Segnungen - Caroline Albertine Minor - E-Book

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Caroline Albertine Minor

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Beschreibung

Helena will ein letztes Mal ihren Vater besuchen und findet in Netes Hotel mehr als nur eine neue Aufgabe. Gedske droht durch den Verlust ihrer Tochter auseinanderzufallen und entdeckt auf einer Reise eine ungeahnte Kraft. Therese befreit gegenüber einer Pfarrerin ihre Liebe zu Aron, und Caroline erkämpft sich nach dem Unfall ihres Manns die zu sich selbst ... In diesen Erzählungen überfällt die Klarheit die Figuren mitunter oder reißt Gewissheiten ein, aber sie öffnet stets neue Wege.

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Seitenzahl: 235

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Caroline Albertine Minor

Segnungen

Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein

Diogenes

Für meine Freundinnen

»Today it is snowing here & were I not conf‌ined to my bed

taking two-toned pills I would be painting a snow scene.

This would be appropriate as I have this large tube of

white and snow is white. On this truth, I will leave you.«

Flannery O’Connor in einem Brief an Maryat Lee, März 1960

 

»Un souvenir peut-il être pornographique?«

Jacques Roubaud, Quelque chose noir

Villages de France

Lange verstand ich nicht, was sie sagte. Ihre Stimme klang wie aus weiter Ferne, als würde sie mir über ein windiges Feld etwas zurufen. Es brauste und toste an ihrem Ende der Leitung.

Entschuldigung, sagte ich und knipste die Lichterkette an, wer ist denn da?

Hier ist Nete, antwortete sie. Helena, bist du’s?

Ich hatte Nete bisher nur einmal getroffen, an meinem achtzehnten Geburtstag vor fast zehn Jahren. Damals hatte sie einen Hosenanzug getragen, und die beiden waren früh gegangen, weil Nete ihre Allergietabletten vergessen hatte.

Ja, sagte ich.

Dein Vater ist im Krankenhaus.

Ich setzte mich auf, meine Hände waren weich vom Schlaf. Sie sagte noch etwas, das in einer Welle aus Lärm unterging.

Ich kann dich kaum hören, sagte ich, darf ich mit ihm sprechen?

Er ist nicht hier.

Dann wurde es um sie herum still. War sie hineingegangen? Ja. Das Geräusch einer Tür, die geschlossen wurde, Schlüssel, die auf eine harte Fläche geworfen wurden, Schritte, noch eine Tür.

Er ist nicht hier, wiederholte sie, und jetzt, wo ich mich nicht mehr anstrengen musste, um sie zu verstehen, fiel mir auf, wie erschöpft sie klang.

Er liegt im Krankenhaus in Limoux. Hallo, bist du noch da?

Ja.

Glaubst du, du könntest kommen?

Nach Frankreich?, fragte ich dämlich.

Nach Belvianes, ja. Glaubst du, das könntest du machen?

Mein Vater war mein ganzes Leben fern gewesen wie ein Planet, und weder ich noch meine Mutter hatten etwas unternommen, um ihn von seiner Umlaufbahn abzubringen. Als ich fünfzehn Jahre alt war, ging er ins Ausland, und nicht viel später heiratete er Nete. Seither verbrachte er die meiste Zeit des Jahres in einem Haus in der Nähe von Carcassonne in Südfrankreich. Das Haus hatte einen großen Garten und lag einige Kilometer außerhalb des Dorfes Belvianes-et-Cavirac mit seinen Märkten und schattigen Plätzen. Ich stellte mir vor, dass er in einem Straßencafé auf einem dieser schattigen Plätze seine Postkarten an mich schrieb. Abgesehen von den üblichen Phrasen stand darauf nicht viel, aber ich freute mich über sie. Jeden Sommer verbrachte mein Vater ein paar Wochen in Dänemark, die für praktische Angelegenheiten vorgesehen waren, und ich holte ihn nie vom Flughafen ab, weil ich mir sicher war, dass es ihn nicht freuen würde. Ein- oder zweimal während seines Aufenthalts trafen wir uns im selben Restaurant zum Mittagessen. Anschließend hatte ich das Gefühl, mit einem fremden, aber freundlichen älteren Herrn Smalltalk geführt zu haben.

