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Verrückt vor Liebe Nele Damai lebt noch nicht lange in Trennung von ihrem Mann Amal. Von ihrem Kummer will sie sich dringend ablenken, weshalb sie mit einer Affäre liebäugelt. Da passt es gut, dass der charismatische Joseph aufkreuzt. Er ist gebunden, doch die 47-Jährige lässt Bedenken gar nicht erst aufkommen. Sie ist Buchhändlerin und Buchbloggerin, er ist Autor – was könnte besser passen als das? Joseph scheint es ähnlich zu sehen, dann wieder nicht, dann wieder doch, dann wieder nicht … Sein widersprüchliches Verhalten verwirrt Nele, die sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Bald sieht sie sich in diesem Zustand gefangen – so wie im Netz einer Spinne.
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Seitenzahl: 305
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Pia Gabrielly
Nele und der neue Goethe
Liebeswahn trifft Don Juan
Roman
Nele und der neue Goethe - Liebeswahn trifft Don Juan
Bad Nauheim/Berlin 2024
1. Auflage 2022 als Privatdruck erschienen
© 2024 Pia Gabrielly
c/o Petra Ihm-Fahle
Lessingstr. 1
61231 Bad Nauheim
Kontakt: [email protected]
https://piagabrielly.blogspot.com
Lektorat: Margit Seibel
Coverbild: Dr. Hans Ihm
Cover: Petra Ihm-Fahle mit Canva
Buchsatz: Petra Ihm-Fahle
Herstellung: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ohne Zustimmung der Autorin ist unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Die Handlungen und alle handelnden Protagonisten sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen wäre rein zufällig. Real sind der Name der Buchhandlung Saeng (1871-1976, Darmstadt) und der Lehrer Johann Schmitt (1815-1893).
Inhaltsverzeichnis
Impressum
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
53. Kapitel
54. Kapitel
55. Kapitel
56. Kapitel
57. Kapitel
58. Kapitel
59. Kapitel
60. Kapitel
61. Kapitel
62. Kapitel
63. Kapitel
64. Kapitel
65. Kapitel
66. Kapitel
67. Kapitel
68. Kapitel
69. Kapitel
70. Kapitel
71. Kapitel
72. Kapitel
73. Kapitel
74. Kapitel
75. Kapitel
76. Kapitel
77. Kapitel
78. Kapitel
79. Kapitel
80. Kapitel
81. Kapitel
82. Kapitel
83. Kapitel
84. Kapitel
85. Kapitel
86. Kapitel
87. Kapitel
88. Kapitel
89. Kapitel
90. Kapitel
91. Kapitel
92. Kapitel
93. Kapitel
94. Kapitel
95. Kapitel
96. Kapitel
97. Kapitel
98. Kapitel
99. Kapitel
100. Kapitel
101. Kapitel
102. Kapitel
103. Kapitel
104. Kapitel
105. Kapitel
106. Kapitel
107. Kapitel
108. Kapitel
109. Kapitel
110. Kapitel
111. Kapitel
112. Kapitel
113. Kapitel
114. Kapitel
115. Kapitel
116. Kapitel
117. Kapitel
118. Kapitel
119. Kapitel
120. Kapitel
121. Kapitel
122. Kapitel
123. Kapitel
124. Kapitel
125. Kapitel
126. Kapitel
127. Kapitel
128. Kapitel
129. Kapitel
130. Kapitel
131. Kapitel
132. Kapitel
133. Kapitel
134. Kapitel
135. Kapitel
136. Kapitel
137. Kapitel
138. Kapitel
139. Kapitel
140. Kapitel
141. Kapitel
142. Kapitel
143. Kapitel
144. Kapitel
145. Kapitel
146. Kapitel
147. Kapitel
148. Kapitel
149. Kapitel
150. Kapitel
151. Kapitel
152. Kapitel
153. Kapitel
154. Kapitel
Die Autorin
Als Nele eines Vormittags zur Stadtbücherei in Lindenburg ging, wusste sie nicht, dass sie fünf Minuten später dem vermeintlichen Mann ihres Lebens gegenüberstünde – und damit einem der größten Rätsel, die sie je zu lösen hatte.
Während sie über den Linda-Platz eilte, zog sie die Einladungskarte zur Lesung hervor, um die Programmpunkte zu überfliegen.
Begrüßung
Musik
Joseph Brinkmann liest
Musik
Frühstücksbuffet
„Das wird wohl zwei Stunden dauern“, schätzte sie. Mit kurzen Schritten ging sie weiter auf die Stadtbücherei zu, die idyllisch über der Linda lag. Unterwegs grüßte eine Kundin.
„Hallo, Frau Damai, das Buch war toll!“
„Danke, das freut mich“, lachte Nele zurück.
Sie war Angestellte bei „Ludwig Saeng Nachfolger“, der größten Buchhandlung der Stadt, die am Linda-Platz gleich in der Nähe der Bücherei lag.
Ihr Handy brummte, sie warf einen Blick hinein.
Es war eine Nachricht vom „Romantik-König“ Richie King. „Göttlich, liebe Frau Damai! Ich bin begeistert von Ihrer Besprechung meines neuen Romans“, schrieb er.
Schon lange betreute Nele den Newsletter der Buchhandlung. Sie hatte daraus den deutschlandweit größten Buchblog mit 25 000 Followern gemacht. Ob Krimi, Fantasy, Historisches oder Reiseliteratur, sie las sehr viel und schrieb rund ums Thema.
Manchmal hatte sie bei „Saeng“ auch zur Aushilfe gejobbt und Kunden bedient. Seit der Trennung von ihrem Mann Amal, die noch ganz frisch war, hatte sie zusätzlich zu dem Newsletter eine Halbtagsstelle als Buchhändlerin im Laden.
Bevor sie die Stadtbücherei betrat, ein Gebäude aus Glasfassaden und Stahlrahmen, warf sie einen prüfenden Blick auf ihr Spiegelbild in einer Scheibe.
