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Isabella, alleinerziehende Mutter, hat mal wieder Pech in der Liebe. Der neue Lover betrügt sie schamlos. Als wäre das nicht schlimm genug, gerät sie in einen Strudel tödlicher Ereignisse. Ein missgünstiger Nachbar, der sie zu erpressen trachtet. Ein überaus anhänglicher Freund, der ihr hilft, die Probleme vermeintlich zu lösen. Ein Anwalt, den sie stillhalten muss. Liebenswerte, aber eigenwillige tierische Gefährten. Und zu guter Letzt ein Kommissar mit wunderschönen Augen – sie alle tragen dazu bei, dass Isabellas Welt aus den Fugen gerät.
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Seitenzahl: 282
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Pia Gabrielly
Wenn die Blümlein schlafen
Kriminalroman
Wenn die Blümlein schlafen
1. Auflage 2024
© 2024 Pia Gabrielly
Lessingstr. 1
61231 Bad Nauheim
Kontakt: [email protected]
www.schreiben-in-bad-nauheim.de
Cover: Petra Ihm-Fahle mit Canva
Buchsatz/Layout: Petra Ihm-Fahle
Herstellung: epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ohne Zustimmung der Autorin ist unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen ist rein zufällig.
Das Lied „Die Blümelein, sie schlafen“ veröffentlichte erstmals Anton Wilhelm von Zuccalmaglio (1803–1869).
Ich danke meinen Schwestern Irina und Corinna für ihre Anregungen und Ideen. Irina hat mich vor 28 Jahren bestärkt und ermuntert, diesen Roman weiterzuschreiben. Corinna wollte das Manuskript kürzlich noch einmal lesen und brachte mich dadurch auf die Idee, das Werk zu vollenden. Katja Bohn-Schulz und Margit Seibel danke ich ebenfalls herzlich für ihre Anregungen und hilfreichen Tipps.
Bad Nauheim, im Sommer 2024
Inhalt
Impressum
Danksagung
Prolog
Kapitel 1
Man sieht wohl, wes Geistes Kind er ist
Kapitel 2
Ein wenig Verwandtschaft …
Kapitel 3
Freien ist so süße …
Kapitel 4
Ich esse, was ich mag und leide, was ich muss!
Kapitel 5
Was soll das bedeuten?
Kapitel 6
Dem Gewissen kann man keinen Affen drehen
Kapitel 7
Wo die Liebe hinfällt, da bleibt sie liegen, und wär es ein Misthaufen!
Kapitel 8
Kurzes Lied ist bald gesungen!
Kapitel 9
Das dicke Ende kommt nach!
Kapitel 10
Aus Liebe kann schnell Hass werden
Kapitel 11
Wenn ein Unglück sein soll …
Kapitel 12
Es ist doch manche Frage, die ihre Antwort nicht hat
Kapitel 13
In einem tiefen Grunde
Kapitel 14
Je dunkler die Nacht, desto schwärzer der Morgen
Kapitel 15
Wer kein Geld hat, muss mit der Haut bezahlen
Kapitel 16
Bündnis macht die Schwachen stark 1
Kapitel 17
Aus einem Loche muss es doch heraus
Kapitel 18
Was du nicht ändern kannst
Kapitel 19
Bündnis macht die Schwachen stark 2
Kapitel 20
Gute Geschichte, schlechte Geschichte
Kapitel 21
Bündnis macht die Schwachen stark 2
Kapitel 22
Die Not gebiert manche Mordsidee
Kapitel 23
Fast wie im richtigen Leben
Kapitel 24
Der Wein ist kein Narr, macht aber Narren
Kapitel 25
Schmach sucht Rache 1
Kapitel 26
Schmach sucht Rache 2
Kapitel 27
Hausmannskost schmeckt wohl
Kapitel 28
Viel Untat, viel Unrat
Kapitel 29
Es stirbt keine Sau an einem unsauberen Trog
Kapitel 30
Wer in der Truhe liegt, ist wohl gebettet
Kapitel 31
Man muss das Spiel verstehen
Kapitel 32
Betrunkene sprechen die Wahrheit
Kapitel 33
Der Schock kommt wie ein Paukenschlag
Kapitel 34
Den Hund schickt man nicht nach Bratwürsten
Kapitel 35
Lügen, dass sich die Balken biegen
Kapitel 36
Das Reisen kostet Geld …
Kapitel 37
Man muss das Spiel verstehen 2
Kapitel 38
Paris ist eine Reise wert
Kapitel 39
Den ersten Tag ein Gast,
den zweiten eine Last,
den dritten stinkt er fast
Kapitel 40
Eifersucht schafft Leiden
Kapitel 41
Schockschwerenot!
Kapitel 42
Wo der Schlüssel nicht hängt
Kapitel 43
Wüsste man, was der Morgen bringt
Kapitel 44
Wer den Schaden hat
Kapitel 45
Raum ist in der kleinsten Hütte
Kapitel 46
Den Zorn bezwingen
Kapitel 47
Immer was Neues, aber selten was Gutes
Kapitel 48
Besser ein Ende mit Schrecken
Kapitel 49
Wer das Übel flieht, den verfolgt es
Kapitel 50
Rache ist Blutwurst
Kapitel 51
Ein Wolf frisst den anderen
Kapitel 52
Aufklärung tut Not
Kapitel 53
Trau, schau, wem
Kapitel 54
Der Himmel ist schwer zu verdienen
Kapitel 55
Späte Reu
Kapitel 56
Von allen Hunden gehetzt
Kapitel 57
Ende gut, alles gut?
