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Das gesamte journalistische und erzählerische Werk Joseph Roths: 6 Bände Diese Ausgabe hat Bestand! Herausgegeben von den ausgewiesenen Roth-Kennern Fritz Hackert und Klaus Westermann, bietet sie das journalistische und das erzählerische Werk Joseph Roths in sechs Bänden. In den Jahren 1989 bis 1991 besorgten Fritz Hackert und Klaus Westermann die seither maßgebliche Ausgabe der Werke Joseph Roths, in der seine literarischen und journalistischen Texte versammelt sind. Im Nachwort zu jedem Einzelband kommentiert der betreffende Herausgeber den dokumentierten Schaffensabschnitt, und Band 1 ist ein von beiden Herausgebern verfasstes Vorwort vorangestellt.
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Seitenzahl: 1765
Veröffentlichungsjahr: 2009
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INHALT
1929
H OTELWELT
3Ankunft im Hotel
7Der Portier
11Der alte Kellner
15Der Koch in der Küche
19Madame Annette
24Der Patron
28Abschied vom Hotel
32Der Kongreß
35Das Museum
37Das Kind in Paris
39Nonpareille aus Amerika
42»Ein ausschweifender Mensch«
44Es lebe der Dichter!
46Der Nachtredakteur Gustav K
50Galante Literatur
54Der Polizeireporter Heinrich G
57Bemerkungen zum Tonfilm
59Fräulein Larissa, der Modereporter
62Noch einmal Prügel
64Die k. und k. Veteranen
70Ein Wiedersehen
73Ein Blick auf die Nachwelt
76Ein Mensch hat Langeweile
79Entwicklung des Flugwesens
81Das ganz große Warenhaus
84Alte und neue Photographien
86Betrachtung an der Klagemauer
89Eine Laune der Natur
Hans Bauer: Ein Vorschlag und seine Erfüllung.
92Joseph Roth antwortet
95Lob der Dummheit
98Der Kurfürstendamm
101Die Tagespresse als Erlebnis
102Heimkehr eines Boxers
105Die Puppen
108Die Kinder
109Berliner Saisonbeginn
112Die neue Boheme
115Architektur
117Hermann Kesten: »Die Liebesehe«
118Der Mann, der die Ohrfeigen bekommt
121Hermann Kesten: »Admet«
122Bücherbesprechung
125Zeitgenössische Trottel
127Die neue Waschmaschine
130Selbstverriß
131Für die Staatenlosen
137Perlewitz
139»Drinnen und draußen«
141Das Privatleben
143Weihnachten in Cochinchina
146»Das Menschengesicht«
149Deutsches Lesebuch
1930
153Schluß mit der »Neuen Sachlichkeit«!
164Der Zauberer
167Die Scholle
169Die Schönheitskönigin
171Eine Rede Rudolf Borchardts
174Die Überschätzung der Jungen
177Wirkungen der Literatur
179Der Primgeiger
181Der ewige Tutenchamun
185Der Boxer in der Soutane
187Bücher und Karotten
190Sonntags zwischen vier und sechs
193Das Vaterhaus
195Die Generallinie
199Valeriu Marcu: »Männer und Mächte der Gegenwart«
201Die Girls (II)
203Verfilmung eines Mordprozesses
205Konfektionserotik
208Der Herr
211Berliner Vergnügungsindustrie
215Psychiatrie
221Dr. Lilienstein: Wie ein Dichter die Psychiatrie sah
225Erwiderung
228»Das steinerne Berlin«
231Aus dem Tagebuch des Schülers Joseph Roth
234Der Sport-Schmock
237Soll die deutsche Rechtschreibung reformiert werden?
239Vom Attentäter zum Schmock
242Die Tungusen
245Der Altersgenosse
248Ehre den Dächern von Paris!
250Die Weltgeschichte aus Zinn
255Das Denkmal
259Das Hotel
262»Kleine Fanfare«
265»Das zweite Schatzkästlein«
267Die gesprengte Romanform
H ARZREISE
270Brief aus dem Harz
275Der Merseburger Zauberspruch
282Halberstadt, »Tannhäuser«, Schach
1931
291Kleine polnische Station
293Der Motorradfahrer
295Der Tennismeister
296Brief an eine schöne Frau im langen Kleid
K LEINER EISE
300Einleitung
301Blick nach Magdeburg
305Betrachtungen in Leipzig
309Ein fröhlicher Abend
312Ausflug am Sonntag
316Gepäckträger Nr. 7
320Der Hafen von Ruhrort
323In andern Kneipen
326Gustav
330Ankunft in Essen
331Abend in Essen
333Die Bar erster und zweiter Klasse
335Die andre Bar
336Der Morgen aber
339Ein Ingenieur mit Namen K
342Ein Arbeiter mit Namen M
347Reiselektüre
348Erinnerung an eine weiße Damenkapelle
351Beim Uhrmacher
353Gedicht von verschollenen Büchern
356Nachmittag im fremden Hotel
359»Die Frau aus Andros«
361Neues von gestern
365Matwey Roesmann: Fischbein streckt die Waffen
366»Die höchsten Glieder der Tierreihe«
368Shaw auf einer Kremlkanone
371Das Hellsehen
374»Zur epischen Situation«
375Schluß mit den Kriegsfilmen!
378Der Franzose auf der Wodanseiche
384Roman vom grünen Rasen
385Der Palast der Scheherezade
389Hinweis auf ein Buch über Stifter
391Bekenntnis zu Deutschland
395Chaplin und Gandhi
398Die Weltfliegerin
399Eine halbe Stunde Kauderwelsch
402Alba-Alba, der Schnell-Läufer
405Androklus und der Löwe
407Wiege
1932
411Das Denkmal (II)
413Ursachen der Schlaflosigkeit im Goethe-Jahr
415Witzbold im Goethe-Jahr
418Der Kulturbolschewismus
427Der Prozeß Caro-Petschek
439Philister im Goethe-Jahr
442»Französische Menschen«
443Österreichische Bücher
447»Das Wort«
450Betrachtung über Fliegerinnen
452Die Geschichte von Kain und Abel
453Ultra-Beschießung einer Küste
455Fremde Gesichter
458Zu einer Schrift über Stifters »Witiko«
461Lob für Baden-Baden
462Eisenbahn
465Die nationale Kurzwelle
469»Der Vater«
473Friede auf Erden
474Laterna Magica
476Hermann Kesten: »Der Scharlatan«
1933
481Dichter im Dritten Reich
487Man tauscht Kinder aus
490Der Tod der deutschen Literatur
491Ich verzichte
494Das Autodafe des Geistes
507Niederlage der Gerechtigkeit
508Das Dritte Reich, die Filiale der Hölle auf Erden
511Ring der Nibelungen
513Fern von der Scholle
516Lieber Walter Mehring
518Erwiderung auf Joseph Breitbach
521Die Juden und die Nibelungen
527Der Segen des ewigen Juden
533Opfer seiner Schöpfungen
533Der Fluch des ewigen Juden
535Joseph Roth und die jüdischen Emigranten
536Der Segen des Ewigen Juden am Ziel
539Die Sendung des Judentums
541Assimilation und Zionismus
543Jedermann ohne Paß
549Gott in Deutschland
551Nationale Pyromanie
553Wassermanns letzter Roman
557»Maria Theresia«
559Unerbittlicher Kampf
560Europa ist nur ohne das Dritte Reich möglich
563D ERA NTICHRIST
1935
669Anschluß im Film?
671In der Kapuzinergruft
673An den »Christlichen Ständestaat«
675Kein rasender Reporter
675Nachruf
677Eine Filmrundfrage
677Habsburg und die Tschechoslowakei
679Vision
682Für Ernst KFenek
684Dank an Alfred Polgar
687Statt eines Artikels
691Glauben und Fortschritt
1937
709Die vertriebene deutsche Literatur
712Kriminalaffäre Nobelpreis
715Prognose für den Zigeunerkönig
717Psychiatrie (II)
718An Karl Tschuppiks Grab
721Abschied von Karl Tschuppik
714Nur eine Glosse
725Verleger in Österreich oder österreichische Verleger?
731Aus dem Tagebuch eines Schriftstellers
735Richtigstellung
735Helden zittern
737Juden, Judenstaat und die - »Katholiken«
741Grillparzer
752Illustrierter »Kultur-Austausch«
754Emigration
765Der Monarch verhindert den Diktator
767Monarchie und Parteien
769Vorwort. Joseph Wittlin: Das Salz der Erde
1938
773»Handbuch des Kritikers«
774»Dreimal Österreich«
780»Die Macht des Scharlatans«
781Der Dichter Paul Claudel
784Die Kinder von Barcelona .
786Victoria Victis!
