Sebak III - Erlöser von Atlantis - G. Voigt - E-Book

Sebak III - Erlöser von Atlantis E-Book

G. Voigt

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Beschreibung

Mich, Prof. Arne Lukas, Archäologe, verschlägt es gemeinsam mit meinem Freund Imhotep und Judit, eine Journalistin, durch die Zeit-Falle nach Atlantis, um meine Tochter Shyla zu suchen. Sie und ihre Schwestern, die Priesterinnen des Gottes Thot, wurden durch die Herrin der Pyramide entführt. Zysyn, die letzte Mutter der Mutanten hat das Schiff der Originale fest in ihrer Hand und regiert mit einem erbarmungslosen System der Unterdrückung. Sie erschafft ein neues Heer Mutanten und die Zyklopen, um die Götter zu kontrollieren und ihre Macht zu brechen. Gott Sebak II. kämpft seit mehr als dreitausend Jahren gegen die Sekte der Ewigen. Auch er muss sich Zysyn fügen, um das Leben seines Sohnes Babu zu retten. Unerwartet taucht ein Gegner auf, den nichts und niemand bezwingen kann, Mirakel, eine Kampfmaschine, welche nicht nur die Götter bedroht. Welches zwielichtige Spiel treibt Max, mein alter Freund? Ich kenne nun die wahre Ursache für den Untergang von Atlantis ...

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Inhaltsverzeichnis:

Kapitel 1: Die Zeitfalle

Kapitel 2: Sekte der Ewigen

Kapitel 3: Wächter von Atlantis

Kapitel 4: Mutter der Mutanten

Kapitel 5: Professor Oktopus

Kapitel 6: Rebellion der Götter

Kapitel 7: Mirakel

Kapitel 8: Der Untergang

Lieber aufrechte Feinde als unzuverlässige Freunde! Prof. Arne Lukas

Band I: Sebak – Gott der Pharaonen

Auf der langjährigen Suche nach meinem verschollenen Freund Max stoße ich, Prof. Arne Lukas, Archäologe und Ägyptologe, im Jahre 1986 in einer anderen Zeitepoche auf eine Kreatur, welche in den Hieroglyphen und Reliefs der Alten Ägypter als Gott des Nils betitelt wird, Sebak! Vor mehr als 10 000 Jahren erschuf Sebak, einst ein begnadeter Wissenschaftler und Gelehrter seines Volkes, den Kreis der unsterblichen Götter. Er strebt nach der absoluten Macht im Reiche Pharaonien und sucht einen Weg in unserer heutigen Zeit. Die Bruderschaft des Sebaks und ihre Hohenpriester dienen ihm ergeben und schrecken vor nichts zurück, weder Raub, Folter noch Mord! Und mein Freund Max wurde einer von ihnen? Wenn es Gott Sebak, seinem Bruder Seth und dessen Verbündeten gelingt, die Türme der Götter neu zu aktivieren, droht der Menschheit eine Gefahr ungeahnten Ausmaßes! Nur eine Macht kann das Ungeheuer zur Strecke bringen: Die geheime Waffe der Ahnen!

Wurde Max zum Verräter seiner Ideale, um sein Leben zu retten? Welche Chancen bleiben Pharao Remos II. und seinem Volk in Kel-di-Nore, der Weißen Stadt, um erfolgreich gegen Sebak und seinen blutigen Monstern zu kämpfen? Welche Rolle hat Sphinx mir bei dieser Geschichte zugedacht - ein Wesen, so alt und weise wie die Zeit selber? Das größte Abenteuer meines Lebens begann mit der Expedition in die berühmte Knick-Pyramide bei Dahschur und veränderte alles!

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Band II: Sebak – Krieger der Sphinxe

Die Götter Sebak II. und Seth führen erneut Krieg, diesmal gegen den gerade ernannten Pharao Juan I. - sie nutzen dabei die ungeheure Macht der Türme der Götter! Sie haben damit Zugang in alle Epochen der Menschheit. Prof. Arne Lukas und seine beiden Gefährten brechen auf, um seine Tochter und weitere Mädchen zu suchen, die für ein geheimes Ritual entführt wurden. Was sie nicht ahnen - es geht um mehr als eine bloße Abrechnung mit dem Geschlecht der Göttern! Der ungewöhnlichste Fund dieser Expedition - ein uraltes Schiff! An Bord: Die Originale der Götter! Sphinx, der weise Seher und Zeitenwandler, muss sich entscheiden, für welche Seite sein unbesiegbares Heer kämpfen wird...?

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Die Zeitfalle

Der große Krieg der Götter Sebak II. und Seth in der Vorzeit des alten Ägypten war inzwischen einige Jahre Geschichte. Ihr Heer von Monstern und Kreaturen wurde vernichtend geschlagen. Mein Erzfeind Sebak II. entkam – seit dieser Zeit hat niemand wieder etwas von ihm gehört, geschweige gesehen? Der unselige Trupp der Mütter der Mutanten, bis auf eine Ausnahme, die durch einen Turm der Götter während der Schlacht entweichen konnte, wurde damals von den Kriegern der Sphinxe aufgerieben und in die Hölle der Verdammten geschickt. „Das ist eigentlich zu schön, um wahr zu sein?“ brummte ich während des Blätterns in meinen Aufzeichnungen vor mich hin. Ich hatte bislang bewusst vermieden, mich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen. Meine Tagebücher landeten sofort nach der gelungenen Suchaktion nach meiner Tochter Shyla in Pharaonien auf dem Dachboden, wo sie bis heute unbeachtet blieben. Jetzt standen Renovierungsarbeiten im Haus an – ein Grund, aufzuräumen und sich vom alten Ballast zu befreien. Dabei fielen mir meine Chroniken wieder in die Hände – und weckten unzählige Erinnerungen. Meine langjährigen Freunde und damaligen Reisegefährten, Prof. Bernd Meißner und Kommissar Peter Gäbler, kamen ab und wann zu Besuch. „Ein Glück, dass Bernd über den Verlust seiner kleinen Freundin Taisya hinweg gekommen ist. War eine verdammt harte Zeit für ihn!“ Ich sah das Bild vor mir, wie Imhotep das Schwert schwang und sie tötete. „Es gibt so viel Ungerechtigkeit auf dieser Welt – und es trifft immer die Falschen! Ihr Tod rettete uns das Leben“, seufzte ich, während ich darüber nachsann, ob ich die Bücher zurück legen oder mit runter nehmen sollte? „Schatz, was treibst Du so lange da oben – bist Du eingeschlafen?“ hörte ich meine Frau Sanila rufen. „Bin gleich unten, habe nur etwas aufgeräumt und nach meinen Malerutensilien gesucht!“ rief ich den Treppenflur runter, entschlossen nahm ich den Packen unter den Arm, hob den Eimer mit den Pinseln und Gips auf und stiegt die Sprossen hinab. „Warte, ich helfe Dir, Paps!“ Shyla war sofort zur Stelle und nahm mir lächelnd die Malersachen ab. Sie war ein hübsches Mädchen – und ähnelte ihrer Mama immer mehr. Ich erwiderte ihr Lächeln. „Was hast Du da?

Deine Tagebücher?“ Ich sah ihren erstaunten Blick. „Ja, gerade gefunden.

Denke, es wird Zeit, mal einiges aufzufrischen! Ich weiß ja nicht, ob Du Dich noch an alles erinnern kannst, was damals geschah?“ „Aber Paps – ich bin doch nicht senil, oder?“ kam es wie aus der Pistole geschossen. Während ich die Leiter unter der Decke einhängte, musterte sie nachdenklich die vier ziemlich dicken Hefte. „Ich habe nichts vergessen, wirklich gar nichts!“ flüsterte sie und drehte sich um. „Ich bringe die Sachen ins Wohnzimmer. Eli kommt gleich von seinen Kumpels. Er will Dir unbedingt beim Malern helfen!“ brummelte sie noch, dann eilte sie in das Erdgeschoss. Geräuschvoll setzte sie den Eimer ab. Sanila hantierte in der Küche und bereitete das Abendessen vor.

„Ich bin in ein paar Minuten fertig. Bevor Ihr mit dem Ausräumen der Möbel beginnt, essen wir eine Kleinigkeit. Eli hat gerade angerufen, er ist gleich da!“ verkündete sie und summte weiter vergnügt vor sich hin. Es war ihre Idee, das freie, verlängerte Wochenende zu nutzen, unser Wohnzimmer wieder auf Vordermann zu bringen. „Wenn Frauen nicht ihren Willen bekommen…?“ An die Diskussionen der letzten Tage wollte ich nicht zurück denken. Es polterte an der Eingangstür. „Ein Glück, dass der Junge pünktlich ist. Dann klappt es ja mit den Räumarbeiten!“ Tatsächlich drehte sich das Schloss und unser Sohn betrat das Haus. Auch er war ein junger Mann geworden, der sich nicht verbergen musste. „Hallo Vater – bist schon beim Arbeiten?“ Bevor er weiter fragen konnte, rief uns schon Sanila in die Küche. „Quasseln könnt Ihr nachher beim Möbel rücken. Ich habe Hühnchen gemacht mit Fladenbrot. Kommt, so lange noch alles warm ist!“ Ihre Aufforderung war uns ein Befehl, ohne murren fanden wir uns am Familientisch ein. Während Sanila den Braten zerteilte, langte Eli nach dem frischen Brot. „Mama ist die Beste – so bekommt das hier kein Mensch hin!“ lobte er mit vollem Munde. Trotzdem bekam er seine Abreibung.

