Seemann vom Siebener - Arno Frank - E-Book

Seemann vom Siebener E-Book

Arno Frank

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Beschreibung

Ein Sprung in die Untiefen eines Sommertags Brütende Hitze, ein Freibad und mittendrin sechs Menschen, deren Lebenswege sich für einen schicksalhaften Moment miteinander verbinden. Arno Franks zweiter Roman erzählt von dem Wunsch auszubrechen und von der Sehnsucht danach anzukommen, von den verborgenen Konsequenzen unserer Entscheidungen und von jenen Orten, die unvergessen bleiben. Ein Buch, so leuchtend wie der letzte Sommertag. Es ist heiß. Und die halbe Stadt im Freibad. Da ist Kiontke, der Bademeister, der noch immer am Beckenrand steht, auch wenn die Leute meinen, dass es ihn eigentlich hätte umhauen müssen, dieses Unglück damals. Da ist Renate, die hinter der Kasse sitzt und zu viel raucht und die zwei, vier, acht Sachen an Kiontke mag, was sie natürlich niemals zugeben würde. Joe hingegen versucht anzuschwimmen gegen die vielen verpassten Gelegenheiten in ihrem Leben. Lennart hat es unfreiwillig zurückverschlagen, zu den Anfängen, die seinen späteren Weg bestimmt haben. Da ist Isobel, die das Freibad schon kannte, als es das Freibad noch gar nicht gab, und da sind die beiden Geschwister, die den Seemann machen wollen, erst vom Dreier, dann vom Fünfer, und schließlich vom Siebener – aber der ist gesperrt, seit Jahren schon, seit diesem Unglück damals, das wie ein fernes Donnergrollen unter diesem flirrenden Sommertag liegt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 297

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Dies ist der Umschlag des Buches »Seemann vom Siebener« von Arno Frank

Arno Frank

Seemann vom Siebener

Roman

TROPEN

Impressum

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Tropen

www.tropen.de

© 2023, 2024 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Zero-Media.net, München

unter Verwendung zweier Abbildungen von © David Matthew Lyons/Arcangel (Schwimmbad) und © mauritius images/Jochen Tack/Alamy/Alamy Stock Photos (Sprungturm)

Gesetzt von C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen

Gedruckt und gebunden von Nørhaven A/S, Viborg, DK

Lektorat: Johanna Schwering

ISBN 978-3-608-50250-3

E-Book ISBN 978-3-608-12074-5

Es gab mal eine Zeit, da wurde im Ort viel über den Kiontke geredet. Als diese Geschichte passiert ist. Nicht gleich danach, als die Leute noch wie betäubt waren. Aber nach einer Weile, als das Leben sich wieder zurechtgeruckelt hatte, wie es das immer tut, früher oder später – und als auch der Kiontke wieder am Beckenrand stand. Als wäre nichts gewesen. Obwohl es gerade ihn doch aus den Badelatschen, aus dem Freibad, aus seinem Leben hätte pusten müssen. Das fanden die Leute unheimlich. Gerade so, als ginge die Katastrophe den Kiontke überhaupt nichts an, die ganze Sauerei. Es war zwar nicht seine Schuld, schon klar.

Aber was, wenn doch?

Wenn ein Grauen in der Welt ist, dann braucht es eine Ursache. Das macht es leichter zu ertragen. Wo eine Ursache ist, ist auch Schuld. Und Schuld darf in der Welt nicht bleiben, sie muss irgendwo hin. Warum also nicht auf die Schultern des einzigen Menschen, der so seltsam unberührt wirkte von der ganzen Scheiße?

Damit begann das Gerede. War er denn nicht der Wächter? Hätte er es nicht verhindern können? Hatte er vielleicht nicht genug auf die Füchse geachtet und auf jene, die es machen wie die Füchse? Warum bloß Maschendraht, warum nicht Stahl? Stacheldraht, sagten die Leute, das hätte doch geholfen! Und war der Kiontke nicht auch verantwortlich für die Pfütze, wo ein Meer hätte sein sollen? Und wenn es ihn schon nicht umgeworfen hatte, warum suchte er sich keine Hilfe? Das fanden die Leute besonders verdächtig. Einmal hatte ihn der Lutz sogar ins Auto gelockt und war mit ihm unter einem Vorwand in die Stadt gefahren. Weit sind sie aber nicht gekommen. Unterwegs hat der Kiontke die Lunte gerochen. Und als ihm der Lutz von dem Termin erzählt, den er für ihn beim Therapeuten gemacht hat, da sagt der Kiontke nur ganz ruhig: »Fahr rechts ran!« Und dann ist der Lutz rechts rangefahren, und der Kiontke ist ausgestiegen und zu Fuß nach Hause gelaufen. Danach war erst mal Funkstille zwischen dem Kiontke und dem Lutz. Dabei hatte der das doch nur gut gemeint.

Und später wurde das Gerede erst richtig garstig. Es soll Leute geben, sagten damals die Leute, die lassen nach so einer Geschichte in der Garage den Motor laufen. Hocken sich hinters Steuer und bleiben einfach sitzen, bis es vorbei ist. Wie im Fernsehen, da sieht man das doch auch immer. Mit runtergekurbelten Scheiben, damit’s einen Tick schneller geht, wenn das überhaupt noch geht mit diesen sauberen Autos heute. Oder halt der Strick. Vor die Bahn hätte der Kiontke sich nie geworfen, da waren die Leute sich einig, nie hätte der solche Scherereien verursacht und den Fahrplan durcheinandergebracht. Ertränken können hätte er sich allerdings durchaus. Steine in die Taschen und ab ins Wasser, wie das früher die Leute machten, wenn sie nicht mehr weiterwussten. Das wäre natürlich auch fürchterlich und wirklich schade um den Kiontke gewesen, dem ein solches Schicksal in Wahrheit niemand wünschte. Aber offensichtlich wusste er weiter, anstatt nicht mehr weiterzuwissen, und das ließ den Leuten lange keine Ruhe.

