Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Am Samstag vor Heiligabend erwischt Lisa Borgmann ihren Mann bei: "Es ist nicht das, wonach es aussieht!" Doch – es ist genau das. Hals über Kopf nimmt sie das Angebot ihrer Freundin an, dem Chaos zu entfliehen – in ein vermeintlich ruhiges Ferienhaus in Andalusien. Doch statt Pool und Palmen erwartet sie ein abgelegenes Dorf in den Bergen – und gleich am ersten Abend begegnet ihr eine geheimnisvolle "weiße Frau". Ein Hirngespinst? Oder steckt mehr dahinter? Gemeinsam mit dem zurückhaltenden Comisario Alberto begibt sich Lisa auf die Suche nach Antworten – und gerät in ein Netz aus Geheimnissen, alten Wunden, neuen Freundschaften und vielleicht sogar der Liebe. "Ein Roman, der leicht daherkommt – und doch so viel Tiefe hat." Einfühlsam, scharfsinnig und mit leiser Ironie erzählt – für alle, die glauben, dass gute Geschichten im Leben selbst stecken.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 303
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Sie spürte nichts als Kälte. Und dass sie ihre Blase nicht mehr beherrschen konnte. Aber sie musste gar nicht einhalten. Sie konnte doch einfach laufen lassen. Es wurde alles so schön warm. Das tat gut. Sie entspannte sich.
Dann wachte sie auf. Wollte ihre Augen öffnen. Es ging nicht. Jedenfalls rechts nicht. Links einen kleinen Spalt. Dunkelheit. Irgendwo Ritzen, aus denen es zog. Unter ihr war es hart, kalt, feucht. Steine, Erde. Plastik? Sie wollte sich aufstützen. Egal, welche Bewegung sie machte, es tat höllisch weh. Ein paar Zentimeter zur Seite, das ging. Der Urin an ihren Beinen wurde kalt, das dünne helle Kleid klamm.
Und auf einmal erinnerte sie sich.
Sie hieß Elena.
Anna-Lisa Borgmann steuerte den kleinen roten Mietwagen mit einer Mischung aus Wut, Müdigkeit und Entsetzen.
Das musste der letzte dieser verdammten Kreisel sein. Noch 1200 Meter bis zu ihrem Ziel. Endlich. Nach einer Stunde im Zug nach Stuttgart, durch ungastlichen deutschen Schneeregen, mit Fahrgästen, die schon auf der Hinfahrt zum Weihnachtsmarkt beschwipst waren, einer weiteren Stunde in der S-Bahn zum Flughafen, drei Stunden Flug mit einem flugängstlichen Sitznachbarn, der immerhin ihr Spanisch lobte, zwei Stunden im Mietwagen-Office in Malaga, weil eine Reisegruppe die Mietwagen unbedingt individuell für jeden Einzelnen buchte, folgten drei endlose Auto-Stunden Richtung Norden mit links Oliven, rechts Oliven, Oliven im Regen, Oliven im Nebel, Oliven im Hellen, Oliven im Dunkeln, auf Hängen, in Tälern.
»Der beste Platz auf der Welt, um Abstand zu Oliver zu gewinnen«, hatte Helma gesagt und ihr mit vielsagendem Blick den Schlüssel zu ihrem Haus in Spanien in die Hand gedrückt. Helma, ihre und Olivers Nachbarin, Freundin, Mutterersatz oder was auch immer. Sie und ihr Mann Alois hatten sich im Frühjahr dieses Haus in Spanien gekauft, um hier zu überwintern. Jetzt wollten sie die Ankunft des ersten Enkels abwarten und erst Mitte Januar nach Süden fahren.
Lisa hatte das Angebot nur zu gern angenommen. Augenblicklich waren zauberhafter Meerblick von der Terrasse, blauer Himmel, Pool und kühle Drinks vor ihrem geistigen Auge erschienen. Romantische Gitarrenklänge. Nein, besser keine Gitarren, kein Gesülze…, das Rauschen des Meeres würde reichen.
Stattdessen gewann Helmas Bemerkung »Es liegt etwas landeinwärts!« eine völlig neue Relevanz. Denn wie sollte man nach mehr als drei Stunden Fahrt durch Oliven Abstand zu einem Ex namens Oliver gewinnen?
Egal, jetzt war sie erst mal da. Morgen würde sie weitersehen, vielleicht auch woanders hinfahren. Aber nun musste sie sich auf den Weg in diese kleine Stadt konzentrieren. Raus aus dem Kreisel. Das Navi sprach Deutsch. Weiter auf der »Kalle Nu-ewwa«. Aha, eine Ampel gab es hier auch. Warten, bis der Gegenverkehr durch war. Vier Traktoren mit Anhängern kamen entgegen, während sie wartete. Voller Oliven! Die Ampel wechselte auf Grün und gab die enge Straße für sie frei. Am Ende ein Platz, der den Superlativ an Weihnachtsbeleuchtung aufbot. Alle Bäume, dazu Maria und Josef, in LED. Geradeaus weiter, links vorbei am himmlischen Leuchten.
»In 70 Metern links abbiegen!«. Ja, hier, Lisa betätigte den Blinker, schlug nach links ein, um erschrocken zu bremsen. Sie sah eine schmale Straße hinunter, die sie in ihrer Steilheit an die Vierschanzentournee erinnerte. Dazu vollgeparkt mit PKW und kleinen Lieferwagen. Dort würde sie niemals, nie und nimmer, hinunterfahren. Schon gar nicht mit einer Schadensbeteiligung über bis zu 1.2500 € für eventuelle Schäden am Mietwagen.
Sie blieb auf der Hauptstraße, lenkte weiter in eine Rechtskurve, auf beiden Seiten schmale Fußgängerwege voller gehender oder stehender Menschen, Hupen hinter ihr, ein kleiner Parkplatz links vor ihr. Das sah irgendwie nach Zentrum aus. Noch während die Navi-Stimme zeterte: »Wenn möglich, bitte wenden!«, stellte sie den Wagen auf einem der markierten Stellplätze ab, packte Reisetasche und Rollentrolley und lief die wenigen Meter zur Ecke zurück, verwundert über die vielen Menschen, die um diese Uhrzeit noch unterwegs waren.
