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Die deutsche Ausgabe von 'Wuthering Heights & Jane Eyre' vereint zwei Monumente der englischen Literatur, die maßgeblich die Romantik-Epoche prägten. Diese Sammlung bietet einen tiefen Einblick in die psychologischen und sozialen Landschaften des 19. Jahrhunderts, durch die brillanten Werke von Charlotte und Emily Brontë. Beide Romane, bekannt für ihre komplexe emotionale Tiefe und ihre herausfordernden Thematiken, repräsentieren unterschiedliche literarische Stile und Themen, welche von gotischer Dunkelheit bis hin zu sozialkritischer Schärfe reichen. Die Sammlung ermöglicht es den Lesern, die Entwicklung literarischer Techniken sowie die Persistenz gewisser thematischer Fragestellungen in der viktorianischen Gesellschaft zu erkunden. Die Brontë-Schwestern sind nicht nur wegen ihrer singulären Werke, sondern auch als Vertreterinnen einer literarischen Familie, die tief in die Kulturgeschichte eingebettet ist, von Bedeutung. Ihre Geschichten, obwohl individuell in ihren Erzählungen, spiegeln gemeinsame Herausforderungen und Perspektiven ihrer Zeit wider, wie Geschlechterrollen, soziale Ungerechtigkeit und die Suche nach persönlicher Identität. Der Einfluss dieser Werke auf spätere literarische Strömungen und ihre Fähigkeit, Leser weltweit emotional zu berühren, macht sie zu einem unverzichtbaren Studienobjekt für Anhänger der Literaturgeschichte und der kulturellen Studien. Diese Sammlung ist eine exzellente Gelegenheit, sich mit zwei der prägendsten Stimmen der englischen Literatur eingehend zu beschäftigen. Der Band lädt ein zum Studium der komplexen emotionalen und sozialen Strukturen, die Charlotte und Emily Brontë in ihren Romanen verarbeitet haben. Für Liebhaber der viktorianischen Literatur und für jene, die ein tiefes Verständnis der Entwicklung literarischer Formen suchen, bietet 'Wuthering Heights & Jane Eyre' eine unvergleichliche Ressource voller bildender Einsichten und bereichernder Diskurse. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine Einführung verknüpft die verschiedenen Stränge, indem sie erörtert, warum diese unterschiedlichen Autoren und Texte gemeinsam in einer Sammlung Platz finden. - Der Abschnitt zum historischen Kontext beleuchtet die kulturellen und intellektuellen Strömungen, die diese Werke geprägt haben, und bietet Einblicke in die gemeinsamen (oder gegensätzlichen) Epochen, die jeden Autor beeinflusst haben. - Eine kombinierte Synopsis (Auswahl) umreißt kurz die wichtigsten Handlungen oder Argumente der enthaltenen Texte, damit die Leser den Gesamtumfang der Anthologie erfassen können, ohne wesentliche Wendungen vorwegzunehmen. - Eine kollektive Analyse hebt gemeinsame Themen, stilistische Variationen und bedeutsame Überschneidungen in Ton und Technik hervor, um Autoren aus verschiedenen Hintergründen miteinander zu verbinden. - Reflexionsfragen ermutigen die Leser, die verschiedenen Stimmen und Perspektiven innerhalb der Sammlung zu vergleichen, und fördern so ein tieferes Verständnis des übergreifenden Gesprächs.
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Seitenzahl: 1670
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Books
Diese Sammlung vereint Jane Eyre von Charlotte Brontë und Sturmhöhe von Emily Brontë, um zwei komplementäre Visionen innerer Freiheit und leidenschaftlicher Bindungen zusammenzulesen. Beide Romane entwerfen unverwechselbare Wege, wie Gewissen, Begehren und soziale Ordnung miteinander ringen, und zeigen, wie Persönlichkeit sich im Spannungsfeld von Natur, Raum und Erinnerung bildet. Ziel ist es, die dialogische Kraft beider Werke hervortreten zu lassen: nicht als Gegensätze, sondern als unterschiedliche Prüfsteine einer gemeinsamen Frage nach Selbstbestimmung. Die Auswahl soll eine konzentrierte Lesebegegnung ermöglichen, die Aufmerksamkeit auf verwandte Konflikte lenken und die Eigenart jeder Stimme zugleich schärfen.
Als verbindendes Leitmotiv wird hier die Spannung von innerer Verantwortlichkeit und widerstrebender Leidenschaft fokussiert. Beide Texte umkreisen die Frage, wie Liebe und Integrität in einem normativen Umfeld bestehen können, das Herkunft, Geschlecht und Status wirksam strukturiert. Die Sammlung setzt auf einen doppelten Blick: Sie hebt die Ethik der Selbstprüfung ebenso hervor wie die Macht einer elementaren, kaum zähmbaren Energie, die Räume, Stimmungen und Beziehungen prägt. Dadurch entsteht ein sinnstiftender Rahmen, in dem sich Erzählstimme, Landschaft und Entscheidungsfreiheit gegenseitig beleuchten, ohne einander zu relativieren. Das Ergebnis ist ein gemeinsamer Horizont, der Unterschiede produktiv, nicht nivellierend, ausstellt.
