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In "Rosa Luxemburg: Briefe aus dem Gefängnis" erlangt der Leser einen tiefen Einblick in das Denken und Fühlen einer der bedeutendsten politischen Stimmen des 20. Jahrhunderts. Die Briefe, die Luxemburg während ihrer Haft verfasste, zeugen von ihrem unerschütterlichen Engagement für soziale Gerechtigkeit und Solidarität. In einer stilistisch klaren Sprache, durchdrungen von emotionaler Intensität, reflektiert sie über die politischen Umstände ihrer Zeit sowie über persönliche Themen und Gedanken. Dieser epistolare Nachlass bietet wertvolle Einsichten in die theoretischen und praktischen Überlegungen, die ihre revolutionären Ansichten prägten und zeigt, wie politisches Denken im Gefängnis florieren kann. Rosa Luxemburg, eine polnisch-deutsche Politikerin und marxistische Theoretikerin, ist bekannt für ihre leidenschaftlichen Kämpfe gegen Imperialismus und Militarismus. Ihre Erfahrungen als Aktivistin, Journalistin und schließlich Gefangene informierten ihre tiefgründigen Analysen der gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Briefe spiegeln nicht nur ihre intellektuelle Brillanz wider, sondern auch ihren unaufhörlichen Lebensdrang, der selbst in widrigsten Umständen nicht erlahmte. "Rosa Luxemburg: Briefe aus dem Gefängnis" ist ein unverzichtbares Werk für alle, die sich für politische Theorie und Geschichte begeistern. Es ist ein eindringliches Zeugnis menschlicher Resilienz und intellektueller Stärke, das sowohl akademische als auch breitere Leserkreise ansprechen wird. Diese Sammlung ist nicht nur ein historisches Dokument, sondern auch eine Quelle der Inspiration und des Nachdenkens für zukünftige Generationen.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Postkarte.1
Leipzig, 7. 7. 16. Meine liebe kleine Sonja!
Es ist heute eine drückende feuchte Hitze, wie meist in Leipzig – ich vertrage so schlecht die Luft hier. Ich saß vormittag 2 Stunden in den Anlagen am Teich und las im »Reichen Mann«.2 Die Sache ist brillant. Ein altes Mütterchen setzte sich neben mich, tat einen Blick auf das Titelblatt und lächelte: »Das muß ein feines Buch sein. Ich lese auch gern Bücher«. Bevor ich mich zum Lesen hinsetzte, prüfte ich natürlich die Anlagen auf Bäume und Sträucher hin – alles bekannte Gestalten, was ich mit Befriedigung feststellte. Die Berührung mit Menschen befriedigt mich dagegen immer weniger; ich glaube, ich werde mich doch bald ins Anachoretentum zurückziehen, wie der hl. Antonius, aber – sans tentations mehr. Seien Sie heiter und ruhig.
Herzliche Grüße Rosa.
Den Kindern viele Grüße.
Postkarte.
Berlin, den 5. 8. 1916. (Gefängnis in der Barnimstraße.)
Meine liebe kleine Sonja!
Heute, am 5. August, erhalte ich soeben Ihre beiden Briefe zusammen: den vom 11. Juli (!!) und den vom 23. Juli. Sie sehen, die Post zu mir geht länger als nach New York. Inzwischen habe ich auch die Bücher gekriegt, die Sie mir geschickt hatten und ich danke Ihnen für alles aufs herzlichste. Es tut mir sehr weh, daß ich Sie in Ihrer Lage verlassen mußte; wie gern möchte ich mit Ihnen im Feld wieder ein wenig schlendern oder im Erker in der Küche auf den Sonnenuntergang blicken .... Von Helmi hatte ich eine ausführliche Karte mit der Reisebeschreibung. Vielen, vielen Dank auch für Hoelderlin. Aber Sie müssen nicht so mit dem Geld für mich schmeißen, das ist mir eine Pein. Auch für alle guten Sachen und die Wicken herzlichen Dank. Schreiben Sie bald, dann kriege ich es vielleicht noch in diesem Monat. Ich drücke Ihnen fest und warm die Hand. Bleiben Sie tapfer und lassen Sie sich nicht niederdrücken. Ich bin in Gedanken bei Ihnen. Grüßen Sie vielmals Karl und die Kinder.
