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Carlo Fröhlich erwacht eines Morgens ohne jegliche Erinnerung in einem Motelzimmer irgendwo in Hamburg und muss schnell feststellen, dass ihm genau vierundzwanzig Stunden bleiben ... Vierundzwanzig Stunden in Freiheit, um seine Familie zu versöhnen, einen letzten Auftritt mit der Band zu spielen, seine Freundin Leila zur Rede zu stellen und natürlich die unvergessliche Abschiedsparty mit all seinen Freunden zu feiern. Denn am nächsten Morgen, acht Uhr, muss er die dreijährige Haftstrafe antreten, zu welcher er erst wenige Stunden zuvor verurteilt wurde. Zusammen mit seinem besten Freund begibt er sich auf eine Reise quer durch Hamburg und versucht, all die aufgeschobenen Dinge irgendwie wieder in Ordnung zu bringen. Wenn da nur diese Liste nicht wäre ...
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Seitenzahl: 302
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Carlo Fröhlich erwacht eines Morgens ohne jegliche Erinnerung in einem Motelzimmer irgendwo in Hamburg und muss schnell feststellen, dass ihm genau vierundzwanzig Stunden bleiben … Vierundzwanzig Stunden in Freiheit, um seine Familie zu versöhnen, einen letzten Auftritt mit der Band zu spielen, seine Freundin Leila zur Rede zu stellen und natürlich die unvergessliche Abschiedsparty mit all seinen Freunden zu feiern. Denn am nächsten Morgen, acht Uhr, muss er die dreijährige Haftstrafe antreten, zu welcher er erst wenige Stunden zuvor verurteilt wurde. Zusammen mit seinem besten Freund begibt er sich auf eine Reise quer durch Hamburg, um all die aufgeschobenen Dinge irgendwie wieder in Ordnung zu bringen und zu erleben, welch kleine und große Begebenheiten das Leben für jeden bereithält.
Ramón Heberlein, geboren 1988, studierte Soziologie an der TU Chemnitz, bevor er 2014 die Arbeit als Betreuer an einem Internat begann und später auch als Lehrer tätig wurde. Er ist verheiratet und lebt mit seiner Frau in Leipzig. 2015 brachte er »Glaubst du an ein Leben vor dem Tod?«, ein Buch über seine Ansichten des christlichen Glaubens, heraus. »Rindl.« ist sein erster Roman.
Für Jule
»Erst nachdem wir alles verloren haben, haben wir die Freiheit, alles zu tun.«
Tyler Durden
Erwachen [07:47]
Die Party [09:05]
2und2wanzig Jahre [09:39]
Altbauvilla [10:16]
Artist Manager [10:26]
Olivia [10:48]
Die Liste [11:48]
Waffe an der Schläfe [12:24]
Zuhause [12:53]
Globe Gallery [13:42]
Das letzte Stück [13:49]
Die rauchende Lady [14:08]
Russische Sprichwörter [16:27]
Ins kalte Wasser [16:41]
Nope [17:46]
Der Sprung ins kalte Wasser [18:08]
Das Ende vom Anfang [18:43]
Spreewalther Senfgurken [19:50]
Zwischenbilanz [21:45]
#Kürbisschmeisser [22:00]
Ankommen [22:22]
Leila [22:56]
Irgendwo im Nirgendwo [23:07]
Venice [23:17]
Danke [23:43]
Erkenntnisse [00:01]
Verabschiedung [01:10]
Fata Morgana [01:17]
Tarzan [01:25]
Ein andermal [01:35]
Toilettengang [03:05]
Meeresblick [05:02]
Anfang mit ungewissem Inhalt [06:18]
Noch oder schon? [06:42]
Der Baum [07:02]
Abschied [07:47]
Fuck.
Bin ich wach? Habe ich geschlafen? Hatte ich geschlafen? Wo bin ich? Ist das … ein Hotel? Schon möglich. Zumindest verraten die sterile Umgebung und das Surren der Klimaanlage, dass es sich um kein wohlbehütetes Zuhause handelt.
Ich richte mich auf, sitze auf der Bettkante und versuche meinen brummenden Schädel unter Kontrolle zu bekommen. Die bis zum Boden reichenden Fenster sind mit dunklen Vorhängen bedeckt, sodass kaum Licht in den Raum gelangt. Ich knipse die neben mir auf dem kleinen Nachttisch stehende Lampe an und widerstehe dem Drang, sie sofort wieder auszuschalten. Ein Motel, denke ich. Wohl doch eher ein Motel als ein Hotel. Wie kam ich hier nur her?
Ich stehe auf und gehe in das anliegende Bad, gleich rechts von mir. Erst jetzt bemerke ich, wie unerträglich heiß es ist. Ich stelle mich unter die Dusche und versuche einen klaren Kopf zu bekommen. Zehn Minuten stehe ich einfach nur so da, bis das kühle Nass meinen Körper ein wenig akklimatisiert hat, sodass ich mich bereit für die Realität da draußen fühle. Ich schlüpfe in die nach Alkohol und Zigarettenqualm stinkenden Klamotten und ziehe mein Handy aus der Hosentasche. Acht Uhr drei zeigt mein Display an und ich sehe nach, ob es irgendwelche Nachrichten gibt. Nichts. Kein Anruf, keine SMS.