Ziel ist eine Lesesituation, die Vergleich und Nachhall gleichermaßen betont. Anstatt isoliert zu betrachten, lädt die Zusammenführung zur wechselseitigen Schärfung zentraler Motive ein: Freiheit und Bindung, Gewissen und Verlangen, Raum und Grenze. Sie soll zeigen, wie sich innere Stimmen und äußere Kräfte in unterschiedlichen Konstellationen begegnen und Prüfungen des Charakters formen. Der Ansatz verfolgt kein abschließendes Deutungsprogramm, sondern eröffnet Felder für Beobachtung und erneute Befragung. So gewinnt die einzelne Lektüre Profil im Licht der anderen, ohne ihre Besonderheit zu verlieren, und die Leserfahrung erhält rhythmische Akzente durch Kontrast, Resonanz und behutsame Übergänge.
Diese Konzeption unterscheidet sich durch die bewusste Nebeneinanderstellung beider Romane als Gesprächspartner. Sie ermutigt, mit der Reihenfolge zu spielen, Passagen in Erinnerung zu halten und zwischen Szenen, Räumen und Sprechhaltungen Querlinien zu ziehen. Dadurch werden verdeckte Spiegelungen sichtbar, die bei getrennten Lektüren leicht verblassen: etwa wie Naturdarstellungen emotionale Zustände rahmen oder wie innere Gewissensakten äußere Handlungen motivieren. Die Sammlung versteht sich als Resonanzraum, in dem Unterschiede schärfer konturiert und Gemeinsamkeiten präziser hörbar werden. So entsteht ein kohärenter Lesebogen, der nicht vereinheitlicht, sondern bewusst Reibung, Übergänge und freies Gegenlesen als produktive Energien pflegt.
Im Zusammenspiel der Texte fällt zunächst der Kontrast der Erzählformen auf: eine eindringliche Innenperspektive auf der einen Seite, vielstimmige Vermittlung und Distanzierung auf der anderen. Dieser Unterschied erzeugt unterschiedliche Wahrnehmungen von Nähe, Zuverlässigkeit und Erinnerung. Während eine Stimme moralische Selbstprüfung in den Fokus rückt, betont die andere die Eigendynamik von Geschichten, die über Personen zirkulieren und Emotionen anstecken. Aus diesem Wechselspiel erwächst ein Dialog über Verantwortung des Erzählens selbst: Welche Haltung formt Begehren, Urteil und Handlung, wenn Innensicht und überlieferte Berichte unterschiedliche Horizonte eröffnen und doch dasselbe Feld von Sehnsucht, Macht und Verwundbarkeit beleuchten?
Gemeinsame Motive treten deutlich hervor: Häuser als Orte der Ordnung und der Prüfung, Schwellen als Zonen der Entscheidung, Fenster als Blickachsen zwischen Innenraum und Ungewissheit. Landschaft und Wetter erscheinen nicht als Kulisse, sondern als Kraftfelder, die Affekte bündeln und Figuren herausfordern. Feuer, Dunkelheit, Wind und Kälte rhythmisieren Stimmungen und lassen innere Konflikte körperlich spürbar werden. Dazu kommen Zeichen sozialer Einschreibung wie Kleidung, Erziehung und Benimm, die Zugehörigkeit inszenieren, aber auch verwunden können. In dieser symbolischen Ökonomie bilden Materie und Moral keine Gegensätze, sondern verschränken sich zu konkreten Situationen, in denen Wert und Wille verhandelt werden.
Die Romane sprechen in unterschiedlichen Tonlagen und Gattungsnähen und inspirieren gerade dadurch einen inneren Austausch. Eine Seite favorisiert Entwicklungsdrama, sittliche Prüfung und beharrliche Selbstbehauptung, die andere eine düstere, elementare Tragik mit starken Gothic-Schattierungen. Gemeinsam ist ihnen die Prüfung von Einwilligung, Loyalität, Verantwortung und der Preis von Freiheit, wenn Begehren soziale Grenzen berührt. Wo die eine Erzählung auf disziplinierte Klarheit und reflektierte Standhaftigkeit setzt, kultiviert die andere Unbändigkeit, Erinnerung und atmosphärische Intensität. Aus dieser Spannung erwachsen Fragen nach Würde, Bindung und Heilung, ohne moralische Eindeutigkeit zu behaupten oder emotionale Komplexität zu glätten.
Subtile Korrespondenzen lassen sich an wiederkehrenden Tropen zeigen. Beide Werke gestalten die Figur des dunkel-charismatischen Gegenübers als Prüfstein weiblicher Autonomie, jedoch mit verschiedenem ethischem Vektor. Erzieherische Räume dienen als Katalysatoren der Selbstformung, während abgelegene Landschaften Grenzerfahrungen zuspitzen. Religiöse Sprache erscheint nicht eindimensional, sondern als Vokabular der Prüfung, Tröstung und Rebellion. Auch die Darstellung sozialer Schwellen – Herkunft, Besitz, Ansehen – wird in beiden Texten nicht bloß registriert, sondern dramatisiert. Solche Resonanzen weisen weniger auf Ableitung als auf geteilte Problemhorizonte, die individuell ausgebaut werden und im Nebeneinander eine eigene Kontur gewinnen.
Heutige Relevanz erwächst aus der Genauigkeit, mit der beide Romane Selbstachtung, Zustimmung, Bindung und Verantwortung verhandeln. Die Texte zeigen, wie Gefühle Handlungsspielräume eröffnen oder schließen, und wie soziale Erwartungen intime Entscheidungen durchdringen. Fragen von Gerechtigkeit, Bildung, Zugehörigkeit und persönlicher Integrität behalten Dringlichkeit, weil sie in konkreten Szenen verkörpert werden. Zudem bleiben die Darstellungen von Natur und Raum als Spiegel seelischer Konstellationen eindrucksvoll. Wer soziale Muster, emotionale Abhängigkeiten und die Sprache moralischer Urteile verstehen will, findet hier differenzierte Werkzeuge, die Konventionen prüfen und zugleich die Würde individueller Wahl ernst nehmen. Auch Ambivalenz wird nicht gescheut.
