nicht so schnell. Jedes Mal freu ich mich, wenn ich Tanja und ihre Kinder treffe. Die bringen wenigstens Leben in die Bude. Demnächst muss ich mal wieder mit Tanja einen Kaffee trinken. Neulich hat sie versucht, die Leute aus dem Haus für die große Demo vor der Grünen Woche für gesunde, sauber und fair produzierte Lebensmittel zu interessieren. Sie ist überzeugt, dass viele Menschen auch viel ändern können. Ihr Engagement beschämt mich. Ich bin so gleichgültig geworden politischen Dingen gegenüber, denke immer nur an meine eigenen Probleme, bei denen mir eh keiner helfen kann. Dabei bin ich im Gegensatz zu den meisten anderen im Haus wohl direkt noch aufgeschlossen, wie Tanja meint. Ein weiterer Klagelaut aus dem Bett. Schluss mit Mutmaßungen über Nachbarn, zurück in meine Routine.

»Schau mal, die Sonne scheint!«

Endlich ist die Aufmerksamkeit meines Babys geweckt.

»Aaah!«

Das klingt erfreut. Er wälzt sich herum, setzt sich auf die Bettkante. Ich raffe zusammen, was wir für seine Morgentoilette brauchen, sprinte ins Bad, komme zurück, Pyjama ausziehen, Windel ab und auf in die Dusche. Er beginnt zu singen, eine ausgedachte Melodie, unverständliche Laute. Er wirkt zufrieden. Wahrscheinlich denkt er an das schöne Wetter. Ich weiß nicht, was in seinem Kopf vorgeht, und werde es auch nicht erfahren. Seine Freude rührt mich. Er kann so lieb sein. Da entgleitet mir die Shampooflasche und rutscht in die Wanne. Sofort gibt es eine lautstarke aufgebrachte Rüge.

Ich war einmal der ruhigste Mensch der Welt. Das hat sich geändert, wie so vieles. Heute mache ich beim Duschen fast alles richtig, erst als ich das Gesichtwaschen vergesse, ernte ich wieder einen Rüffel.

Anfangs hat mich das sehr getroffen. Ich will doch alles gut machen. Als Reinhold aus der Reha nach Hause kam, war mein einziger Gedanke, ihm noch ein paar schöne Jahre zu bereiten. Das will ich immer noch. Aber inzwischen frage ich mich, wie viele Jahre das sein werden und wie lange ich meinen Vorsatz noch durchhalten kann? Mein Nervenkostüm ist schon nach drei Jahren ziemlich ramponiert. Doch man gewöhnt sich an alles, und zum Glück kann ich die meisten seiner Beschwerden inzwischen einfach überhören.

»Du nimmst ihn viel zu ernst und du bist viel zu lieb«, sagt meine Freundin Ute des Öfteren, »du musst viel strenger mit ihm sein. Schließlich machst du alles für ihn. Dann hat er auch Rücksicht zu nehmen und zu parieren.«

Ach Ute, wenn du wüsstest … So einfach ist das leider nicht mit einem, der seine Sprache und teils auch seine Vernunft verloren hat.

Als er seine Beine aus der Wanne schwingt, verliert er kurz das Gleichgewicht und kippt nach hinten. Sofort bin ich da und fange ihn auf. Großer Schreck, aber nix passiert.

Was, wenn ich es einfach hätte geschehen lassen? Wäre er hintenüber gekippt? Wäre er mit dem Hinterkopf auf den Wannenrand geschlagen? Wäre er sofort tot gewesen? Weg mit dem Gedankenmüll, hat ja keinen Sinn.

Frühstück herrichten, eingeübte Routine, alles am selben Platz, alles wie jeden Morgen. Trotzdem nicht lieblos. Und besser gute Stimmung machen, damit der Tag so läuft wie geplant und ich wenigstens am Nachmittag zum Arbeiten komme.

Jenny

Nein, nicht noch eine dieser Bilderstrecken über das schwere Schicksal von Stephanie, den englischen Skandalprinzen oder sonstige arme Reiche an den schönen Orten dieser Welt. Ich lege die Hochglanzgazette zu den anderen auf den Stapel und schaue auf mein Handy. Jetzt sitze ich schon über eine Stunde hier, trotz Termin, und werde immer nervöser. Mein anfängliches Hochgefühl weicht leiser Verärgerung. Auch die mit kunstvollem Stuck, Goldkanten und bunten Malereien ausgeschmückte Gründerzeitdecke der Praxis habe ich mittlerweile ausreichend bewundert. So langsam könnte ich drankommen.

Die Hochschwangere mit dem quengelnden kleinen Mädchen neben mir wartet nur wenig kürzer als ich. Geräuschvoll atmet sie ein und aus. Im Gesicht hat sie braungelbe Pigmentflecke, und ihr Bauch gleicht einem Gymnastikball Größe XXL.

»Ja, meine Süße, das ist langweilig hier für dich. Aber du weißt ja, es ist für dein Brüderchen, das bald kommen soll. Du freust dich doch auch darauf«, versucht sie, das Kind zu beruhigen. Sie klingt ein wenig kurzatmig und streichelt zerstreut über den Kopf der Kleinen.