„Schick, Frau Damai. Haben Sie einen neuen Haarschnitt? Waren Sie im Urlaub? Sie sind so toll braungebrannt“, tönte es neben ihr. Sie drehte sich um, es war eine Bürgerin aus Lindenburg.
„Ja, ich war beim Friseur und nein, leider nicht im Urlaub, sondern im Solarium.“
„Also, dieses Halblange steht Ihnen. Dazu der Teint und die dunklen Haare. Sie sehen aus wie eine Italienerin. Die Brille ist auch neu, oder? Sehr pfiffig.“
„Herzlichen Dank. Ja, die Brille ist neu“, lächelte Nele.
Seitdem ihr Mann ihr erklärt hatte, ausziehen zu wollen, achtete die 47-Jährige noch mehr auf ihr Aussehen als sonst. Ihre Optik war momentan allerdings das einzige, womit sie zufrieden war. In Nele sah es anders aus, als das gefällige Äußere vermuten ließ, denn ihre Seele war durch die drohende Ehescheidung zutiefst verwundet.
Täglich telefonierte Nele mit ihrer Mutter und schüttete ihr das Herz aus. Die Gespräche waren immer gleich und klangen ungefähr so:
„Ich habe monatelang gespürt, dass Amal nicht mehr zufrieden war. Natürlich habe ich versucht, etwas dagegen zu tun. Aber ich hatte ja keine Chance mehr.“
Eine andere Frau war im Spiel, ihrer beider Freundin Rocky, die nun seine alleinige Freundin war, was Nele sehr verletzte. Amal und Rocky bestritten zwar, etwas miteinander zu haben, sie seien nur „beste Freunde“, aber Nele glaubte es nicht.
„Ich hasse Rocky“, schimpfte sie regelmäßig.
„Das ist die doch gar nicht wert“, pflegte ihre Mutter zu erwidern. Doch Nele konnte sich nicht beruhigen.
Sie hatte panische Existenzangst, weil sie sich nicht vorstellen konnte, als Buchhändlerin in Teilzeit ausreichend zu verdienen. Ebenso schlimm fand sie, dass ihre Tochter Sadhana als Scheidungskind großwerden sollte. Nele war immer so stolz auf ihre kleine Bilderbuchfamilie gewesen und nun war es damit vorbei.
Sie war als Scheidungskind aufgewachsen, da ihre Mutter die Familie wegen eines Archivars verlassen hatte. Daher wusste sie, wie schwierig es war, in einer Scheidungsfamilie zu leben. Sie trug diese Bürde wie einen Rucksack durch ihr Dasein. So etwas wollte sie keinesfalls für ihre Tochter. Ihr Mann, Sohn eines Inders und einer Deutschen, glaubte das nicht so recht. „Ach, Nele, ich hätte mir gewünscht, dass sich meine Eltern hätten scheiden lassen. Es war so schlimm, dieser ständige Streit.“
So etwas erwiderte er, wenn ihn Nele auf die seelischen Schäden von Scheidungskindern aufmerksam machte. Er hielt eine Scheidung in „gewissen Fällen“ für eine gute Sache.
Jeder Aspekt der Trennung war für sich unerträglich, weshalb es in Nele aussah wie auf einem emotionalen Schlachtfeld. Alles war durcheinander, nichts war mehr, wie es sein sollte.
Insofern war sie fest entschlossen, ihren Mann zurückzuerobern. War sie ehrlich zu sich, lag es nicht daran, dass sie ihn in der Ehe so geliebt hatte. Nele und Amal hatten nicht zusammengepasst. Er war einerseits eine Bezugsperson für sie gewesen, ihr andererseits aber auch auf die Nerven gegangen. Oft hatte sie mit ihrer Ehe gehadert. Doch sie hatten nun mal eine Familie gegründet und mussten um ihres Kindes willen verantwortungsvoll beieinanderbleiben. So sah sie es.
Durch den Schock hatte sich Nele noch einmal neu in Amal verliebt. Sie sehnte sich nach den Zeiten zurück, als sie mit ihm in Indien, der Heimat seiner Vorfahren, gewesen war. Das Gefühl basierte vielleicht nur auf gekränkter Eitelkeit, aber es war da.
„Sei doch froh, dass du ihn los bist, den blöden Kerl“, sagte ihre Mutter stets. Nele sah es anders, all ihr Sehnen endete in dem Wunsch: „Ich will ihn zurück.“ Auch wenn es widersprüchlich war, hatte Nele gleichzeitig die dringende Absicht, sich abzulenken und ein Abenteuer mit einem anderen Mann einzugehen. Sie brauchte jemanden, der sie auf andere Gedanken brachte und ihr das zerstörte Selbstbewusstsein zurückgab.
Durch ein Buch wusste sie, dass solch irrationales, wechselhaftes Verhalten zur Trauerphase dazugehörte. „Manche Menschen erkennen sich in solch einer Zeit selbst nicht wieder“, schrieb die Autorin.
Genauso ging es Nele, die Ratgeber verschlang, von denen sie sich Trost und Heilung ihrer Krise erhoffte. Sei es der Titel „So gelingt Liebe“, seien es „Die fünf Stadien der Trennung“ und das Buch „Wie sich Verlassene neu orientieren“ oder ganz allgemein Literatur zur Stärkung des Selbstwertgefühls. Sehr hilfreich waren Titel, die sich mit dem Glück beschäftigten. Seit Nele diese Ratgeber las, schrieb sie Glückstagebuch, was ihr guttat.
Auch ein Buch mit Flirt-Tipps hatte sie in die Hände bekommen. Darin hatte sie gelesen, eine suchende Frau solle einfach mal probieren, allen möglichen Männern in die Augen zu schauen. In Supermärkten hatte sie es da und dort versucht, was mitunter gut ankam.
Im Grunde entsprach ein solches Verhalten in keiner Weise ihrem Typ, sie war eine empfindsame Frau. In jungen Jahren war sie sehr schüchtern gewesen und im Grunde immer noch introvertiert, was sie aber zu überspielen verstand.