Beide Romane gelten weithin als tragende Pfeiler der anglophonen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts und werden regelmäßig in akademischen Kontexten diskutiert. Ihre Verbindung von emotionaler Intensität, narrativer Innovation und moralischer Reflexion gilt als maßstabsbildend. Wiederkehrende Debatten betreffen Vorstellungen von Geschlechterordnung, Herkunft, sozialer Mobilität und die Darstellung von Machtverhältnissen im häuslichen wie öffentlichen Raum. Ebenso wird die poetische Nutzung von Landschaft, Architektur und Atmosphäre als prägend hervorgehoben. In Summe haben diese Texte einen Kanonstatus erlangt, der nicht auf Übereinstimmung beruht, sondern auf der beständigen Fähigkeit, neue Fragen und produktive Uneinigkeiten anzustoßen. So bleiben sie lebendig.
In der kulturellen Nachwirkung zeigen beide Romane eine außergewöhnliche Wandlungsfähigkeit. Sie werden in Theater, Film, Musik und Bildkunst immer wieder neu gerahmt, zitiert, kontrastiert und in andere Zeiten verlegt. Auch wissenschaftliche Debatten greifen auf sie zurück, wenn es um die Sprache von Begehren, Gewissen, Bildung oder um die Darstellung räumlicher Macht geht. Ihre Figuren, Bilder und Konflikte haben eine Bildkraft entwickelt, die über das Medium hinaus wirkt. Dadurch entstehen neue Lesarten, die historische Distanz überbrücken, ohne die ursprüngliche Komplexität zu glätten, und aktuelle Fragen nach Identität, Verantwortung und Zugehörigkeit präzise schärfen.
Diese Zusammenstellung möchte daher nicht ein Urteil fällen, sondern eine belastbare Gesprächssituation herstellen. Sie lädt ein, die beiden Werke nacheinander oder im Wechsel zu lesen, Motive querzulegen und Unterschiede als produktive Energie zu nutzen. So entsteht ein Panorama von Selbstbehauptung und Bindung, von innerer Stimme und elementarem Druck, das ohne Eile betrachtet werden will. Die Texte behalten ihre Eigenkraft, treten aber in ein Verhältnis, das überraschende Einsichten freisetzt. Wer diese Bewegung zulässt, wird eine gestaffelte, anspruchsvolle und anhaltend anregende Leserfahrung gewinnen, die das Verständnis beider Romane klärt und vertieft. Und weiterträgt.
Als beide Romane 1847 in Großbritannien erschienen, veränderten Reformen, Industrialisierung und Imperium die soziale Ordnung. Nach den Reformgesetzen und der Armenrechtsnovelle prallten ältere Landbesitzhierarchien und neue bürgerliche Ambitionen aufeinander. Die Chartistenbewegung artikulierte Forderungen nach politischer Teilhabe, während Fabrikstädte anwuchsen und ländliche Regionen unter Druck gerieten. Jane Eyre bewegt sich durch Institutionen und Haushalte, die diese Spannungen bündeln; Sturmhöhe isoliert seine Figuren, lässt ihre Konflikte jedoch von denselben rechtlichen und ökonomischen Kräften umstellt sein. So erscheinen Anwesen, Arbeitsverhältnisse und Erziehungsräume als Mikropolitiken, in denen Macht, Eigentum und Moral verhandelt werden.
Die Geschlechterordnung der Epoche prägte die Handlungshorizonte. Ehegesetze nach dem Prinzip der Coverture reduzierten verheiratete Frauen rechtlich; unverheiratete Erzieherinnen standen zwischen Dienerschaft und Mittelstand. Jane Eyre verhandelt diese prekäre Zwischenstellung als Frage der Würde, des Einkommens und der Vertragsautonomie. In Sturmhöhe ist das Schicksal von Frauen eng an Besitzübertragungen, Vormundschaften und familiäre Loyalitäten geknüpft. Beide Werke prüfen, ob Liebe und Ehe als moralische Übereinkunft oder als sozialer Zwang verstanden werden. Indem sie weibliche Selbstbehauptung gegen Konventionen setzen, zeigen sie die Bruchstellen im System der respektablen Häuslichkeit.
Religiöse Debatten prägten das soziale Klima: evangelikale Erneuerung, konfessionelle Spannungen und der Druck, persönliche Läuterung als öffentliches Zeichen der Tugend vorzuführen. Jane Eyre inszeniert Gewissensprüfung und Barmherzigkeit, aber auch die Gefahren religiöser Dogmatik in Erziehung und Wohltätigkeit. Sturmhöhe kontrastiert kirchliche Normen mit ungezügelten Leidenschaften und einer Natur, die nicht leicht moralisch gezähmt werden kann. Beide Romane verbinden individuelle Heilsfragen mit sozialer Kontrolle: Seelenführung kollidiert mit Besitz, Herkunft und Stand. So wird Religion weder bloßes Ornament noch bloßes Gesetz, sondern ein Feld der Auseinandersetzung um Autorität und Freiheit.
Klassenmobilität und Rechtsregime bilden die materielle Kulisse. Wohltätigkeitsschulen, Lehrstellen und Dienstverhältnisse strukturieren Aufstieg und Ausschluss in Jane Eyre; Waisenstatus, Vormundschaft und Erbfolgen legen fest, wer zählen darf. In Sturmhöhe ist Eigentum nicht nur Besitz, sondern ein Instrument der Herrschaft, das Verwandtschaftsbeziehungen zwingt und räumliche Bewegung reglementiert. Schulden, Mitgiften und Verträge werden zu Hebeln sozialer Kontrolle. Indem beide Romane zeigen, wie intime Bindungen durch rechtliche und ökonomische Zwänge geformt werden, machen sie sichtbar, wie das Private den Stempel öffentlicher Ordnung trägt.