Wenn ich meine Mutter früher fragte, warum sie nie zusammengezogen waren – oder wenigstens den Versuch unternommen hatten –, zuckte sie nur mit den Schultern und antwortete, es seien andere Zeiten gewesen. Andere Träume. Ich wollte ein Kind, sagte sie, und bekam eine Tochter mit einem guten und verlässlichen Mann – hätte ich da mehr von ihm verlangen sollen? Was hätte ich mir außer dir noch wünschen sollen? Es war nie vorgesehen, dass mehr daraus wird.

Als sie sich kennenlernten, war mein Vater für kurze Zeit mit einer Frau zusammen, die in der Sozialistischen Partei war und neu gewählte Schatzmeisterin des Chilekomitees. Um seine Gleichgültigkeit nicht allzu deutlich zur Schau zu tragen, begleitete er sie hin und wieder zu den Treffen, ohne zu verstehen, worum es ging. Politik interessierte ihn nicht. Ihn interessierte der Körper, der geheimnisvolle Körper. Infektionen und Erbkrankheiten und deren Behandlung. Eines Abends, als er wieder einmal ungeduldig bei einer solchen Versammlung in einer Turnhalle saß, an seine Arbeit dachte und sich nach den desinfizierten Flächen seines Labors sehnte, erblickte er meine Mutter. Sie saß aufrecht in der Reihe vor ihm und der Schatzmeisterin, und obwohl es Mitte August war und viele längst ihre Schuhe abgestreift hatten und sich mit dem Parteiprogramm Luft zufächelten, nahm sie zu keiner Zeit ihre Pelzmütze ab.

Sie war zweiundzwanzig Jahre jünger als er, und noch bevor ich fünf Jahre alt wurde, war mein Vater ein alter Mann. In meiner Kindheit besuchte ich ihn nur in der Klinik. Dann setzte meine Mutter mich in seinem Büro am Institut für Infektionsmedizin ab und holte mich ein paar Stunden später wieder ab.

Als er zu Dänemarks erstem Professor für Tropenmedizin berufen wurde, war meine Mutter großmütig genug, mich an der Zeremonie teilnehmen zu lassen, die sie persönlich für elitär und anachronistisch hielt. Ich saß in einem neuen, chinesisch angehauchten Kleid, das unter den Achseln spannte, in der ersten Reihe und klatschte, wenn die anderen um mich herum klatschten, während ich teils fürchtete, teils auch hoff‌te, man würde mich mit ihm auf die Bühne bitten. Beim anschließenden Festessen saß ich neben einem schwedischen Herzchirurgen, der mich aus seinem Weinglas trinken ließ und fragte, ob ich schon mal einen richtigen Freund gehabt hätte, und der später, viel später, mit den Lippen an meinem Ohr flüsterte, die Aufmerksamkeit meines Vaters könne man nur erlangen, indem man mit einer sehr seltenen Infektion ins Krankenhaus kam; jetzt wusste ich es also.

Nete wartete an der Bushaltestelle auf mich, ich hätte sie nicht erkannt, aber sie stand als Einzige dort. Es regnete, und sie bot mir einen Schirm an. Wir gingen hintereinander die menschenleere Hauptstraße entlang. Vier Monate im Jahr sei das Dorf voller Leben, erklärte sie, bei den Gästen handle es sich überwiegend um französische Großstädter; sie reinigten ihre Lungen mit der klaren Luft der Pyrenäen, ehe sie Anfang September wieder zurückkehrten. Im Winterhalbjahr erhole sich Belvianes dann, genau wie andere Orte dieser Größe, vom hektischen Sommer – das Dorf ziehe sich zurück und kümmere sich um seine festen Einwohner mit ihren Blessuren und Todesfällen und Scheidungen. Sie selbst war vor über fünfundzwanzig Jahren mit ihrem ersten Mann hergekommen. Als sie gehört hatte, dass ein anderer Däne, ein pensionierter Arzt, ein Haus im Dorf gekauft hatte, war sie wütend geworden. Sie habe den Ort für sich allein haben wollen. Nete war jünger als mein Vater, ohne dass ich genau sagen konnte, wie viele Jahre es waren. Jetzt, da sie vor mir ging, erinnerte ich mich lediglich daran, dass sie damals freundlich und sehr gewöhnlich ausgesehen hatte. Ihr Gesicht gab keine Antwort darauf, warum mein Vater ausgerechnet sie gewählt hatte.