Dass Nele nun in solch einer Situation war, war nur die Schuld ihrer ehemaligen guten Bekannten, der nunmehr „besten Freundin“ ihres Mannes! Rocky hatte Amal Mut zugeredet, sich zu trennen, indem sie von ihrer eigenen Kindheit berichtete. Wie sie ihm erzählte, habe sie es in Ordnung gefunden, ein Scheidungskind zu sein.
Mehrfach hatte Nele sie angefleht: Ihr den Mann zu lassen – dem Kind zuliebe.
„Ich will nichts von deinem Mann“, hatte Rocky zu ihr gesagt.
Manchmal ertappte sich Nele bei dem Gedanken, so „mächtig“ wie die angebliche „beste Freundin“ sein zu wollen. Ebenso kalt über das Schicksal einer anderen Frau zu richten. Nele gäbe genauso wenig nach wie Amals „beste Freundin“, sondern sie nähme den Mann und fühlte sich in seinen Augen begehrenswert. Sollte die andere Frau doch sehen, wo sie blieb. Es waren nur Phantasien, Hirngespinste, nicht ernstgemeint.
„Ich würde nie einer anderen Frau den Mann wegnehmen!“ Davon war Nele überzeugt.
Eine Affäre hingegen wäre etwas anderes – so etwas wollte sie gerne probieren und damit schadete man niemandem.
Zurück zur bevorstehenden Lesung in der städtischen Bibliothek. Nele und die freundliche Lindenburgerin öffneten die Tür des Gebäudes und gingen rasch die Stufen hoch in den Lesesaal. Und da stand er, der heimische Autor, der seit Kurzem von sich reden machte und öffentlich auftrat.
Wie Nele wusste, war er verheiratet und hatte vier Kinder. Sie bewunderte seine Familie, auch seine Frau Marthe, die bei der Lesung nicht da war. Sie war eine kühle, hart wirkende Frau, mit silbergrauem Pagenschnitt, blauer Brille, hohen Absätzen und Kostümen in Grau- und Blautönen.
Obwohl es sie gab, war Joseph Brinkmann für Nele der Mann ihres Lebens. Allerdings ahnte sie das damals noch nicht.
Stimmen surrten durch den Raum, in dem die Lesungsbesucher vor Beginn der Veranstaltung noch herumstanden.
„Hallo, Frau Damai, möchten Sie ein Glas Sekt? Sie können auch Orangensaft haben“, empfing sie die Bibliothekarin.
„Sehr nett, aber nein, danke“, lehnte Nele lächelnd ab und wandte sich Joseph Brinkmann zu.
Sie musste ihren Mut zusammennehmen, ihre Hände wurden feucht. Er sah gut aus, obwohl er sicherlich einige Jahre älter war als sie. Mitte 50 vielleicht. Schwarze Haare, weiß-grau meliert, umspielten sein Gesicht, die Augen schimmerten grün, so wie ihre. Er war groß und leicht übergewichtig, ein kräftiger Typ. Nele war klein, kurvig und mit einem üppigen Dekolleté gesegnet. Den meisten Männern gefiel das.
„Damai, guten Morgen“, sagte sie.
„Brinkmann, freut mich“, erwiderte er aufgeräumt.
„Ich komme für die Buchhandlung Saeng und möchte einen Blogbeitrag über Ihre Lesung schreiben.“
„Oh, das ist ja toll, das freut mich sehr. Darf ich einen Platz für Sie suchen, wie wäre es mit diesem hier? Haben Sie schon etwas zu trinken?“
„Der Platz ist super, danke schön. Etwas trinken möchte ich nicht.“
Sie riskierte einen vorsichtigen Blick in sein Gesicht, er lächelte sie gewinnend an. Schon immer war er nett zu ihr gewesen. Oberflächlich kannte sie ihn bereits Jahre durch gelegentliche Begegnungen im Bio-Markt oder in der Buchhandlung mit seiner kühlen, schlanken Frau Marthe, die als angestellte Rechtsanwältin in Teilzeit arbeitete. Sie hatte schon ein paarmal netten Small Talk mit ihm geführt, mehr nicht.
Nele hatte nicht direkt Angst davor, Annäherungsversuche zu unternehmen, doch sie war nach so vielen Jahren Ehe völlig aus der Übung. Nun aber stand sie massiv unter Druck, die Einschnitte in ihrem Leben waren so gravierend, dass sie den Flirt versuchen musste.
Sie probierte, Augenkontakt aufzunehmen, doch nun guckte er weg. Er war offenbar nervös und trat von einem Fuß auf den anderen. Gleich läse er aus seinem Werk. Nele beschloss, das Ende seiner sicher anspruchsvollen Prosa abzuwarten und es anschließend noch einmal zu versuchen.
Und das tat sie, als das spärliche Publikum nach und nach ins Bücherei-Café ging und sich die Szene etwas auflockerte.
Als er allein vor der Kulisse der Regale stand, schaute sie ihm fest in die Augen und lächelte ihn an. Zunächst guckte er nur ausdruckslos zurück, dann öffnete sich sein Mund leicht und erstaunt. Seine Augen weiteten sich und begannen zu glänzen, seine Mundwinkel hoben sich, er zeigte die Zähne und strahlte Nele an. Ihre Avancen gefielen ihm offensichtlich. Nele war geschmeichelt, dass ihr Flirtversuch bei ihm ankam. Gleichzeitig war sie überrascht, dass die Wirkung so durchschlagend war, denn er hatte ja eine Frau. Sekundenlang schauten sie einander an. Als sie sich verabschiedete, strich er ihr über den Rücken.
„Tschüs und ganz lieben Dank für Ihren Besuch. Ich habe mich sehr gefreut“, raunte er.
Sie hatte Chancen. Aber er war doch verheiratet. Waren Ehemänner wirklich so leicht rumzukriegen? Was war sie bisher naiv gewesen. Gut, dass er kein Langweiler war.
