8,99 €
Die meiste Zeit meines Lebens fühlte ich mich innerlich tot – bis ich Peter Pan und die Verlorenen Jungs traf. Erst mit Pan und Nimmerland fühlte ich mich endlich lebendig. Aber nicht alles auf der Insel ist voller Magie und Sonnenschein. Im Wald lauert etwas Dunkles und Unheimliches. Die Feenkönigin und Captain Hook rüsten sich zum Kampf um Nimmerland, und sie werden vor nichts zurückschrecken, um zu bekommen, was sie wollen. Der Krieg steht kurz bevor – kann der Nimmerkönig seinen Schatten zurückerobern und seinen rechtmäßigen Thron besteigen? Und wenn ja, wie passe ich noch in sein Leben? Oder gerät ganz Nimmerland in Gefahr, zusammen mit meinem dunklen, verdrehten Herzen?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
Nikki St. Crowe
THE DARK ONE
Vicious Lost Boys
Band 2
The Dark One
Copyright © 2022. The Dark One (Vicious Lost Boys) by Nikki St. Crowe
Published by Arrangement with Nikki St. Crowe
Dieses Werk wurde vermittelt durch die
Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH,
30161 Hannover.
Deutschsprachige Ausgabe © 2025. The Never King
VAJONA Verlag GmbH
Übersetzung: Ronja Waehnke
Korrektorat: Alexandra Gentara und Patricia Buchwald
Coverumschlagsrechte liegen bei Nikki St. Crowe
Satz: VAJONA Verlag GmbH, Oelsnitz
unter Verwendung von Motiven von Canva
VAJONA Verlag GmbH
Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3
08606 Oelsnitz
Für all die Mädchen, die gebrochen und geheilt sind.
Hinweis
The Vicious Lost Boy-Reihe ist eine Neuinterpretation von Peter und Wendy, in der alle Figuren Erwachsen und nun achtzehn Jahre oder älter sind. Es ist kein Kinderbuch und die Charaktere sind keine Kinder. Der Inhalt dieses Buches kann für manche Leserinnen und Leser triggernd sein.
»… there was a greedy look in his eyes now which ought to have alarmed her, but did not.«
- J. M. Barrie, Peter and Wendy
Was bisher geschah …
Winnie Darling wurde von den Verlorenen Jungs ins Nimmerland entführt, um Peter Pan zu helfen, seinen verlorenen Schatten zu finden. Vor mehreren Generationen hat eine der Darlings den Schatten vor Peter versteckt. Winnie wehrt sich anfangs gegen die Jungs, weil sie nicht wie ihre Mutter verrückt werden will, die in ihrer Jugend auch im Nimmerland war. Sie versucht den Spieß umzudrehen und ihre Reize gegen die Jungs einzusetzen, um zu bekommen, was sie will. Doch Peter Pan lässt sich von ihren Bitten nicht davon abhalten, ihre Erinnerungen durchsuchen zu lassen. Nachdem die Faekönigin in Winnies unterdrückten Erinnerungen nach Informationen sucht, hat Winnie kurz darauf einen Traum von ihrer Großmutter und sie machen sich alle zusammen auf den Weg zu ihrer Mutter, um die Truhe mit den Schatten zu finden, die dort vergraben ist. Dort werden sie von der Königin und ihren Dienern angegriffen, denn nicht nur Peter will diesen Schatten für sich haben. Am Ende gelingt es der Gruppe aber, die Truhe zu finden, und Winnie beschließt, nicht bei ihrer Mutter zu bleiben, sondern mit den Verlorenen Jungs ins Nimmerland zurückzukehren und sich dort ein Leben aufzubauen.
Zwei Schatten springen aus der Schachtel in meiner Hand.
Zwei Schatten.
Ich bin so unvorbereitet, dass beide durch meinen Griff davongleiten. Der eine flieht nach links und verschwindet in den Ästen des Nimmerbaums, der andere entwischt nach rechts.
»Verdammte Scheiße. Schnappt sie!«
Jemand zu meiner Rechten wirft mehrere Schnapsflaschen um. Sie schlagen mit einem lauten Knall auf dem Boden auf und die Flüssigkeit verteilt sich überall.
Die Blätter des Nimmerbaums rascheln, und kleine Glühwürmchen funkeln vor lauter Energie.
Die Zwillinge gehen nach links. Vane und ich gehen nach rechts.
Ich folge dem Schatten – meinem Schatten, denn ich würde ihn überall erkennen – durch die offene Balkontür. Er verschwindet über das steinerne Geländer.