788Der Mythos von der deutschen Seele
792Huldigung an den Geist Österreichs
795Totenmesse
798Der apokalyptische Redner
802Vae Victis
803Brief an einen Statthalter
805Das Passahfest
807Märtyrer und Kämpfer
808Die Tinte nicht wert
810Der Wiener Prater
812Ödön von Horväths Tod
813Rast angesichts der Zerstörung
816Zu einigen allzu absurden Verdikten
819Ein Kind im Wartezimmer der Polizei
821Die Kinder der Verbannten
823Im Bistro nach Mitternacht
827Dem Anschein nach
830Der Ahnenpaß in der Isolierzelle
832Über Völker und ihre Vertreter
835Die Ausstellung
837Am Ende ist das Wort
840Zum Tode Karel Capeks
841Drei Personen täglich verschwunden
843Gegen Selbstmörder
845Österreich atmet auf
849Das Unsagbare
852Der Maulkorb für deutsche Schriftsteller
1939
857Leitfaden für Zeitungsleser anno 1939
859Der Feind aller Völker
861Das bittere Brot
864Eine wirklich freie Stadt
866Die wilde, verwegene Jagd
867Ein Mann, ein Eid
869Munkacs, die brave Stadt
870Unterricht in Geographie
871»Ein Komödiant könnt' einen Pfarrer lehren«
873»Stirbe!«
874Der ukrainische Nationalismus - ein deutsches Patent
876Der Mann der Tat
877Unser Vaterland, unsere Epoche
880Der Fall Österreichs
881Wo wird einst des Wandermüden
882Die Kinder von Triest
884Alte Kosaken
885Wir mischen uns nicht ein
887Frauen vor dem Schaufenster
888Der unbekannte Clown von Barcelona
889An der spanischen Grenze
890Und der Regen regnete jeglichen Tag
892S CHWARZ- GELBEST AGEBUCH
915An einer Straßenecke
917»Tua Culpa«
921E.A. Rheinhardt
922Die Hinrichtung Österreichs
926Über Albanien
928Wer istDr.Nolda?
919Wiegenfest
930Ein antiker Selbstmörder
932Aus dem Brief eines Bekehrten-und die Antwort
934Lessing, ein deutsches Genie
938Rede über den alten Kaiser
945Die Eiche Goethes in Buchenwald
946Rast in Jablonowka
951Der fortdauernde »Dynamismus«
955C LEMENCEAU
OhneDatum
1011Rainer Maria Rilkes »Marien-Leben«
1014Nützliche Bemerkung für Historiker
1014Der Hauslehrer
1017Regina Ullmann
1018Stierkampf
1022Der Weltfriede
1023Der liebe Gott
ANHANG
1025Editorische Anmerkungen
1039Titelregister
1057Personenregister
1071Nachwort
Das Hotel, das ich wie ein Vaterland liebe, liegt in einer der großen europäischen Hafenstädte, und die schweren, goldenen Antiqua-Lettern, in denen sein banaler Name über den Dächern der langsam emporsteigenden Häuser aufleuchtet, sind für mein Auge lauter metallene Fahnen, stehende Fähnchen, die zur Begrüßung glänzen, statt zu flattern. Wie andere Männer zu Heim und Herd, zu Weib und Kind heimkehren, so komme ich zurück zu Licht und Halle, Zimmermädchen und Portier - und es gelingt mir immer, die Zeremonie der Heimkehr so vollendet abrollen zu lassen, daß die einer förmlichen Einkehr ins Hotel gar nicht beginnen kann. Der Blick, mit dem mich der Portier begrüßt, ist mehr als eine väterliche Umarmung. Und als wäre er wirklich mein Vater, bezahlt er aus eigener Westentasche den Chauffeur, um den ich mich nicht mehr kümmere. Der Empfangschef im Cutaway tritt aus seinem gläsernen Verschlag und lächelt mehr, als er sich verbeugt. So selig scheint ihn meine Ankunft zu machen, daß sein Rücken seinem Mund Freundlichkeit abgibt und das Berufliche sich mit dem Menschlichen in der Begrüßung teilt. Er würde sich schämen, mir einen Meldezettel vorzulegen; so genau weiß er, daß ich das Gesetz als eine persönliche Beleidigung empfinde. Meinen Meldezettel schreibt er später, wenn ich schon im Zimmer bin, mit eigener Hand, obwohl er keine Ahnung hat, woher ich komme. Nach Lust und Laune schreibt er irgendeinen Namen hin, einen der Städte, die er für würdig hält, von mir besucht zu werden. Meine Daten sind ihm geläufiger als mir selbst. Wahrscheinlich kehren im Laufe der Jahre noch andere Männer bei ihm ein, die so heißen wie ich. Aber ihre Daten kennt er nicht, und stets erscheinen sie ihm ein wenig verdächtig, als wären sie illegale Usurpatoren meines Namens. Der Liftboy nimmt meine Koffer unter seine Arme. So dürfte ein Engel seine Flügel ausbreiten. Niemand fragt, wie lange ich zu bleiben gedenke, ob eine Stunde oder ein Jahr: Dem Vaterland ist beides lieb. Der Portier flüstert mir zu: »627! ist Ihnen recht?«als wüßte ich so genau wie er,
was es für ein Zimmer ist...
Nun - ich weiß es ja auch! Ich liebe das »Unpersönliche« dieses Zimmers, wie ein Mönch seine Zelle lieben mag. Und wie andere erfreut ihre Bilder wiedersehen mögen, ihre Teller, ihre Löffel, ihre Kinder und ihre Bibliotheken, begrüße ich die billige Tapete, das schimmernde, unschuldige Porzellan der Schüssel, die weißen, metallenen, blinkenden Hähne der Wasserleitung und das weiseste aller Bücher: das Telephonbuch. Mein Fenster geht natürlich nie in den Hof. Es ist das Fenster eines Stammgastes, es hat kein Visavis und führt dennoch in eine Straße. Gegenüber sind: ein Schornstein, der Himmel und eine Wolke... Aber es ist immerhin nicht so entlegen, daß nicht die summarische Melodie des großen, benachbarten Platzes als ein Echo der lieben Welt an meine Wände heranschlüge; dermaßen, daß ich einsam bin und nicht vereinsamt, allein und nicht verlassen, abgesondert und nicht getrennt. Wenn ich das Fenster öffne, ist die Welt bei mir zu Gast. Von weither dröhnen die heiseren Sirenen der Schiffe. Ganz nahe klingeln die törichten Schellen der Straßenbahnen. Die Autohupen scheinen mich beim Namen zu rufen - wie zu einem Landesvater grüßen sie zu mir herauf. Der Schutzmann in der Mitte regelt die Manifestation. Die Zeitungsjungen werfen Blätternamen empor wie Bälle. Und kleine Straßenszenen arrangieren sich wie Theaterstücke. Ein Druck auf den Knopf aus falschem Elfenbein: und rückwärts im Korridor leuchtet ein grünes Lämpchen auf, Signal für den Kellner. Da ist er schon! Seine berufliche Beflissenheit ist nur noch in seinem Frack vorhanden - in seiner Brust unter dem steifen Hemd wohnt die menschliche Wärme; eigens für mich aufbewahrt, gehütet während der ganzen Zeit meiner Abwesenheit. Wenn er der Küche tief unten telephonisch meine Bestellung weitergibt, vergißt er nicht hinzuzufügen, für wen er bestellt; und wie mein Druck auf den Knopf das grüne Lämpchen im Korridor entzündet hat, so ruft der Klang meines Namens im Gedächtnis des Kochs eine bestimmte Erinnerung an die Wünsche meines Geschmacks hervor. Der Kellner lächelt. Hier ist es ihm erspart zu reden. Er braucht nichts mehr zu fragen. Er hat keinen Irrtum zu befürchten. Er ist bereits so mit mir vertraut, daß er mir gerne das Trinkgeld stunden würde — gegen Zinsen. Sein Glaube an die Unerschöpflichkeit meiner Einnahmequellen ist selbst unerschöpflich. Und käme ich in Lumpen und als ein Bettler daher, er hielte es für eine witzige Verkleidung. Er weiß, daß ich nur ein Schriftsteller bin. Und dennoch gibt er mir Kredit...
Ich hebe das Telephon ab. Nicht, um zu telephonieren — nur, um dem Telephonisten in der Zentrale des Hotels Guten Tag! zu sagen. Er verbindet mich oft und fleißig. Er verleugnet mich. Er warnt mich. Er teilt mir des Morgens wichtige Begebenheiten aus der Zeitung mit. Und wenn der Geldbriefträger zu mir kommt, verkündet er es mir mit einem diskreten Jubel. Er ist ein Italiener. Der Kellner ist ein Österreicher. Der Portier ein Franzose aus der Provence. Der Empfangschef ein Mann aus der Normandie. Der Oberkellner ein Bayer. Das Zimmermädchen eine Schweizerin. Der Lohndiener ein Holländer. Der Direktor ein Levantiner; und seit Jahren hege ich den Verdacht, daß der Koch ein Tscheche ist. Aus den übrigen Teilen der Welt kommen die Gäste. Die Kontinente und die Meere, die Inseln, die Halbinseln, die Schiffe, die Christen, die Juden, die Buddhisten, die Mohammedaner und selbst die Dissidenten sind in diesem Hotel vertreten. Der Kassier addiert, subtrahiert, zählt, schwindelt in allen Sprachen, wechselt alle Geldsorten. Von der Enge ihrer Heimatliebe befreit, von der Dumpfheit ihrer patriotischen Gefühle gelöst, von ihrem nationalen Hochmut ein wenig beurlaubt, kommen hier die Menschen zusammen und scheinen wenigstens, was sie immer sein sollten: Kinder der Welt. Bald werde ich hinuntergehen — und das erst wird meine echte Ankunft sein. Der Empfangschef wird herankommen, um mir Neuigkeiten zu erzählen und von mir Neuigkeiten zu hören. Sein Interesse gilt mir ganz, wie das des Astronomen dem Kometen in der ersten Stunde des Wiedererscheinens am Horizont. Habe ich mich verändert? Bin ich überhaupt noch derselbe? Das Auge, delikat und genau wie ein Fernrohr, mustert den Stoff meines Anzugs, die Form meiner Stiefel— und die Versicherung: »Sie sehen erfreulich gut aus!« bezieht sich weniger auf den Zustand meiner Gesundheit als auf den scheinbaren meiner Zahlungsfähigkeit. Ja, noch sind Sie der Alte! sagt eigentlich dieses Kompliment. - Noch sind Sie Gott sei Dank nicht so tief gesunken, um in ein anderes Hotel gehen zu müssen. Sie sind unser Gast und unser Kind! Sie bleiben es!