Es klirrte, als Nele Gläser und Teller auf ein Tablett stellte und zum Wohnzimmertisch trug. Dort dufteten bereits der indische Gewürztee und der Bienenstich, den sie frisch beim Bäcker gekauft hatte. An diesem Nachmittag erwartete sie den Besuch ihrer alten Schulfreundin Lisa, mit der sie in der letzten Zeit wieder etwas mehr Kontakt hatte. Lisa hatte eine kleine Tochter, die mit Sadhana spielen wollte. In ihrer gebeutelten Situation nahm Nele gern die Gelegenheit für Treffen wahr, daher hatte sie den Nachmittag freigehalten.
Sie saß gerade noch am Schreibtisch ihres Arbeitszimmers. Gedankenverloren sah sie durch das Fenster auf die Fachwerkhäuser, die sich an der gegenüberliegenden Straßenseite aneinanderreihten. Den Newsletter der Buchhandlung „Saeng Nachfolger“ musste sie noch versenden, bevor die Freundin eintraf.
Als Buchhändlerin war es sehr schwierig, gutes Geld zu verdienen, allemal mit einer Teilzeitstelle wie Nele sie hatte. Der Tarif orientierte sich am Einzelhandel und war niedrig, egal, wie erfolgreich ihr Newsletter oder ihr Blog waren. In Lindenburg, einer Stadt in Hessen, war das geringe Gehalt ein Problem, da die Mieten durch die Nähe zu Frankfurt sehr hoch waren. Nele hatte Glück, erst kürzlich in den Bereich des Marktplatzes gezogen zu sein – die Miete war nicht überteuert, aber fiel ins Gewicht. Gleich, wie genügsam sie war, sie musste regelmäßig aufpassen, nicht ins Minus zu rutschen. Nachts lag sie wach und grübelte. „Wenn die Waschmaschine kaputtgeht! Oder das Auto!“ Durch eBay-Verkäufe versuchte sie, ein kleines Polster zusammenzusparen, aber es war mühsam.
Vormittags stand Nele meistens im Geschäft, nachmittags bloggte sie für das Unternehmen. Vorgabe war, alle zwei Tage einen Titel aus dem Sortiment zu besprechen, wobei die Sparten wechselten. Seit neuestem sollte sie auch über heimische Autoren und Lesungen in Lindenburg berichten, wie nun über Joseph Brinkmann.
„Saeng’s Buchpost“ hieß Neles Blog. Die Arbeit daran konnte sie weitgehend von zu Hause erledigen. Das war sehr praktisch, denn so hatte sie ihre Tochter meistens im Blick.
Sadhana war knapp elf Jahre alt, ein zierliches Mädchen mit langen schwarzen Haaren und klein für ihr Alter. Sie war eine gute Schülerin, spielte gern mit ihrem Puppenhaus und hatte ansonsten nur ein einziges Hobby: Lesen. Eines Tages wollte sie in Neles Fußstapfen treten und ebenfalls Buchhändlerin werden. Nele brachte ihr regelmäßig Rezensionsexemplare aus der Kinderbuchabteilung mit, die Sadhana regelrecht verschlang. Auch jetzt steckte sie die Nase in ein Buch.
„Wann kommen die denn, Mama?“, rief sie.
„Eigentlich müssten sie schon da sein“, antwortete Nele, als es auch schon klingelte.
„Hallo, Lisa, hallo, Liv! Liv, geh ruhig schon mal zu Sadhana ins Zimmer. Du, Lisa, ich bin noch nicht ganz fertig mit meinem Text. Ein paar Minuten brauche ich noch“, begrüßte sie den Besuch.
Während sie die letzten Schritte ausführte, um den kleinen Bericht über Joseph Brinkmanns Veranstaltung zu verschicken, erzählte sie ihrer Freundin Lisa von ihrem überraschenden Erlebnis.
„Stell dir mal vor, ich war heute bei einer Lesung. Und weißt du, was ich gemacht habe? Ich habe mal versucht, dem Autor in die Augen zu schauen, um zu testen, ob ich so was noch kann“, kicherte sie.
Lisa lächelte. „Und?“
„Ich dachte, das gibt’s doch nicht. Der schaute zurück und schaute und schaute und hörte gar nicht mehr auf. Dann hat er mich sogar berührt.“
„Wie spannend. Siehst du Nele, du musst gar nicht so traurig wegen deiner Scheidung sein. Es geht im Leben immer weiter.“
„Der Kracher ist ja, der Typ ist verheiratet.“
„Wie bitte?“
„Ja. Ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass sich verheiratete Männer so verhalten. Ich glaube, ich war bisher sehr naiv.“
„Ha, ha, ha. Das ist wirklich heftig. Aber es ist doch schön, dass du Aussichten hast.“
Das fand Nele auch. Weiter beschäftigte sie sich aber nicht mit Gedanken an den gutaussehenden Joseph. Bis er sie anrief. Zwei Tage später.
„Damai“, meldete sie sich.
„Brinkmann, hier. Geht’s dir gut? Oder Ihnen? Ich weiß gerade gar nicht, sind wir nicht eigentlich per du?“ Was für ein Tempo, Nele war perplex.
„Kein Problem, gerne.“
„Freut mich, ich bin der Joseph. Du, Nele, ich habe eine Idee.“ Ihr Herz schlug schneller.
Er fragte, ob sie das Literaturfestival seines Schreibvereins besuchen wolle, einer Vereinigung heimischer Autoren. Mann, ging der ran!
„Bei unserem Festival machen Erwachsene mit, diesmal aber auch einige Jugendliche“, erzählte er. Außer Joseph war beispielsweise seine 13-jährige Tochter dabei. „Du könntest zwei Stunden vor der Generalprobe kommen, Nele, und dich mit den jungen Autorinnen unterhalten.“
„Okay? Worüber denn?“
„Über die Berufsaussichten im Buchhandel. Die Mädchen sind so literaturaffin. Es wäre ein riesiger Motivationsschub, Persönlichkeiten aus der Branche kennenzulernen. Sicher fänden sie es spannend, über die Möglichkeiten eines Praktikums zu reden“, erläuterte er. Anschließend sollte sich Nele die Lesungen der Vereinsmitglieder anhören.
