Wie das Flüstern der Zeit - Nicolas Fayé - E-Book

Wie das Flüstern der Zeit E-Book

Nicolas Fayé

4,8

Beschreibung

In der ausgehenden Bronzezeit erhält das Mädchen Alesha ein geheimnisvolles Amulett, dessen Stärke sie nicht kennt. Erst im Laufe ihres Lebens wird ihr bewusst, welche Macht sie in Händen hält. Gleichzeitig machen sich die drei Freunde Lorin, Gilgas und Amerus auf eine abenteuerliche Suche nach einem neuen Metall, das weit im Osten gefunden wurde und das die Herrschaftsverhältnisse auf der östlichen Steppe von Grund auf verändern würde. Immer wieder kreuzen sich die Wege Aleshas und der drei Freunde. Auch der geheimnisvolle Wanderer Thorai scheint ein starkes Interesse an Aleshas Amulett zu besitzen.

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Inhaltsverzeichnis

Prolog – Großvater

Kapitel 1 – Die Prophezeiung

Kapitel 2 – Das fremde Volk

Kapitel 3 – Die drei Freunde

Kapitel 4 – Über das Binnenmeer

Kapitel 5 – Das Dorf

Kapitel 6 – In der Steppe

Kapitel 7 – Thorai

Kapitel 8 – Tash-Ana-Ma-Rai

Kapitel 9 – Aleshas Flucht

Kapitel 10 – Die kalte Klamm

Kapitel 11 – Gilgas und Kat-Tia

Kapitel 12 – Die Gefangennahme

Kapitel 13 – Im Dorf der Geti

Kapitel 14 – Winterlager

Kapitel 15 – Über den Fluss

Kapitel 16 – Tronto

Kapitel 17 – Moendai

Kapitel 18 – Der Treck

Kapitel 19 – Harappa

Kapitel 20 – Der Wolf und das Auge

Kapitel 21 – Der König

Kapitel 22 – Erneute Flucht

Kapitel 23 – Othal

Kapitel 24 – Lorin

Kapitel 25 – Die Heruler

Kapitel 26 – Die große Wanderung

Kapitel 27 – Das Opfer

Kapitel 28 – Alesha und Lorin

Kapitel 29 – Schlachten

Kapitel 30 – Der Zweikampf

Epilog Eins – Was weiter geschah

Epilog Zwei – Das Vermächtnis

Prolog - Großvater

Meinen Großvater habe ich eigentlich kaum gekannt. Ich war zu jung, als er starb und die Erinnerung verblasst mehr und mehr, je älter man wird. Heute habe ich große Probleme, mir sein Gesicht in Erinnerung zu rufen. Es scheint, als ob es nur verschwommen hinter einer Nebelwand darauf wartet, wieder klar gesehen zu werden. Trotzdem besitze ich von ihm noch etwas, das mich jeden Tag daran erinnert, dass er einmal gelebt hat, wie viele Generationen vor ihm. Er schenkte mir eine Geschichte. Eine sehr schöne, aber auch traurige Geschichte. Von Liebe, Kampf und Sterben. Und von der Geburt eines Volkes. Und so, wie mein Großvater sie mir erzählte, so möchte ich sie euch erzählen und weitergeben, damit sie nicht mit meinem Tod verloren geht.

Das Haus meiner Großeltern war nur sehr klein, fast eine Kate. Es hatte im ganzen nur vier kleine Räume, nicht einmal einen Keller. Zu ebener Erde kam man direkt in die Küche. Ein winziger Raum, mit altmodischem, aber zweckmäßigem Kohleherd, der gleichzeitig zum Kochen und Heizen diente. Der große Tisch aus schwerem Holz, um den sich immer die ganze Familie und die häufigen Gäste versammelten, nahm fast ein Drittel des Platzes ein. Das war der Ort, an dem sich alles Leben abspielte. Hier wurde gekocht, gegessen, gelacht und geweint. Hier trafen sich Nachbarn und Freunde und alle, die hinkamen, waren willkommen. Meine Großmutter hatte einen kleinen Schlafraum, direkt daneben. Mein Großvater schlief im ersten Stock, der nur über eine schmale Stiege zu erreichen war. Als Kind hatte ich immer große Angst, dort hinunterzufallen. Die Toilette war nicht im Haus, sondern man musste quer über den Hof laufen. Vorbei am Nachbarhaus, in dem ein Onkel wohnte, fast bis in den Garten. Das stille Örtchen machte seinem Namen alle Ehre, nicht einmal das Geräusch einer Wasserspülung störte die Sitzung. Allenfalls die Fliegen im Sommer waren lästig und die Kälte im Winter. Ein richtig altmodisches Plumpsklo. Meine Großeltern haben es nie umbauen lassen. Ich mochte dieses kleine Haus und seine Menschen. In meiner Kindheit war ich oft dort, obwohl es viele Hunderte Kilometer von meinem Elternhaus entfernt lag. Immer, wenn sich eine Möglichkeit ergab, fuhr ich mit meiner Familie zu meinen Großeltern. Ich freute mich, inmitten vieler guter Freunde und Nachbarn in der Küche zu sitzen und den Gesprächen zuzuhören. Bei Marmeladenbrot und Kakao schien mein Leben wie ein Paradies und ich wollte, dass es nie anders werden würde.

Eines Tages, ich spielte im Garten, es war eigentlich ein Nutzgarten mit nur wenigen Blumen, die aber als bunte Farbtupfer eine heitere Stimmung erzeugten, kam mein Großvater zu mir, nahm mich beiseite und begann unvermittelt zu erzählen. Anfangs verstand ich nicht, was er mir sagen wollte. Aber dann wurde mir klar, dass er von einer sehr alten, längst vergangenen Zeit erzählte. Und ich begann, an seinen Lippen zu hängen und die Geschichte in mich aufzusaugen. Es ist eigenartig. Man vergisst im Laufe seines Lebens so viele Einzelheiten, selbst Dinge, die einem einmal sehr wichtig erschienen. Die Geschichte meines Großvaters habe ich nicht vergessen. Fast jedes Wort ist in meinem Gedächtnis geblieben. Und jetzt, auf der Höhe meines Lebens, habe ich mich entschlossen, sie aufzuschreiben und zu erzählen. Eine Geschichte, die vor dreieinhalb Jahrtausenden in den Steppen des Ostens begann.

Kapitel 1 – Die Prophezeiung

Die Nacht war mondlos dunkel und stürmisch. Dichte Wolken türmten sich am Himmel. Ferne Blitze und grollender Donner kündeten ein nahendes Gewitter an. Gegen Norden schwang das Nordlicht in allen Farben, wie die losen Bahnen eines Sommerzeltes. Schon seit Tagen schauten die Menschen angstvoll zum Himmel, an dem der geschweifte Stern durch Wolkenlücken deutlich zu erkennen war. Ein schlechtes Zeichen für das beginnende Jahr. Obwohl der Frühling schon nahte, hatte es vor einigen Tagen noch einmal zu schneien begonnen und der frische Schnee bedeckte die Erde wie ein Leichentuch. Die Pferde scharrten unruhig mit den Hufen. Eine unerklärliche, eigenartige Stimmung lag über der weiten Landschaft und seinen Menschen. Selbst die Schriftkundigen und die alten, weisen Frauen konnten sich nicht erinnern, eine solche Nacht je zuvor erlebt zu haben. Es war, als ob sich Zorn und Freude um das Volk streiten würden.

In dieser Nacht wurde dem Hirten Gore und seiner Frau Ameswinth eine Tochter geboren. Gore nahm das Kind, wickelte es in das Fell eines Widders und ging mit ihm in das unwirtliche Wetter hinaus. Er hob das Mädchen hoch über seinen Kopf und rief: „Alesha, das heißt Glück. So soll dein Name sein. Von heute bis an das Ende der Zeit. Sieh die Sterne, die verblassen, wenn sie dich sehen. Sieh die Sonne, die ihr Antlitz hinter Wolken versteckt. Und sieh den Mond, der einzige, der mächtiger ist als alle Menschen.“

So gab Gore seinem Kind den Namen, baute ihm eine Wiege aus dem Holz der roten Buche und ließ von einem Schriftkundigen ihren Namen in das Holz ritzen. Am Kopf der Wiege befestigte er mit Knochenleim einen Karneol, damit das Kind sicher und behütet sein würde. Ameswinth nähte aus grobem Leinen die Windeln für Alesha und ein Fell wurde ihre Decke. Siebzig Tage nach Alehsas Geburt schlachtete Gore ein Schaf und lud das ganze Dorf ein, mit ihnen zu feiern.