Ich gehe zu dem großen Fenster, das beinahe die komplette Wandseite zu meiner Linken ausmacht, und ziehe den schweren Vorhang beiseite. Die Sonne knallt mir direkt ins Gesicht und reflexartig halte ich eine Hand vor meine Augen, um nicht zu sehr geblendet zu werden. Nach wenigen Sekunden gewöhne ich mich an die beißende Helligkeit und schaue nach draußen. Es scheint eine ganze Motel-Anlage zu sein, in der ich mich befinde. Von allen drei Seiten, die ich ausmachen kann, türmen sich massive Betonklötze vor mir auf. In der Mitte befindet sich eine Rasenfläche mit längst vertrockneten, gelblichen Grashalmen, die einsam und verlassen ihr Dasein fristen. Auf der gegenüberliegenden Seite sehe ich einen Mann im Joggingoutfit aus der Tür kommen. Ich erkenne, wie er sich Kopfhörer in die Ohren drückt und auf dem dazugehörigen Handy irgendetwas tippt. Dann steckt er es in seine Tasche, dehnt sich ein-, zweimal und verschwindet um die nächste Ecke. Aus der anderen Richtung kommt in diesem Moment eine Frau, schätzungsweise Mitte dreißig, mit einem Golden Retriever an der Leine entlanggelaufen. Auch sie hat ihr Handy in der Hand und telefoniert, aber ich kann von hier aus beim besten Willen nicht verstehen, was sie sagt.
Ich gehe zurück zum Bett und setze mich auf den Sessel, der etwas abseits steht. Noch einmal versuche ich angestrengt und höchst konzentriert nachzudenken, wo ich bin, was ich hier mache und vor allem, wie ich hierhergekommen bin.
Ich zücke mein Handy und gehe meine Anrufliste durch. Ein paar Telefonate mit Olaf, mit Leila und ein paar unbekannten Nummern. Alles normal also. Dann drücke ich mich zu den SMS durch. Für gewöhnlich lösche ich jede Nachricht, sobald ich sie gelesen oder beantwortet habe. Umso überraschter bin ich, als ich die zwei gelesenen SMS im Posteingang bemerke. Die Erste ist von Leila.
komme heute erst später. warte nicht auf mich :*
Ich erinnere mich, warum ich sie noch im Speicher habe. Ich möchte sie ihr als Beweisstück vorzeigen, wenn ich sie endlich zur Rede stelle. Wenn sie mir mit keinen Ausflüchten mehr kommen kann, warum sie, meine Freundin, so gut wie jeden Abend später nach Hause kommt, ständig nach Ausreden sucht, wenn sie sich erklären muss, und sie mit dem Kopf seit Wochen woanders ist. Genau, Leila, denke ich. Ich will sie zur Rede stellen, weil … Und plötzlich fällt mir alles wieder ein. Es ist wie, wenn man aus einem Albtraum erwacht, nur dass es sich hier umgekehrt verhält: ich erwache in einem Albtraum.
Plötzlich ergibt auch die zweite SMS einen Sinn, die von einer unbekannten Nummer stammt.
wo bleibt ihr?
Mir wird klar, wo ich gestern war. Nicht so klar ist mir, wie ich hier gelandet bin, aber es wird wohl ein Resultat des gestrigen Abends sein. Wir waren auf einer Party, auf einer Alles-oder-Nichts-Party, wie Olaf und die anderen sie nannten. Die Party war für mich. Eigentlich Grund zur Freude, wenn man den Anlass nicht kennt.
Und in diesem Moment sehe ich auf die Uhr und mir wird schlagartig bewusst, dass ich keine vierundzwanzig Stunden mehr habe. Zumindest nicht in Freiheit. Denn morgen früh um genau acht Uhr muss ich mich in der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel einfinden und meine dreijährige Haftstrafe antreten.
Es war alles ein riesen Missverständnis und doch bin ich nicht ganz unschuldig an der ganzen Sache. Dieser blöde Ökoladen, dieser blöde Butternut-Kürbis und vor allem dieser blöde Knudersten.
Wolfgang Knudersten ist ein Immobilienhai aus Hamburg, der vor wenigen Monaten den Entschluss fasste, im Musikgeschäft Fuß zu fassen. Ich kannte Wolfgang aus meiner Schulzeit. Nicht, dass wir im gleichen Alter wären, aber wer dreimal sitzen bleibt, landet dann auch mit einundzwanzig noch in der zwölften Klasse und damit in meinem Jahrgang. Wir haben uns gehasst. Zuerst spannte er mir meine große Jugendliebe Olivia aus, dann stellte er mich vor allen anderen bloß und schließlich versaute er mir auch noch meine Abiturnote. Nach der Schule hoffte ich, ihn nie wieder sehen zu müssen. Aber seine Familie hatte Geld, er wurde Juniorpartner in der Firma seines Vaters und baute sich selbst – jederzeit mit fremder Hilfe – ein Imperium auf. Und als ob das nicht schon genug wäre, erfuhr ich vor ein paar Wochen, dass er nun auch im Musikgeschäft tätig war. Das war der Punkt, als wir uns wieder in die Quere kamen, da ich mit meiner Band kurz vor einem Plattendeal stand, den uns dieser Mistkerl, nachdem er erfuhr, dass ich Teil dieser Band war, kräftig versaute. Er ließ ein paar Beziehungen spielen, führte hier und da ein paar Telefonate und schon war der Deal geplatzt. Ich traf ihn damals danach auf der Straße und konnte mich bei aller Liebe nicht beherrschen, sodass ich ihm die schlimmsten Wörter und eine vollkommen harmlos gemeinte Morddrohung an den Kopf warf, was mir letztendlich zum Verhängnis wurde. Denn Wolfgang hörte nicht auf, uns zu sabotieren. Er setzte alles daran, unseren jahrelang hart umkämpften Namen zu zerstören.
Und so kam es, wie es kommen musste.