„Das ist sicher nur ein Vorwand, um mich zu treffen“, dachte sie. Dagegen hatte sie aber nichts einzuwenden, daher sagte sie zu.
Es war nicht das erste Mal, dass Nele Joseph als Affäre in Erwägung zog. Wenige Monate, bevor ihr Mann seine Trennungsabsichten bekanntgab, war ihr sehr trist in der Ehe zumute gewesen. Sie hatte die Beziehung nicht in Frage gestellt, sich aber nach einer Liebesgeschichte gesehnt, um noch einmal etwas Romantisches zu erleben.
Nele inspirierte damals eine triviale, aber spannende Fernsehserie, die eine Art Romeo- und Julia-Geschichte zum Inhalt hatte. Die Hauptdarstellenden kamen einfach nicht zusammen, obwohl sie ineinander verliebt waren. Nele schaute täglich eine Folge. Während sie über eine mögliche Liebschaft in ihrem eigenen Leben nachdachte, war sie die Männer durchgegangen, die sie kannte.
„Wie wäre es mit Joseph Brinkmann?“, hatte sie überlegt.
Er und seine Frau passten äußerlich nicht zusammen, da er gut aussah und locker war, sie hingegen kalt, steif und hölzern wirkte. Was die Ideale anging, harmonierten sie – sie waren familiär. Joseph verkörperte das Bild eines geborenen Familienvaters und war einer der Organisatoren des jährlichen städtischen Familienfestes. Das Ehepaar und seine Kinder wirkten wie aus dem Bilderbuch. „Aber vielleicht ist er nach der langjährigen Ehe mit seiner Frau gelangweilt? Sie ist recht fade – vielleicht ist er für weibliche Reize ansprechbar?“ Das hatte Nele vermutet und offenbar richtig gelegen.
Joseph kam aus dem tiefsten Oberbayern. Als sie während einer telefonischen Buchbestellung vor Monaten einmal miteinander gesprochen hatten, erzählte er eloquent über Thomas Mann, der nach seiner Lübecker Zeit zum Münchner und somit pro forma zum Oberbayern geworden war. Nele war sehr beeindruckt gewesen. Bei diesem Gespräch erfuhr sie am Rande von Josephs bayrischer Herkunft.
„Dass Sie Bayer sind, hätte ich nicht gedacht“, merkte sie damals an. Weder trug er Trachtenjacken, noch sprach er Dialekt. Insgeheim war Nele sehr für bayrische Männer zu haben, da sie als junge Studentin aufregende Partner aus Garmisch und Rosenheim gehabt hatte. Ihrer Meinung nach waren das echte Kerle.
Sie dachte an ein Tanzfest zurück, als sie vor Jahren in Bayern Ländler getanzt hatte. Es war ein heiterer, schöner Nachmittag voller Flirt und Leichtigkeit gewesen. Wie es wohl wäre, mit Joseph zu tanzen?
Am Tag der Probe nun für das Literatur-Festival machte sie sich zurecht.
„Wie sehe ich aus, Sadhana?“, fragte sie ihre Tochter.
„Das Oberteil ist doof“, meinte Sadhana.
Nele zog die Bluse aus und streifte ein hellblaues tailliertes T-Shirt mit Ausschnitt über. Dazu trug sie Absatzschuhe und eine dreiviertellange Jeans.
„Ist okay“, meinte ihre Tochter gelangweilt.
Ein wenig nervös ging Nele in das Kulturzentrum Windmühle, das am Platz der ehemaligen Getreidemühle in der Lindenstraße stand. Wie besprochen war sie zwei Stunden vor Veranstaltungsbeginn da.
Als sie in den Vorraum kam, der kühl war und im Halbdunkel lag, sah sie Joseph gleich. Schon war er bei ihr und versuchte sofort, anzubandeln.
„Hallo, Nele, wie schön, dass du da bist. Na, wie geht’s dir?“ Er stupste sie mehrfach und küsste sie auf die Wange. „Komm, lass dich mal drücken.“
Das war aber plump! Seine 13-jährige Tochter war im Raum. Nele reagierte etwas verhalten.
Joseph lud sie ein, in den Freibereich des Restaurant-Cafés zu kommen, sobald sie das Gespräch mit den Nachwuchsautorinnen abgeschlossen hatte.
„Dann können wir uns unterhalten“, erklärte er.
Sie hoffte, dass er bei diesem Treffen nicht wortkarg wie die meisten Männer war. Auf ein langweiliges Gespräch hatte Nele keinerlei Lust – aber sie hatte ein Ziel: Ablenkung von ihrem Trennungskummer. Insofern würde sie sich auf das kleine Tête-à-Tête einlassen, zur Not auch mit einer Trantüte.
Als sie und die Mädchen zu Ende geredet hatten, setzten sich Joseph und Nele unter einen Sonnenschirm und begannen zu plaudern. Vor ihnen standen Gläser mit Mineralwasser und Zitronenscheiben. Er war erfreulicherweise alles andere als langweilig dabei. Ein so eloquenter Mann, mit dem es richtig Spaß machte, zu kommunizieren. Und er sah wirklich gut aus. Sein Hemd ließ genauso viel frei, dass sie seine dichte Brustbehaarung sehen konnte.
Das Gespräch, das sie führten, war anregend. Der Buchhandel interessierte ihn, ihr Berufsstand schien ihn zu faszinieren.
„Ich liebe es, mir Literatur empfehlen zu lassen. Das ist etwas so Schönes“, sagte er. Er wollte alles Mögliche wissen. „Wie ist das, kaufen die Leute eher Titel, weil sie in der Auslage liegen oder weil das Personal etwas empfiehlt?“
„Wir haben schon einigen Einfluss“, erläuterte Nele. Viele Kunden wüssten, was sie wollten oder stöberten alleine herum. Für diese Zielgruppe war die Gestaltung der Auslagen sehr wichtig. „Es gibt aber auch den Personenkreis, den die Empfehlung interessiert und der seinen Kauf daran ausrichtet“, fuhr sie fort. Der Newsletter und der Blog brachten ebenfalls eine Menge.
