12,99 €
Liebe kann so toxisch sein Amelie hat häufig geweint, während sie mit Reese zusammen war, und trotzdem war es zu Beginn die perfekteste Beziehung, die sie sich vorstellen konnte. Sie erinnert sich daran, wie sie die Neue in der Klasse war und wie sie sich in Reese verliebte. Wie er ihr Songs schrieb, sie auf die schönsten Dates ausführte, zum ersten Mal mit ihr schlief und wie er sagte, dass er noch nie so für jemanden empfunden habe … Und sie erinnert sich, wie er immer mehr anfing, sie unsicher und schwierig und verrückt zu nennen. Wie er sie immer mehr isolierte. Amelie sucht all die Orte auf, an denen sie Tränen verschüttet hat. Wenn sie versteht, was in ihrer Beziehung schiefgelaufen ist, findet sie vielleicht einen Weg, endlich zu heilen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 445
Veröffentlichungsjahr: 2023
Holly Bourne
Orte, an denen ich geweint habe (wegen dir)
Roman
Aus dem Englischen von Nina Frey
dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
Orte, an denen ich geweint habe (wegen dir) ist ein fiktives Werk, aber es behandelt sehr reale Themen wie kontrollierendes Verhalten und sexuelle Gewalt.
Eine Liste ausgewählter Hilfe- und Anlaufstellen findet sich im gleichnamigen Kapitel am Ende des eBooks.
Es hat ausgesehen wie Liebe.
Es hat sich angefühlt wie Liebe.
Aber eine Liebesgeschichte ist das nicht.
Sie ist nicht immer leicht zu erkennen. Vielleicht hält sie den Kopf gesenkt und tut so, als schaue sie aufs Handy, versteckt ihr verheultes Gesicht hinter einem Haarvorhang. Oder sie lehnt sich gegen das Busfenster, drückt sich gegen die Scheibe, damit man ihre Tränen nicht sieht.
Aber es gibt verräterische Anzeichen – wie sie gelegentlich nach Atem ringt, ihr Rücken vor unterdrückten Schluchzern bebt oder sie sich unter den Augen reibt, ihre Tränen abfängt und an ihrem Rock abwischt.
Mädchen weinen auf Parkbänken. Mädchen weinen in den Warteräumen von Bahnhöfen. Sie weinen auf der Tanzfläche. Mädchen weinen an der Bushaltestelle. Mädchen weinen hinten in der Klasse. Sie sitzen auf dem Gehweg und weinen um zwei Uhr nachts auf dem kalten Asphalt, mit ihren Schuhen in der Hand. Mädchen weinen auf Schultoiletten. Und auf Brücken. Sie weinen auf Partys in den Treppenhäusern.
Dies ist die Geschichte von einem von ihnen.
Was bringt sie bloß ständig zum Weinen?
Oder besser gefragt: Wer?
Es ist halb zwei in der Früh, und ich bin wieder da, wo es angefangen hat.
Ja, klar ist es kalt. Es ist halb zwei nachts, mitten im Februar, und ich hab nicht mal richtige Kleider an. Ich habe mir einfach den Mantel über den Schlafanzug gezogen und bin in meinen Hausschuhen hergelaufen. Ich sitze auf dieser Bank, schlottere wie wild unter meinem sinnlosen Webpelzmantel und kann nicht mal sagen, warum.
Weißt du, ich war schon im Bett, und es war die übliche Geschichte mit dem Wachliegen und Kopfzermartern und den Schuldgefühlen und dem Zusammenkrümmen und tot sein wollen, und dann – genauer gesagt vor einer halben Stunde – ist es mir aufgegangen.
Genau hierher musste ich kommen.
Mein Atem steigt in hastigen Wölkchen vor mir auf und sinkt dann hinab zu den schlafenden Schienen. Es ist so still in dieser Gasse. Als läge die ganze Welt im Tiefschlaf. Alle außer mir und meinem zertrümmerten Herzen.
Ich habe schon so viele Tränen vergossen wegen dir, aber sie helfen einfach nicht. Also sitze ich hier in der Eiseskälte, meine Zähne klappern, und ich versuche es mir zusammenzureimen.
Diese Bank sieht nicht nach viel aus. Ihr fehlt ein Balken, sie ist von einer dünnen Moosschicht überzogen und mit obszönen Schmierereien verziert. Aber diese unscheinbare Bank hat eine Bedeutung, weil ich hier zum ersten Mal geweint habe.
Nicht zum ersten Mal überhaupt natürlich, aber das erste Mal im Zusammenhang mit dir. Mit unserer Geschichte. Obwohl du und ich eher etwas Dahingekritzeltes waren als eine Geschichte.
Wenn ich die Kritzelei entwirren kann, das Geschreibsel entziffern, dann könnte ich endlich begreifen.
Hier ist der Anfangspunkt. Unter mir. Ich sitze darauf.
Ich wickle mich fester in meinen Mantel, schließe die Augen und erinnere mich.
»Keine Angst«, sagte meine Mutter und sah mir beim Nicht-Löffeln meiner Cornflakes zu. »Alle dort sind neu.«
Sie sah mich an mit diesem Lächeln im Gesicht. Dem, das mich anflehte, ihr kein schlechtes Gewissen zu machen.
»Jeder wird zumindest irgendwen kennen, nur ich nicht.«
»Wirst du aber, wenn der Tag erst mal rum ist.«
Ich aß die Cornflakes nicht auf, weshalb ich die orangebraune Pampe erst mit den Fingern herausfischen musste, bevor ich die restliche Milch in die Spüle goss. »Hoffen wir’s«, sagte ich und kehrte ins Zimmer zurück, das sich immer noch nicht im Entferntesten wie meines anfühlte. Ich hatte noch nicht mal fertig ausgepackt, was die Lage nicht verbesserte. Überall stand mein Leben in Kisten gestapelt, wartete auf mein Eingeständnis, dass es sich jetzt hier abspielte, darauf, dass ich es befreite. Nur meine Kleider, den Plattenspieler und die Schallplatten hatte ich rausgeholt, und vor allem meine Gitarre.
Ich hatte keine Zeit zum Spielen, trotzdem nahm ich sie hoch, schlang mir den Gurt um die Schulter und kauerte mich ans Ende meines Bettes, strich einen Akkord, der mich sofort beruhigte. Leise begann ich zu singen.
»Mach schon, Amelie, wir kommen zu spät«, rief Mum den Flur herunter. Ich hatte mich immer noch nicht daran gewöhnt, keine Treppe mehr zu haben.
Widerwillig zog ich den Gurt über den Kopf und stellte die Gitarre ab. »Komme schon.«
Ich kletterte auf den Beifahrersitz unseres heißen Autos, es fühlte sich an wie eine unerwünschte Umarmung. Meine Beine schmierten Schweiß auf das Leder. Der Sommer wagte es nicht, den Schlussstrich zu ziehen, da er wohl nicht mitbekommen hatte, dass inzwischen September war. Wir fuhren aus der Parkanlage hinaus, und ich drehte das Radio an.
Mum stellte es wieder aus. »Bist du dir sicher, dass du es zu Fuß nach Hause schaffst? Ruf mich an, wenn du dich verläufst.«
»Mum, es gibt jetzt diese Geräte namens Handys. Die haben Karten drauf und so.«
»Tja, anrufen kannst du trotzdem.«
Wir fuhren mir fremde Straßen entlang, um mir fremde Ecken herum, vorbei an mir fremden Schülern, die unterwegs zum mir fremden Oberstufencollege waren. Sie gingen in Grüppchen, ich machte mich auf meinem Sitz ganz klein. Während wir hinter anderen Autos auf Parkplatzsuche hängen blieben, mieften Abgase durch die Klimaanlage in den Wagen. Es stank nach Auspuff.
»Ich glaub, hier muss ich dich rausschmeißen«, sagte Mum. »Meinst du, du kommst zurecht?«
Ich nickte, obwohl es nicht stimmte. Sie konnte auch nichts dafür, was hier passierte. Dad eigentlich auch nicht. Dass ich auf niemanden sauer sein konnte, dass mein altes Leben einfach vorbei war, machte alles fast noch schlimmer.