Das sagten sie dem Kiontke aber nicht ins Gesicht. So was sagten sie nur hinter seinem Rücken, der auf rätselhafte Weise breiter sein musste, als die Leute mit bloßem Auge sehen konnten. Sie sagten es auch nur, wenn sie zu viel Bürgerbräu oder Riesling getrunken hatten und selbst ganz schwermütig wurden. Wegen ihrer eigenen Katastrophen oder der Angst davor. Schwermütig und übermütig genug, sich mit dem Handrücken den Schaum von den Lippen zu wischen und zur Frau oder der Schwester oder den Skatbrüdern, in Gesellschaft also, zu sagen, »wie’s ist«.

Alle miteinander hätten sie verstehen können, wenn der Kiontke sich danach was angetan hätte, wenn’s schlecht ausgegangen wäre mit dem Kiontke. Weil, in Therapie wollte der ja nicht. Dabei steckt so was doch kein normaler Mensch einfach so weg. Sachen gibt’s, sagen die Leute, Anblicke, die gehen dir wie eine Kettensäge durch die Seele, und die bekommst du danach nie wieder richtig vernäht.

Irgendwann sagt dann immer der Lutz: »Jetzt lasst mir den Kiontke in Frieden, der kommt schon wieder auf die Beine«, und das sagt er in einem Ton, der die Leute für eine Weile zum Schweigen bringt.

Aber wirklich keiner kann verstehen, dass der Kiontke seinen Job behalten hat, damals. Ganz egal, ob es nun seine Schuld war oder nicht. Aber dort weiterarbeiten, als wäre nichts gewesen? Nach allem, was er hat sehen müssen? Wo ihm doch sogar der Brinkmann angeboten hat, wieder für ihn zu fahren. Schwertransporte diesmal, da war gerade der Auftrag für die Rotorblätter der neuen Windräder reingekommen. »Convoi exceptionnel«, lange Nachtschichten, Zuschläge. Gutes Geld. Aber der Kiontke wollte nicht wieder hinters Steuer. Und Stütze wollte er erst recht nicht. Deshalb steht er heute noch jeden Tag im Freibad.

Und so haben die Leute irgendwann ihren Frieden machen müssen mit dem Kiontke. Manchmal hilft es, sagen sie, wenn einer einen Vogel hat. Um Trost zu finden, muss man vielleicht manchmal nicht ganz bei Trost sein.

Und außerdem hat der überhaupt gar kein Auto.

I

Schwer wie ein Revolver liegt der Rasierapparat in meiner Hand. Zumindest stelle ich mir einen Revolver so schwer vor. Mein Gesicht im Spiegel sieht fürchterlich aus. Gespenstisch, würde mein Bruder sagen – und hätte ausnahmsweise mal recht. Ein leichenblasses Oval mit dunklen Rändern unter den dunklen Höhlen meiner dunklen Augen. Die Wangenknochen treten hervor, aber nicht auf diese exotische Weise, wo die Leute sagen: »Oh, was für definierte Wangenknochen!«, eher so krankhaft. Als käme da etwas zum Vorschein, was nicht zum Vorschein kommen sollte. Ich weiß noch, wie meine Haare länger waren und über der Schulter eine Welle bildeten. Jetzt stehen sie strohig vom Kopf ab. Immerhin dagegen kann ich etwas tun. Ich setze den Rasierapparat an und ziehe mir einen drei Zentimeter breiten Mittelscheitel. Das tut gut. Als würde ich mit dem Radiergummi ein schlecht gezeichnetes Gesicht korrigieren.

Der Rasierer gehört Papa, er hat ihn hiergelassen. Lange habe ich mir vorgestellt, wie er langsam immer zotteliger wird. Wie jemand, der einer Sekte beigetreten ist oder einen Flugzeugabsturz überlebt hat und sich nun alleine durch die Wildnis schlagen muss. Dabei gibt es in der Stadt, in die er gezogen ist, vermutlich auch Friseure. Oder Läden mit Rasierapparaten. Das Vibrieren des Geräts hallt dröhnend in meinem Schädel nach, weil es direkt auf dem Knochen sitzt. Hoffentlich wird die Mama davon nicht wach, die schläft auch so schlecht. Wenn überhaupt, was weiß ich. Oder, schlimmer noch, mein Bruder!

»Cool, Küken, Glatze!«

Zu spät. Da ist er schon. Hätte ich mir denken können, dass der sich das nicht entgehen lässt. Im Spiegel sehe ich ihn an der Tür stehen, im Zwielicht kaum zu unterscheiden von dem Bademantel, der dort am Haken hängt. Als wäre er schon vor mir im Raum gewesen. Ich verdrehe die Augen, extra für ihn. In meinem Schädel dröhnt es, die Strähnen fallen.

»Du musst fester aufdrücken«, sagt er jetzt, »sonst sieht das schwach aus!«

Ich zucke mit den Schultern. Ich bin schwach. Und vermutlich mache ich das auch ein bisschen, um ihn zu ärgern. Was schleicht der auch so durch die Wohnung, zu jeder Tages- und Nachtzeit? Das ist doch total krank! Der Typ ist wirklich ein Opfer, das ist mal klar. Ein Idiot, ein Spast, ein Penner und ein Arschloch.

»Soll ich dir hinten helfen?«

Ich senke den Kopf, und mein Bruder rasiert mir den Nacken aus. Danach zupfe ich die Stoppeln vom T-Shirt und spüle das Becken aus.

~

Die Fernsehzeitschrift ist ihm von den Knien gerutscht und auf dem Teppich gelandet, gleich neben der leeren Pizzaschachtel. Fruchtfliegen zirkeln um die beiden leeren Bierdosen wie Schwalben um zwei Getreidesilos. Auf dem Bildschirm wühlen lautlose Nordseewellen gegen die Stützpfeiler einer Bohrinsel. Unter den Wogen schreiten die Aktienwerte deutscher Unternehmen auf ihrer ewigen Wanderung in die Zukunft. Darüber die Uhrzeit.