Das britische Empire bildet den transnationalen Hintergrund von Kapitalflüssen und Identitäten. In Jane Eyre treten koloniale Verflechtungen über Vermögen, Reisewege und die Figur einer kreolischen Herkunftsposition zutage; Ehe und Erbe werden durch Überseeerfahrungen konturiert. Sturmhöhe thematisiert das Imperium weniger direkt, doch sein Vokabular von Aneignung, Grenzziehung und Verwilderung resoniert mit imperialen Denkfiguren. Die Romane legen offen, wie globale Profite in die Intimität des Hauses einsickern und dort neue Konflikte stiften. So werden Fragen von Rasse, Sprache und Recht nicht additiv, sondern strukturell im Erzählgewebe präsent.
Die nordenglischen Moorlandschaften rahmen eine Politik des Raums. Abseits wachsender Industriestädte entstehen Fragmente einer Welt, in der Wege, Zäune und Wetter soziale Kontrolle oder deren Ausfall markieren. Die Ausbreitung von Postwesen und frühen Eisenbahnen verkürzt zwar Distanzen, doch die Häuser der Romane inszenieren weiterhin Abgeschlossenheit, Schwellen und Sichtkontrollen. In Jane Eyre verbinden Reisen, Stellenwechsel und Briefe entlegene Orte zu einem Netz von Chancen und Gefahren. Sturmhöhe macht den abgeschiedenen Haushalt zur Bühne, auf der Herrschaftsrituale, Gastrecht und Ausschluss den Ton setzen. Raum wird damit zum politischen Medium.
Beide Romane stehen an einer Schwelle zwischen romantischer Erhabenheit, gotischer Schau und einer sich verdichtenden psychologischen Realistik. Jane Eyre entfaltet eine intime, reflexive Erzählinstanz, die moralische Prüfung mit starker Affektivität verbindet. Sturmhöhe setzt auf verschachtelte Erzähler, ein harsches Naturpanorama und eine Figurengestaltung, die die sozialen Masken sprengt. Rebellische, rätselhafte Männergestalten und widerständige Heldinnen bilden Kontrastpaare, deren Energie den häuslichen Roman über seine Grenzen hinausdehnt. So kreuzen sich Sensationslust und Gewissensethik, Pathos und soziale Tatsache – eine ästhetische Spannung, die den Kanon beider Werke dauerhaft prägt.
Philosophisch reagieren die Romane auf Debatten um Nützlichkeit, Sympathie und Selbstkultivierung. Jane Eyre beansprucht eine unveräußerliche innere Würde gegen Berechnung und Opportunismus; Gewissen wird nicht als äußerer Zwang, sondern als dialogische Instanz gezeichnet. Sturmhöhe erprobt, wie soziale Norm und elementare Leidenschaft sich wechselseitig deformieren. Beide Texte misstrauen reinem Kalkül und zeigen, dass Moral nur als Beziehungspraxis tragfähig ist. Im Ergebnis widerlegen sie die Idee, man könne Gefühl und Gesetz säuberlich trennen: Das Ethische erscheint als Temperatur des sozialen Raums, nicht als kalte Regelmechanik.
Wissenschaftliche und technische Neuerungen liefern Metaphern und Requisiten. Popularisierte Theorien über Temperament und Charakter, frühe Psychologie, meteorologische Beobachtung und Geologiebilder schärfen das Vokabular innerer Tiefe und äußerer Gewalt. Das expandierende Druckwesen speist eine Lesekultur, in der Romane als moralische Gefahr oder als Bildungsgut gelten. Briefe, Tagebuchspuren und Mündlichkeit strukturieren Handlungen: das Text im Text. Zugleich kontrastieren Aberglaube und empirische Nüchternheit. So modellieren beide Werke ein Erkenntnisfeld, in dem Naturerfahrung, Seelenkunde und Mediengebrauch um Deutungshoheit ringen und die narrative Form experimentell wird.
Als Gattung erfährt der Roman Misstrauen und Faszination. Jane Eyre adaptiert Elemente des Bildungs- und Gouvernantenromans, doch die Ich-Perspektive erkämpft eine Autorität, die weibliche Erfahrung nicht bloß illustriert, sondern begründet. Sturmhöhe sprengt den Erwartungshorizont des häuslichen Realismus, indem es auf Rahmenerzählung, Erinnerungsschübe und widerständige Chronologien setzt. Beide Texte treiben die Debatte über Anständigkeit, Sensationswert und künstlerische Integrität voran. Ihre formale Kühnheit – von der kontrollierten Beichte bis zum widerhallenden Stimmenchor – markiert einen ästhetischen Wettbewerb um Wahrhaftigkeit, der weniger gegen als innerhalb der Konventionen geführt wird.
Die Poetik des Ortes ist zugleich Erkenntnistheorie. Häuser, Gänge und Schwellen regulieren Blick und Bewegung; Landschaft wird Stimmungsträger und soziale Grammatik. In Jane Eyre dient Architektur der Prüfung von Nähe, Eigentum und Bewachung, während Wegmarken und Wetter Übergänge signalisieren. Sturmhöhe lässt Wind, Stein und Torpfosten zu Mitspielern werden, deren Härte Charakter bilden hilft. Natur ist nicht Kulisse, sondern Kausalität; Innenräume sind Archive der Macht. Indem die Werke Materialität so ernst nehmen, verbinden sie romantische Naturerfahrung mit einer scharfen Beobachtung sozialer Codes – eine Ästhetik, die Körper, Raum und Recht ineinander verschränkt.