Hier ist es, sagte sie. Die frisch gekalkte Fassade lag an der Hauptstraße, auf einem Schild über der Tür stand Hôtel Nostalgie.

Anfangs hatten wir im Winter geschlossen, mein Exmann meinte, es würde sich nicht lohnen, in der Nebensaison zu öffnen, aber jetzt bestimme ich. Und zwischendurch kommt doch immer mal jemand, der ein Zimmer benötigt. Menschen, die Zeit zum Nachdenken brauchen, Künstler, Leute, die einen Neuanfang planen. Sie bleiben länger als die Sommergäste, manchmal sogar Monate. Dann mache ich ihnen einen guten Preis.

Ich lauschte ihrer Stimme und den Tropfen, die auf den gespannten Kunststoff‌ des Schirms fielen, plack – plack – plack.

Ich habe unser bestes Zimmer für dich hergerichtet, sagte sie und schob die Tür auf, die nicht abgeschlossen gewesen war.

Trotz der einsetzenden Dämmerung wirkte das Zimmer hell. Das Bett erinnerte an einen Schlitten, in der Ecke stand ein schwarzlackierter Schaukelstuhl. Nete trat ein und knipste nacheinander die Lampen an.

Jetzt lasse ich dich erst mal in Ruhe ankommen, sagte sie.

 

Ich packte auf der Patchwork-Tagesdecke meine Sachen aus, es sah nicht üppig aus; Klamotten für ein paar Tage, Kosmetikartikel und der Roman eines Freundes, durch den ich mich bislang vergeblich hindurchzuquälen versucht hatte. Soweit ich es beurteilen konnte, war das größte Problem, dass er im Grunde von nichts handelte. Ich betrachtete das Autorenfoto, er fehlte mir. Wenn ich wieder zurück war, würde ich ihn auf ein Bier einladen und etwas Nettes über das Buch sagen, und anschließend würde er nach meinem Vater fragen. Die Leute fragten immer nach meinem Vater. Vielleicht hätte ich ausnahmsweise etwas zu erzählen.

Du solltest fahren, weil du es willst, hatte meine Mutter gesagt, als sie am Abend vor meiner Abreise mit etwas zu essen vorbeigekommen war, und die Erwartungen so niedrig ansetzen, dass du nicht enttäuscht wirst. Dein Vater hat noch nie jemand anderen gebraucht, ich wüsste nicht, warum sich das geändert haben sollte, nur weil er krank geworden ist.

Ich tue es vor allem ihr zuliebe, sagte ich und meinte Nete.

Meine Mutter zuckte die Achseln und begann, die Kürbissuppe aufzuwärmen, die sie in zwei Gefrierbeuteln zu mir transportiert hatte.

Nach meinem Vater hatten die Männer in ihrem Leben nicht viel Raum eingenommen. Ich erinnere mich an Tage, an denen morgens fremde Schuhe im Flur standen, ich wusste noch, dass ich lächelnd einem Per, einem Johannes und einem Baart die Hand gegeben hatte. Sie durf‌ten nie lange bleiben, und falls meine Mutter ihnen nachtrauerte, zeigte sie es mir gegenüber nicht.

Ich stellte meinen Kulturbeutel auf das Bord über dem Waschbecken und räumte meine Sachen vom Bett in die Kiefernholzkommode, wo sie gerade einmal den Boden einer Schublade bedeckten. Durch mein Fenster konnte ich in das Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite sehen. In einem der Zimmer wurde die Deckenlampe eingeschaltet und kurz darauf wieder aus. Unter mir ging Nete auf und ab, während sie telefonierte. Ihre Stimme klang ruhig und alltäglich, beinahe munter.

Um acht zog ich mir einen zusätzlichen Pullover über und ging nach unten. Die Treppe endete in einem Wohnzimmer, das aussah, als wäre es lange nicht benutzt worden. Auf dem Fernseher lag Staub, und der offene Kamin war frei von Asche. In einer Ecke der Sitzlandschaft saß ein Teddy in einem gelben Trikot.

Wir essen hier drüben, rief mir Nete aus dem angrenzenden Raum zu. Sie hatte für zwei Personen gedeckt, am Ende eines langen Tischs, an dem zehnmal so viele Leute Platz gefunden hätten. Es duftete nach Lamm.

Konntest du dich ein bisschen ausruhen?