„Ein schönes Fest, Gore. Hast du noch von diesem Met?“ Tronto war wieder in seinem Element. Solange genug zu trinken und zu essen für ihn da war, konnte ihn nichts erschüttern. „Ich liebe solche Feiern. Leider gibt’s viel zu wenige davon.“

„Dein Magen ist wohl unerschütterlich“, lachte Ameswinth und wischte sich mit einem Zipfel ihres Kleides über den Mund.

„Wenn es nach dir ginge, würden wir nur noch Feste feiern.“

„Aber sicher“, rief Tronto. Der Schmied griff mit seinen schwieligen Händen schon etwas unsicher nach dem Krug des süßen Getränks. „Hör zu, Gore. Hast du schon von dem neuen Metall gehört, das die Schmiede im Osten gefunden haben? Viel härter als unsere Bronze ist es. Man sagt, man kann Steine damit schneiden. Selbst die Götter haben kein solches Metall. Ich werde bald aufbrechen, um diesen Stoff mit meinen eigenen Augen zu sehen und zu lernen ihn zu schmieden.“

Gore schaute den Dorfschmied mit großen Augen an: „Übertreibe nicht, Tronto.“ Er führte den Krug zum Mund, trank ein wenig und sprach weiter: „Es ist ein weiter Weg in den Osten. Ich würde ihn nicht gehen, nur um einem Märchen hinterherzulaufen. Kein Metall kann schöner und besser sein als die Bronze. Schließlich kommen die Händler weit aus dem Westen, nur um Silber, Felle und Sklaven dagegen einzutauschen.“ Das Met lief dem Hirten zu beiden Seiten aus den Mundwinkeln und er begann unablässig zu rülpsen. „Aber wenn du es findest, bringe mir etwas davon mit.“

Er balancierte den Krug auf der Handfläche seiner linken Hand, als ihm plötzlich ein kleines Ledersäckchen vor die Füße geworfen wurde.

„Du Unwissender!“ Der Ruf ließ alle Gespräche sofort verstummen. Die Gesichter der Anwesenden wurden bleich. Gore ließ den Krug zu Boden fallen, wo er klirrend zerschellte. Das restliche Met versickerte durch die Ritzen des Bodens.

„Wa, wa, was willst du hier?“, stotterte Gore in Richtung des Neuankömmlings. Niemand hatte mitbekommen, woher der völlig in schwarzes Leder gekleidete Mann gekommen war. „Ich habe dich nicht eingeladen.“

„Das macht nichts“, sagte der Schwarze. „Brauch ist es, Brauch soll es bleiben.“ Er nahm das Ledersäckchen vom Boden auf, ging mit lautlosen Schritten zur Wiege, beugte sich über Alesha und ignorierte den angstvollen Schrei der Mutter, die versuchte, zwischen ihn und die Wiege zu gelangen. Er schüttelte den Beutel über Aleshas Kopf, so dass die Umstehenden den feinen Klang der Knochen hören konnten, die in dem Ledersäckchen klirrten.

„Geh weg, Schamane“, schrie Ameswinth. „Lass mein Kind zufrieden!“

Der Schwarze machte weiter, als ob er die Stimme nicht gehört hätte.

„Guter Name. Alesha. Du wirst ihn brauchen,“ murmelte er und drehte sich plötzlich zu Gore um: „Sie wird vom Dorf nicht weggehen, solange der Stamm lebt.“

Gore lachte unvermittelt auf. „Das hätte ich auch prophezeien können. Sie wird den Sohn meines Bruders heiraten. Und der geht bestimmt nicht hier weg. Alle aus meiner Familie sind Hirten in unserem Stamm, seit Menschengedenken.“

„Höre meine Worte!“ Der schneidende Klang der Stimme ließ Gore und seine Gäste wieder verstummen. „Sie wird nicht sterben, solange der Stamm lebt. Alt wird sie sein am Ende ihrer Zeit und doch jung. Sie wird ihre Feinde lieben, die sie doch hassen sollte. Mächtig wird ihr Mann sein und doch seine Macht nur aus ihr schöpfen. Der Stern, der am Himmel steht, wird wiederkommen, wenn ihre Zeit zu Ende geht. Sie wird Völkern den Namen geben und der Welt ein Rätsel. Nie wird man sie vergessen und doch wird niemand ihren Namen kennen. So steht es geschrieben, so soll es geschehen.“

Die Stimme war noch nicht verklungen, als der Schamane langsam zur Türe hinausging. Auf der Schwelle drehte er sich noch einmal um und warf Gore einen langen, durchdringenden Blick zu, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Dann verschwand er so plötzlich wie er aufgetaucht war.

Ameswinth rannte zur Wiege und nahm ihr Kind in den Arm. Das Mädchen hatte von den Ereignissen, die sich gerade abgespielt hatten, nichts mitbekommen. Sie schlief noch genauso fest und tief wie schon während des ganzen Festes.

„Was hat er dir getan, mein Engel?“, flüsterte Ameswinth und wiegte die Kleine sanft hin und her. „Nie werde ich zulassen, dass dir etwas geschieht.“

Sie hatte die letzten Worte gerade zu Ende gesprochen, als ihr Blick auf ein kleines Amulett fiel, das in den Ritzen des Wiegenfelles lag. Vorsichtig nahm sie es in die Hand und betrachtete es ungläubig. Es sah aus wie ein brauner Stein, durch dessen Mitte ein Loch gebohrt war, wodurch wiederum eine Lederschnur gezogen war. Der Stein, an manchen Stellen glatt und eben, überwiegend aber rau und wie mit vielen kleinen Löchern perforiert, übte eine eigenartige Anziehungskraft auf Ameswinth aus. Morgen würde sie ihn der alten Becka zeigen, der ältesten und weisesten Frau, die sie kannte.

„Das Auge der Welt!“

Becka nahm den Stein ehrfürchtig in die Hände, wiegte ihn langsam hin und her und sagte: „Ich habe schon in meiner Kindheit davon gehört. Meine Großmutter erzählte mir davon. Einst soll er dem Gott Thorai gehört haben, den man den Wanderer zwischen den Welten nennt und dessen Waffe ein mächtiger Hammer aus Stein sein soll. Man sagt, das Auge habe magische Kräfte und würde große Macht verleihen. Sicher weiß ich nur, dass das Amulett immer weitergegeben wird - von einem Träger zum nächsten. Und jeder, der es besitzt, gibt es an jemanden weiter, den er für gut und kraftvoll genug hält, die Macht des Auges zu nutzen. Ameswinth, du musst es der Kleinen um den Hals hängen. Niemand außer ihr darf es besitzen.“

Becka gab den Stein zurück und lächelte.

„Der alte Schamane hat es ihr gegeben, sagst du? Das hätte ich dem Schwarzen nicht zugetraut, dass er das Auge hatte. Man hat ihn immer für einen dunklen Propheten gehalten, der durch das Land des Stammes irrlichterte. Ich glaube, ich werde den Alten jetzt mit ganz anderen Augen betrachten.“

Kapitel 2 – Das fremde Volk

Seit jenem Tag, an dem die Geburt Aleshas gefeiert wurde, waren vierzehn Jahre ins Land gegangen. Vor gut zehn Jahren war Tronto, der Schmied nach Osten aufgebrochen, um das legendäre neue Metall zu finden und mit eigenen Augen zu sehen. Der alte Schamane war seit dem Fest nicht mehr gesehen worden und niemand schien ihn zu vermissen. Aus Alesha war ein hübsches Mädchen mit klugem, intelligentem Blick und einem mitreißenden Charisma geworden. Aber etwas war außergewöhnlich an ihr - sie trug niemals ein Kleid, sondern immer ihre geliebten Hosen aus Wildleder, mit denen sie leichter und unbeschwerter auf den halbwilden Pferden reiten konnte, sowie ein langes Lederhemd. Nur ihre Eltern und die alte Becka wussten von dem Amulett, das sie unter ihrer Kleidung trug. Sie war oft bei Becka, einer Frau, deren Gesicht voller Runzeln und die trotzdem ohne Alter war. Wie alt war sie? Niemand wusste es genau. Sie war älter als jeder andere des Stammes. Trotz ihres Alters war ihr Geist ungetrübt und hellwach. Vor einigen Tagen hatte sie Alesha von Gerüchten erzählt, nach denen ein neues Volk von den Hochebenen hinunter in die Steppe gekommen war. Die wenigen Nachrichten, die darüber Auskunft gaben, waren widersprüchlich und auch kaum zu glauben. Grausam und schrecklich sollte das neue Volk sein, ihren Göttern würden sie Menschen opfern hieß es und aus ihren Köpfen würden Flammen sprühen. Becka meinte, das seien Ammenmärchen. Kein Mensch würde so aussehen. Glauben würde sie jedoch, dass die gefiederten Pfeile der Fremden treffsicher ihre Ziele finden würden. Aber die Steppe war weit und der Stamm wehrhaft. Diese Gedanken gingen Alesha durch den Kopf, als sie im Schatten einer großen, massigen Birke saß und sich von ihrer Mutter die langen, schwarzen Haare mit einem Knochenkamm durchkämmen ließ. Ihr Vater saß etwa hundert Schritte weiter mit einigen anderen Männern des Stammes um ein Feuer und trank mit ihnen dieses süße Getränk, das scheinbar alle Männer mochten. Sie betrachtete die Szene und lachte leise in sich hinein.