Mein Interesse hinwiederum gilt allem, was das Hotel betrifft, als hätte ich wirklich einmal Anteile zu erben. Wie die Geschäfte in diesem Monat gehen? Welche Schiffe in diesem Monat ankommen? Lebt der alte Kellner noch? Der Direktor war krank? Kein internationaler Hoteldieb dagewesen? - In dieser schönen Stunde kümmert mich alles! Ich möchte die Bücher nachsehen, die Einnahmen kontrollieren. Unterscheide ich mich etwa von einem Mann, der aus Patriotismus das Budget seines Staates kontrolliert, die politische Richtung seiner Minister, die Gesundheit des Staatsoberhauptes, die Organisation der Polizei, die Ausrüstung des Heeres, die Panzerkreuzer der Marine? Ich bin ein Hotelbürger, ein Hotelpatriot.
Bald, bald kommt der Augenblick, wo der Portier in ein entlegenes Fach greift und ein Bündel Briefe, Telegramme, Zeitschriften für mich hervorlangt. Ein schneller Blick fliegt aus der Loge zu mir herüber, der Vorbote der Botschaften. Veraltet und dennoch neu sind die Briefe. Sie haben lange auf mich gewartet. Ihren Inhalt kenne ich schon zum Teil, habe ihn auf anderen Wegen bereits erfahren. Aber wer weiß?! Unter den Briefen, die ich vermute, sind vielleicht andere, die mich überraschen, vielleicht gar aus dem Gleichgewicht bringen, in eine neue Bahn stoßen?! Wie kann der Portier so ruhig lächeln, während er mir die Post übergibt? Seine Ruhe ist die Folge einer langen Erfahrung, einer väterlichen, bittersüßen Weisheit. Er weiß schon, daß nichts Überraschendes kommt, er weiß von der Monotonie des bewegten Lebens, und niemand kennt so gut wie er die Lächerlichkeit meiner vagen, romantischen Vorstellungen. An den Koffern erkennt er die Passagiere und an den Umschlägen die Briefe. »Hier ist die Post!« sagt er gleichgültig. Und dennoch vollführt seine Hand, die mir das Paket reicht, noch eine höfliche Wendung im Gelenk, sie verbeugt sich gleichsam selbständig, nach einem uralten Brauch, einem Ritus der Portierhände ...
Hier in der Halle bleibe ich sitzen. Sie ist die Heimat und die Welt, die Fremde und die Nähe, meine ahnenlose Galerie! Hier beginne ich, über das Hotelpersonal, meine Freunde, zu schreiben. Es sind lauter Persönlichkeiten! Weltbürger! Menschenkenner! Sprachenkenner, Seelenkenner! Keine Internationale neben der ihrigen! Sie sind die wahrhaft Internationalen! (Der Patriotismus beginnt erst bei den Aktionären des Hotels.)
Ich fange an, meinen Freund, den Portier, zu beschreiben.
Frankfurter Zeitung, 19. 1. 1929
Am Nachmittag, »zwischen den Zügen«, wenn die Halle leer und still ist und ein gelbliches, idyllisches Sonnenlicht in die Portierloge strömt, erinnert mich der Portier an eine Art von goldbetreßtem und beweglichem Heiligen in einer Nische. Er faltet, um die Ähnlichkeit noch vollkommener zu machen, seine Hände über die goldenen Knöpfchen, die seinen Bauch verschließen, und gibt sich einer beharrlichen Betrachtung der Luft hin, dem Spiel der Sonnenstäubchen und wahrscheinlich einigen Gedanken, die sein Privatleben berühren dürften. Schließlich beginnt er sich seiner Untätigkeit vor den Boys zu schämen, die in einer kleinen Gruppe beisammenstehen und in denen sich vielleicht schon der Übermut der Jugend regen könnte, und er erfindet einige höchst überflüssige, exemplarisch gedachte Tätigkeiten, aus moralischen Gründen. So zieht er zum Beispiel seine schwere, goldene Uhr aus der Westentasche und vergleicht sie mit der elektrischen Wanduhr, deren großes, weißes, rundes Angesicht wie ein Hotel-Mond, aufgehängt an zwei grobgeflochtenen Ketten, gespenstisch silbern die goldene Atmosphäre des Nachmittags unterbricht. Es ist so still, daß man den großen Zeiger nach jedem Minutenruck ächzen hört, und dieser Klang bekommt etwas Menschliches in der Stille. Lange blickt der Portier auf die Uhren, als wollte er die eine oder die andere auf einem kleinen Sekundenfehltritt erwischen. Dann steckt er mit einer enttäuschten Miene, die ein visueller Seufzer ist, seine Uhr wieder ein. Er legt zwei große Bücher so übereinander, daß ihre Kanten genau übereinstimmen, rückt das Tischtelephon neben das Tintenfaß, rollt mit einer flachen Hand den Federhalter in die für ihn bestimmte Mulde, bläst ein imaginäres Stäubchen vom Tisch, betrachtet lange einen lockeren Knopf an seinem Ärmel und dreht ihn, um sich zu vergewissern, daß er heute noch nicht abfallen wird. Niemand wagt ihn zu stören. In dieser nahezu andächtigen Stunde könnten seine Gehilfen, zwei Männer in Zivil, die schweigsam vor dem Eingang stehen, keine Frage an ihn richten.
Es sind übrigens immer zwei andere Männer, die sich in seiner Nähe aufhalten, und es dürfte ihrer sechs geben. Genau kann ich ihre Zahl nicht nennen, weil sie niemals gleichzeitig und vollzählig vorhanden sind. Wenn die einen kommen, sind die anderen unterwegs, in Konsulaten, Apotheken, Blumenläden, fremden Wohnungen, von den Gelegenheiten in Anspruch genommen, deren Boten, Kunden und Diener sie sind. Ob sie zum besoldeten Hotelpersonal gehören oder zu den protegierten Freunden des Portiers, ist mir seit Jahren festzustellen nicht möglich. Allem Anschein nach ist der und nicht das Hotel ihr Brotgeber, er, der Vater der Gelegenheiten. Sie gehorchen ihm, wie Jagdhunde dem Treiber — und sie mögen sich auf noch so entfernten Wegen befinden, immer ist es, als hielte er sie alle an unsichtbaren, dehnbaren Schnüren und als wäre es ihm möglich, sie jeden Augenblick zu erreichen. Er behandelt sie wie eine Art armer heruntergekommener Verwandter, die man vom Schicksal mitbekommen hat, eine erbliche Krankheit. Ihre Existenz hat zweifellos etwas Rätselhaftes - ein Leben ohne Uniform und ohne Abzeichen. Hier trägt jedermann sonst das Abzeichen seines Dienstes und seiner Bestimmung, nur sie haben die Anonymität eines Zivils, das an die Ränder der Gesellschaft denken läßt, eine Gehetztheit verrät, ein gejagtes Jagen, an Polizei erinnert und gleichzeitig an verbotene Wege. Genug von ihnen! In dieser stillen Stunde sind sie für den Portier Luft, weniger als Luft, die er immerhin manchmal zu betrachten geneigt ist. Sie aber sieht er nicht an, selbst wenn er zu ihnen spricht. Er hat die Fähigkeit, von dem erhöhten Podium, auf dem er steht, einen Auftrag hinunterzuerteilen, ohne eine bestimmte Person anzusehen, als wäre die Halle bevölkert von Dienstbeflissenen, die nur auf einen Befehl warten. Und nur wenn ein Gast an den Tisch tritt, um eine Bestellung aufzugeben, neigt er sachte den Kopf - nicht etwa um besser zu hören, sondern um seine Überlegenheit zu verbergen, welche die Gäste nicht gerne merken mögen.
Denn er ist ihnen ohne Zweifel überlegen. Ich finde an seinem starken Kopf, der breiten weißen Stirn, an deren Schläfen die schwarzen Haare schon silbrig zu schimmern beginnen, den weit auseinanderliegenden hellgrauen Augen, über denen sich die dichten und großen Brauen in vollkommener Rundung wölben, dem tiefen Ansatz der später kräftig vorspringenden, knochigen Nase, dem großen und abwärts gebogenen Mund, den der melierte Schnurrbart in ähnlich vollkommener Wölbung überschattet, wie die Braue das Aug', dem massiven Kinn, in dessen Mitte ein verlorenes, schmales Grübchen liegengeblieben ist als eine Erinnerung an die Kindheit: Ich finde an diesem Angesicht gewisse Züge von porträtierten großen Herren wieder, einen bestimmten Ausdruck von stolzer Kälte, einen Hauch, der über das ganze Angesicht gebreitet ist wie ein durchsichtiges, klares Visier aus bitterem Frost. Das Angesicht ist bräunlich gerötet, als käme es aus einem Leben im Freien, aus einem Leben zwischen Korn, Wasser, Wald und Wind, die Haut ist straff - und die wenigen starken Runzeln über der Nase und die vielen zarteren dicht unter den Augen scheinen nicht von alltäglichen Sorgen eingegraben worden zu sein, sondern freiwillig empfangene Zeichen, Tätowierungen des Lebens und der Erfahrungen, ausgeführt von Wind und Wetter...