Nele erzählte von ihrem Chef, dem Geschäftsführer, der eine Art Bezugsperson für sie war und der ihr in vielen Dingen freie Hand ließ. Herr Matthes war fünf Jahre älter als sie, ein Mann mit roten Haaren, Bart, O-Beinen und Bauch. Neles Typ war er nicht, aber er hatte eine väterliche, sachliche und beruhigende Art, die ihr guttat. Er hielt viel von ihr, traute ihr eine Menge zu und führte Fachgespräche mit ihr. Sie war so etwas wie seine rechte Hand, auch wenn sie nur Teilzeit arbeitete. Er war ein geachteter Buchhändler, den viele Menschen in der Stadt kannten und respektierten. Nele war stolz auf den guten Draht, den sie zu diesem Mann hatte. „Ich mag ihn wirklich sehr“, sagte sie.
Mit Joseph sprach sie auch über Richie King, den 32-jährigen Lindenburger Schriftsteller, der als „König der Romantik“ sehr erfolgreich war. Nele verstand sich gut mit Richie. Er wickelte sie mit Freundlichkeit und manchmal auch einem kleinen Präsent ein, aber mehr als eine Freundschaft war es nicht.
„Ich weiß nicht, ob er ein guter Autor ist – bin da gespalten“, sagte Joseph und zog die Stirn kraus.
Nele zuckte die Achseln. „Er ist unterhaltsam. Sicher schreibt er keine große Literatur, aber es kommt gut an.“
„Du bloggst auch viel über ihn und ihr legt sehr viele seiner Titel aus, stimmt’s? Ist er ein Flirt von dir? Ich sag dir, der hat dich ganz schön im Griff. Im Schreibverein tratschen manche darüber“, schmunzelte Joseph.
Nele lachte. „Sicher nicht – der ist mir doch viel zu jung. Ich mag ihn einfach und seine Bücher werden gerne gelesen.“
Sie wusste, dass manche Leute über sie und Richie redeten, doch es interessierte sie nicht allzu sehr. Richie King war nett, aber als Mann einfach nicht ihr Fall. Er war ihr auch viel zu schlaksig.
Nele liebte es, über ihren Job zu sprechen – ihr Ehepartner Amal hatte darüber bedauerlicherweise nie etwas hören wollen.
Joseph Brinkmann hatte es beruflich mit einer weitaus trockeneren Materie zu tun, denn er war Bankkaufmann in Frankfurt. Um etwas zum Ausgleich zu tun, schrieb er nebenbei. „Anfangs habe ich gehofft, dass ich schnell einen Bestseller lande“, erzählte er mit einem Lachen.
Bald aber habe er gemerkt, wie schwer es sei, als Autor bei einem Verlag unterzukommen. Insofern schrieb er nur noch aus Spaß, wie er schilderte. Der Schreibverein, dem er angehörte, verlegte die Bücher in kleiner Auflage als Privatdrucke.
Nele hörte gespannt zu und stellte insgeheim fest: Er war tatsächlich ein Kerl nach ihrem Geschmack.
„Sagst du mal was auf Bayrisch?“, bat sie ihn. Er überlegte.
„Es gibt nix Bessas wia wos Guads“, sagte er und schaute verschmitzt an ihr auf und ab.
Nele lachte begeistert. Auch wenn ihr seine kleinen Seitenhiebe auf den Kollegen Richie King nicht hundertprozentig gefielen, war sie am Ende des Gesprächs von ihm überzeugt. Mit diesem Mann wollte sie ein Abenteuer haben.
Aber wie sah es umgekehrt aus? Nach der Probe suchte Nele Joseph hinter den Kulissen und fand ihn auch. In einer Fensternische stand er mit zwei Schreibverein-Kolleginnen zusammen und ließ die Gläser klirren. Sie lachten und tranken Sekt, weil alles gut geklappt hatte. Joseph hatte fantastisch gelesen. Er lächelte, als er sie sah.
„Hast du noch eine Frage?“, wollte er wissen.
„Nein, eigentlich nicht.“
Im Grunde erwartete sie, dass er sie nach draußen begleitete und ihr zumindest einen Kuss gab. Aber nichts dergleichen geschah, er trank Sekt mit den zwei anderen Frauen.
„Danke, dass du da warst, komm gut nach Hause“, sagte er.
Nele fühlte sich wie ein begossener Pudel, das hatte sie sich anders vorgestellt. Sie war völlig ernüchtert, ihre Erwartungshaltung sank von 100 auf null. Nachdem er sie in der Stadtbücherei so intensiv angeschaut, gestreichelt und anschließend zeitnah angerufen hatte, war sie fest davon ausgegangen, dass er Absichten hatte. Kurz sprach sie einen anderen Mann an, um nicht ergebnislos nach Hause zu müssen, aber nach wenigen Sätzen kehrte sie ihm schon den Rücken und ging. Was passiert war, ärgerte Nele.
„Der hat wohl plötzlich das Interesse verloren“, dachte sie.
So etwas hatte sie früher schon ab und zu erlebt. Ein Mann zeigte Ambitionen, sie fühlte sich gut und begehrenswert in seiner Gegenwart – aber er war plötzlich nicht mehr geneigt. Ein herbes Erlebnis hatte sie vor Jahren bei der Party einer Freundin gehabt.
„Mein Kumpel Christian ist gerade solo, Nele. Er sucht eine neue Partnerin und ist sehr neugierig darauf, dich kennenzulernen“, hatte ihre Freundin gesagt.