Epilog
Die Autorin
Der Traum verfolgte mich jede Nacht, wieder und immer wieder. Ich betrat eine Metzgerei und schaute mir die einladende Auslage an – Wurst, Fleisch und Geflügel lagen einträchtig und verlockend nebeneinander. Mortadella mit Pistazien, gerollter Schweinebauch, eingelegter Schwenkbraten, luftgetrocknete Salami! Wie kam ich hierher? Ich bin Vegetarierin! Plötzlich sah ich ihn! Sein Kopf lag auf einer blankgeputzten silbrigen Platte, aus den Nasenlöchern lugten Petersiliensträuße, im geöffneten Mund stak ein Äpfelchen. Seine Augen starrten mich vorwurfsvoll an, ich erschrak zu Tode. Wie von Sinnen rannte ich aus der Metzgerei, stolperte und stürzte. Ich fiel hart und tief auf kalten Grund. Als ich mich wieder aufrappeln wollte, merkte ich, dass ich meine Glieder nicht bewegen konnte. Neben mir ragten Erdwände empor, worauf ich mit Entsetzen feststellte, dass ich in einem Grab lag. Gerade wollte ich um Hilfe schreien, als ich ein hohes Kichern vernahm und unbekannte Gestalten über mir auftauchten.
„Jetzt bist du dran!“, johlten sie hämisch. Ich sah, wie sie mit Schaufeln bewaffnet, Erde ins Grab schippten. Hart prasselten die Brocken auf mein Gesicht. Ich begriff, dass ich lebendig begraben wurde.
„Nein!“, schrie ich und wachte schweißüberströmt auf. Meine Kehle war trocken, mein Hals schmerzte, ich hatte Durst. Lange Minuten wagte ich nicht, mich zu rühren, denn der Eindruck des Albtraums war noch zu grässlich. Wie lange würde ich diesem Horrortrip noch ausgesetzt sein? Ehrlich gesagt nervte dieser permanente Schlafmangel enorm. Während ich schließlich erschöpft und müde ein Glas Wasser in der Küche zu mir nahm, überlegte ich erneut, was ich tun könnte, um meine Schuld zu verarbeiten. Ich dachte an das Buch „Heile dich selbst durch die Kraft des geschriebenen Wortes“, das ich kürzlich gekauft hatte. Schrieb man seine Leidensgeschichte sorgfältig nieder und beleuchtete sie von allen Seiten, fände man laut dem Autor zu seelischer Gesundheit und früherer Ausgeglichenheit zurück. Ja! Ich würde es versuchen.
Tags darauf erstand ich in einem Schreibwarenladen ein schwarzes Blank Book und einen Füllfederhalter, den ich – pietätlos oder nicht – mit roter Tinte füllte. In den folgenden Wochen und Monaten beschäftigte ich mich, immer wenn ich nachts wach wurde, mit Schreiben. Der Schlaf, in den ich danach fiel, war tief und traumlos. Langsam begann es mir besser zu gehen, mein Gewissen drückte mich immer weniger. Hier ist meine Geschichte!
„Die Blümelein, sie schlafen schon längst im Mondenschein. Sie nicken mit den Köpfchen auf ihren Stängelein…“, summte ich gedankenverloren, während ich nach meinem Schlüssel kramte. Plötzlich öffnete sich die Tür, und ich prallte zurück. Herr Bauernsenf stürmte aus dem Treppenhaus und rannte gegen mich. Wie üblich war seine magere Gestalt in einen schmuddeligen Trainingsanzug gehüllt. Eine struppige Dauerwelle älteren Datums umrahmte sein kantiges Gesicht. An den Füßen trug er Garfield-Puschen.
„Mache Se Platz da!“, fauchte er mich an. Was war denn jetzt kaputt? Bauernsenf und ich hatten keinen sonderlich guten Draht zueinander, aber so unhöflich war er noch nie gewesen.
„Das kann man aber auch …“ … in einem anderen Ton sagen, wollte ich meinen Satz vollenden. Doch mein Nachbar war schon um die Ecke. Er war ein schrecklicher Kerl, der mir und den Kindern nur zu gern das Leben schwer machte. Kürzlich hatte er uns sogar untersagt, über seinen Parkplatz zu gehen. Er benutzte den Hinterausgang des Grundstücks für seinen uralten Opel. Das Vorbeigehen am Auto, so befürchtete er, könne Kratzer verursachen.
„Ich habb Sie lang genug beobachtet, Frau Windä“, hatte er in unerträglich hochnäsigem Ton geäußert. „Sie gehe da mit Tasche un Kisde vorbei, das will ich net. Sie könne vonne rumgehe, ich habb der Platz gemiedet. Kapiätt?“
„Kapiert, Herr Bauernsenf“, hatte ich folgsam geantwortet. „Es ist allerdings ein ziemlicher Umweg für uns. Eigentlich geben wir immer acht, wenn wir an Ihrem Wagen vorbeigehen.“
„Eichentlich, eichentlich! Ich bau liebä vor. Hinnerher, wenn der Kratzä dran is, wars keinä gewese. Gehe Se vonne rum!“
Folgsam latschten wir seither durch den Vordereingang. Ich hatte mich maßlos geärgert. Wie oft stellte er seine Karre absichtlich so in die Einfahrt, dass wirklich niemand durchkonnte.
Und nun das! Hatte ich es nötig, mich von ihm anrempeln und derartig anherrschen zu lassen? Kopfschüttelnd betrat ich das Treppenhaus. Kaum war ich einige Stufen gestiegen, öffnete sich eine Tür. Frau Grüner, die ältere Dame aus dem Erdgeschoss, schaute heraus. Sie trug einen Morgenmantel. Ihre braun gefärbten Haare mit dem grauen Ansatz wippten, während sie sich
vorbeugte. „Ich habe alles mitbekommen. Machen Sie sich nichts draus“, raunte sie mir zu. „Er ist wahrscheinlich so, weil seine Lebensgefährtin gestorben ist. Wussten Sie das schon?“
„Was?“, rief ich betroffen aus. Margot tot? Das konnte doch nicht wahr sein! Trotz meiner Probleme mit ihrem Freund Bauernsenf hatte ich mich recht gut mit ihr verstanden. Sie war höchstens 55 gewesen! Der arme Bauernsenf! So sehr ich ihn verabscheute – nun tat er mir leid. Von Margot ganz zu schweigen.