Mit der Hand an der Balustrade springe ich auch darüber und schlage mit einem lauten Knall zwei Stockwerke tiefer auf dem Boden auf. Die Erde bebt, und die verlorenen Jungs blicken auf, als der Schatten über die Feuergrube springt und die Glut in die Nacht schießt.
Vane ist im Nu neben mir. »Da«, sagt er und zeigt auf die sich windenden Schatten in der Nähe der Feuerwerksbüsche.
Ich schnippe mit den Fingern nach den Jungs. »Keiner von euch Wichsern bewegt sich.«
Meine Haut kribbelt und mein Magen verdreht sich zu einem Knoten. Ich warte seit Jahrzehnten auf diesen Moment.
Der Schatten des Lebens gehört mir. Ich muss ihn einfordern. Ich weiß nicht, was mit mir geschehen wird, wenn ich es nicht tue.
Vane und ich pirschen uns an ihn heran und versuchen, ihn zu fangen.
Die Dunkelheit erzittert, als wir näherkommen. Hinter uns schauen die verlorenen Jungs schweigend zu, und irgendwo in der Ferne heulen die Wölfe. Die Insel weiß, dass der Schatten zurückgekehrt ist.
»Wenn ich ihn verfehle, fang ihn«, sage ich zu Vane.
»Ich weiß, wie man mit einem Schatten umgeht«, gibt er zurück.
»Dein violettes Auge sagt etwas anderes.« Er blickt mich finster an.
Wir kommen näher.
Noch näher dran.
Die Haare stellen sich in meinem Nacken und an meinen Armen auf. Ich bin weniger als einen Meter entfernt. So kurz davor, das zu bekommen, was mir rechtmäßig zusteht.
Der Puls trommelt hinter meinen Schläfen, ich halte meinen Körper still, bereit, im richtigen Moment zu springen. Der Schatten gehört mir. Er wird mir gehören. Ich muss nur …
Ich stürze mich auf ihn. Der Schatten weicht mir aus und flüchtet.
»Fuck!«, schreie ich und nehme mit Vane die Verfolgung auf.
Der Wald teilt sich für das verdammte Ding, während Blätter und Äste an meinem Haar und meinem Hemd zerren. Wir folgen ihm bis zur Lagune, dann entlang des Ufers, dann zurück in den Wald auf den Weg, der zur Straße führt.
Während wir laufen, spannt sich meine Brust an. Der Schweiß perlt auf meiner Stirn und rinnt mir den Rücken hinunter. Ich werde es schaffen. Ich muss es schaffen. Wir stürzen vom Pfad auf die unbefestigte Straße, dann zwei Meilen weiter und – »Vane!«, rufe ich. »Uns geht der Boden aus.«
»Ich weiß!«, schreit er zurück. »Ich sehe es.«
Wir beschleunigen das Tempo. Der Schatten muss uns spüren, denn er fliegt durch die Nacht, als wäre er aus lauter Albträumen geboren. Und vielleicht ist er das auch. Mein eigener persönlicher Albtraum. Denn nichts ist wichtig, wenn ich ihn nicht habe. Das Fenster schließt sich, das, was von meinem Territorium übrig ist, schrumpft.
»Vane!«
Er schnappt nach ihm. Der Schatten springt in die entgegengesetzte Richtung, gleitet von einem Baumstamm. Ich greife nach der Luft, spüre ihren Sog, ihre kühle Richtigkeit. Aber ich bin zu spät dran.
So nah und doch so fern.
Der Schatten weicht mir aus, huscht davon und verschwindet in der Dunkelheit von Captain Hooks Revier.
Die Blätter des Nimmerbaums erbeben, als der Schatten um die Äste huscht. Die Elfenkäfer leuchten auf und werden dann dunkel.
»Hast du ihn im Blick?«, fragt Bash.
»Hier drüben«, antworte ich.
Der Schatten kauert an einer Spalte im Baum. Wenn ich Flügel hätte, würde ich hinauffliegen, um ihn zu fangen. Ohne Flügel ist alles schwieriger. Manchmal schmerzt die Stelle an meinem Rücken, in der sie einst waren, als wären sie immer noch da, als wäre ich gerade von einem langen Nachmittag in den Wolken zurückgekehrt.
Bash kommt um den Baumstamm herum, den Blick auf die Baumkronen über uns gerichtet. »Wie wollt ihr das machen?«
»Wenn ich das wüsste.«
»Was glaubst du, welcher Schatten es ist?«
»Meine Vermutung? Der Dunkle. Pan wird von seinem Schatten angezogen werden, wahrscheinlich, ohne darüber nachzudenken.«
Bash wechselt zu unserer Fae-Sprache, weil niemand außer uns sie verstehen kann.