„Mensch Junge, geht Dir gefälligst die Hände waschen. Und dann warte ab, bis wir gemeinsam anfangen können!“ Seine Mutter drohte ihm mit dem Finger, konnte sich aber ein verstohlenes Feixen nicht verkneifen. Unsere Kinder entschwanden ins Bad. Ich vernahm nur noch ein erschrockenes Kreischen von Shyla. „Und lass gefälligst Deine Schwester in Ruhe! Immer diese Kindereien!“ schimpfte Sanila hinterher. „Die haben wir echt gut hinbekommen, oder?“ Ich spürte ich ihren fragenden Blick, meine Antwort war ein Achselzucken. „Warum sollten wir nicht?“ murmelte ich und hielt demonstrativ meinen leeren Teller hoch. „Wer ackern soll, muss sich gut stärken!“ Unser Anhang kam lärmend zurück. „Wenn Du mich ärgerst, verrate ich Dein Geheimnis, ätsch!“ Shyla funkelte ihren Bruder wütend an. Eli rannte schnell zu seinem Platz, nicht ohne im Vorbeiflitzen an ihrer langen Haaren zu zuppeln. „Alte Petze! Halte gefälligst Deine vorlaute Klappe…!“ zischte Eli, bekam nun allerdings Ärger mit seiner Mama. „Manchmal denke ich wirklich, ich bin noch im Kindergarten? Setzt Euch und esst gefälligst!“ fauchte sie streng. Für einige Minuten herrschte friedliche Stille. Ich beobachtete unauffällig meine Schützlinge. „Was soll sie denn nicht petzen?“ fragte ich nebenbei. Eli druckste eine Weile herum.

„Ich möchte Archäologe werden wie Papa! Das habe ich mir überlegt!“ Die Überraschung war meinem Sohn fast perfekt gelungen. Ich verschluckte mich fürchterlich und hustete, bis mein Gesicht rot wurde.

Für einen Augenblick schaute ich mich ungläubig um, als ich aber dieses eigenwillige Funkeln in seinen Augen entdeckte, wurde mir klar, dass er es sehr ernst damit meinte. Sanilas Miene drückte weder Zustimmung noch Missfallen aus, sie wirkte aber genauso überrumpelt wie ich. Schweigsam kaute sie ihr Brot weiter. Ein Fremder wäre sicherlich zum Schluss gekommen, dass damit die Angelegenheit erledigt sei. Doch weit gefehlt!

Ich kannte sie besser, spürte ihre gezügelte Ungeduld in den spiegelblanken dunklen Augen. Ich wusste um die Angst, die sich in ihrem Kopf und Herzen breit machte. Shyla, mein Jüngste, hörte auf, am Schenkel zu knabbern. „So, Archäologe wie Paps?“ zwinkerte sie ihrem großen Bruder vergnügt zu. „Willst wohl genau so berühmt werden wie er, oder? Hauptsache, Du nimmst mich auf Deinen Expeditionen mit.“ „Bei Dir piep es wohl!“ entrüstete sich ihr Bruder. Eli schien die Aussicht, ständig die kleine Schwester am Rockzipfel hängen zu haben, wenig zu behagen. „Das geht doch sowieso nicht. Ist viel zu gefährlich für Mädchen!“ wies er sie zurecht und schüttelte energisch den Kopf. Ich biss mir auf die Lippen. „Du hast wirklich keine Ahnung! Ich könnte Dir Sachen erzählen…!“ Shyla stand hastig auf, ohne weitere Reaktion auf Elis Äußerung streichelte sie mir behutsam über den Handrücken. „Stimmt doch Paps, der hat wirklich Null Ahnung!“ Sie nahm ihre Lieblingspuppe in den Arm und verschwand leise summend aus dem Esszimmer. „So eine dumme Pute!“ ereiferte sich Eli, ein strenger Blick der Mutter brachte ihn aber zum Schweigen.

„Naja, ich meine ja nur...?“ maulte er leise vor sich hin und zog den Kopf zwischen die Schultern. „Ihr freut Euch gar nicht?“ stellte er dann resigniert fest.

Offenbar hatte er mit einer größeren Anteilnahme gerechnet. „Was heißt, wir freuen uns nicht? So ist es nicht, oder Sanila?“ Ich wollte meinem Jungen erklären, was uns bewegte. „Wenn der eigene Sohn in die Fußstapfen des Vaters tritt, ist das eine große Ehre, ohne Zweifel!“ Ich stockte, kam nicht so recht auf den Punkt. Sanila übernahm die Initiative.

„Mein Sohn, bevor Du endgültig Deine Entscheidung triffst, solltest Du mir zuhören. Im Prinzip hat Dein Vater schon Recht. Es ist wirklich eine große Sache, wenn der Sohn seinem Vater folgt. Doch bedenke, es ist ein schwerer Job, voller Gefahren und Risiken!“ sprach sie mit ungemein sanfter Stimme und strich ihrem Großen durchs wuschelige Haar.

„Du bist nun in einem Alter, wo man bestimmte Entscheidungen für sich selber treffen muss. Und das ist gut und richtig so. Mit Sechzehn ist man kein Kind mehr! Aber wir haben oft genug über unsere Abenteuer in Pharaonien gesprochen - und ihre leider sehr unerfreulichen Folgen! Dein Vater und Deine Schwester hätten diese Abenteuer um ein Haar mit dem Leben bezahlt.“ In den nächsten Sätzen kam ihre Angst zum Vorschein, fast unhörbar bat sie: „Eli, im Namen aller Götter flehe ich Dich an - lass ab von diesem Vorhaben! Es gibt so viele interessante Berufe auf dieser Welt. Ich bitte Dich!“ Ein trotziger Zug huschte über das Gesicht des Jungen. Als er aber die Verzweifelung der Mutter bemerkte, senkte er seinen Blick. Nachgebend hob er die Hände. „Ich werde noch einmal drüber nachdenken, Mama, okay?“ Damit entschuldigte er sich und ging hinauf in sein Zimmer. Aus der Ferne vernahmen wir Shylas Summen und Gesang. „In zehn Minuten fangen wir an – nicht vergessen!“ ermahnte ich ihn, fort war er.

„Ich habe es beinahe geahnt. Sag doch etwas!“ Vorwurfsvoll sah Sanila mich an, während sie das Geschirr vom Tisch räumte. „Was soll ich sagen? Ich denke, er ist alt genug, zu verstehen, dass wir Angst um ihn haben. Aber ob es ausreicht, ihn von seinem Wunsch abzubringen?“ Ich hatte da wirklich meine Zweifel. „Soll ich Dir schnell helfen?“

Sanila schüttelte nur den Kopf und schickte mich auf die Terrasse.

Ich suchte mir eine Zigarette, angelte nach einem Liegestuhl und machte es mir bequem. Die erste warme Mainacht kündigte sich an, ein laues Lüftchen wehte über unseren kleinen Garten. Ich atmete tief ein und starrte in den mit Sternen übersäten Himmel. Fast wäre ich über meine Gedanken eingenickt, als mich eine sanfte Berührung im Nacken hochschrecken ließ. „Sind sie nicht wunderschön? So weit und doch so nah, dass man glauben möchte, sie mit der bloßen Hand berühren zu können.“ Sanila blickte ebenfalls empor.

„Soll ich Dir einen Stuhl holen, Liebling?“ bot ich ihr an.

„Nein danke! Ich gehe gleich wieder hinein. Es ist mir noch zu kühl!“ Sanila fröstelte und rieb sich mit den Händen über die Oberarme.

„Was macht die Kleine, schläft sie schon?“ wollte ich wissen.

Ich spürte Sanilas heftiges Kopfschütteln, beruhigend streichelte ich ihre Finger. „Ich mache mir ernsthafte Sorgen um das Mädchen. Ich war heute Vormittag bei Dr. Kohlmey - Du weißt doch! Dem Kinderarzt und Psychiater. Er konnte mir allerdings auch nicht weiterhelfen!“ Sanilas Seufzen rührte mich.

Das waren nun genau die Augenblicke im Leben, vor denen ich mich seit meiner Rückkehr mit Shyla aus Pharaonien fürchtete. Ich fühlte dieses eigenartige Kratzen im Hals und räusperte mich mehrmals. Hilflos fuchtelte ich mit der Zigarette herum. „Und, hat er eine neue Diagnose?“ fragte ich. Ich wusste sehr wohl, dass ich mich um die Wahrheit nicht ewig herumdrücken konnte. Aber noch war der geeignete Zeitpunkt nicht gekommen. Ich hörte nur mit halbem Ohr, was sie antwortete, so vertieft war ich in meinen Gedanken.

Eine Wahrheit, die für mich immer unerträgliche und komplizierter wurde. „Ist Shyla nun unsere leibliche Tochter oder nicht? Hat Gott Thot etwas gemacht, während sie als seine Priesterin agierte und sie verändert?“ Die Frage drehte sich als ewiger Kreis in meinem Hirn. In den letzten Jahren wuchsen die Zweifel in mir, zumal Shylas Erscheinung und Gestalt von ihrem normalen, irdischen Leben immer stärker abwich. Obwohl sie inzwischen fast zehn Jahre zählte - ihr Körper blieb der einer vierjährigen Schönheit. Dafür besaß sie inzwischen das Wissen und die Auffassungsgabe einer Zwanzigjährigen! Ein absolutes Phänomen, welches Ärzte und Wissenschaftler ratlos machte. Es gab besondere Genies in verschiedenen Ländern, aber sie wuchsen! Wurden größer! Nicht Shyla!