»Warte kurz.« Sie setzte den Blinker und fuhr ruckartig in eine Parklücke. Ich machte schon die Tür auf, wappnete mich für das große Unbekannte, da legte Mum mir die Hand auf die Schulter. »Wirst du das wirklich hinkriegen?«, fragte sie zu dritten Mal, mit ihrem aristokratischen Zungenschlag, den ich hier aus allen Mündern hörte. »Es tut mir leid, Amelie. Ich weiß, du wolltest das alles nicht.«
Ich lächelte für sie und nickte für sie. »Ich schaffe das schon.«
Sie ließ mich auf dem Gehsteig in einer Abgaswolke zurück, und ich beobachtete, wie sie sich durch die zahllosen wartenden Autos davonwand. Da ich nicht recht wusste, wohin ich sollte, trottete ich einfach den Menschen meines Alters hinterher, die alle in dieselbe Richtung strebten. Meine Haut begann zu prickeln, mein Verlegenheitsausschlag breitete sich spürbar auf meiner Brust aus. Perfekt, genau das, was mir am ersten Tag in der brandneuen Schule in einem brandneuen Teil des Landes noch gefehlt hatte – der Auftritt des verquollenen Hascherls.
Ich marschierte zwei anderen Mädchen hinterher und knöpfte mir trotz der Hitze die Jeansjacke zu, um möglichst viel von meinem roten Brustkorb zu verdecken.
Meine Haut juckte immer mehr bei der Vorstellung, welche Qualen mir heute bevorstehen mochten.
Nervös herumstehen zu müssen und Leute mit Blicken anzuflehen, mich doch anzusprechen.
Nicht zu wissen, wohin und wieso, und mich daran aufzureiben, dass ich selbst das Banalste nicht gebacken kriege.
Mit meiner Schüchternheit womöglich irgendeinen ungebetenen Spinner anzulocken, weil sonst niemand mit mir reden will, und mich dann den Rest meines Lebens verpflichtet fühlen, ihm oder ihr die Treue zu halten.
Mich damit verrückt zu machen, wo ich beim Mittagessen sitzen soll, und schließlich alleine in einer Ecke zu enden und allen anderen beim Freundlich- und Geselligsein zuzusehen, so wie ich es selbst gern wäre.
Mich vorstellen zu müssen und mich dabei zu verhaspeln, eine Quäkstimme zu bekommen – dann schlägt mein Ausschlag noch mehr aus, und alle denken, ich wär ein Freak …
Die Mädchen vor mir unterhielten sich aufgeregt, Fetzen ihres Gesprächs flatterten über ihre Schultern zu mir.
»Habt ihr Laura gesehen, als die Ergebnisse ausgehängt worden sind? Die macht jetzt auf Vollgoth. Glaubt ihr, ihr neuer Freund weiß, dass sie Taylor Swift hört? Sollen wir’s ihm petzen?« Sie kicherten, und mir drehte sich der Magen um. Ich hatte vergessen, wie fies Mädchen sein konnten. In Sheffield hatte ich mein eigenes kleines Grüppchen aus netten Leuten, die ich liebte und denen ich vertraute. Sechzehn Jahre hatte ich gebraucht, um Freunde zu finden, die mich verstanden und die ich verstand. Unfassbar, dass ich jetzt von vorne anfangen musste. Die Mädchen bogen nach links ab, und ich tat es ihnen nach, stand auf einmal meiner neuen Schule gegenüber, deren Fassade für das neue Schuljahr frisch gestrichen worden war. Durch verschiedene Eingänge strömten die Schüler hinein, und erwartungsgemäß schienen alle zumindest irgendwen zu kennen. Sie warfen sich einander begrüßungshalber in die Arme, befragten sich nach den Sommerferien. Alle lachten und plauderten zu laut und zu aufgeregt – setzten sich an diesem ersten Tag in Szene. Die Stadt war klein. Man konnte höchstens darauf hoffen, sich über die Sommerferien etwas neu zu positionieren. Wohingegen ich völlig neu war. Ich kannte keine Menschenseele auf diesem Schulgelände, auf das ich gerade mit meinen zu warmen hellbraunen Cowboyboots gestiefelt war. Das hätte vielleicht befreiend sein können, diese Chance auf einen Neuanfang – wenn ich denn einen Neuanfang gewollt hätte. Aber ich wollte in Sheffield sein, bei Jessa und Alfie.
Alfie …
Um ein Haar wäre ich in Tränen ausgebrochen, am helllichten Tag, noch bevor er überhaupt losgegangen war. Hinter meinen Augenlidern prickelten die Tränen, in meinem Bauch stieg Traurigkeit auf. Und weil er mich so gut kannte, weil er mich so gut kannte und mich so sehr liebte, nahm Alfie das wahr.
Denn mein Handy brummte, genau im richtigen Moment.
Alfie: Ich denke an dich. Sei einfach du selbst – samt Verlegenheitsausschlag. Du WIRST Freunde finden. Denk dran, zwei Jahre, mehr nicht xx
Ich stellte mich bequemer hin. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht, wenn auch kein sehr fröhliches.
Amelie:WOHERWEISSTDUDASSDERAUSSCHLAGDAIST? XX
Eine Glocke schrillte, und ich sah auf meinem Handy nach der Uhrzeit – 8.55. Nur noch fünf Minuten, um Raum D24 und meinen neuen Kurs zu finden. Ich wühlte in meiner Schultasche nach dem Plan des Schulgeländes. Anhand des zitternden Papiers in meinen Händen konnte ich den Bau vor mir als die Mensa identifizieren, und D24 schien im Medien-Flügel direkt rechts davon zu sein.
Na bitte, dachte ich. Das war ja nicht so schwer. Du kriegst es hin.
Mein Handy brummte wieder.
Alfie: Der Ausschlag wird mir fehlen. Du wirst toll sein heute xxx
Unwillkürlich schloss ich die Augen. Stand da mit der warmen Sonne auf den Augenlidern, im trägen Strom der letzten Ankömmlinge, und hatte jede Einzelheit von Alfies Gesicht vor mir. Den Leberfleck genau neben dem linken Auge, jedes Büschel seines unbändigen Haars. Aus dem Bauch heraus tippte ich eine Antwort.
Amelie: Ich liebe dich
Ich starrte auf mein Display, sah den Cursor neben dem »h« blinken. Wieder schwappte eine Welle aus Emotionen durch mich hindurch, und ich löschte alles wieder, sah zu, wie die Wahrheit vom Display gelöscht wurde, ein Buchstabe nach dem anderen. Wieder läutete die Glocke. Was auch immer sich jetzt mein Leben schimpfen würde, ich war auch noch zu spät dran.
Amelie: Du fehlst mir
Diese Nachricht schickte ich ab.
Sie war keine Lüge, aber auch nicht die ganze Wahrheit.
Ich schüttle den Kopf. Hier, jetzt, auf dieser eisigen Bank um fast drei Uhr früh. Mein Atem ist eher ein Keuchen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie mir je wieder warm werden soll. Jener sonnige Tag fühlt sich so unendlich weit weg an, so fern von dieser eiskalten toten Stunde, in der sich gar nichts regt.
Was wäre passiert, wenn ich die erste Nachricht geschickt hätte?
Das ist eines der großen Was-wäre-wenns, die ich herumwälze. Was, wenn ich Alfie geschrieben hätte, dass ich ihn liebe? Was, wenn ich diese Wahrheit nicht gelöscht hätte? Was, wenn ich meinem Bauchgefühl, dem Unkontrollierten in mir, das die Worte Ich liebe dich getippt hat, gefolgt wäre – trotz unserer beknackten Vereinbarung? Wenn ich diese erste Nachricht abgeschickt hätte, hätte die dann verhindert, was danach kam?
Ich werde es niemals wissen.
Denn ich habe Alfie nicht gesagt, dass ich ihn liebe. Ich habe ihm nur gesagt, dass er mir fehlt. Ich habe auf Senden gedrückt und gesehen, wie aus einem Häkchen zwei wurden. Dann habe ich mein Handy eingesteckt und bin zum Medienflügel gerannt.
Für einen schüchternen Menschen gibt es wirklich nichts Entsetzlicheres, als zu spät einen Raum zu betreten. Dementsprechend öffnete ich die Tür von D24 als ein Bündel aus Schweiß und Scham, und natürlich reckten alle die Köpfe nach mir wie die Meerkatzen. Ich zerrte an meiner Jeansjacke, weil mein Ausschlag jetzt nach unten expandierte.
»Entschuldigung, dass ich so spät bin«, stotterte ich meinem neuen Lehrer entgegen.