Wenn wir ihn fangen …, sagt er und lässt den Gedanken abschweifen.
Ich weiß, antworte ich.
Glaubst du, Pan will, dass einer von uns den Todesschatten bekommt?
Schwer zu sagen, was er will. Was willst du denn?
Mein Zwilling wirft mir einen spitzen Blick zu.
Wenn Bash oder ich den dunklen Schatten beanspruchen würden, würde unsere kleine Schwester Tilly uns hassen, weil wir mehr Macht haben.
Aber sie hat ihre Entscheidungen getroffen. Und ihr Gesicht zu sehen, wenn einer von uns als Nimmerlands dunkler Schattenmeister …
Ich lächle vor mich hin, als die Stimme meines Zwillings in meinem Kopf widerhallt.
Lass ihn uns zuerst schnappen. Dann können wir unsere Rache planen.
Wir kommen näher.
»Wie wäre es, wenn einer von uns nach oben geht?«, schlage ich vor. »Zwingt ihn nach unten.«
»Schnick-Schnack-Schnuck – wer verliert, geht nach oben.«
Wir beobachten immer noch die Äste, als die Blätter wieder klappern und der Schatten sich verschiebt. »Beeil dich«, dränge ich.
»Ich bin bereit. Ich warte auf dich.«
Ich schnaube und schlage mit der Faust in meine andere Hand. »Schnick-Schnack-Schnuck!«, sagen wir unisono und schauen gerade lange genug vom Baum weg, um zu sehen, wer gewonnen hat.
»Stein? Wirklich, Bash?«, spotte ich lachend. Ich habe mich für Papier entschieden. Bash nimmt immer den Stein, weil er so berechenbar ist. »Sieht so aus, als würdest du raufklettern.«
»Ja, ich weiß, wie das Spiel funktioniert, Arschloch.« Er positioniert sich unter einem der tiefer hängenden Äste und schlingt dann langsam seine Hände um den Ast, um sich hochzuziehen. Als Kinder verbrachten wir Stunden in den zerklüfteten, verwinkelten Bäumen des Feenwaldes. Wir kletterten hinauf, flogen hinunter und kletterten wieder hinauf.
»Sei bereit, ihn zu fangen«, flüstert Bash.
Ich beugte meine Knie und streckte die Hände aus. »Natürlich, ich bin bereit. Das bin ich immer.«
Er hievt sich hoch. Der Ast senkt sich unter seinem Gewicht. Der Schatten schreckt auf.
»Langsam«, zische ich und folge seinen Bewegungen.
»Ich weiß, was ich tue.«
Der Schatten zittert und der Ast wackelt. Über uns in den Dachsparren zwitschern die Sittiche und senden eine schrille Warnung aus. Bash kommt auf die Beine und kauert sich tief auf den Ast, um das Gleichgewicht zu halten, während er vorwärts schreitet und die Rinde laut unter seinen Stiefeln schabt. Der Schatten bäumt sich auf, knurrt.
»Vorsichtig!«
»Ich bin vorsichtig!«, zischt er.
Der Schatten springt auf den nächsten Ast. Bash richtet sich neu aus und ich springe unter den neuen Ast.
Wenn mein Zwilling oder ich den Todesschatten besitzen, wird sich alles ändern. Als unsere Schwester uns vom Hof verbannt hat, haben wir fast alles verloren, was wir waren.
Wieder mächtig zu sein …
Bash hat den Schatten mit dem Rücken gegen ein V in den Ästen gestellt. Der Schatten zittert. Hat er Angst? Oder vielleicht ist es …
Der Schatten stürzt sich auf ihn. Ein tiefes Brüllen ertönt und die Wichtelkäfer fliegen in einem hellen, neonfarbenen Schwarm aus dem Baum. Die Sittiche verstummen unheimlich, als Bash einen nassen, erstickten Laut von sich gibt.
Dann rieche ich das Blut.
Der Schatten fliegt vom Baum, gerade, als Bash nach hinten kippt.
»Bash!« Ich versuche, ihn aufzufangen, aber ich bin nicht schnell genug und er fällt auf den Rücken, ein erstickter Atemzug rasselt in seiner Kehle. Überall ist Blut.
Verdammt noch mal überall.
»Wo bist du verletzt?«, frage ich und klettere über ihn. Seine Hand umklammert seinen Hals,
Blut rinnt zwischen seinen Fingern, während er nach Luft ringt.