Zur gleichen Zeit fiel Gores Blick auf seine Frau und seine Tochter und er musste lächeln. Dieser Anblick war ihm vertraut und er liebte ihn. Alesha war sein einziges Kind und er würde den Tag des Abschieds voller Wehmut erleben. Die letzten vierzehn Jahre waren für ihn wie ein Wunder gewesen. Sie hatten ihm gezeigt, dass nicht nur Jungen wirkliches Glück brachten. Er lehnte sich an den Baum in seinem Rücken und lächelte tief in Gedanken versunken. Er hörte den donnernden Hufschlag, bevor er die Reiter kommen sah. Die Herden, die auf der Steppe grasten, liefen nach allen Seiten wild auseinander, als die Fremden mit lautem Gebrüll durch sie hindurch ritten. Noch bevor Gore aufspringen konnte, um seine Waffen aus dem Sommerzelt zu holen, durchschlug ein gefiederter Pfeil seine Kehle und nagelte ihn an den Baum. In den nächsten Minuten sah er das Ende des Stammes. Die alte Becka humpelte über den Platz und versuchte, zu einem Dickicht zu gelangen, um sich zu verstecken. Sie sah den Reiter hinter sich nicht und spürte auch nicht den Schlag seiner Keule, der ihr den Schädel zertrümmerte. Sie war tot, noch bevor sie auf den Boden aufschlug. Ameswinth rief ihrer Tochter zu sich zu verstecken, als einer der fremden Krieger ihr einen Dolch zwischen die Rippen stieß. Dann schnappte er sich das Mädchen und versuchte, sie mit Rohlederriemen zu fesseln. Alesha wehrte sich mit aller Gewalt und kratzte dem Krieger mit ihren Fingernägeln quer über sein Gesicht. Aber alle Gegenwehr nützte nichts. Der Angreifer war stark und unbarmherzig. Mit seinem Hartholzbogen versetzte er ihr einen heftigen Schlag auf den Hinterkopf, so dass das Mädchen bewusstlos in sich zusammensank. Er fesselte Alesha, warf sie fast beiläufig über den Sattel seines Pferdes und ging langsam über den Platz zwischen den Sommerzelten auf Gore zu.

Die Männer des Stammes waren tot, noch bevor sie sich über den unverhofften Angriff im Klaren gewesen waren. Gores sterbende Augen beobachteten hilflos den Untergang seines Stammes und den Tod seiner Frau. Er sah, dass Alesha nicht getötet wurde, aber was würde das weitere Leben für sie bereithalten? Würde seine Tochter ein Menschenopfer des fremden Volkes werden? Er konnte ihr nicht helfen und das war schlimmer als der Tod. Gore sah einen mächtigen Krieger auf sich zukommen, der sich vor ihm aufbaute und ihn neugierig musterte. Sein markantes Gesicht war blutig zerkratzt und er würde Narben zurückbehalten. Quer über seine Adlernase waren drei blaue Linien tätowiert und in seine Haare waren schmale rote und gelbe Bänder geflochten. Aus der Ferne musste es aussehen, als ob Flammen aus seinem Kopf züngeln würden.

Die Stimme traf Gore wie ein Donnerschlag: „Ich bin Fenris, Herr der Alani und Gott meines Volkes. Ich kam in die Steppe hinunter, um mir das Land zu nehmen. Niemand kann neben mir und meinem Volk bestehen. Stirb!“

Der riesige Krieger drehte sich um, ging zu seinem Pferd, legte Alesha fast auf den Hals des Rappen und stieg in den Sattel. In leichtem Trab verließen Fenris und seine Krieger den Schauplatz des Gemetzels. Beiläufig warf er noch einen Blick auf den sterbenden Gore und sah Tränen aus seinen Augen rinnen. Fenris lachte dröhnend und ritt an der Spitze seiner Leute aus dem Lager. Zwei Stunden später war Gore tot.

Kapitel 3 – Die drei Freunde

Ein kleiner Wald säumte den schmalen Wasserlauf, der sich über die Ebene zog. Irgendwo würde er wohl in einen größeren Fluss fließen und mit diesem weiter nach Süden, dem dunklen Meer entgegen, das er eines Tages erreichen würde, um den Kreislauf erneut beginnen zu können. Die schemenhafte Gestalt, die am Rande des Baches, gut geschützt durch die umgebenden Bäume, saß, legte ein Stückchen Holz in das kleine Lagerfeuer, das vor ihr brannte. Dann lehnte sie sich zurück und die neu entfachten Flammen ließen das Gesicht erkennen. Der Mann mochte so um die dreißig Jahre zählen, vielleicht ein paar mehr. Sein Gesicht war das eines Mannes, der viel gesehen und erlebt hatte, aber trotzdem mit hellen, wachen Augen. Seine Haare begannen an den Schläfen schon leicht zu ergrauen und der Bart, den er trug, war von grauen Haaren durchzogen. Am Kinn jedoch hatten die Barthaare eine kupferrote Färbung angenommen, die in völligem Gegensatz zu seiner Haarfarbe stand. Seine Kleidung war die eines Hirten, obwohl sein sonstiges Aussehen sofort verriet, dass der Fremde kein Hirte sein konnte. Seine Finger waren lang und schmal, seine Gestalt konnte man fast als dürr bezeichnen, obwohl in seinem unscheinbaren Wesen eine große Kraft vorhanden sein musste. Kaum sonst hätte sich jemand in diesen Zeiten alleine in die Steppe gewagt. Der Mann hielt die Augen halb geschlossen und ließ seinen Gedanken freien Lauf.

Noch vor einigen Jahren hätte er laut aufgelacht, wenn ihm jemand erzählt hätte, dass er heute in einem fremden Land umherwandern würde und dass seine besten Freunde Tagediebe und Abenteurer sein würden. Wie lange war es schon her, als er ein erfolgreicher Kaufmann aus dem Volk der Luwier gewesen war. In der Stadt Wilusa hatte er sein Handelshaus gehabt und große Schiffe nach Kreta und in das ferne Ägypten dirigiert. Er mehrte mit jeder Fahrt seinen Reichtum und seine Macht. Wilusa - die Stadt beherrschte unangefochten die Meerenge, die den einzigen Weg in das dunkle Meer, zum Land der Kolcher, darstellte. Eigentlich bestand Wilusa aus zwei Städten. Einer von mächtigen Mauern und wehrhaften Türmen umgebenen Palaststadt, in der zweistöckige, große Häuser allen Luxus boten, der für Geld zu bekommen war. Die Unterstadt, eng bebaut, bot dem gemeinen Volk eine Heimat. Die Mauer um diesen Teil war weitaus niedriger als die Mauer der Burg. Tief unter der Stadt, in den Felsen gehauen, befand sich das größte Heiligtum. Die Quellhöhle des Gottes Kaskal Kur, der der Überlieferung zufolge einst die Stadt gegründet hatte und sie ewig beschützen würde. In dieser Stadt kamen Händler aus der ganzen Welt zusammen: große, bärtige Männer aus dem Land hinter dem großen Binnenmeer brachten Lapislazuli und andere Edelsteine. Händler aus Mitanni sandten Keramik in die Stadt und kleingewachsene Kreter handelten mit ägyptischem Gold. Aus den dunklen Wäldern des Nordens und von der Nebelinsel kamen Bernstein, Zinn und der wertvolle Obsidian aus Melos.

Das war alles aus und vorbei. Vor zehn Jahren, mitten in einer warmen Sommernacht, brachen die Schlünde der Erde auf. In einer einzigen Nacht starb die reiche Stadt Wilusa. Die bebende Erde zerstörte die befestigten Mauern der Palaststadt. In der Stadt des Volkes brachen Häuser in sich zusammen, von den Feuerstellen breiteten sich Brände aus. Er erinnerte sich daran, wie große Mauerbrocken auf die Straßen fielen und jeden erschlugen, ohne auf Rang und Namen zu achten. In Gefahr und Tod waren alle Menschen gleich. Sein Haus überstand den ersten Erdstoß halbwegs unversehrt und er besichtigte bereits die Schäden, als ein weiteres, viel stärkeres Beben zuschlug und die Häuser der Palaststadt und der Unterstadt, die nach dem ersten Beben noch unversehrt waren, ebenfalls in Ruinen verwandelte. Am nächsten Morgen versuchten die Bewohner in die Palastburg vorzudringen, aber der Stadtkönig Priatos ließ die Tore sperren. Der Zorn des Volkes über die verweigerte Hilfe war groß und seine Rache furchtbar. Von überall stürmte die Bevölkerung der Unterstadt über die zerstörten Mauerkronen und fiel wie Wölfe über die Bewohner der Oberstadt her. Er selbst konnte sich nur retten, weil er sich tot stellte und den ganzen Tag in einem Trümmerfeld lag. Mit der beginnenden Dunkelheit schlich er sich langsam aus der Ruinenstätte und wanderte die ganze Nacht und den darauffolgenden Tag ohne Unterbrechung nach Osten. An diesem Tag hatte er seinen Gott und seinen Glauben verloren. Mit Wilusa starb auch der Gott Kaskal Kur.