Statt des Navis bestimmte jetzt das Handy den Weg. Ließ sie nach rechts abbiegen, auf einen Gehweg, nein, Gehpfad, vorbei an hübschen Stadthäusern mit verschnörkelten Balkongittern. Sie konzentrierte sich auf das Pflaster mit seinen vielfältigen Ausprägungen und Schäden und bemühte sich, nicht zu stolpern. Nach nur 50 Metern war dieser Teil der Straße zu Ende. Die Häuser ähnelten jetzt dem, was in Prospekten »andalusische Dörfer« genannt wurde: eng aneinandergebaut, mit kleinen Fensterluken, die die Dicke der Mauern erahnen ließen.
Jetzt spürte sie das Skisprung-Schanzen-Feeling in jeder Faser ihrer Muskeln. Es ging steil abwärts, der Koffer wollte schon mal voran rollen. An den Seiten der schmalen Fahrbahn waren viele kleine Podeste, die dann insgesamt eine Treppe darstellten, asphaltiert oder was auch immer, mit dem Belag zahlreicher Epochen, wechselnd mit Moos (glitschig!), Splitt (rutschig) und unterschiedlich hohen, teils abgebrochenen Stufen. Auf einer Straßenseite waren Handläufe an den Hauswänden angebracht, kalt, metallisch und feucht. Aber abgesehen davon hatte sie sowieso keine Hand frei. Lisa segelte abwärts und hätte fast die Nummer »22« verfehlt. Der Hauseingang war zugeparkt. Sie drängelte sich an dem Auto vorbei, bemüht, keinen Kratzer zu verursachen (Warum eigentlich nicht? Verdient hätte der es doch!), fischte den Hausschlüssel aus der Anoraktasche und schloss auf. Immerhin, nichts klemmte.
Dafür stolperte sie über eine Eingangsstufe. Eine Stufe, die nicht auf eine höhere Ebene führte, sondern einfach nur als rechteckiger Damm den Eingangsbereich des Hauses von der Außenwelt trennte.
Lisa tastete nach dem Lichtschalter. Gleich neben der Eingangstür, super! Allerdings – nützte es nichts, es ging kein Licht an. Wütend drückte sie noch einmal und noch einmal, dann immer wieder. Mist, wahrscheinlich war der Strom abgestellt. Durch die geöffnete Haustür drang etwas Licht von der Straßenbeleuchtung ins Innere. Mit dem Handy leuchtete sie die Wände ab. Sicherungskasten? Fehlanzeige! Sie leuchtete weiter, an der linken Wand standen vier kleine Stühle mit geflochtenen Sitzen, gegenüber ein rustikales Holzgestell mit drei riesigen Tonkrügen. Sie entdeckte Türen von erschreckender Niedrigkeit, schloss die Haustür, was der Handyakku als Anregung auffasste, synchron den Geist aufzugeben. In kompletter Dunkelheit stieg sie vorsichtig eine Treppe mit mehreren versetzten kleinen Ebenen hoch, kam in einen Bereich, der wohl einen Raum darstellte. Im Augenblick ein typischer »Dark-Room«. Verzweifelt drückte sie noch einmal auf das Handy und für zwei, drei Sekunden ermöglichte ihr das Abschiedsleuchten des Akkus eine kurze Orientierung. Sie befand sich in einem Wohnzimmer. Links schien der Balkon zu liegen, den hatte sie schon von außen ausgemacht. Geradeaus ein offener Kamin mit Eisenofen und rechts eine Art Durchgang, wohin auch immer.
Zuerst brauchte sie einmal Luft. Nein, nicht dass es stank, aber es war eben keine frische Luft im Haus. Nach dem kurzen, offensichtlich letzten Aufleuchten des Handys tastete sie sich, nun wieder in kompletter Dunkelheit, zur Außenwand, fand sie die Balkontür und dahinter, außen, eine weitere Tür, alles fest verrammelt. Nach heftigem Widerstand ließ sich auch die Außentür, in den Angeln quietschend und knirschend auf dem Boden schleifend, öffnen.
Lisa trat auf den Balkon, blickte nach links, die Gasse hoch, wo sie hergekommen war und nach rechts, die Gasse weiter hinunter. Am Ende ein düsteres Bergpanorama. Gar nicht so weit entfernt bellten Hunde im Chor, miteinander oder gegeneinander. Die Wolkendecke hatte sich aufgelöst. Immerhin, man konnte Sterne sehen, wenn auch keinen Mond.
Sie kehrte in das Wohnzimmer zurück und ließ sich auf das altmodische Sofa fallen. Gleich morgen würde sie hier wieder verschwinden. Egal wohin.
Ihr Handy klingelte. Wieso ging es auf einmal wieder?
Helma. « Du bist gut angekommen? Wie schön! Was ich noch sagen wollte...». Die Verbindung brach ab. Akku endgültig leer. Wo war das verdammte Ladekabel? Aber das hätte ja auch nichts gebracht, ohne Strom.
Nie hätte sie gewagt, in solch eine Bar zu gehen. Das teuerste Hotel von Minsk. Wo die ganzen ausländischen Geschäftsleute übernachteten. »Wir müssen feiern!«, hatte Ewa gesagt, »Elena, wir müssen feiern...wir haben es geschafft. Und du, du hast das beste Examen des Jahrgangs«. Das war am Nachmittag nach der Abschlussfeier in der Universität. Lobeshymnen. Linientreue Ansprachen, versteckt-kritische und offen-mutige Ansprachen, Professorinnen, die stolz auf sie, die Studentinnen und wenigen Studenten, waren. Sie, die neue Generation der Russisch-Lehrer. Umarmungen, Küsse, noch mehr Umarmungen. Elena war erleichtert, glücklich und ein bisschen stolz auf ihr Ergebnis. Babuschka hatte in die abgeschlagene Keksdose mit der blauen Werbung gegriffen und ihr vom Ersparten viel Geld für ein neues Kleid gegeben, für ein schönes Kleid, festlich und elegant. Zunächst wollte Elena ablehnen, aber Babuschka ließ sich nicht abwimmeln. Mit ihrem Sinn fürs Praktische und geprägt durch sozialistischen Mangel in Weiß-Russland entschied sich Elena für ein cremefarbiges, schlichtes Etuikleid, das sowohl für die Feier als auch für spätere Einladungen zu Hochzeiten passen würde. Elena war gerade 22 geworden. Heiraten würden sie doch demnächst alle!