„Wissen … wissen Sie, woran?“, stieß ich hervor.
„Es heißt, an Wundstarrkrampf. Gott, die Ärmste!“ Frau Grüner legte eine dramatische Pause ein. Mir wurde schlecht, denn mit solchen Dingen kenne ich mich aus. Vor langer Zeit hatte ich kurzzeitig Medizin studiert, im Anschluss an den Anatomiekurs jedoch aufgegeben. Leichen aufschneiden war mir zu eklig gewesen. Ich atmete durch. Ob Bauernsenf etwas ahnte? Vielleicht hatte sie mit ihm über den kleinen operativen Eingriff, neulich bei mir zu Hause, geredet? „Ruhig bleiben, Isabella“, sagte ich mir. „Nicht alles wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“
„Wir Nachbarn gehen natürlich alle zur Beerdigung“, sagte Frau Grüner. „Sie doch auch,
oder?“ – „Natürlich!“, beeilte ich mich zu versichern.
„Gut, Frau Winter. Möchten sie was für den Kranz geben?“
Ich saß in der „Steckrübe“ – das war der Bioladen, in dem ich arbeitete. Fast immer war ich dort allein, weil meine Chefin sich kaum blicken ließ. Sie war verheiratet und hatte sich das Geschäft als Hobby zugelegt. Doch da sie ihren mittlerweile großgewordenen Kindern nicht mehr mit gesunder Ernährung kommen konnte, hatte ihr Interesse fast bis zur Gänze abgenommen. Mir konnte das nur recht sein. Carolin war zwar nett, aber die Chefin sehen alle lieber von hinten.
Es war nicht viel zu tun an diesem Morgen. Ohne Stress nahm ich das Telefon ab, als es klingelte.
„Naturkostladen Steckrübe“, meldete ich mich. Es war Gioconda, meine Mutter.
„Ciao, Isabella“, sagte sie. „Come stai? Wie geht es dir?“
„Bene, grazie. Du klingst müde, Mamma.“
„Was will ich machen? Eine der Kindergärtnerinnen hat angerufen und gesagt, dass sie Magen-Darm hat. Sie muss nach Hause und jetzt stimmt angeblich der Betreuungsschlüssel nicht mehr. Sie hat gefragt, ob ich Mona Lisa abholen kann.“
„Warum nimmt diese Frau keine Kohletablette?“, murrte ich.
„Das macht schwarze Zähne und schmeckt schlecht. Wünschen wir ihr gute Besserung. Ich wollte bloß, dass du Bescheid weißt“, entgegnete Gioconda und hängte ein. Seufzend legte ich ebenfalls auf.
Meine Töchter Desdemona und Mona Lisa waren acht und fünf Jahre. Desdemona war gerade in die dritte Klasse gekommen, Mona Lisa besuchte noch den Kindergarten.
Bekanntlich hält jede Mutter ihre Kinder für die hübschesten und klügsten Geschöpfe der Welt – ich bilde darin keine Ausnahme. Desdemona ist so blond wie ihr Papa Robert, Mona Lisa so dunkelhaarig wie mein Ex-Lover Thomas. Die zwei sind unehelich geboren, mit beiden Männern habe ich nichts mehr zu tun. Sie legen keinen Wert darauf, ihre Töchter zu treffen. Kein Besuch am Wochenende, kein Geburtstagsgeschenk. Das ist schade, aber nicht zu ändern. Zum Glück zahlen sie Unterhalt, doch trotzdem bin ich extrem wütend. Wären meine Kinder eines Tages aus dem Gröbsten heraus, so dachte ich manchmal, würde ich die Kerle um die Ecke bringen.
Wieder fiel mir die arme Margot ein. Ein flaues Gefühl machte sich in mir breit. Wundstarrkrampf musste ein schrecklicher Tod sein. Ich hatte mal gehört, dass sich zuerst der Nacken versteift. Nach und nach verkrampft sich der Körper, bis alle Funktionen versagen. Warum musste das bloß passieren! Margot hatte mich zwei Wochen zuvor gebeten, ihr einen Splitter aus dem Finger zu schneiden. Meine Vorgeschichte als Medizinstudentin war ihr bekannt gewesen, deshalb fragte sie mich manchmal um Rat. Weshalb aber hatte ich bloß das Messer genommen, mit dem ich zuvor im Blumentopf nach Unkraut gestochert hatte? Natürlich hatte ich es vorher abgewaschen, hätte es aber desinfizieren müssen. Hätte ich ahnen können, dass Margot nicht geimpft war? Ich schüttelte mich, versuchte ihr Gesicht beiseite zu schieben und konzentrierte mich von vorn aufs Alltagsgeschehen. Das klappte halbwegs, denn im Verdrängen bin ich ganz gut. Eine große Lieferung Getreidepäckchen war wegzuräumen. Bis mittags, wenn meine Kollegin Inka mich ablöste, würde ich das locker schaffen.
Wie man als Alleinerziehende Halbtags-Job und Kinder unter einen Hut bringt? Zum Glück gibt es meine Familie: Gioconda, Fritz, Massimo und Tante Ingeborg. Sofern Kindergarten und Schule flachfielen, kümmerte sich Gioconda um die Mädchen. Sie stammt von der Isola Bella im Lago Maggiore, daher habe ich auch meinen Namen Isabella. Fritz, mein Vater, lernte sie dort während eines Urlaubs kennen. Sie gingen zusammen nach Deutschland, wo sie heirateten und Massimo und mich zeugten. Mein Bruder wurde ein paar Jahre nach mir geboren, er ist frech und charmant. Wo immer er seinen Fuß hinsetzt, pflastern gebrochene Herzen seinen Weg. Die Frauen schmelzen nur so dahin. Doch er erhört keine einzige, denn er steht auf Männer.