»Darling!«, schreie ich. »Winnie!«
Sie rennt ins Zimmer und bleibt stehen, als sie den sich ausbreitenden Blutschleier sieht. »Hol ein Handtuch«, sage ich ihr. »Beeil dich!«
Bashs Augen sind weit aufgerissen, seine Lippen blutverschmiert. Er versucht, mir etwas zu sagen, aber er kann die Worte nicht herausbekommen.
»Wir sind Faeprinzen«, sage ich ihm. »Fae sterben nie. Hast du mich verstanden?« Tränen treten aus seinen Augenwinkeln, während er nach Luft ringt.
Er ist eine Hälfte von mir.
Wenn er stirbt, werde ich mit ihm sterben.
Wenn ich mir über eines sicher bin, dann ist es das.
Hol ein Handtuch.
Hol ein Handtuch?
Ich weiß nicht, wo irgendetwas in diesem Haus ist.
Ich gehe in die Küche, weil das der wahrscheinlichste Ort zu sein scheint, und beginne, Schränke zu öffnen. Mein Herz wummert gegen mein Trommelfell und meine Hände zittern.
Da war so viel Blut. Bash … o Gott.
Mir ist übel.
Wie viel Blut kann ein Faeprinz verlieren? Ich weiß nicht genug über Nimmerland oder die Magie, die es hier gibt. Ich weiß nichts über irgendetwas.
Ich reiße den letzten Schrank auf und stoße einen erleichterten Schrei aus, als ich einen Stapel Handtücher finde. Ich schnappe mir mehrere und renne zurück auf den Dachboden. Kas hält Bash aufrecht, halb in seinem Schoß. Er hat ihm das Hemd vom Leib gerissen und den Stoff um den Hals seines Bruders gelegt.
Das Blut auf dem Parkettboden ist wie ein grobes abstraktes Gemälde, verschmiert und verschüttet, und breitet sich schnell aus.
Das ist zu viel.
Und Bash ist viel zu blass.
»Beeil dich, Darling«, sagt Kas mit schwankender Stimme.
Ich renne zu ihm, stürze auf den Boden, rutsche im Blut aus und richte mich auf. Gemeinsam drücken wir die Handtücher an Bashs Kehle.
Wo ist Pan? Vane? Wenn Pan seinen Schatten hat, kann er vielleicht etwas tun. Er soll doch allmächtig sein, oder?
Bashs Augen sind glasig und weit weg.
»Was sollen wir tun?«, frage ich.
»Ich weiß es nicht, Darling.« Kas ist den Tränen nahe. »Ich weiß es verdammt noch mal nicht.« Er nimmt seinen Bruder in die Arme und drückt ihn an seine Brust.
»Können Fae … ich meine … könnt ihr nicht heilen?«
»Ja, aber der Blutverlust …« Er beißt die Zähne zusammen und kneift die Augen zu. »Zu viel ist zu viel«, sagt er, als er mich wieder ansieht.
Ich schlucke gegen den Kloß in meinem Hals an und nehme Bashs Hand in meine. Seine Finger sind kalt und schlaff.
Bevor ich nach Nimmerland kam, bevor ich die Zwillinge kennenlernte, habe ich nicht einmal an Feen geglaubt.
Verflucht, ich hätte Kas fast umgebracht, als ich sagte, ich glaube nicht …
Warte.
»Kas.«
Er blickt mich an und sieht mich dennoch kaum.
»Weißt du noch, als du mir sagtest, dass es dich umbringt, wenn du sagst, dass du nicht an Du-weißt-schon-was glaubst?«
Er leckt sich die Lippen. Sein Gesicht ist mit Blut verschmiert. »Ja, ich erinnere mich.« Seine Stimme schwankt. Ich sehe, wie die Hoffnung aus seinen Augen schwindet, und das bereitet mir Schmerzen in der Brust und einen Knoten im Magen.
»Das ist so ein einfaches Ding, aber eine mächtige Waffe. Stimmt’s?«
»Worauf willst du hinaus, Darling?«
»Es muss Magie sein, richtig?«
»Ich nehme es an.«
»Und was passiert, wenn man das Gegenteil sagt? Was passiert, wenn du sagst: ›Ich glaube an Feen?‹«
Bash zuckt zusammen und gibt ein ersticktes Stöhnen von sich.
Kas schaut zu seinem Bruder hinunter, dann wieder zu mir hinauf, seine Augen sind groß.
»Mach das noch mal.«
»Ich glaube an Feen.« Ich drücke Bashs Hand. »Ich glaube an Feen.«
Bash holt keuchend Luft.