Ich nickte und sah zu, wie sie die grünen Blätter im Salatdressing wendete. Wir aßen, ohne viel miteinander zu reden, sie fragte mich, ob es mir schmecke. Ob ich noch etwas Wein haben wolle. Als wir fertig gegessen hatten, räumte sie ab und kehrte mit einer Kanne Tee und zwei Tassen zurück.

Ich erinnere mich nicht mehr, wie dieses Kraut auf Dänisch heißt. Es ist gut für die Verdauung, ich baue es in unserem Küchengarten an. Die Blätter sanken langsam durch das Wasser hinab und sammelten sich am Boden der Tasse zu einem dunklen Haufen.

Ich dachte, ich zeige dir das Haus, ehe wir morgen nach Limoux fahren. Im Tageslicht macht es sich besser. Der Garten ist erst im Frühjahr wieder ansehnlich, aber daran lässt sich nun mal nichts ändern. Früher haben wir zehn Minuten vom Hotel entfernt gewohnt. Das war praktisch, aber irgendwie gab es immer etwas, das man noch schnell erledigen konnte. Wir hatten nie frei.

Ich probierte den Tee. Die feuchten Blätter berührten meine Oberlippe. An dieser Stelle kam Nete nur schwer weiter. Ich glitt aus der Situation hinaus, oder durch sie hindurch, auf die Unterseite. Nete schloss die Augen und lächelte.

Normalerweise bin ich nicht so, sagte sie, es war eine –

Ja, natürlich, sagte ich. Sie brauchte nicht mehr zu erklären, sie sollte es lieber lassen.

Nete richtete sich auf dem Stuhl auf, als wollte sie so ihr Inneres abstützen.

Ich freue mich, dass du gekommen bist.

Eine halbe Stunde später lag ich im Bett und hörte, wie die Haustür zufiel und der Motor angelassen wurde, dann war es still. Ich strengte mich an, nicht an den Rest des Hotels zu denken, verdrängte standhaft die leeren Zimmer und den kalten Kamin aus meinem Bewusstsein. Es gab nichts als die beruhigende Schwere der Wolldecke über dem Federbett, die Straßenlaterne vor dem Fenster.

Frühstück, sagte Nete und reichte mir eine Papiertüte und einen grünen Apfel. Sie hatte Lippenstift aufgelegt und ihr Haar mit einer silbernen Spange hochgesteckt. Auch ihre Kleidung wirkte weniger praktisch und eleganter als das, was ich gestern an ihr gesehen hatte. Eine Frau blieb stehen, um sie zu grüßen, und da Nete mich nicht vorstellte, holte ich das Croissant aus der Tüte und biss davon ab. Die Luft war kühl, aber die Sonne schien. Am Himmel schwebten kleine, kreideweiße Wolken vorüber.

Spring rein, sagte sie schließlich und öffnete mir die Beifahrertür ihres Autos.

Es war ein praktischer Kastenwagen, in dessen Kofferraum sich die leeren Obstkissen bis unter die Decke stapelten. Auf dem Fußboden neben meinem linken Fuß lag eine Leine mit einem Karabinerhaken am Ende.

Habt ihr einen Hund?, fragte ich und hob die Leine.

Einen Schäferhundmischling, Arlequine. Wir nehmen sie gleich mit zu deinem Vater.

Ich hatte ihn nie von Tieren reden hören, und wenn ich jetzt darüber nachdachte, hatte ich ihn noch nie auch nur in der Nähe eines Tieres gesehen. Ich aß das restliche Croissant und wischte die Finger an der Tüte ab. Nachdem wir uns durch die schmalen Gassen gefädelt hatten, bogen wir rechts auf eine größere Straße ab, die um das Dorf herumführte, und für einige Augenblicke bot sich uns ein vollkommen unverstellter Blick auf die Pyrenäen. Es war etwas anderes, sie jetzt zu sehen, als gestern bei Regen in der Dämmerung; die Täler waren grün und braun, die schneebedeckten Gipfel funkelten in der Sonne. Tief unter uns spiegelte der Fluss Aude den Himmel. Am liebsten hätte ich sie gebeten, am Rand zu halten.

Nete fuhr einige weitere Kurven nach oben, dann hielten wir vor dem Haus meines Vaters. Das Grundstück lag an einem Hang, und ganz oben auf der Anhöhe stand das Haus halb versteckt hinter ein paar niedrigen Bäumen.