»Kein Problem. Du bist noch nicht mal die Letzte. Am ersten Tag verlaufen sich etliche.« Er wies auf einen freien Stuhl im Sitzkreis, und unter Vermeidung des Blickkontakts mit den Leuten mir gegenüber ließ ich mich darauf sinken. »Wie gesagt«, fuhr er fort, »ich heiße Alistair und bin die nächsten beiden Jahre euer Klassenlehrer.« Er sah jung aus, mit rotem Haar und rosa Hemd. »Ihr habt Glück, denn ich bin ein Traum.«
Der Kreis lachte verlegen, und ich hob den Blick, um alle kurz zu mustern. Ich WUSSTE einfach, dass sie alle ewig über das heutige Das-bin-ich-Outfit nachgegrübelt hatten, und der ganze Raum stank nach Zu-gewollt. Der Typ mir gegenüber hatte einen riesigen politischen Slogan quer über der Brust und hielt ein Tagebuch mit Ledereinband in der Hand, damit wir auch wussten, dass er sich seine Gedanken machte und alles in seinem speziellen Tagebuch niederschrieb. Das Mädchen neben ihm prunkte mit frisch gefärbtem rosa Haar, trug riesige Kopfhörer wie eine Kette um den Hals und einen Jeanslatzrock über gelben Strumpfhosen. Nicht dass ich groß hätte reden können. Ich hatte mich zwischen meiner Kollektion aus Omakleidern und dem Elend, dass es für meine übliche Strickjacke zu warm war, fast in den Wahnsinn getrieben. »Du würdest noch in deiner Riesenstrickjacke in den Krieg ziehen«, hatte Alfie mal gesagt, um mir dann eben diese Strickjacke auszuziehen und meine Schultern zu betrachten, als suchten sie ihresgleichen unter allen Schultern dieser Welt. Mein Kleidungsstil beschränkt sich auf: Wenn irgendeine Greisin kürzlich in diesem Kleid gestorben ist, dann möchte ich dieses Kleid tragen. Ich besitze nicht eine einzige Jeans.
Die Tür flog auf, und ein Mädchen mit perfekter roter Ponyfrisur erschien. »Ist das D24?«, fragte sie und schien sich gar nicht darum zu scheren, dass sich alle die Hälse nach ihr verdrehten.
»Fürwahr, fürwahr«, sagte Alistair. »Setz dich nur.«
Sie kam völlig entspannt herbeigeschlendert und lächelte mir zu, bevor sie sich neben mir niederließ.
»Hi«, flüsterte sie mir zu, einfach so. »Ich bin Hannah.«
Ich spürte, wie mir die Worte im Hals stecken blieben, aber ein »Hi« brachte ich heraus.
Alistair ließ uns noch fünf Minuten auf den letzten Zuspätkömmling warten, aber niemand erschien. Dann fuhr er fort, uns in der Oberstufe willkommen zu heißen und zu erklären, inwiefern sie sich von den bisherigen Klassenstufen unterschied. Wir durften anziehen, was wir wollten. Wir würden nicht nachsitzen müssen. Wir mussten nicht mal zum Unterricht antanzen – obwohl man uns bei weniger als achtzig Prozent Anwesenheit vor die Tür setzen würde. Heute würden sämtliche Stunden aus Einführungen bestehen, der richtige Stundenplan dann ab morgen gelten.
»Schön. Ihr seid alle je nach Fächerauswahl in Zweige aufgeteilt, und jeder, der hier sitzt, hat einen Schwerpunkt in Darstellender Kunst, in welcher Form auch immer«, erklärte er. »Ich bin Fachleiter für Darstellende Künste und deshalb euer Klassenlehrer.« Damit sprang er völlig überraschend auf einen Tisch und begann, mit breiten Gesten den Cancan zu tanzen, während wir fassungslos starrten und lachten. »Deshalb erwarte ich von euch, dass ihr euch bald für unseren Galaabend eintragt«, sang er im Schnulzensängerstil. Alistair vollführte eine Pirouette, sprang vom Tisch und landete auf dem grauen Teppichboden. »Fein, dann lernen wir uns mal alle besser kennen.«
Die anschließende Stunde war die Vorstufe zur Hölle. Oder was rede ich. Vermutlich ist das noch untertrieben. Alistair zwang uns, aufzustehen und drei Dinge über uns zu singen. Horror. Ich wand mich auf meinem Stuhl, mein Ausschlag rutschte weiter und weiter nach unten, juckte mir am Bauch, weil die anderen nicht mal mit der Wimper zuckten. Vermutlich sind Schüler in Darstellender Kunst von Haus aus nicht introvertiert – wenn man so will, war ich die einzige Sängerin in meinem Bekanntenkreis, mit nahezu krankhaft ausgeprägter Sozialphobie.
»Ich bin Darla«, trillerte das Mädchen mit dem rosa Haar. »Ich schreibe gern meine eigenen Songs, fotografiere Sonnenuntergänge und lebe jeden Tag, als wäre er mein letzter!«
»Hallo, Darla«, sangen wir gezwungenermaßen zurück.
Der Lederbuchknabe war kein solches Sonnenscheinchen. »Ich bin George«, maulte er mürrisch. »Ich mag Bücher und Fußball und Politik, und ich glaube, ich bin im falschen Kurs, weil ich überhaupt keine Darstellende Kunst mache.«
Alistair brach in Gelächter aus. »Grundgütiger, George«, schmetterte er ganz dramatisch, als wären wir gerade in ein Musical gekippt. »Vielleicht bist du im falschen Raum gelandet. Lass mich mal auf die Liste schauen.« Wieder wirbelte er herum und ergriff sein Klemmbrett. »Nein, dein Name steht hier nicht drauf«, sang er weiter. »Es tut mir sehr leid, aber du bist kei-heiin-e-heerr von uuuuuuuuns!«
»Kacke«, sagte George.
Alistair kam herbeigesteppt und spähte auf Georges Begrüßungszettel. »Du bist in B24, nicht D24«, trällerte er.
»Kacke, Kacke, Kacke!«
»In mei-heinem Klassenzimmer wird nicht gefluuuuuuuucht …«
George sammelte seinen Kram ein, ohne sein Ledernotizbuch aus dem Arm zu geben. »Lasst uns ein Abschiedslied singen«, schlug Alistair vor und setzte sofort zu ›So Long, Farewell‹ aus The Sound of Music an. Alles fiel ein, als wäre das völlig normal. Abgesehen von Hannah, die mich ansah, die Augen verdrehte und so tat, als jage sie sich eine Kugel durch den Schädel.
Als sie an der Reihe war, stand sie auf und sagte: »Ich mach Schauspiel, nicht Musik. Ich singe keinen Ton.«
»Wie du wünschst.«
»Ich bin Hannah.« Ihre Stimme war aufmerksamkeitsgebietend, auf ruhige, selbstsichere Art. »Ich mag Theater, aber ich hasse Musicals, und das hier …« Sie legte eine Kunstpause ein. »Genauso stelle ich mir die Hölle auf Erden vor.«
Der ganze Raum schnappte nach Luft, doch Alistair nahm ihre Kritik völlig entspannt. »Wie kann es sein, dass irgendwer in meinem Zweig keine Musicals mag«, murrte er. »Da muss irgendein Fehler passiert sein.«
Hannah setzte sich schulterzuckend wieder auf ihren Stuhl. Jetzt war ich dran. Alle drehten sich zu mir, und meine Brust wurde eng, meine Lunge schien zu schrumpfen.
Tu so, als wär’s ein Konzert, tu so, als wär’s ein Konzert, ermahnte ich mich, als ich mich von meinem Stuhl hochwackelte. Wie soll ich bitte singen, wenn ich nicht atmen kann? Okay, tu, als wär’s ein Konzert. Die überstehst du ja oft genug, irgendwie. Atmen … Atmen …
»Ich heiße Amelie.« Mir brach die Stimme, doch im Singen fing sie sich wieder. »Ich bin gerade von Sheffield hergezogen. Und ich schreibe gerne Lieder, singe und spiele Gitarre.«
Und wie immer bei meinen Auftritten ging die Welt nicht unter. Die Leute lächelten vage und scherten sich kaum darum.
Ich setzte mich, und Alistair grinste mir zu. »Du hast eine wirklich schöne Singstimme, Amelie«, bemerkte er. Wieder drehten sich alle zu mir, und ich verwandelte mich in hundert Prozent Ausschlag. Einen Moment lang verabscheute ich Alistair – dafür, dass er mich besonders hervorhob, mich ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte, selbst wenn es ein nettes Kompliment gewesen war. Ich sank in meinem Stuhl zusammen und versteckte mich bis zum Ende der Übung hinter meinen Haaren.