Während ich das Getreide ins Regal räumte, meldete sich der PC: „Sie haben E-Mail.“ Ich schaute auf den Bildschirm. Tante Ingeborg hatte geschrieben.
Betreff: Katzenkrimi
Liebe Isabella! Ich melde mich wegen unseres neuen Stücks, dem Katzenkrimi. Wie weit bist Du mit der Lektüre? LG, Tante I.
AW: Katzenkrimi
Hello, my dear! Was meinst Du? Felidae? LG, I.
AW: Katzenkrimi
Scherzkeks. Du weißt genau, wovon die Rede ist.
Ich wusste es! „Morden ist wie Katz und Maus“ von Sandy Fink, einer Frau aus unserem Ensemble.
AW: Katzenkrimi
Hab’s quasi durchgelesen.
AW: Katzenkrimi
Und? Wie findest Du es?
AW: Katzenkrimi
Note drei.
AW: Katzenkrimi
Nur? Ich finde das Ding gar nicht so schlecht. Aber okay. Sehen wir uns am Donnerstag bei der Probe?
AW: Katzenkrimi
Hab’s mir dick in meinen Kalender geschrieben!
AW: Katzenkrimi
Es ist wichtig, dass alle da sind. Wir wollen abstimmen, ob wir das aufführen.
AW: Katzenkrimi
Ich komm bestimmt. Aber jetzt muss ich Schluss machen. Ich habe Kundschaft. LG, Isabella
Eine Frau hatte sich vor den Tresen geschoben.
AW: Katzenkrimi
Tschüs, Isabella. Bis dann.
Der weitere Vormittag gestaltete sich zäh, da sich nur wenige Kunden blicken ließen. Genug Zeit also, um ein wenig zu lesen. Meine beste Freundin Alexa hatte mir den Single-Ratgeber „Ich bin klasse – warum will mich niemand?“ geborgt. „Lies den ruhig, damit es bei dir auch mal klappt“, hatte sie gesagt. Ich hatte mir einen Kommentar verkniffen. Alexa war auch nicht wirklich erfolgreich bei Männern.
„Ein trauriges Phänomen unserer Zeit ist die zunehmende Zahl von Ein-Personen-Haushalten“, salbaderte die Autorin von „Ich bin klasse, warum will mich niemand“. „Wer lebt hinter den Türen trister Appartements, die nicht größer als ein Handtuch sind? Ich verrate es Ihnen: Menschen wie Sie, die einsam sind. Wir stellen uns nun der Frage, weshalb Sie ein Single sind. Bitte kreuzen Sie an:
Ich kreuzte a, c, d, e und f an. Bei b machte ich ein Fragezeichen. Zwar wollte ich nichts weniger, als alleine leben. Doch in der Tat fanden es meine Bekannten und Freunde, wie auch meine Eltern und sonstigen Verwandten – das heißt also, alle – höchst dubios, dass ich unbemannt war.
„Meine Tochter ist ein nettes Mädchen“, pflegte Gioconda sich zu wundern. „Ich verstehe das nicht. Als ich jung war, hatte ich immer einen Verehrer. Immer!“
„Das sind nun mal die jungen Leute von heute.“ (Fritz).
„Was soll denn das heißen?“ (Massimo).
„Nee, das ist nicht nur die Jugend. Schau doch mich an.“ (Tante Ingeborg).
„Warum schaffst du dir keinen Wonderbra an?“ (Alexa). Blabla. Diese Art von Geschwätz nervte mich enorm. Zwei Tage zuvor hatte Desdemona einen Busfahrer angehauen: „Willst du meine Mutter heiraten?“ Knallrot hatte ich etwas von Kindermund gemurmelt. Der Busfahrer hatte laut gelacht.
„Tut mir leid, ich habe schon jemanden daheim. Aber deine Mama ist hübsch. Sie kriegt schon noch einen ab.“ Alle Fahrgäste hatten mich angeschaut und geschmunzelt.
Ich war so vertieft in meine Lektüre, dass ich den Kunden nicht bemerkte. Ein dezentes Räuspern ließ mich aufblicken.
„Bitte schön?“
„Sie sehen so aus, als ob Sie hier arbeiten. Ich bin auf der Suche nach Tiefkühl-Pommes.“ Ich musterte den Störenfried, als habe er einen Vierkant-Schraubenzieher verlangt. Tiefkühl-Pommes im Bioladen? Jedenfalls nicht bei uns.
„Pommes führen wir nicht. Kartoffeln kann ich Ihnen anbieten.“
Schmerzlich verzog der smarte Typ das Gesicht. Mein Vorschlag war anscheinend eine Zumutung. Ja, smart. Das war der richtige Ausdruck. Schlank war er, fast dünn. Nicht gerade ein Riese, aber beileibe kein Zwerg. Breite Schultern, schmale Hüften. Ein sympathisches Gesicht mit blauen Augen, die durch eine modische Brille schauten. Sein Haar war dunkelblond, kurz geschnitten und mit Styling-Wachs dezent in Form gebracht. Jackett, Stoffhose. Nicht gerade der Typ Mann, der regelmäßig in der „Steckrübe“ einkaufte.