So spät? Er muss also doch abgerutscht sein in einen kurzen Schlaf.

Kiontke ertastet die Kerben auf seinen Fingerknöcheln, das Blut ist schon halbmondförmig getrocknet. Hat er sich also wieder angeknabbert, ist aber ausnahmsweise nicht davon aufgewacht. Da waren wieder diese Träume, ein hellrotes Plätschern, ein heiseres Flüstern, aber auch davon ist er nicht aufgewacht, diesmal. Das ist gut.

Das Sofa schmatzt, als Kiontke sich von den Polstern wuchtet und im Schritt kratzt. Dann schiebt er seinen mächtigen Bauch ins Badezimmer, um sich direktemang über die Kloschüssel zu beugen, zwei Finger schon auf dem Wipphebel der Spülung. Sofort schießen, zusammen mit dem Dosenbier und der noch späteren Thunfischpizza von gestern, die Nachbilder seines Traums in bröckeligem Strahl in das Becken aus Emaille. Gleichzeitig drückt er den Wipphebel nach unten.

Schlorch, alles weg. Kein Problem für Kiontke.

Er hievt sich wieder hoch und wischt sich mit dem Handrücken den Mund ab. Streckt sich, dass die Gelenke knacken.

Wie das Wetter wird, weiß der Kiontke schon aus der Zeitung. Trotzdem lässt er es sich gerne vom Radio erzählen, während er sich die Zähne putzt. »Hoch Hildegard hat seinen Schwerpunkt nach Osteuropa verlagert. Seinen Einfluss auf Deutschland behält es aber bis Sonntag. Die herangeführte südeuropäische Warmluft bleibt beständig und trocken. Erst zum Wochenende wird es feuchter und damit schwüler. Für den heutigen Freitag ist im Südwesten noch mit Temperaturen von bis zu 30 Grad zu rechnen. An den Küsten bleibt es böig, dort klettert das Thermometer nicht über 25 Grad. Gewitter und eine deutliche Abkühlung sind erst ab Montag zu erwarten.«

Kiontke gurgelt und ruft über die Schulter: »Guten Morgen!«, weil er gerne die Initiative ergreift. Keine Reaktion. Kiontke hält inne und lauscht. Die Kirchturmglocke schlägt zur Viertelstunde.

»Komm her, du geiler Bock!«, krächzt es schließlich aus der Küche zurück.

Kiontke schüttelt den Kopf, wäscht sich das Gesicht und lächelt seinem bärtigen Spiegelbild zu, bevor er es zaghaft aufs Neue versucht. »Guten Morgen?«

»Du geiler Bock! Komm heeer! Bin schon ganz feucht. Ganz feucht. Feucht!«

»Ach«, sagt Kiontke matt, »halt doch einfach den Schnabel, Heinrich.«

~

Renate mag’s ordentlich, und deswegen geht ihr das schon wieder auf die Nerven mit dem Schlüssel, der immer so tut, als würde er nicht passen, bis sie die Tür am Knauf leicht anhebt, und dann passt er eben doch. Sie tritt in die Kabine und in den vertrauten Geruch von kaltem Rauch. Seltsam, denkt sie, dass Kippen zwar stinken, aber schmecken, wobei Kaffee zwar duftet, aber, Hand aufs Herz, eher gewöhnungsbedürftig ist. Renate hat sich daran gewöhnt, sie mag ihn schwarz und möglichst bitter. Nur dann macht er wach. Sie schaltet die vorbereitete Kaffeemaschine ein und lauscht ihrem Röcheln, während sie das Puddingteilchen verputzt, das sie sich aus der Bäckerei am Markt mitgebracht hat. Sie leckt alle Finger sauber danach, das Zeug klebt wie verrückt. Dann zieht sie die klemmende Jalousie vor dem Fenster zum Kassenhäuschen hoch und wirft dem Radio einen kritischen Blick zu. Der Kasten ist auch so ein Kandidat. Sie schaltet ihn ein und … war ja klar. Finster lauscht sie dem Fiepen zwischen den Frequenzen. Es wird ihr immer ein Rätsel bleiben, wie dieses Gerät sich jede Nacht von selbst verstellen kann.

Sie dreht am ausgeleierten Knopf, nur ein paar Millimeter, und sofort ist ihr Sender wieder da. Um diese Uhrzeit befrotzeln sich immer ein Mann und eine Frau, und deren gute Laune findet Renate einfach ansteckend. Die Frau liest sogar die Nachrichten so vor, als müsste sie ein Kichern unterdrücken, als hätte sie sich die ganzen Katastrophen und die Wirtschaftsprognosen gerade eben ausgedacht. Am liebsten hört Renate, wenn der Mann danach vergnügt die Staus, Sperrungen und Umleitungen aufzählt. Er hat so ein warmes Glucksen in der Stimme und zwischen den Sätzen immer ein leichtes Schnaufen, als säße er neben ihr am Steuer, in einem Cabrio auf dem Weg in den Süden, und das Cabrio wäre rot und der Süden noch weit. All die Staus und Sperrungen und Umleitungen würden ihm, anders als damals dem Ludger, aber gar nichts ausmachen. Und ihr auch nicht. Er würde nicht einmal seine Hand auf ihr Knie legen, das fände Renate auch unangemessen. Er hätte beide Hände am Steuer, wie sich das gehört. Liegen beim Verkehr »keine weiteren Meldungen« vor, ist sie ein wenig enttäuscht.