Nach dieser Olympiade in öffentlicher Demütigung zwang Alistair uns zu »schreiend komischen« Kennenlern-Spielchen. Eins davon war Zipp Zapp Zopp, bei dem wir einen »Energieball« im Kreis herumreichen und dabei eine Reihe lächerlicher Geräusche und Gesten machen musste. Ich zippte nur, was bedeutete, dass ich das Wort »Zipp« sagte und die »Energie« zur anderen Seite weitergab. Hannah beschränkte sich ebenfalls aufs Zippen und murmelte leise: »Das ist der Horror, ich will sterben.« Ich lächelte sie breit an, damit sie merkte, wie ÄHNLICH wir uns waren und dass wir uns ANFREUNDEN konnten. Als Nächstes wurden uns Bingokarten, beschriftet mit Lieblingsfarbe Rosa oder Geht gern joggen, ausgeteilt, mit der Aufgabe, Leute zu finden, auf die das zutraf. Das war der Punkt, an dem ich erwog, auf der Stelle die Schule zu schmeißen und meinen Eltern zu sagen, es sei nichts für mich. Doch auf einer der Karten stand Kommt von auswärts, und so scharten sich sofort alle um mich, und ich musste niemanden ansprechen oder irgendwas sagen abseits von »Ja, Sheffield«. Als mich jeder erst mal abgehakt hatte, quatschten alle miteinander, als wäre es das Einfachste der Welt. Ich stand mit meiner Bingokarte am Rand, mit schweißnassen Achselhöhlen und Sehnsucht nach meinem alten Leben und meinen alten Freunden. Da hörte ich Hannahs Stimme hinter mir.
»Kannst du bitte vorgeben, Rosa zu mögen?«
Ich wirbelte herum und lächelte sie dämlich an. »Huch. Das war ja schon immer meine Lieblingsfarbe!«
»Super. Wow. Welch ein Zufall!« Sie hakte es auf ihrem Blatt ab. »Und hast du denn ein Haustier?«
Ich nickte. »Jupp. Ein Einhorn.«
»Ich auch!«
Unser Grinsen wurde breiter, und ich notierte ihren Namen in dem Kästchen. »Hannah, oder?«
»Jupp. Und ich könnte mal einen Knochenbruch erlitten haben, wenn du willst?«
»Hervorragend. Welcher war’s?«
»Alle.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich hab mich einen Aufzugschacht runtergestürzt, als Protest gegen dieses Kennenlernspiel. Hab mir sämtliche Knochen gebrochen. Ich bin ein medizinisches Wunder.«
Wir kicherten beide und verstanden uns noch besser.
»Hast du Locken?«, fragte ich.
»Also, wenn ich mir Locken drehe? Die Antwort ist Ja!«
»Bist du Linkshänderin?«
»Manchmal heb ich die linke Hand hoch, um die L-Form zu suchen, weil ich nicht mehr weiß, wo rechts und wo links ist. Zählt das?«
»Zählt total.«
»Okay, jetzt bin ich dran. Warst du schon mal im Ausland?«
»Nun, ich komme aus Sheffield«, entgegnete ich.
»Mehr Ausland geht kaum.«
Darla unterbrach uns mit einem »BINGO!«-Schrei. Wir spendeten Applaus, und sie hielt tatsächlich eine Oscar-Dankesrede.
Danach erklärte Alastair uns das Schulgelände, und wie der Stundenplan funktionierte, und sagte, man könne sich jederzeit an ihn wenden. Bei all seiner Exaltiertheit mochte ich ihn irgendwie. Langweilig würden die Stunden bei ihm sicher nicht werden. Damit entließ er uns, und alle tröpfelten nach und nach aus dem Raum, miteinander plaudernd, als würden sie sich schon ewig kennen.
Hannah fummelte noch an ihrer Tasche herum, und in der Hoffnung, wir könnten uns noch ein bisschen unterhalten, brauchte auch ich ein bisschen zu lange, um meinen Block einzustecken. Sie zog den Reißverschluss zu und sah mich erwartungsvoll an. »Schön, wir haben überlebt. Fühlst du dich ausreichend eingeweiht?«
»Ich fühle mich, als müsste ich bis an mein Lebensende in Therapie.«
Sie lachte. »Was hast du danach?« Wir gingen nebeneinanderher, traten aus dem Medienflügel in die Sonne hinaus. Hunderte von Schülern hasteten von A nach B, blieben immer wieder mit ihrem Campusplan stehen, um rauszufinden, wo »B« überhaupt sein sollte.
»Sprachgeschichte«, sagte ich.
Sie setzte sich eine verspiegelte Fliegerbrille auf die Nase. »O nein, ich mache Literatur. Sonst hätten wir denselben Kurs gehabt. Aber wir müssen ins selbe Gebäude. Hast du ’nen Plan?«
Hannah begleitete mich zu meiner nächsten Stunde. Sie erzählte mir, dass sie sich selbst für dieses College entschieden hatte, statt auf ihrer Schule zu bleiben. »Das war eine kirchliche Privatschule, und die haben den Oberstuflerinnen verboten, ärmellose T-Shirts zu tragen, sogar im Sommer. Nee, da wollte ich nicht bleiben.« Sie war eine von nur fünf Leuten, die weggegangen waren. Wir hielten vor meinem Klassenzimmer inne, und ich überprüfte noch mal die Nummer, um sicherzugehen, dass ich hier auch richtig war. »Ein paar von uns treffen sich später auf einen Kaffee«, sagte Hannah und zog eine Schlaufe ihres Rucksacks zurecht. »Im Ort gibt’s so einen Laden namens BoJangles. Komm doch auch, wenn du Bock hast. In der Mittagspause?«
Ich hätte sie umarmen können. Denn ich hätte meinerseits nie und nimmer ein Treffen vorgeschlagen, so dringend ich es auch wollte. Ich blökte ein Ja heraus und fragte, wo das BoJangles sei.
Sie zeigte es mir auf dem Handy. »Total herzig, dass du dich in diesem winzigen Nest nicht auskennst«, sagte sie. »Keine Sorge, fünf Minuten, und du hast’s raus. Also dann …« Sie nahm die Sonnenbrille ab und winkte zum Abschied. »Bis zum Mittagessen.«
»Tschau!«, rief ich ihr nach, während sich ihr rotes Haar im Gewirr der Schüler auf den Gängen verlor. »Danke«, sagte ich leise, wie zu mir selbst.
Es ist so was von kalt, ich muss gleich weg hier. Eine dünne Eisschicht kriecht langsam auf meinen Hintern zu. Ich senke den Kopf, ziehe die Füße hinauf und drücke mir die Knie in die Augenhöhlen.
Hannah ist nicht mehr meine Freundin.
Ich habe eigentlich gar keine Freunde mehr.
Der Rest dieses ersten Tages verlief besser als befürchtet. Ich schaffte es, alle meine Klassenzimmer zu finden. Ich lernte meine Lehrkräfte kennen. Sie erzählten uns, wie viel schwerer die A-Levels wären als die Mittelstufenexamen. Meine Musiklehrerin, Mrs Clarke, schien cool zu sein, das war schon mal eine Riesenerleichterung für mich. Später ging ich ins BoJangles und saß still da, während Hannah mich Jack und Liv vorstellte. Bald steckten wir mitten in einem Gespräch über die Nord-Süd-Unterschiede.
»Bei euch wird jedes r noch extra betont!«
»Bratensauce? Direkt auf die Pommes? Wer macht so was Grausames!«
»Also, wo genau liegt Sheffield? Ach, okay. Und wo genau sind die Midlands? Ich hab immer geglaubt, Sheffield sei ewig weit im Norden.«
»Du spielst Gitarre?«, fragten sie, nachdem wir sämtliche Worte durchhatten, die ich anders aussprach. »Und du schreibst deine eigenen Songs? Wow.«
Alles in allem lief es gut für einen ersten Tag. Diese Leute kannten einander natürlich viel besser als ich, aber sie waren alle aufs College gekommen, um neue Leute kennenzulernen, und ich war neu. Hannah war eindeutig die Anführerin dieser Abtrünnigen von der Ordensschule, und genauso eindeutig stand Jack auf Hannah. Während ihrer Ausführungen über die tollen Theaterräumlichkeiten der alten Schule schmachtete er sie unverwandt an. »Also, warum bist du hierhergezogen, so ewig weit weg?«, fragte Hannah und prüfte ihren perfekten Pony in einem Taschenspiegel.