Wie er sich jetzt vor dem Herrn verneigt, ist es keine Verbeugung, sondern eine körperliche Herablassung. Wie er einen Auftrag entgegennimmt, ist es, als erhörte er eine Bitte. Wie er so zustimmend nickt, erinnert er an den milden Richter aus amerikanischen Filmen (wo allein noch milde Richter vorkommen). Der Gast macht ihm jetzt einen Vorwurf. Aber es sieht aus, als dächte der Portier nach, wer wohl von allen der Schuldige sein könnte. Und mittels einer kleinen, außerordentlich nebensächlichen Frage wird er aus einem Pflichtvergessenen ein Mitfühlender, und sein Versäumnis verwandelt sich in Teilnahme. Als wäre der Herr zu ihm gekommen, nicht um ihm etwas vorzuhalten, sondern um sich bei ihm zu beklagen! »Heda!« ruft der Portier zu der Gruppe der untätigen Boys hinüber. »Wervon euch hat den Anzug von 375 zum Bügeln getragen?« - Schweigen. - Es war kein Boy, sondern der Hausdiener, den der Portier eben mit dem Autobus zur Bahn geschickt hat. Er erinnert sich sehr wohl an den Protest des Hausdieners, den Anzug, die besondere Dringlichkeit des Auftrags. Aber er hat nicht einen Augenblick ein Schuldbewußtsein. Ich will nicht damit angedeutet haben, daß er etwa kein Gewissen hätte! Es ist nur anders beschaffen! Es ist weiter, räumlicher, vergleichbar dem eines Generals zum Beispiel, von wichtigeren Dingen in Anspruch genommen, von der Sorge ums Ganze erfüllt. - »Marsch hinunter - und den Anzug geholt!« befiehlt er jetzt. Wer gäbe noch was für die Unversehrtheit eines Boys, der in dieser Situation zu fragen wagte: Wo ist der Anzug zu holen?! Es ist jetzt etwas im Auge des Portiers erwacht, etwas, das an einen Peitschenknall im Zirkus erinnert, einen gezückten Dolch, ein Unwetter am Horizont... Der Boy fragt nicht; er läuft. Über der Gruppe der zurückbleibenden Jungen läßt sich ein brütendes Schweigen nieder, eine verhängte sommerliche Schwüle. Einsam steht der betreßte Meister auf seiner Höhe und atmet eine Wolke stummen Grolls in die Halle...
Dennoch könnte er sofort wieder lächeln, wenn ein Gast, wie ich zum Beispiel, gerade das Bedürfnis hätte, ihn um etwas anzugehn. Nichts an ihm - der mir durchaus nicht so verständlich ist, wie ich glauben machen will - ist mir so merkwürdig wie seine Gabe, Zorn und gute Laune, abweisende Erhabenheit und dienstbereite Beflissenheit, Gleichgültigkeit und Neugier sehr schnell aufeinander folgen zu lassen. Es scheint mir manchmal, daß jede seiner Stimmungen mit ihrem Gegenteil gefüttert ist und daß er seine Laune nur zu wenden braucht, um sich zu verwandeln. Jetzt, zehn Minuten bevor die ersten Gäste vom »Mailänder Expreß« kommen, rüstet er sich zum Empfang, das heißt: er rückt an der Weste. »Zehn Minuten!« ruft er dem Empfangschef zu. Es ereignet sich etwas Außerordentliches: Er verläßt seine Loge. Er steigt von seinem erhöhten Platz und zerstäubt die Gruppe der Boys, von denen jeder an eine bestimmte Stelle läuft, der eine zur Drehtür, ein anderer zum Lift für Gepäck, der zu dem für Personen, jener an die Treppe, zwei zur Garderobe. Noch zwei Minuten - und das erste Automobil fährt vor. Der Portier spitzt die Lippen und läßt einen leise zischenden Schlangenruf ertönen. Aus einem dunklen Seitengang stürzt ein Gepäckträger in grüner Schürze hervor. Schon hört man draußen einen surrenden Motor. Schon kommen die ersten Gepäckstücke. Der Portier wirft einen Blick auf sie, und da es lederne Koffer sind und ein dunkelgraues, grünkariertes Plaid und ein ledergesäumtes Stoff-Etui für Regenschirme und Spazierstöcke, rückt er noch einmal an seiner Weste. Bei jedem neuen Gast tauscht er einen schnellen Blick mit dem Empfangschef - und jeder Blick bedeutet: eine Zimmernummer, ein Stockwerk, einen Preis, eine Mahnung, eine Warnung, Zufriedenheit oder Mißmut. Ja, es gibt Gäste, bei deren Eintritt der Portier ganz sachte ein Auge schließt, so daß ihnen die Auskunft zuteil wird, es sei alles besetzt. Manchmal - aber das kommt höchstens einmal in der Woche vor - macht der Portier eine Verbeugung, und wenn er sich wieder aufgerichtet hat, sieht man, daß ein Lächeln sein Gesicht verklärt, ein ansteckendes Lächeln übrigens, das sich auf alle überträgt wie ein Gähnen. Dann geht der Gast an lauter lächelnden Gesichtern vorbei, wie zwischen zwei Reihen von Lichtern. Nebenbei gesagt, sehe ich bei dieser Gelegenheit, daß der Portier eine wollige graue Zivilhose, die zu einem offenbar eleganten Straßenanzug gehört, unter seiner halben Uniform trägt, als wollte er so andeuten, daß er nur zur oberen Hälfte livriert ist, zu jener nämlich, mit der er sich so selten verneigt. Es verrät mir ein wenig von seinem Privatleben, von dem ich einiges zu wissen glaubte. Es ist eine kleine Enthüllung mehr, bilde ich mir ein. Gewiß hat er seine Beziehungen zu Schneidern, und es ist sogar anzunehmen, daß sich Handwerker um seine Gunst bemühen und ihm besonders billige Kleider liefern. Am Abend, nach sechs Uhr, verschwindet unser Freund in der Garderobe, aus der er nach fünf Minuten mit einer fremden, verwandelten Würde wieder heraustritt. Zum ersten Male sieht man ihn Grüße erwidern. Den schwarzen Stock mit dem silbernen Knauf in der grau behandschuhten Linken, lüftet er mit der Rechten den schwarzen Halbzylinder, den er mit vornehmer konservativer Treue immer noch trägt, lüftet ihn höflich, aber flüchtig vor den Boys, die sich sehr tief vor ihm verneigen. Leutselig plaudert er noch eine Weile mit dem Nachtportier. Gäste, die in der Halle sitzen oder die ihm in den Weg kommen, würdigt er nicht eines Blickes. Noch einmal schweift sein Auge durch das Rund des Raumes, entdeckt mich und sprüht mir einen Funken Freundlichkeit herüber. Dann begibt er sich endgültig zur Drehtür. Und an der gravitätischen Schwere, mit der jetzt ihre Fächer langsam rotieren, merkt man erst, wer eben das Hotel verlassen hat...
Frankfurter Zeitung, 24. 1. 1929
Dieser Kellner ist so alt, daß man ihn im ganzen Hause nur »den Alten« ruft, die Angestellten wie die Gäste von ihm als »dem Alten« sprechen und daß er selbst wahrscheinlich sich nur gelegentlich erinnert, wie sein Name lautet, den er seit so vielen Jahren nicht mehr brauchte. Ja, es ist so, als hätte er gar keinen mehr, weil er, ähnlich einer mythologischen Halbgottheit, in die Kategorie der Wesen eingegangen ist, deren Namen gar keine Rolle spielt, weil sie ein bestimmtes Phänomen repräsentieren. Dieser Kellner repräsentiert in diesem Hotel das Alter - und erst in zweiter Linie das Kellnertum. Er war mehr als vierzig Jahre Kellner, nun ist er schon mehr als zehn Jahre »alt«. Und der Frack, den er jeden Nachmittag anzieht, ist bereits aus einem beruflichen Gewand ein symbolisches geworden - und sieht man den Kellner im Frack, so ist es, als wäre dieses Kleidungsstück eine passende Uniform des Greisenalters überhaupt.
Ich muß erwähnen, daß diesem Alten die gewohnten Zeichen des Greises vollkommen fehlen. Er ist glattrasiert, sein Schädel ist ganz kahl, und selbst seine Augenbrauen sind dank einer merkwürdigen Laune der Natur hellblond geblieben. Das ehrwürdige Silber des Alters scheint er abgelehnt zu haben. Oder er ist bereits so alt, daß er auch die Periode des weißen Haares hinter sich hat und daß er auf dem Wege ist, zu versteinern, eine Art menschliches Mineral zu werden, vielleicht zurückzukehren zu dem Ur-Ur-Anfang der Welt, der Regungslosigkeit des sogenannten Unorganischen. Wenn man ihn manchmal eine Stunde lang an einer der dicken Säulen in der Hotelhalle lehnen sieht, eine kleine, erloschene Tonpfeife am linken Mundwinkel, die Unterlippe vorgeschoben, die etwas hängenden Wangen vom wächsernen, schimmernden Rot bestimmter Tiroler Äpfel, die kleinen Augen aus glänzendem, tiefem Kobalt-Blau blicklos in unbekannte Welten gerichtet, die steife Hemdbrust von einem reinen, fast unirdischen Weiß-Lack, das tiefe Schwarz des tadellos passenden Fracks ohne Stäubchen und ohne Falte, in den blitzenden Schuhen die unveränderlichen Reflexe der Lampen und Lichter - so könnte man glauben, der Kellner wäre ein Standbild, ein Hausgott des Hotels und des Fremdenverkehrs, und man könnte ohne eine kleine Verbeugung keineswegs an ihm vorbeigehn. Auf einmal aber - und gerade, wenn man es am wenigsten erwartet, setzt er sich in Bewegung - und dieser Anblick ist so unwahrscheinlich, daß man auch der Säule nicht mehr traut, da sie stehenbleiben wird. Wohin geht der Alte? - Ins Restaurant. Er geht nur von den Knien abwärts, seine Füße machen winzige Schritte, wenn ihm jemand in den Weg kommt, bleibt er stehen, irgendein Mechanismus stockt, und man glaubt gehört zu haben, wie ein Rädchen, unter den Frackschößen verborgen, plötzlich stehengeblieben ist. Dann rührt es sich wieder. Eine Viertelstunde später ist der Alte im Restaurant.