Kirschen, sagte Nete, als wir daran vorbeikamen, und das da drüben sind Pflaumen. Es war ein Steinhaus mit zwei Stockwerken und nur wenigen quadratischen Fenstern, deren Läden geöffnet waren. In einem Beet unter den Wohnzimmerfenstern lagen ein paar schleimige schwarze Stängel auf dem Boden. Wenn man sich auf die Zehenspitzen stellte, konnte man dort unten zwischen den gewaltigen Felsmassen den Fluss erkennen.

Du hättest im Frühjahr kommen sollen. Nete blickte resigniert auf die unterschiedlichen Stufen von Verkümmerung, die uns umgaben.

Ich folgte ihr durch die Haustür. Ein schallendes Bellen und das Geräusch von Tatzen auf Bodenfliesen, dann stürzte sich der Hund auf uns. Arlequine sprang hoch, rutschte aus und drehte sich um die eigene Achse, während sie immer wieder mit ihrem kräftigen Schwanz gegen die Türrahmen klopf‌te. Nete ging in die Hocke und hielt Arlequines Kopf zwischen ihren Händen fest, bis sie sich beruhigt hatte und hinter uns ins Wohnzimmer trottete.

Als ich deinen Vater kennenlernte, wurde es gerade renoviert, sagte sie und warf ihre Tasche auf den Boden. Als ich das erste Mal von seinen Plänen erfuhr, sagte ich, er solle es abreißen und etwas Neues bauen. Doch er hatte sich in das Haus verliebt, wie es war, und hat nicht auf mich gehört. Zum Glück.

Alle ebenen Flächen wurden für Vasen und Kerzenständer, Steine aus dem Flussbett und Obst aus gefärbtem Glas genutzt. In einer Ecke rechts neben einem offenen Kamin standen der Hundekorb und zwei Metallnäpfe.

Die Küche ist winzig, erklärte Nete und verschwand hinter einem Perlenvorhang, aber die meiste Zeit des Jahres essen wir draußen.

Es passten gerade so ein Klapptisch und zwei ungleiche Stühle hinein. An der Wand hing eine Reihe von Tellern. Ich versuchte vergebens, meinen Vater an diesen Tisch zu setzen. Er blieb stehen, aufrecht und wachsam, in seinem Kittel.

Nachdem wir das halbe Haus besichtigt hatten, verlor Arlequine das Interesse und trollte sich in den Garten. Nete ging voran in die obere Etage und öffnete nacheinander die Tür zu einer Nähstube, einem Schlaf-, Bade- und Gästezimmer. Zuletzt führte sie mich den Flur entlang ins Büro meines Vaters.

Es war der schönste Raum des ganzen Hauses. Zwei Fenster gingen auf den Garten hinaus, und vom Schreibtisch hatte man Aussicht auf das Tal und den Fluss; die grauen Windungen der Straße, die auf‌tauchten und wieder verschwanden. Zum ersten Mal erkannte ich meinen Vater in der Umgebung wieder, aber selbst hier wurde die unpersönliche Ordnung, die er normalerweise bevorzugte, von unerwarteten Details aufgeweicht. Der Zitronenbaum in einem Kübel auf dem Fensterbrett, die Muschelschalen auf dem Regal und das Rautenmuster des Kelims. Ich blieb in der Tür stehen, während Nete mit einem der widerspenstigen Fenster kämpf‌te.

Hier wird es stickig, wenn alles so unberührt bleibt, sagte sie und stemmte sich mit aller Kraft dagegen. Der Rahmen gab mit einem Knarzen nach, ein kalter Wind fegte herein und bewegte die Blätter an dem kleinen Baum.

Arbeitet er immer noch?

Ich blickte auf seinen Schreibtisch. Dort standen ein stationärer Computer und ein neuerer Drucker, in einer Plastikkiste lagen ein paar Zeitschriften und geöffnete Umschläge.

Er hält sich auf dem Laufenden, sagte sie, liest Artikel und schreibt ab und zu auch selbst ein bisschen. Bis vor wenigen Jahren hat er noch an den wichtigsten Konferenzen teilgenommen. Sie zog einen Ordner aus dem Regal und schob ihn wieder zurück.

Ich mische mich da nicht ein.