»Mein Vater hat seine Stelle verloren, und da oben im Norden gab’s keine Jobs.«
Hannah steckte den Spiegel weg und sah mich mit aufrichtigem Mitgefühl an. »Wow, das ist hart.« Der Rest des Tisches machte über dem Kaffeeschaum unterstützende Geräusche.
»Schon okay«, log ich. »Meine Mutter kommt hier aus der Gegend, also war ich schon öfter mal hier.«
»Also, nur damit du’s weißt«, sagte sie. »Wir tun Ketchup auf unsere Pommes, keine Bratensauce.«
»Ihr Gottlosen!«
Und dann lächelten wir uns an, als neue Freunde.
Dich hatte ich da natürlich noch nicht getroffen. Es war immer noch vor dir. Aber vielleicht habe ich dich gewittert – an diesem allerersten Tag – auf meinem Heimweg in der Sonne, zurück zu dem Ort, der noch kein Zuhause war.
Ich weiß nur, dass ich mich einigermaßen okay fühlte, als ich zur neuen Wohnung spazierte. Mein Handy führte mich durch diese Gasse, eine Abkürzung, hinten entlang an fremden Gärten.
Mir blieben noch zwei Stunden, um Gitarre zu spielen, bevor meine Eltern heimkamen, und auf dem Weg durchs fleckige Sonnenlicht flitzten mir Fetzen neuer Songtexte durch den Kopf. Die Gasse machte eine Kurve nach links, und plötzlich stand ich auf einer heruntergekommenen Eisenbahnbrücke. Mein Handy befahl mir, sie zu überqueren, und ich gehorchte, blieb jedoch in der Mitte stehen, um die Schienen zu betrachten, die in einer dreieckigen Weiche verschwanden. Mein Hirn wurde ganz ruhig, und ein Text bahnte sich den Weg aus meinem Unterbewusstsein.
Zu beiden Seiten liegt Horizont … Deine Liebe ist in mir und nirgends sonst … ich will zurück, doch das Leben will es anders …
Das war was, das wusste ich sofort. Der Einstieg in ein Lied. Ich tippte mir die Zeilen in die Notizen-App meines Handys, um sie auch ja zu bewahren, bevor sie sich in nichts auflösten. Gerade hatte ich fertiggetippt, da begann das Handy in meiner Hand zu vibrieren.
Ein Stich ins Herz, und ich hielt es mir ans Ohr.
»Hallo?«, fragte ich, obwohl jeder schwingende, traurige Teil meines Körpers wusste, wer es war.
»Ammy! Wie ist es gelaufen?«
Alfies Stimme klang nach Geborgenheit. Nach Trost und Zuhause. Aber auch so unendlich weit weg von dieser Brücke.
Mir drehte sich der Magen um, doch ich versuchte, ihn nicht zu beachten. »War eigentlich okay. Ich hab ein Mädchen kennengelernt, das Theater macht. Die war ziemlich nett und cool. In der Schule gibt’s gute Mischpulte.«
Er lachte, und ich konnte ihn mir dabei vorstellen – wie er sich die Hand ans Kinn hielt, ein Auge ein bisschen fester zukniff als das andere. »Also, das ist schon mal das Wichtigste«, sagte er. »Und ich bin froh, dass nicht alle Südtrottel grauenhaft sind.«
Mit zwischen Schulter und Ohr geklemmtem Handy ging ich zu dieser Bank am anderen Ende der Brücke hinüber und setzte mich genau dahin, wo ich jetzt sitze.
»Ich glaube, mit Freundschaft wird hier nicht viel, wenn ich sie als Südtrottel bezeichne.«
Er lachte wieder. »Stimmt! Aber du kannst es dir immer dazu denken. Ernsthaft, sonst lassen wir dich hinterher nicht mehr nach Yorkshire rein.«
»Und ob ihr mich wieder reinlasst!«
Gelächter im Hintergrund, ein kleines Gerangel, Alfie, der »HEY« rief, dann dröhnte mir Jessas Stimme ins Ohr: »AMELIE, DUFEHLSTUNS. KOMMZURÜCK, DUTROTTEL!«
Mein Lächeln ging übers ganze Gesicht. »Ihr fehlt mir auch.«
»Die Schule war so SELTSAM ohne dich heute. Ich hab sogar überlegt, ob ich einem Luftballon eine Strickjacke überziehen und so tun soll, als wärst du’s.«
»Ich hab grad nicht mal eine Strickjacke an«, berichtete ich. »Zu heiß hier.«
»O GOTT, LEUTE!«, brüllte sie vom Lautsprecher weg. »SIESAGT, ESISTSOHEISS, SIEHATNICHTMAL ’NESTRICKJACKEAN!«
Geräusche des Unglaubens von meinen alten Freunden. »Ich brauch den Bildbeweis, sonst glaub ich’s nicht«, brüllte Kimmy. Dann Gelächter und noch mehr Gelärme, und ich kippte unwillkürlich nach vorne, mir die Hand auf den Bauch drückend.
»Gibt mir das Handy zurück, Jessa. Du kriegst auch eine Pommes. Okay, drei Pommes«, hörte ich Alfie verhandeln. »Das waren mehr als drei! Okay … Moment … sorry, Ammy, bist du noch dran?«
»Ich bin noch dran.«
»Warte kurz. Ich lass sie vorgehen, damit wir Ruhe haben.«
Ich hörte Alfies Schritte über den Kies knirschen. »Wo seid ihr?«, fragte ich, darum bemüht, das Quietschen in meiner Stimme zu unterdrücken.
»Ach, Botanischer Garten – alles wie immer.« Ich sah sie regelrecht vor mir. Ich wusste, bei welcher Pommesbude sie gewesen waren, und ich wusste auch genau, welche Bank sie nehmen würden.
»Was hast du auf deinen Pommes?« Natürlich wusste ich die Antwort.
»Sauce, Käse und Mayo – die Geheimzutat.«
»Die Mayo ist es, die es so richtig versaut.«
»Ich bin meiner Zeit voraus, Ammy, du weißt das doch …« Er verstummte. »Du fehlst mir«, sagte er schließlich. »Heute war es so schräg und schrecklich.«
Ich schluckte und blinzelte zum blauen Himmel hinauf. »Zwei Jahre, die gehen rum wie nichts.«
»Das sagen wir uns ständig.« Wieder Schweigen. »Aber geht’s dir gut? Ich hab an dich gedacht – dir gute Gedanken geschickt. Sind die angekommen?«
Eine Träne entwischte. Sie machte den Anfang. Ich fing sie mit der Fingerspitze auf und schnipste sie fort. »Sind sie. Danke.«
Wir seufzten beide, sprachen es nicht aus. Wir hatten alles gesagt, bevor ich gegangen war. »Wie lief dein erster Chemie-Leistungskurs?«, fragte ich in dem Versuch, das Gespräch in fröhlichere Gefilde zu lenken. »Durftest du einen Bunsenbrenner benutzen?«
»Wie oft soll ich dir noch sagen, dass da mehr dran ist als Bunsenbrenner?«
»Die sind der einzige Grund, weshalb du Chemie magst, hör auf, dir in die Tasche zu lügen!«
Alfie lachte, aber es klang traurig. Im Hintergrund konnte ich Kimmy und Jessa sich kabbeln hören. »Ich hör besser mal auf«, sagte er. »Die futtern mir alle Pommes weg.«
Ich wollte nicht, dass er auflegte. Ich wollte den Klang seiner Stimme nicht verlieren. Aber wir hatten vereinbart, uns nicht zu sehr runterziehen zu lassen, wir hatten vereinbart, die Scheißsituation anzunehmen, wie sie war. Wir hatten vereinbart, unsere Beziehung auf Eis zu legen.
»Es sind nur zwei Jahre«, hatte Alfie gesagt und mein Gesicht umklammert, in der Nacht vor meiner Abreise, als meine ganzen sechzehn Lebensjahre in Pappkartons verpackt gewesen waren. »Dann sind wir beide in Manchester und können wieder zusammen sein.«
»Was, wenn du nicht so lange auf mich warten kannst?«
»Ich weiß, dass ich das kann.«
»Ich will nicht, dass du dich an mich gebunden fühlst und mir das irgendwann übel nimmst«, schluchzte ich und wusste nicht mal, ob ich das so meinte.