Er setzt sich, obwohl man es nicht immer sofort erkennen kann, niemals ohne eine Absicht in Bewegung. Es sind Gäste gekommen, die er schon vor zwanzig oder dreißig Jahren bedient hat und die er kommen sah, während er an der Säule lehnte und seine Augen auf irgendein Jenseits gerichtet zu sein schien. Seine Aufmerksamkeit ist noch die alte, nur seine Gliedmaßen sind langsamer geworden. Genauso beobachtete er die Ankunft der Menschen schon vor vierzig Jahren. Nur lief er damals schneller, im Nu stand er vor ihnen, rannte er zur Küche, kam er wieder zurück. Ganz unmerklich, aber unaufhaltsam wurden im Laufe der Jahre und Jahrzehnte seine Füße schwächer, seine Hände zittriger, seine Bewegungen langsamer - unmerklich wie der Weg des Stundenzeigers auf den Uhren ist, aber ebenso sicher wie dieser war der Weg der Schwäche und des Alters im Körper des Kellners. Jeden Tag wurde sein Lauf ein winziges bißchen schwerer - bis es endlich nach vierzig Jahren ein schleppender Gang war.
Nun steht er vor seinen Stammgästen, verbeugen kann er sich immer noch. Ein anderer, ein junger und flinker Kellner kommt an die Seite des Alten, den Block in der Hand, um »aufzunehmen«. Es ist, als sprächen die Stammgäste eine Sprache, die dem jungen Kellner nicht verständlich sein kann, eine Sprache einer verschwundenen Generation, einer verschwundenen Welt vielleicht. Denn der Alte wiederholt dem Jungen wortwörtlich alles, was ihm die Gäste gesagt haben - aber es sieht aus, als übersetzte er. Es ist, als würden die bestellten Speisen erst von dem alten Kellner zu eßbaren Speisen ernannt, zu Gerichten erhoben, zu Leckerbissen geadelt. Würde der Junge sie direkt aufnehmen, sie wären vielleicht ungenießbar. Obwohl die Gäste leise sprechen (der Tisch, an dem sie sitzen, eine Stille in den von Tellergeklapper, Gesprächen, Gläserklang erfüllten Raum ausströmt), hört der Alte genau, was sie sagen - der Junge könnte es wahrscheinlich nicht. Denn jener hat die Gabe der Ahnungen; er errät, was seine Stammgäste wollen -und im übrigen kann er unter Umständen ihre Bestellung auch verändern - wenn er mag. Denn es kann vorkommen, daß sie ein Gericht bestellen, dessen Qualität der Alte an diesem Tage nicht verantworten will. Dann tut er so, als wäre ein anderes bestellt worden. Und deshalb warten die Gäste, bis er sich ihnen so langsam genähert hat. Es besteht eine uralte Beziehung zwischen ihnen und ihm, sie und er stammen aus einer ganz bestimmten Zeit, wie man aus einer Heimat stammt, sie und er sind gewissermaßen Patrioten jener Zeit, die wichtiger und teurer sein kann als ein Vaterland, weil die Zeiten schnell verschwinden und die Vaterländer gewöhnlich bleiben, weil man diese wechseln und verlieren kann und jene uns festhalten. Die Gäste und der Alte: sie sprechen alle die Muttersprache ihrer vergangenen Epoche. Deshalb verstehen sie einander, deshalb warten sie aufeinander. Es kommt manchmal vor, daß eine uralte Dame, mit dem kalten, abweisenden Blick, der die Folge eines langen, reichen und sorgenlosen Lebens ist, mit einem Stock, auf den sie sich stützt, in einem ernsten Abendkleid aus dunkelgrauer Seide, ein leuchtendes Perlenkollier (auf das die Erben schon warten) um den vielgefalteten Hals - daß diese furchtsam oder ehrfürchtig behandelte Frau geradewegs auf den alten Kellner zugeht und ihm die Hand reicht, ohne ihm ein Wort zu sagen. Dann verneigt er sich tief und lächelt ein wenig. Die alte und allem Anschein nach nicht gutherzige Dame und der Kellner kennen einander schon seit Jahrzehnten - und gewiß hat sie ihm nicht immer die Hand geboten. Als sie beide noch jung waren, standen die unerbittlichen Unterschiede des Standes zwischen ihnen. Nun, da sie alt geworden sind, fängt schon langsam die Annäherung an, die schließlich in der Gleichheit des Todes münden wird. Schon bereiten sich beide auf das Grab vor, auf die gleiche Erde, den gleichen Staub, die gleichen Würmer - und vielleicht, wenn ein so langes Leben nicht wieder ungläubig macht - auf dasselbe Jenseits.
Eine Stunde nach Mitternacht besteigt der Alte den Fahrstuhl - den für Gäste - und läßt sich in den höchsten Stock hinauffahren. Dort bewohnt er ein kleines Zimmer, ein Ehrenzimmer. Er hat nie eine Frau gehabt, keine Kinder, keine Geschwister. Er war immer allein, ein Kellner in diesem Hotel, ein Kind dieses Hotels. Nichts mehr als ein Kellner. Seit zehn Jahren wohnt er in diesem Zimmer. Er wollte sich nicht pensionieren lassen. Er konnte nicht mehr in der Nacht auf die Straße und in seine Wohnung. Also blieb er im Hotel, wie eine alte Wanduhr. Eines Tages wird er in seinem Ehrenzimmer sterben. Kein Zweifel. Seine Leiche wird man durch den rückwärtigen Ausgang des Hotels tragen und in ein schwarzes Auto verladen, in dem es keine Fenster geben wird. Denn durch den Haupteingang eines Hotels kann unmöglich eine Leiche getragen werden. -
Frankfurter Zeitung, 27. 1. 1929
Von ungewöhnlicher Bedeutung, aber den meisten unbekannt, ja unsichtbar lebt in der Unterwelt des Hotels der Koch. Den größten Teil des Tages sitzt er in der Mitte der großen Küche, in einem Pavillon mit gläsernen Wänden, in einem Häuschen also, das ganz ein Fenster ist, von allen Seiten sichtbar, nach allen Seiten sehend. Aus drei Elementen besteht die Unterwelt des Hotels: aus Glas, aus Kacheln und aus weißem, silbrigem, mattem Metall. Das vierte, flüssige Element, nämlich Wasser, rieselt unaufhörlich, still, melodisch, in ewiger Wachheit und dennoch einschläfernd über die weißen Kachelwände, ein zarter, glitzernder Schleier, in bräutlich-hygienischer Unschuld, kostbar, verschwenderisch und an manchen Stellen, auf die das Licht fällt, regenbogenfarbig.
Acht erwachsene Köche und vier halbwüchsige Kochjungen stehen und wandeln, schneeweiß angezogen, schneeweiße Matrosenmützen auf den Köpfen, lange, hölzerne Löffel in den Händen, zwischen acht metallenen Kesseln, aus denen in unregelmäßigen Zeitabständen ein silbriger Rauch aufsteigt und in deren Unterleibern ein rötliches, unwirkliches, theatralisches Feuer glimmt. Eine unendliche, weiße Stille, vergleichbar etwa der Stille weiter russischer Schneefelder, entweht den Kacheln, dem Metall, dem Glas und den Köchen, deren Bewegungen unhörbar sind, als wären sie weiße Schatten, und deren Schritte wahrscheinlich vom Geräusch des rieselnden Wassers verschlungen werden. Dieses, das einzige Geräusch im Raum, unterbricht nicht etwa die Stille, sondern begleitet sie, scheint die hörbar gewordene absolute Melodie des Schweigens selbst zu sein, der Gesang der Stummheit. Sehr selten nur entschlüpft dem Ventil eines Kessels ein unterdrücktes Zischen, das sofort erstirbt, beschämt und erschrocken und in der Stille bald vergessen, wie etwa der halbe Schrei eines Raben in der weißen, winterlichen, lautlosen Weite.
So wie diese Küche könnte der Maschinenraum eines modernen Gespensterschiffes aussehen. Der Koch könnte der Kapitän sein. Die Köche Matrosen. Die Gehilfen Schiffsjungen. Das Ziel unbekannt und übrigens unerreichbar.