»Noch mal, Darling.«
»Ich glaube an Feen!«
Bash rollt sich aus Kas’ Griff auf alle viere und saugt die Luft ein.
»Heilige Scheiße«, sagt Kas. »Das hat verdammt noch mal funktioniert.«
»Geht es dir gut?«, frage ich Bash und muss den Drang bekämpfen, nach ihm zu greifen.
Er rollt sich wieder zusammen und lässt sich auf den Rücken fallen, blinzelt zur Balkendecke hinauf. »Verdammte Scheiße«, sagt er. »Das war …«
»Verdammt furchtbar«, sagt Kas.
»Schrecklich«, füge ich hinzu.
»Ein wildes Abenteuer«, sagt Bash abschließend.
Kas gibt ihm eine Ohrfeige. »Arschloch. Ich dachte, du wärst verdammt noch mal tot!« Er blinzelt erneut und berührt die Haut um seinen Hals. Handtuch und T-Shirt liegen in einem blutigen Haufen neben ihm.
»Ich dachte, ich wäre es auch. Aber komm schon, Bruder. Sterben wäre ein furchtbar großes Abenteuer.«
»Ich hasse dich. Du königliches Arschloch.«
»Ich brauche einen Drink.« Bash steht auf.
Bei diesen Jungs schwirrt mir der Kopf. Ich zittere immer noch, mir ist kalt und ich bin ein wenig im Delirium, weil ich mit ansehen musste, wie Bash fast das Leben entglitten ist. Er ist immer noch in seinem eigenen Blut getränkt, aber er ist bereits über den Beinahe-Tod hinaus.
»Wo ist Pan?«, fragt er.
»Ich habe ihn noch nicht gesehen«, antwortet Kas, der immer noch in einer Blutlache seines Bruders auf dem Boden sitzt. Er sieht immer noch erschüttert und abwesend aus.
Das Blut schmatzt unter Bashs Stiefeln, als er sich auf den Weg zur Bar macht. Ich nehme meine Hände hoch und finde sie ebenfalls mit dunklem Rot verschmiert. Ich glaube, ich brauche auch einen Drink.
»Hier, Darling«, sagt Kas, steht auf und wischt sich mit einem der zusätzlichen Handtücher ab. Er bietet mir seine Hand an, aber sie ist immer noch rot gefärbt.
Ich nehme sie und Kas hebt mich leicht auf die Beine.
Als wir den Dachboden durchqueren, kommen Pan und Vane die Wendeltreppe hinauf. Sofort verändert sich die Energie im Raum. Pan sieht sich das Blut auf dem Boden an – die Zwillinge und ich sind damit bedeckt – und sagt nichts.
Er macht sich auf den Weg zur Schnapsvitrine, nimmt eine beliebige Flasche und zieht mit einem Knall den Korken heraus. Irgendetwas stimmt nicht. Das sieht nicht nach einem Mann aus, der einen Sieg feiert. Er kippt den Drink herunter, sein Adamsapfel sinkt tief, während er schluckt. Als er schließlich nach Luft schnappt, spürt man eine kaum unterdrückte Wut, die sich in seinem Gesicht zusammenzieht. Muskeln und Sehnen in seinen Armen. Eine Ader auf seiner Stirn schwillt an.
»Hast du deinen Schatten gefunden?«, wagt Bash zu fragen.
Vane schüttelt kurz den Kopf. Mehr Warnung als Antwort. Pan schwankt auf seinen Füßen. Die Haare in meinem Nacken stellen sich auf. Pan wickelt seine Hand um die Schnapsflasche und schleudert sie gegen die Wand. Sie zerbricht, der Rum spritzt in die Luft, das Glas klirrt auf den Boden. Er schnappt sich eine andere und zerschmettert auch diese. Dann fährt er mit dem Arm die Bar entlang und zerstört alles, was ihm in die Quere kommt.
»Bringt sie hier raus«, sagt Vane, während er auf Pan zugeht.
»Komm, Darling.« Kas nimmt mich in seine weit ausgebreiteten, blutigen Arme.
Pan brüllt. Zertrümmert mehr Schnaps. Brüllt wieder. Er schnappt sich einen Beistelltisch und schleudert ihn an die Wand. Das Holz explodiert wie eine Bombe. Mein Magen dreht sich.