»Gar nicht!«, gibt die trotzig zur Antwort und streckt mir die Zunge raus, als ich versuche, sie anzulächeln. Die Schwangere seufzt. Ich schau wieder an die Decke mit den Blumenbouquets zwischen dem goldenen Stuck. So ein ekelhaftes Balg wird unser Kind bestimmt nie, nie werden!

»Frau Meier, bitte.«

In ihrem etwas zu engen weißen Kittel steht die Ärztin in der Flügeltür zum Sprechzimmer, freundlich lächelnd, und streckt mir die Hand entgegen. Endlich! Sie wurde mir von meiner Freundin Hanna empfohlen, die sich mit ihrer Zwillingsschwangerschaft in der Praxis bestens aufgehoben fühlte. Und natürlich erkundigt sich Frau Doktor auch gleich nach Hannas und der Kinder Wohlergehen. Dafür bekommt sie von mir einen Punkt. Ihr persönliches Interesse an ihren Patientinnen finde ich wirklich gut. Aber vielleicht hat sie sich das auch auf meine Karteikarte geschrieben, wer weiß.

»Danke, es geht ihnen prima. Wir sprechen uns allerdings nicht so oft. Hanna ist reichlich beschäftigt mit den beiden Jungs.«

Viel mehr kann ich nicht berichten, denn meine Telefonate mit Hanna sind selten und brechen oft abrupt ab, wenn sich lautstark eines der Kinder meldet.

»Das glaub ich gern«, stimmt die Ärztin zu, »die beiden waren ja schon im Bauch unglaublich lebhaft.«

Ich finde die Frau wirklich sympathisch. So eine nette Gynäkologin hatte ich noch nie, und ich hatte einige!

»Und was führt Sie zu mir, Frau Meier?«

»Ich glaube, ich bin schwanger«, platzt es aus mir jubelnd heraus. Sie blättert in ihren Unterlagen.

»Sie waren erst vor zwei Wochen hier. Woran machen Sie Ihre Annahme fest?«

»In meinen Brüsten habe ich so ein Ziehen, und seit Kurzem wird mir morgens beim Zähneputzen übel.«

Die Ärztin schaut mich über ihre Lesebrille hinweg aufmerksam an.

»Ach so: Und einen Urintest hab ich auch gemacht. Positiv!«, setze ich selbstbewusst hinzu. Die Verfärbung war zwar ein bisschen blass, aber das behalte ich für mich. Es war jedenfalls eindeutig eine Verfärbung.

»Na gut«, sie lächelt und steht auf.

»Dann legen Sie bitte ab. Wir schauen mal nach.«

Die kurzen Absätze ihrer schon etwas schief gelaufenen schwarzen Pumps klacken trocken auf den Parkettboden, als die kleine rundliche Frau zum Waschbecken läuft.

Ich steige auf den Untersuchungsstuhl. Die Ärztin tastet meine Bauchdecke nach beiden Seiten ab.

»Halten Sie mal bitte.«

Sie gibt mir den Griff des oberen metallenen Spekulums in die Hand. Es dauert. Meine Spannung steigt. Sie untersucht mich sehr gründlich. Schließlich ist sie fertig, streicht mir fürsorglich mit der Hand übers Knie.

»Sie können sich wieder anziehen, Frau Meier.«

Wann bestätigt sie endlich, dass ich schwanger bin? Hastig streife ich meine Klamotten über und lasse mich auf den Stuhl am Schreibtisch ihr gegenüber fallen.

»Also, ich konnte leider keinerlei Anzeichen für eine Schwangerschaft feststellen, liebe Frau Meier.«

Ich schlucke.

»Aber der positive Test?«, protestiere ich schwach.

»Sie müssen sich getäuscht haben. Bei minimaler Verfärbung liest man diese Tests manchmal auch falsch.«

»Können Sie nicht vielleicht so einen Bluttest auf HCG machen? Der ist doch wirklich sicher!«

Ich bin so enttäuscht, ich klammere mich an jeden Grashalm. Zu Hause steht der Champagner kalt. Ich wollte heute Abend mit Kai unser Baby feiern.

»Ich bin seit über 30 Jahren Gynäkologin, und Sie können mir wirklich glauben, dass ich auch ohne Test erkennen kann, ob eine Schwangerschaft vorliegt oder nicht.«

Mit einer energischen Bewegung wirft sie ihr halblanges Haar zurück. Es ist von einem glänzenden, warmen Braunton. Sicher ist die Haarfarbe nicht echt und sie ist drunter schon ganz grau, denke ich böse. Die Frau wirkt nicht mehr ganz so gelassen.

»Wenn Sie meine Diagnose anzweifeln, bitte. Sie können ja einfach einen Kollegen aufsuchen.«

Nachdem sie sich kurz in ihre Unterlagen versenkt hat, sagt sie ruhig zu mir: »Frau Meier, in ein, zwei Tagen werden Sie Ihre Blutung bekommen, und dann können Sie bald wieder darangehen und einen neuen Versuch starten. Das klappt schon irgendwann. Sie sind doch noch jung!«

Sie wirft mir einen aufmunternden Blick zu und erhebt sich.