Seufzend lässt sie sich auf dem Drehstuhl nieder, stutzt, wippt, verlagert das Gewicht … Nicht zu fassen. Kein Quietschen! Da hat der Kiontke doch glatt die Feder geschmiert. Ein Lächeln schleicht sich auf Renates Gesicht. Der Kiontke mag’s auch ordentlich. Gehört zu den zwei, vier, acht Sachen, die Renate an ihm mag. Wird aber den Teufel tun, ihm das auf die Nase zu binden. Der soll sich bloß nichts einbilden. Sagt man so was einem Mann, ist der eh gleich weg.

Sie schenkt sich den Kaffee in die rote Tasse mit dem Sparkassen-Logo, nippt und verzieht das Gesicht. Er schmeckt schwarz, aber nicht schwarz genug. Das wird schon noch, sie lässt ihn auf der Warmhalteplatte gerne eindicken. Am Nachmittag ist er dann ganz sämig, fast wie bitterer Karamell. Sie hebt die Geldkassette aus ihrem Fach, schließt sie mit diesem kleinen Schlüssel auf, der immer passt, zerbricht eine Geldrolle, lässt die Münzen in die Lade klimpern und zündet sich dann erst mal eine Zigarette an. Gezählt wird erst am Abend, wie in der Kreissparkasse.

Dort saß sie beinahe dreißig Jahre am Schalter, ohne dass je mal etwas passierte. Ihr Ludger meinte immer, sie solle doch froh sein, dass nie etwas passiert, aber Renate sah das anders. Die Leute hoben ab, zahlten ein, eröffneten Sparbücher, schimpften auf den Automaten im Vorraum und waren, wie Leute nun einmal sind – außer, wenn sie einen Kredit wollten. Dann kamen selbst die Bauern im Sonntagsstaat in die Bank, drehten ihre altmodischen Hüte in den Händen, schlugen die Beine übereinander und warteten mit wippenden Fußspitzen darauf, dass der Herr Kreissparkassendirektor sie in sein Büro bat, die Tür gleich neben der Trockenpflanze unter der Uhr, deren … Zeiger … so … entsetzlich … langsam, und dann stellte Renate sich manchmal eben vor, dass – »Überfall, Hände hoch, keine Mucken!« – etwas passiert, ein muskulöser Mann mit Schrotflinte und Strumpfmaske, und sie hebt die Hände mit einem prickelnden Gefühl im Bauch, keine Mucken, das Geld in kleinen Scheinen, und der Herr Kreissparkassendirektor geht bleich in die schlotternden Knie, manchmal auch mit Bauchschuss neben der Trockenpflanze zu Boden, meistens aber verschont, denn der Mann würde ihr die Hand reichen, und sie würde seine Hand ergreifen, sich aus freien Stücken dafür hergeben, seine Geisel zu sein und in das rote Cabrio mit den weißen Ledersitzen draußen zu steigen, die Plastiktüte mit dem Geld auf ihren Knien, und vorbei an allen Staus, Sperrungen und Umleitungen, vermutlich ins südliche Ausland – viel weiter als bis zu einer Villa mit Garten, Pool und Meerblick kam sie meistens nicht, weil wieder Kunden einzahlten oder ausbezahlt bekommen wollten, und dann begannen Renates Träumereien wieder von vorne.

Sind natürlich nie wahr geworden, nicht in dreißig Jahren. Dafür ist ihr vor lauter Träumerei erst der Ludger weggelaufen, noch bevor sie ihm hat sagen können, was sie an ihm mochte oder auch nicht mochte, beispielsweise die Haare auf seinem Bauch oder seinen Jähzorn. Und dann, es gab solche Phasen, mochte Renate sich eine Zeitlang selbst nicht mehr so gerne. Halb so wild. Irgendwer will dann aber etwas gerochen haben, und dann hat der Herr Kreissparkassendirektor eines Tages die Renate in sein Büro gebeten. Nicht vorwurfsvoll, eher enttäuscht und mit seinem »Bei den Einkünften sehe ich da leider keinen Spielraum für einen Kredit«-Blick. Da wusste sie schon Bescheid, noch bevor er die Flasche Klosterfrau Melissengeist vor sich auf den Schreibtisch stellte, die sie immer hinter dem Putzeimer in der Abstellkammer versteckt hatte. Damit war auch dieser Zug abgefahren, und deshalb zählt Renate heute nur noch kleine Münzen, keine Scheine mehr.

Immerhin darf sie hier rauchen und in Ruhe ihre Kreuzworträtsel lösen. Trinken muss sie nun tagsüber gar nicht mehr, komisch. Vielleicht will sie einfach nie wieder so mitleidig angeguckt werden, jedenfalls ganz sicher nicht vom Kiontke.

Im Radio macht das Moderatorenpaar gerade Witze übers Wetter. Er fragt: »Willst du meine Sonne sein?«, und sie schnurrt: »Jaaaa!«, darauf er: »Dann bleib bitte 150 Millionen Kilometer von mir weg!«, und Renate kommt aus dem Kichern gar nicht mehr raus, 150 Millionen Kilometer, wo nehmen die das nur immer her?

Sie legt das Kreuzworträtselheft auf den Tisch und den Kugelschreiber daneben. Entriegelt die Durchreiche und horcht genau hin, kein Quietschen. Sie verschränkt die Arme hinter dem Kopf, um den Moment für fünf Sekunden zu genießen. Lehnt sich vor, um auf den Parkplatz zu spähen. Niemand da, zu früh.

Nur der Saugroboter stöhnt in der Ferne.

Im Schatten ist es noch kühl, Renate zieht die Strickweste fester um ihre Schultern und schlendert nach vorne zur Terrasse. Sie steht mit vor der Brust verschränkten Armen, die Hand mit der Zigarette aufgestützt und angewinkelt direkt vor dem Mund, und raucht, wie sie schwimmen würde, wenn sie denn schwimmen könnte. In ruhigen, gleichmäßigen Zügen. So früh am Morgen, menschenleer, glitzerndes Wasser, grüne Wiese, ist das hier eigentlich so gut wie eine Villa mit Garten und Pool.