»Er hat ihn nicht gefangen«, sage ich und schaue über Kas’ Schulter, als er mich ablenkt. »Er hat seinen Schatten verloren und der dunkle Schatten ist weg und Bash wäre fast gestorben und –«
»Es wird alles gut werden.« Kas führt mich in mein Zimmer und schließt die Tür hinter uns. »Wie kannst du das sagen? Dein Bruder wäre fast gestorben. Das hätte es sein sollen. Pan findet seinen Schatten. Er sollte ihn zurückbekommen und alles …«
»Winnie.« Kas nimmt mein Gesicht zwischen seine Hände. Wir sind von einem Blutbad bedeckt. Jenseits meines Zimmers zertrümmert, zerbricht und wütet Pan weiter. »Hör mir zu, Darling. Es wird alles wieder gut.«
»Ist er immer so?«
»Ist der Nimmerkönig jähzornig?« Er schnaubt. »Ja. Sehr sogar.«
»Er ist furchterregend.«
»Er wird sich beruhigen.«
»Er hat seinen Schatten nicht gefangen.«
»Es scheint so.«
»Es ist alles meine Schuld.«
»Was? Nein.« Die Fältchen um seine Augen vertiefen sich, als er die Stirn runzelt. »Wie kannst du das sagen? «
»Meine Vorfahren haben ihn ihm weggenommen. Er hat ihn verloren – zweimal wegen der Darlings.«
»Nein.« Kas schüttelt den Kopf. »Meine Mutter hat sich entschieden, ihn zu nehmen. Die Darling war nur ein Mittel zum Zweck.«
Ich schaue zu ihm hoch und bin den Tränen nahe. Ich hasse es, zu weinen. Kas streicht mir mit seinen Fingerspitzen sanft die Haare hinters Ohr. Es lässt mich erschaudern.
»Deine Mutter war Tinkerbell, nicht wahr?«, frage ich. Er nickt. »Wie kannst du hier sein, bei Pan, wenn er sie umgebracht hat?«
Er dreht mich in Richtung Badezimmer, seine Hände auf meinen Schultern, um mich zu lenken.
»Unsere Mutter war eine verdammte Schlampe.« Er knipst das Licht an. »Sie war eifersüchtig auf jede Frau, die in Pans Nähe kam. Sie wollte die Königin zu Pans Nimmerkönig sein. Als Pan sie abwies, ging sie zum Nächstbesten und heiratete unseren Vater, den Faekönig. Sie war nur eine gewöhnliche Hausfae, die nach so viel mehr gierte.« Er dreht den Wasserhahn an der Badewanne auf und testet die Temperatur. »Sie hatte eine gute Seite – sie war wunderschön und so eiskalt, dass es brannte. Mein Vater wollte sie erweichen. Sein Wunsch wurde ihm nie erfüllt.«
Als das Wasser nach seinem Wunsch ist, setzt er den Stöpsel ein und die Wanne beginnt sich zu füllen. Er kommt zu mir herüber, fasst mir an den Saum meines Kleides und überredet mich, meine Arme zu heben.
»Warum habt ihr ihn getötet?«, will ich wissen.
Er zieht das Kleid mit einer fließenden Bewegung aus. »Weil er auch auf etwas gierig war.« »Was?«
»Macht.«
»Jeder auf dieser Insel hungert nach Macht.«
»Ja, unter anderem.« Sein Blick nimmt meinen nackten und blutverschmierten Anblick in sich auf. Ich bemerke die Beule in seinem Schritt und möchte ihn in meine Hände nehmen. Ist es abgefuckt, wenn Tragödien mich dazu bringen, mich in Lust zu verlieren? Wenn Blut und Gemetzel mich dazu bringen, mich zu berühren, damit ich aufhören kann zu denken und zu fühlen?
Vielleicht ist es so. Vielleicht sind wir alle ein wenig verkorkst und abscheulich. Vielleicht ist das der Grund, warum ich das Gefühl habe, hierher zu gehören.
Mein Blick schweift über den Körper von Kas, der ohne Hemd und nur mit einer schwarzen Hose bekleidet ist. Die geraden Linien, aus denen sein Tattoo besteht, wellen sich, sobald sie seine Bauchmuskeln erreichen. Ich strecke die Hand aus und fahre eine der Linien von seiner Brust über seinen Oberkörper. Seine Bauchmuskeln ziehen sich unter meiner Berührung noch mehr zusammen und ich pulsiere plötzlich vor Verlangen.