»Und dann werde ich Sie natürlich gerne durch Ihre Schwangerschaft begleiten.«

Der alte hölzerne Fahrstuhl klappert nach unten. Ich schaue in den schon leicht blinden Spiegel. Ich bin noch jung? Ich bin 33 und hatte bereits eine Fehlgeburt, wie sich das nennt. In der 13. Woche bekam ich Krämpfe, es setzten Blutungen ein und ich verlor das Kind. Eine Geburt stelle ich mir anders vor. Das ist jetzt zwei Jahre her, und seitdem hat es nicht wieder hingehauen. Muss ich mir noch überlegen, ob ich bei dieser Ärztin bleibe.

Die Sonne von heute Morgen ist verschwunden, draußen empfängt mich graues, kaltes Februarwetter. Unschlüssig stehe ich einen Moment herum. Soll ich bei Hanna vorbeifahren und mich ausheulen? Sie ist die Einzige, der ich von meinem vermeintlichen Glück erzählt hatte. Auch Kai hatte ich nichts gesagt. Er ist zurzeit so intensiv mit seiner Firma beschäftigt, dass ich ihm nicht mit dem Thema Baby kommen wollte. Jedenfalls nicht theoretisch. Wäre ich jetzt wirklich schwanger, dann wäre auch seine Freude übergroß, da bin ich mir sicher.

Ich versuche, Hanna anzurufen, erreiche aber nur ihre Mailbox. Trotzdem beschließe ich, auf gut Glück zu ihr zu fahren, und nehme den 119er Bus den Ku’damm hoch.

War eine blöde Idee. Hanna war zu Hause, war ganz lieb und wollte mich trösten, als sie von meiner Enttäuschung hörte. Aber kaum standen unsere Kaffeetassen auf dem Tisch, hatte erst der eine Junge die Windel voll, dann fing der andere an zu greinen, er kriegt Zähne. Ich versuchte zu helfen, normalerweise lieben mich Babys, aber er schrie nur noch lauter, nur die Mama ließ er an sich heran. An ein Gespräch war überhaupt nicht zu denken. Hanna wollte, dass ich bleibe, sagte sie jedenfalls, aber sie wirkte ziemlich erleichtert, als ich nach einer halben Stunde gegangen bin.

»Hallo, Frau Nachbarin! Habt ihr euch denn schon ein bisschen eingelebt?«, fragt jemand, als ich gerade den Hausschlüssel aus den Tiefen meiner Handtasche fischen will. Es ist die ältere Frau aus dem dritten Stock, die mir vor ein paar Wochen zum Einzug Brot und Salz vorbeibrachte, und der ich öfters im Treppenhaus begegne. Sie schließt auf, ihr Mann sagt nichts und lächelt schief. Dann hält er mir die Tür auf.

»Fast alle Kisten sind ausgepackt, manches ist noch nicht an der richtigen Stelle, aber wir machen uns da keinen Stress«, antworte ich, schon im Flur, »und die Stadt kennen wir ja. Haben nur zwischendurch für zwei Jahre auf dem Land gewohnt und sind jetzt wieder zurückgekehrt.«

»Reumütig?«

Ich zucke mit den Schultern.

»Kann man so nicht sagen.«

Ich habe keine Lust, dieser Frau, deren Namen ich schon wieder vergessen habe, das Scheitern unseres, oder besser meines Traumes vom Landleben zu schildern.

»Es war okay. Jetzt kommt eben wieder was Neues.«

Mit ihren klaren blauen Augen schaut sie mich forschend an. Keine Ahnung, wie alt sie ist, wahrscheinlich könnte sie meine Mutter sein, obwohl sie sich so locker gibt. Sie sagt nicht direkt »Du«, aber verwendet immer eine unverfängliche zweite Person Plural. Ihre Haare sind hennarot, ihre Augen mit Kajal umrandet, die Lippen dunkelrot geschminkt, und sie trägt Klamotten, die immer ziemlich lässig, dabei aber auch irgendwie schick sind. Manche davon würde sogar ich anziehen, was mir bei den Sachen meiner Mutter, die ist 58, nie einfallen würde.

»Ja, immer mal wieder eine Veränderung, das ist gut, wenn man die Möglichkeit dazu hat. Ich beneide euch junge Leute!«

Mir fällt etwas ein: »Ach, vielen Dank noch für das Brot neulich. Es hat wirklich toll geschmeckt!«

Die Nachbarin strahlt.

»Das freut mich! Wenn ich nächstes Mal backe, bring ich euch wieder was vorbei.«

»Gerne. Tja, ich muss jetzt schnell hoch und was tun. Bis bald mal wieder!«

»Ja, bis bald. Gehen Sie vor, Sie sind bestimmt schneller als wir. Lässt du bitte die Frau Meier mal durch, Reinhold!«

Ihr Reinhold hat die ganze Zeit stumm dabeigestanden. Er ist ein gut aussehender Mann, ebenfalls immer mit Geschmack gekleidet. Jetzt macht er gehorsam einen Schritt zur Seite, was ein bisschen unbeholfen aussieht. Irgendwie ist der merkwürdig.

Mit Getöse öffnet sich die Haustür. Auf der Treppe holt mich ein Junge mit schwarzer Lockenmähne ein und stolpert an mir vorbei. Seine Jacke ist offen, sein langer Schal schleift auf einer Seite über den Boden, die Schultasche hängt schief auf dem Rücken, und seine Schnürsenkel sind offen. Im ersten Stock bleibt er vor einer Wohnungstür stehen. Auf seiner rechten Wange prangt eine blutige Schramme.

