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Was bleibt von den Landschaften eines Lebens? Von den Bildern aus der Kindheit? Von den Eindrücken einer ursprünglichen Welt mit all ihren Schönheiten und Unbarmherzigkeiten? Ein Bild nach dem anderen nimmt Sepp Mall in den Blick - ein langsames Gehen, in dem sich die Gedichte zu einem poetischen Panorama aneinanderreihen. Unaufgeregt, präzise und immer wieder überraschend spürt er dabei den Wörtern nach, ihrem Klang, ihrer Atmosphäre, ihrem Geschmack, ihren Andeutungen und Verweisen. In der Mischung aus längeren, erzählerischen Gedichten und kurzen, verknappten Versen folgt Sepp Mall einer Wellenbewegung zwischen Narration und Poesie. Sanft lässt er das Prinzip der Aufzählung zum Tragen kommen, wechselt mühelos die Tonlagen und zeigt, wie vielfältig die sprachlichen Felder sind, auf denen er sich bewegt.
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Seitenzahl: 33
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Sepp Mall
Schläft ein Lied
Gedichte
für H.
Unsre Väter / hinterm Haus warn jung
Und ein kurzer Schlag hinter die Ohren
genügt
Sie lachtn laut / stießn den Rauch
durch die Nase
und spannten die blutnassn Felle
auf Rahmen aus Holz
Zusammen pfiffn wir Melodien unverschämt
(Marina Marina Ramona)
Mama kam / in den Garten
Und schrie / als Sterne in ihren Körper schlugn
Und sie braustn davon / himmel-
wärts auf ihren Lambrettas
Wir legtn unsre Wangen an flauschiges Fell
(Hasenherz spürst du das Pulsen)
und trockneten die Tränen
: auf Kissen / blütenweiß
Gemeinsam stapften wir weit
durch Stubnkammern
(über dankbare Teppichbödn)
und im Halbdunkel der Kleiderschränke / immer noch
das eingemottete Begehrn
Auf fernen Hügeln stehn
versprechen uns die Nazarener-
szenen
Sorglos im frischen Sonntagsgewand
Und diese Frau dreht sich um
zwischen Bügelbrett und Blätterwald
Und prostet uns zu
(tröstender Eierlikör in zittriger Hand)
: Mutter / sagst du
Du bist doch lange kalt
(remember Lucio D.)
I.
Mein erstes Bett sei ein Strohsack gewesn
Ich lag da kaum der Mutter entwöhnt
Mein letztes / wer weiß
Vielleicht wirds ein Seesack sein
Oder ein Brett aus weichem Fichtnholz / Föhrn
Das einen leichter trägt
Ein Strohsack aus knisterndem Hafer / von den Äckern
hoch überm Meer
Und wenn ich mich umdrehte nachts
Klangs wie das Rauschen des Sensenblatts
(ein lichtes / windiges Rascheln)
das durch das Dickicht der Halme fährt
: Im Traumbild siehst du den Schnitter vorwärts-
ziehn / spürst wie
jeder Stängel sich wehrt und trotzdem
fällt / so als wär die Vergeblichkeit
: ihm eingeschriebn
Mein erstes Bett kam aus den Dreschmaschinen
im staubigen Stadel
Kroch unter Hustn und Spuckn zur Welt
Und Goldgelb hat mit Gold nichts gemein
: außer ein paar Buch-
stabn und einer Ahnung von Farbe vielleicht
Aus diesem Stroh wuchs ich heraus
(aus keinem anderen)
Das pikste und stach / aber weitab nach Himmel roch
Und leerer Felder Ein-
samkeit
Ich sprang über die Kartoffelfeuer im Herbst
: spähte / den verwegnen Raben nach
die ihre Kreise zogn über Wälder und Gärtn
und über den Rauch in den Äckern
in welchem Glutfunken glommen / und eine erste
Ahnung von Schnee
Hast du eine Ahnung / wie es am Morgen
in Schlafsälen riecht
(von Institutn und Knabenseminarn)
Mit dreißig Bettn und scharfen Befehlen
Und redn wir nicht von den Wünschn
die jeder schwitzend mit sich trug
(den Sehnsüchten nach weiter Ferne / einem größeren
Leben
Nach einem richtigen Bologna-Trikot
blau gestreift und rot
Oder auch nur: nach einem Strohsack zu Hause)
Die Bessren von uns trugen gekaufte Pyjamas / aus
weichem Frottee und Jerseytragekomfort
Aber auch in ihren Matratzen / schliefen die heißn
Tränen
von Elfjährigen / oder zwölf
Ihre verwischten Wünsche
: Aber doch warn es richtige Matratzen
Die auf der Unterfederung schaukelten / wie
Boote im unendlichn Meer
Wir waren allesamt Heldn / auf dem staubign
Bolzplatz oder unter der Schiefertafel
kannten wir keinen Schmerz
Zu Hause aber / hielt man den Atem an
wenn Vater saß und seinen Namen schrieb
Auf diesen Zeugnissen / Formularn
: am Küchentisch / hinter den rasch
beiseite geschobnen Töpfen
Wenn er seine Buchstaben / hin-
stellte
In dieses leer gebliebne Feld (diese fremdn
Ackerfurchen)
Wo wir das Bleistiftkreuzchen gemalt: hier
Mach lieber Gott / beteten wir leise für uns
Und irgendwann war doch / der erste
Buchstabe gesetzt
Dieses A / das etwas schief aus der Wäsche lugt
aber es stand: auf zwei Beinen
Wacklig zwar / aber am richtign Ort
Und schließlich fanden sich alle / zusamm
(wie sichs gehört)
eine Truppe / die sich verloren und wieder gefundn
Hielten sich fest aneinander
an diesen drehendn
Schnörkeln und Schlingen
Krallten sich in die Erde / wie Halme
im reißenden Sturm: und wir
atmeten aus
Und abends im Bett (allein mit uns selbst)
In dieser Schwebe zwischen Wachn und Schlaf
Plötzlich wie Sicherheit / traum-
wandlerisch
: Dass es der Alkohol war / der seinen Weg
sich bahnte
über Vaters Kehle und Hand
bis in die Tintenpatrone (in die Spitze der Feder)
und die Buchstaben torkln ließ / taumeln
: wer sonst
Und mit diesem Wissen hinab in den Traum