„Ich sehe schon, Sie halten mich für blöde“, schmunzelte er. „Ist mir ja klar, das ist hier ein Bioladen. Aber haben Sie wirklich keine Pommes Frites? Ich meine natürlich solche, die nicht genmanipuliert sind und ohne Geschmacksverstärker. Denn was soll ich mit Kartoffeln, wenn ich Lust auf Pommes habe?“
Ich hasse es, wenn Kunden meine Kompetenz anzweifeln. „Wir führen nur natürliche Produkte“, entgegnete ich würdevoll. „Ich kann Ihnen aber gern verraten, wie man Pommes Frites aus Kartoffeln herstellt. Das ist überhaupt nicht schwer.“
„Wenn Sie meinen“, murmelte er. „Gut, ich habe keine Lust, mir die Füße nach einem anderen Geschäft plattzulaufen. Schreiben Sie mir auf, wie das geht?“
Meine Güte! Ich ging zum Gemüsestand, um Kartoffeln abzufüllen, aber die Papiertüten waren alle. Was tun? Unter dem Tresen lag noch eine alte Zeitungsseite. Sollte ich die nehmen? Es war zwar ein Artikel über Tante Ingeborg und mich enthalten, aber über den hatten wir uns fürchterlich geärgert. Die Zeitung hatte eine Serie über Generationen-Teams herausgebracht und auch uns porträtiert. Tante Ingeborg war wegen ihrer kulturellen Aktivitäten ja recht bekannt in der Stadt, aber das Foto von uns war unfassbar hässlich gewesen. Ich hatte ein schlimmes Doppelkinn auf dem Bild und Tante Ingeborg sah aus wie 90. Und auch die Info, dass sie mir monatlich Geld überwies, welches ich ansparte, war natürlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen. Es war mir äußerst peinlich, mit solch einem Foto dazustehen, daher hatte ich das Blatt schon lange fortwerfen wollen. Nun war die Gelegenheit! Und wenn der Typ das Bild sah? Ach, egal. Ich drehte eine Tüte aus der Zeitung, schippte die Kartoffeln hinein und notierte die Vorgehensweise auf einen Zettel. Schälen, in Streifen schneiden, mit Öl einpinseln. Aufs Backblech, salzen und Ofen an. Zugegeben, ich bin eine schlechte Köchin und ohne „Dr. Oetkers Lernkochbuch“ aufgeschmissen. Aber gesunde Pommes konnte ich. Desdemona hatte als Kleinkind nur Fast Food essen wollen, daher hatte ich gewisse Tricks drauf.
„Mein Dank wird Ihnen ewig hinterher schleichen“, strahlte er mich an. „Vorausgesetzt, das Zeug gelingt heute Abend.“ Warmherzig schaute er mir in die Augen. In die ziemlich empfänglichen Augen, wohlgemerkt. Er sah gut aus – von der Sorte, die zuerst unscheinbar wirkt. Muss ich mehr dazu sagen? Prompt ärgerte ich mich nun doch, dass ich ihm die Zeitungstüte mitgegeben hatte – hoffentlich schaute er sich das Foto nicht an.
„Kein Thema. Sie kriegen das schon hin“, lächelte ich. Als er draußen war, schnappte ich mir wieder „Ich bin klasse, warum will mich niemand“.
„Sie dürfen keine Scheu haben, möglichst viele Menschen zu treffen und offen für alles Neue zu sein. Die/der Richtige kann Ihnen überall über den Weg laufen: In der Bücherei, im Schwimmbad, im Theater. Ein anderer erfolgversprechender Weg ist Online-Dating. Warum probieren Sie es nicht aus?“
Tja, warum wohl? Ich hatte schon mal ein Jahresabo bei einer Partnervermittlungs-Plattform gehabt und war geheilt. Zwar hatte ich einige Matches gehabt, aber der Traumprinz war nicht dabei gewesen. Mit drei Männern war ich sogar ausgegangen, aber sie waren nicht der Knaller gewesen. Braune Zähne, lange Fingernägel und stockende Gespräche waren noch nie mein Ding. Ich glaube, so etwas habe ich auch nicht nötig. Klar, ich könnte schlanker sein. Doch mich im Fitnessstudio abstrampeln oder auf Knabbereien verzichten ist nicht mein Ding. Rechts eine Tüte Chips, links eine Tüte Flips, so lautet meine Devise. Der gebräunte Teint und mein Haar machen alles wieder wett. Meine Augen sind sehr hübsch. Sie schimmern grün, was man oft nicht richtig sieht. Das liegt an der Brille, die ich aus Bequemlichkeit statt meiner Kontaktlinsen meistens trage.
„Seien Sie nicht zu wählerisch“,las ich weiter. „Die meisten Singles sind allein, weil sie ihre Ansprüche zu hochstecken. Sie monieren mangelnde Zahnpflege, lange Fingernägel oder fehlende geistige Brillanz. Keine Ausrede ist ihnen zu billig, um vor der Liebe davonzulaufen. Begehen Sie diesen Fehler nicht, suchen Sie nicht das Perfekte.“
Ab damit in den Papiermüll.
Die Ladentür bimmelte, Frau Grüner kam herein. Erneut fiel mir Margot ein.
„Hallo“, kam sie sofort zur Sache. „Frau Winter, ich bin gleich vorhin in die Stadt gegangen. Sie wissen schon, wegen des Kranzes. Es soll ja ein schöner sein, gell. Schauen Sie mal, ich war bei Blumen-Reichard. Die haben so eine tolle Auswahl in ihrem Trauerprospekt.“ Sie hielt eine Broschüre hoch.
„Prima“, schluckte ich.
Widerwillig griff ich nach dem Heft, und ich schluckte. Zum einen war ich traurig, weil Margot mir leidtat und fehlen würde. Dazu kam mein schlechtes Gewissen wegen des nicht desinfizierten Messers. Wie sollte ich damit fertig werden?