Die zeitgenössische Rezeption schwankte zwischen Bewunderung und Alarm. Jane Eyre wurde als kühn, bewegend und moralisch herausfordernd wahrgenommen, zugleich als ungebührlich selbstbewusst in der Stimme einer Frau. Sturmhöhe irritierte durch Härte, Unversöhnlichkeit und formale Fremdheit. Die anfängliche Anonymität und geschlechtsneutrale Veröffentlichung beider Autorinnen nährte Spekulationen über Urheberschaft und Anstand. Dennoch erkannten viele Leserinnen und Leser eine neue Intensität psychologischer Darstellung. Bereits früh bildete sich der Eindruck, dass hier nicht bloß Sitten gemalt, sondern Normen auf die Probe gestellt werden – ein Umstand, der Zustimmung wie Abwehr gleichermaßen provozierte.
Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert erfolgte eine teilweise Domestizierung der Deutungen. Jane Eyre wurde häufiger als moralische Erbauungsgeschichte gelesen, deren Kanten durch betonte Buß- und Tugendmomente abgeschliffen wurden. Sturmhöhe erhielt das Etikett der tragischen Liebesgeschichte, das die soziale und rechtliche Grausamkeit der Handlung in romantische Schwärze umlackierte. Bühnenfassungen und frühe filmische Umsetzungen verbreiteten ikonische Bilder, aber auch Vereinfachungen. Gleichwohl festigte sich die Kanonstellung beider Werke im Schul- und Hochschulbetrieb, wo sie als Prüfsteine für Erzähltechnik, Figurenpsychologie und normative Ordnungen dienten.
Mit dem Aufkommen psychologisch orientierter Lektüren verlagerte sich der Fokus auf Begehren, Verdrängung und die Architektur des Selbst. Jane Eyre konnte als Narrativ der Ich-Konstitution gegen äußere und innere Zwänge gelten; Sturmhöhe als Allegorie einer Gemeinschaft, die von unintegrierbaren Affekten durchzogen ist. Häuser und Landschaften wurden als Projektionen innerer Zustände verstanden, Geheimnisse als Symptome sozialer Pathologien. Ohne den Reichtum der Texte zu reduzieren, ermöglichten solche Deutungen eine Systematik, die das Unheimliche, das Beichtende und das Widersprüchliche als Strukturmerkmale, nicht als Randerscheinungen, sichtbar machte.
Feministische Neubewertungen hoben die politische Sprengkraft weiblicher Stimme hervor. Jane Eyre wurde als Manifest der Selbstachtung gelesen, das Arbeitsrecht, Begehren und geistige Unabhängigkeit zusammenbindet. Zugleich rief die Romantik strenger Männlichkeit Debatten über Grenzüberschreitung und Gewalt hervor. Sturmhöhe gilt vielfach als schonungslose Studie patriarchaler Besitzlogik und ihrer zerstörerischen Folgen; zugleich wird davor gewarnt, Leidenschaft mit Befreiung zu verwechseln. Die Werke wirken so als Laboratorien der Zustimmung, der Grenze und der Reziprozität: Sie zwingen dazu, zwischen moralischem Ernst und gefährlicher Stilisierung zu unterscheiden.
Postkoloniale Lesarten legten Verwicklungen von Rasse, Sprache und Reichtum frei, besonders in Jane Eyre, wo koloniales Kapital, kreolische Herkunft und Heiratsstrategien ineinandergreifen. Solche Perspektiven verschieben den Blick von individueller Läuterung hin zu globalen Machtachsen, die intime Entscheidungen formen. Sturmhöhe lässt sich als Imagination eines inneren Randgebiets lesen, in dem Fragen von Zugehörigkeit, Verwilderung und Disziplinierung wie in einem Kolonialdiskurs erklingen. Diese Ansätze kritisieren frühere universalistische Interpretationen und zeigen, wie Kanontekste gleichzeitig trösten, verletzen und Gegenrede provozieren.
Gegenwärtige Diskussionen verknüpfen historische Sensibilität mit ethischer Gegenwartsdiagnostik. Debatten über Einvernehmen, psychische Verletzung und Klassismus haben die Lektüre von Jane Eyre und Sturmhöhe neu konturiert; Adaptionswellen aktualisieren Figuren als Prüfsteine moderner Intimität. In deutschen Übersetzungen rückt die Frage der Register, Dialekte und religiösen Tonlagen ins Zentrum: Wie viel Rauheit oder Sanftheit verträgt der Text? Editionsphilologische Sorgfalt und digitale Vermittlung erschließen Varianten und Kontexte, ohne die Eigenwilligkeit zu glätten. So bleiben beide Romane zugleich historische Dokumente und offene Apparate für die Gegenwartsdebatte.
Der Roman folgt der Waisen Jane auf ihrem Weg von einer entbehrungsreichen Kindheit zu einer selbstbestimmten Erwachsenen, die zwischen gesellschaftlicher Erwartung und persönlicher Integrität ihren Platz sucht.
Als Ich-Erzählung verknüpft der Text Bildungsroman und gotische Elemente, wobei ein geheimnisvoller Landsitz und moralische Prüfungen Janes Überzeugungen herausfordern.
Der Ton ist reflektiert und eindringlich, und die zentrale Spannung kreist um die Vereinbarkeit von Liebe, Autonomie und Gewissen.