»Oh, hast du dir wehgetan?«, frage ich mitfühlend, aber er schaut mich nur mit großen Augen an, während er das Schlüsselbund von seinem Hals nimmt und aufschließt. Dann spende ich eben keinen Trost. Auf dem Klingelschild steht »Tanja Freudenreich«. Die hab ich noch nicht gesehen, dafür zwei Männer. Einer davon ist mir neulich mit einem Kleinkind im Schlepptau begegnet. Scheint eine Art WG zu sein.

Als ich eine Etage höher ankomme, tritt gerade die Frau von Gegenüber aus der Tür, auf dem Arm ihr Kind. In den Kleinen hab ich mich sofort verliebt. Blonde Löckchen, Strahleaugen und ein total süßes Lächeln. 15 Monate ist er alt und kann schon laufen, was seine Mutter ganz schön in Atem hält, wie sie mir bei einem kurzen Gespräch auf dem Treppenabsatz erzählte.

»Hallo«, sage ich erfreut und gucke nach dem Blondköpfchen, »Sie gehen bei jedem Wetter raus, oder? Ist ja auch wichtig für die Kleinen, frische Luft. Aber ist heute ekelhaft draußen. Ich bin ehrlich gesagt froh, dass ich wieder zu Hause bin.«

»Hallo, Frau Meier! Nein, heute leider kein Spaziergang. Ich muss mit Frederic zum Arzt.«

»Ach, was hat er denn?«

»Schon den dritten Tag Bauchkrämpfe und Durchfall, selbst mit strenger Diät ist es nicht besser geworden.«

Sie bemüht sich, mir ruhig Auskunft zu geben, aber ich spüre ihre Besorgtheit.

»Oh, dann wünsche ich dir gute Besserung, armer, kleiner Freddy!«

Ich streichle über den Kopf des Kleinen, der ziemlich apathisch in den Armen seiner Mutter hängt, dabei habe ich das Gefühl, dass sie das Kind von mir wegdreht. Das finde ich ein wenig übertrieben. Kai hält sie nach meinen Schilderungen sowieso für eine typisch überbesorgte Mutter. Aber es ist wohl normal, sich um so ein krankes Kleines Sorgen zu machen.

»Wenn ich Ihnen helfen kann, sagen Sie einfach Bescheid. Ich bin heute den ganzen Tag daheim. Und ich hab Ihnen ja schon gesagt, ich kann auch mal zum Babysitten rüberkommen. Ich würde das wirklich gern machen!«

»Vielen Dank für das Angebot, das ist sehr freundlich von Ihnen, Frau Meier. Jetzt muss ich aber, damit ich es noch zur Sprechstunde schaffe. Wiedersehen.«

Obwohl sie bestimmt ganz schön im Stress ist, bedenkt sie mich mit einem höflichen Lächeln und eilt die Treppe hinunter. Irgendwie bewundere ich sie. Sie hat einfach Stil. Ich würde sie wirklich gern kennenlernen, ganz im Gegensatz zu der Brotbäckerin. Diese Frau sieht immer total toll aus, dezentes Make-up, gepflegte lange Haare, zeitlos schicke Klamotten, und sie hat eine super Figur. Ich muss sie unbedingt fragen, wie sie das gemacht hat nach dem Kind. Ich hab ja schon jetzt, vor der Schwangerschaft, ein paar Kilos zu viel (was Kai aber eher gut findet, jedenfalls im Bett). Unsere Nachbarin strahlt so eine unglaubliche Sicherheit aus, auch jetzt, wo sie sich um das Kind sorgt, als ob sie immer genau weiß, was zu tun ist. Und das Kind, ihr entzückender kleiner Junge, der hat es mir natürlich vor allem angetan.

Schnell verschwinde ich hinter meiner Wohnungstür, bevor die Nachbarin aus dem Dritten mit ihrem komischen Mann auf dem Treppenabsatz auftaucht. Ich werfe die Kaffeemaschine an. Wenn ich nicht schwanger bin, kann ich ja wieder hemmungslos meiner Koffeinsucht frönen. Mein PC ist inzwischen auch hochgefahren. Schon seit zwei Monaten bin ich mit der Neugestaltung des Internetauftritts von Militzke & Co, dem Spezialisten für Treppenlifte, beschäftigt. Firmenmotto: Wir bringen Sie nach ganz oben! Treppenlifte waren schon immer meine Leidenschaft … Doch die Firma zahlt gut, und deshalb muss ich mich jetzt wirklich dahinterklemmen.

Aber bevor ich meine Mails checke, gehe ich zu My-Eisprung.de und trage, nach den Angaben meiner Gynäkologin, dort das Datum von übermorgen als den voraussichtlich ersten Tag meiner nächsten Blutung ein. Das ist super! Die beiden fruchtbarsten Tage liegen dann am Wochenende in 14 Tagen, da haben wir richtig viel Zeit, können es ganz entspannt angehen lassen. Und mein persönlicher Eisprungkalender sagt mir, es wird ein Junge, Geburtsdatum 9. November, Sternzeichen Skorpion. Das klingt doch alles ganz wunderbar! Ich verstehe meine Verzweiflung von heute Morgen schon gar nicht mehr. So, Militzke & Co., heute bringen wir’s zu Ende!