»Das war clever, was du getan hast.« Seine Stimme ist ruhig und zurückhaltend. »Du hast meinem Bruder das Leben gerettet. Das werde ich nicht vergessen.«
»Es waren nur Worte.«
»Es war magisch.« Er tippt mir auf die Brust, direkt über meinem Herzen. Meine Brustwarzen verhärten sich bei seiner Nähe, und ich kann nicht anders, als meinen Rücken durchzudrücken und mich näher an ihn zu schmiegen. »Magie und die Entschlossenheit, ihn am Leben zu halten.«
»Ich habe mich entschieden, mit euch hierher zurückzukommen. Mit euch allen.« Ich lasse meinen Finger auf der Tätowierung verweilen, die an seinem Bauchnabel vorbeiführt und im Hosenbund verschwindet. Doch gerade als ich mich in ihn einhaken will, schnappt er sich mein Handgelenk.
»Geh ins Bad, Darling. Mach dich sauber.« Er lässt meinen Arm los. »Komm nicht raus, bevor wir es dir sagen.«
»Du verlässt mich?« Ich strecke die Hand nach ihm aus, aber er ist bereits außerhalb meiner Reichweite.
»Wenn ich noch länger hier drin bleibe, Darling, werde ich dich über den Badewannenrand beugen und dich ficken, bis deine Rippen geprellt sind.«
Ich straffe meine Schultern. »Vielleicht will ich das.«
»Das tue ich aber nicht«, sagt er. »Wenn ich meinen Schwanz endlich in dieser engen Pussy versenke, wird es nicht aus Verzweiflung sein. Mach dich sauber und ruh dich aus.« Er bleibt vor dem Bad stehen und sieht mich über seine Schulter an. Sein dunkles Haar ist immer noch zu einem Dutt gebunden, aber einige Strähnen sind herausgefallen und hängen blutig an seinem Gesicht herunter. Er ist eine Erscheinung. Ein verwegener, blutiger, wunderschöner Anblick.
»Sei ein braves Mädchen«, sagt er zu mir, »und tu, was ich sage.«
Dann ist er weg.
Kas ist der Netteste in der Gruppe, und genau deshalb ist es fast noch heißer, wenn er mir Befehle erteilt, als wenn die anderen es tun. Es ist, als würde der Wolf den Schafspelz zurückziehen und messerscharfe Zähne entblößen.
Pan braucht eine Stunde, um sich zu beruhigen, und bis dahin hat er den größten Teil des Alkohols versoffen. Ich verstehe ja, dass er sauer ist, weil er seinen Schatten verloren hat – schon wieder –, aber muss er kostbare Mengen an Rum verschwenden, um seinem Ärger Ausdruck zu verleihen?
Ich glaube nicht.
Wenigstens wurde ihm nicht die Kehle von dem dunklen Schatten aufgeschlitzt. Das Ding war verdammt brutal.
Wir könnten alle gefickt sein, wenn wir ihm über den Weg laufen. Vielleicht ist es das Beste, es dabei zu belassen. Ich denke, ich kann Vanes armselige Einstellung jetzt ein wenig besser verstehen. Ich kann mir nicht vorstellen, diese Art von Dunkelheit in meinen Adern leben zu lassen.
Ein Schauer überläuft meine Schultern, wenn ich nur daran denke, und ich nehme einen großen Schluck aus der Flasche Rum, die ich vor Pans brutaler Hand retten konnte. Der Schnaps hilft mir, die Kälte etwas zu vertreiben. Ich fühle mich, als hätte man mir meine Seele durch meinen Arsch herausgerissen. Alles tut weh und mein Kopf hämmert. Ist es sicher, dass die Darling wieder herauskommt? Ich könnte diese süße Pussy um meinen Schwanz herum gebrauchen.
Glas knirscht unter Vanes Stiefeln, als er eine der verbliebenen Bourbonflaschen holt und sie Pan reicht. Pan nimmt sie, seine Brust hebt sich, Schweiß steht ihm auf der Stirn. Der Nimmerkönig verliert nicht gern.
»Trink«, befiehlt Vane. Pan trinkt und bricht den Flaschenhals ab, als wolle er etwas anderem das Leben auswringen. Ich schätze, ich kann es ihm nicht verdenken. Er hat seinen Schatten verloren, der Todesschatten ist weg, und jetzt könnte Hook Macht in die Hände bekommen, die er nicht verdient.
Ich nehme noch einen Schluck aus meiner eigenen Flasche und spüre, dass mein Bruder mich beobachtet.
Was?, frage ich ihn.
Wie geht es dir?
Mir geht es gut. Geheilt von einem Darling. Ich würde sagen, es geht mir besser als je zuvor.
Kas sieht mich stirnrunzelnd an.
Vane blickt uns finster an. »Hört auf mit dem Scheiß. Wenn ihr etwas zu sagen habt, dann sagt es laut.«
Kas’ Stirnrunzeln vertieft sich. Pan lässt sich in einen der Ledersessel fallen, die Flasche auf den Knien gestützt, den Kopf nach hinten geneigt.