In einer rauen Moorlandschaft entfaltet eine verschachtelte Erzählstruktur die zerstörerischen Bindungen zweier Familien, genährt von obsessiver Leidenschaft, Kränkung und sozialem Groll.
Mehrstimmige Perspektiven und die Wildheit der Umgebung erzeugen eine unruhige, düstere Atmosphäre, in der Zuneigung leicht in Besitzanspruch und Vergeltung umschlägt.
Die Handlung spannt sich über mehrere Lebensphasen und Generationen, wobei sich Muster von Verletzung und Gegenwehr wiederholen und Beziehungen dauerhaft gezeichnet bleiben.
Beide Texte verbinden romantische und gotische Motive mit Fragen nach Klasse, Moral und weiblicher Handlungsfähigkeit.
Jane Eyre bietet eine kohärente Ich-Perspektive und eine Entwicklung hin zu Selbstbestimmung, während Sturmhöhe in bruchstückhaften Stimmen die Unberechenbarkeit von Leidenschaft und Umfeld betont.
Im Dialog stehen Vorstellungen von Liebe als prüfende, potenziell heilende Kraft gegenüber Liebe als zerstörerischer Obsession, was Kontraste in Ton, Struktur und ethischer Ausrichtung sichtbar macht.
Es war ganz unmöglich, an diesem Tage einen Spaziergang zu machen. Am Morgen waren wir allerdings während einer ganzen Stunde in den blätterlosen, jungen Anpflanzungen umhergewandert; aber seit dem Mittagessen – Mrs. Reed speiste stets zu früher Stunde, wenn keine Gäste zugegen waren – hatte der kalte Winterwind so düstere, schwere Wolken und einen so durchdringenden Regen heraufgeweht, daß von weiterer Bewegung in frischer Luft nicht mehr die Rede sein konnte.
Ich war von Herzen froh darüber: lange Spaziergänge, besonders an frostigen Nachmittagen, waren mir stets zuwider: – ein Greuel war es mir, in der rauhen Dämmerstunde nach Hause zu kommen, mit fast erfrorenen Händen und Füßen, – mit einem Herzen, das durch das Schelten Bessie’s, der Kinderwärterin, bis zum Brechen schwer war, – gedemütigt durch das Bewußtsein, physisch so tief unter Eliza, John und Georgina Reed zu stehen.
Die soeben erwähnten Eliza, John und Georgina hatten sich in diesem Augenblick im Salon um ihre Mama versammelt: diese ruhte auf einem Sofa in der Nähe des Kamins und umgeben von ihren Lieblingen, die zufälligerweise in diesem Moment weder zankten noch schrieen, sah sie vollkommen glücklich aus. Mich hatte sie davon dispensiert, mich der Gruppe anzuschließen, indem sie sagte, daß es sie tief unglücklich mache, gezwungen zu sein, mich fern zu halten; daß sie mich aber von Vorrechten ausschließen müsse, zu deren Genuß nur zufriedene, glückliche, kleine Kinder berechtigt seien, und daß sie mir erst verzeihen würde, wenn sie sowohl durch eigene Wahrnehmung wie durch Bessie’s Worte zu der Überzeugung gelangt sein würde, daß ich in allem Ernst versuche, mir anziehendere und freundlichere Manieren, einen kindlicheren, geselligeren Charakter – ein leichteres, offenherzigeres, natürlicheres Benehmen anzueignen.
»Was sagt denn Bessie, daß ich gethan habe?« fragte ich.
»Jane, ich liebe weder Spitzfindigkeiten noch Fragen; außerdem ist es gradezu widerlich, wenn ein Kind ältere Leute in dieser Weise zur Rede stellt. Augenblicklich setzest du dich irgendwo hin und schweigst, bis du freundlicher und liebenswürdiger reden kannst.«
An das Wohnzimmer stieß ein kleines Frühstückszimmer: ich schlüpfte hinein. Hier stand ein großer Bücherschrank. Bald hatte ich mich eines großen Bandes bemächtigt, nachdem ich mich zuerst vorsichtig vergewissert hatte, daß er Bilder enthalte. Ich stieg auf den Sitz in der Fenstervertiefung, zog die Füße nach und kreuzte die Beine wie ein Türke; dann zog ich die dunkelroten Moiree-Vorhänge fest zusammen und saß so in einem doppelten Versteck.
Scharlachrote Draperien schlossen mir die Aussicht zur rechten Hand; links befanden sich die großen, klaren Fensterscheiben, die mich vor dem düstern Novembertag wohl schützten, mich aber nicht von ihm trennten. In kurzen Zwischenräumen, wenn ich die Blätter meines Buches wendete, fiel mein Blick auf das Bild dieses winterlichen Nachmittags. In der Ferne war nichts als ein blasser, leerer Nebel, Wolken; im Vordergrunde der feuchte, freie Platz vor dem Hause, vom Winde entlaubte Gesträuche, und ein unaufhörlicher vom Sturm wildgepeitschter Regen.
Ich kehrte zu meinem Buche zurück – Bewicks Geschichte von Englands gefiederten Bewohnern; im allgemeinen kümmerte ich mich wenig um den gedruckten Text des Werkes, und doch waren da einige einleitende Seiten, welche ich, obgleich nur ein Kind, nicht gänzlich übergehen konnte. Es waren jene, die von den Verstecken der Seevögel handelten, von jenen einsamen Felsen und Klippen, welche nur sie allein bewohnen, von der Küste Norwegens, die von ihrer äußersten südlichen Spitze, dem Lindesnäs bis zum Nordkap mit Inseln besäet ist.