Da kommt der Kiontke die Treppe vom Becken hoch. Schnauft ganz schön auf den Stufen, wird auch nicht jünger. Immerhin ein ganzer Kerl, nicht so ein Handtuch wie der Ludger. Renate würde ihn, denkt sie, auch mit Strumpfmaske erkennen. Was fummelt er denn da in seiner Hosentasche? Ach ja, die Kreide.

Unter »Wassertemperatur« schreibt er jetzt »18,5 Grad« auf die Schiefertafel. Ordentlich. Stutzt kurz, dann wischt er die Zahl mit dem Handballen wieder weg und ersetzt sie durch »20«. So ein Schlitzohr, also wirklich! Jetzt müsste ihr eigentlich eine passende Bemerkung einfallen, denkt sie.

Und dann fällt sie ihr tatsächlich ein.

~

»Was machen wir heute?«

Ich schrecke hoch und schaue mich um. Verdammte Scheiße, was macht der Psycho schon wieder in meinem Zimmer? Hängt da im Sitzsack, in der Ecke, weil man in einem Sitzsack überhaupt nicht anders kann als hängen. Sein Gesicht kann ich vor lauter Knien gar nicht sehen. Rechts hat er eine hellrosa Schürfwunde von gestern, das muss doch gestern gewesen sein, als ich nach ihm getreten habe, weil er mich kitzeln wollte, aber ich wollte nicht gekitzelt werden und hatte meine klobigen Schuhe an, also. Pech. Auf dem linken Knie liegt seine Hand. Ich sehe, wie er träge mit den Fingern trommelt, der Trottel.

»Will das Küken ausfliegen? Oder bleiben wir im Nest, wie immer?«

Boah, was geht der mir auf die Nerven mit dieser Fragerei und dem albernen Kükenquatsch immer. Außerdem hat er in meinem Zimmer überhaupt gar nichts zu suchen. Da hat niemand etwas zu suchen, und Mama sucht hier auch schon seit Ewigkeiten nichts mehr, sie klopft nicht einmal mehr an die Tür, weil sie mit ihrem eigenen Kram beschäftigt ist. Wenn ich ganz leise bin, kann ich sie drüben in der Küche wieder den Tabak stopfen hören, ritsch, klack, ritsch, klack, so geht es den ganzen Morgen zum Geplapper der Leute aus dem Frühstücksfernsehen, da hat sie wenigstens Gesellschaft.

Ich will keine Gesellschaft, schon gar nicht die von meinem Bruder. Ich rede kein Wort mit ihm. Kein einziges Wort, aber das schreckt ihn nicht ab. Der rafft gar nichts. Ich an seiner Stelle würde das irgendwann mal checken. Er sollte, statt seiner kleinen Schwester auf den Sack zu gehen, in seinem eigenen Zimmer abhängen. Wobei, wenn er wirklich nur in seinem Zimmer hockt und diesen Quatsch hört, den ich schon früher nicht leiden konnte, das regt mich dann auch wieder auf, irgendein ethischer oder ethnischer oder estnischer Komponist mit Vollbart, was weiß denn ich, und dann geht’s die ganze Zeit so bimmel, bimmel, kling, klong, mit endlosen Pausen dazwischen, und er sitzt in seinem Scheißsack und hört sich das bloß an, ganz still, obwohl man dazu noch nicht einmal mit den Fingern auf dem Knie herumtrommeln kann, jedenfalls hört man so ein Zeug nicht in seinem Alter, auch dann nicht, wenn man sich »konzentrieren« will, das hört überhaupt niemand außer meinem Bruder, und der lernt nebenbei noch fürs Abi, seit Jahren schon, damit er danach »was mit Philosophie« studieren kann, dabei …

»Das Teil hier ist gefüllt mit den Kügelchen des Bösen«, sagt er plötzlich und ruckelt dazu mit dem Hintern. Die Bewegung erzeugt ein weiches Mahlen, und davon wird mir schlecht. Ich stehe auf und öffne die Vorhänge. Die Mietshäuser gegenüber stehen schon voll in der Sonne, auf unserer Seite leuchtet diese kaputte Straßenlaterne, die seit Wochen nicht mehr ausgehen will, auch tagsüber nicht. Ein LKW von Brinkmann donnert vorbei, unter den Fußsohlen spüre ich ein Rumoren. Ich drehe mich um.

»Was suchst du da?«, fragt mein Bruder.

Ich taste oben auf dem Schrank nach der Sporttasche, die mit dem klemmenden Reißverschluss, und als ich sie gefunden habe, lege ich sie aufs Bett. Sie riecht nach Medizinball und Bundesjugendspielen, dem Schweiß vergangener Sommer. Hinter mir höre ich es wieder mahlen, da guckt er wohl, das verwirrt ihn, das gefällt ihm nicht, was ich hier mache. Was mache ich hier eigentlich?

»Wozu brauchst du denn die Tasche?«

Ich ignoriere ihn weiter, darin habe ich Übung. Meistens wird er dann sauer, seltener still, sprachlos nie.

»Vielleicht willst du dich mal wieder ritzen? Das hast du schon lange nicht mehr gemacht«, sagt er. Weil er ganz genau weiß, was mir peinlich ist und wie er mich piesacken kann. Auf welchen Knopf er drücken muss, damit ich wütend werde. Und wenn ich ihm nicht den Gefallen einer Reaktion erweise, drückt er einfach noch mal auf den gleichen Knopf.

»Soll ich dir vielleicht die Rasierklingen aus dem Bad holen?«

Okay. Jetzt beispielsweise sollte ich ihm sagen, dass er wirklich ein Arschloch ist. Aber das will er ja nur. Stattdessen klatsche ich mir den Staub von den Händen und werfe Sachen in die Tasche. Handtuch, Sonnenbrille, Flipflops. Das Tagebuch, in das ich täglich nur einen einzigen Satz schreibe. Aus Gewohnheit greife ich nach dem Handy, lege es aber wieder zurück auf den Schreibtisch. Hinter mir höre ich wieder dieses fiese Mahlen. Klingt, als würde er sich aus dem Sitzsack stemmen.