Jetzt hatte das Kleid einen Riss. Elena tastete mehr als sie sah. An manchen Stellen fühlte es sich hart, knochentrocken verkrustet, an. Sie blinzelte an sich herunter und nahm verschwommen dunkle Flecken wahr.
Ihre Hand fuhr vorsichtig über ihr Gesicht. Das war nicht sie. Das war eine teigige geschwollene Masse, mit Krusten und Schorf unter der Nase und an den Lippen. Kein Wunder, dass sie ihre Augen kaum öffnen konnte. Hatte sie überhaupt noch Augen? Sie ertastete lediglich einige Vertiefungen, die bei jeder Berührung schmerzhaft zu explodieren schienen. Ihre Nase war verstopft. Sie versuchte, tiefer einzuatmen. Sofort stoppte ein wahnsinniger Schmerz im Rippenbereich die Bewegung.
Durch die Schmerzen und den Schock über ihre Verletzungen versank sie wieder in einen Dämmerzustand. Die Feier in der Uni, das schöne Kleid, ihre Freunde, Ewa, die Hotelbar...und was bedeutete das hier alles? Träumte sie und warum tat der Traum so weh?
4Lisa Borgmann trat noch einmal auf den Balkon und blickte erneut die Straße hinunter und hinauf. Eigentlich war das für eine Straße zu klein und für eine Gasse zu groß. Vielleicht lag es daran, dass es nur eine Fahrspur abwärts gab, wobei links und rechts diese abenteuerlich rutschige Mischung aus Bürgersteig und Treppe lauerte. Das warme dunkelgelbe Licht der Laternen versöhnte sie ein bisschen, ließ sogar so etwas wie eine romantische Atmosphäre entstehen. Und es erleuchtete auch den dunklen Raum etwas. Sie hatte sich ein Glas Rotwein gegönnt, von der Flasche, die anscheinend als Willkommensgruß auf dem Tisch stand. Genau gesagt, hatte sie sich die halbe Flasche gegönnt, in der Hoffnung, müde zu werden. Schlafen konnte sie allerdings immer noch nicht. Ein kleiner Spaziergang? Immerhin war es draußen heller und auch wärmer als drinnen im Haus. Sie würde die Balkontür offenlassen, vielleicht dehnte sich die Wärme auch mal von außen nach innen aus...! In der Ferne schlug eine Glocke. Kein ordentliches Bim-Bam. Nur ein einsames Bim. War das jetzt ein Uhr nachts oder nur Viertel nach Irgendwas? Lisa ging wieder in das Haus.
Das Handy lag ungeladen auf dem Tisch, das Kabel konnte sie später suchen. Jetzt brauchte sie erst einmal frische Luft und Bewegung. Sie zog wieder ihre hellblaue Outdoor-Jacke an, außen wasserdicht, innen warm, stieg vorsichtig die ungleichmäßig hohen, gekachelten Stufen nach unten, ging nach draußen, atmete tief ein, verschloss die Haustür, wollte den Schlüssel in die Tasche ihrer Jacke stecken, verklemmte den Reißverschluss, der sich nicht mehr öffnen ließ, fluchte halblaut, steckte den Schlüssel in ihre Jeans, folgte der Straße abwärts und hatte in weniger als fünf Minuten die kleine Stadt hinter sich gelassen.
Eine Weile halfen ihr die Laternen bei der Orientierung, dann wurde es dunkler. Aber der Schotterweg, den sie jetzt ging, war breit und in einem deutlich besseren Zustand als die Wege, die sie im Ort kennengelernt hatte.
Er führte bergab, dann wieder bergauf. Der Blick auf die malerisch beleuchtete kleine Stadt auf dem Berg mit dem Kirchturm und die vielen darum herum angeklebten Häuser hätte eigentlich zu den zehn kitschigsten Postkartenbildern aller Zeiten gehört. Aber Lisa Borgmann war zum einen noch in ihrem Groll über den Verlust ihrer Traumvorstellung von der Terrasse über dem Meer verhaftet, zum anderen kamen Wut und Enttäuschung über Oliver, ihren Freund, ihren Mann, (auch wenn sie nie verheiratet waren, zum Glück), und leider auch ihren Chef, (warum hatte sie je zugestimmt, in seiner Werbeagentur zu arbeiten?!).
»Es ist nicht das, wonach es aussieht!« Dieser blöde, dieser dämliche, dieser abgedroschene Ausspruch, den gab es doch nur in lächerlichen Komödien und nicht im richtigen Leben, auf keinen Fall in ihrem richtigen Leben, dem Leben von Anna-Lisa Borgmann.
Der Weg war steiler geworden. Sie fing an zu schwitzen, die Winterjacke war jetzt doch zu warm, aber es passte zu ihrer Stimmung. Sie fasste in die linke Jackentasche, die Krimskramstasche, deren Reißverschluss noch funktionierte, und fand einen Haargummi, um ihr schulterlanges Haar zusammenzubinden. »Dein Rattenschwänzchen,« hatte Oliver sie gehänselt. Zu kurz, um wirklich etwas daraus zu machen. Lang genug, um zu stören, wenn sie ihr volles lockiges Haar offen trug.
Oliver…!
Sie sah die Szene vor sich. Es war kurz nach Feierabend. Sie hatten den ganzen Samstag auf Hochtouren für die Kampagne eines potenziellen neuen Kunden gearbeitet. Genau zum 4. Advent waren sie fertig geworden. Die Feiertage konnten kommen!