»Und was jetzt?«, frage ich. Lasst uns das hinter uns bringen, damit ich meine Darling holen kann.
Pans Augen sind geschlossen. Keiner von uns spricht.
Unten wird die Haustür aufgeschlagen, und eine Kakophonie von Geräuschen dringt bis zum Dachboden vor.
Einige der verlorenen Jungs sind aus der Stadt zurückgekehrt, mit verlorenen Pussys im Schlepptau.
Das Kichern der Mädchen ist dem Bimmeln von Feenglöckchen nicht unähnlich.
Pans Augen öffnen sich.
Vor nicht allzu langer Zeit, vor unserer Darling, haben wir uns da unten genommen, was wir wollten. Jetzt … jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher, ob jede feuchte Pussy ausreicht. Was auch immer wir getan haben, es ist für uns entschieden, denn die Mädchen kommen von sich aus. Sie waren schon einmal hier. Sie haben an unseren Schwänzen gelutscht, einen Mund voll von unserem Sperma gehabt.
»Hey«, ruft das Mädchen am Eingang und schlendert zum König hinüber. Er sieht ihr mit zugekniffenen Augen zu. Ich kann mich nicht an den Namen des Mädchens erinnern, aber sie ist die Anführerin dieser Kohorte. Libby oder so was in der Art.
Sie setzt sich auf Pans Schoß. Er lässt sie gewähren.
Ein paar andere kommen zur Couch und füllen den Raum zwischen meinem Bruder und mir aus. Wir sind vielleicht keine Könige, aber wir sind Prinzen, und selbst wenn wir verbannt sind, haben wir immer noch eine gewisse unbestreitbare Bedeutung.
Ich bin versucht, sie zu berühre, doch ich zögere. Was zum Teufel ist das?
Ich bin kein Mensch, der diese Form der Abneigung kennt.
Libby schlingt ihre Arme um Pans Hals und lehnt sich an ihn. Er nimmt einen weiteren großen Schluck Bourbon. »Hast du mich vermisst?«, fragt sie ihn und klimpert mit den Wimpern.
Die Frau neben mir schlägt die Beine übereinander und lässt ihren Rock über ihre milchigen Oberschenkel gleiten. »Wie geht es dir, Bash?«
An diese hier erinnere ich mich. Cora. Ich habe sie ein paar Mal gefickt. Und sie noch ein paar Mal zum Weinen gebracht. Sie ist genauso eine Hure für unsere Schwänze, wie sie eine Hure für Aufmerksamkeit ist. Aber ich habe nicht die Fähigkeit, ihr die Aufmerksamkeit zu geben, die sie braucht.
»Du bist so ein arrogantes Arschloch«, sagte sie mir, als sie das letzte Mal hier war.
»Cora, Liebes«, hatte ich gesagt. »Als ob es mich interessiert, was du denkst.«
Natürlich war ich zu der Zeit bis zu den Eiern in einem anderen Mädchen vergraben. Bei diesem Gedanken zuckt mein Schwanz und ich muss den Drang bekämpfen, sie zu packen und auf meinen Schoß zu ziehen. Was hält mich auf?
Das Bewusstsein von meiner Darling, gleich den Flur hinunter. Es ist mir nicht egal, was sie denkt, und ich weiß nicht, wie ich mich dabei fühle.
»Warum schaust du mich so an?«, sagt Pan zu Vane.
Vane ist der Einzige, der kein Mädchen an seiner Seite hat. Wenn sie die Chance hätten, würden sie sich alle von ihm jagen lassen, aber sie wissen es besser, als es zu versuchen. Vane ist an ihnen genauso interessiert wie an der Kunst, Cocktailservietten zu falten.
»Was glaubst du, was deine kleine Darling tun wird, wenn sie jetzt hier hereinkommt und dich damit auf dem Schoß sieht?«, sagt Vane.
Libby bleibt der Mund offen stehen. »Hey!«
Vane wendet seinen Blick dem Mädchen zu, und sie hält sich den Mund zu. Pan setzt sich nach vorne und betrachtet den dunklen Schattenmeister um die Wölbung von Libbys Titten herum.
»Ich bin ein König«, säuselt er ein wenig betrunken. »Ich tue, was ich will.«
»Das redest du dir immer wieder ein.«
»Wir machen es nicht exklusiv.« Pan sagt das Letztere, als wäre es mit Ekel besetzt.
»Willst du mich etwa überzeugen?