Aber so traumhaft auch die Stille ist, so wirklich, so taghell, so lebendig, so festlicher, fröhlicher, stofflicher, greifbarer Optimismus ist der Koch. Es genügt, einen Blick auf ihn zu werfen, um jede Vorstellung von düsteren Sagen zu verlieren und sie einzutauschen gegen heitere Erinnerungen an Märchen von Schlaraffenländern zum Beispiel, an satte und bunte Illustrationen auf Glanzpapier in Kinderbüchern. Das ist der Schöpfer der gebratenen und dennoch fliegenden Tauben. Sein weißer randloser Zylinder aus gestreifter Leinwand, der gleichzeitig an einen Turban erinnert, an eine Schlafmütze und an das Unterfutter einer Königskrone, hebt und verstärkt das bräunliche Rot seiner Wangen, das metallen schimmernde Schwarz seiner dichten, buschigen Brauen und das goldene Braun seiner kleinen und flinken Augen, die wie im Spiel über weichen und bequemen Wülsten hin und her eilen, die Köche beaufsichtigen, die Kessel kontrollieren, die Bewegungen der langen Löffel verfolgen. Die weiße Mütze berührt in schiefem Übermut sein rechtes, rotes, blutdurchpulstes Ohr, das seinen eigenen gesunden Optimismus zu manifestieren scheint. Die roten Lippen lächeln unermüdlich. Das weiche, breite Kinn lagert eingebettet in einem bequemen Doppelkinn. Die breiten Nüstern atmen die Gerüche der Speisen und die Nuancen dieser Gerüche. Und unter der weißen Schürze wölbt sich sanft und gütig ein Bauch, in dem ein zweites, ein besonderes Herz eingebaut sein dürfte.
Das nenn' ich einen Koch! Er kommt aus den Träumen meiner Kindheit und in Wirklichkeit - wie ich es schon einmal angedeutet habe -aus der Tschechoslowakei. Von den vier Völkern, die diesen Staat bewohnen: den Tschechen, den Deutschen, den Slowaken und den Juden, vereinigt er alle positiven traditionellen Eigenschaften: Er ist fleißig wie ein Tscheche, gründlich wie ein Deutscher, phantasievoll wie ein Slowake und schlau wie ein Jude. Diese glückliche Mischung ergibt einen zufriedenen, wohlwollenden, mit dem Schicksal wie mit den Menschen einträchtig lebenden Mann, der sogar imstande ist, jahrzehntelang eine harmonische Einehe zu führen. Absurd geradezu wäre etwa die Vorstellung, daß dieser Mann in Zorn geraten könnte! Wo sollte der Zorn Platz finden in dem mit Ruhe, Behaglichkeit und großartiger Gleichgültigkeit ausgefüllten Innern? Und was müßte sich ereignen, um diesen Menschen auch nur aus seinem Gleichgewicht zu bringen? Auf dem kleinen Tischchen, an dem er gewöhnlich sitzt, ein großes aufgeschlagenes Diarium vor sich, in das er gelegentlich eine kurze Notiz hineinschreibt, befindet sich auch ein Telephon, das in mancher Stunde zwanzigmal klingelt. Und immer wieder hebt der Koch das Hörrohr mit der gleichen Gelassenheit ab, er hebt es noch im Klingeln ab, legt es sorgfältig auf den Tisch, läßt es noch eine Weile schnarren, und erst dann, wenn es ganz still geworden ist, führt er es mit einem halben nachlässigen Arm - nicht zum Ohr, sondern nur in die Gegend des Ohres. Es sieht aus, als bändigte er zuerst ein ungebärdiges, lärmendes Wesen, ehe er geruht, sich damit zu befassen. Er spricht nicht wie alle Welt gerade in die Muschel hinein, sondern nur so in ihrer Nähe herum, und er hebt auch nicht um die kleinste Tönung seine Stimme, viel eher senkt er sie noch, und es sind dann lauter samtene Wörtchen, die er zum Telephon sagt. Jede Viertelstunde kommt einer von den vier Kochjungen in den gläsernen Pavillon, eine winzige Speiseprobe, einem der Kessel entnommen, auf einer winzigen Schale. Manchmal begnügt sich der Koch damit, auf das Pröbchen einen seiner hurtigen goldenen Blicke zu werfen (als hätte sein Auge Geschmacksnerven) und die Speise durch ein sanftes Kopfnicken zu approbieren. Sehr oft aber führt der Koch die Schale an die Lippen, leckt flüchtig an ihr mit der Zunge und schickt den Jungen mit einem leisen Wort zurück. Weshalb er hier nur blickt und dort auch kostet, ist ein ewiges Geheimnis. Ich stelle mir vor, daß er die Launen der Kessel genau kennt und die Fähigkeiten der Küche, aber auch, daß seine Zunge Schaden leiden könnte, wenn er sie allzu oft kontrollieren ließe. Es ist eine kostbare Zungenspitze, sie hat die Erfahrungen eines ganzen ungeheuerlich verwöhnten Gaumens und außerdem die Fähigkeit, den Magen zu sättigen. Denn der Koch ißt den ganzen Tag gar nichts, sondern erst am späten Abend, ohne eine Spur Hunger zu fühlen. Er speist nie in der Küche. Er legt nur seine weiße Schale ab, eine geräumige weiße Schale - und schon steht er da im schwarzen Anzug. Er nimmt seine Mütze vom Kopf - und er hat dichtes und leicht gekräuseltes Haar, eine weiße, glatte Stirn. Über einer Hemdbrust aus Popeline sitzt, den Kragen verhüllend, ein kleiner Schmetterling aus grauer, schwarzgetupfter Seide. Seine zarten und koketten Flügel mildern den Ernst der ganzen Erscheinung und geben dem Wesen des Kochs etwas Unternehmungslustiges, Wagemutiges und Jungenhaftes. So geht er in den Speisesaal. Ein Tisch in der Ecke neben der Säule ist für ihn reserviert. Er wird lautlos und glatt bedient, er braucht nicht einmal zu bestellen. Die Küche weiß genau, was sie ihrem Gebieter zu entsenden hat. Er bekommt sehr winzige Portionen, die preziös wie Edelsteine auf dem Teller liegen. Große Stücke Fleisch würden den Koch beleidigen. Er ißt leicht und frei und braucht niemals die Serviette zum Mund zu führen. Nach dem Kaffee trinkt er noch einen Cognac. Der Kellner zeigt ihm die Flasche, ehe er einschenkt. Es kommt vor, daß der Koch die Flasche wortlos dem Kellner aus der Hand nimmt und sie stehen läßt. So winzig auch die Gläschen sein mögen, er trinkt immer nur in kleinen Tropfen. Dann erhebt er sich, leicht und frei, nicht wie einer, der lange gesessen und getrunken hat, sondern als wäre er am Morgen am Waldesrand gesessen und ginge nun fröhlich der aufsteigenden Sonne entgegen. Aus einer schmalen Zigarette bläst er blaue, duftende Wölkchen...
Er geht nach Hause. Er hat ein angenehmes Haus, drei Kinder, eine junge, hübsche Frau, deren Porträt in der Schublade des Tisches im gläsernen Pavillon liegt, neben dem zugeklappten Diarium. Er zeigte sie mir einmal. Gewiß zieht er das Porträt sonst niemals aus der Lade, und nur, wenn er sie auf- und zuschiebt, wirft er einen Blick hinein, eine flüchtige Liebkosung. Er hat nie eine andere Frau geliebt, und er ist auch nicht gesonnen, sich jemals einer überraschenden Leidenschaft auszuliefern. (Sein Gehalt ist größer als das des Direktors.) Er hat schon vor dem Krieg in allen großen Städten der Welt gearbeitet. Immer zwischen weißen Kacheln, Glas, Wasser und silbrigem Metall. Er ging in den Krieg, im Jahre 1914, getrost, ohne Patriotismus und auch ohne Furcht, denn er wußte, daß seine seltene Begabung auf die Offiziere eines Generalstabs nicht ohne Wirkung bleiben werde. Vier Jahre lang saß er zwanzig Kilometer hinter der Front, in idyllischen Dörfern, an warmen Kesseln und Herden, vor guten und reichen Vorräten. Von dieser schönen Zeit erzählt er manchmal. Er vergißt niemals hinzuzufügen: »Die Herren von meinem Stab haben besser gegessen, als sie gekämpft haben.« Es ist das einzige Aperçu, das ihm jemals eingefallen ist, es reicht ihm bis ans Ende seiner Tage, und es ist als ein Lob, nicht als ein Tadel gemeint. Ich fragte ihn einmal, ob er schon sein neues, restauriertes Vaterland besucht habe. »Nein«, sagte er, »es ist nicht nötig. Ich zahle hier Steuern!« Ich fragte ihn ferner, ob er die Absicht habe, seinen Buben Koch werden zu lassen. »Vielleicht!« erwiderte der Koch, »vielleicht hat er genug Begabung!« Aber es war ein Zweifel in seiner sanften Stimme. Vielleicht glaubt er auch, wie viele, daß die Söhne genialer Männer wenig taugen. -
Frankfurter Zeitung, 3. 2. 1929
Als Annette 28 Jahre alt wurde und noch immer keinen Mann gefunden hatte, begab sie sich zu einem der Juweliere in der Rue de la Providence, in dessen Schaufenstern die Eheringe aus Gold, Silber und Dublee, zu Dutzenden über konische Türmchen aus Samt gestülpt, an winzige, schimmernde Denkmäler erinnern, errichtet zu Ehren der Monogamie. Sie erstand einen silbernen Ehering und steckte ihn an den linken Ringfinger, getreu der Sitte des Landes. Im stillen gedachte sie, den silbernen Ring gegen einen goldenen umzutauschen, sobald sich ein Mann gemeldet haben würde. Vorläufig genügte der silberne, gewissermaßen als eine Mahnung an den lieben Gott, als ein moralischer Zwang, den sie dem Schicksal auferlegte, damit es sich endlich bemüßigt sehe, ihr einen Gatten zu bescheren. Im übrigen hatte der Ring auch einen unmittelbaren Zweck: Er konnte das Mädchen vor Zudringlichkeiten unerwünschter Männer, die gewöhnlich auch feige sind, bewahren, indem er in ihnen die Vorstellung von einem irgendwo vorhandenen eifersüchtigen und kräftig gebauten Mann Annettens hervorrief. Er erzeugte ferner auch einen gewissen Respekt für seine Trägerin bei ihren Kolleginnen, den anderen Mädchen. In der Tat begann, kurze Zeit nachdem Annette den Ring gekauft hatte, das ganze Personal, das früher »Mademoiselle Annette« gesagt hatte, »Madame Annette« zu sagen. Bei dieser Gelegenheit ist es vielleicht günstig zu bemerken, daß der Titel einer Frau auch heute noch manchem ledigen Mädchen aus besserer Familie imponiert, das niemals die traurige Aussicht hat, fremden Menschen dienen zu müssen; wie erst einem Mädchen, das beruflich immer ein Fräulein bleiben soll, selbst wenn sie eine Großmutter wird! — Den Kolleginnen von Annette, die so wenig Gelegenheit hatten, sich »Madame« nennen zu hören, bedeutete dieser Titel einen gesellschaftlichen Rang. Sie schenkten ihn Annette, obwohl sie ahnen mochten, daß der silberne Ehering nur ein Vorwand war. Sie fühlten sich selbst gehoben, wenn sie »Madame Annette« sagen konnten.