Jetzt war Oliver unterwegs zu dem neuen Kunden. Ihre Büros lagen nebeneinander, sie machte überall das Licht aus, ging noch einmal kurz in sein Büro, wo doch noch die Schreibtischlampe brannte, und entdeckte, dass ein Teil der Unterlagen in einer riesigen Tragetasche (mit dem Logo von Olivers Werbeagentur) vor dem Schreibtisch stand. Genau die Unterlagen aus dem neuen Plotter, einer Art Mega-Drucker, mit denen er Eindruck schinden wollte.
Kein Problem, sie konnte kurz bei dem potenziellen Kunden vorbeifahren. Ins Industriegebiet kam man um diese Uhrzeit, es war kurz nach sieben und schon lange dunkel, gut.
Nach wenigen Minuten stand sie mit den Unterlagen direkt vor dem Eingang der Maschinenbaufirma, die den Auftrag versprach. Auch hier wurde noch gearbeitet, an der Rezeption tippte ein junger Nerd irgendetwas in den PC und wies ihr, ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden, den Weg zum Meeting.
»Meeting? Ach so, ja, die Chefin ist noch im Büro, stimmt, da hinten lang zum Atrium.« Sein Arm wedelte irgendwo Richtung Flur rückwärts, vorbei an einer gluckernden Feng-Shui Indoor-Grünanlage. Gleich dahinter das WC. Alles musste eben fließen.
Am Ende des Gangs eine Tür, daneben, in die holzvertäfelte Wand eingelassen, ein dezentes Schild »Geschäftsleitung«. Lisa klopfte, ohne Resonanz, klopfte stärker und öffnete, als sich nichts tat, vorsichtig die Tür. Aha, der Empfangsbereich der Sekretärin, allerdings ohne Sekretärin. Zügig ging sie durch zur nächsten Tür, klopfte wieder, ohne dass jemand reagierte, öffnete auch diese Tür, um noch im Türrahmen zu erstarren. Ein weiterer Glucker-Brunnen ließ kleine Bächlein zwischen Bonsai-Bäumchen sprudeln, aber er war nur für den Bruchteil einer Sekunde Blickfang.
Lisas Gehirn hatte auf Zoom geschaltet. Und in dessen Focus war ein nackter Männerhintern an der Wand gegenüber. Ein Männerhintern irgendwo zwischen einem Business-Casual-Jacket in grau-grün meliert und marine-rot-gestreiften Boxershorts, die weiter unten am rechten Bein in Kniehöhe hingen. Die Knie waren leicht angewinkelt, so wie beim Qi-Gong, und der Männerhintern war - Olivers Hintern.
Der Hintern huppelte leicht auf und ab und wurde eingerahmt von zwei Unterschenkeln mit Füßen dran. Auf dem Business-Casual lagen zwei zarte Hände und über Olivers rechter Schulter hüpfte ein schwarzer Skalp mit Mireille-Matthieu-Pony erst hoch und runter, dann nach einem kurzem, wie es schien, Gerangel, nur noch runter.
Feng-Shui plätscherte und blubberte. Energie musste fließen. Nie würde Lisa erfahren, was hier sonst noch geflossen war, denn in diesem Augenblick drehte sich Oliver um, nicht ohne gewisse Standprobleme, weil seine runtergerutschte Business-Casual-Hose noch seine Beine fesselte. Der Pony versuchte, hinter ihm zu bleiben. Das Gesicht zum Pony gehörte Olivia (Oliver und Olivia – welch schicksalhafte Paarung!!!) Nabel (Nabel – man kann doch auch seinen Nachnamen ändern!), Unternehmerin des Jahres. (Ja, welchen Jahres? Jedenfalls irgendwann im letzten Jahrhundert. Jahrtausend!!!)
Und dann kam Olivers Ausspruch. Oliver jetzt von vorn, mit offener Business-Casual-Jacke, verknautschtem Oberhemd, dessen Zipfel jeder Bewegung folgten und den Schniedel mal ver-, mal enthüllten, das Gewurstel von Anzughose, Boxerhorts und beschuhten Füßen am Boden. Im Gesicht einen Ausdruck irgendwo zwischen dem Trotz eines Vorschulkindes und grenzdebiler Hilflosigkeit.
»Es ist nicht das, wonach es aussieht!«
Lisa machte kehrt, fuhr in ihre gemeinsame Wohnung, packte den Trolley und die Tasche und fuhr zwei Straßen weiter zu ihrer Freundin Helma. Helma, Anfang Siebzig, Freundin, Mutterersatz und die beste Gesprächspartnerin der Welt. Natürlich konnte sie dort wohnen, natürlich teilte Helma die Empörung, die auf einer Skala von 0 bis 10 bei 120 lag, natürlich bereitete ihr Helma einen tröstenden Yogi-Tee mit wohlklingendem Namen zu, und natürlich brachte Loisl, seit fast 50 Jahren Helmas Lebensgefährte, der mit seinem weißgrauen Bart immer ein bisschen an den Weihnachtsmann erinnerte, eine Kuscheldecke an. Die Decke roch verdächtig nach Buddy, der schwarzen Hündin von Helma und Loisl. Aber selbst das fand Lisa in diesem Augenblick tröstend.
Am nächsten Tag war Lisa mit dem Schlüssel zu dem alten spanischen Ferienhaus, das die beiden sich im Frühjahr gekauft hatten, auf dem Weg zum Flughafen nach Stuttgart. Es gab tatsächlich noch ein Ticket nach Malaga.
»Ich kenne keinen Platz, wo ich schneller in eine andere Welt eintauchen kann und mich trotzdem zuhause fühle.« hatte Helma beim Abschied versprochen und Loisl hatte zustimmend genickt.