Es war die Eröffnungsfeier von Viktorias Ökoladen Anfang des letzten Monats. Sie wollte das Ding ganz groß aufziehen und lud hunderte von Menschen zu ihrem Umtrunk ein. Mir war es egal. Ich war nur froh, dass sie uns angefragt hatte, ob wir nicht ein paar Lieder auf der Straße vor dem Laden spielen könnten. Während wir also so spielten und die geladenen Gäste sich wie Ameisen vermehrten, uferte die ganze Feier aus. Denn nicht nur die steigende Gästezahl war das Problem, sondern vor allem die hinzugekommenen Demonstranten, die gegenüber eines weiteren Bioladens in ihrem Viertel anscheinend keinerlei Toleranz zeigten. Es ging harmlos los mit Rufen, die irgendwann unsere Musik übertönten, und endete in einer Schlägerei, nachdem ein überaus friedlich beseelter Typ mit gutem Karma nicht mehr an sich halten konnte und auf die Straße sprang, um einem Demonstranten sein Fuck-Vegan-Schild aus den Händen zu reißen. Alles versank im Chaos, Gemüse fiel zu Boden, Schilder zerbrachen und schließlich rief irgendwer die Polizei. So wie ich Viktoria kenne, hätte es mir eigentlich klar sein müssen, dass nichts nach Plan verlaufen und alles schon irgendwie schief gehen würde, und so fingen die Polizisten an, den Platz zu räumen. Und genau in diesem Moment entdeckte ich Wolfgang. Wolfgang Knudersten, wie er aus seinem schicken Mercedes-Benz heraus selbstgerecht und über alle anderen erhaben dem Geschehen mit einem breiten Grinsen im Gesicht folgte. Es war ein riesen Tumult. Überall Polizei, hartnäckige Demonstranten, noch hartnäckigere Öko-Aktivisten und schaulustige Zuschauer. Es würde keiner merken, dachte ich mir und ohne groß zu überlegen, sah ich meine Chance, es Knudersten für all seine Bösartigkeiten heimzuzahlen. Es war sinnlos und dumm, aber es war nun einmal so. Ich entdeckte den Tisch mit den Kürbissen, der wie durch einen Schicksalswink neben mir auf dem Gehweg stand, und langte nach dem Erstbesten, den ich zu greifen bekam. Ich holte weit aus und zu meiner Überraschung lag so ein birnenförmiger Butternut-Kürbis ganz gut in der Hand. All meinen Frust, meine Enttäuschung, meine Wut legte ich in diesen Wurf, zielte auf Knuderstens Schickimicki-Wagen und schleuderte den Kürbis geradewegs in seine Richtung. Unglücklicherweise war ich unter anderen Umständen weitaus ungeschickter, was das Zielen anbelangte, und so konnte ich nicht ahnen, wohin sein Weg ihn führen würde, als ich den Kürbis losließ. Und auch, wenn ich im Sportunterricht kaum weiter als zehn Meter kam, machte dieser Wurf mir alle Ehre, durchbrach die Fensterscheibe des Mercedes und traf Knudersten mit einer unglaublichen Wucht direkt am Schädel. Wie versteinert stand ich da und sah mir das Desaster an. Das Dumme war nur, dass auch Knudersten mich sah und damit den ihm zur Hilfe eilenden Beamten noch kurz vor seiner Ohnmacht den Täter aus erster Hand nennen konnte. Ich hätte weglaufen sollen, machte aber keinerlei Anstalten, mich zu bewegen. Und so übermannten mich die Polizisten, es ging direkt aufs Revier und damit in die anschließende U-Haft. Nach vier Wochen begann der Prozess und gestern wurde schließlich das Urteil gesprochen: drei Jahre ohne Bewährung wegen versuchten Totschlags. Natürlich war es kein versuchter Totschlag, aber die allgemein bekannte Tatsache, dass wir nicht die besten Freunde waren, und die von Knuderstens teuer bezahlten Anwälten aufgetriebenen Zeugen, die meine zurückliegende Morddrohung ihm gegenüber bestätigten, ließen dem Richter keinen Zweifel.
Das war es also, was ich für wenige Minuten verdrängen konnte. Und jetzt, mit all den Erinnerungen im Schlepptau, wird mir klar, dass ich noch genau einen Tag habe, um alles zu klären.
Zuerst saß der Schock tief und so schleppte mich Olaf, mein allerbester Freund seit Kindheitstagen, zu einer Party, die entweder meine neu gewonnene Freiheit oder meinen bevorstehenden Freiheitsentzug feiern sollte. So oder so hatte er sie schon, seitdem er wusste, wann es zur Urteilsverkündung kommen sollte, geplant und es war ja nicht seine Schuld, dass letzterer Grund der Anlass sein würde. Da ich mich kaum noch an den Abend erinnern kann, vermute ich, dass ich mir ordentlich die Kante gegeben habe und dann, wie auch immer, in diesem Motel gelandet bin.
Heute aber ist es höchste Zeit, meine Angelegenheiten in Angriff zu nehmen.
Knudersten hat natürlich in einem Eilverfahren erwirken können, dass mir anstatt der mindestens zwei Wochen, die man bis zum Haftantritt eigentlich hat, lediglich vierundzwanzig Stunden bleiben, und ich so heute alles irgendwie packen muss.
Die SMS von Leila erinnert mich daran, dass ich sie noch vor meinem Haftantritt zur Rede stellen muss. Seit Wochen geht sie mir aus dem Weg, schwört aber, keinen anderen zu haben, sondern lediglich gestresst zu sein. Ich glaube ihr kein Wort und muss unbedingt noch die Wahrheit herausfinden, bevor ich keine Gelegenheit mehr dazu habe.
Außerdem ist es mir ein Anliegen, meine Familie zu versöhnen. Meine Eltern leben seit einem Jahr getrennt und reden kein Wort mehr miteinander. Selbst zu meiner Verhandlung gab es nicht einmal einen Blickkontakt. Immerhin erschienen sie, was man von meinem Bruder Tome nicht behaupten kann. Er war schon immer mehr von Knuderstens Schlag und wollte mit seinem Verliererbruder nix zu tun haben. Spätestens seit seinem Studium entfernten wir uns immer mehr voneinander und leben zwar noch immer in derselben Stadt, haben aber keinen Kontakt. Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob er weiß, dass ich bald in den Knast wandere.