Tanja

Ach ja, Dylan und seine spontanen Ideen! Manchmal finde ich es total toll, wenn er mich damit überrascht: »Come on, pack die Kiddies ein und ein paar Sachen. Ich hab das Auto von Duncan. Wir fahren übers Wochenende zu Max und Lucie auf den Bauernhof.«

Das kann sehr schön sein. Aber manchmal macht er’s mir damit auch nicht leicht, so wie heute beim Frühstück. Er will nach Irland fliegen, und zwar schon morgen. Na ja gut, er hat natürlich gefragt, ob ich was dagegen habe. Ein Freund hat ihm einen Termin in den Blackwater Studios in Cork verschafft, eine einmalige Gelegenheit, wie er sagt. Was kann ich da machen? Ich kann ja nicht sagen, das geht nicht, weil ich dich hier brauche, Jamie ist schließlich auch dein Kind. Ich kann ihm doch diese Chance nicht verbauen! Außerdem soll er bei einem Benefizkonzert am ersten Märzwochenende mitmachen – angeblich werden auch U2 auftreten – für ein Projekt zur Verbesserung von Wasserversorgung und Hygiene in Somalia. Das finde ich natürlich wahnsinnig wichtig. Der Klimawandel, die islamistischen Milizen, der Bürgerkrieg – alles Sachen, für die auch wir irgendwie verantwortlich sind. Die Menschen dort hungern seit Jahren. Ich kann die Bilder nicht anschauen, ohne dass mir die Tränen kommen, denn wie immer trifft es die Kinder, die Kleinsten und Schwächsten, am härtesten.

Natürlich ist doof, dass er noch nicht sagen kann, wann er zurückkommt. Die ganze Zeit im Café hab ich überlegt, wie ich es organisiert bekomme mit dem Job und den Kindern. Aber das klappt schon. Am Vormittag sind sie eh in der Schule und Jamie jetzt im Kinderladen. Noch hat er sich nicht so richtig dort eingewöhnt. Aber Jamal ist ja auch noch da. Notfalls kann ich meine Omi mal fragen. Außerdem, was sind ein paar Wochen ohne Dylan doch für ein kleines Problem verglichen mit dem Schicksal der armen Menschen in Somalia.

Ich hatte Dylans Reisepläne also gerade verdaut, da kam der nächste Schreck, als ich vorhin vom Job nach Hause kam: Dayo hat eine blutige Schramme im Gesicht! Er weiß, dass ich es nicht mag, wenn er sich mit anderen Kindern kloppt. Ich denke immer, wenn nicht schon die Kleinen lernen, Konflikte mit Worten statt mit Muskeln zu lösen, als Erwachsene lernen sie es erst recht nicht mehr. Aber heute bin ich stolz auf meinen Großen!

Er hat erzählt, dass sie einen Neuen in der Klasse haben. Seine Eltern sind aus Mali, sein Name ist Amadou, und er ist tiefschwarz. Keiner wollte neben ihm sitzen, und so ein paar kleine Machos, die in der 6a den Ton angeben und immer einen Grund suchen, sich mit anderen anzulegen, haben angefangen, ihn zu ärgern, einfach so, weil er neu ist.

»Ich hab Volkan und Yunus gesagt, dass ich das gemein finde und sie ihn in Ruhe lassen sollen. Aber sie haben immer weitergemacht, wollten ihn nicht raus auf den Schulhof gehen lassen und haben gefragt, ob er zu lange in der Röhre war, weil er so schwarz ist. Die waren zu dritt gegen einen, der Marcus war auch noch dabei. Das ist doch ungerecht! Und da hab ich nur versucht, den Volkan wegzuschieben …«

Und dann ging natürlich die Klopperei los, zwei gegen drei.

»Aber am Schluss hatte der Volkan Nasenbluten!«, sagt Dayo, und ich höre den Stolz in seiner Stimme. Es stimmt schon, manchmal kommt man mit Gewaltfreiheit nicht weiter und muss sich einfach wehren.

Dayo hat der Lehrerin gesagt, er wäre bereit, sich erst mal neben Amadou zu setzen. Zwar bedauert er jetzt, den Platz bei seinem Freund Jonathan aufgegeben zu haben, denn Amadou ist sehr schüchtern und reagiert nicht so richtig auf Dayos Kommunikationsversuche.

»Aber das ist doch auch doof, wenn der niemanden kennt und auch noch nicht alles so weiß, und da ganz allein sitzen muss.«

Ach ja, mein Sohn und sein Helfersyndrom – von wem er das wohl hat?

Dylan kommt auch dazu, haut Dayo kumpelhaft auf die Schulter.

»Gut gemacht, mein Freund!«

Dann dreht er sich zu mir.

»Hi, my love!«

Er nimmt mich in seine Arme, ich fühle mich wie in einer Höhle, so sicher, so warm. Dann hebt er mein Gesicht und schaut mir in die Augen.

»Darf ich fahren?«

Frederikes Tagebuch

1. Februar

Was für ein Tag! Musste mit Frederic schon wieder zum Arzt. Seine Beschwerden im Bauch sind einfach nicht besser geworden, obwohl ich das arme Kind schon seit Tagen auf Diät gesetzt habe. Aber er ist so tapfer, mein kleiner Prinz. Klaglos lässt er sich mit Heilnahrung und Zwieback ernähren und trinkt nur Tee, Unmengen von Kamillentee, und natürlich Elektrolytlösungen. Wenigstens scheint er Appetit zu haben, das beruhigt mich ein bisschen, auch wenn ihn der ständige Durchfall natürlich mächtig schlaucht.