Die Bilder in Lisas Kopfkino passierten langsamer Revue. Der Weg wurde unwegsamer, sie musste sich bewusst machen, wo sie war. Hier waren doch gerade noch Olivenhaine. Jetzt sah sie links und rechts Gestrüpp und Baumstämme. Die Berge, die eben noch am Horizont schienen, waren zum Greifen nah. Aussicht gab es auch nicht mehr. Links und rechts bedrohliche Hänge. Und Schluchten. Immerhin, über ihr noch Sternenhimmel. Und niemand, der ihn ihr erklärte. Plötzlich überkam sie dieses Rotkäppchen-Gefühl. Mutterseelenallein im dunklen Wald. Der böse Wolf, wo lauerte er? Sie musste pinkeln.
Elena wachte erneut auf. Es war kein Traum. Sie lag tatsächlich in einem kalten, dunklen Raum. Ihre Lippe war wieder aufgesprungen. Sie schmeckte das Blut und spürte noch einmal den Schlag dieses Mannes. Der erste hatte sie taumeln lassen, beim zweiten war sie auf den Boden gefallen. Seine Augen funkelten wie wahnsinnig. »You are not a virgin, you are not a virgin!« presste er mit seinem deutschen Akzent zwischen den Zähnen hervor. Sie war zu gelähmt, um irgendetwas zu sagen, sich zu schützen oder gar zu wehren. Sie hatte nicht verstanden, was er eigentlich wollte, hatte nur den nächsten Schlag gespürt und dann, als sie am Boden lag, die Tritte. Bis sie das Bewusstsein verlor.
Aber warum lag sie hier in diesem Schuppen? Auf einem harten, erdigen Boden? War sie entführt worden? Sie versuchte wieder, sich aufzurichten und sich umzublicken. Wenn sie es vorsichtig anstellte, ging es ... ganz langsam, Zentimeter um Zentimeter. Es gab kein Bett, nicht einmal eine Liege, Matratze oder Decke, nur eine schmutzige Plastikplane. Nichts zu trinken, geschweige denn zu essen. Was hatte das zu bedeuten?
Nur eines, dass man an ihrem Leben kein Interesse hatte. Dass man vielleicht schon dachte, sie sei tot. Und sie, Elena Makarenka, aus Minsk, war 22 Jahre alt, hatte keine Stelle am Körper, die nicht schmerzte, hatte ein Gesicht, das niemand erkennen konnte, war nicht in der Lage, mit ihren geschwollenen Lippen zu sprechen und durch ihre Augen mehr als kleine Ausschnitte zu sehen. Sie war vielleicht vergewaltigt worden.
Aber sie. war. nicht. tot!
Sie sah Babuschka vor sich. »Elena,« hatte die oft gesagt, »mein Mädchen, du hast den Verstand von zehn Männern. Du kannst Wissenschaftlerin werden und Astronautin.«
»Ich werde Wissenschaftlerin hatte sie lachend geantwortet, »Literaturwissenschaftlerin«.
»Ach was!«, wehrte ihre Großmutter immer ab, »du wirst als Lehrerin einen Haufen gackernder Hühner zähmen, die sich keinen Schiss für Literatur interessieren.« Und sie hatten beide gelacht, denn vermutlich hatte Babuschka Recht.
Und dann hatte sie die Gelegenheit, ihr Schicksal zu wenden. Die Party nach der Abschlussfeier in einem der erstklassigsten Hotels der Stadt. Sie hatten getanzt und gelacht und sie hatte einen wunderbaren interessanten Mann kennengelernt. Ein deutscher Geschäftsmann, zugegeben, deutlich älter als sie, aber sportlich, groß, sonnengebräunt, hatte ihr erst zurückhaltend zugelächelt und sie dann auf einen Cocktail eingeladen. Elena hatte bisher wenig Cocktails getrunken, zu teuer für eine kleine Studentin. Und in dieser Bar war schon ein Soft-Drink teuer genug. Es gab mehr Cocktails. Aber was wichtiger war, dieser Mann hatte echtes Interesse an ihr. Kein primitives sexuelles Interesse, um so schnell wie möglich mit ihr zu schlafen. Davor hatte man sie oft genug gewarnt. Er lud sie zu weiteren Drinks in der Lobby ein. Sein Englisch war genauso holprig wie ihres, nein, deutlich holpriger. Aber er interessierte sich für ihr Leben, ihre Familie und ihre Pläne. Sie lachten viel – vor allem über ihre kleinen sprachlichen Missverständnisse. Und er hatte etwas von Daniel Craig, dem James Bond Darsteller. Obwohl ihr Pierce Bosnan mehr lag. Babuschka liebte James Bond. Gemeinsam hatten sie alle Filme angesehen. Von Sean Connery bis zu Daniel Craig. Jedenfalls dieser Deutsche, sein Name war Brandt, Peter Brandt.
Um zwei Uhr nachts bestellte er ihr ein Taxi nach Hause. Für den nächsten Tag hatten sie sich zum Lunch verabredet und danach zu einer kleinen Stadtführung. Von Anfang an zeigte er sich als das, was Babuschka als »gentlemanlike« bezeichnet hätte, immer zuvorkommend, charmant und fürsorglich, fast zärtlich. Elena hätte nicht genau benennen können, was sie fühlte. Sie war geschmeichelt, hingezogen, attraktiv.
Sie hatten sich auch für den folgenden Tag verabredet. Den letzten, den er in Minsk verbrachte. Und er machte ihr ein Angebot. »Elena, hast Du einen Pass?«. Ja, den hatte sie, noch von dem Semester, das sie in Moskau studiert hatte.
«Ich habe ein Jobangebot für dich!». Ihr Herz schlug hoch und höher. Ein Jobangebot in Deutschland. Davon träumten alle. Gut, es gab auch viel Zwielichtiges. Aber dieser Peter Brandt war alles andere als ein Loverboy: er war einfach zurückhaltend und charmant.
«An einer Sprachschule in Granada, in Spanien.» Es gebe in Spanien viele russische Touristen und auch Residenten, die dauerhaft dort lebten, und viele der Mitarbeiter in den Hotels und der Gastronomie wollten Russisch lernen. Sie selbst könne zeitgleich kostenlos Spanisch lernen.