Nele saß am Gartentisch und fühlte sich entspannt. Als der Mann kam, war er wirklich sehr aufmerksam. Er setzte sich sofort zu ihr, durchbohrte sie mit Blicken und begann ein Gespräch. Man merkte, Nele gefiel ihm, was auch ihr gefiel. Sie lächelte und plauderte angeregt mit ihm. Dann, von einer Sekunde auf die andere, wandte er sich ab. War nicht mehr zugänglich. Nicht, dass sie besonders erpicht auf ihn gewesen wäre, aber es war eine Kränkung.
Sicher hatte auch Joseph Brinkmann irgendetwas an ihr entdeckt, das ihm nicht gefiel. Sie tippte auf ihre etwas zu breiten Schultern und die fünf Kilo zu viel.
„Das hat nichts zu bedeuten“, versuchte sich Nele einzureden. Sicher war er noch interessiert, aber bei diesem Date hatte es sich schlichtweg nicht ergeben.
Doch sie fragte sich, wie es mit ihm und ihr weitergehen sollte?
„Nach so einem Abend wäre ich wahnsinnig, ihm hinterherzulaufen. Das kommt nicht in Frage“, sagte sie sich. Schade, es hatte so vielversprechend angefangen. Sie grämte sich drei Wochen lang, dann aber gelang es ihr, Joseph Brinkmann zu vergessen. Dieser Moment war gekommen, als sie zufällig die Frau des attraktiven Autors in der Lindenburger Einkaufsmeile traf.
„Hallo, Marthe.“
„Hallo, Nele.“
Marthe hatte ihren jüngsten Sohn dabei, einen Nachzügler des Ehepaars, das ja schon Mitte 40 und 50 war. Kurz blieb Nele stehen und unterhielt sich mit ihr am Rand eines Springbrunnens, wo das Kind, gehalten von Marthe, die Händchen ins Wasser hielt.
„Wie alt ist er denn?“, fragte Nele.
„In zwei Monaten wird er drei.“
Glucksend spritzte der Kleine Nele Wasser entgegen.
„Ui, du kannst aber gut mit Wasser spritzen“, lachte sie. Seine vertrauensvolle Art fand sie so süß und die Ehefrau trotz ihrer steifen Art so nett, dass sie sich solidarisierte. Keinesfalls würde sie etwas mit deren Mann probieren.
„Frauen müssen zusammenhalten“, dachte sie.
Kaum hatte sie nun Joseph aus Kopf und Herz verbannt, als sich auch schon die Gedanken an ihren Mann Amal erneut einstellten. Das Chaos, das ihre Scheidung mit sich brachte, löste nach wie vor ein ständiges Wechselbad der Gefühle in Nele aus. Amal immer wieder zu bitten, zurückzukommen, half aber nichts. Er blieb stur. Nele las daher die Ratschläge eines Liebesdoktors im Internet.
„Geben Sie sich als verlassene Person so, als seien Sie nicht mehr interessiert. Gelassene Gleichgültigkeit ist letztlich das, was Ihren scheidenden Partner wieder ins Nachdenken bringt und eine Sehnsucht in ihm weckt“, empfahl der Liebesdoktor.
Diese Strategie fiel ihr schwer, war aber besser, als ihren Mann anzubetteln. Den Durchbruch brachte es nicht. Schließlich bestellte sie ein Buch aus USA „How to get your lover back“ von Blase Harris, das auf einem anderen System basierte.
„Zeigen Sie Liebe und Wohlverhalten. Werben Sie charmant und vergessen Sie nie: Eifersucht und Vorwürfe sind kontraproduktiv“, hieß es sinngemäß darin.
Wie Nele feststellte, funktionierte dieses liebevolle Konzept vergleichsweise am besten. Sie warf ihrem Mann Schokolade und Liebespost in den Briefkasten seiner neuen Wohnung. Auch gab sie sich interessiert an Zärtlichkeiten. Das nahm er nur zu gerne an.
„Was ist mit dir und Rocky?“, fragte sie ihn eines Abends. Er zuckte die Achseln. „Wieso, was soll sein? Rocky ist meine beste Freundin und das wird sie auch bis an unser Lebensende bleiben.“
Nele biss die Zähne aufeinander und war stolz, dass sie nicht explodierte. Das Verhältnis zwischen ihr und Amal besserte sich etwas, doch ob er wieder für mehr offen war, schien undurchsichtig.
„Gestern hatte ich schon meinen Koffer gepackt und stand fast vor der Tür“, gestand er ihr einmal.
„Ja, und? Wieso hast du’s nicht gemacht?“
„Ich habe Rocky gefragt, was ich tun soll. Sie meinte: ‚Das kann ich dir auch nicht sagen. Ich weiß nicht, ob es richtig ist.‘ Da habe ich die Koffer wieder ausgepackt.“
Nele und Amal hatten Rocky ein Jahr zuvor kennengelernt, als sie beschlossen, sich ein neues gemeinsames Hobby zuzulegen. Seit Jahren machten sie Yoga zusammen, nun aber hatten sie die Idee, Bridge zu spielen.
Rocky gab Kurse im Bridgeclub Lindenburg, sie hatten sich miteinander befreundet und manchmal zu dritt etwas unternommen. Vor allem Nele und Rocky verstanden sich gut, trafen sich oft zum Kaffeetrinken und telefonierten miteinander. Nele hatte Rocky vertraut und ihr viel erzählt, auch über ihre Eheprobleme.
Eines Tages traf sie fast der Schlag, als sie die Jackentaschen ihrer Lieben von zerknüllten Papiertaschentüchern befreien wollte. In Amals Jacke steckte ein kleiner Brief von Rocky.
„Mein Herz-Bube, ich habe dich so wahnsinnig gern. Es war ein wunderbarer Abend mit dir – deine Rocky.“
Als Amal nach Hause kam, stellte ihn Nele zur Rede.
„Was ist das? Hm?“ Anklagend hielt sie ihm Rockys Liebesbotschaft hin, doch Amal drehte sofort den Spieß herum.
„Schnüffelst du etwa in meinen Taschen?“, fauchte er. Er stritt alles ab und behauptete, der Zettel sei kein Liebesbrief.