Seit ihrem sechzehnten Lebensjahre war sie Dienstmädchen. Ihr Vater, ein Fischer aus der Normandie, schickte sie zu der Wirtin eines kleinen Hotels in Le Havre, zu der er alte Beziehungen aus seiner Matrosenzeit hatte. Es scheint, daß in Le Havre die Mädchen nicht lange geduldet werden. Knapp vier Wochen nach ihrer Ankunft erlag Annette dem verspäteten Liebesröhren eines fünfzigjährigen Reeders, der sie zu heiraten versprach, aber durch seine vor zwanzig Jahren geschlossene Ehe daran verhindert war. Annette bekam ein Kind und kurze Zeit darauf eine gute Stelle bei feudalen Leuten in der Nähe von Paris, die auch aus der Normandie stammten und ihr Dienstpersonal aus ihrer Heimat zu holen pflegten. Das Kind blieb in Kost bei der Wirtin in Le Havre und starb aus diesem Grunde sechs Monate später. Annette schickte Geld fürs Begräbnis und erstand, da sie kein Bild von ihm besaß, aber ein Andenken daran behalten zu müssen glaubte, in einem Papierladen eine Ansichtskarte, die Photographie von einem gelungenen Säugling, die sie in einen schwarzen Rahmen spannte und in ihrem Koffer verbarg.
Durch ihre Erfahrungen in Le Havre gewitzigt und von dem ländlichnormannischen Vorurteil befangen, daß jede Liebesbeziehung zu einem Kind führen müsse, widerstand Annette den Werbungen des Herrn von L., ihres Dienstgebers — obwohl es ihr leid tat. Ja, um vor sich selbst ein für allemal sicher zu sein, erzählte sie der Frau von L. von den Versuchen des Mannes. Selbstverständlich wurde Annette sofort gekündigt und, damit sie ja nicht mehr Verwirrung in einem herrschaftlichen Hause stifte, an ein großes Pariser Hotel empfohlen, zu dessen Aktionären Herr von L. gehörte. Also begann ihre bescheidene Karriere.
Sie hielt es (nicht mit Unrecht) für angenehmer, im Laufe eines Vormittags zwanzig Zimmer unbekannter und immer wechselnder Bewohner zu säubern, als nur acht oder zehn Räume für alle Ewigkeiten eingesessener Menschen, von denen sie Lohn und Brot entgegenzunehmen hatte. Ihr waren Trinkgelder, von Abreisenden als eine Art Steuer hinterlassen, lieber als Weihnachtsgeschenke, von der Frau des Hauses im Dezember feierlich überreicht und noch im April, zu Ostern, vorgehalten. Sie gewöhnte sich an ihren Beruf, weil er nicht die Eintönigkeit einer Dienstbotenexistenz hatte, nichts von dem faulen Glanz einer patriarchalischen Hausordnung, sondern etwas von der kalten, klaren Sachlichkeit eines Geschäfts, eines Amtes fast und weil er obendrein noch eine Ahnung von der Vielfalt und Buntheit der Welt, ihres Reichtums, ihrer Bewohner vermittelte. Sie gelangte, weil sie hellhörig und neugierig war, mit der Zeit zu einer Kenntnis verschiedener Sitten der wohlsituierten Kreise, verschiedener Intimitäten des Luxus, des Liebeslebens in der Kultur und einer Noblesse, die ihre wirtschaftlichen Grundlagen hat. Diese Erfahrungen erhöhten ihre Ansprüche an die Männer, mit denen sie durch Zufall zusammenkam. Und obwohl ihr der und jener gefiel, konnte sie sich dennoch nicht entschließen, den und jenen zu heiraten. Der einzige Mann, mit dem sie auf einem Ball zusammengekommen war und der die ritterlichen Formen zu beherrschen schien, die nach der Meinung der Zimmermädchen den Herren der gehobenen Schichten eigen sind, war ein Zuave, ein Feldwebel aus den Kolonien. Offen gestanden, hatte sie ein wenig Angst vor Farbigen. Wenn einer gelb oder schwarz war, so mußte es sich doch eines Tages auf irgendeine Weise äußern: in einem plötzlichen Wahnsinn, in einer unerwarteten Gewalttat oder auch nur in einer merkwürdigen Krankheit. Trotzdem wollte sie es wagen. Da brach der Krieg aus - und der Zuave starb, wie es sich gehörte, für Elsaß-Lothringen...
Ihre Trauer war größer, als ihre Liebe jemals gewesen war. Denn sie verlieh dem Toten noch mehr Vorzüge, als der Lebendige besessen hatte. Sie hinterblieb in der Überzeugung, das Ideal der Männlichkeit verloren zu haben. Mit dem Bild verglichen, das sie sich von dem Toten gemacht hatte, waren alle vornehmen Gäste des Hotels mißlungene Exemplare des männlichen Geschlechts. Selbst Boxer und Aviatiker blieben weit hinter dem toten Zuaven zurück. Da sie kein Bild von ihm besaß und Ansichtskarten von Ideal-Zuaven nicht hergestellt werden, dichtete sie ihm die Züge aller photographierten Heroen in den illustrierten Zeitungen an. In ihrem pietätvollen Gehirn, das im Laufe weniger Jahre die Arbeit verrichtete, die sonst einigen Generationen zu einer Legendenbildung nötig ist, wurde der Tote ein farbiger Halbgott. Die Erinnerung an ihn bewahrte sie, nebenbei gesagt, vor den Verführungsversuchen weißer, etwas angetrunkener und sorgloser Hotelgäste.
Wenn man einen großen Schmerz hat, ist es gut, seinen Aufenthaltsort zu wechseln. Sie kam hierher in dieses Hotel, von dem ich eben berichtete, verhältnismäßig leicht, denn es gehört derselben Aktiengesellschaft, die das Pariser Hotel Annettes besitzt. Hier kaufte sie den Ehering, hier bekam sie den Titel Madame und damit im Zusammenhang einen leichteren Dienst. Sie ist jetzt gewissermaßen die rechte Hand der Wirtschafterin, hat nur fünf, sechs Zimmer zu besorgen und die Mädchen zweier Stockwerke zu beaufsichtigen. Sie trägt nicht mehr ein blaues Kleid, sondern ein schwarzes, und ist auch nicht zu dem traditionellen weißen Häubchen verpflichtet. Doch legt sie es gerne an - aus Koketterie, obwohl sie behauptet, es geschehe aus Bescheidenheit. Immerhin ist sie außergewöhnlich hübsch. Ja, es scheint mir manchmal, daß sie selbst nicht weiß, wie schön sie sein kann. Denn gerade zum Bewußtsein der eigenen Schönheit gehören Muße und eine gewisse materielle Unabhängigkeit. Es scheint mir manchmal, daß ihr ein Mann sagen müßte:
»Hören Sie, Madame Annette! (oder auch nur: »Annette!«) Ihre schwarzen Haare, Ihre hellgrauen Augen und Ihr braungelber Teint sind eine seltene Komposition der Natur! Obwohl Sie nur am Mittwoch, an Ihrem freien Tag, seidene Strümpfe tragen, sieht man auch sonst den reizvollen Schwung Ihrer Beine, einen sanften, leise abschwellenden Übergang vom Muskel der Wade zu den Sehnen des Fußgelenks. Glauben Sie ja nicht, daß man Ihren schmalen Hüften, Ihrer kleinen Brust und Ihren kräftigen, verarbeiteten, aber schönen Händen ansehen muß, daß Sie nicht zu der Gesellschaft gehören, die Sie für die gute halten. Sie können ohne Zweifel wie eine Dame aussehen, selbst wenn Sie einen Befehl entgegennehmen, die hellen Augen auf den Gast gerichtet und doch noch in die leere Luft hinter seinem Rücken. Ihren schmalen, merkwürdig roten Mund (für den Sie Ihres Teints wegen einen etwas helleren Stift brauchen müßten) fest geschlossen, wie zur Abwehr jeglicher Unart, und das weiche Kinn ein wenig gehoben, als wäre es der Sitz der Aufmerksamkeit, aber auch des Hochmuts. Es ist kein Zweifel, daß Sie schön sind, Annette!