„Davon sind auch die übrigen zwölf Mädchen betroffen, die mit ihr in Pharaonien waren. Bei ihnen tritt ein ähnliches Phänomen auf. Ich habe meine Unterlagen runter geholt. Vielleicht finde ich dort einen Hinweis, der uns weiter bringt?“ vertröstete ich sie. Diese letzte Hoffnung hatte ich, darin eine mögliche Antwort zu finden? „Es wird schon alles wieder gut werden, Liebling!“ hörte ich mich mit einer fremd klingenden Stimme flüstern. Ich hoffte nur, dass sie mein Zittern darin nicht bemerkte. „Ich werde einmal nach der Kleinen sehen, danach fange ich mit dem Ausräumen an“, entschloss ich mich und drückte die Kippe im Aschenbecher aus. Sanila begleitete mich bis zur Treppe, mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange entschwand sie in die Küche. Ich klopfte mehrmals an die Tür, da Shyla nicht antwortete, öffnete ich sie leise. „Shyla, Schatz! Ich bin es!“ Mein Ruf blieb unbeantwortet. Ich trat in ihr Zimmer ein.

Wie immer, wenn ich mich hier aufhielt, überkam mich diese eigenartige Beklommenheit. Dieses Gefühl, willenlos einer Situation ausgesetzt zu sein und keinerlei Möglichkeiten zur Einflussnahme zu haben, lähmte mich irgendwie. Es war stockdunkel, langsam tastete ich mich zum Lichtschalter und knipste das Licht an. Shyla saß aufrecht im Bett. Ihre ungewöhnliche Körperhaltung erschreckte mich längst nicht mehr, auch nicht das wallende Haar, welches ihr niedliches Gesicht wie Schlangen bedeckten. Sie hockte auf dem Kopfkissen, die Handflächen weit von sich gestreckt. „Bist also wieder weit weg von uns?“

flüsterte ich und tat, was ich in dieser Phase für richtig hielt. Ich setze mich einfach auf den Boden neben ihr und wartete ab. Meinen Blick nachdenklich auf das Wesen gerichtet, welches meine Tochter sein sollte?

Oder war? Oder - ich weiß nicht mehr was? Shyla war dieser Welt entrückt.

„Was geschieht mit Dir wenn Du nicht ansprechbar bist?“ wollte ich einmal von ihr wissen. „Ich kommuniziere mit den anderen Mädchen“, die einzige Antwort, die sie mir gab. Ich schaute mich gedankenschwer im Raum um. Entgegen sonstiger, mir bekannter Kinderzimmer waren die Wände nicht mit bunten Bildern und Farben geschmückt. Hier war alles weiß – steriles, gleißendes Weiß und kahl? „Was soll das nur bedeuten?“ Ich schüttelte ratlos den Kopf und schaute immer wieder ungeduldig auf meine Armbanduhr. Shyla hatte es sich so gewünscht, als wir wieder zu Hause waren. „Ich bin doch kein Baby mehr!“ war ihre Entgegnung. Eine logische oder einleuchtende Erklärung haben wir bis heute dafür nicht erhalten. Wie auch immer, ich erfüllte ihr diese Bitte und malte die Wände weiß an. Ich musste irgendwann bei meiner Brüterei eingenickt sein. Ein sanftes Stupsen weckte mich. „Hallo Paps? Was machst Du denn hier? Ich denke, Du räumst das Wohnzimmer aus?“ Meine Tochter musste mich bereits eine Weile beobachten. Sie schüttelte ihre prächtige Mähne und strich einige Strähnen glatt.

„Ich wollte nach Dir sehen. Aber Du warst nicht ansprechbar...?“

Shyla wendete ihren Blick ab und schielte auf die gegenüberliegende Wand.

Überrascht stellte ich fest, dass das Amulett an ihrem Hals schwach glimmte.

Sie hatte es seit damals nicht mehr abgelegt. „Hast Du bemerkt, dass das Amulett wieder leuchtet?“ Ich berührte es, es fühlte sich wie immer kühl an.

Shyla nickte stumm. „Hast Du eine Erklärung dafür?“ bohrte ich weiter.

Shyla zuckte mit den Achseln und rieb sich mit der Faust die Nase.

„Es geschieht in letzter Zeit immer öfter. Manchmal flimmert es nur, einmal wurde sein Leuchten richtig stark. Aber warum das so ist, weiß ich nicht!“ Ich suchte in ihren Augen nach einer Antwort, aber sie wich mir weiterhin aus. Ich bedrängte nicht mehr, war aber sichtlich unzufrieden. „Es tut mir leid, Paps, aber...?“ Ich blickte auf, doch sie winkte nur ab. „Hat es vielleicht etwas mit dem Inhalt Deiner Kommunikation zu tun? Mit wen kommunizierst Du eigentlich und worüber?“ Ich sah ihren Mund, der sich öffnete, dann hob sie hilflos die Arme und sank zusammen. Erschrocken sprang ich auf die Beine. „Shyla! Mädchen!

Was in Gottes Namen ist mit Dir?“ Ihr Atem ging gleichmäßig, auch ihr Pulsschlag hatte sich nicht wesentlich verändert. Mein Kind schlief tief und fest.

Voller unruhiger Gedanken verließ ich ihr Zimmer. Eli erwartete mich bereits.

„Na, ist sie eingeschlafen?“ fragte er, als er mein Gesicht anschaute, verstand er ohne Worte. „Na komm, lass uns mal den Plunder raus in die Garage bringen. Denke, das wird nicht so lange dauern?“ So machten wir uns frisch ans Werk.

„Hallo, ist jemand zu Hause?“

Ich legte meinen Kugelschreiber hin, um die Haustür zu öffnen. Seit dem frühen Morgen saß ich in meinem Arbeitszimmer, um einige Unterlagen zu studieren.

„Natürlich ist jemand da? Was ist denn?“ Draußen stand ein junges Mädchen.

Blond, mit kurzgeschnittenem Haar, sehr selbstbewusst und lässig im karierten Hemd und Jeans. „Guten Tag! Sie sind bestimmt Prof. Lukas. Mein Name ist Alice Parker. Ich bin eine Schulfreundin von Eli. Wir wollten gemeinsam Mathe büffeln. Sie wissen ja, so kurz vor den Ferien drehen die Lehrer noch einmal völlig durch“, schnatterte sie ohne Unterbrechung. Die Kleine gefiel mir auf Anhieb. „So, wir wollten gemeinsam Mathe büffeln. Das muss ich doch völlig vergessen haben?“ schmunzelte ich und öffnete die Tür vollends.

Sie gab mir die Hand und versuchte einen verunglückten Knicks.

„Komm bitte herein, Alice. Ich vermute, Eli wird Dich bereits erwarten. Habe mich schon gewundert, warum der Junge freiwillig mit dem Staubsauger durch die Gegend gerannt ist? Aber diese Frage hat sich ja nun geklärt!“ Alice schaute sich neugierig um. „Sie haben ein sehr schönes Haus. Sind das Bilder von ihren Expeditionen?“ Der Flur hing voll mit meinen Erinnerungsfotos, die ich in alle Herrenländer geschossen hatte. „Einige ja, andere nicht!“ beantwortete ich kurzsilbig. Eli tauchte im Obergeschoß auf. Dann hörte ich ihn bereits rufen. „He Vater, hast Du Besuch?“ schallte es herab. „Ich nicht, aber Du!“ Wie von einer Tarantel gestochen, fegte er die Stufen hinab. „Weshalb hast Du mich nicht gerufen?“ Er warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu. Ich musste still lächeln. Hatten wir uns in diesem Alter auch so ‚Knabenhaft’?

„Entschuldige, ich wusste nicht, dass Du jemand erwartet hast? Aber dann hättest Du doch gleich die Tür selber öffnen können. Stattdessen lässt Du deinen alten Herrn durch die Gegend springen...?“ Ich wollte ihn nicht noch mehr in Bedrängnis bringen, deshalb lenkte ich ein: „Alice ist zum Mathe lernen gekommen. Ich hoffe, Du hast Dich gut vorbereitet?“ Ich nickte ihm aufmunternd zu. „Habe ich. Danke Vater! Wir gehen dann mal!“ Ich schaute den jungen Leuten nach, bis sie in Elis Zimmer verschwanden.

„Junge, Junge, wie die Zeit vergeht? Aber Geschmack hat der Bengel...!“

musste ich zugeben. Kopfschüttelnd machte ich mich wieder über meine Arbeit her. Vor mir lag ein Manuskript über eine Studienreise eines Kollegen in einem erst kürzlich entdeckten Grab. Voller Interesse las ich die Aufzeichnungen und ging in Gedanken sämtliche, mir bekannten Grabstätten durch.

...unweit von Kairo befindet sich die Grabstätte eines Generales aus der Zeit des ägyptischen Königs, Ramses II. Die Hieroglyphen geben Aufschluss über die wirtschaftliche, politische und wirtschaftliche Entwicklung in einer Zeit...

„Alles trocken und fade beschrieben. Haben die Leute keinen Mut mehr zur Fantasie?“ tadelte ich leise und packte die Seite weg. In den nachfolgenden Beschreibungen fand ich dann einige recht brauchbare und vor allem interessante Passagen. „Oh ha! Ein Höhlenfund an der Stadtgrenze von Alexandria?“ Sofort funkte es bei mir. Eiligst überflog ich die Zeilen.