„Wie denken Sie darüber? Ich meine, wir dürfen nicht sparen. Klar, ist schon teuer. Aber sehen Sie mal, ist der nicht süß?“ Sie zeigte auf ein großes Gesteck mit Tannenzapfen und Rosen.
Frau Grüner liebte Pflanzen. Ihr Balkon war voller Blüten, Kakteen und anderer Gewächse. Man sah sie oft dort herumwuseln, bewaffnet mit einer großen Blumenspritze. Kein Wunder, dass sie beim Thema Kranz aufblühte.
„Nein, wir sollten nicht knausern“, bestätigte ich. Generell muss ich zwar auf Preise achten, als Alleinerziehende kann ich mir nichts Teures leisten. Hochwertige Lebensmittel wie aus der „Steckrübe“ sind natürlich eine Ausnahme – aber nur wegen des Personalrabatts. Doch für Margots Kranz würde ich selbstredend in die Tasche greifen. „Wann ist die Beerdigung?“
„In zwei Tagen“, wusste Frau Grüner wie immer Bescheid.
„Okay“, nickte ich. Beisetzungen waren mir ein absoluter Gräuel, seit ich als Zwölfjährige in ein Grab gefallen war. Ein Lehrer war gestorben, und die ganze Schule hatte zur Beerdigung gemusst. Ich war wirklich bedrückt gewesen. Gerade wollte ich im Pulk der anderen Pennäler an dem Schacht vorbeidefilieren, als ich von hinten einen Schubs bekam. „Aaah!“, schrie ich und ruderte mit den Armen. Doch es half nichts. Ich taumelte und krachte auf den Sarg.
Heinfred!
Feixend sah mein Klassenkamerad zu, wie mich die Umstehenden aus dem Loch hievten. Üblerweise stand die peinliche Geschichte am nächsten Tag in der Zeitung. Monatelang wurde ich „Leiche“ genannt. Ein Trauma. Doch mittlerweile hatte ich Heinfred verziehen. Wir spielten sogar zusammen Theater in Tante Ingeborgs Ensemble.
„Gut. Wenn Sie auch dafür sind, bestelle ich den.“ Frau Grüner zog wieder ab.
Kurz bevor meine Kollegin Inka mich ablöste, stand der Pommes-Esser erneut im Laden. Statt seiner gesitteten Kombination trug er nun lässige Jeans und ein T-Shirt. Er lächelte, ich wurde rot.
„Wollen Sie die Kartoffeln umtauschen?“
„Nein“, zuckte er mit den Achseln. „Zu dumm, ich habe gar keinen Appetit mehr auf Pommes Frites.“
„So was. Und nun? Wie wäre es mit einer Tofu-Bratwurst?“
Er wehrte lachend ab. „Jetzt wollen Sie mich wohl vergiften. Das ist nicht nett. Dabei wollte ich doch bloß …“ Er schaute mir direkt ins Gesicht, seine Miene war ernst. „Haben Sie schon zu Mittag gegessen?“
„Äh …“
„Haben Sie nicht, stimmt‘s? Aber Sie sind hungrig, das spüre ich. Nun, Sie haben Glück. Ich lade Sie ein.“ Im ersten Moment wusste ich nicht, was ich erwidern sollte. Er gefiel mir, er wirkte sympathisch und frech. Doch sein Angebot kam so plötzlich.
„Was ist, wenn ich Nein sage?“ Oh Gott, Isabella! Wie blöd kann man sein?
„Das sagen Sie aber nicht.“
Ich holte Luft und riss mich zusammen. Okay. Ganz ruhig. Ich war solo und auf der Suche. Vor mir stand die Verheißung – und ich drehte durch? Diese Chance durfte nicht ungenutzt verstreichen.
„Ja. Danke. Äh. Gern. Ja. Äh“, stotterte ich. Hatte ich eigentlich meinen Lippenstift eingesteckt?
„Gut!“, strahlte er.
„Ich muss nur … vorher was regeln.“
„Oh …“
„Wissen Sie, meine Töchter …“, druckste ich herum.
Warum war ich nur so aufgeregt? „Ich hole sie mittags immer bei meiner Mutter ab. Oder warten Sie mal. Sicher können Sie noch etwas bei ihr bleiben.“
„Das wäre prima.“
Ich stürzte ins Büro und wählte Giocondas Nummer.
„Hallo, hier spricht Desdemona Winter“, ratterte Töchterlein Eins am anderen Ende herunter.
„Desdemona Winter, hier Isabella Winter!“
„Mami! Wir haben das Diktat zurück!“
„Schon? Ja, super. Und?“
„Eine ‚Zwei Plus‘. Ich habe einen i-Punkt vergessen, deshalb.“
„Schön, mein Schatz. Sehr gut. Das hast du fein gemacht“, lobte ich.
Doch innerlich knirschte ich mit den Zähnen. Die Ausbildung meiner Kinder ist mir wichtig. Eine „Zwei Plus“ ist eine tolle Note – doch keine „Eins“ wegen eines fehlenden i-Punkts? Das war gemein von der Lehrerin.
„Es gab, glaube ich, drei Einsen und neun Zweien“, sagte Desdemona.
„Wunderbar, mein Schatz. Du kriegst nachher deinen Euro.“
„Juhu!“, triumphierte Desdemona.
Für jede Klassenarbeit bekam sie den gleichen Betrag, egal wie sie abschnitt. Mona Lisa hielt bei diesen Anlässen ebenfalls die Hand auf: „Kann ja nichts dafür, dass ich noch in den Kindergarten gehe!“
„Mami, wann holst du uns ab?“, fragte Desdemona.