»Was wird denn das, wenn’s fertig ist?«

Wonach sieht’s denn aus, Vollpfosten?

»Sieht aus, als wolltest du ins Freibad!«

Ja. Ich bin selbst ein bisschen überrumpelt. Will ich wirklich hier raus, erstmals seit … wie lange? Und dann ausgerechnet ins Freibad? Habe ich mir das auch gut überlegt?

»Ich komme mit!«, sagt mein Bruder.

~

Als Lennart zu sich kommt, überfällt ihn sofort diese milde Panik, die er von weiten Reisen gewohnt ist. Er überlässt sich ihr gerne.

Einmal hat dieser Zustand märchenhafter Verwirrung besonders lange angehalten. Da wusste er erst nach einem Blick auf sein Flugticket, dass er in Syrien und nicht im Irak aufgewacht war.

Dieses Zimmer hier stellt ihn vor ein besonderes Rätsel. An der Decke eine kugelrunde Lampe aus Milchglas, hinter dem er ein paar tote Fliegen liegen sehen kann. Über dem Bett ein Kreuz mit einem Messias aus Messing. An den Wänden bis auf Hüfthöhe dunkelbraune Holzpaneele. Ein wuchtiger Schrank, auch aus dunklem Holz, vermutlich Eiche, die Türen bunt bemalt mit einer bäuerlichen Szene, vermutlich Ernte. Da kommen wir der Sache schon näher. Lennart dreht sich zur Seite und entdeckt ein schmales Büchlein auf dem Nachttisch. Er greift danach, schlägt es auf, sieht die Frakturschrift.

»Do werd die Weltachs ingeschmeert

Un uffgebaßt, daß nix baseert

Was in de Weltelaaf am End

E kleeni Sterung bringe kennt.«

Er liest halblaut, lächelnd, alles klar. Fast schade, dass es so schnell ging. Es ist aber auch ein exotischer, ungewöhnlicher Ort, dieses Zimmer im Ochsen in Ottersweiler, gleich am Bahnhof.

Er schlägt die schwere Decke beiseite, setzt sich auf und erinnert sich an seine Ankunft, gestern am späten Abend. An seine Ratlosigkeit, wo er eigentlich unterkommen sollte im Ort. Jetzt, wo er fast niemanden hier mehr kennt. Er konnte ja schlecht zum Gestüt hochfahren und dort Steinchen gegen das Fenster werfen. Und dann war sein Blick auf den »Ochsen« gefallen, den gab’s früher auch schon. Aus der Gaststube nebenan angetrunkenes Gelächter und Zigarren, und wie er ein paar dumme Minuten gewartet hatte, bis er endlich die Rezeptionsglocke auf dem Tresen entdeckte – und noch eine weitere Minute, bis er sich entschließen konnte, diese antike Bimmel tatsächlich zu benutzen. Die Wirtin kam von nebenan hereingehumpelt, am Schlüsselkasten konnte er sehen, dass er der einzige Gast war.

Das Humpeln der Wirtin hatte ihn angerührt, aber vor allem ihr Gesicht war ihm jetzt wieder vollkommen präsent. Kreisrund mit heller Haut, auf den Wangen ein zartes Rosa. Kein Muttermal, keine Falte, nichts. Ein weißes Blatt, nur die geröteten Wangen erzählten eine Geschichte, die ihn als Fremden nichts anging, möglicherweise aus dem Schankraum nebenan. Die Augenbrauen zusammengewachsen und nicht gezupft, über den schmalen Lippen ein zarter Flaum. Eine dralle Mädchenhaftigkeit, gewohnt, scherzhafte Schläge auf den Hintern mit einem bewährten Spruch zu kontern. Frech, aber nicht zu frech. Wie der Spruch im blattgoldenen Rahmen hinter ihrem Rezeptionstresen, dessen Urheberin sie hätte sein können: »Bevor isch misch uffresch, isses mer liewer egal!«

Fast hatte er sich ein wenig seiner Weltläufigkeit geschämt, als er auf ihren Versuch, ein routiniertes Gespräch mit einem späten Gast zu beginnen, auf Hochdeutsch geantwortet hatte.

»Wo kummschen du her?«

»Eigentlich von hier! Haben Sie ein Zimmer nach hinten raus?«

Eischendlisch wäre richtig gewesen, denkt er beim Zähneputzen, und hinne naus. Vermutlich. Den Dialekt hat er sich nicht nur abgewöhnt, er hat ihn sich förmlich ausgebrannt. Wenn er ihn jetzt zu verwenden versucht, kommt Lennart sich wie ein Hochstapler vor, anbiedernd und herablassend zugleich.

Der Vorhang im Badezimmer ist aus Kunststoff, bedruckt mit Gänseblümchen. Er schiebt ihn beiseite, wieder Milchglas. Der Griff klemmt, und als er ihn endlich geöffnet bekommt, liegt dort der Bahnhofsvorplatz, wie er ihn in Erinnerung hat. Hier die Parkbucht (»Nur zum Be- und Entladen!«), dort der Brunnen aus Sandstein (»Kein Trinkwasser!«). Die Telefonzelle von früher (»Ich habe den Bus verpasst, kannst du mich abholen?«) ist einem Geldautomaten gewichen. Ein einsames Taxi wartet auf die nächste Bahn, der Fahrer lehnt an der Motorhaube und ist in ein Gemurmel mit sich selbst versunken. Wunderliche Leute hier. Die Ampel an der Kreuzung vorne ist noch ausgeschaltet. Und über allem spannt sich das makellose Blau des Himmels, beinahe kalifornisch. Was Lennart irritiert, das passt irgendwie nicht. Ottersweiler, das hatte er immer nebeltrüb in Erinnerung, mit Dauerdunst über den feuchten Wäldern unter bleigrauen Wolken. Glocken rufen zur Morgenmesse, auch das ein ungewohntes Geräusch, dieses zudringliche Geläut immer in Deutschland. Das Gebimmel erinnert ihn an die Beerdigung. Vielleicht hat er auch deshalb Nieselregen erwartet, Nieselregen und leichten Wind aus südwestlicher Richtung.