Er legte noch etwas Holz auf das Feuer und wartete. In dieser Nacht würden seine Freunde sich hier mit ihm treffen. Er hatte sie seit fast einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Irgendwie freute er sich, bekannte Gesichter wiederzusehen. Gilgas, diesen furchtlosen Krieger aus den unendlichen Wäldern des Westens, der über alles und jeden lachen konnte. Und Lorin, ruhig und bedächtig, noch jung an Jahren, aber trotz alledem weit herumgekommen. Die beiden würden bald eintreffen und zu dritt würde die Reise dann weiter gehen. Wohin, das würde ihnen Lorin schon früh genug erzählen.

„Du träumst wieder, Amerus.“ Eine Stimme jagte ihn aus seinen Gedanken.

„Eines Tages wirst du einen Pfeil in deinem Körper haben, wenn du nicht aufpasst. Hier könnte eine Horde wildgewordener Bären durchlaufen und du würdest sie nicht bemerken. Wie kann man nur so leichtsinnig sein?“

Vor ihm stand eine schlanke, kraftvolle Gestalt. Ihre ausgeprägten Gesichtszüge waren von einem breiten Lachen überdeckt.

„Gilgas!“ Amerus sprang auf und umarmte seinen Freund. „Wie schön dich zu sehen. Wo ist Lorin?“

„Der versteckt die Pferde“, meinte Gilgas grinsend.

„Pferde? Wir wollen doch nicht etwa wieder reiten?“

Amerus empfand eine ausgeprägte Abneigung gegenüber diesen halbwilden Tieren. In seiner hethitischen Heimat wurden Pferde nur für die Streitwagen gebraucht. Kein zivilisierter Mensch ritt auf ihnen. Als er vor Jahren die ersten Reiter in der Steppe gesehen hatte, erinnerte er sich an die Geschichten von den Zentauren, die ihm seine Mutter einst erzählt hatte. Wesen, vorne Mensch und hinten Pferd. Nach der ersten Begegnung mit Reitern glaubte er zu wissen, wie diese Geschichten entstanden waren. Jetzt sollte er selbst ein Zentaur werden.

Mittlerweile war Lorin ans Feuer getreten. Er war noch sehr jung, so um die zwanzig Jahre. Dunkelblonde Haare wallten bis zur Schulter. Ausnahmslos in Leder gekleidet wurde seine große Statur durch ein unbestimmtes Charisma unterstrichen. Vor Lorin legte sich gerade ein halbwilder Wolf nieder und legte seine Schnauze auf seine Füße. Lorin hatte ihn vor etwa drei Jahren getroffen. Damals hatte er den Winter in der Steppe verbracht, als eines Abends ein Rudel Wölfe bis an sein Lager kam. Das helle Lagerfeuer hatte sie abgeschreckt näher zu kommen. Er warf ein Stück Fleisch in ihre Richtung, das jedoch dicht bei den Flammen zu Boden fiel. Nur einer der Wölfe überwand seine Angst und holte sich den Leckerbissen. Am anderen Morgen waren die Wölfe verschwunden, bis auf den einen, der sich am Abend zuvor an das Lagerfeuer gewagt hatte. Seit diesem Tag war der Wolf, dessen Fell eine weiße Färbung hatte, bei Lorin geblieben, der ihn Skade nannte.

„Wir sollten noch etwas schlafen,“ sagte Lorin. „Morgen liegt ein weiter Ritt vor uns. In fünf Tagen sollten wir das große Binnenmeer erreicht haben.“

„Was wollen wir da?“ fragte Amerus.

„Das ist nicht unser endgültiges Ziel. Das liegt noch viel weiter im Osten. Fast am Rand der Berge, die den Himmel stützen.“

Lorin warf ein großes Bärenfell, das ihm als Lager diente, in die Nähe des Feuers.

„Ich habe von einem Volk gehört, das ein Metall gefunden hat, welches die Farbe von Zinn besitzt, aber viel härter als Bronze ist. Außerdem ist das eine gute Gelegenheit, näheres über das fremde Volk zu erfahren, das von der Hochebene in die Steppe gekommen ist“, sagte er.

Lorin legte sein kurzes Bronzeschwert und den Bogen ab und ließ sich nieder.

„Ich werde euch Morgen alles erzählen, was ich weiß. Schlaft gut.“

Amerus schaute Gilgas erstaunt an, doch der zuckte nur mit den Schultern und lachte: „Morgen ist auch noch ein Tag, bei allen Göttern, ja das ist es.“

Dann legte sich auch Gilgas schlafen und ließ Amerus stehen.

„Nun, Skade, dann bist du jetzt mit der Wache dran“, sagte Amerus zu Lorins Wolf. „Pass gut auf uns auf.“

Das Tier schaute Amerus mit klugen Augen an und legte dann seinen Kopf zwischen die Vorderpfoten. Amerus wusste, dass niemand nah genug an sie herankommen könnte, ohne dass der Wolf sie warnen würde.

Kurz vor Sonnenaufgang waren sie aufgebrochen und hatten schon eine weite Wegstrecke hinter sich gebracht. Amerus hielt sich tapfer im Sattel und war glücklich darüber, dass sich sein Pferd halbwegs ruhig verhielt. Die Tiere waren nicht mit den schweren Streitwagenpferden der Hethiter zu vergleichen, auch nicht mit den kleinen anspruchsvollen Pferden der Ägypter. Sie waren klein, zottelig und man sah ihnen nicht an, dass sie zu einer der schnellsten Pferderassen der Erde gehörten. Sie waren so genügsam, dass sie sich selbst mit dem dürren Sommergras der Steppe zufrieden gaben. Die Sättel waren aus geformtem Leder und Lorin hatte stabile Lederschlingen, in denen man seine Füße abstützen konnte, daran befestigt.

Lorin lenkte sein Pferd zwischen Amerus und Gilgas.

„Das fremde Volk aus der Hochebene ist sehr gefährlich. Ihre Krieger greifen einen Stamm nach dem anderen an und vernichten ihn. Niemand konnte sie bisher aufhalten. Wir müssen soviel wie möglich über sie erfahren.“

„Nur wer seine Feinde kennt, kann sie vernichten,“ sagte der Luwier. „Ich glaube, ich weiß, von welchem neuen Metall du gestern Abend gesprochen hast, Lorin. Der König von Wilusa besaß ein kleines Messer, kaum einen Finger lang, von silberner Färbung. Es war aber kein Silber. Er hatte es von einem sarmatischen Händler erworben und dafür einen ganzen Widder in Gold aufwiegen lassen. Es war ungeheuer wertvoll.“

„Das kann ich glauben. Nach dem, was ich gehört habe, kann das Metall sogar Bronze zerschlagen. Ein Schwert aus diesem Material wäre jedem aus Bronze weit überlegen. Wir müssen die Schmiede finden, die dieses Metall herstellen können.“

Lorin ließ seinen Blick über die Steppe schweifen, die bis zum Horizont keinerlei Erhebungen aufwies und nur ab und zu durch einige kleine Wäldchen unterbrochen wurde.

„Heute müssen wir es bis zur Sarmatenquelle schaffen. Und dann weiter bis zum Weißen Fluss, der in das Binnenmeer fließt. Ich hoffe, dass wir in fünf Tagen unser erstes Ziel erreicht haben werden.“

Gilgas nickte: „Wer sollte uns schon aufhalten? Drei Männer und einen Wolf. Lasst uns reiten.“ Er lachte und trieb sein Pferd an. Lorin und Amerus folgten ihm, wobei der Luwier sichtliche Probleme hatte, sich im Sattel zu halten.