„Bei Auswertungen von Luftbildern, die durch eine fern gesteuerte Drohne geschossen wurden, fanden Wissenschaftler einige Unregelmäßigkeiten heraus, die auf eine ehemalige Festungsanlage hinweisen. Noch wurde ihre Existenz nicht bewiesen, aber bereits in diesem Jahr beginnen einige grundlegende Erschließungsarbeiten zur Vorbereitung weiterer Grabungen in diesem Gelände. Eine weitere Überraschung dürften die Erkundungen der darunter liegenden Erdschichten werden. Die Daten neuester Technologien lassen den Schluss zu, dass sich im Laufen von Millionen Jahren ein gewaltiger Hohlraum darunter gebildet hat…!“ Ich legte das Papier hin und starrte auf die goldene Statuette auf meinem Schreibtisch. „Deine blöde Fresse grinst schon wieder – richtig?“ schnaufte ich, wütend kippte ich Sebaks Konterfei um. „Dich lasse ich doch noch beim Goldschmied einschmelzen!“ drohte ich, doch mein stummes Streitgespräch endete wie immer – ich stellte die Figur an ihren Platz zurück. Meine alten Freunde in Pharaonien fielen mir ein. „Was macht die Familie vom Pharao Juan I. – habe lange nichts von ihnen gehört? Ra-Helios, Imhotep – irgendwie vermisse ich den Trubel mit Euch?“ Und dann diese verdammten Götter, welche die Zeiten überdauerten? „Sachmet, mächtige Löwin – Dein Gebrüll würde ich gerne mal wieder vernehmen wollen!“ Einen Moment schwelgte ich in Erinnerungen. Sah das weit geöffnete Maul der Göttin, wie sie zornig das Heer unserer Feinde vor Kel-di-Nore, der Residenzstadt der Pharaonen, anfletschte. Ihre Ermordung durch Seth und Sebak II. – damit diese Monster von Sirenen vollends zum Leben erwachten? „Zum Glück endete dieser Albtraum mit ihrer neuen Erweckung ins Leben. Trotzdem unvorstellbar, was sie durchmachte – und dann diese Geschichte mit den verflixten Originalen? Und da sind wir wieder beim aktuellen Thema – die Höhle vor Alexandria. Was werden sie finden, wenn sie mit den Bohrungen beginnen?

Max, Dein Erbe bleibt also doch nicht für immer im Verborgenen?“ Die Gedanken schossen wie Blitze durch meinen Kopf. „Was ist mit Sabak II.

geschehen? Das würde mich echt interessieren! Und dann Alis Tod – der Vater von Sanila, der durch die Sirenen infiziert wurde und sich zum Vampir wandelte…?“ Meine Frau trauerte heute noch, wenn sie das Bild ihres geliebten Vaters ansah, welches im Flur hing. Und dennoch, irgendwie regte sich die Neugierde in mir. „Wenn sie wüsste, was damals geschah?“ flüsterte ich.

„Darf ich reinkommen?“ Die Frage riss mich mitten aus meinen Grübeleien. Eli stand vor mir und sah mich erwartungsvoll an. „Ich muss unbedingt etwas mit Dir besprechen. Sozusagen von Mann zu Mann!“ Ich schmunzelte vor mich hin.

„Hhm, von Mann zu Mann also. Scheint wirklich äußerst wichtig zu sein. Sonst würdest Du mich doch kaum bei der Arbeit stören, sehe ich das richtig?“

Unsere Kinder waren sehr taktvoll erzogen worden. Ohne schwerwiegenden Grund hätte Eli mich nie unterbrochen. „Na, dann schieß mal los!“ forderte ich ihn auf und lehnte mich in meinem Sessel zurück.

„Weißt Du...? Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll?“ verhaspelte er sich und sah mich so kläglich an, dass ich nicht anders konnte.

„Nimm Dir erst einmal einen Stuhl und setz Dich hin. Und dann fang einfach an.

Wir sortieren uns den Rest schon so, wie wir ihn brauchen, okay?“ Umständlich schob er einen Stuhl an den Schreibtisch heran und ließ sich darauf nieder.

Wenn ich meinen Sohn nicht kannte? Er wollte Zeit schinden, also musste ihm ein mächtiges Problem auf der Seele liegen. Endlich war es soweit.

„Also gut“, fing er an; „Ich möchte während der Ferien wegfahren!“ „Wegfahren? Aber das ist doch eine schöne Sache?“ entgegnete ich spontan.

„Schön, also noch einmal. Ich will wegfahren, die letzten Ferien noch einmal richtig genießen!“ wiederholte er mit Nachdruck. Diesmal hielt ich den Mund und ließ ihn in Ruhe ausreden. „Naja, und damit fängt das eigentliche Problem an“, fuhr er fort. „Ich möchte nämlich nicht allein fahren!“ Er sah mich mit einem schiefen Grinsen an. „Und?“ Ich zuckte nichtssagend mit der Achsel. „Verstehst Du nicht? Ich möchte nicht allein wegfahren!“ Langsam dämmerte es bei mir, aber ich war nicht bereit, den Jungen freizulassen. „Wer soll denn der Glückliche sein? Einer Deiner Freunde, vermute ich...?“

Sein Grinsen erstarb, sein Gesicht wurde immer länger, während er herumdruckste. „Alice möchte mitfahren!“ Endlich brachte er die Angelegenheit auf den Punkt. Ich pfiff leise durch die Zähne. „Mein lieber Schwan, gehst ja mächtig ran. Und wie bitte willst Du das Deiner Mutter beibringen?“

Offensichtlich hatte ich nun meinerseits die grundlegende Frage berührt.

„Und darüber möchte ich mit Dir reden!“ Mein Sohn ging also von der Tatsache aus, dass ich leichter zu überzeugen sei, als seine liebe Mama? In der Regel war es so. „Das stellst Du Dir hoffentlich nicht so einfach vor? Wenn sogar ich ernsthafte Bedenken habe?“ Das schien ihn doch wankend zu machen.

„Und was sagen Alices Eltern zu Euren Plänen?“ wollte ich wissen.

„Sie wären einverstanden. Aber nur, wenn ihr zustimmt!“ erklärte er mit versagender Stimme. Für ihn war die Schlacht bereits verloren. Ich beschloss, ihm zu helfen. „Also okay, ich werde es mir noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Und mit den Eltern der Kleinen telefoniere ich heute Abend. Mal sehen, was ich dann machen kann!“ Er strahlte wieder. „Wirklich, das würdest Du tun?“

Ich dämpfte ihn sofort. „Wie gesagt, ich werde sehen...! Nur - wenn es dann spruchreif werden sollte, reden wir beide mit Deiner Mutter. Oder denkst Du ernsthaft, dass ich mir allein die Ohren abreißen lasse?“ „Danke, Vati!“ Ungestüm stieß er den Stuhl zurück und rannte die Treppe hinauf. Dann hörte ich es poltern, er erschien wieder in der Tür. „Noch einmal danke. Und entschuldige bitte, aber ich bin so aufgeregt!“ Damit schlug die Tür hinter ihm zu. Ich vernahm nur noch die Jubelschreie der beiden jungen Leute. „Na hoffentlich freust Du Dich nicht zu früh“, überlegte ich so bei mir, „Deine liebe Mama ist eine harte Nuss, mein Freund.“ Insgeheim musste ich doch feixen, wenn ich da so an meine Jugend dachte!

Dann entschloss ich mich, das Manuskript bis zum Ende zu lesen.

Einige Wochen später begannen die Ferien.

Es herrschte über Gesamteuropa ein Superwetter. Strahlender Sonnenschein ohne Unterlass. Die Kehrseite der Medaille - Mensch und Natur litten bald extrem darunter. „Nun sieh Dir dieses hektische Treiben an. Alle wollen nur noch weg. In ein paar Tagen ist kein Mensch mehr in der Stadt. Und wir dürfen arbeiten!“ Sanila und ich standen am Bahnsteig und sahen zu, wie Unmengen sich hin und her drängten, wie Urlauber und Einheimische fahrig zwischen den Bekanntmachungen der Bahn schwankten. Die Kioske waren ständig umlagert, auch die Zeitungsstände waren schwarz vor Menschen. „Ein Glück, dass die Kinder Platzkarten haben. Wo sind sie eigentlich?“ bemerkte meine Frau. Ich suchte Eli und Alice in der Menge. Sie wollten sich nur eine Zeitschrift kaufen.

In einer Ecke des Trubels entdeckte ich sie schließlich.

„Sie sind bereits auf dem Weg hierher. Der Zug wird bald bereitgestellt. Mir läuft der Schweiß in Strömen!“ Mein Hemd klebte auf dem Leib, ich wollte einfach nichts berühren und anfassen. Endlich kamen uns beide freudestrahlend entgegengelaufen. „Wir haben alles bekommen. Geht es schon los?“ rief Eli mir durch den allgemeinen Lärm zu. Ich nickte nur, sprechen ersparte ich mir.

Das Geräuschchaos wuchs zeitweilig ins Unermessliche, als der Zug endlich einfuhr. Ich hielt mir die Ohren zu. „Also lange halte ich das nicht aus. Da lobe ich mir doch mein Auto!“ stellte ich fest, als der Krach wieder erträglich wurde.

Die Abfahrtzeit des Zuges nach Madrid wurde bekannt gegeben.

„Es wird Zeit, Vater. Wir suchen dann mal unser Abteil. Ich hole nur noch unser Gepäck!“ drängte Eli plötzlich. Ich ließ ihn gewähren, meine Hoffnung auf schnelle Ruhe nahm zu. Wir drängten uns durch eine Reisegruppe hindurch, die den Eingang eines Waggons blockierten.