Was tun? Sein großer Koffer mit der kompletten Ausrüstung ist in Heathrow verloren gegangen. Auf der Kommode liegt nur seine Sporttasche, Handgepäck. Er zieht das Handy heraus und sieht, dass Bruce ihm eine Sprachnachricht geschickt hat. Sprachnachrichten, auch so ein Quatsch! Die Leute sind zu faul, ein paar Worte zu tippen, und dann muss man sich dieses Geschwafel anhören, weil ja niemand ins Wort fallen kann, und das Geschwafel artet deshalb meistens ins Epische aus, sogar bei Bruce, gerade bei Bruce. In diesem Zimmer klingt seine Stimme, als läge eine falsche Tonspur über einem leicht bedrückenden Heimatfilm: »Lenny, it’s Bruce, how was your trip? I’m here with Susan«, und jetzt übernimmt Susan mit ihrem näselnden Singsang und der Angewohnheit, jeden Satz wie eine Frage klingen zu lassen: »Listen, Lenny. The reporter had some questions? Concerning your pictures from Greece? Nothing serious, but maybe you can provide her with additonal information this evening? Please …«, er wirft das Handy zurück in die Tasche.

Draußen wartet geduldig dieser Tag, leer und blau und jung. Mit einem finsteren und magnetischen Monolithen am späten Nachmittag. Die Beerdigung.

Lennart sitzt einfach nur auf der Bettkante, beide Hände auf den Knien, und denkt nach. Ist er wirklich um die halbe Welt geflogen, um eine Handvoll Erde in ein offenes Grab rieseln zu lassen? Um schweißfeuchte Hände zu schütteln und in tränenfeuchte Gesichter zu sehen? Um Menschen, die er nicht mehr kennt und auch damals nicht gut kannte, sein Beileid auszusprechen? Und warum klingt er jetzt schon beim Nachdenken so wie Susan beim Reden? Er nimmt die Hände von den Knien und massiert sich die Schläfen.

Was würde Max tun? Max würde ihn auslachen, wenn er ihn so sehen könnte.

Und Joe? Was wird Joe tun, heute?

Das ist, dämmert ihm, die wirklich spannende Frage, und vermutlich war es von Anfang an genau so gemeint. Als zweistufige Prüfung, ob er das Rätsel wohl erstens richtig beantworten und zweitens daraus die richtigen Schlüsse ziehen kann.

»Scheiß drauf …«, sagt Lennart halblaut und erinnert sich mit einem Mal, dass das viel befriedigender klingt als »Fuck it!«, und darum sagt er es ein zweites Mal. »Scheiß drauf!«

Dann ist er eben um die halbe Welt geflogen, um ins Freibad zu gehen.

~

Bevor er seine Runde angetreten ist, »Klarschiff machen«, hat Kiontke sich seinen Kapuzenpulli um die Hüften gebunden. Mit Seemannsknoten, weil von Hüften nun wirklich keine Rede mehr sein kann.

Er hat die Sprinkler eingeschaltet. Er hat die Drehtür an der Kasse geschmiert mit »dem Öl, das alles kann«, hat kurz überlegt, ob er dem Unkraut zwischen den Platten oben an der Terrasse zu Leibe rücken soll. Auch dafür hat er Mittel und Wege, drüben im Schuppen. Aber das Kraut ist ihm eindeutig sympathischer als dieses weiße Pulver, also lässt er es einen weiteren Gnadentag wuchern. Soll es doch, solange es ihm nicht die Platten auseinanderstemmt. Nur die Läuse kann er nicht leiden, die der alten Linde zu schaffen machen. Die Linde ist wichtig. Sie stand schon hier, da gab es das Freibad noch gar nicht.

Mit dem langen Kescher hat er die Blätter von der Wasseroberfläche gefischt und den Matsch im Eimer runter zum Komposthaufen getragen. Es ist ein verwunschener Winkel, immer schattig, der Rasen weich von Moos selbst dann noch, wenn er anderswo schon großflächig vertrocknet ist. An warmen Abenden tanzen hier unten, weit nach Schließung des Bades und pünktlich zur Geisterstunde, die Glühwürmchen. Ein zaghaft hellgrünes Auf und Ab vor nachtblauem Hintergrund. Kiontke schaut dann gerne zu, bis ihm die Stechmücken zu viel werden.

Heute hat er gleich mal wieder den Maschendrahtzaun am Wäldchen kontrolliert, wo manchmal die Jugendlichen einsteigen. Um nachts ihre Feste zu feiern. An manchen Stellen dort unten ist die Erde so weich, dass, wer es darauf anlegt, sich in wenigen Minuten drunter durchbuddeln kann. Er hat nur eine schmale Vertiefung gefunden, die sich wohl eher der Fuchs gegraben hat, Furchen und rotes Haar am Zaun.

Auf dem Spielplatz hat er noch den Sand gerecht, ist dabei in Kreisen rückwärts um das hölzerne Piratenschiff herumgelaufen. Das müsste er nicht tun, aber er mag es ordentlich, also tut er’s.

Das Kinderbecken ist so flach, dass der Saugroboter wie ein Amphibienfahrzeug aussieht. Er hat das Gerät abgeschaltet, es aus dem Wasser gezogen, den Schlauch aufgerollt und das kleine Rüsselding zum Schuppen geschleppt. Dort hat er das Tauchthermometer vom Haken genommen und neben den Startblöcken ins Wasser gehalten, eine Armlänge tief. Blau ist das Wasser nicht nur, hat er da gedacht, weil die Kacheln blau sind. Mein Wasser will blau sein, denkt er immer.