Und als sei das nicht schon genug, muss ich heute Abend auch noch einen allerletzten Gig mit meinen Jungs spielen. Es ist seit Langem mal wieder ein lohnenswerter und nichtsabotierter Auftritt und ich kann die Band einfach nicht hängen lassen. Abgesehen davon habe ich Lust, meinen Ausstand gebührend zu feiern.
Ich beuge mich nach vorn und nehme den Notizblock des Motels samt dem danebenliegenden Bleistift und schreibe Zu erledigen oben in die Mitte des ersten Blattes. Darunter mache ich meine Liste.
Leila zur Rede stellen
Familie versöhnen
Auftritt
Dann nehme ich erneut mein Handy in die Hand und wähle Olafs Nummer. Nach wenigen Sekunden nimmt er ab.
»Alter, wo bist du?«
»Hi. Kannst du mich abholen?«
»Ist alles okay? Du warst gestern einfach verschwunden.« Er klingt ehrlich besorgt.
»Damit ist meine Hoffnung, dass du mir sagen kannst, was passiert ist, auch dahin …«
»Du weißt es nicht?«
»Keine Ahnung.«
»Hm.«
»Also?«
»Hä?«
»Kannst du mich abholen?«
»Klar, wo bist du?«
Mir wird klar, dass ich das ja gar nicht weiß, und überlege im Stillen.
»Bist du noch da?«, möchte Olaf nach einigen Sekunden wissen.
»Ja, Moment.« Ich stehe auf und gehe nach draußen.
Ich spüre die deutlich stärker brennende Hitze auf meiner Haut und finde nach kurzer Orientierungszeit die Rezeption ein paar Meter neben meinem Zimmer.
»Bleib mal kurz dran.« Ich trete ein und werde von einer freundlich aussehenden Frau mit blonden, schulterlang gelockten Haaren angelächelt.
»Hallo«, sagt sie in einer Art und Weise, die mir vertraut und dennoch professionell distanziert vorkommt.
»Hi. Wissen Sie, wer ich bin?«
Am anderen Ende der Leitung höre ich Olaf losprusten. »Alter, ist das dein Ernst?«, schallt es durch die Leitung.
»Wie meinen Sie das?«, fragt mich die Blondine.
»Also wissen Sie, wann ich gestern hier eingecheckt habe oder wer mich hergebracht hat?«
»Die hält dich doch für verrückt«, kommt es aus meinem Handy.
»Tut mir leid, ich bin die Frühschicht. Gestern Abend war meine Kollegin da, aber ich könnte sie anrufen, wenn Sie das wollen.«
»Nein, nein, schon gut. Hätte ja sein können«, lächele ich sie unbeholfen an.
»Ist alles in Ordnung?«
»Ja, schon. Nur …«
»Ich störe euer höchst niveauvolles Gespräch ja nur ungern, aber kannst du mal zu Potte kommen?«
»Ach so, ja … Können Sie mir sagen, wo ich bin?«
»Alter …« Olaf scheint sich köstlich zu amüsieren.
Die Frau hinter dem Tresen sieht mich verständnislos an.
»Ich meine, können Sie mir die Adresse Ihres Hauses sagen?«
»Ich werd‘ nicht mehr«, dröhnt es in mein Ohr.
»Ist wirklich alles in Ordnung?«, fragt sie unsicher.
»Ja, wirklich. Ich kenn nur nicht die genaue Adresse und möchte sie einem Freund nennen, der mich abholen will.«
»Will?«
»Brunsteenweg dreiundvierzig.«
»Hamburg, ja?«
»Ja, Hamburg. Ist wirklich alles okay?«
»Vielen Dank«, sage ich und drehe mich zum Ausgang um. »Hast du das?«, spreche ich in mein Handy.
»Alter, hab eben nachgeschaut. Das ist in Duvenstedt!«
»Duvenstedt? Was war gestern nur los?«
»Keine Ahnung, aber ich bin dann in, äh, vierzig Minuten da und dann sehen wir weiter.«
»Alles klar, danke.« Ich lege auf und drehe mich noch einmal zu der Blondine an der Rezeption um. »Könnten Sie eventuell doch mal Ihre Kollegin anrufen?«
Fünf nach neun kommt Olaf mit seinem alten Opel Kadett die Auffahrt zum Motelparkplatz hochgefahren. Er hatte sich den Wagen bereits nach dem Abitur gekauft und seitdem ununterbrochen gefahren. Aber auch ohne dieses Wissen war klar, dass die Karre so einiges hinter sich hatte. Überall gibt es Lackschäden, Roststellen, die Hälfte der Radkappen fehlt und die Motorhaube ist mit zahlreichen Dellen übersät.
Er hält direkt neben mir, beugt sich über den Schalthebel und grinst mich durch das runtergelassene Beifahrerfenster an.
»Duvenstedt, was?«
»Kann man sich wohl nicht aussuchen.« Ich öffne die Beifahrertür und steige ein. Die stickige Luft im Wagen lässt mich kaum atmen. »Ach Scheiße, Olaf. Wann kaufst du dir endlich ein neues Auto?«
»An dem Tag, an dem du deinen Führerschein machst.« Olaf startet den Wagen und brettert über den Kiesboden davon.
»Dann lass dir wenigstens eine Klimaanlage einbauen.«
»An dem Tag-«
»Jaja, schon gut.«
Olaf lacht. »Und? Schon eine Ahnung, was dich in dieses bezaubernde Viertel gebracht hat?«
»Nein. Also, doch. Die Frau von gestern Abend hat ihrer Kollegin erzählt, dass ich anscheinend ziemlich großspurig mit meiner Kreditkarte wedelnd und zwei Frauen im Arm ein Zimmer wollte. Ich muss wohl ziemlich hacke gewesen sein, aber sie meinte, das sei hier nichts Seltenes, sodass sie mir ohne Bedenken ein Zimmer vermietete.«
»Zwei Frauen?«
»Sie meinte, die eine wäre eine Asiatin gewesen. Ziemlich klein und zierlich. Die andere eine ebenso kleine, aber wohl kräftigere, wie sie sie beschrieb. Hast du eine Ahnung, wer das war?«
»Nö. Du lebst so kurz vorm Ende noch einmal den Traum, was?« Olaf grinst und hält an einer eben rot gewordenen Ampel an.