 

Die ganze Fahrt bis nach Limoux hatte ich den ungeduldigen Hundekörper zwischen meinen Beinen. Es waren weniger als vierzig Kilometer, doch wegen der Berge und schmalen Straßen brauchten wir über eine Stunde, und als wir in die Stadt hineinfuhren, hatte sich der Himmel zugezogen. Nete parkte und befestigte die Leine mit dem Karabinerhaken an einem Ring in Arlequines Halsband. Es zuckte und bebte unter dem Fell.

Da drüben ist es, sagte sie und deutete auf mehrere Sandsteingebäude auf der anderen Seite des Flusses. Sie erinnerten eher an ein Museum oder ein Rathaus als an ein Krankenhaus. Wir gingen über eine Brücke und überquerten den Platz vor einer gotischen Kirche, deren Turm trocken und schwarzgrau vor dem weißen Himmel aufragte. Arlequine war es nicht gewohnt, an der Leine zu gehen, sie zog und winselte, und Nete musste sie ständig mit einem jähen Ruck wieder auf ihren Platz zerren.

Darf sie mit reinkommen?, fragte ich. Arlequine hatte gerade lange und laut einen Hund angebellt, der auf der anderen Straßenseite vorbeilief.

Nicht ins richtige Krankenhaus, nein. Ins Rehazentrum aber schon, dort sollen es die Patienten etwas gemütlicher haben, deswegen.

Ich hatte meinen Vater seit über einem halben Jahr nicht getroffen und plötzlich gar keine Lust mehr, ihn je wiederzusehen. Der Gedanke an ihn in einem dieser jämmerlichen Baumwollhemden bereitete mir Unbehagen. Letztlich hatte ich keine Ahnung, wie schlimm es um ihn stand.

Nete, sagte ich.

Sie lächelte aufmunternd.

Wir sind gleich da. Es sind die Häuser dort drüben. Sie deutete auf einen niedrigen Anbau, der aussah, als wäre er irgendwann in den Siebzigern dazugekommen.

Weiß er, dass ich komme?

Sie nickte.

Ich habe gestern Abend mit ihm telefoniert. Ich wollte nichts sagen, bevor du nicht tatsächlich aus dem Bus gestiegen warst, Helena. Ich konnte mir ja nicht sicher sein. Es ist so viele Jahre her.

Nein, natürlich, sagte ich.

 

Er trug seine eigenen Anziehsachen. Im Grunde sah er nicht viel anders aus als vergangenes Jahr im Café Dag H. Dünner vielleicht? Aber etwas war passiert, denn er erhob sich nicht aus dem Rollstuhl, in dem er saß, und als ich mich hinunterbeugte, um ihn zu umarmen, blieb sein rechter Arm schlaff an der Seite hängen wie eine Attrappe. Die Hand ruhte in einem unnatürlichen Winkel auf einem Kissen in seinem Schoß.

Hallo, mein Freund, sagte Nete und küsste ihn auf die Stirn, und eine Zeit lang betrachteten wir alle Arlequine, die um ihn herumstrich, seine gesunde Hand ableckte und sich hinter den Ohren kraulen ließ.

Es klopf‌te, und ein junger Mann kam mit Tee und einer Karaffe mit Saft herein. Nete begrüßte ihn aufrichtig herzlich. Sie wechselten ein paar Worte, anscheinend ging es um meinen Vater, dessen Aufmerksamkeit immer noch dem Hund galt.

Möchtest du einen Tee?, fragte ich und hob die Thermoskanne.

Er reagierte nicht.

Hättest du gern einen Tee, Papa?

Beim letzten Wort zuckte er zusammen und sah mich zum ersten Mal direkt an.

Ja, bitte, murmelte er.

Ich schenkte uns allen Tee ein und war mir unsicher, ob ich die Tasse zu ihm bringen sollte oder ihn zur Tasse. Glücklicherweise hatte Nete ihr Gespräch gerade beendet und schob den Rollstuhl mit einer unerschrockenen Bewegung so nah an den Tisch, dass sein eingesunkener Bauch gegen die Kante stieß.

Das sind doch gute Nachrichten, sagte sie und setzte sich neben ihn. Michel sagt, du könntest bald nach Hause.

Ich habe das Gefühl, das sagen sie jetzt schon ziemlich lange, erwiderte er.

Nete sah mich freudestrahlend an.

Er macht gerade wirklich Fortschritte. Michel sagt, du bekommst einen Rollator mit, damit du deine Beine wieder in Schwung bringst. Er sagt, ihr hättet schon ein bisschen trainiert?