Wo der nördliche Ozean, in wildem Wirbel Um die nackten, öden Inseln tobt Des ultima Thule; und das atlantische Meer Sich stürmisch zwischen die Hebriden wälzt.
Auch konnte ich nicht unbeachtet lassen, was dort stand von den düsteren Küsten Lapplands, Sibiriens, Spitzbergens, Novazemblas, Islands, Grönlands, mit dem weiten Bereich der arktischen Zone und jenen einsamen Regionen des öden Raums – jenem Reservoir von Eis und Schnee, wo fest gefrorene Felder – die Anhäufung von Jahrhunderten von Wintern – alpine Höhen auf Höhen erfroren, den Nordpol umgeben und die vervielfachte Strenge der äußersten Kälte konzentrieren. Von diesen todesweißen Regionen machte ich mir meinen eigenen Begriff: schattenhaft, wie all jene nur halb verstandenen Gedanken, die eines Kindes Hirn kreuzen, aber einen seltsam tiefen Eindruck hinterlassend. Die Worte dieser einleitenden Seiten verbanden sich mit den darauf folgenden Vignetten und gaben allen eine Bedeutung: jenem Felsen, der aus einem Meer von Wellen und Wogenschaum emporragte; dem zertrümmerten Boote, das an traurig wüster Küste gestrandet; dem kalten, geisterhaften Monde, der durch düstere Wolkenmassen auf ein sinkendes Wrack herabblickt.
Ich weiß nicht mehr, mit welchem Empfinden ich auf den stillen, einsamen Friedhof mit seinem beschriebenen Leichenstein sah, auf jenes Thor, die beiden Bäume, den niedrigen Horizont, der durch eine zerfallene Mauer begrenzt war, auf die schmale Mondessichel, deren Aufgang die Stunde der Abendflut bezeichnete.
Die beiden Schiffe, welche auf regungsloser See von einer Windstille befallen werden, hielt ich für Meergespenster.
Über den Unhold, welcher das Bündel des Diebes auf dessen Rücken fest band, eilte ich flüchtig hinweg; er war ein Gegenstand des Schreckens für mich.
Und ein gleiches Entsetzen flößte mir das schwarze, gehörnte Etwas ein, das hoch auf einem Felsen saß und in weiter Ferne eine Menschenmasse beobachtete, die einen Galgen umgab.
Jedes Bild erzählte eine Geschichte: oft war diese für meinen unentwickelten Verstand geheimnisvoll, meinem unbestimmten Empfinden unverständlich, – stets aber flößte sie mir das tiefste Interesse ein: dasselbe Interesse, mit welchem ich den Erzählungen Bessie’s horchte, wenn sie zuweilen an Winterabenden in guter Laune war; dann pflegte sie ihren Plätttisch an das Kaminfeuer der Kinderstube zu bringen, erlaubte uns, unsere Stühle an denselben zu rücken, und während sie dann Mrs. Reeds Spitzenvolants bügelte und die Spitzen ihrer Nachthauben kräuselte, ergötzte sie unsere Ohren mit Erzählungen von Liebesgram und Abenteuern aus alten Märchen und noch älteren Balladen, oder – wie ich erst viel später entdeckte – aus den Blättern von Pamela, und Henry, Graf von Moreland.
Mit Bewick auf meinen Knieen war ich damals glücklich: glücklich wenigstens auf meine Art. Ich fürchtete nichts als eine Unterbrechung, eine Störung – und diese kam nur zu bald. Die Thür zum Frühstückszimmer wurde geöffnet.
»Bah, Frau Träumerin!« ertönte John Reeds Stimme; dann hielt er inne; augenscheinlich war er erstaunt, das Zimmer leer zu finden.
»Wo zum Teufel ist sie denn?« fuhr er fort, »Lizzy! Georgy!« rief er seinen Schwestern zu, »Joan ist nicht hier. Sagt doch Mama, daß sie in den Regen hinaus gelaufen ist – das böse Tier!«
»Wie gut, daß ich den Vorhang zusammengezogen habe,« dachte ich; und dann wünschte ich inbrünstig, daß er mein Versteck nicht entdecken möge; John Reed selbst würde es auch niemals entdeckt haben; er war langsam, sowohl von Begriffen wie in seinem Wahrnehmungsvermögen; aber Eliza steckte den Kopf zur Thür hinein und sagte sofort:
»Sie ist gewiß wieder in die Fenstervertiefung gekrochen, sieh nur nach, Jack,«
Ich trat sofort heraus, denn ich zitterte bei dem Gedanken, daß der erwähnte Jack mich hervorzerren würde.
»Da bin ich, was wünscht Ihr?« fragte ich mit schlecht erheuchelter Gleichgültigkeit.
»Sag: was wünschen Sie, Mr. Reed,« lautete seine Antwort. »Ich will, daß du hierher kommst,« und indem er in einem Lehnstuhl Platz nahm, gab er mir durch eine Geste zu verstehen, daß ich näher kommen und vor ihn treten solle.