»Keine Ahnung, was wir machten und was nicht. Wann hast du mich denn das letzte Mal gesehen?«
»Irgendwann vor Mitternacht. Wir waren bei Theresa zuhause, du erinnerst dich?«
»Theresa, ja, da ist was.«
»Ich war gerade pinkeln und als ich wiederkam, warst du weg.«
»Und du hast nicht versucht, mich zu erreichen?«
Hinter uns hupt ein Wagen.
»Grün«, sage ich.
»Du hattest erst ein paar Stunden vorher erfahren, dass du in den Knast musst. Nein, Mann, ich wollte dir deinen Freiraum lassen.«
»Hm.«
»Ist ja auch egal. Jetzt bist du wieder hier. Wir müssen anfangen, die Party zu planen.«
»Die Party? Welche Party?«
»Na die, die du heut Abend geben wirst, um deine letzten Stunden in Freiheit zu genießen.«
»Haben wir das nicht gestern schon getan?«
Ich strecke eine Hand zum Fenster raus, um wenigstens ein wenig Abkühlung zu bekommen. Olaf brettert über die Segeberger Chaussee und biegt gerade auf den Hummelsbütteler Steindamm ab.
»Das gestern war doch nur Pillepalle. Da waren kaum Leute, die wir kannten. Heute trommeln wir alle zusammen. Alle Freunde, allen, an denen dir etwas liegt und denen du etwas bedeutest.«
»Okay … Und wie willst du das anstellen?«
»Keine Ahnung, aber mir fällt schon was ein.« Olaf überholt ein Taxi und schert kurz vor ihm wieder in die Spur. »Sag mal, wo fahren wir eigentlich gerade hin?«
Ich krame die Liste aus meiner Hosentasche und halte sie Olaf hin.
»Was ist das?«
»Das, was heute noch erledigt werden muss.«
Obwohl er mit gut achtzig Sachen unterwegs ist, riskiert Olaf zwei, drei Blicke auf den Zettel. »Sieht nicht allzu viel aus.«
»Hast du eine Ahnung.«
»Du hast die Party vergessen.«
»Du meinst die, von der ich noch nichts wusste?« Ich öffne das Handschuhfach und suche nach etwas Schreibbarem.
Nachdem ich mich durch alte Taschentücher, verschütteten Tabak und andere nicht genau zu definierbare Substanzen durchgewühlt habe, werde ich fündig. 4 PARTY!, schreibe ich unter den Auftritt.
»Und das heißt?«, möchte Olaf wissen.
»Hm?«
»Na, wo geht es jetzt hin?«
»Zu Leila.«
»Damit willst du beginnen?«
»Wieso nicht?«
Olaf beschleunigt, um bei einer auf Orange umschaltenden Ampel gerade noch so durchzukommen.
»Kein Ahnung, ist ja deine Liste.«
»Eben.«
Wir fahren auf der Alsterkrugchaussee entlang und ich schaue nach draußen, um die an uns vorbeizischenden Bäume zu beobachten. An einer Ampel, an der wir es nicht mehr durchgeschafft haben, sehe ich einen kleinen Jungen an der Hand seines Vaters.
»Werde ich das jemals erleben?«
»Was?«
Ich nicke in Richtung des Vater-Sohn-Gespanns. »Na, so was.«
»Alter, du bist siebenundzwanzig. Bei guter Führung bist du noch nicht einmal dreißig, bis du wieder raus bist.«
»Ich weiß ja noch nicht mal, ob ich das will, aber wenn man so darüber nachdenkt …«
»Dann denk nicht darüber nach. Dafür hast du ab morgen noch genug Zeit.«
»Du bist wirklich aufbauend.«
»Ich weiß, danke.«
Die Ampel schaltet auf Grün und Olaf beschleunigt den Wagen, sodass er sogar den neben uns stehenden BMW abzieht, dabei aber die beängstigendsten Geräusche aus dem Motorraum zu uns dringen.
»Du bist dir sicher? Erst an dem Tag, an dem ich meinen Führerschein mache?« Ich lache in Olafs Richtung.
»Kann man den auch im Knast machen?«
»Da!«, sage ich und deute Olaf die eben freigewordene Lücke auf der gegenüberliegenden Straßenseite an.
Ohne zu zögern und einem kurzen Blick in den Rückspiegel reißt Olaf das Lenkrad nach links und macht eine waghalsige Hundertachtzig-Grad-Drehung auf der vierspurigen Gärtnerstraße. Wer hier wohnt, weiß nur allzu gut, wie katastrophal die Parkplatzsituation in diesem Stadtteil ist und nutzt jede noch so kleine Gelegenheit, um einen Stellplatz zu bekommen.
Olaf parkt den Opel unter schmerzerregendem Lärm und stellt den Motor ab. Wir steigen aus und gehen auf das hohe Eckhaus in der kleinen Seitenstraße mit den französischen Balkons an jeder Etage zu und ich klingele, an der Haustür angekommen, bei Winkener. Nach ein paar Sekunden, in denen sich nichts tut, drücke ich erneut auf das Schild. Wieder nichts.
»Keiner da?«
»Eigentlich müsste sie zuhause sein.«
Ich greife in meine Hosentasche und ziehe meinen Schlüsselbund heraus. Nach kurzem Suchen finde ich Leilas Wohnungsschlüssel und schließe die Haustür auf. Im Treppenhaus ist es angenehm kühl und am liebsten würde ich einfach nur ein paar Minuten so verweilen, aber der Blick auf mein Handy verrät, dass es in wenigen Minuten bereits viertel vor zehn ist und ich ja vieles habe, aber Zeit heute leider nicht dazuzählt.