Spanien? Das hörte sich ja noch einmal besser an. Ewige Sonne, Meer und Palmen. Sie sagte begeistert zu, ging anschließend in das nächste Sportgeschäft und kaufte einen Badeanzug für ihre Großmutter. Damit würde sie ihr den Abschied erleichtern und im Frühjahr, wenn sie etwas Geld gespart hätte, würde sie sie nach Spanien einladen.
Dann schickte sie Ewa eine Nachricht auf dem Handy. »Ewa, du wirst mich so schnell nicht wiedersehen!« Zwinkersmiley, Küsschensmiley, Winkesmiley.
Ewa, ihre beste Freundin seit der Schulzeit. Extravertiert und immer einen Tick mehr sexy als Elena, die nicht weniger hübsch, aber deutlich schüchterner war und zu ihrem eigenen Leidwesen eher für fünfzehn als für zweiundzwanzig gehalten wurde.
Doch Ewa hatte es einfach drauf: Sie fixierte die Jungs eine hundertstel Sekunde länger, schlug die Augen im richtigen Augenblick nieder und wieder auf, bewegte die Hüften unmerklich oder deutlich merklich provozierender.
All das faszinierte Elena und – war ihr auch egal, bis auf Ewas Mut, Ungerechtes laut beim Namen zu nennen. Darum beneidete sie sie. Ewa war ihre beste Freundin. Und natürlich – so gut wie verlobt mit Maxim, einem Ingenieur. Mit ihm war sie gleich nach der Party nach St. Petersburg geflogen. Ewa würde Augen machen, dass sie, Elena, das große Los gezogen hatte.
Noch in der Straßenbahn auf der Heimfahrt in ihr Vorortviertel mit den vielen Hochhäusern lud sie eine kostenlose Sprachlern-App auf ihr Handy. Eine kleine grüne Eule würde sie von nun an begleiten. Sie lernte zwar Spanisch auf Englisch, aber was machte das schon! »Hola, Abuela« hatte sie ihre Großmutter begrüßt und stürmisch umarmt.
Sie lag zusammengekrümmt auf dem kalten Boden eines Schuppens. Es war so kalt. Nein, sie saß in ihrem warmen Wintermantel im Bus zum Flughafen von Minsk. Oder?
Es war der Samstag vor Heiligabend. Heiligabend wurde in Minsk nicht gefeiert, aber es war unmöglich, im Internet zu surfen, ohne auf Santa Clauses und unendlich viele schön verpackte Produkte und glückliche Paare und Familien vor prächtigen Weihnachtsbäumen zu stoßen. Alle genau so glücklich wie Elena.
Sie war auf dem Weg zum Flughafen. Viel zu früh, aber es war schon dunkel. Sie verabschiedete sich im Stillen von den breiten sozialistischen Boulevards mit ihren Prachtbauten, den schneebedeckten Flachbauten und Werkstätten der Industriegebiete, die immer etwas Trostloses an sich hatten, der weißen Winterlandschaft, um alles in wenigen Stunden gegen Sonne und Palmen auszutauschen.
Sie hatte ein One-Way-Ticket, das ihr Peter gemailt hatte, auf ihr Handy geladen und zur Sicherheit ausgedruckt in ihrer Handtasche.
One-Way!!!
In ihrem Pass strahlte provozierend ein Arbeits-Visum für Spanien. Wieso das alles so schnell ging – keine Ahnung. Aber sie hatte jetzt eine erste Vorstellung vom Leben auf der Überholspur.
Der internationale Flughafen von Minsk, das war ein Vorgeschmack auf die große Welt. Gut, auch in den Konsumtempeln auf den Prachtstraßen konnte man alles kaufen. Nein, konnte »man« nicht. Vielleicht einige Oligarchen, ausländische Touristen, Geschäftsleute. Aber kein normaler Mensch. Peter Brandt hatte ihr eine WhatsApp geschickt, wieviel sie in der Sprachschule verdienen würde. 2.000 Dollar. Im Monat! Das war ungefähr das Vierfache des Gehalts an einer Schule in Minsk. Falls sie dort überhaupt je eine Stelle bekäme. Sie alle, vor allem die jungen Frauen, wurden seit den Demonstrationen argwöhnisch beobachtet.
Sie hatte auch demonstrieren wollen, aber Babuschka hatte gebettelt und gebettelt: »Liebes, bleib zu Hause, wenn sie dir mit dem Knüppel über den Schädel hauen, hast Du dein Leben lang Schmerzen.« Um des lieben Friedens willen blieb sie am Rand der Menschenmengen oder zu Hause. Sie musste ja auch noch für die Prüfung lernen.
Aber jetzt konnte sie das alles hinter sich lassen. Sie fand den Gepäckschalter. Sehr bewusst hatte sie nur für zwei Wochen Sommerkleidung eingepackt. Es war ja warm in Spanien. Ewiger Frühling.
Die Bordkarte. Die Sicherheitskontrolle. Die müde Security-Mitarbeiterin, die sie dreimal durch die Sperre laufen ließ, bis sie den Gürtel mit der Metallschnalle auszog. Dann war sie im Boarding-Bereich. Zunächst nach Istanbul. Dort hätte sie mitten in der Nacht gut vier Stunden Aufenthalt. Wie aufregend.
Sie wollte etwas lesen oder mit der kleinen Eule lernen. »Die Schildkröte trinkt Milch. La tortuga bebe letsche.« War das die westliche Didaktik?
Sie stieg in den Flieger. Die Passagiere um sie herum dösten, lasen, unterhielten sich mehr oder weniger laut. Schon war es Zeit für den Anflug auf Istanbul.
Wie schön, all die Lichter über dem Meer und in der Stadt. Sie folgte den Transferzeichen, ging zum Boarding nach Málaga. Vielleicht konnte sie ein wenig entspannen, sogar schlafen. Aber sie war viel zu aufgeregt, um Ruhe zu finden. Und konnte man den Menschen um sich herum trauen? Man las so viel über Kriminalität in der westlichen Welt. Allerdings, in Moskau war es auch schlimm...