Sie erreichten die Quelle am späten Nachmittag. Die Ansiedlung war der letzte große Handelsposten vor dem Binnenmeer. Von hier bis zum Weißen Fluss gab es, außer ein paar kleinen Sommerlagern der Hirten, keine befestigte Siedlung mehr. Trotz der späten Stunde war immer noch ein geschäftiges Treiben zwischen grob gezimmerten Holzhütten und den leichten Sommerzelten der Nomaden. Mittelpunkt des Handelspostens war eine alte Burg, von der jedoch nicht mehr als ein paar Erdwälle übrig geblieben waren. Hierher kamen Händler und Hirten aus der Weite der östlichen Steppe, um ihre Waren und Tiere zu verkaufen. Von hier gingen Edelsteine und Pelze weiter nach Westen - bis in das Land der Hethiter und von dort nach Assyrien und Ägypten. Als die drei Reiter langsam in das Gewühl ritten, traten die Leute zur Seite. Sie betrachteten die Neuankömmlinge jedoch genau, vor allem der Wolf hatte ihre Aufmerksamkeit.

„Wir kampieren lieber am Rand des Gewühls.“

Gilgas lenkte sein Pferd an die äußere Seite des Handelspostens.

„Wir wollen schließlich keine unangenehmen Überraschungen erleben, sondern lieber alles im Auge behalten.“

„Gut,“ meinte Lorin und warf Amerus einen vielsagenden Blick zu. „Gilgas will wohl keine der örtlichen Schönheiten übersehen.“

„Du kennst mich,“ grinste Gilgas.

„Wer so lange mit dir unterwegs ist wie Amerus und ich, sollte dich kennen.“

Sie schlugen außerhalb der Niederlassung ihr Lager auf und machten sich dann zu Fuß daran, sich einen Überblick zu verschaffen. Ihre Pferde und Besitztümer ließen sie im Lager zurück. Kein Mensch würde es wagen etwas wegzunehmen. Skade würde schon dafür sorgen, dass nach ihrem Rundgang noch alles an seinem Platz lag.

Nahe der alten Burg machte Gilgas eine Schenke aus. Der Wirt hatte nur vier Pfosten in die Erde gehauen und eine Zeltplane als Dach darüber gehängt.

„Wir sollten uns erst mal stärken,“ rief Gilgas seinen Freunden zu.

„Warum eigentlich nicht?“ stimmte der Luwier ihm zu. „Gehen wir.“

Die Freunde lenkten ihre Schritte in die behelfsmäßige Spelunke. Um einen schlecht gezimmerten Tisch herum standen rohe Bänke, auf denen Felle ausgelegt waren.

„Met für die Herren?“ Der dicke Wirt, dessen Nase aussah, als ob er selbst sein bester Gast wäre, drängte zu den Freunden.

„Ich habe auch vergorene Stutenmilch.“

„Met!“ Gilgas zwängte sich so auf eine Bank, dass sich am anderen Ende ein Gast auf dem Boden wiederfand. Er drängelte weiter und hatte bald soviel Platz geschaffen, dass auch Lorin und Amerus sich setzen konnten.

„Viel Met.“

Der Wirt brachte drei Krüge und stellte sie auf den Tisch. Noch bevor Gilgas und Lorin die ihrigen an den Mund setzen konnten, hatte Amerus den seinen schon zur Hälfte geleert.

„Ich gewöhne mich langsam an das Zeug. Trinkbar ist es jedenfalls, vor allem, wenn man sich den ganzen Tag den Hintern wundgeritten hat. Wenn ich daran denke, was für eine Reise uns noch bevorsteht, würde ich am liebsten hier sitzen bleiben.“

„Du bist kein Abenteurer, Amerus.“ Gilgas schallendes Lachen erregte die Aufmerksamkeit der übrigen Gäste. „Ich habe jedenfalls meine helle Freude an deinen Reitkünsten.“

„Danke, du Grobian.“

Amerus verzog das Gesicht, als ob er Essig getrunken hätte.

„Wenn du noch ein paar Jahre reitest, wirst du es vielleicht sogar irgendwann lernen,“ feixte Gilgas.

Während Gilgas und Amerus sich gegenseitig aufzogen, ließ Lorin seine Blicke durch die offenen Wände der Schenke nach draußen schweifen. Hier trafen sich Menschen aus aller Welt. Direkt in der Nähe sah er einen hochgewachsenen Krieger, der über seiner Brust einen Knochenpanzer trug und dessen durchbohrte Nasenflügel mit Silberringen durchzogen waren. Nicht weit davon saßen Händler aus Assur in langen Kaftanen aus rotgefärbter Wolle, mit vielen goldenen Ringen an den Fingern. Die Person, die ihm aber sofort auffiel, war schlicht in schwarzes Leder gekleidet, mit einer Nase, die jedem Adler Ehre gemacht hätte. Der einzige Schmuck dieses Mannes war ein kleines Ledersäckchen, das an einem Riemen um seinen Hals hing. Lorin nahm einen Schluck Met und als er wieder aufblickte, war der Schwarze verschwunden.

Kapitel 4 – Über das Binnenmeer

Der Weiße Fluss wälzte sich breit und ruhig nach Süden. Vor drei Tagen waren Lorin und seine Gefährten von der Sarmatenquelle aufgebrochen und hatten nach einer ziemlich ereignislosen Reise den Fluss erreicht. Sie wandten sich in Sichtweite des Flussufers nach Süden und nach einem knappen Tagesritt erkannten sie in der Ferne die Mündung des Stromes in das große Binnenmeer.

„Wir haben nur eine Möglichkeit“, sagte Lorin. „Nach Osten über den Fluss können wir nicht. Zu viele Sümpfe. Das Meer südlich umreiten würde bedeuten, das Grenzgebirge nach Mitanni und Hurrit überqueren zu müssen. Uns bleibt nur der Weg über das Meer. Wir werden die Pferde laufen lassen, sobald wir eine Fährmöglichkeit gefunden haben. Am anderen Ufer werden wir neue Tiere finden.“

Während Lorin sprach, wurde Gilgas bleich und Amerus begann zu lachen.

„Nun werden wir auf den Wellen reiten, Gilgas. Klatsch in die Hände und freu dich,“ meinte Amerus und grinste breit.

Nachdem sie das Ufer des Meeres erreicht hatten, fanden sie zu ihrem Erstaunen recht schnell eine Mitfahrgelegenheit. Der Kapitän des wenig vertrauenerweckenden Kahns verlangte nur drei Silbermünzen für jeden und eine zusätzlich für den Wolf. Lorin ließ die Pferde frei, während Gilgas und Amerus ihre Sachen auf das Boot brachten. Das Boot war recht klein, nur mit zwei Paar Rudern und einem winzigen Dreieckssegel ausgestattet. Neben dem Kapitän waren noch zwei Helfer an Bord. Nachdem alles verstaut war, lichteten sie den Anker und das Boot wurde in tiefes Wasser gerudert. Das Segel zu setzen, dauerte nicht lange und bereits kurze Zeit später machte der Kahn eine nicht erwartete gute Fahrt. Die Freunde bereiteten ihre Schlafplätze vor. Der Wolf legte sich auf Lorins Bärenfell und beobachtete misstrauisch die Handlungen der Mannschaft.

Das Unwetter kam plötzlich. Aus einer leichten Brise entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit ein gewaltiger Sturm, der das Boot wie eine Nussschale über die Wellen tanzen ließ. Lorin warf geistesgegenwärtig einen Lederriemen um den Mast und band sich das andere Ende um die Taille, gleichzeitig umklammerte er mit aller Kraft seinen Wolf. Gilgas und Amerus hielten sich verzweifelt an der Bootswand fest. Plötzlich zerriss ein Schrei die bereits einsetzende Dämmerung. Einer der Bootshelfer stürzte über Bord und verschwand in Sekundenschnelle in der brodelnden See. Das Segel hing längst in Fetzen herunter und die Freunde hatten schon jegliche Hoffnung auf Besserung aufgegeben, als der Kapitän plötzlich in Richtung Osten zeigte und den Sturm übertönte: „Land! Ich sehe Land! Wir können es schaffen.“

Die Worte waren noch nicht zu Ende gesprochen, als der Orkan nochmals an Stärke zulegte und das kleine Boot mit aller Gewalt gegen die Klippen der Küste trieb. Amerus und Gilgas stürzten gemeinsam über Bord. Sie versuchten, mit aller Kraft über Wasser zu bleiben, als Skade sich aus Lorins Umklammerung löste und den beiden in die See nachsprang. Das Boot wurde durch den unerwarteten Gewichtsverlust von der Küste weggetrieben und ein zweites Mal gegen die Klippen geschleudert. Der Aufprall war so heftig, dass der bereits stark mitgenommene Kahn auseinanderbrach und nun auch Lorin über Bord gespült wurde. Er wurde auf die Felsen geworfen und verlor das Bewusstsein.