Eine Amsel ist auf dem Einmeterbrett gelandet und hat sich dort das Gefieder geputzt. Beim Losfliegen hat sie sich abgestoßen, da hat das Brett tatsächlich ein wenig nachgewippt und Kiontke sich gemerkt, dass er das wieder ein bisschen härter einstellen muss. Er hat dann das Thermometer herausgezogen, abgeschüttelt und wieder auf den Haken gehängt. Unter »Wassertemperatur« hat er mit Kreide auf die Schiefertafel drüben am Kiosk die Gradzahl geschrieben. Ist kein Warmfreibad. Kurz hat er überlegt, die Zahl mit dem Handballen fortgewischt und es ein bisschen angenehmer gemacht. Wird schon noch.

»Könntest auch reinpinkeln, Kiontke. Dann stimmt’s wieder!«

Kiontke grunzt überrascht auf. »Renate! Pünktlich wie die Maurer!«

Sie trägt ihre weiße Strickjacke, zwischen den Fingern ihrer abgespreizten Hand eine Zigarette, und hat ihn wohl schon eine Weile beobachtet. Also auch sein kleines Temperaturmanöver. Er stemmt die Hände in die Hüften.

»Wird schon noch wärmer heute, wart nur ab!«

Renate macht eine wegwerfende Handbewegung und nimmt einen tiefen Zug von der Zigarette. Es ist so windstill, dass der Rauch senkrecht nach oben steigt. Kiontke findet, dass Renate hin und wieder durchaus das absolute Rauchverbot beachten könnte. Immerhin hockt sie stundenlang direkt neben dem Schild mit der durchgestrichenen Zigarette. Wenn sie draußen raucht, beschweren sich manche Eltern, sie sei ein schlechtes Vorbild. Wenn sie drinnen raucht, ist das denkbar schlecht für ihre Gesundheit. Rauchen mit Kompressor, denkt er, da wird die Kabine zur Druckkammer mit einer lebensfeindlichen Atmosphäre wie auf einem anderen Planeten. Kiontke konnte schon beim Brinkmann nicht verstehen, dass manche Kollegen von Rostock bis Genua quasi durchqualmten. Außerdem vertritt er, ganz für sich, die gerade vor Renate sorgsam gehütete Privatmeinung, dass sie ruhig mal öfter lächeln könnte. Es muss ja kein Wiehern sein. Aber ein leises Lächeln, vielleicht ein Mal in der Saison, das wäre doch was. Das stünde ihr gut. Besser jedenfalls, als mit verschränkten Armen dort oben auf der Terrasse zu stehen und ihn so anzustarren, direkt unheimlich ist das.

»Musst mal wieder chloren, Kiontke!«, ruft sie jetzt. »Oder soll ich das machen?«

»Reicht schon, wenn du keine Kippen reinschnipst«, ruft er zurück. Dann dreht er sich um und sieht drei Schwalben, wie sie gerade aufs Wasser einschwenken. Beinahe gleichzeitig berühren sie mit ihren Schnäbeln die Oberfläche. Seitlich wischen sie davon und hinterlassen drei Kreise, die sich zart ausbreiten. Kiontke kratzt sich am Kopf. Könnte recht haben, die Renate. Wenn schon die Vögel ans Wasser gehen, ist es vielleicht nicht mehr giftig genug. Er lauscht ihrem heiseren Sirren. Gut, dass die Viecher so klein sind, das wäre sonst vermutlich infernalisch. Er dreht die Sprinkler ab und löst den Seemannsknoten, um sich den Pulli anzuziehen.

Dann erst macht er sich auf den Weg ins U-Boot. Es ist kalt dort unten.

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Ich schwinge mir die Tasche über die Schulter und werfe einen Blick in die Küche. Mama sitzt am Tisch und nestelt an der kleinen Zigarettenmaschine, ritsch, klack, ritsch, daneben, säuberlich geschichtet, ein Stapel frischer Zigaretten. Ich lehne den Kopf gegen den Rahmen und schaue ihr eine Weile zu, wie sie den Tabak aus der Dose nachstreuselt, das Papier einlegt, den Filter dazu. Ich sollte ihr gönnen, dass sie etwas hat, womit sie sich beschäftigen kann, aber irgendwie macht es mich auch traurig. Sie raucht nicht einmal. Im Frühstücksfernsehen sitzt eine dieser Frauen, die sich noch zusätzlich auf »Frau« geschminkt haben, als wären sie nicht schon Frau genug, und ist schrecklich wach für einen so frühen Morgen. Gerade erklärt sie, warum ihr das Küssen im Film gar nicht schwerfällt.

Draußen poltert noch ein Brinkmann vorbei. Er wirft kurz einen Schatten über die Küche, wie ein Blinzeln. Mein Bruder schiebt sich an mir vorbei und legt Mama von hinten seine Hand auf die Schulter.

»Wir gehen schwimmen!«

Er spricht lauter, als er müsste. Mama ist schwer zu erreichen seit einer Weile, schwerer als sonst. Sie stiert weiter auf den Fernseher. Die Frau dort hat ganz weiße Zähne und fährt sich mit der Zunge über die Lippen.

»Wo geht’s hin?«, fragt Mama matt, ohne aufzusehen.

»Ins Schwimmbad«, wiederhole ich leise. »Wird nicht spät, versprochen!«

Jetzt löst sich ihr Blick vom Bildschirm und schwankt durch den Raum, bis er mich erfasst. Sie runzelt die Stirn.

»Kind, was hast du mit deinen Haaren gemacht?«

»Abgeschnitten. Gefällt es dir?«

Okay, das war gemein. Natürlich gefällt es ihr nicht.