Endlich, die Maschine nach Málaga. Sie hatte Verspätung, aber dann flog Elena über das Mittelmeer. Sie sah nicht viel davon. Nur das endlose weiße Wolkenschaumbad unter sich und die blendende Sonne darüber. Schließlich schlief sie doch ein. Erst als die Flugbegleiterin sie bat, den kleinen Tisch hochzuklemmen und ihren Sitz geradezustellen, wachte sie benommen auf. Málaga! Da waren sie, die Palmen. Die Sonne war allerdings hinter den Wolken geblieben. Es regnete. Peter Brandt würde sie abholen. Er hatte sie eingeladen, die Feiertage bei guten Freunden zu verbringen, in einem Landhaus in den Bergen. Ein gutes Essen, ein entspanntes Wochenende auf dem Land, dann am Montag nach Granada in die Schule. Ihre Arbeit würde zwar erst am 7. Januar beginnen, aber sie könnte sich schon einleben und hätte auch einige Einzelschüler, in diesem Fall russische Geschäftsleute und deren verwöhnte Teenager, die »ordentliches« Russisch lernen sollten.
Das Flugzeug war gelandet. Es war fast Mittag, Die Atmosphäre hektisch. Offensichtlich wollten alle noch schnell irgendwo hin. Genau wie sie.
Sie war bereit für ihr Märchen, das Märchen, in dem sie die Prinzessin war. Schnell machte sie noch ein Selfie für Babuschka und Ewa. Jetzt durfte sie das Handy ja wieder anstellen.
Peter Brandt stand tatsächlich am Ausgang. Er war sportlich angezogen und wirkte etwas ungeduldig. Eilig gingen sie zum Parkplatz. Dort zielte er auf einen weißen Pickup. Einen richtigen Luxus-Pickup. Mit zwei Reihen an Sitzplätzen. Am Steuer saß ein jüngerer Mann, schwarze Haare, etwas älter als sie, der sie abschätzend anzüglich musterte. In der zweiten Reihe drei junge Frauen, die sie laut mit »Hola« begrüßten und ihr eine Flasche Sekt reichten, aus der sie gerade getrunken hatten. Das war wohl im Westen so. Sie kletterte hoch in die erste Reihe, auf den mittleren Platz und nippte etwas an der Flasche, um sie dann an Peter weiterzugeben. Der gab sie angewidert an die Mädchen zurück. Die Mädchen hießen Isa, Bela und Danuta. Danuta kam aus Bulgarien und hatte die üppigsten schwarzen Locken, die Elena je gesehen hatte.
»Bist Du auch Sprachlehrerin?«, fragte sie höflich auf Russisch. Danuta verschluckte sich und prustete los. Sie sagte etwas zu Isa und Bela, worauf die beiden kicherten und etwas von »Französisch« und »Griechisch« murmelten und sich so über ihre eigenen Kommentare amüsierten, dass sie sofort wieder aus der Sektflasche trinken mussten.
Peter Brandt warf einen verärgerten Blick nach hinten. Elena versuchte, diplomatisch zurückhaltend zu sein. Diese Frauen waren seltsam, Elena wollte den Gedanken, den sie spontan hatte, nicht zulassen, im Westen herrschten sicherlich andere Sitten und man war toleranter.
Sie waren inzwischen außerhalb der Stadt. Elena konnte den Blick nicht von der beeindruckenden Landschaft lassen. Schneebedeckte Bergspitzen, ein strahlend blauer Himmel, Wald oder Oliven oder Sträucher, all das hatte Elena so noch nie in Wirklichkeit gesehen. Dann schienen sie ihr Ziel erreicht zu haben. Sie fuhren auf ein großes schmiedeeisernes Tor zu, flankiert von zwei riesigen Löwenstatuen, verbunden durch ein rustikales Holzschild mit der Aufschrift «El Chaparral». Das Tor ging automatisch auf, als sich der Pickup näherte, und schloss sich wie von Geisterhand wieder hinter ihnen. Elena war so aufgeregt. Sie hatte einmal einen alten Westernfilm gesehen, der auf einer Ranch spielte, die auch «El Chaparral» hieß. Gut, die Löwenstatuen passten vielleicht nicht auf eine Ranch, aber war es an ihr, das zu beurteilen?
Sie hielten auf einem Hof, der an drei Seiten von Gebäuden umgeben war. Eigentlich sahen sie aus wie die alten herrschaftlichen Gutshöfe in ihrer Heimat. In U-Form mit einem herrschaftlichen Haupthaus, Garagen, die früher einmal Ställe gewesen waren, zur linken Seite, und einem einfacheren Wohngebäude zur rechten.
Peter Brandt wies den Fahrer an, Elenas kleinen Koffer auf ihr Zimmer zu bringen. Der Fahrer, Paco hieß er wohl, war eher der Ansicht, das könne sie doch selbst, gehorchte aber missmutig. Die Mädchen von der Rückbank stupsten sich an und kicherten. Im Haus wartete eine Art Haushälterin und musterte die Frauen. Elena neugierig, die anderen missbilligend.
Paco führte sie zu ihrem Zimmer. Es war das Zimmer einer Prinzessin. Im Stil des 18. Jahrhunderts, alles in Weiß mit goldenen Schnörkeln. Üppige Rüschen überall und ein großes Himmelbett.
Paco konnte weder Russisch noch Englisch. Er signalisierte ihr, dass die Party, la Fiesta, um 8 Uhr sei.
Und bis dahin? Elena war hungrig und fragte in Zeichensprache, also nicht mit Händen und Füßen, sondern eher mit Händen, Mund und Lippen, ob es etwas zu essen gebe. Was Paco als unmoralisches Angebot interpretierte. Ein Blow-Job während der Dienstzeit war nicht drin. Abgesehen davon, dass das ja wirklich nicht sein Typ war. Nichts dran. Die sah ja aus wie 16. Er schüttelte energisch den Kopf.
Elena versuchte, ihre Übersetzer-App zu aktivieren. Unmöglich – vielleicht ein Funkloch. Gut, sicher gab es heute Abend auf der kleinen Feier genug zu essen.