„... eine Unverschämtheit von diesen Leuten...!“ hörte ich einen älteren Mann fluchen und meckern. Offensichtlich gab es Probleme mit der Platzreservierung der Gruppe. Ich wäre gern eine Weile stehen geblieben, um zu erfahren, wie der Reiseleiter, ein etwas beleibter Mittvierziger diese Geschichte in den Griff bekam. Doch ein anderer Griff zog mich unerbittlich mit sich. Sanila kannte kein Erbarmen. Endlich erreichten wir Waggon Nr. 12. „So, da wären wir. Sucht Eure Plätze. Ich habe extra Nichtraucherplätze für Euch reservieren lassen. Und erholt Euch gut. Und passt auf!“ Ich beschloss, der sonst sicher länger währenden Belehrung meiner Gattin ein Ende zu setzen. „Erholt Euch und tschüß!“ Damit schob ich sie ins Abteil. „Aber ich wollte doch ...?“ erboste sich Sanila, als sie mich lächeln sah, erstarb ihr Protest. „Du Schlauberger! Ich wollte wirklich nur noch ein paar Worte verlieren. Sei mal ehrlich, ist die Kleine nicht hübsch?“ „Das ist sie. Und ich sage Dir, Du solltest Deine Bedenken einfach beiseite schieben und ihnen vertrauen. Immerhin waren sie mutig und ehrlich genug, uns ihre Liebe zu gestehen. Und lieber so, als heimlich!“ Sanila lehnte sich an mich und suchte im Abteilfenster nach Eli und Alice.

„Da sind sie ja! Sie haben ihre Plätze gefunden. Ob sie noch einmal zum Ausgang kommen?“ Als hätten sie Sanila gehört, tauchten sie noch einmal an der Tür auf. Außer der Reisegruppe, die nun auch begann, in ihren Wagen einzusteigen, hatte sich der Strom der Passanten bereits verlaufen.

„In drei Wochen sehen wir uns wieder. Und Alice, achte bitte darauf, dass uns Eli wenigstens einmal schreibt!“ bat ich und drückte ihnen noch einmal die Hand. „Mache ich, Professor. Er wird schreiben, versprochen!“ Mein Großer hielt meine Hand einen Moment länger fest.

„Noch einmal vielen Dank für Deine Hilfe, Vater! Und viele Grüße an meine Schwester! Sag ihr, dass sie schnell wieder gesund werden soll!“ Er zwinkerte mir schelmisch zu. Seine Mutter reagierte mit einem freundschaftlichen Puff in meine Rippen. „Ihr Kerle - keine Geheimniskrämerei, wenn ich bitten darf!“ Dann ruckte der Zug an. Wir winkten noch, als die Bahnhofshalle leer und einsam war. Langsam schlenderten wir Arm in Arm zum Parkplatz zurück.

„Weißt Du, an den Kindern erkennt man, wie schnell die Zeit vergeht. Bin ich jetzt alt? Sieh mich an und lache nicht!“ Sanila zog ihre Stirn kraus und schmollte. „Frauen sind wirklich nicht einfach zu händeln“, seufze ich.

„Kaum sind die Kinder aus dem Haus, fängt das nächste Problem an. Sie fragen, ob sie alt werden? Hast Du schon einmal davon gehört?“ scherzte ich.

„Du bist doch ein Ekel! Wie kann man seine eigene Frau so verschaukeln? Das werde ich Dir heimzahlen“, drohte sie und gab mir schließlich einen Kuss.

„Du bist nicht alt, mein Schatz. Wir werden nur ein wenig reifer!“ „Ja ja, wie ein Schweizer Käse!“ Unser Lachen ließ einige Spaziergänger aufhorchen.

„Okay, ich fahre ins Büro. Pünktlich zum Abendessen bin ich wieder zurück.

Und gib Shyla einen Kuss von mir!“ verabschiedete ich meine Frau an der Bushaltestelle vor dem Bahnhof. Ich wartete ab, bis auch sie im Bus verschwand, dann stieg ich ins Auto. Ursprünglich wollte Shyla ihren Bruder mit zum Zug begleiten. Doch kurz vorher fühlte sie sich ausgesprochen elend. Sie sah auch ziemlich mitgenommen und bleich aus und bestand darauf, allein zu Hause zu bleiben. „Ich komme schon klar, macht Euch keine unnötigen Gedanken. Und bringt Eli weg, damit ich endlich meine Ruhe habe“, scherzte sie noch, als sich die Kinder voneinander verabschiedeten. „Das Mädchen bereitet mir ernsthafte Kopfzerbrechen!“ brummte ich und startete endlich den Motor.

Mein Vorhaben, zum Abendessen wieder daheim zu sein, platzte wegen einer Sitzung der Museumsleitung, die länger als geplant dauerte.

Weit nach Mitternacht öffnete ich lautlos die Haustür und stahl mich ins Haus.

Unser alter Regulator gongte gerade die erste Stunde des neuen Tages ein, als ich endlich mit einem Glas Sekt unsere Terrasse betrat. Die Hitze stand wie eine Wand, sofort machte ich auf dem Absatz kehrt und begab mich ins Wohnzimmer. Hier summte leise die Klimaanlage und blies kühle, angenehme Luft aus. Ich stellte die Stereoanlage an. „Dann wollen wir mal sehen, was ich jetzt hören möchte? Ah ja – das ist passend!“ Ich wählte eine Klassik - CD.

Beethoven ergoss sich in unser Haus und erfüllte den Raum mit faszinierenden Klängen. „Ooh, das tut gut!“ In einem Sessel machte ich es mir bequem und trank genüsslich einen Schluck. Ich summte leise mit und überdachte noch einmal die Stunden des vergangenen Tages. War das ein Kampf, Sanila von der Tatsache zu überzeugen, dass der Junge mit Alicia in den Urlaub fahren durfte. Es hatte Tage gedauert, bis sie endlich ihr Ja gab. Dennoch gab es auch mir einen kleinen Stich ins Herz. War es so, wenn man plötzlich erkennt, dass einen etwas Wichtiges, Unwiederbringliches verloren ging? „Der Junge wird erwachsen, geht bald seine eigenen Wege. Studium, Liebe – Heirat? Dann kommen die Enkel…?“ Ich schloss die Augen. Aber so war nun mal der Lauf des Lebens. Ich schenkte mir noch einmal das Glas voll. Auf dem Tisch vor mir flatterte ein Zettel im Luftzug, den ich erst jetzt bemerkte. „Hast ein Fax aus Kanada erhalten. Liegt auf dem Küchentisch! Essen steht für Dich im Kühlschrank. Falls Du Lust zum Reden hast, wecke mich. Shyla geht es wieder besser! Kuss, Dein Dich liebender Schatz!!“ Ich musste unwillkürlich lächeln.

„Dein Dich liebender Schatz!“ Wenn ich nur daran denke, wie lange Sanila brauchte, um mit unseren Geflogenheiten einiger Maßen warm zu werden? Wir waren inzwischen ein bisschen in die Jahre gekommen. Na und! Ich eilte in die Küche, um nach dem Fax zu sehen.

Es lag neben dem Abendbrotgeschirr auf meinem Platz.

„Lieber Arne, wir landen morgen gegen 10.30 Uhr. Würden uns sehr freuen, wenn Du uns abholen könntest. Brauchen unbedingt ein Quartier. Bis dann!“

Imhoteps und die kaum zu entziffernde Unterschrift von Prof. Meißner standen darunter. Um ehrlich zu sein, ich freute mich riesig. Auch wenn ich sehr kurzfristig meinen Tagesplan umstellen musste. Ich holte meine Aktentasche vom Telefontisch und kramte meinen Terminkalender hervor.

„Mann, bin ich ein Schaf. Morgen ist doch Sonntag?“

Manchmal war ich aber auch vergesslich? Ich ließ alles stehen und liegen und begab mich ins Bad. Im Spiegel erblickte ich das Gesicht eines Mannes, dessen Augen Dinge sahen, die eigentlich für die Allgemeinheit nicht existent waren. Oder die sich weigerte, die Wahrheit anzuerkennen? „Ihr werdet alle noch Euer blaues Wunder erleben, so viel ist sicher!“ Ich hatte am frühen Morgen keine Zeit, mich zu rasieren. „Der Bart muss ab – sonst schimpft Sanila wieder, wenn ich ihre zarte Haut zersteche!“ brummelte ich angesichts der Stoppeln. Ich ließ warmes Wasser ins Waschbecken. Während ich mich in aller Ruhe einseifte, grübelte ich über die unvermutete Ankündigung meiner Freunde nach. „Da liegt hoffentlich nichts im Argen?“ Es gab tausende Gründe, weshalb sich Bernd in Kanada befand. Aber dass er mit Imhotep hier eintreffen würde, überraschte mich doch. „Hat Pharao Juan I. endlich die Sperre aufgehoben und lässt es zu, dass die Türme der Götter zum Transfer in unsere Epoche eingesetzt werden dürfen?“ Das war in meinen Augen einer der möglichen Gründe, weshalb sich der Heerführer des Reiches Pharaonien in unserer Zeit befand. „Wir werden ja sehen, was los ist?“ Ich setzte gerade die Klinge an, als ich eine Bewegung im Spiegel wahrnahm. „Wer treibt sich denn mitten in der Nacht hier herum?“ brummte ich erschrocken und legte die Utensilien ab, um nachzuschauen. „Shyla – Kind! Ich denke Du schläfst?“ Mir fiel ein Stein vom Herzen. Erleichtert rief ich sie noch einmal an. Meine Tochter reagierte nicht auf mich, sie wandelte wie im Trance. Ich wurde nervös. „Shyla?“

Mein Versuch, sie an die Hand zu nehmen, scheiterte. Eine unsichtbare Wand ließ mich nicht an das Mädchen heran? „Das kommt mir mehr als komisch vor?“ Ich wartete einen Moment ab. Als ich meine Bemühungen verstärkte, wuchs automatisch die Gegenwirkung des unbekannten Kraftfeldes.

„Verdammt, was ist das für ein blödes Spiel?“ fluchte ich sauer und griff erneut zu. Ich erhielt eine gewaltige Ohrfeige, mein Schädel brummte wie ein Bienenschwarm. Das reichte mir. „Leck mich doch am Arsch!“ fluchte ich.