« Das dürfte man ihr leider nicht gesagt haben. Die Spiegel, vor denen sie gerne stehenbleibt, sind gefällig, aber stumm. Und die Zeit ist flink und kurz. Annette hat zwar eine oberflächliche Übung im Aufräumen. Der Waschtisch dauert fünf Minuten, das Bett drei, der Tisch zwei. Herren lassen gerne Anzüge über Stühlen hängen. Das ergibt Komplikationen. Ferner Papiere, Bücher, Briefe auf dem Schreibtisch. Die Hausordnung verbietet eine Veränderung der von den Gästen auf den Schreibtischen hinterlassenen Unordnung. Gesäubert aber müssen sie werden! Jeder Zettel muß in seiner Lage verharren. Das dauert manchmal zwanzig Minuten. Dann muß man die Mädchen kontrollieren. Sie schwatzen. Signale leuchten, grün und dauerhaft, und die Mädchen rühren sich nicht. Annette ermuntert sie. Sie arbeitet von zwölf Uhr mittags bis neun Uhr abends. Eine Stunde Mittagspause. Unten, neben der Küche, an dem langen Tisch fürs Personal, der an Mittagstische in Waisenhäusern erinnert. Wenn Annette noch fünf Jahre so arbeitet, wird sie bestimmt Wirtschafterin — um weiterzuarbeiten. Einmal, es war ein Mittwoch, traf ich sie vor dem Eingang zu einem der großen Kinos. Sie betrachtete die Bilder, Szenen aus reichen Milieus. (Denn nichts interessiert die Armen so sehr wie das Leben der Reichen.) Ich erlaubte mir, weil wir uns schon so lange kennen, sie einzuladen. Wir sahen einen jener Filme, die von der großen Internationale der »Branche« seit zwanzig Jahren immer wieder als Zeugnis für ihre »soziale Gesinnung« hergestellt werden. Es war einer jener Filme, in denen immer wieder ein junger Mann aus besseren Sphären ein armes Mädchen aus niederen zu sich und zu einem Souper emporzieht, bei dem es nicht weiß, ob man Eis mit der Gabel nimmt oder einen Apfel mit dem Nußknacker öffnet. Das Publikum weiß es und wiehert der Filmindustrie zu. An jenem Abend wieherte es ebenfalls. Madame Annette meinte: »Immerhin könnte das Mädchen es nach den vielen Filmen schon gelernt haben! Sie wird doch schon ein paarmal im Kino gewesen sein, da ja der Film in New York spielt!« Hierauf bat ich - aus einer etwas zu hastigen, zu ehrlichen Reaktion gegen die »Branche« - Madame Annette in ein gutes Restaurant zum Abendessen. Hier und dort saß ein Gast aus dem Hotel. Hie und da traf Madame Annette ein werbender Blick, kein erkennender — denn ein richtiger Herr glaubt niemals, daß in dem Lokal, in dem er speist, ein Zimmermädchen sitzen könnte. Nur nebenbei erwähne ich, daß Madame Annette ein hochgeschlossenes, dunkles Kleid trug, das sie blaß machte, ihren Mund noch röter - und eine Schnur falscher Perlen, die einen bläulichsilbernen Widerschein auf die untere Partie ihres braungelben Gesichts warfen. Wichtiger scheint es mir zu betonen, daß sie mit dem Besteck besser umzugehen wußte als die paar Herren vom Film, in deren Gesellschaft ich hie und da Gelegenheit hatte zu Abend zu essen - oder wie sie selbst sagten: zu »soupieren«...
Frankfurter Zeitung, 9. 2. 1929
Es gehört zu den Eigentümlichkeiten des Hoteldirektors, daß man sein Alter nicht schätzen kann. Dem und jenem mag es unheimlich vorkommen, um elf Uhr vormittags einen etwa fünfzigjährigen Hoteldirektor zu sehen, der um drei Uhr nachmittags ein guter Vierziger und spät in der Nacht wieder ein Fünfziger wie am Vormittag zu sein scheint. Nicht so rapide wie seine Physiognomie, aber immerhin verwunderlich schnell genug verändert sich die Haar- und Bartfarbe des Direktors. Es gibt Zeiten, in denen sich in den tief schwarzen Schnurrbart einzelne silbergraue Härchen zu stehlen beginnen. Ein paar Tage später sind sie verschwunden. Manchmal sieht man auf seinem Kopf den Anfang einer Glatze. Eines Tages erscheint er wieder mit der gewöhnten sanften, seidig-weichen, etwas frauenhaften Haarfülle. Obwohl er ein durchaus mondäner Hoteldirektor in einem mondänen Hotel ist, spricht das Personal nicht anders von ihm als vom »Patron«. Es mag den armen Menschen, obgleich sie ihr ganzes Leben in der Nähe des modernen Kapitals verbringen, sehr mühsam sein, sich eine Aktiengesellschaft als Brotgeber vorzustellen, einem abstrakten Begriff, hervorgesprungen aus den dünnen Kolonnen des Kurszettels, zu dienen und den Mann, der sie aufnimmt und entläßt, der ihnen das befiehlt und jenes verwehrt, ebenfalls nur für den Angestellten einer geheimnisvollen Aktiengesellschaft zu halten. Es ist einfacher, ihn für den Patron zu halten. Wäre er nun wirklich der Besitzer, ja, wäre er auch nur an der Aktiengesellschaft beteiligt, er würde - wie ich ihn kenne - sich den populären und provinziellen und die ganze Größe des Betriebs beleidigenden Titel nicht gefallen lassen. So aber behagt dem Direktor die Anrede »Patron«, sie schmeichelt ihm sogar. Derlei Geheimnisse seiner Seele, die ich manchmal zu erraten glaube, aber auch noch andere sichtbare Eigenschaften des Charakters haben mich lange gehindert, den Direktor sympathisch zu finden - so, wie ich es gewollt hätte. Denn die schriftstellerische Objektivität erfordert eine ganz bestimmte Art von Sympathie für die zu beschreibenden Menschen, eine literarische Sympathie, deren sich unter Umständen auch ein Schuft erfreuen kann. Aber mein privates Herz schlägt in einer sentimentalen (und jüngst wieder etwas unmodern gewordenen) Weise für die kleinen Wesen, denen man befiehlt und die gehorchen, gehorchen, gehorchen, und läßt mich selten zu der Objektivität für die großen gelangen, die befehlen, befehlen, befehlen. Was den Direktor betrifft, so wiederhole ich mir manchmal den mildernden Umstand: auch ihm wird befohlen; von der Aktiengesellschaft, das ist wahr! Aber die Befehle, die er empfängt, werden ihm einmal im Jahr, für alle 365 Tage gegeben, es sind Generalbefehle, auf einem schönen Bogen Papier niedergeschrieben, beinahe Dokumente. Er kann sie übrigens auf eine beliebige Weise nach unten hin verstreuen und, wenn sie ihm hart erscheinen, wie es üblich ist, in einer noch härteren Form weitergeben, wodurch ihm sein Los, vergleicht er es mit dem eines ihm Gehorchenden, bedeutend leichter erscheint. Soweit die Leiter, die zur Aktiengesellschaft hinanführt, sichtbar ist, steht er, der Direktor, auf ihrer höchsten Sprosse.
Dennoch hätte ich mich damit längst abgefunden, wenn es nicht zu seinen Gewohnheiten gehörte, sehr leise an Orten aufzutreten, an denen man ihn nicht erwartet. Plötzlich erscheint er in dem abgelegenen Teil eines Korridors. Es ist immer so, als wäre er lange dagestanden und als setzte er sich erst in Bewegung, sobald er einen kommen hört. Ein anderes Mal geht er mit schnellem Schritt, den Kopf gesenkt, durch die Halle, wie um zu demonstrieren, daß er sich um niemanden kümmere. Aber ich weiß wohl, daß seine Augen, die seitwärts, nahe an den Schläfen eingefaßt sind wie die eines Vogels oder eher einer Eidechse, rasch und sicher die Bilder der ganzen Umgebung mitnehmen und daß der Direktor nach so einem kurzen Ausflug ganz genau weiß, wer in der Halle sitzt, was der Portier macht und ob alle Liftboys und Boten anwesend sind. Sein Blick verhakt sich harpunenartig in den Bildern. Es ist, als hätte er sie mitgenommen, in sein Kontor, um sie zu entwickeln oder in ein Album zu legen.
Er hat die Gewohnheiten, die Bewegungen, die Eigenschaften eines Detektivs. In der Levante geboren und ein Kind griechischer Eltern, besitzt er wahrscheinlich die geistige Hurtigkeit, die man Griechen und Levantinern zuschreibt. Was er erblickt, sieht er, was er sieht, kennt er. Alle Sprachen spricht er mit der gleichen Geläufigkeit. Aber in keiner einzigen kann er einen fehlerlosen Brief schreiben. Seiner Sekretärin diktiert er nur Stichworte, gescheite Stichworte wahrscheinlich; ihr bleibt die Stilisierung überlassen. Von mittlerer Größe, aber so dünn, daß er zuweilen sehr groß erscheinen kann, sieht er aus wie ein edles Mitglied einer sehr fernen und sehr fremden Rasse. In seinem dunkelbraunen, schmalen und zu beiden Seiten wie abgeplatteten Gesicht erinnert die hagere Nase an eine Waffe, ein gebogenes Messer aus Knochen und Haut. Die schmale Stirn verdeckt rechts eine Welle des schwarzen Haars. Der dünne Schnurrbart wölbt sich wie ein schwarzer Faden - er ist am oberen und unteren Rand rasiert - über dem Mund und liegt beinahe in der Mitte der langen Oberlippe. Der Mund öffnet sich nur sehr wenig, auch wenn der Direktor spricht. Wenn er zahnlos wäre, man würde es nicht bemerken.