„Jetzt pass mal auf, mein Schatz, das ist es ja gerade, weshalb ich anrufe. Ich möchte noch mit jemandem was essen gehen. Gib mir doch mal die Omi. Ich will sie fragen, ob ihr noch ein, zwei Stündchen bei ihr bleiben könnt.“
„Wollt ihr in ein Restaurant gehen?“
„Ja, wollen wir.“
„Ich möchte mit!“
„Ein anderes Mal. Komm, jetzt gib mir mal die Omi, Süße.“
„Du bist egalistisch!“
„Egoistisch.“
„Du gibst es sogar zu!“
„Och, mein Herz. Jetzt sei nicht traurig. Ich verspreche dir, ich gehe mit euch zwei Schätzen auch noch essen. Und jetzt gib mir die Omi!“
„Zu McDonalds?“
„Von mir aus, gern. Zu McDonalds.“
„Juhu!“
Kurz darauf war Gioconda am Apparat.
„Klar, kein Problem. Jetzt essen wir ja erst mal. Und danach kann Desdemona schon mal Hausaufgaben machen. Mit Mona Lisa spiele ich was, ich habe ein neues Puzzle gekauft.“
Zufrieden legte ich auf. Meine Mutter ist klasse! Sie ist immer zur Stelle, wenn ich sie brauche!
„Es klappt“, sagte ich, als ich wieder im Verkaufsraum war.
„Das ist schön“, freute er sich. „Übrigens: Ich heiße Liebwin Dupont.“
„Isabella Winter.“
„Isa, die Schöne? Der Name ist gut.“
Ich errötete erneut. Das Kompliment zurückgeben wollte ich allerdings nicht. Wie konnte man nur Liebwin heißen! Nun gut, nomen est omen. Daran konnte in diesem Fall nichts Schlechtes sein.
„Haben Sie irgendein Lieblingslokal?“, fragte er.
„Vielleicht der Thailänder, gleich hier um die Ecke.“
„So nah? Wie praktisch.“
„Genau. Ich beschreibe Ihnen den Weg. Vielleicht warten Sie dort, bis meine Kollegin mich ablöst?“
Gesagt, getan. Liebwin schob ab, und ich stürzte zur Personaltoilette. Ein Blick in den Spiegel – na ja, die Haare gingen noch so. Hätte ich sie doch morgens gewaschen! Ich sprenkelte etwas Wasser darauf und fuhr mit der Bürste hindurch. Bingo. Nun Lip-Gloss und Eyeliner nachziehen – und hinein ins Abenteuer. Mein Magen grummelte unheilvoll – wie immer, wenn ich nervös bin. Doch jetzt noch eine Sitzung einlegen, kam nicht in Frage. Am Ende haute Liebwin wieder ab. Inka war bereits im Geschäft, als ich zurück nach vorne ging.
„Tschüs, meine Gute, ich hab’s heute eilig“, raunte ich meiner Kollegin im Vorbeihasten zu. Auf dem Weg zum Restaurant mahnte ich mich zur Ruhe. Rote Wangen und Schwitzflecken mussten nicht sein.
Das Subjekt meiner Begierde saß an einem Fenstertisch. Charmant lächelte er mich an, als ich hoheitsvoll auf ihn zusteuerte. Ich ließ mich auf einen Stuhl fallen und smilte zurück. Los, Isabella, Smalltalk! Bloß jetzt kein schüchternes Mäuschen abgeben!
„Woher kommen Sie eigentlich?“, fragte ich.
„Ich stamme aus Pfeifenhausen, bin geschäftlich unterwegs. Ich erwäge, mit meinem Friseurgeschäft zu expandieren. Hier gibt es einen sehr guten Unternehmensberater, deswegen bin ich heute in die Stadt gekommen.“ Mein Blick fiel auf sein T-Shirt.
„Haben Sie sich bei dem auch umgezogen?“, fragte ich.
„Nein, nein.“ Er lachte. „Ich war sogar schon wieder zu Hause in Pfeifenhausen. Und dann hatte ich Hunger …“
„… und statt zu kochen sind Sie jetzt wieder hier.“
Nun hätten kluge Menschen ja anführen können, dieser Liebwin sei ein Draufgänger gewesen. Aber warum nicht? Ich mochte Flirt und Aufmerksamkeit schon immer. Die meisten Männer gehen viel zu sparsam damit um.
„Ganz schön viele tote Tiere“, sagte er, als er in die Speisekarte schaute. – „Was dachten Sie denn? Ich schleife niemanden in ein vegetarisches Restaurant, bloß weil ich im Bioladen arbeite“, erwiderte ich.
„Puh“, atmete er auf. „Das ist gut, ich bin nämlich absoluter Fleisch-Fan. Ich hatte schon Angst, ich muss mich jetzt verstellen.“ Diese Aussage schmeichelte mir enorm. Für mich verstellen? War das gut!
„Kein Problem, so verbissen sehe ich das nicht. Ich bin zwar Vegetarierin, aber das heißt nicht, dass ich anderen das aufzwingen muss. Im Übrigen bin ich gar nicht mal so davon überzeugt, dass es ohne Fleisch wirklich gesünder ist. Da gehen die Meinungen auseinander. Ich habe mal eine Sendung über Tiertransporte und Massentierhaltung gesehen, danach hat’s mir echt gelangt.“
„Das ehrt Sie. Ich nehme also dieses scharf gewürzte Hühnerfleisch in Kokosmilch. Und Sie?“
„Einmal Pad Paak Ruamit“, bestellte ich einen Tick zu angeberisch bei der sanft lächelnden Kellnerin. Liebwin gab sich beeindruckt: „Oho, Sie sprechen Thai?“
„Nicht mehr als Sie“, wehrte ich bescheiden ab. „Aber ich habe schon ab und an hier gegessen. In der thailändischen Küche kenne ich mich gut aus.“
Das Essen kam und duftete verführerisch. Brokkoli, Brechbohnen, Maiskölbchen, Chinakohl und Frühmöhrchen lagen appetitlich auf meinem Teller. Obwohl ich kaum Appetit gehabt hatte, lief mir das Wasser im Mund zusammen.