Wir gehen die knarrenden Holzstufen nach oben und stehen nach zwei Stockwerken vor Leilas Tür. Noch einmal klopfe ich dagegen und hoffe, meine Freundin antreffen zu können. Keine Regung. Ich schiebe den Schlüssel in das Schloss und öffne die Wohnungstür.
Leila zog vor einem Jahr in diese Wohnung und ich kann mich noch gut an den beschwerlichen Umzug erinnern. Da sie es wieder einmal verpasste, genügend Freunde anzufragen, musste ich unzählige Male diese elenden Treppenstufen hoch und wieder runter laufen. Seitdem verbinde ich, zumindest mit dem Treppenhaus, nicht die allerbesten Erinnerungen. Außerdem ist die Wohnung viel zu groß für eine Person, wie ich finde. Geräumig, findet Leila.
Ich gehe zusammen mit Olaf in das am Ende des Flurs liegende Wohnzimmer, von dem aus man auf den kleinen Balkon zur Straßenseite hinauskommt. Ich sehe mich um und kann nichts finden, was auf Leilas Wegbleiben schließen lässt. Dann gehen wir ins Schlafzimmer, in die Küche, doch nirgends eine Notiz oder ein Hinweis. Als ich mir gerade ein Glas Wasser aus der Leitung einschenke, höre ich Olafs Stimme rufen.
»Carlo, komm mal her!«
Ich laufe über den Flur und biege ins Arbeitszimmer.
»Ja?«
»Bin mir nicht sicher, ob dir das gefällt.« Er deutet auf einen Fetzen Papier, der neben dem Telefon liegt.
Ich hebe das abgerissene Blatt hoch und murmele die darauf geschriebenen Wörter vor mich hin. »Cornelius, zehn Uhr, Richardstraße zweihundertzwölf.«
»Alles okay?«, fragt Olaf.
»Cornelius also …«, sage ich Olaf ignorierend. Ich schaue auf die Uhr: zehn vor zehn. »Wir müssen dahin.«
»Bist du dir sicher?«, fragt Olaf in der Hoffnung, dieses Mal eine Antwort zu bekommen.
»Wenn nicht heute, wann dann? Ab morgen kann sie mit ihrem Cornelius tun und lassen, was sie will. Aber erst muss ich die Wahrheit rausfinden. Erst soll sie mir ins Gesicht sagen, dass sie mich all die Wochen bloß verarscht hat.«
Mein Blick fällt auf den Schreibtisch, auf dem das eingerahmte Foto steht, das Leila und mich am Strand von Alicante zeigt. Es war unser erster gemeinsamer Urlaub und wir beide schauen verliebt und lächelnd in die Kamera. Ich erinnere mich, dass es ähnlich heiß wie heute war. Wir saßen auf einer Decke und schauten stundenlang in die Weiten des Mittelmeeres. Drei Jahre ist das jetzt her und ein Gefühl der Trauer überkommt mich, als ich daran denke, wie glücklich wir damals waren.
»Ich bin dabei«, reißt Olaf mich aus meinen Gedanken. »Sie liest noch immer an deinem Roman?« Olaf hält ein Buch in der Hand, das er neben dem Foto auf dem Schreibtisch fand.
»Anscheinend.«
Ich erkenne das fettgeschriebene 2UND2WANZIG JAHRE auf dem Cover. Es ist mein erster Roman, den ich in einem Anflug von Selbstverwirklichung letztes Jahr fertig schrieb und selbst verlegen lassen habe. Er gelangte nie wirklich an die Öffentlichkeit, da nur ein paar Freunde und Bekannte ihn kauften. Aber ich war und bin trotzdem stolz darauf und habe ihn Leila letztes Jahr zu unserem Jahrestag geschenkt. Irgendwann habe ich es sein lassen, sie danach zu fragen, ob sie endlich fertig sei. Womöglich hat sie es einfach nicht so mit dem Lesen.
Seitdem ich erfuhr, dass es in den Knast geht, war es mein einziger Trost, dass ich endlich Zeit finden würde, ein neues Projekt anzugehen. Vielleicht ja ein Knastroman oder etwas über eine gescheiterte Liebe. Zeit würde ich ja haben.
»Also?«, fragt Olaf, nachdem er das Buch wieder weggelegt hat.
»Hm?«
»Machen wir los?«
»Warte noch. Ich hab eine Idee.« Ich gehe zurück ins Wohnzimmer. »Leila hasst es, wenn in ihrer Wohnung geraucht wird.«
»Du meinst …?«
»Auf jeden.«
Wir setzen uns auf das samtig rote Ecksofa und ich ziehe die zerknüllte Schachtel aus meiner Arschtasche. Nachdem ich zwei Zigaretten rauspfriemele und eine davon Olaf anbiete, zünde ich sie an und nehme einen tiefen Zug.
»Das wird ihr nicht gefallen«, grinst Olaf.
»Ich weiß.«
Ich betrachte das spärlich gefüllte DVD-Regal und erinnere mich an Fight Club, den Leila unzählige Male mit mir schauen musste.
»Tyler Durden ist schon eine Wucht, oder?«, sage ich und blase den aufgesogenen Qualm in Richtung Decke.
»Ich hab nie verstanden, was dich an ihm so fasziniert.«
»Einfach alles.« Ich lächele und asche direkt auf den vor uns stehenden Holztisch mit der sauber polierten Glasplatte.
Nachdem wir aufgeraucht haben, drücken wir die Stummel in Leilas Topfpflanze, die links an der Wand zwischen Sofa und Balkontür steht.
»Ich wäre dann so weit«, sage ich zufrieden.