»Werde ich nicht. Und wirst du auch nicht. Wir waren uns doch einig, schon vergessen? Wir dürfen alles machen, mit wem auch immer, nur uns eben nicht verlieben.«
»Es ist mir absolut unmöglich, mich in jemanden zu verlieben, der nicht du ist.«
Damals war es mir absolut ernst damit.
Wir hatten uns geküsst und geheult und erst zum achten Mal miteinander geschlafen, und es war traurig und schön und unbeholfen und ein bisschen zu viel Rotz im Spiel, aber trotzdem herrlich. Hinterher waren wir die ganze Nacht wach geblieben und hatten geflüstert, was für ein Wahnsinn Manchester sein würde.
»Okay«, sagte ich, nur zwei Wochen später – und spürte jeden Zentimeter Entfernung zwischen uns wie ein Messer im Bauch. »Danke, dass du angerufen hast. Das war wirklich lieb.« Noch eine Träne platschte mir aufs Kleid, bevor ich überhaupt dazu kam, sie aufzuhalten.
»Ich bin so froh, dass dein erster Tag okay war.«
»Ich auch … noch mal danke.«
Er legte auf, und ich blickte hinab auf mein Telefon, überrollt von einer Welle aus Trauer. Mein Handy wackelte in meinen schlotternden Händen, und eine Träne schlug auf dem Display auf. Mehr brauchte es nicht, eine Versinnbildlichung meiner Trauer. Auf dieser Bank, genau dieser, vor all diesen Monaten – als die Sonne schien und ich dich noch nicht kannte –, ließ ich den Kopf auf den Schoß sinken und weinte. Jeder hätte vorbekommen und mich sehen können. Die Trauer war zu frisch, als dass es mich geschert hätte. Mein Rücken bebte, und mein Kleid wurde besprengt mit salzigen Tränen.
Als ich jetzt auf dieser Bank sitze, ist mein Hintern taub vor Kälte. Ich sitze auf demselben Platz und möchte durch ein Wurmloch in die Vergangenheit greifen und mich trösten, mir selbst den Rücken tätscheln. Ich strecke die behandschuhte Hand aus, als könnte ich mein altes Ich berühren. Als könnte ich mir die Tränen trocknen. Als könnte ich mir die Haare hinters Ohr schieben und mir zuflüstern, mich beschwören, nichts von den Dingen zu tun, die ich bald tun würde. Die Dinge, die mich zu dem gemacht haben, was ich jetzt bin. Diese leere Hülle, dieses hilflose Chaos.
Hier hat es angefangen.
Ich begreife noch nicht, was passiert ist, aber ich weiß, dass es hier begonnen hat.
Wenn ich die Punkte verbinden kann, werde ich vielleicht langsam begreifen. Denn im Moment begreife ich überhaupt nichts. Nichts im vergangenen halben Jahr kann ich mir irgendwie erklären. Nicht mein Verhalten, nicht das, was ich verloren habe und wie weh es tut. Es ist ein Schlamassel, ein Durcheinander, ein Kuddelmuddel, alles miteinander verquirlt.
Diese Bank ist Punkt Nummer eins. Dies ist der erste Ort, an dem ich je in der Öffentlichkeit geweint habe.
Ich schließe die Augen, spüre mein altes Ich in mir aufsteigen, als säße ich auf meinem eigenen Geist. Ich spüre die Tränen auf ihrem Gesicht, ihre bebenden Schultern. Ich strecke die Hand durch die Zeit und flüstere ihr zu:
»Ach, Amelie, du hast ja keine Ahnung.«
Die Worte gefrieren zu Eis und segeln hinab auf die Schienen.
Ich habe dich eine Woche lang nicht gesehen, und meine Widerstandskraft gegen dich ist durch die Schulferien geschwächt. Es ist so stickig hier. Vielleicht, weil es draußen schüttet und sich jeder hier reingeflüchtet hat. Oder vielleicht, weil die Heizung bis zum Anschlag aufgedreht ist und alle Scheiben beschlagen sind. Oder vielleicht, weil der Geruch von massenproduzierter Bolognese aus der Küche rüberweht. Oder vielleicht, ganz vielleicht, weil du hier bist. Mit ihr. In der Ecke.
Ich kann nicht fassen, dass du hier bist und sie küsst und ich mich fühle, als fiele ich gleich tot um.
Ich bin allein, wie immer. Erledigt, weil ich gestern so lange wach war. Ganz hinten in der Ecke, die Beine angezogen, Hoodie-Kapuze auf, eingerollt wie eine Schnecke, die nicht zertrampelt werden will. Ich komme hier eigentlich kaum noch her. Ich verkrieche mich im Musiksaal oder in einer Lernnische in der Bibliothek. Ich blicke in die Masse schwitziger Leiber – lachende Menschen, die Spaghetti essen und nicht über ihre Seelenqualen nachdenken – und finde blödsinnigerweise immer wieder dein Gesicht. Du lächelst sie unter deinem Filzhut hervor an. Du siehst sie an, wie du mich angesehen hast. Es tut so überwältigend weh, dass es in meinem Körper kaum Platz dafür gibt.
Warum tue ich mir das an?, frage ich mich zum millionsten Mal, seit ich hier reingekommen bin.
Da hinten sind Jack und Hannah, die es sich an einem Tisch nahe der Tür gemütlich gemacht haben und mich meisterhaft ignorieren. Galle liegt mir schwer im Magen, der Essensgeruch macht es nur noch schlimmer. Ich esse fast nichts zurzeit, und meine Eltern machen sich Sorgen. Ich spiele fast keine Gitarre zurzeit, und Mrs Clarke macht sich Sorgen. Aber der einzige Mensch, der es bemerken und sich darüber Sorgen machen soll, bist du.
Aber du machst dir keine Sorgen, Reese. Du bemerkst mich nicht einmal.
Was so bescheuert ist, denn genau hier habe ich dich zum ersten Mal getroffen. Und an dem Tag hast du mich mehr als bemerkt.
Natürlich sah diese schwitzige Mensa damals ganz anders aus …
»Boah, für so einen scheiß Schulgalaabend sind die ja echt in die Vollen gegangen«, sagte Hannah, als wir uns durch die Mensatüren schoben.
Wir blieben alle drei stehen, um die Verwandlung zu bestaunen. Wo sonst die Jukebox stand, war eine eindrucksvolle Bühne errichtet worden. Aus der Küche war eine behelfsmäßig eingerichtete Bar geworden. An der Decke prangte eine richtige Discobeleuchtung, die einen intergalaktischen Sternenhimmel an die Wände malte. Es war knallvoll, als wäre die gesamte Schülerschaft aufgekreuzt. Der Unterricht lief erst seit zwei Wochen, und alle waren noch ganz wild auf Geselligkeit und Anschlussfinden.
»Woher hatten diese zugedröhnten Soundtechniker die Energie, das alles aus dem Boden zu stampfen?«, witzelte Jack, und Hannah lachte. Ich lächelte in mich hinein. Mir wurde das Privileg zuteil, schon vor den beiden zu wissen, wie gern sie sich mochten – der Logenplatz in der Jack-und-Hannah-Show. Ich freute mich sehr für sie, vermisste aber gleichzeitig Alfie so sehr, dass jeder Atemzug schmerzte.
Seit einer Woche hatte er mir nicht mehr geschrieben.
Nicht dass er es hätte tun sollen. Alfie war ein freier Mensch, ich war ein freier Mensch. So lautete der Plan. Aber das hinderte mich nicht daran, mich damit verrückt zu machen, dass er jemand anderen kennengelernt und mich und Manchester vergessen hatte. Was mich immerhin ein wenig von meinem DROHENDENLAMPENFIEBERDESGRAUENS ablenkte.
»Wo sollen wir mit unserem Zeug hin?«, fragte ich und zerrte den Gurt meiner Gitarre auf die andere Schulter.
»Keine Ahnung«, antwortete Hannah. »Für meine Nummer brauch ich nichts. In eins der Klassenzimmer, vermute ich mal?«
Ich atmete tief durch, weil das bedeutete, dass ich mich von ihnen losreißen und mit anderen Leuten sprechen musste. Das machte mich noch nervöser, was mir kaum möglich erschien, weil ich kurz davor stand, mir vor der gesamten neuen Schule die Seele aus dem Leib zu singen. In Sheffield hatte ich ein paar treue Fans gehabt, was mein Lampenfieber immer ein ganz klein wenig gedämpft hatte. Aber ob meine Musik hier ankommen würde, stand in den Sternen. »Dann frag ich da mal nach.«
»Super. Wir organisieren was zu trinken«, entgegnete Jack und öffnete mit verschwörerischer Geste seinen Blazer wie ein windiger Gangster. »Was willst du zum Mischen? Cola oder Limo?« Er hatte eine kleine Wasserflasche voller Wodka in seiner Innentasche reingeschmuggelt.