Doktor Böttner hat mich für meine umsichtigen Maßnahmen gelobt. Er ist überzeugt, dass diese – ja was eigentlich? Selbst er als Mediziner konnte es nicht benennen! – Beschwerden sich auf die Weise in ein paar Tagen wieder geben werden. Aber schließlich hat Frederic schon über ein Kilo abgenommen! Das ist unglaublich viel für so einen kleinen Organismus in so kurzer Zeit. Wenn bis übermorgen keine sichtbare Besserung eintritt, werde ich mit ihm ins Krankenhaus gehen. Solche Sorgen!

Und dazu noch das andere, das mich vor ein paar Tagen völlig aus der Bahn geworfen hat: Mutter rief an. Sie möchte mich besuchen. Sie war ganz aufgeregt. Wir haben uns Jahre nicht gesehen. Sie will endlich ihren Enkel kennenlernen, hat sie gesagt. Wann es uns denn passen würde? Ich war so überrascht, ich habe erst einmal nur gesagt, dass ich mich bei ihr melde. Irgendwoher muss sie von Frederics Existenz erfahren haben. Wahrscheinlich hat der arme Henry sich verplaudert und konnte dann nicht anders, als ihr meine Nummer zu geben. Aber ich will das eigentlich nicht. Ich will nicht, dass sie kommt, schon gar nicht zusammen mit ihm! Es soll nicht wieder anfangen …

Ach, und Thomas ist mir auch keine große Unterstützung. Von Mutters Anruf habe ich ihm gar nichts erzählt, es hätte eh keinen Sinn gehabt. Er kam heute wieder völlig fertig nach Hause, einzukaufen hatte er auch vergessen. Wenn ich sehe, wie hilflos er sich unserem kranken Kind gegenüber verhält, macht mich das richtig wütend! Thomas leidet in erster Linie an sich selbst, an seiner schief gelaufenen Lebensplanung. Er versteht sich als Künstler. Und es stimmt ja auch, er ist kein guter Lehrer, nicht interessiert an seinen Schülern, nicht engagiert für seinen Kunstunterricht. Und je älter er wird, desto weniger kommt er mit den Schülern klar, desto mehr laugt ihn der verhasste Brotjob aus. Er hat einen ganz klaren Burn-out, aber wenn ich das Thema nur andeute und was man dagegen unternehmen könnte, blockt er sofort ab. Wahrscheinlich hat er Angst vor dem Gerede der Kollegen. Wenn er bloß früher aus dem Schuldienst ausscheiden könnte! Aber mit seinen 49 Jahren wäre das natürlich Wahnsinn, das packen wir finanziell nicht. Schon gar nicht, solange ich wegen Frederic zu Hause bleibe.

Wenn ich Thomas heute so vor mir sehe, gebeugt, dürr, die Haare fast gänzlich grau, frage ich mich, was ich vor fünf Jahren gesehen habe, als ich ihn kennenlernte. Hat er sich so sehr verändert? Ich wage es kaum niederzuschreiben: In den letzten Monaten schlägt mein anfängliches Mitleid manchmal in tiefe Verachtung um. Obwohl er sich nur mir gegenüber so richtig gehen lässt, fällt auch anderen Thomas’ Kraftlosigkeit auf. Selbst Frau K. aus dem Dritten, die einen pflegebedürftigen Mann hat, erkundigt sich schon besorgt, ob der meine krank ist! Das ist so absurd, dass es mich schon wieder darüber lachen lässt. Aber was hilft das Lamentieren? Mein kleiner Frederic braucht einen Vater, und solange es keine Alternative gibt … Mir fallen die Augen zu, ich muss ins Bett. Mach, dass es Frederic bald besser geht, lieber Gott!

P.S. Heute bin ich wieder der neuen Nachbarin begegnet, und sie hat schon zum dritten Mal gesagt, dass sie gern bei uns babysitten würde. Ich hatte Frederic auf dem Arm. Sie hat ihm übers Haar gestreichelt und ihm begehrliche Blicke zugeworfen. Es mag merkwürdig klingen, aber ich habe das Gefühl, ihr Interesse an meinem Sohn übersteigt normales Niveau. Natürlich will ich gute nachbarschaftliche Beziehungen nicht gefährden, trotzdem werde ich versuchen, sie von ihm fernzuhalten. Gute Nacht!

P.P.S. Außerdem nennt sie meinen Sohn Freddy, was ich absolut geschmacklos finde.

P.P.P.S Ihr Mann wirkt ganz sympathisch.

Kapitel II

Die Stadt wird leise. Für eine kurze Zeit legt sich eine makellose weiße Decke über Dächer und Straßen. Sie dämpft die Geräusche und schafft eine perfekte Winterwelt. Bald unterbricht das Kratzen der Schneeschieber die Idylle, und kaum ist die Schule zu Ende, fliegen Kinderstimmen und Schneebälle hin und her, erste Schlitten werden mit rauem Geräusch über gestreute Gehwege gezogen.