»Alles klar.«
Ich gehe noch einmal ins Arbeitszimmer, stecke den Zettel ein und ziehe die Wohnungstür hinter uns zu.
»Das könnte ein neuer Rekord sein«, sagt Olaf selbstzufrieden, nachdem er den Wagen auf dem Seitenstreifen zum Stehen gebracht hat.
Wir steigen aus und sehen uns um. Die Richardstraße ist an beiden Seiten mit ziegelroten Neubauten verschiedener Farbnuancen zugepflastert. Auf den zahlreichen zur Straße hingewandten Balkons, wo einer dem anderen gleicht, sitzen, liegen oder stehen die Menschen unter ihren Sonnenschirmen und versuchen der drückenden Hitze zu trotzen.
»Welches Haus ist es?«, fragt Olaf und nimmt eine Hand an seine Stirn, um sie als provisorischen Blendenschutz einzusetzen.
»Hm, zweihundertzwölf«, murmele ich und versuche eine Hausnummer zu erhaschen.
Ich möchte gerade einen auf dem Balkon rauchenden Typen nach der Nummer fragen, als ich die grauweiße Altbauvilla entdecke. Ich frage mich, warum sie mir nicht gleich aufgefallen ist, da hier weit und breit kein anderes Haus dieser Art steht.
»Hier«, sage ich und sehe mir das Prunkstück näher an.
An der oberen Fassade erkenne ich kleine Säulen, die durch das Bild einer weinenden Frau unterbrochen werden. Unter der in Stein gehauenen Statue befindet sich ein großer Balkon mit einer durch weiße Rahmen unterteilten Glastür. Unterhalb des Balkons gibt es eine weitere Glasfront mit hochgezogenen Bodenfenstern. Rechts daneben befindet sich der Eingang.
»Mist.«
»Was ist?«
»Ich dachte, der Typ ist wenigstens genauso arm wie ich, aber anscheinend hat dieser Cornelius ja Kohle ohne Ende.«
»Finden wir’s raus.« Olaf steht bereits in der gepflasterten Einfahrt.
Ich folge ihm und kurze Zeit später finden wir uns vor der massiven, holzbraunen Eingangstür wieder.
»Was für eine-«
»Was?«, frage ich und kann mir die Frage gleich selbst beantworten. »Das ist jetzt nicht wahr.«
Wir beide stehen vor dem Messingschild, das links neben der Tür an der Hauswand befestigt ist und auf dem uns in Großbuchstaben KNUDERSTEN IMMOBILIEN GMBH entgegenprangt. Mir fehlen die Worte.
»Scheiße, Mann. Das ist einer von Knuderstens Firmensitzen.«
»Was hat Leila hier bloß verloren?«
»Was auch immer es ist, wir sollten es nicht rausfinden.«
»Was?« Ich sehe Olaf mit unglaubwürdigem Blick an.
»Alter, überleg doch mal. Du darfst dich Knudersten nicht nähern, geschweige denn eines seiner Häuser betreten.«
»Aber Knudersten ist mir doch völlig egal.«
»Ja, aber dem Gericht nicht. Wenn sie Wind von der Sache bekommen, war’s das mit morgen früh, acht Uhr. Dann geht es für dich, Moment …« Olaf schaut auf seine imaginäre Uhr am Handgelenk. »direkt jetzt in den Knast.«
Ich überlege und schaue noch einmal genauer auf das Schild.
»Öffnungszeiten Montag bis Freitag zehn bis siebzehn Uhr«, lese ich laut vor und schaue auf die Uhr: zehn Uhr neunzehn. »Die haben extra für uns geöffnet«, grinse ich und schiebe die schwere Holztür auf.
Olaf schüttelt den Kopf, folgt mir aber in das Innere des Hauses.
Drinnen ist es angenehm kühl. Zu unserer Linken gibt es einen kleinen Empfangstresen, hinter dem eine ältere Dame mit Brille sitzt, die gerade mit einem korpulenteren Typen mit Halbglatze spricht, dessen Rückten trotz der klimatisierten Luft von riesigen Schweißflecken gezeichnet ist. Vor uns liegt eine Treppe, die ins obere Geschoss führt. Daneben geht es einen kleinen Gang entlang, der in einen Raum weiter hinten führt.
Instinktiv husche ich an der Tür, die zum augenscheinlichen Empfang führt, vorbei und laufe die Treppe, zwei Stufen auf einmal nehmend, nach oben. Olaf folgt mir geduckt und rempelt mich von hinten an, als ich abrupt stehen bleibe.
»Autsch«, stößt er gedämpft hervor und schaut mir über die Schulter. »Was ist los?«
»Moment.« Ich warte, bis die zwei Frauen, die gerade den Gang entlangkommen, in der Kaffeeküche verschwinden. »Jetzt«, sage ich und gehe nach rechts zum Ende des Gangs.
Der Flur ist gut zwanzig Meter lang und es führen rechts und links Türen in die verschiedenen Büroräume, die teils offen, teils verschlossen sind.
»Was hast du vor?«, will Olaf wissen.
»Leila finden?«, flüstere ich.
»Ich weiß, aber ich meine, wie?«
»Indem wir suchen.«
»Haha.« Olaf deutet lautlos ein Lachen an.
Wir gehen zur ersten Tür auf der rechten Seite, die glücklicherweise offen steht und in der sich ein leerer Schreibtisch mit ein paar Akten darauf befindet. Wir ziehen weiter und bewegen uns geräuschlos im Zickzack über den Korridor. Auch das zweite Büro ist offen, jedoch nicht unbemannt. Ein junger Typ mit Cappy auf dem Kopf sitzt mit den Beinen auf dem Tisch in seinem Stuhl und telefoniert gerade.
Als wir uns zur dritten Tür vorarbeiten wollen, hören wir Schritte auf der Treppe.