„Wieso heißen Sie eigentlich Dupont?“, fragte ich, nachdem ich den ersten Happen verzehrt hatte. „Das klingt so Französisch. Sind Sie vielleicht …?“
„Ja, ich bin Halbfranzose. Mein Vater kommt aus Paris, meine Mutter ist Deutsche.“
„Krchchrrrr … Um Gottes Willen …“, röchelte ich. Liebwin runzelte die Stirn. „Ist Ihnen schlecht?“
„Spotz, würg, gurgel, hust!“ In Dreiteufelsnamen! Ob mir schlecht war? Mein Hals brannte wie Feuer, mir stiegen die Tränen in die Augen. Der Fraß war unglaublich scharf, vermutlich mit ungefähr siebzig Chilischoten angereichert. Hatte man mir etwas Falsches serviert? „Alles bestens!“, japste ich. „Es ist nur – Sie sind Franzose, und ich bin Halbitalienerin. Röchel! Allerdings ist es bei uns umgekehrt. Urps! Mein Vater ist der Deutsche, meine Mutter Italienerin. Rrrrrchchgrgll.“ Irgendwie hatte ich Hemmungen, mir die Feuerqualen anmerken zu lassen. Wie peinlich! Erst protzte ich mit meinen Kenntnissen der Thai-Küche, und dann vertrug ich nicht mal ein wenig Paprika.
„Daher also die fantastischen dunklen Haare!“ Er schaute mich anerkennend, doch auch ein wenig irritiert an. „Übrigens – ein Vorschlag am Rande! Die Siezerei ist so umständlich – ich bin der Liebwin!“
„Und ich Isabella“, hechelte ich mit Schaum vor den Lippen. „Hast du mal ein Tempo?“ Der Schweiß perlte auf meiner Stirn, mir lief die Nase. Natürlich hatte Liebwin, wie alle Männer, kein Tempo. Das bot mir einen Vorwand, zur Toilette zu eilen. Gierig hängte ich mich unter den Wasserhahn. Ich soff ungefähr achtzehn Liter, bevor ich wieder zu der unglückseligen Mahlzeit zurückkehrte. Liebwin erwartete mich schon strahlend mit dem Weinglas in der erhobenen Hand: „Lass uns auf das ‚du’ trinken!“ Lächelnd griff ich nach dem Glas und schaute Liebwin so verführerisch wie möglich in die Augen. Etwas Alkohol konnte angesichts der prekären Lage wirklich nicht schaden.
„Prost, Isabella!“
„Prost, Liebwin!“ Nach dem Anstoßen kommt dann das Küsschen, hoffte ich aufgeregt. Die Gläser klirrten, und wir nahmen einen ordentlichen Schluck.
„Raaah!“, schrie Liebwin.
„Spuck! Iiiiih!“, kreischte ich. „Was ist das?“ In unseren Gläsern befand sich etwas unglaublich Saures. Die anderen Gäste merkten auf, die Kellnerin flitzte herbei.
„Wollen Sie uns vergiften?“ gurgelte Liebwin speiend und würgend. „Herb ist ja ganz schön, aber das ist die reinste Säure!“
„O dieser Junge“, rang die Kellnerin die Hände. „Entschuldigung, aber in der Küche … mein Kind …“ So nach und nach stellte sich heraus, dass ihr vorpubertärer Sohn einiges an Schwachsinn hinter den Kulissen veranstaltet hatte. So hatte er den bestellten Wein heimlich gegen Tafelessig vertauscht und in mein Pad Paak Ruamit zahlreiche Löffel Sambal Oelek gerührt. Der Chef de Cuisine eilte an unseren Tisch. „Können wir wieder gutmachen“, beteuerte er. „Kriegen Sie anderes Essen und anderen Wein. Ganz umsonst.“
„Gut, wenn Sie mir versprechen, den Notarzt zu rufen, falls es noch schlimmer wird“, gab ich mich versöhnlich.
„Keinen Wein“, blieb Liebwin misstrauisch. „Bringen Sie uns ein Kännchen Jasmintee.“ Auch ohne Alkohol unterhielten wir uns prächtig. Ich hatte das Gefühl, als lägen wir hundertprozentig auf einer Wellenlänge. Während des Essens erfuhr ich eine ganze Menge über Liebwin. Wie ich war er dreißig. Er war in einem Vorort von Paris aufgewachsen, was man ihm allerdings nicht anhörte. Dann war er nach Deutschland gegangen, wo er eine Ausbildung zum Friseur absolviert und sich nach der Meisterschule selbständig gemacht hatte.
„Was hast du für Hobbys?“, fragte er, während wir das Dessert in uns hineinschaufelten.
„Nicht viele. Ich bin unsportlich, aber ich spiele ein bisschen Theater …“
„Das ist ja spannend! Wo denn?“
„Meine Tante Ingeborg leitet eine Theatergruppe. Nichts Besonderes, alles Laien. Wir treffen uns einmal wöchentlich und proben.“
„Das finde ich gut. Kann ich vielleicht mal mitgehen?“
„Ja, können wir machen. Momentan beratschlagen wir über unser neues Stück, es ist was mit Katzen. Eine Frau aus der Truppe hat es geschrieben. Tja, das ist eigentlich mein einziges Hobby. Bei zwei Kindern …“
„Du bist zu beneiden“, stellte er fest.
„Ja, die sind wirklich lieb, die beiden.“
„Ich wollte auch mal ein Kind haben.“ Sein Blick verdüsterte sich. „Früher. Ist schon lange her. Aber das ist eine Geschichte, die lassen wir lieber …“