Ihre Rosa.
Postkarte.3
Wronke, 24. 8. 1916.
Liebe Sonitschka, daß ich jetzt nicht bei Ihnen sein kann! Die Sache trifft mich schwer. Aber, bitte, behalten Sie den Kopf oben, manches wird schon anders, als es jetzt aussieht. Jetzt müssen Sie aber fort – irgendwo aufs Land, ins Grüne, wo es schön ist und wo Sie Pflege finden. Es hat keinen Sinn und Zweck, daß Sie jetzt weiter hier sitzen und immer mehr herunterkommen. Bis zur letzten Instanz können wieder Wochen vergehen. Bitte, gehen Sie sobald wie irgend möglich.... Für Karl wird es sicher auch eine Erleichterung sein, wenn er Sie auf Erholung weiß. Tausend Dank für Ihre lieben Zeilen vom 10. und für die guten Gaben. Sicher werden wir nächstes Frühjahr zusammen im Feld und im Botanischen herumstreifen, ich freue mich jetzt schon darauf. Aber jetzt gehen Sie fort von hier, Sonitschka! Können Sie nicht zum Bodensee, damit Sie ein bißchen den Süden spüren!? Bevor Sie gehen, möchte ich Sie unbedingt sehen, machen Sie eine Eingabe in der Kommandantur. Schreiben Sie bald wieder eine Zeile. Bleiben Sie ruhig und heiter trotz alledem! Ich umarme Sie.
R.
Für Karl tausend herzliche Grüße.
Die beiden Karten von Helmi und Bobbi habe ich erhalten und mich sehr gefreut.
Wronke, 21. 11. 16.
Meine geliebte kleine Sonitschka,
ich erfuhr von Mathilde, daß Ihr Bruder gefallen ist, und bin ganz erschüttert von diesem Schlag, der Sie wieder traf. Was müssen Sie alles in der letzten Zeit ertragen! Und ich kann nicht einmal bei Ihnen sein, um Sie ein wenig zu erwärmen und aufzuheitern!... Auch bin ich unruhig um Ihre Mutter, wie sie dieses neue Leid ertragen wird. Das sind böse Zeiten, und wir haben alle eine lange Verlustliste im Leben zu verzeichnen. Jeder Monat kann jetzt wahrhaftig wie bei Sebastopol für ein Jahr zählen. Hoffentlich kann ich Sie recht bald sehen, ich sehne mich danach von ganzem Herzen. Wie haben Sie die Nachricht von Ihrem Bruder erhalten, durch die Mutter oder direkt? Und was hören Sie von dem anderen Bruder? Ich wollte Ihnen so gern durch die Mathilde etwas schicken, habe aber hier leider gar nichts, als das kleine bunte Tüchlein; lachen Sie's nicht aus; es sollte Ihnen nur sagen, daß ich Sie sehr liebe. Schreiben Sie bald eine Zeile, damit ich sehe, in welcher Verfassung Sie sind. Grüßen Sie tausendmal Karl. Ich umarme Sie herzlichst
Ihre Rosa.
Den Kindern viele Grüße!
Wronke, 15. 1. 17.
.... Ach, heute gab es einen Augenblick, da ich's bitter spürte. Der Pfiff der Lokomotive um 3,19 sagte mir, daß Mathilde abdampft, und ich lief gerade wie ein Tier im Käfig den gewohnten »Spaziergang« an meiner Mauer entlang, hin und zurück, und mein Herz krampfte sich zusammen vor Schmerz, daß ich nicht auch fort von hier kann, o, nur fort von hier! Aber das macht nichts, mein Herz kriegte gleich darauf einen Klaps und mußte kuschen; es ist schon gewöhnt, zu parieren wie ein gut dressierter Hund. Reden wir nicht von mir.