Jedes Mal, wenn sich im Haus unserer vier Nachbarinnen die Haustür schließt, hört man das Stampfen von Füßen auf der Schmutzmatte, um den anhaftenden Schnee loszuwerden. Es klingt bis hinauf in die aufwendig modernisierte Wohnung im zweiten Stock, die minimalistisch und edel eingerichtet ist und in die Jenny mit ihrem Freund Kai erst vor ein paar Wochen eingezogen ist. Jenny ist viel allein zu Hause. Kai geht in sein Büro, und Jenny arbeitet im Homeoffice. Ach, hätte ich doch so ein herziges kleines Kind wie Frederic von nebenan, dem ich meine ganze Liebe schenken könnte, denkt Jenny. Sie glaubt, es wäre das noch fehlende Puzzleteil für ein glückliches, perfektes Leben.

Jenny

Ich sitz am Schreibtisch und schau aus dem Fenster. Eigentlich müsste ich was tun. Aber irgendwie fehlt mir die Motivation. Es schneit wie blöde! Dabei hatten alle gedacht, nach einem Weihnachten ohne Schnee und dem warmen Januar, war’s das mit dem Winter. Ich bin froh, heute nicht raus zu müssen. Wenn es auch vieles gab, das mir da nicht gefiel, der Winter auf dem Land, der war toll! Eine reine, weiße Landschaft, Krähen plusterten sich auf den kahlen Bäumen im Garten, Wolkenformationen malten Himmelsbilder, und wenn die Sonne rauskam, hab ich mich dick eingemummelt und bin mit unserem schwarzen Hundetier über die verschneiten Felder gelaufen. Das Hundetier fehlt mir! Kai fand es völlig daneben, einen Hund in einer Stadtwohnung zu halten. Ich wollte ihn natürlich mitnehmen, aber dann fiel mir ein, dass es mit Baby und Hund vielleicht nicht so perfekt ist, und so habe ich das Hundetier schweren Herzens unseren Dorfnachbarn zur Adoption überlassen. Aber es wär’ schon schön, ihn hier zu haben!

Kai geht jeden Tag in sein Büro, trifft seine Kollegen, hat reichlich Leute zum Quatschen. Ich hänge die ganze Zeit allein zu Hause an meinem Schreibtisch. Natürlich ist meine Selbstständigkeit als freie Webdesignerin von Vorteil. Ich kann bestimmen, wann und wie lange ich arbeite, kann zwischendurch auch mal was Privates erledigen, und im Hinblick auf das Baby ist der Job geradezu genial.

Momentan aber fehlt mir vor allem der Austausch mit anderen Leuten. Als wir damals rausgezogen sind, dachte ich nicht, dass unser Berliner Freundeskreis so schrumpfen würde. Schließlich wohnten wir gerade mal eine Autostunde entfernt. Doch die vielen versprochenen Besuche blieben aus. Selbst zu unserem großen Einweihungsfest an einem herrlichen Maiwochenende kam höchstens die Hälfte der Eingeladenen. Nur Lulu und ich trafen uns alle vier Wochen abwechselnd bei uns auf dem Land oder bei ihr in Berlin. Und dann ging meine süße, geliebte Lulu, meine allerbeste Herzensfreundin, für einen Job nach Neuseeland. Weiter weg geht gar nicht! Es blieben uns Posts auf Instagram, selten mal eine Mail und noch seltener mitternächtliche Gespräche mit verwackelten Handy-Bildern in Lulus Mittagspause.

Und jetzt bin ich wieder in Berlin und fühl mich schon genauso isoliert wie in der ländlichen Einöde. Einige Leute sind weggezogen, die Verbliebenen haben meist wenig Zeit, arbeiten viel, so wie auch Kai, oder haben Kinder so wie Hanna, meine zweitbeste Herzensfreundin. Nur ich, die ich immer schon ein Kind wollte, ich sitz hier immer noch allein rum!

Untätig starre ich in den Flockenwirbel, bin wie hypnotisiert, denke an den Duft von Babys, ihre Wärme, ihr vertrauensvolles Lächeln, fühle mich so allein. Oh Mann, ich könnte heulen.

Okay, bevor ich endgültig in Selbstmitleid versinke und total schlecht draufkomme, mache ich mich wohl besser an die Arbeit. V/Formtor, das Berliner Modelabel, einer meiner treuesten Kunden, eröffnet nächste Woche einen Showroom in einem alten Industriehof in Friedrichshain, und ich muss noch an der Aktualisierung der Website stricken und ein paar zusätzliche Einladungen verschicken. Aber erst mach ich mir einen Kaffee, dann kann ich besser denken.

Jetzt klingelt’s an der Wohnungstür!

»Hallo! Mich hat’s wieder überkommen. Ich musste heute unbedingt ein neues Brotrezept ausprobieren. Und ihr seid meine ersten Testesser. Hier bitte!«

Die Frau aus dem Dritten, deren Namen ich mir einfach nicht merken kann, streckt mir ein Holzbrett entgegen, auf dem ein Laib Brot liegt. Na, das ging ja schnell.

»Das sieht toll aus! Und das ist für uns?«

Sie nickt.