Mit traumwandlerischer Sicherheit glitt Shyla indessen durch unser Haus, öffnete alle Türen. Schließlich trat sie hinaus in den Garten.

Ich mischte mich nicht mehr ein, die eine Lektion reichte mir endgültig.

Dennoch ließ ich das Kind nicht aus den Augen. Auf der Terrasse blieb sie stehen. „Was passiert jetzt?“ Sie neigte den Kopf und lauschte innig. Sie begann, laut reden. „Ich verstehe kein einziges Wort von dem, was sie plappert? Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich auf eine Altsprache der Götter tippen?“ Meine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Der Monolog dauerte mehrere Minuten. Am Ende nickte sie nur noch. „Paps?“

Der Bann schien gebrochen, mit klaren Augen sah mich mein Kind an.

„Du... bist...?“ Ich brauchte nicht weiter zu fragen. „Ich bin wieder ansprechbar!

Ich muss Dir etwas Wichtiges mitteilen!“ Ich beugte mich zu ihr und hob sie auf den Arm, so wie früher. „Was ist so wichtig, dass Du mitten in der Nacht wie ein Geist durch die Gegend spukst?“ versuchte ich zu scherzen, doch sie blickte mich ernst an, dass mir jeder Spaß verging. „Eli ist in großer Gefahr!“ Ich glaubte mich verhört zu haben. „Eli – in Gefahr? Wie meinst Du das?

Welche Gefahr sollte ihn bedrohen – rede doch mit mir!“ Shylas Augen fielen zu, dann sank ihr Kopf übergangslos auf meine Schulter.

Ich konnte sie im letzten Moment auffangen und brachte sie in ihr Bett. Ich deckte sie bis zum Hals zu. „Ach Kindchen, was ist bloß los mit uns? Deine Prognose lässt Schlimmes erahnen? Hoffentlich ist alles nur ein Traum?

Schlafwandler haben manchmal solche unheimliche Wirkung…?“ redete ich mir ein, wohl ahnend, dass es wirklich schwerwiegende Gründe dafür geben musste. Ich überzeugte mich, dass Shyla tief und fest schlief. Im Wohnzimmer lief noch die Musik. Ich eilte ins Bad, wischte mir den restlichen Schaum aus dem Gesicht. „Das muss warten!“ Ich löschte sämtliche Lichter im Haus und setzte mich ins dunkle Zimmer…

„Guten Morgen, Schatz!“ Ich gab meiner Frau einen Kuss auf die Wange und begab mich an den gedeckten Frühstückstisch. Es gab frische, selber aufgebackene Brötchen, Wurst und Marmelade. „Komme gleich, mache nur noch die Rühreier fertig.

Kaffee ist in der Thermoskanne“, rief sie mir noch zu, und verschwand in der Küche. „Und wann bist Du eingetrudelt?“ hörte ich sie dann rufen.

„Erst nach Mitternacht. Das Fax habe ich gefunden, vielen Dank. Nur zum Essen bin ich leider nicht gekommen“, erzählte ich ihr. Dann tauchte sie wieder auf, die dampfende Pfanne in der Hand. „Möchtest Du?“ Ich liebte Rührei mit Zwiebeln und Speck. „Gerne doch, Du bist ein Sonnenschein!“ Sanila packte mir den Teller randvoll. Entgegen meiner sonstigen Art schwieg ich diesmal und hing meinen Gedanken nach. Mein nächtliches Abenteuer ging mir nicht aus dem Sinn. „Ist irgendetwas mit Dir? Du redest nicht viel - hast Du Ärger?“

Sanila sah mich besorgt an. Ich versuchte, sie abzuwimmeln. „Ist nichts weiter, konnte nur nicht schlafen. Alles halb so wild!“ beruhigte ich sie. Dann kam Shyla wie eine kleine Fee hereingefegt, grüßte artig und gab uns beiden einen Morgenkuss. „Habe ich einen Hunger. Oh, Rühreier - würde ich gern essen!“ Schwungvoll setzte sie sich auf ihren Stuhl, schenkte sich Milch ein und kaute mit vollen Backen. Nichts deutete daraufhin, dass sie sich an ihre Aktion erinnerte? Ihre Augen funkelten wie immer voller Schalk.

„Unternehmen wir heute irgend etwas?“ fragte sie nach einer Weile.

„Ich muss nach dem Frühstück los - Onkel Imhotep und Onkel Bernd treffen heute auf dem Flughafen ein!“ erklärte ich ihr. Ein Jubelschrei war die Reaktion.

„Darf ich mitkommen? Ach bitte Paps!“ bettelte sie ungestüm.

„Du bleibst bei mir - wir kümmern uns gemeinsam um ein ordentliches Mittagessen!“ unterbrach ihre Mutter den Ansturm. Shyla zog eine Schippe.

„Ich würde aber viel lieber...!“ Ihr Schmollen half nichts, Sanila blieb unerbittlich.

„Ich hole frischen Kaffee. Und wie gesagt, wir kümmern uns um das Essen.

Aber keine Bange, wir haben dann eine Überraschung!“ versuchte sie die Kleine zu motivieren. Als sie draußen war, peilte ich Shyla an.

„Was war heute Nacht mit Dir? Und was ist mit Eli?“ Ihre Augen wurden eine Spur dunkler. Daran erkannte ich, dass sie sehr genau wusste, worüber wir redeten. „Ich habe eine Nachricht empfangen. Eine Warnung! Mehr kann ich nicht sagen!“ wisperte sie mir zu. „Kannst Du nicht oder willst Du nicht?“

Bevor sie antwortete, kam Sanila wieder herein.

„Na, Ihr seht aus, als hätte Euch der Blitz getroffen?“

Ich gab Shyla per Blick zu verstehen, dass sie den Mund halten sollte.

Die nächsten Minuten vergingen recht qualvoll, dann war das Frühstück endlich vorbei. Mein nachfolgender kurzer Disput mit meiner Tochter erbrachte allerdings keine neuen Erkenntnisse. „Du musst mir sagen, was geschehen wird! Wie sollen wir Eli sonst helfen – verstehst Du das nicht?“ redete ich unvermindert auf mein Kind ein. „Paps – ich weiß es wirklich nicht! Ich habe nur erfahren, dass sich dunkle Wolken über ihn zusammen ballen – und das bedeutet Gefahr!“ gestand sie mit einen herzerweichenden Seufzer. Ich streichelte über ihren Kopf. „Okay, das muss erst mal reichen. Solltest Du mehr erfahren, sage umgehend bescheid, versprochen?“ Sie nickte heftig. „Es geht um meinen Bruder – das weiß ich doch, Paps!“ Sie winkte mir zu, als ich ins Auto stieg…

Es war eine knappe Stunde vor der Landung, als ich die Stadtbahn zum Flughafen erreichte. „Diese verdammten Sonntagsfahrer! Versperren die Abfahrt - was für ein blödes Volk sich auf den Straßen herumtreibt“, knurrte ich und hieb wütend auf die Hupe. Ich lag so gut in meinem Zeitplan, bis mich dieser verdammte Stau kurz vor dem Flughafen erwischte. Die Minuten verrannen und ich lag einfach fest. „Idioten!“ Wieder rückten wir einige Meter vor. Mein Vordermann drehte sich zu mir um und zeigte mir einen Vogel. „Bleib nur ruhig! Nicht aufregen“, suggerierte ich mir selber. Endlich wurde unsere Spur frei und ich gab Gas. Etwa hundert Meter weiter sah ich dann die Ursache - ein Auffahrunfall. Zwei Limousinen standen am Straßenrand, beide mit beträchtlichen Blechschäden. Ein Mann und eine ältere Frau gerieten sich gerade in die Haare. Ich hielt einen Moment an. „Kann ich Ihnen eventuell behilflich sein? Soll ich die Polizei oder den Abschleppdienst informieren – ich bin gleich am Airport“, bot ich höflich an. Der Typ fixierte mich finster und spuckte verächtlich aus. „Was willst Du da noch helfen? Weiber am Steuer...!“ fauchte er. Weiter kam er nicht, die Dame schnappte fast über und keifte zurück: „Von wegen! Wenn Sie nicht so abrupt gebremst hätten, wäre das nicht geschehen...!“ Sie feuerte ihm die Handtasche um die Ohren, dass es nur so schepperte. „So fängt der Sonntag ja richtig gut an! Ich wünsche noch viel Spaß miteinander!“ verabschiedete ich mich lachend und machte, dass ich davon kam. „Manchen Leuten ist wirklich nicht zu helfen!“ konnte ich nur noch feststellen, dann sah ich im Rückspiegel, wie die Frau ihren Sonnenschirm zückte und ihn als Schlagstock einsetzte. „Die ticken doch nicht mehr richtig!

Einen Sonnenstich?“ Ich schüttelte besorgt den Kopf und bog auf den Parkplatz des Flughafens ein. Bevor ich einen freien Parkplatz fand, verging wieder viel Zeit. „Die müssten inzwischen angekommen sein?“ Abgehetzt erreichte ich schließlich die Abfertigungshalle. Die Maschine aus Toronto war bereits vor einer viertel Stunde gelandet. „Mensch, ist das angenehm hier!“ prustete ich.

Wohlwollend nahm ich zur Kenntnis, dass wenigstens die Halle gut temperiert war. Ich schaute in die Gepäckabfertigung. „Nanu, sind sie schon durch? Oder haben sie nur Handgepäck dabei?“ rätselte ich ein wenig verblüfft. Eine Menschkette schob ihre Koffer an mir vorbei. „Mist, jetzt muss ich doch sehen, wo sie sich aufhalten…?“ Meine erste Vermutung – einer der unzähligen Verkaufsstände für Souveniere. Zu meinem Glück musste ich nicht lange nach meinen Freunden suchen. Ich sah Bernds Schopf durch die Menge aufblitzen.