»Cola bitte.«
»Wir treffen uns vorne bei der Bühne«, rief Hannah, die bereits von Jack durchs Gedränge gelotst und kurz darauf von der wimmelnden Menschenmenge verschluckt wurde – von denen ich jetzt, nach zwei Wochen, ein paar erkannte. Carolyn, ein Mädchen aus meinem Englischkurs, kam vorbei und grüßte. Ich winkte zurück, lief rot an und verachtete mich für meine quälende Menschenscheu. Noch mehr Leute kamen herein, stauten sich in Türnähe, um die verwandelte Cafeteria zu bestaunen.
Vor all diesen Leuten musst du singen.
Ich zwang mein Hirn, die Klappe zu halten, indem ich mich auf das Notwendige konzentrierte und herauszufinden versuchte, wo ich meine Gitarre abstellen konnte. Ich erspähte Darla und ihre neuen grünen Zöpfe.
»Darla!«, rief ich ihr zu.
»Hi, Amelie, alles gut?«
Ich schob mich durch die Menge und rammte dabei jemanden mit meiner Gitarre. »Alles gut«, sagte ich. »Ich muss nur meine Gitarre irgendwo abstellen. Du spielst doch heute Abend auch, oder?« Sie nickte. »Weißt du, wo wir mit unserem Zeug hinsollen?«
»Die anderen bringen es alle zu den Musiksälen«, entgegnete sie.
»Klingt logisch. Danke. Und, wann bist du dran?«, zwang ich mich zu etwas Höflichkeit.
»Als Dritte. Und du?«
»Vorletzte.«
Darla hob die Augenbrauen. »Aua. Damit du dich den ganzen Abend verrückt machen darfst, bis du endlich drankommst?«
Ihre Bemerkung traf voll ins Schwarze. Ich lachte, und es klang, als wäre jemand auf eine Maus getreten. »Haha, wem sagst du das. Nervt total. Danke noch mal.«
Ich verabschiedete mich, quetschte mich durch den bevölkerten Eingang und trat in die warme, dunkle Nacht hinaus. Mir war schon fast zu warm in meiner Strickjacke – der grauen mit den selbst gebohrten Daumenlöchern am Bündchen. Ich trug sie über einem hellblauen Midi-Kleid und hatte mir das Haar willkürlich zu Zöpfen geflochten. Mein Handy schnurrte, und sofort rief ich die Nachricht auf. Alfie! Das musste er sein!
Jessa: Alles Gute für deinem Auftritt, Strickjackenomi! Viel Spaß beim vorher Ausflippen und dir Vormachen, du würdest nicht gewinnen. Immer wieder lustig X
Mein Lächeln war höchstens halbherzig. Sosehr ich auch an ihr hing, war Jessa doch nicht Alfie, und von dem wollte ich eigentlich hören. Aber ich schrieb ihr zurück und fühlte mich hinterher weniger einsam und panisch.
Amelie: Ich werd nicht gewinnen … Aber ernsthaft, danke danke für die Nachricht. Ich wünschte, du wärst bei mir. Das heißt, nein, ich wünschte, ich wär bei DIR.
Ich schleppte meine Gitarre durch die Dunkelheit zu den Musiksälen, an deren Eingang ein Zettel bat: INSTRUMENTEHIERABSTELLEN.
Ich schob mich durch die Tür, meine Gitarre schlug gegen den Rahmen, und da sah ich ihn zum ersten Mal.
Was für ein gut aussehendes Gesicht – das war mein allererster Gedanke. Das Wort hatte ich bisher dem Vokabular meiner Oma oder von Disney-Prinzessinnen zugeordnet, aber nun war es das Erste, was mir beim Anblick von Reese Davis durch den Kopf schoss.
Mann, ist der aber gut aussehend.
Er stand im Kreis seiner Band, und ich bemerkte ihn eigentlich erst, als er sich nach dem Krach, den ich verursachte, umdrehte. Sein Blick traf meinen, und er lächelte das Lächeln, das sich als mein Untergang entpuppen würde.
»Öhm, hi!«, quietschte ich. »Stellt man hier seine Instrumente ab?«
Er war groß, sein Gesicht ganz kantig und markant samt Grübchen im Kinn. Er trug einen Hut, im Schulhaus, aber er sah so gut aus, dass ich ihn deshalb noch nicht mal als Deppen abstempelte.
Er wollte gerade den Mund aufmachen, als Mrs Clarke auftauchte, schon etwas aufgelöst und gestresst. »Amelie, hallo! Ja, hier gehört alles hin.« Sie streckte die Hände nach meinem Gitarrenkoffer aus, und ich reichte ihn ihr dankbar. »Wie fühlst du dich?«
»Sehr nervös«, gab ich zu.
»Musst du nicht. Du wirst das großartig machen.«
»Hoffe ich.«
Wir hatten noch kein Wort miteinander gewechselt, aber ich konnte Reeses Anwesenheit regelrecht spüren, als hätte er sein eigenes magnetisches Kraftfeld.
»Womit fängst du an?«, fragte mich Mrs Clarke, und dann erläuterte ich ihr mein Zehn-Minuten-Programm, während ich gleichzeitig darauf horchte, wie dieser Junge mit Hut seines besprach.
Er hatte sich wieder seiner Band zugewandt. »Ich finde immer noch, wir sollten mit ›Willkommen im Nada‹ eröffnen«, sagte er mit dieser ruhigen Bestimmtheit, die sich als mein Untergang entpuppen sollte.
»Ja, aber Reese, es war doch ausgemacht …«
Er lächelte und schnitt seinen Bandkollegen mit einer Handbewegung das Wort ab. »Hey, das soll Rock’n’Roll sein, Alter, komm mal runter. Wir können wohl noch was an der Setlist drehen. Wir haben zehn Minuten Aufritt, dafür gibt’s ja wohl kein Nachsitzen.« Die anderen lachten zögerlich, und ich sah ihm beim Lächeln zu, bevor Mrs Clarke mich wieder mit ihren begeisterten Nachfragen zu meinem eigenen Werk ablenkte.
Jetzt wünsche ich mir so sehr, ich wäre damals einfach aus diesem Raum gegangen und davonspaziert, immer weiter, weiter, weiter. Aber das tat ich nicht. Stattdessen kehrte ich in die Mensa zurück, fand Hannah und Jack, ließ mir von Letzterem eine gediegene Ladung Wodka in die Cola schütten und steuerte weiter fröhlich meinem Untergang entgegen.
Denn im entscheidenden Moment weiß man eben nie Bescheid. Man kann nie wissen, ob die nächste Sekunde einem das Leben besser macht oder es in die Luft jagt und dann noch auf die Trümmer pinkelt. Was mir am meisten Angst macht, Reese, ist, dass ich jetzt, da ich wieder in dieser miefigen Mensa sitze, seelenlos, mit zertrümmertem Herzen, immer … immer …
Dass ich immer noch fürchte, dass ich alles wieder genauso machen würde.
Was hast du mir angetan, Reese?
Den Reigen der Wettstreiter hatte ein Beatboxer eröffnet, der gar nicht mehr von der Bühne gehen wollte. Wir hatten Liv im Gedränge gefunden – sie stand bei ihren neuen Freunden aus dem Fotokurs. Liv hatte ich auf Anhieb etwas zu cool gefunden – mit ihren kurzen Haaren und ihrer künstlerischen Art, aber sie war immer nett und schien sich über mein Erscheinen zu freuen. Wir winkten uns alle zu und brüllten uns gegenseitig ins Ohr, während der Typ ins Mikro röchelte. Ich überließ den anderen das Reden und stellte mich etwas abseits, um gelegentlich zu nicken und wegen meines Auftritts nicht durchzudrehen.
»Was für eine fiese Kombi«, hatte Alfie vor meinem letzten Auftritt in Sheffield gesagt und mir die schlotternden Finger geküsst. »So ein wahnsinniges Talent zu haben und so unglaublich ungern im Rampenlicht zu stehen.«
»Was, wenn ich kotze?«, fragte ich.
»Ich kann mich nur wiederholen: Dann stehe ich immer noch auf dich«, versicherte er mir.