Michel sagt, sagte mein Vater. Nete überhörte es.

Es wird jedenfalls schön, dich wieder zu Hause zu haben, sagte sie und drückte seinen Nacken, ganz offensichtlich an seine schlechte Laune gewöhnt oder einfach nur fest entschlossen, sich die guten Neuigkeiten nicht davon verderben zu lassen.

 

Nach einer Woche war ich es leid, jeden Abend meine Unterhose im Hotelwaschbecken zu spülen. Ich war es leid, abwechselnd dieselben beiden Oberteile zu tragen, und ich hatte einen hässlichen Ölfleck auf meiner Jeans. An einem windigen Morgen stand ich früh auf und nahm den Bus nach Carcassonne. Die Auswahl in Belvianes sei eher dürftig, hatte Nete gestanden. Sie bot mir an, mich mitzunehmen, weil sie ohnehin meinen Vater besuchen wollte, aber ich freute mich auf die Busfahrt und darauf, allein zu sein. Bisher hatten wir die meiste Zeit gemeinsam im Hotel oder im Auto zum oder vom Krankenhaus verbracht.

Wenn die Auswahl im Dorf dürftig war, war sie in Carcassonne nicht allein dürftig, sondern auch geschmacklos. Die französischen Größen und Schnitte passten mir nicht, und schließlich kauf‌te ich fast alles in einem Sportgeschäft, wo die Stoffe wenigstens elastisch und in neutralen Farben gehalten waren. Carcassonne war noch viel touristischer als Belvianes, das nur im Sommer auf‌lebte und für den Rest des Jahres in einem Dornröschenschlaf versank. Abgesehen von mir waren nur vereinzelte Touristenpärchen unterwegs, die planlos umherstreif‌ten und sich gegenseitig fotografierten. Ich spazierte einige Stunden die schmalen, kopfsteingepflasterten Straßen entlang, besuchte eine Kirche und ein kleineres Stadtmuseum, in dem Priestergewänder und alte Apothekengläser ausgestellt waren. Ich fragte den Mann an der Kasse, was es mit den Gläsern auf sich habe, aber er zuckte nur die Achseln und sagte, sie seien Teil der Dauerausstellung.

Um ein Uhr beschloss ich, dass es spät genug sein müsste, um Mittag essen zu gehen, und setzte mich in ein Restaurant, das leer war, aber so klein, dass man die Leere vergessen konnte, wenn man am Fenster saß.

 

Als ich am späten Nachmittag wieder ins Hotel zurückkehrte, standen zwei große Lieferwagen direkt vor dem Eingang. Im Erdgeschoss brannte Licht, und Netes Auto parkte ein Stück weiter die Straße hinab. Ich schob die Tür auf und stieß mit einem Mann zusammen, der eine große Metallkiste trug. Er trat wortlos zur Seite und ließ mich vorbei.

Im Flur wurde ich von Stimmengewirr empfangen, und die Garderobenleiste, an der bisher nur die Regenschirme und ein vergessenes Halstuch gehangen hatten, war jetzt unter Bergen von feuchten Jacken verborgen.

Sie saßen um den Esstisch und auf dem niedrigen Sofa und waren ins Gespräch vertieft, als fühlten sie sich wie zu Hause, jemand hatte den Kamin eingeheizt. Ich wickelte mich aus dem Schal und trat ein. Sie sahen kurz auf, einige grüßten. Nete stand am anderen Ende des Zimmers und redete mit einem großen Mann, der eine Wollmütze trug.

Helena!, rief sie und winkte mich herbei. Komm und begrüß unsere Gäste.

An ihrem weichen Hals bildeten sich rote Flecken, als sie erklärte, Patrick sei der Produzent einer Fernsehserie über das Leben in den kleinsten Dörfern Frankreichs. Das Team habe einige Wochen weiter im Norden gedreht, und jetzt seien die Pyrenäen an der Reihe. Sie hätten geplant, Belvianes als Ausgangspunkt zu nehmen, das erstbeste Hotel angerufen und Betten für zwölf Personen für mindestens eine Woche gebucht, inklusive Frühstück. Nete entschuldigte sich begeistert dafür, dass ich deshalb leider mein Zimmer räumen müsse.

Das ist sehr freundlich von dir, sagte Patrick und bedachte mich mit einem breiten, gleichgültigen Lächeln, ehe er sich wieder an Nete wandte, um die letzten Details zu klären.