»Zurück«, flüstert Olaf blitzschnell und ist genauso schnell wieder im ersten, leerstehenden Büro. Ich folge ihm und wir warten bis der Flur wieder frei ist.
»Was ist das hier eigentlich?«, fragt Olaf, während er das Büro genauer in Augenschein nimmt.
»Keine Ahnung, was Knudersten hier so ausheckt. Lass uns weitersuchen.«
»Hm.«
Gerade will ich wieder vorpreschen, da pfeift Olaf mich zurück.
»Was denn noch?«
»Schau mal hier.« Er zeigt auf das hinter Glas liegende Schildchen, das neben der Tür hängt.
»Ja, und?«
»Cornelius, richtig?«
»Hä?«
»Der Typ, den wir suchen, heißt doch Cornelius?«
»Also eigentlich suchen wir Leila, aber im Grunde genommen hast du recht.«
»Gut, dann müssen wir nicht in jedes Büro schauen, sondern lediglich auf die Türschilder. Steht ja immer der volle Name dran.«
»Gar nicht mal so dumm, mein Freund. Dass ich dir doch in all den Jahren noch etwas beibringen konnte.« Ich grinse ihn an.
»Muss ja jetzt auch erst mal ohne dich klarkommen«, sagt er leise und grinst zurück.
Wir warten, bis die Luft wieder rein ist, und laufen dann zügig an den Büroräumen vorbei, jeweils mit einem kurzen Blick auf die Namensschilder. Beim vorletzten Schild bleiben wir stehen.
»Da!«
»Hätten wir ja lange suchen müssen.« Ich lese das Schild vor. »Cornelius Becker, Produzent? Die will doch nicht …«
Ohne zu überlegen, reiße ich die Tür auf.
»Carlo?«
Ich schaue in Leilas ungläubiges Gesicht, wie sie in meines schaut.
»Was-, was willst du denn hier?«
Noch immer kann ich die Situation nicht ganz fassen. Zum Glück kommt Cornelius mir zuvor.
»Entschuldigen Sie, wir sind hier gerade mitten in einem Meeting. Wenn Sie später wiederkommen würden.«
»Meeting?«
»Carlo, was machst du hier?«
»Was ich hier mache?« Ich versuche in Windeseile Herr der Situation zu werden, kann mich aber kaum konzentrieren.
»Ich möchte Sie nun höflich bitten, zu gehen.« Cornelius, der an der linken Stirnseite des Tisches sitzt, steht auf.
»Schön den Ball flach halten«, unterstützt mich Olaf von hinten.
»Bitte?«
Endlich finde ich ein paar Worte wieder.
»Sollte die Frage nicht lauten, was du hier machst?«
Leila schaut hilfesuchend zu Cornelius.
»Ich-, ich-, ich wollte es dir noch sagen.«
»Mir was sagen? Dass du entweder mit diesem Cornelius hier fickst oder mit Knudersten zusammenarbeitest?«
»Cornelius? Woher kennt er denn Cornelius?«, dreht sich Cornelius zu Leila, der es anscheinend ultra hip findet, in der dritten Person von sich zu sprechen.
»Ich hab keinen anderen und das mit Knudersten-«
»Also doch. Ich bin mir nicht sicher, welche von beiden Sachen schlimmer ist.«
»Wenn ich noch einmal darum bitten-«
»Und du, schön dein Maul halten, Cornelius«, sagt Olaf und macht einen Schritt nach vorn.
»Cornelius?«
»Das ist nicht Cornelius«, klärt Leila uns auf. »Das ist Edgar. Er ist …«
»Ja, was ist er?«, möchte ich ungeduldig und mit Puls auf hundertachtzig wissen.
»Ich bin Edgar van der Horst, Artist Manager bei Knudersten Records«, sagt Edgar, der augenscheinlich nicht Cornelius ist, und hält mir die Hand hin.
»Artist Manager?«
»Genau.«
»Das gibt es doch gar nicht.«
»Und ob. Sehen Sie hier.« Er hält mir seine Visitenkarte hin.
»Nur weil das da-, ach ist doch auch egal. Das heißt, du hast einen Deal mit Knudersten?«, wende ich mich nun wieder an Leila, die noch immer überrascht auf ihrem Stuhl kauert.
»Du weißt, dass ich nicht für immer irgendwelche Klamotten verkaufen will. Und Knuderstens Leute bieten mir die Möglichkeit dazu.«
»Du meinst wohl Knudersten selbst. Wann habt ihr euch das denn ausgedacht? Nachdem oder bevor ich in U-Haft saß? Oder vielleicht doch gleich gestern im Anschluss an meine Verhandlung?«
»Carlo, ich wollte es dir ja sagen, aber-«
»Aber du meinst, ich hätte ein kleines Problem damit gehabt, wenn du mit dem Kerl zusammenarbeitest, der mich in den Knast bringt?«
»Siehst du, ich wusste, dass es ein Fehler gewesen wäre.«
»Ein Fehler?! Klar ist es ein Fehler, wenn du mit dem zusammenarbeitest.«
»Ich meine, es dir zu erzählen.«
Van der Horst, der sich mittlerweile wieder gesetzt hat, verfolgt unser Gespräch mit größtem Interesse. Olaf steht noch immer neben mir und hält Wache, ob nicht irgendwer hinzukommt, der es besser nicht sollte.
»Das ist jetzt nicht dein Ernst! Wann wolltest du mir es denn sagen? Hätte ich, wenn ich mich nach ein paar Wochen an den Knast gewöhnt habe, einen Brief mit deinem süßlichen Duft bekommen, in dem du mir alles ganz sensibel erklärst?«
»Carlo, werd‘ jetzt nicht unfair. Ich hab den Kürbis nicht geworfen. Und das hier hat nichts mit all dem zu tun.«
»Kürbis?«, schaut van der Horst ganz verdutzt.
»Wie bitte?! Das hat einfach alles damit zu tun! Du machst Geschäfte mit dem