Sie waren tatsächlich gerade dabei, an einem Stand einige Mitbringsel zu erwerben. Ich schlich mich langsam an ihn heran. „Da ist er ja, der Herumtreiber!“ Eine schwere Hand sauste auf meine Schulter nieder. Hinter mir stand Imhotep. Er strahlte über das ganze Gesicht. „Siehst gut aus, mein Freund!“ Wir fielen uns freudig in die Arme. „Ich dachte schon, Du kommst nicht! Hast in den Armen Deiner Frau verschlafen!“ schmunzelte der Heerführer und musterte mich auffällig. „Hast Dich kaum verändert!“ beendete er seine Begutachtung. „Der Professor kauft bestimmt irgendwelchen Klimbim? Aber er wollte nicht ohne Geschenke für Deine Kinder los. Da kommt er schon!“ Bernd hatte einen Arm voll mit Plüschtieren, auf der anderen Seite seinen kleinen Reisekoffer für alle Fälle. „Dir ist schon klar, dass Eli mit Sechzehn aus diesem Alter raus ist!“ begrüßte ich ihn überschwänglich. Wir hatten uns das letzte Mal vor einem knappen Jahr gesehen. Die Jahre waren an meinem Freund nicht spurlos vorüber gegangen. Schlohweißes Haar bedeckte nur spärlich eine größer werdende Glatze. Sein Gesicht schien eingesunken, nur die Augen funkelten wie immer voller Energie. Er trug, und dafür hätte ich sonst etwas wetten können, einen Anzug. „Auf die Krawatte habe ich wegen der Hitze verzichtet!“ erklärte er mir lachend. Er freute sich aufrichtig, mich zu sehen.

Seine erste Frage: „Wie geht es Shyla? Was macht meine kleine Märchenprinzessin? Dann bekommt sie eben alle Plüschtiere, na und?“ dröhnte er, dass sich einige Leute in unserer Nähe erstaunt umblickten. „Kommt erst einmal zum Auto. Ein Quartier im Hotel habe ich Euch nicht besorgt. Es sei denn, dass Euch mein Gästezimmer unangenehm sein sollte? Außerdem erwarten Euch meine Frauen mit dem Essen. Alle übrigen Fragen klären wir während der Fahrt.“ Ich übernahm den Koffer des Professors, Imhotep schulterte einen Leinensack, dann zogen wir vereint los.

Der Heerführer hatte sich stark verändert, stellte ich während des Marsches fest. Selbstbewusst war er schon immer, aber auch sein Äußeres hatte sich mehr unseren Geflogenheiten angepasst. Es war nicht die erste Begegnung in unserer Epoche. Er trug eine Jeans, Stiefel und T-Shirt. Trotzdem strahlte er eine ungewöhnliche Aura aus. Braungebrannt und ein sympathisches Lächeln auf den Lippen, schritt er mit stolz erhobenem Haupt neben mir. „Guck Dir mal die Mädels an – wie sie ihn anstarren?“ flüsterte Bernd mir mit einem breiten Grinsen zu. „Tja, wer hat, der hat! Zieh Deine Jacke aus und zeige mehr Brust – dann fliegen die Weiber auf Dich!“ witzelte Imhotep und zwinkerte mir zu.

Es waren nicht nur Frauen, die sich nach dem wohlproportionierten Mann umsahen. „Wie geht es dem Pharao? Ist nicht bald wieder Nachwuchs in Aussicht?“ fragte ich neugierig und schloss das Auto auf. Mit Schwung flog der Seemannsack in den Kofferraum.

„Juan I. geht es gut. Viele Grüße von ihm und seiner Familie und all den anderen. Tja, und was den Nachwuchs bei mir betrifft, habe ich noch etwas Zeit. Aber ich arbeite fleißig daran!“ schmunzelte Imhotep, während er sich auf den Beifahrersitz zwängte. Der Professor nahm auf der hinteren Bank Platz. Er blieb recht wortkarg und beteiligte sich während der gesamten Fahrt kaum an unser Gespräch. „Dann berichte mal, was es Neues gibt? Ich bin mehr als neugierig!“ Ich parkte das Auto aus und los ging die Fahrt.

„Du solltest Dir bald die Zeit nehmen und das neue Pharaonien besuchen.

Versprochen hast Du es uns schon lange. Ich habe Fotos von der Residenz mitgebracht. Es sind damals etliche Objekte durch das Feuer und die Geschosse in Mitleidenschaft gezogen worden. Die meisten Häuser haben wir inzwischen wieder in Ordnung gebracht.“ Erwartungsvoll sah er mich an, suchte einige Fotos aus einem kleinen Album heraus und hielt sie mir direkt vor die Nase. Die strahlend weißen Bauten von Kel-di-Nore waren darauf abgebildet.

„Sieht alles sehr gut aus!“ bestätigte ich, während ich mich weiter auf den Verkehr konzentrierte. „Das ist übrigens der Palast. Und hier der Pavillon, der wurde neu errichtet! Den Angriff dieser verdammten Vampire werde ich niemals vergessen! Du bestimmt auch nicht – wurde dabei nicht Dein Schwiegervater von den Sirenen entführt?“ Das Bild nahm mir völlig die Sicht. „He Imhotep – ich fahre!“ Ich trat heftig auf die Bremse und musste scharf gegenlenken, um nicht die Bordsteinkante zu rammen. Vorwurfsvoll sah mich der Professor im Rückspiegel an. „Ich kann nichts dafür? Imhotep hat mich mit seinen Bildern abgelenkt“, entschuldigte ich mich sofort und warf meinem Nachbarn einen warnenden Blick zu. „Schuld bist Du...!“ Imhotep grinste nur und irgendwie fühlte ich mich zurückversetzt in eine Zeit, in der wir gemeinsam durch die Weite von Pharaonien zogen, um das Böse auszumerzen. „Was macht eigentlich der Prinz – hat er seine Nesrin gefunden?“ fragte ich nach einer Weile. An ihn hatte ich in den letzten Wochen des Öfteren denken müssen. Er war für mich eine ganz besondere Klasse – sein Vater ein Gott und Ungeheuer – Sebak, der Herr der Krokodile. Und er, quasi ein Halbgott – seine Mutter ein Mensch, die für die Dynastie der Gottes einen Sohn gebar. „Babu hat sich nichts schenken lassen – weder von seinem blutrünstigen Vater noch von dessen Klon – Sebak II.! Es wäre mehr als Schade, wenn er unter die Räder kommen würde?“ redete ich. Imhotep räusperte sich. Bevor er was sagen konnte, mischte sich Bernd in unser Gespräch ein. „Prinz Babu ist nach Tem-pri, die Stadt seines Vaters. In den Wochen, die ich jetzt in Pharaonien verbrachte, ist er verschwunden gewesen. Kein Mensch hat ihn gesehen. Es heißt, er hätte seine Wesen um sich geschart, um einen Privat-Krieg gegen Sebak II. zu führen. Ob es stimmt oder nur Gerüchte sind, vermag ich nicht zu beurteilen?“ Das überraschte mich doch. „Dann ist Sebak II. wieder in Erscheinung getreten?“ wollte ich wissen. Diesmal war Imhotep schneller. „Als er damals entkam, war doch abzusehen, dass er wieder auftauchen würde. Er hat nach wie vor Babus Atlantis unter seiner Fuchtel. Das bringt den Prinzen noch mehr auf die Palme. Aber solange die Türme der Götter dort für uns gesperrt sind, haben wir keine Möglichkeiten, Truppen zu entsenden. Das ist nicht nur sein großes Handicap!“ berichtete er, während Bernd schweigsam aus dem Fenster stierte. „He Großer, Du sagst nicht allzu viel? Hast Kummer oder Sorgen?“ wandte ich mich diesmal an meinen langjährigen Freund. Er seufzte tief. „Du kennst mich doch – Unkraut vergeht nicht! Bevor wir uns für die Reise in unsere Epoche vorbereitet haben, machten wir einen Abstecher zu der Festung der Originale. Da ist mir alles wieder hoch gekommen – die ganze Scheiße, die mit Taisya geschah. Das ist mir so aufs Gemüt geschlagen…“ Das konnte ich mir fast denken. „Wann seid Ihr von dort wieder gekommen?“ fragte ich. „Vor zwei Tagen, bevor wir uns in unsere Epoche transferierten!“ war seine Antwort. Ich kannte Bernd wirklich sehr gut – wir waren seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden. Er blieb stark, als er seine Frau durch den Krebs verlor. Als unsere kleine Beschützerin Taisya auf so tragische Weise ums Leben kam – und dann noch durch die Hand unseres besten Freundes Imhotep – kippte seine Welt. „Wisst Ihr, was das Merkwürdige an der Sache ist?“ Bernd ließ sich mit der Erklärung Zeit und wir drängten nicht. „Das ist schon sechs Jahre her – und ich träume immer noch von ihr – wirklich, ich erzähle keinen Mist!“ beteuerte er schließlich. „Ich träume, wie wir zu den Sternen schauen und über eine gemeinsame Zukunft reden – hier in unserer Zeit. Sie war so neugierig und wollte unbedingt mitkommen.“ Er schluckte heftig. „Und jedes Mal kommt dann der Moment, in dem dieses Miststück von Sirene über sie herfällt…! Dann wache ich schreiend und schweißgebadet auf…!“ Ich dachte schon, dass es das war, aber dann folgten noch einige Sätze, die es in sich hatten. „Ich hätte damals Imhotep am liebsten umgebracht – im ersten Jahr danach war er für mich der Böse, der mein Mädel erschlagen hatte. Ich wusste immer, dass er nicht anders entscheiden konnte und trotzdem…? Was ich damit sagen möchte, mein treuer Freund – ich muss Dir Abbitte leisten für all meine schlechten Gedanken über Dich, die aus meiner Wut heraus entstanden!“ Bernd streckte seine Hand zwischen die Sitze hindurch. Imhotep hatte die gesamte Ausführung über nur aus dem Fenster gesehen. Erst beim letzten Satz zeigte er eine Regung. „Wahrscheinlich würde es jeden von uns so ergehen, wenn er ähnlich empfunden hätte, wie Du. Es ist gut, dass wir uns darüber endlich austauschen konnten – hier ist meine Hand – ich schlage ein!“ Der Heerführer drehte sich Bernd zu um und beantworte den Händedruck. Es war für mich ein denkwürdiger Augenblick und eine Verbrüderung von zwei Menschen, die mir unheimlich am Herzen lagen. „Das ist gut so, Bernd!“ murmelte ich glücklich und zufrieden. Irgendwie wurde die Stimmung an Bord sofort lockerer. Imhotep informierte mich über einige ausgefallene Aktivitäten der letzten Monate. „Der Pharao hat seine Spione überall – nicht nur in allen Zeitepochen sondern auch in allen Machtzentren der Antike. Der Witz ist – Juan I. kontrolliert inzwischen ohne Ausnahme alle Pharaonen vor und nach seiner Zeit! In seiner Hand laufen sämtliche Fäden zusammen. Er ist damit fast genau so mächtig wie ein Gott! Ach ja – da wäre noch etwas!“ Der Heerführer wog den Kopf hin und her, so als müsse er überlegen, es auszusprechen. „Ihr erinnert Euch, dass während der Schlacht vor Alexandria eine Mutter der Mutanten entkam. Inzwischen wissen wir, dass es mindestens eine Sirene auch geschafft hat, zu entfliehen. Die Folgen dürften fatal sein, zumindest dort, wo sie untergetaucht ist!“ berichtete Imhotep weiter. Das war mir neu? „Einen Moment mal – die Sirenen wurden ohne Ausnahmen vernichtet – zumindest war das die Aussage von Gott Amun? Und er müsste es als König der Götter ja wissen?“ widersprach ich. Imhotep versuchte, es mir zu erklären. „Wie auch immer – ein Exemplar dieser Spezies konnte entkommen! Die auf dem Schlachtfeld waren, sind alle umgekommen, das stimmt! Die restlichen sieben Sirenen wurden geopfert, um die Göttin Sachmet zum Leben zu erwecken – wir waren ja dabei! Aber da gibt es ja noch die Schutz-Kuppel in Kel-di-Nore?“