»Ja dann – vielen Dank!«

»Aber gerne! Mmh, duftet das herrlich nach Kaffee bei euch!«

»Habe grade welchen gemacht«, sage ich etwas überrumpelt, »darf ich Ihnen eine Tasse anbieten?«

Sie schaut auf ihre Armbanduhr, dann die Treppe hoch, zögert. Vielleicht hat sie ja gar keine Zeit, denke ich, meine Einladung schon wieder bereuend.

»Och, danke, da sag ich nicht nein«, strahlt sie mich an, »so viel Zeit muss sein.«

Ich lasse ihr den Vortritt. Sie hat schwarze Leggings und einen Kaftan in Erdtönen an, die Füße stecken in braunen Crocs. Sie hat ein Händchen für Klamotten. Auf dem Weg zur Küche schaut sie interessiert nach allen Seiten.

»Ist wirklich witzig zu sehen, was die Leute so aus ihren Wohnungen machen.«

»Ja, ich find das auch immer wieder interessant. Schauen Sie sich doch ruhig um.«

Sie bedankt sich und macht es sofort und ausführlich. Beim Blick in mein Zimmer sagt sie augenzwinkernd: »Ach, und das soll wohl das Kinderzimmer werden?«

Sie hat die Wiege in einer Ecke entdeckt, über der ich ein Schäfchenmobile aufgehängt habe. Die hat mein Großvater gebaut, und schon meine Mutter wie auch meine Schwester und ich haben als Baby in der Wiege gelegen. Als ich vor zwei Jahren erfuhr, dass ich schwanger war, hab ich das Teil sofort zu uns geholt.

Ich nicke nur und schlucke. Und plötzlich, keine Ahnung, schießen mir die Tränen in die Augen.

»Frau Meier, Kindchen, ach Gott! Ich hab aber auch eine Begabung für Fettnäpfchen. Jetzt hab ich wieder was Falsches gesagt!«

»Ach Quatsch, nein. Ich weiß auch nicht, was heute mit mir los ist.«

Sie legt den Arm um mich, schiebt mich in die Küche und drückt mich auf einen Stuhl. Dann holt sie zwei Tassen aus dem Schrank. Als ob sie hier zu Hause wäre, fragt sie mich: »Milch, Zucker?«

Ich bekomme meinen Kaffee, und sie setzt sich mir mit einer Tasse gegenüber. Irgendwie tut mir ihre Fürsorge gut.

»Ich trink nur schnell meinen Kaffee und bin gleich wieder verschwunden.«

»Lassen Sie sich ruhig Zeit. Wissen Sie, vor zwei Jahren war ich schwanger und hab das Kind in der 13. Woche verloren. Grund war wohl eine Infektion. Und seither hat es mit dem Schwangerwerden nicht wieder geklappt. Grad vorgestern war ich bei meiner Ärztin, weil ich dachte …«

Verrückt, ich kenn die Frau doch gar nicht und rede über Dinge, von denen nicht einmal Kai was weiß. Verständnisvoll schaut sie mich an.

»Sie dachten, Sie wären schwanger, und dann kam die große Enttäuschung. Wie alt sind Sie, wenn ich fragen darf?«

Ich erzähle ihr alles, schildere meine Versuche, schwanger zu werden, meine Inszenierungen an den fruchtbaren Tagen, die Enttäuschungen, meine zahllosen Arztwechsel und die Überlegung, einen Spezialisten wegen des unerfüllten Kinderwunsches aufzusuchen, obwohl Kai das für völlig überzogen hält und strikt dagegen ist.

»Ach, ich glaub, ihr macht euch heute einfach zu viele Gedanken. Erst Studium, dann Karriere, dann Baby – in genau dieser Reihenfolge soll das klappen, und wenn, dann sofort, und das macht euch Stress, ist doch klar. 33 ist doch kein Alter! Kinder kann man nicht wie am Reißbrett planen. Ich hab das bei der Tochter von Freunden erlebt. Die und ihr Mann haben sogar ein Kind adoptiert, weil sie dachten, das klappt nicht mehr. Und zack, war Amelie schwanger!«

Sie grinst mich aufmunternd an.

»Ach ja, wie anders das doch bei uns damals lief. Jede einigermaßen bewusst lebende Frau lehnte die Pille ab. Wir verwendeten Diaphragma, Spirale oder die Temperaturmessmethode – zum Verhüten, wohl bemerkt! Und natürlich wurden wir schwanger und dann hatten wir auch ein Problem …«, meint sie nachdenklich.

Als sie nach über einer halben Stunde geht, duzen wir uns. Sie heißt Vera, hat eine Tochter namens Rebecca, die in New York lebt, wenig älter als ich ist, und nur Becky genannt wird.

»Demnächst machen wir mal ein Essen bei uns. Reinhold wird nicht begeistert sein, aber da muss er durch. Er ist ziemlich ungesellig geworden seit seiner Erkrankung. Ich lebe noch, sag ich ihm immer, wenn er protestiert, und ich brauch ab und zu andere Menschen um mich rum. Und die Tanja lad ich auch dazu ein. Altersmäßig passt ihr zwei, glaub ich, gut zusammen.«

»Was für eine Krankheit hat denn Ihr, äh, dein Mann?«

»Ach, das erzähl ich dir ein andres Mal … Jetzt muss ich schnell hoch zu ihm. Tschüs, Jenny, und danke für den Kaffee.«