Am selben Abend zog ich aus dem Hotel aus und ins Gästezimmer meines Vaters. Zwei Tage darauf war er gesund genug, um unter der Bedingung, dass er unten im Wohnzimmer schlief, aus dem Krankenhaus entlassen zu werden.

Ehe ich es noch ein weiteres Mal aufschieben konnte, verließ ich das Bett und holte meine neue Laufhose aus einer Plastiktüte. Ich riss das Preisschild von einem Sport-BH ab, zog mir einen Kapuzenpullover über den Kopf und ging zu meinem Vater hinunter. Er saß auf dem Sofa und starrte auf die Fernbedienung, die ein paar Meter entfernt auf dem Boden lag.

Guten Morgen, sagte ich und reichte sie ihm.

Er sah mich an.

Wo willst du hin?

Ich machte eine weitläufige Geste und drehte mich um.

Eine Runde laufen gehen.

Bei dem Wetter?

Ich blickte aus dem Fenster, die Sonne schien. Der Rasen war von Raureif überzogen.

Ja, sagte ich und holte mir in der Küche eine Banane.

Im Wohnzimmer wurde der Fernseher eingeschaltet. Ich erkannte die Melodie. Es war dieselbe Vormittagssendung, die er immer sah. Ich aß die Banane hinter dem Vorhang, dann ging ich hinaus, um meine Schuhe anzuziehen.

Kommt Masood heute?, rief er aus dem Wohnzimmer. Der Physiotherapeut streckte und beugte die langen, dünnen Beine meines Vaters und ermutigte ihn mit Zurufen, wenn er zitternd vor Anstrengung seinen Arm ein paar Zentimeter hob.

Er kommt immer dienstags und donnerstags.

Und welchen Tag haben wir heute?

Donnerstag.

Hm.

Ich schloss die Tür hinter mir, erleichtert darüber, frische Luft zu schnappen. Der Krankenhausgeruch hing am Körper meines Vaters und hatte sich schnell im restlichen Haus ausgebreitet. Das Gras knisterte unter meinen Schuhsohlen, als ich mich in Bewegung setzte und das Grundstück hinuntertrabte.

Ich war schon mehrere Jahre nicht mehr Laufen gewesen. Nach einer Viertelstunde in den steilen Bergen klebte das Sweatshirt an meinem Rücken, und jedes Mal, wenn ich auf‌trat, dröhnte die Erschütterung durch mein ganzes Bein. Ich verspürte keinerlei Leichtigkeit, nichts von dem, was mir die aerodynamische Form der Schuhe versprochen hatte. Der Rhythmus der Musik, die ich hörte, war entweder zu schnell oder zu langsam. Ich riss mir die Kopfhörer herunter und lief einige Minuten zum Geräusch meines eigenen, angestrengten Atems weiter. Dann blieb ich stehen und legte mich auf eine niedrige Steinmauer. Die rohe Kälte des Granits drang durch den Stoff‌ und weiter bis zum Rücken und zu den Pobacken. Wütend starrte ich in den Himmel und verlängerte meinen Blick ins Blaue, Tiefe, bis meine Augen zu brennen begannen.

Auf dem Rückweg blies mir die ganze Zeit ein kalter Wind in den Nacken, bis ich das Haus gerade noch rechtzeitig erreichte, um Masoods gelben Mazda auf das Grundstück biegen zu sehen. Der junge Mann im Kittel stieg aus und winkte mir zu. Ich trabte das letzte Stück zu ihm.

Wie geht es deinem Vater heute?

Ich sagte, sein Zustand habe sich kaum verändert. Er sei die ganze Situation leid. Masood nickte ernst (seine Grundstimmung war eine tröstliche Ernsthaftigkeit), zog einen Rollkoffer aus dem Auto und folgte mir zur Haustür. Er stellte seine Winterstiefel auf die Matte, zog sich die Strümpfe aus und schlüpf‌te in Badelatschen. Seine Füße waren tabakfarben und gepflegt.

Guten Morgen, Professor, rief Masood ins Wohnzimmer.

Ich überließ die beiden Männer einander und ging unter die Dusche. Durch das prasselnde Wasser hindurch hörte ich meinen Vater in seinem korrekten und umständlichen Französisch jammern und schimpfen.

Als ich wieder im Gästezimmer war, zog ich