An die hatte ich wirklich nicht mehr gedacht? „Dann hat Gott Horus also geschlampt, als er sie aufzog, oder wie?“ Der Heerführer hob nichtssagend die Hände. „Arne, wir wissen es nicht? Kann sein, dass ihm ein Fehler unterlaufen ist? Kann aber auch sein, dass jemand daran gedreht hat – und es gab und gibt nach wie vor einige Anhänger von Sebak II – auch wenn sie jetzt im Verborgenen agieren! Was ein Gott errichtet, kann ein Gott ohne Probleme aufheben – das haben wir oft genug erlebt. In diesen Kreisen kannst Du als Mensch niemand voll vertrauen!“ war sein Resümee. „Ich habe eine völlig andere Theorie!“ verkündete Bernd. Wir warteten ab, was er dazu meinte. „Also wenn Ihr mich fragt, ist das ein taktischer Schachzug dieser verfluchten Originale!“ platzte er heraus. Er bemerkte unsere fragenden Blicke. „Ist doch klar – sie haben sich verpisst, als es brenzlig wurde. Sie haben damals die Sirenen und das Heer des Sebak II. auf uns gehetzt, um ein gerechtes Urteil gegen die Götter zu verhindern, die sie als ihre Doubles erschufen. Eine Verurteilung hätte ja bedeutet, dass sie die Quelle des ganzen Mistes sind – diese Verantwortung war ihnen einfach zu hoch. Nachdem alles schief lief, haben sie vor ihrem Start dafür gesorgt, dass mindestens ein Prachtexemplar von jeder Mistgeburt überleben konnte – die Geschichte der Menschheit ist voll davon. Du als Archäologe müsstest das am besten wissen, oder?“ Er zwinkerte mich herausfordernd an. Seine letzte Behauptung stimmte auf jeden Fall – in jeder geschichtlichen Epoche gab es Hinweise, Sagen und Erzählungen über fremde, grausame Wesen, die plötzlich im Leben ganzer Völker Unheil stifteten.

„Tja, was soll ich dazu sagen? Auf jeden Fall müssen wir die Fakten nach allen Seiten hin überprüfen. Mit den Möglichkeiten der Türme der Götter spüren wir diese Biester auf und machen sie unschädlich, da bin ich mir völlig sicher!“ Ein Rest an Zweifel blieb, trotz meines Optimismus. „Ja, da sind sie wieder – die Erkenntnisse, dass wir Menschen zu gutgläubig einer Macht vertrauten, die es nicht wert war! Das hat sich immer bitter gerächt!“ schloss ich ab.

Den Rest der Strecke schwiegen wir.

Sanila und Shyla kamen aus dem Haus gestürmt, als sie mein Hupen vernahmen. Meine Tochter flog wie ein Pfeil auf Imhotep zu und sprang förmlich in seine Arme. „Onkel Imhotep...!“ Bernd kam mit seinen Plüschtieren hinter ihm zum Vorschein. „Onkel Bernd – Du bist ja auch hier – juchhu!“ jauchzte Shyla und schwenkte zu Bernd über. Der fing sie geschickt auf. „Kommt Ihr extra her, um uns bei der Suche nach Eli zu helfen? Das ist aber schön!“ plapperte sie. Ich dachte, mich verhört zu haben? „Männer stopp! Shyla, was hast Du gerade gesagt? Wiederhole das bitte!“ Shyla zog die Nase kraus. „Eli ist verschwunden – wusstet Ihr das nicht?“ Mein Herz setzte einen Schlag lang aus. „Du hast mir vorhin erklärt, dass Dein Bruder in Gefahr ist? Jetzt ist er bereits verschwunden?“ Sie nickte bedächtig. „Ja, er ist verschwunden! Und Alice auch…!“ Meine Begleiter sahen mich unruhig an. „Schlechte Nachrichten?“ hakte Imhotep nach. Sanila rang nach Luft. „Wieso weiß ich nichts davon?“ platzte sie heraus, ihre Augen wurden feucht.

„Es ist ihnen noch nichts geschehen – meine Schwestern passen auf sie auf!“ flüsterte Shyla mir geheimnisvoll zu und legte mir den Finger auf die Lippen.

Das beruhigte mich zumindest so gut wie gar nicht! „Lasst uns rein gehen – da können wir über alles reden! Und Du wirst uns genausten aufklären, mein Schatz!“

„Das Essen war ausgezeichnet. Ich bin so satt, dass ich bald platze“, beteuerte Imhotep und wehrte Shyla Bemühungen, seinen Teller noch einmal zu füllen, mit beiden Händen ab. Sie war ihm nicht einen Moment seit unserer Ankunft von der Seite gewichen. Auch Bernd war voll bis oben hin. Sanila war nicht ganz bei der Sache, deshalb managte ich den Ablauf. Meine Frau war mir sehr dankbar dafür. Nach dem Aufräumen hatte sie sich wieder in der Gewalt. „Auch wenn der Anlass nicht ganz so feierlich ist wie ursprünglich geplant – wir haben Dir und unseren Gästen eine besondere Überraschung versprochen. Warte, ich hole sie!“ kündigte sie an und erhob sich. „Mami – darf ich mitkommen und Dir helfen?“ bot sich Shyla an. Sanila nickte unmerklich. Sofort sprang die Kleine auf und kehrte kurz danach mit einer großen, abgedeckten Platte zurück.

„Hier ist die Überraschung für Euch!“ trompete sie und balancierte diese zum Tisch. Wir räumten eiligst das restliche Geschirr zur Seite. „Da bin ich aber echt gespannt!“ raunte Imhotep Shyla zu. Sie strahlte wie eine kleine Sonne und zog das Tuch ab. „Ooh, das ist wirklich toll! Eine richtige Eisbombe! Ich habe schon lange keine mehr gegessen!“ Der Heerführer klatschte begeistert in die Hände.

Auch mir gefiel sie. „Die Eisbombe hat ja die Form des königlichen Siegels von Pharaonien? Ein wahres Meisterwerk, ohne Frage!“ lobte er.

„Die Sonnenstrahlen habe ich selber entworfen“, flüsterte Shyla uns zu und erhielt dafür einen dicken Kuss von mir. „Hast Du wirklich sehr schön gemacht.

Und nachher hilfst Du Mama noch in der Küche. Wir Männer müssen einiges unter sechs Augen beraten, alles klar, mein Schatz!“ Sanila präsentierte unsere neu erworbenen Eisschalen aus Silber. „Ich hoffe, es schmeckt Euch?

Entschuldigt, aber ich muss mich um einige Dinge kümmern!“ Damit zog sich Sanila zurück in die Küche. Shyla schlang ihre Portion runter, geschwind sammelte sie einige Teller ein und verschwand damit.

Bernds Blick wanderte in unserem kleinen Garten umher.

Wir hatten uns auf eine Zigarre auf die Terrasse zurückgezogen. „Es ist schön hier – ein richtig kleines Paradies. Sanila hat ein gutes Händchen für Pflanzen und Blumen“, lobte er, während er ein Glas Wasser in den Händen drehte. „Die Umstände erinnern mich zusehends an damals, als Shyla entführt wurde.