Gilgas merkte, wie eine feuchte Zunge über sein Gesicht schleckte. Er konnte sich nicht erinnern, wo er sich befand, spürte jedoch, dass der Wolf bei ihm war und ihn immer wieder ermunternd an die Schulter stupste. Als Skade merkte, dass Gilgas langsam erwachte, legte er sich an seine Seite und schob seinen Kopf leicht unter das Kinn des Kriegers. Nicht weit von dort lag Amerus, erschöpft, aber unverletzt, am Ufer des Meeres. Er stand langsam auf und ging zu Gilgas und dem Wolf. Der Luwier kniete sich neben Gilgas nieder. Der Krieger war inzwischen aufgewacht und starrte Amerus an.

„Wo ist Lorin?“

„Ich weiß es nicht. Er war auf dem Boot, als wir ins Wasser gespült wurden.“

„Wir müssen ihn suchen!“

Amerus schaute nachdenklich: „Wir können kaum laufen. Unsere Kleider triefen vom Wasser und wir sind zu Tode erschöpft. Außerdem wird jeden Augenblick die Nacht hereinbrechen. Wir müssen hier bleiben und uns morgen früh auf die Suche machen. Es geht nicht anders.“

Amerus suchte trockenes Holz in den Uferbüschen und entfachte ein großes Feuer, das weithin zu sehen war. Gilgas kam zum Feuer, zog seine Kleider aus und hängte sie über ein paar Stöcke in die Nähe der Flammen. Der Wolf legte sich in einiger Entfernung nieder und beobachtete die Szenerie.

Wie durch einen Nebel sah Lorin eine schemenhafte Gestalt. Er hatte furchtbare Kopfschmerzen und spürte alle Knochen im Körper. Vor seinen Augen tanzten Sterne. Eine Flüssigkeit lief ihm an den Mundwinkeln hinunter.

„Du musst trinken“, hörte er eine Stimme. „Es wird dir helfen.“ Lorin schluckte und spürte einen bitteren Geschmack auf der Zunge. Langsam klärte sein Blick auf.

„Wer bist du?“, fragte er.

„Sprich nicht“, sagte die Gestalt.

Lorin merkte, wie ihm das unbekannte Getränk half. Seine Augen nahmen schon mehr von der Umgebung wahr und seine Schmerzen begannen nachzulassen. Er betrachtete die Gestalt etwas näher und versuchte sich zu erinnern, wo er sie schon einmal vorher gesehen hatte.

„Wer bist du?“, fragte er wieder. „Ich kenne dich. Woher?“

„Du wirst jetzt schlafen und wenn du aufwachst, wirst du wieder bei Kräften sein. Du musst deinen Weg weitergehen. Es ist dein Schicksal. Du wirst deine Gefährten wiederfinden und ihr werdet euren Weg gemeinsam weitergehen. Suche das Volk der Schmiede und das Auge der Welt. Ein langer Weg wird vor euch liegen, aber das Ende dieses Weges liegt selbst mir im Dunkeln. Viele Kämpfe und Entbehrungen werdet ihr überstehen müssen.“

Lorin versuchte sich aufzurichten, aber er fiel sofort zurück. Er sah, wie die Gestalt sich erhob und langsam fortging. Bevor er einschlief, sah er sie fast klar. Völlig in Schwarz gekleidet ging das Wesen in die Steppe hinaus. Plötzlich drehte sich der Schwarze noch einmal um und rief mit lauter Stimme:

„Der Weg ist das Ziel, Lorin. Der Weg.“

Lorin fiel in einen langen, traumlosen Schlaf, aus dem er erst wieder erwachte, als die Mittagssonne hell und warm auf sein Gesicht schien. Er fühlte sich bereits wesentlich besser als am Vortag und beschloss, seine Freunde und seinen Wolf zu suchen. Als er aufstand, bemerkte er, dass an seiner Seite neben Nahrung auch sein Bogen lag. Er aß schnell und überlegte, was sich ereignet hatte, aber er konnte sich an keine Einzelheiten mehr erinnern. Kurze Zeit später machte er sich auf den Weg, um an der Küste entlang seine Gefährten zu suchen.

Gilgas und Amerus brachen früh am Morgen auf und folgten dem Ufer des Meeres. Skade lief ein Stückchen vor ihnen, blieb aber immer wieder stehen, wenn er feststellte, dass seine beiden Begleiter nicht mehr nachkamen. Bis zur Mittagszeit hatten sie bereits eine weite Wegstrecke hinter sich gebracht. Sie hatten Hunger, aber ihre Ausrüstung war bei dem Sturz ins Meer verlorengegangen. Amerus kratzte ein paar Muscheln von den Uferfelsen und schlug mit Steinen ihre Schale auf. Mehr hatten sie nicht zu essen. Die Rast war nur kurz. Der weiße Wolf drängte immer wieder zum Aufbruch, indem er die beiden mit seiner Schnauze anstieß. Plötzlich spitzte das Tier seine Ohren und beobachtete die Küste. Gilgas stand auf, schützte seine Augen mit der Hand vor der Sonne und folgte dem Blick des Wolfes. Skade lief langsam die Küste entlang und fiel dann in einen schnellen Lauf. Erst in diesem Moment erkannte Gilgas die Gestalt, die langsam der Uferlinie folgte. Kurze Zeit später erreichte Lorin seine Freunde.

Kapitel 5 –Das Dorf

Alesha wagte es, ihre Augen zu öffnen. Sie lag auf dem Pferd vor dem Krieger, dem sie das Gesicht zerkratzt hatte. Sie waren bereits eine ganze Zeitlang in die Steppe hinausgeritten, als die Truppe des fremden Volkes eine Rast einlegte. Die Pferde wurden angepflockt und Alesha wurde an einem kleinen Baum festgebunden. Die Riemen waren fest um ihre Fuß- und Handgelenke geschlungen und gleichzeitig hatte sie um ihren Hals einen weiteren Riemen. Sie wusste, dass dieser sich festziehen und ihr die Luft nehmen würde, wenn sie versuchte, sich zu befreien. Aleshas Blick wanderte über den Lagerplatz. Sie sah, dass noch zwei weitere junge Frauen aus ihrem Stamm gefangen waren und auf die gleiche Art wie sie gefesselt. Die fremden Krieger hatten sonst keine Beute gemacht, auch das Vieh und die Pferde des Stammes nicht weggetrieben. Alesha verstand nicht, warum der Überfall stattgefunden hatte, wenn nicht als Beutezug. Sie lehnte ihren Kopf langsam gegen den Baum und versuchte, ein wenig Ruhe zu finden. Jetzt eine Flucht zu wagen, war aussichtslos. Die Krieger beobachteten fortwährend ihre Gefangenen. Sie musste warten, bis die Aufmerksamkeit nachlassen würde, dann ergäbe sich auch irgendwie eine Möglichkeit, zu entkommen. Sie nutzte die Zeit, sich ihre Feinde genauer anzusehen. Der große Krieger, der sie gefangen hatte, war dem Anschein nach der Anführer. Wie die meisten seiner Leute hatte er schmale rote und gelbe Bänder in sein Haar geflochten. Auch seine Kleidung bestand aus ledernen Hosen, der Oberkörper war frei und wie bei vielen der Angreifer mit blauen Linien und Kreisen tätowiert. Die Waffen bestanden überwiegend aus kurzen Bogen und Steinäxten. Einige hatten Keulen aus hartem Holz und nur der Anführer besaß einen Bronzedolch. Es war eigenartig, dass die Fremden selbst die Bronzewaffen des Stammes nicht mitgenommen hatten. Als Aleshas Blick zu den Pferden wanderte, sah sie, dass die bunten Bänder auch in die Mähnen der Pferde geflochten waren. Aus der Ferne sah es tatsächlich so aus, als ob aus den Köpfen Flammen züngelten.

Bei einer der anderen Gefangenen kam plötzlich Bewegung in die Krieger. Alesha erkannte die fünfzehnjährige Tochter eines Hirten. Einer der Krieger schnitt dem Mädchen die Fesseln auf und schleifte es zu einer Gruppe, die in der Nähe um ein kleines Feuer lagerte. Er riss der jungen Frau das leichte Leinenkleid vom Körper und warf sie zu Boden. Alesha hörte die Schreie, als die Krieger einer nach dem anderen das Mädchen brutal vergewaltigten. Obwohl sie verabscheute, was sie sah, konnte sie den Blick nicht abwenden. Wenn ihr das bevorstand, wäre sie lieber tot. Irgendwann verstummten die Schreie und nur manchmal erreichte ein Schluchzen Aleshas Ohr. Als die Fremden genug hatten, wurde das Opfer wieder sorgfältig an einen Baum gefesselt. Was dann geschah, jagte Alesha eiskalte Schauer über den Rücken. Der große Anführer ging zu dem Mädchen, schaute es lange an, nahm seinen Dolch aus der Scheide und schnitt ihm mit einem schnellen, sicheren Schnitt die Kehle durch.