Mich zu übergeben ist eine meiner größten Lampenfieberängste – dass ich mich einfach von oben bis unten vollkotze. Dicht gefolgt von meiner Angst, mir in die Hose zu machen. Dicht gefolgt davon, dass mir der Text nicht mehr einfällt und ich dastehe wie eine Idiotin. Dicht gefolgt davon, dass ich den Text zwar noch weiß, aber schief singe. Dies war mein erster Auftritt seit Jahren ohne Alfies sanfte Unterstützung, ohne, dass er ganz vorne vor der Bühne stand und mir zunickte.
Warum hatte er mir nicht geschrieben?
»Alles klar, Amelie?«, brüllte Jack mir zu. »Du bist ein bisschen grün um die Nase. Noch ein bisschen Wodka?«
Nicht die schlauste Idee, das war mir klar, aber ich sagte trotzdem Ja, und er kippte mir etwas in meinen Cola-Becher. Der nächste Schluck schmeckte fast nur nach Wodka.
Der Beatboxer kam zum Ende und wurde mit mildem Applaus bedacht. Die Jury – alles Lehrer – bewertete ihn reichlich großzügig mit Fünfer- und Sechserkarten. Jetzt war eine Tanznummer dran. Eine Gruppe langer, schlanker Mädchen in Lycrahöschen sprang bänderwedelnd zu irgendeinem Rapmix herum. Der Abend war in vollem Gange. Noch einmal Nachschub von Jack. Hannah stand auf und gab einen großartigen Sketch aus den Vaginamonologen zum Besten, der ihr mehrere Achter einbrachte. Ich sah Jacks Blick auf ihr ruhen und wusste, ich lag richtig mit meinem Verdacht. Ich knuffte ihn in die Seite.
»Also, du und Hannah, was?« Dank des Wodkas konnte ich auch mal ein Gespräch eröffnen.
Er lächelte benebelt. »So auffällig?«
»Wahrscheinlich nur für mich. Ich schau immer eher zu, als mitzumachen.«
»Hab ich gemerkt.«
»Ich glaube, sie mag dich auch, falls du’s wissen willst.«
»Echt?« Sein Gesicht leuchtete eine Millisekunde lang auf und sackte dann zu einer verwirrten Grimasse zusammen. »Aber sie hat den ganzen Abschlussball damit verbracht, mit diesem Sackgesicht aus dem Fußballteam rumzumachen.«
»Vielleicht war sie einfach …«
Doch ich konnte nicht ausreden, weil eine Band auf die Bühne trat. Alles jubelte und trötete lauter denn je. Als ich mich nach der Quelle der Begeisterung umdrehte, stand da dieser Junge aus dem Musikraum mit seiner Band. Reese. Er hielt das Mikrofon umklammert und schnalzte gegen die Krempe seines Filzhuts. »Hallo, Leute, wir sind Diese Band«, verkündete er, und jedes seiner Worte strotzte nur so vor Selbstbewusstsein. Sie legten mit ›Willkommen im Nada‹ los, und da gab’s nichts zu meckern. Der Song war straff, die Melodie ging ins Ohr. Sie schwoll an den richtigen Stellen an und ab. Charisma sprühte aus Reeses Stimme und knisterte durchs Mikro. Man konnte den Blick nicht von ihm losreißen. Er hatte nicht die überragendste aller Singstimmen, aber seine arrogante Art wirkte so elektrisierend, dass ich mich fragte, wieso ihm keine Blitze aus dem Mund schossen.
Hannah fand uns in der tanzenden Horde. »Wie war ich?«, brüllte sie.
Ich riss mich zögerlich von der Bühne los. »Du warst toll. Wann kann ich dich zur Premierministerin wählen?«
Wir umarmten uns alle – sie, Jack, Liv und ich. Als wir uns voneinander lösten, blickte Hannah zur Bühne empor.
»O Gott«, stöhnte sie. »Trari, Trara, der Arschlochexpress ist da!«
Das.
Das war mein erstes Warnsignal. Die erste rote Flagge. Genau hier. Eine nach der anderen steckt da, bohrt sich in den Misthaufen, den wir darboten. Ignoriert, eine wie die andere.
Bin ich vor dieser roten Flagge stehen geblieben, um mich zu fragen: Hm, warum mag die wohl so rot und flaggig sein?
Nein, tat ich nicht.
Ich lehnte mich zu ihr, weil ich unbedingt wissen wollte, wer er war. »Wen meinst du?«
Sie deutete genau auf ihn. »Reese Davis. Der Scheißsänger. Auch bekannt als der König der Arschgeigen. Kommt von einer anderen Schule, aber wir sind früher immer im Schulbus zusammen gefahren.«
»Was macht ihn zu so einer Arschgeige?«, fragte ich.
Die Band ruckelte in einen langsamen, gedämpfteren Song hinein, daher war es plötzlich schwer, sich zu unterhalten, ohne dass alle mithören konnten. Der langsame Song war schwächer als der erste Titel, und beim Hören korrigierte ich in meinem Kopf daran herum. Der Refrain kam zu spät, der Text war etwas abgedroschen, aber so, wie er es sang, verliebte sich trotzdem jedes Mädchen ein bisschen in ihn.
Von Hannah mal abgesehen.
Der Rest des Sets sauste wie im Nebel vor meinem zu gebannten Blick vorbei. Die Lichter gingen an. Allgemeiner Applaus, die Richter verliehen ihnen ein paar Neuner, und plötzlich war schon fast ich an der Reihe.
»Du bist die Nächste«, rief Hannah, als mein Blick ihm von der Bühne folgte. »Mach dich besser bereit.«
Liv und Jack brüllten mir »VIELGLÜCK, DUSCHAFFSTDAS!« ins Ohr. Dann schlotterte ich zur Bühne, wo Alistair mich in Empfang nahm. Sein Gesicht war rosa angelaufen und biss sich mit seinem Haar. »Ich bin schon total gespannt, was du uns zeigen wirst!« Ein Stand-up-Comedian war vor mir dran und tigerte im Anzug auf der Bühne herum.
»Ist euch schon mal aufgefallen, wie ewig die Leute am Geldautomaten brauchen?«, fragte er, ohne auch nur einen einzigen Lacher zu provozieren.
Unwillkürlich verzog ich das Gesicht. »Ich bin ein bisschen nervös«, erklärte ich Alistair. Untertreibung des Jahrhunderts. Ein Schüler aus der Musiktechnik reichte mir meine Gitarre, wodurch ich mich gleich etwas selbstsicherer fühlte – sie war die Wand zwischen mir und der Welt.
Alistair lächelte warm. »Ich muss sagen, ich war erstaunt, als ich deinen Namen auf der Anmeldeliste gesehen habe. In der Stunde machst du kaum je den Mund auf.«
»Alle staunen immer, wenn rauskommt, dass ich singe«, gab ich zu. »Ich weiß ja selbst nicht, wie ich dazu komme.«
Verlegenes Höflichkeitslachen.
»Auweia, da erleidet jemand Schiffbruch«, sagte Alistair, bevor er meine Miene bemerkte. »Keine Sorge! Nach dem, was ich gehört habe, schaffst du das mit links. Mrs Clarke sagt, du wärst ein Riesentalent.«
Ich versuchte, das Kompliment in mich aufzunehmen, als Kraftschub, aber es funktionierte nicht. Mir war schwummrig vom ganzen Wodka, und Alfies ausbleibende Nachrichten machten mich nervös, der Todeskampf des Comedians auf der Bühne verursachte mir Übelkeit, und … Warum zum Henker tu ich mir das an? Vor jeder einzelnen Aufführung stellte ich mir diese Frage. Viel zu schnell ertönte schaler Applaus, und der Comedian stieg die Treppe von der Bühne herab.
»Du bist dran.« Alistair gab mir ein doppeltes Daumen hoch, während die üblichen grausigen Gedanken herbeigeeilt kamen. Du wirst dich so was von zum Affen machen. Alle werden es furchtbar finden. Warum warst du nicht noch mal auf der Toilette? Was, wenn du kotzt?
Trotzdem wankte ich die Treppe hinauf, kauerte mich auf den Hocker und war so angststarr, dass ich Ewigkeiten brauchte, um überhaupt meine Gitarre anzuschließen.
»Jippiiiieh, Amelie!«, brüllte Hannah durch die qualvolle Stille, und dieser Freundschaftsakt war genug, um mich aus meinem Lampenfieber herauszureißen.