„Herz-Bube, das sagt man eben im Bridge, es hat nichts zu bedeuten. Es stimmt, ich habe mich in Rocky verliebt. Aber sie hat mir gleich reinen Wein eingeschenkt und mir gesagt, dass aus uns nichts wird. Sie will meine beste Freundin sein – und weißt du was? Dieses Angebot nehme ich an. Dagegen wirst du nichts haben, oder?“
Er gestand ihr, dass er sich scheiden lassen wolle. „Ich wollte es dir schon lange sagen. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, denn ich habe keine Gefühle mehr für dich. Es tut mir leid. Allerdings hat sie nicht das Geringste damit zu tun.“
So sah es auch Rocky, als Nele sie anrief.
„Zwischen ihm und mir ist nichts. Ach, Nele, du kennst mich doch. Du weißt doch, dass ich manchmal so lustige Sachen sage. Was meinst du, wie viele Männer ich ‚Herz-Bube‘ nenne. Das sagt man im Bridge ganz oft, genauso wie ‚Herz-Dame‘.“
Nach diesem Telefonat war die bis dahin so gute Freundschaft vorbei. Nele glaubte Rocky kein Wort. Sondern sie hegte den schlimmen Verdacht, dass sie sich nur mit Nele befreundet hatte, weil sie hinter Amal her war. Noch niemals zuvor hatte sie solch eine verlogene Frau getroffen. Immer wieder erklärte ihr Rocky: „Du bildest dir alles nur ein. Ich bin eine glückliche Single-Frau. Amal und ich sind nur beste Freunde.“
Rocky genoss es unendlich, Neles Mann wegen seiner Trennungsabsichten zu „beraten“. Ob es um die Wohnungssuche, um das Sorgerecht oder den Unterhalt ging, Rocky informierte sich und gab Amal Tipps. Dass er sie intensiv umwarb, schmeichelte ihrem Ego. Mit ihrem Kopf wie eine Wassermelone und einem ausladenden Bierbauch hatte diese ungepflegte Medusa die glühende Verehrung eines Mannes vermutlich noch nie erlebt.
„Wie diese Frau aussieht! Das kann doch nicht sein, dass Amal so etwas will“, schimpfte Nele, wenn sie mit ihrer Mutter telefonierte.
„Nele, stopp. Sei vorsichtig, du weißt nicht, wie die funkt. Auf das Aussehen kommt es nicht an – und wer weiß, vielleicht findet Amal üppige Frauen ja gut. Die Vollschlanken sind oft sehr sinnlich“, sagte die Mutter.
„Vollschlank? Ich habe mich wohl verhört!“, regte sich Nele auf.
Optik hin oder her: Rocky war vor allem innerlich hässlich. Es machte ihr anscheinend Spaß, Schiedsrichterin über das Leben einer anderen Frau und deren Kind zu sein.
Nele hasste sie so sehr, dass sie Mordphantasien hatte. Der Rivalin auflauern und ihr etwas antun – dieses Bild tauchte immer und immer wieder vor ihrem geistigen Auge auf.
Es ging ihr nicht einmal so sehr um sich und ihr eigenes Schicksal, sondern um die zerstörte Kindheit ihrer Tochter Sadhana. Jahrelang hatte sich Nele mit der Erziehung Mühe gegeben, versucht, das Optimale für ihren Nachwuchs zu tun. Nur, damit eine andere Frau kam und ihre Bemühungen in den Staub trat.
Sadhana litt sehr unter der Trennung ihrer Eltern. Nele konnte sich noch genau an den Moment erinnern, als sie und Amal es ihrer Tochter sagten.
„Mäuschen, Mama und Daddy müssen mal mit dir sprechen.“
„Okay?“
„Du weißt ja, dass Mama und Daddy dich über alles liebhaben und immer für dich da sind.“
„Ich hab‘ euch auch lieb.“
„Allerdings ist es so, dass Daddy ausziehen wird. Mama und Daddy finden sich trotzdem weiterhin nett, aber sie wollen eben nicht mehr zusammenleben. Für dich wird sich nichts ändern, jedenfalls nicht viel.“
Sadhana machte große Augen, dann blickte sie auf den Boden.
„Schau, Sadhana, wenn Daddy eine neue Wohnung hat, bekommst du ein zweites Zimmer. Ist das nicht toll?“
„Nein, das finde ich doof. Daddy soll bleiben“, sagte Sadhana und weinte. Amal nahm sie in den Arm.
„Daddy hat dich ganz doll lieb, du bist mein Liebstes. Warte nur, bis du dein neues Zimmer siehst. Weißt du was? Am Samstag fahre ich mit dir einkaufen – dann kannst du dir die Möbel aussuchen“, sagte er.
„Wunderbar, ich komme mit und berate euch“, sagte Nele mit gespielt fröhlicher Miene.
Amal gab keine Antwort und fuhr allein mit seiner Tochter zum Möbelkaufen. Nele hoffte, dass Rocky nicht mitkäme, aber das war vermutlich nur ein frommer Wunsch. Zum Glück war Amal weiterhin ein guter Vater für Sadhana, er betreute seine Tochter liebevoll und zahlte zuverlässig den Kindesunterhalt. Was das anging, hatte Nele schon von anderen Fällen gehört.
Nun, wenige Monate nach dieser Szene, hegte sie schwerste Rachegedanken gegen die Intrigantin Rocky. Nele wusste allerdings, dass sie nicht morden durfte. Sie wäre sofort verhaftet worden und ins Gefängnis gekommen. Die Strafverfolgungsbehörden hätten sicherlich keine Nachsicht walten lassen.
Das ging aber nicht, sie musste sich um Sadhana kümmern.
Außerdem glaubte sie an Gott – Mord und Totschlag waren damit nicht zu vereinen.
Objektiv wusste sie: „Ich habe kein Recht auf Amal. Er ist ein freier Mensch und kann gehen, mit wem auch immer er will.“