Minuten später hatten die Krieger ihre Pferde geholt und Alesha sowie die weitere Gefangene auf zwei Packpferde gesetzt und gefesselt. Als der Trupp sich in Bewegung setzte, blieb als einziges nur das gefesselte, tote Mädchen am Lagerplatz zurück. Bis spät am Abend war die Horde unterwegs. Die Gefangenen bekamen auch jetzt noch nichts zu essen und der Hunger wurde allmählich stärker als die Angst. Am nächsten Tag ritten sie von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Erst am zweiten Tag ihrer Gefangenschaft bekamen Alesha und das andere Mädchen, es hieß Sora, ein paar Fetzen halbgebratenes Fleisch zugeworfen. Die Fesseln wurden nicht mehr allzu fest gebunden, aber das Schicksal des Mädchens am ersten Lagerplatz verhinderte jeden Gedanken an Flucht. Alesha ahnte, dass man sie genauso schnell töten würde, sollte sie versuchen zu fliehen. Immer hatten einige der Entführer wachsame Augen auf die beiden Mädchen. Am sechsten Tag nach dem Überfall erreichten die fremden Krieger ihr Ziel. Von einer leichten Anhöhe blickte Alesha auf ein riesiges Lager. Hier mussten viele Hunderte von Menschen leben. Die Hütten waren aus Geflecht gebaut, von außen mit Lehm abgedichtet. Als man im Lager die Ankunft der Gruppe bemerkte, kam Bewegung zwischen den Hütten auf. An der Spitze seiner Leute ritt Fenris in das Dorf ein. In der Mitte befand sich ein großer freier Platz, auf dem ein einzelner Mann wartete. Seine muskulöse Gestalt war - wie bei den anderen Kriegern - fast vollständig tätowiert. Allein seine Frisur unterschied sich völlig. Sein Kopf war glattrasiert, bis auf einen Haarsschopf in der Mitte, der bis weit über seinen Rücken fiel. Die Haare trug er mit Lederriemen zu einem Zopf gewickelt. Über seiner Brust hingen viele kleine Ledersäckchen und durchbohrte Knochen. Fenris ritt zu ihm hin und stieg vom Pferd. Gleichzeitig fiel der große Krieger mit der eigenartigen Haarpracht, er schien ein Zauberer oder Schamane zu sein, vor ihm auf die Knie. Alesha betrachtete das Schauspiel neugierig. Fenris nahm einen Lederriemen aus einer kleinen Tasche und überreichte ihn dem Medizinmann, den Alesha in ihren Gedanken „Pferdeschwanz“ nannte. Der wickelte ihn zu den anderen Riemen um seinen Haarschopf. Sofort erhob sich aus der zuschauenden Menge großes Freudengeschrei. Es schien ein Siegeszeichen zu sein und Pferdeschwanz vielleicht der lebende Beweis für viele Siege.

Fenris kam auf die Gefangenen zu, musterte beide genau und sagte, indem er auf Sora zeigte: „Du gehörst dem Sieg.“ Pferdeschwanz kam herbei, löste Soras Fesseln und zog sie in eine abseits stehende Hütte. Fenris wandte sich an Alesha.

„Du hast mein Gesicht zerkratzt. Dafür könnte ich dich töten. Aber du hast auch Mut gezeigt und ich achte Mut. Von jetzt an wirst du meinen Frauen gehören. Du wirst tun, was jede von ihnen verlangt, bis zu dem Tag, an dem ich entscheiden werde, ob die obersten Götter dich sehen wollen. Du wirst schwer an deinem Leben tragen, das verspreche ich dir. Niemand trotzt Fenris, dem König der Alani.“

Fenris nahm Alesha die Fesseln ab und band ihr einen breiten Lederriemen um den Hals.

„Du wirst diesen Riemen tragen, Kleine. An dem Tag, an dem ich ihn dir abnehme, wirst du zu den Göttern gehen.“

Er machte eine Handbewegung und vier jüngere Frauen kamen, nahmen Alesha in ihre Mitte und gingen mit ihr zu einer der größeren Hütten. Aleshas Gefangenschaft hatte jetzt wirklich begonnen und niemand konnte sagen, wie lange sie andauern würde.

Kapitel 6 – In der Steppe

Sie wanderten seit vier Tagen über die Steppe. Weil sie im Sturm ihre gesamte Ausrüstung verloren hatten, mussten sie jetzt dringend eine menschliche Ansiedlung finden, um neue Waffen und Pferde zu bekommen. Ernährt hatten sich die Freunde ausschließlich von essbaren Wurzeln und Gräsern, die sie auf ihrem Weg gefunden hatten. Nur einmal war es ihnen gelungen, ein kleines Kaninchen mit einer Schlinge zu fangen. Die so hoffnungsvoll begonnene Reise schien in einem Desaster zu enden. Amerus war überzeugt, dass sie ihr Ziel nie erreichen würden und die Fahrt schon nach kurzer Zeit ein unrühmliches Ende finden würde.

Am Morgen des fünften Tages sah Gilgas in der Ferne ein Lager, scheinbar das Sommerlager von Hirten. Eine gute Stunde, nachdem sie es gesichtet hatten, erreichten die drei das Camp. Was sich ihren Augen bot, war ein unbeschreibliches Chaos. Das Lager musste kurze Zeit vorher, vielleicht vor zwei Tagen, überfallen worden sein. Sie sahen, dass die Menschen regelrecht abgeschlachtet worden waren. Eine alte Frau mit eingeschlagenem Schädel lag mitten in der Stätte. Andere lagen erschlagen in ihren Zelten. Besonders grausam erschien Amerus, dass ein Mann mit einem Pfeil regelrecht an einen Baum genagelt worden war. Lorin ging zu dem Toten und brach das gefiederte Ende des Pfeils ab, betrachtete es lange wortlos und steckte es dann sorgfältig in einen kleinen Brustbeutel, in dem er einige persönliche Dinge verwahrte. Gilgas schaute Amerus an, sagte jedoch nichts.

„Wir müssen sie begraben.“ Amerus sah sich bereits nach einem Grabwerkzeug um.

„Dazu haben wir keine Zeit. Hier sind mindestens fünfzig Tote.“ Lorin schaute Amerus an. „Draußen auf der Weide sind Pferde. Gilgas, sieh zu, dass du ein paar davon einfangen kannst. Amerus, durchsuche die Zelte nach brauchbaren Dingen. Ich werde sehen, ob hier irgendwo Waffen zu finden sind.“

Amerus starrte Lorin an: „Wir können die Toten doch nicht einfach hier liegen lassen und auch noch ihre Sachen wegnehmen.“

„Lorin hat recht.“ Gilgas ließ seinen Blick über das Lager schweifen. „Das hier hat das fremde Volk getan. Sie könnten zurückkommen. Außerdem würden wir Tage brauchen, alle zu beerdigen. Wir müssen uns ausrüsten und uns dann beeilen, von hier verschwinden. Die Geier und Schakale werden sich die Toten holen.“

Gilgas ging langsam in die Richtung der Herden, während Lorin bei einer Gruppe toter Hirten nach Waffen suchte. Amerus stand zunächst verloren in der Mitte des Lagers. Dann raffte er sich auf und betrat das erste Zelt.

Der Wolf lag in der Frühlingssonne und döste. Nur ab und an zuckten seine Ohren. Mit wachsamen Augen verfolgte er Lorin. Draußen auf der Weide hörte man, wie Gilgas fluchte. Wahrscheinlich bereitete es ihm große Mühe, die Pferde einzufangen. Völlig unerwartet lief Amerus aus dem Zelt und rief auf dem Platz laut nach Lorin. Der Wolf sprang auf und trottete langsam auf den Luwier zu. Aus der anderen Ecke des Lagers kam Lorin angerannt.

„Was gibt es?“

„Schau, was ich gefunden habe.“ Amerus hielt ein Holzbrettchen hoch. „Was ist das?“

Lorin nahm das Holz und betrachtete es nachdenklich. „Das sind Runai. Die Schrift, die auch mein Volk benutzt.“

„Was steht da drauf?“ Amerus schien vor Neugierde zu platzen.

„Ich kann diese Schrift nicht lesen. Sie unterscheidet sich zu sehr von der keilförmigen Schrift, die wir benutzen.“

„Er trägt viele Namen und seine Macht ist die Unendlichkeit. Ihm gehörte einst das Auge der Welt. Er gab es weiter und seit diesen Tagen folgt er dem Hüter des Auges. Nun gehört es…“ Lorin drehte das kleine Brett um.