Sie hatte sich ausgeruht, geduscht und chic gemacht. Das helle Kleid war genau richtig für diesen Anlass. An ihren Füßen funkelten die goldenen Stilettos, die sie noch nie getragen hatte, –doch zweimal war sie in der kleinen Wohnung auf- und ab stolziert, um einen graziösen Gang zu üben. Sie hatte nur ein dezentes Makeup aufgetragen, eben eine Lehrerin, und ihre Haare hochgesteckt. Vielleicht doch etwas mehr Lippenstift, wenn sie an die Mädchen von der Rückbank dachte?
Es war zwar noch nicht 20 Uhr, aber sie konnte sich sicher etwas im Haus umsehen, schließlich war sie Gast und keine Gefangene. Schade, dass das Handy keinen Empfang hatte, sonst hätte sie Babuschka Fotos von der ganzen Pracht schicken können.
Dann ging alles sehr schnell. Ihr Zimmer war in dem Nebengebäude. Sie ging vorsichtig, wegen der ungewohnten hohen Absätze, den langen Gang ins Hauptgebäude und sah von oben in die prachtvolle Halle im Erdgeschoss. Dort saßen zwei der Mädchen auf dem Sofa, in deren Mitte offensichtlich der Hausherr: schwarze, kinnlange glatte Haare, offenes weißes Hemd und ein burgunderroter Anzug. Goldkettchen um den Hals. Er konnte nicht sehr groß sein, wirkte eher schmächtig zwischen den üppigen Frauen.
Peter hatte Elena als erster entdeckt. »Ah«, begrüßte er sie, »da ist sie ja, unsere Jungfrau!«. Elena verstand nur das englische »Virgin« oder das spanische »Virgen«.
Er kam ihr auf der Treppe entgegen, packte ihr unsanft in die Haare, so dass sich ihr hochgesteckter seriöser Lehrerinnendutt auflöste und ihr das lange flachsblonde Haar über die Schultern fiel. »So siehst du gleich fünf Jahre jünger aus!«, flüsterte er ihr ins Ohr. Sie wollte protestieren, aber er nahm galant, wie der Prinz in Cinderella, ihre Fingerspitzen und führte sie die Treppe hinunter in die Halle. »Mach jetzt nur keine Probleme!« murmelte er gepresst.
Welche Probleme sollte sie machen? Gut, über die Frisur hätte man ja vorher reden können. Aber sonst? Sie sah kein Buffet. Und hatte irgendwie auch gerade keinen Appetit mehr.
»Don Alejandro, darf ich Dir Elena vorstellen. Alice im Wunderland… Unsere Jungfrau…!«.
Die Mädchen von der Rückbank setzten sich kerzengerade hin und ließen von Don Alejandro ab. Sie kicherten und verstummten entsetzt, als Elena ratlos fragte: »Jungfrau? Um welche Jungfrau geht es hier?«. Peter wurde ärgerlich. »Jetzt stell Dich nicht dummer, als du bist. Du hast mir doch selbst gesagt, dass du Jungfrau bist!«.
Elena biss sich auf die Lippen, dann lachte sie: »Ja sicher, ich bin Sternzeichen Jungfrau. Wir haben doch beide darüber gelacht.«.
Jetzt lachte niemand. Die Mädchen saßen wie versteinert und blickten ins Leere. Paco stand in der Tür und vergaß zu atmen. Don Alejandro war auf die Kante des Sofas vorgerückt, seine kurzen Beine standen fest auf dem Boden, bereit aufzuspringen. Aber Peter Brandt, der Gentleman, der Daniel Craig, Agent 007, war im Gesicht rot angelaufen, die Augen hatten sich zu Schlitzen verengt und während er zu einem heftigen Schlag in ihr Gesicht ausholte, zischte er mit zusammengepressten Lippen: »You are not a virgin?«. Der nächste Schlag traf sie auf der Nase, sie spürte das Blut auf ihren Lippen, hörte jetzt ein wütendes Schreien:»You are not a virgin!«. Lauter: »You are not a virgin!«. Ein Fausthieb auf ihr Auge, ein Schlag auf die Schläfe, ein Schlag auf das Kinn.
Sie schwankte auf den Stilettos, verlor das Gleichgewicht, stürzte und spürte einen unbeschreiblichen weiteren Schmerz am Kopf.
Was sie nicht mehr spürte, waren die Tritte des Deutschen in ihre Rippen, ihren Rücken, ihren Bauch. Was sie nicht mehr spürte, war der angeekelte Blick Don Alejandros, die unbändige Wut des »Gentleman«, das hinuntergeschluckte Stöhnen der Mädchen, von denen eine, als Elena sich nicht mehr bewegte, die Musik so laut wie möglich stellte und sich wieder mit rhythmisch eindeutigen Bewegungen an Don Alejandro presste. Der stieß sie weg, rief über das Handy nach Paco, der sich schleunigst in den Feierabend verzogen hatte, dann aber doch endlich erschien, gab ihm ein Zeichen: »Räum das auf!« und ging verärgert in sein Büro.
Peter Brandt schenkte sich ein ganzes Glas mit Scotch ein, setzte sich mit glasigem Blick in einen Sessel, stand auf, ging zu Elena, hob ihren schlaffen Arm, ließ ihn wieder fallen, fühlte ihren Puls und kommentierte: »Nix da!«. Dann griff er seinen Scotch, kippte das ganze Glas in zwei, drei Züge hinunter wie andere eine eiskalte Cola, machte einen Schritt vorwärts und ließ sich auf das Sofa fallen.
Paco mochte das Wort »Nix« sehr. Es war so kurz, so knackig, so deutsch!
Er hob die Kleine auf, das waren keine 45 Kilo, froh, dass er sich von ihr keinen hatte blasen lassen. Also, er transportierte lieber eine Leiche, die nix von ihm im Mund hatte. Das heißt, eigentlich transportierte er lieber überhaupt keine Leiche. Das hier war seine erste, doch er würde den Job gut hinkriegen!