„Hier steht nichts mehr. Wer immer das geschrieben hat, wurde mittendrin unterbrochen. Warum hat dieser Unbekannte das aufgeschrieben? Und in einer solchen Schrift? Nur wenige kennen diese Zeichen. Wo hast du es gefunden?“

Amerus dreht sich leicht nach hinten. „Dort drüben. Im ersten Zelt, das ich betreten habe. Es scheint das Zelt einer Zauberin gewesen zu sein, denn dort waren Frauenkleider und jede Menge Kram, den man für irgendwelche Beschwörungen benutzt. Und Kräuter, jede Menge Kräuter, die zum Trocknen aufgehängt wurden.“

„Der erste Hüter des Auges war Thorai, so erzählen die Alten. Er soll einen Hammer aus Stein tragen. Mehr weiß ich nicht.“ Lorin schaute wieder auf das Holz. „Frag mal, ob du Gilgas helfen kannst. Ich habe da drüben ein paar Waffen gesammelt. Zwei Bogen und drei Bronzeschwerter. Und ein paar Pfeile und Messer.“

„Soll ich nicht lieber noch in ein paar Zelte schauen?“

„Nein, wir haben keine Zeit mehr. Wir müssen hier weg.“

Mit diesen Worten drehte Lorin sich um und lief zu dem kleinen Stapel Waffen, die er eingesammelt hatte. Amerus lief hinaus auf die Weide und rief Gilgas‘ Namen. Der hatte mittlerweile drei Reitpferde und zwei Packtiere eingefangen und angepflockt. Amerus half ihm, die Tiere ins Lager zu führen. Kurze Zeit später hatten die drei Freunde ihre Sachen aufgeladen und ritten aus dem Hirtenlager.

Lange ritten sie schweigsam nebeneinander, während der Wolf mal vor und mal neben ihnen lief. Die Stille war mit beiden Händen greifbar. Die Bilder, die sie im Hirtenlager gesehen hatten, waren unbeschreiblich. Die alte Frau, mit eingeschlagenem Schädel. Der Hirte, dessen Griff nach seiner Waffe unvollendet mit einem Pfeil im Rücken endete. Der Mann, mit einem Pfeil festgenagelt an diesen kleinen Baum. Er musste noch lange gelebt haben, ohne die Chance zu überleben. Amerus schaute seine Gefährten tieftraurig an. Gilgas schien seine Gedanken auf einen unbekannten Feind, eine ferne Konfrontation, gerichtet zu haben. Lorin starrte geradeaus, so wie immer, wenn er konzentriert nachdachte. Amerus erinnerte sich an das Pfeilende, das Lorin in seinen Beutel gesteckt hatte. Warum? Er konnte sich keinen Reim darauf machen. Aber irgendwann würde er ihn wohl danach fragen. Jetzt galt nur noch eins: sie mussten um jeden Preis das fremde Land erreichen, das Land der Schmiede, von dem die Geschichten auf der Steppe erzählten. Sie würden Wochen oder sogar Monate brauchen. Jetzt war später Frühling, fast Sommer. Vor dem Herbst, dem ersten Schnee im Gebirge, mussten sie ihr Ziel erreicht haben. Der Weg würde beschwerlich sein, das hatte Lorin versprochen, aber am Ende würde eine Waffe stehen, um das fremde Volk besiegen zu können. Oder eine bittere Enttäuschung. Würden sie das neue Metall finden, würden sie es überhaupt von den Schmieden bekommen? Es war, als ob die Gedanken des Luwiers zu seinen Freunden vorgedrungen waren. Gilgas drehte sich zu Amerus um. Auch Lorins Blick fiel auf ihn.

„Der Weg ist weit. Lasst uns reiten.“ Amerus trieb sein Pferd zu einem schnellen Galopp und jagte über die Steppe. Gilgas’ Kinnlade blieb offen, als er seinen Freund galoppieren sah, ohne dass dieser von seinem Pferd fiel. Dann trieb auch er sein Pferd an und zog die beiden Packtiere mit. Lorin lächelte und folgte seinen Freunden.

Kapitel 7 - Thorai

Die bleierne Farbe des Himmels schien ein Unwetter anzukündigen. Fern am Horizont konnte man bereits die ersten Blitze sehen. Es würde aber noch eine gewisse Zeit dauern, bis das Wetter ihn erreichte. In diesem eigenartigen Zwielicht war die Steppe von unendlicher Schönheit. Das Gras war grün und saftig, überall wuchsen Blumen in den verschiedensten Farben. In nicht einmal einem Monat würde das gleiche Land verdorrt unter der Sommersonne liegen. Nur im Frühling war die Steppe wirklich schön, denn nur im Frühling lebte sie.

Er war schon einen weiten Weg gegangen seit dem Tag, da die Zeit zu zählen begann. Jetzt war er müde und erschöpft. Die drei Freunde würden bald, noch vor dem Beginn des späten Herbstes, das große Gebirge erreicht haben. Dieser Weg würde schwierig werden, denn der Winter würde sie überraschen. Aber vielleicht, nur vielleicht, erreichten sie das Land des kleinen Volkes. Dort würden sie Schutz finden vor der Strenge des Eises. Er ging schneller. Es schien ihm, als ob die steinerne Waffe auf seiner Schulter an Gewicht zunehmen würde. Wenn den Gefährten auf ihrem Weg etwas zustoßen würde, wäre Alesha auf sich selbst gestellt. Das Auge der Welt wird ihr helfen, dachte er. Das war seine Hoffnung. Wann aber würde Alesha erkennen, dass das Auge sehen konnte? Was würde geschehen, wenn es in falsche Hände fiele? Das Auge war eine starke Waffe. Vielleicht zu stark für ein vierzehnjähriges Mädchen. Aber es würde noch lange Zeit über die Steppe gehen, bis die Freunde zurückkehren würden. Wenn sie zurückkehrten. Das war ihm verborgen. Er selbst würde am Fuß des Gebirges auf die drei warten. Sie würden ihn einladen, mit ihnen zu ziehen und er würde es tun. Nicht bis zum Ende. Nein, schon lange vorher müsste er sie verlassen, alleine weiterziehen und im Land der Schmiede wieder auf sie warten. Es war alles so einfach.

,Die Freunde werden mich nicht erkennen‘, dachte er. ‚Ich bin nur ein Gedanke, eine Erinnerung, die man hat, aber nicht zuzuordnen weiß. Eine Gestalt aus den Geschichten der Alten. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.‘ Er lächelte still in sich hinein.

Wieviele Jahreszeiten würden noch über das Land ziehen? Wieviel Kämpfe würden die Menschen noch austragen? Die Menschen waren eigenartige Wesen. Sie glaubten an das Gute und an das Böse, aber das gab es nicht. Es gab nur die Starken und die Schwachen. Lorin würde es erkennen, wenn die Zeit reif war. Seiner Bestimmung konnte er nicht entkommen. Und Lorins Schicksal war seine Befreiung.

Der Wanderer lenkte seine Schritte nach Süden. Das Unwetter kam mit jeder Minute näher. Aber das machte ihm nichts aus. Das Wetter war sein Verbündeter. So war es seit dem Beginn der Zeit. Im Sturm und im Regen, im Wind und im Schnee war er sicher. Unsichtbar für das Auge seiner Feinde. ‚Aber der Tag wird kommen‘, dachte er. ‚Der Tag meines Triumphes rückt näher.‘ Und er war nicht allein. Seit den Tagen, da Othal die Runai fand, war er auf der Erde. Und jetzt waren Lorin da und seine Freunde. Sie würden seinen Plan vollenden. Seine Rückkehr war noch nie so nahe gerückt wie jetzt. Und ihr Lohn würden Weisheit und Macht sein. Und sein Lohn? Er würde anstelle Othals herrschen. So war es vorherbestimmt. ‚Der Weg dahin ist schwer und nicht zu berechnen‘, dachte der Wanderer. ‚Othal hatte das Licht eines Auges gegeben, um alles sehen zu können. Und ich? Meine Waffe ist die Überraschung. Othal weiß nicht, wo ich bin. Und seine Boten werden mich nicht finden.‘ Diese Gedanken schossen dem Wanderer durch den Kopf.

Der Regen prasselte auf ihn nieder. Er wurde schnell durchnässt und jetzt fing es auch zu hageln an. Welch ein schönes Wetter und welch ein schöner Tag.

Kapitel 8 – Tash-Ana-Ma-Rai

Der Sommer war fast vorbei. Für den bisherigen Weg hatte sie wesentlich länger benötigt, als sie geglaubt hatten. Und das Schwierigste lag noch vor ihnen. Lorin hatte große Sorgen, das Gebirge nicht mehr rechtzeitig vor dem ersten Schnee überqueren zu können. Er fürchtete, mitten in den Bergen vom Winter überrascht zu werden. Das wäre das Schlimmste, das ihnen zustoßen konnte. Keiner von ihnen war jemals zuvor im Hochgebirge gewesen. Nicht im Sommer, geschweige denn im Winter. Aber sie mussten es versuchen. Und sie mussten es schaffen.