John Reed war ein Schuljunge von vierzehn Jahren; vier Jahre älter als ich, denn ich war erst zehn Jahr alt; groß und stark für sein Alter, mit einer unreinen, ungesunden Hautfarbe; große Züge in einem breiten Gesicht, schwerfällige Gliedmaßen und große Hände und Füße. Gewöhnlich pflegte er sich bei Tische so vollzupfropfen, daß er gallig wurde; das machte seine Augen trübe und seine Wangen schlaff. Eigentlich hätte er jetzt in der Schule sein müssen, aber seine Mama hatte ihn für ein bis zwei Monate nach Hause geholt »seiner zarten Gesundheit wegen«. Mr. Miles, der Direktor der Schule versicherte, daß es ihm außerordentlich gut gehen würde, wenn man ihm nur weniger Kuchen und Leckerbissen von Hause schicken wollte; aber das Herz der Mutter empörte sich bei einer so roh ausgesprochenen Meinung und neigte mehr zu der feineren und zarteren Ansicht, daß Johns blaßgelbe Farbe von
Überanstrengung beim Lernen und vielleicht auch von Heimweh herrühre. –
John hegte wenig Liebe für seine Mutter und seine Schwestern, und eine starke Antipathie gegen mich. Er quälte und bestrafte mich; nicht zwei-oder dreimal in der Woche, nicht einoder zweimal am Tage, sondern fortwährend und unaufhörlich; jeder Nerv in mir fürchtete ihn, und jeder Zollbreit Fleisch auf meinen Knochen schauderte und zuckte, wenn er in meine Nähe kam. Es gab Augenblicke, wo der Schrecken, den er mir einflößte, mich ganz besinnungslos machte; denn ich hatte niemanden, der mich gegen seine Drohungen und seine Thätlichkeiten verteidigte; die Dienerschaft wagte es nicht, ihren jungen Herren zu beleidigen, indem sie für mich gegen ihn Partei ergriff, und Mrs. Reed war in diesem Punkte blind und taub: sie sah niemals, wenn er mich schlug, sie hörte niemals, wenn er mich beschimpfte, obgleich er beides gar oft in ihrer Gegenwart that: häufiger zwar noch hinter ihrem Rücken.
Aus Gewohnheit gehorchte ich John auch dieses Mal und näherte mich seinem Stuhl: ungefähr zwei bis drei Minuten brachte er damit zu, mir seine Zunge so weit entgegenzustrecken, wie er es ohne Gefahr für seine Zungenbänder bewerkstelligen konnte; ich fühlte, daß er mich jetzt gleich schlagen würde, und obgleich ich eine tödliche Angst vor dem Schlage empfand, vermochte ich doch über die ekelerregende und häßliche Erscheinung des Burschen, der denselben austeilen würde, meine Betrachtungen anzustellen. Ich weiß nicht, ob er diese Gedanken auf meinem Gesichte las, denn plötzlich, ohne ein Wort zu sagen, schlug er heftig und brutal auf mich los. Ich taumelte; dann gewann ich das Gleichgewicht wieder und trat einige Schritte von seinem Stuhl zurück.
»Das ist für die Frechheit, daß du vor einer Weile gewagt hast, Mama eine Antwort zu geben,« sagte er, »und daß du gewagt hast, dich hinter den Vorhang zu verkriechen, und für den Blick, den ich vor zwei Minuten in deinen Augen gewahrte, du Ratze, du!«
An Johns Beschimpfungen gewöhnt, fiel es mir niemals ein, irgend etwas auf dieselben zu erwidern; ich dachte nur daran, wie ich den Schlag ertragen sollte, der unfehlbar auf die Schimpfworte folgen würde.
»Was hast du da hinter dem Vorhange gemacht?« fragte er weiter.
»Ich habe gelesen.«
»Zeige mir das Buch.«
Ich ging an das Fenster zurück und holte es von dort.
»Du hast kein Recht, unsere Bücher zu nehmen; du bist eine Untergebene, hat Mama gesagt; du hast kein Geld; dein Vater hat dir keins hinterlassen; eigentlich solltest du betteln und hier nicht mit den Kindern eines Gentleman, wie wir es sind, zusammen leben, und dieselben Mahlzeiten essen wie wir, und Kleider tragen, die unsere Mama dir kaufen muß. Nun, ich werde dich lehren, zwischen meinen Büchern umherzustöbern, denn sie gehören mir, und das ganze Haus gehört mir, oder wird mir wenigstens in einigen Jahren gehören. Geh und stell dich an die Thür; nicht vor den Spiegel oder die Fenster.«
Ich that, wie mir geheißen, ohne eine Ahnung von seiner Absicht zu haben; als ich aber gewahrte, daß er das Buch emporhob und mit demselben zielte, sprang ich instinktiv zur Seite und stieß einen Schreckensschrei aus; jedoch nicht schnell genug; das Buch wurde geschleudert, es traf mich, und ich fiel, indem ich mit dem Kopf gegen die Thür schlug und mich verletzte. Die Wunde blutete, der Schmerz war heftig; mein Entsetzen war über den Höhepunkt hinausgegangen; andere Empfindungen bemächtigten sich meiner.
»Du böser, grausamer Bube!« schrie ich, »Du bist wie ein Mörder – du bist wie ein Sklaventreiber – du bist wie die römischen Kaiser!«
Ich hatte Goldsmiths Geschichte Roms gelesen und mir meine eigene Ansicht über Nero, Caligula und andere gebildet. Im Stillen hatte ich Vergleiche gezogen, welche laut zu äußern allerdings niemals meine Absicht gewesen,
»Was! Was!« schrie er, »Hat sie das zu mir gesagt? Habt ihr es gehört, Eliza und Georgina? Das will ich der Mama erzählen! – Aber erst noch – –«
Er stürzte auf mich zu: ich fühlte, wie er mein Haar und meine Schulter faßte; er kämpfte mit einem verzweifelten Geschöpfe. Ich sah wirklich in ihm einen Tyrannen, – einen Mörder. Dann fühlte ich, wie einzelne Blutstropfen von meinem Kopfe auf den Hals herabfielen, und empfand einen stechenden Schmerz: diese Empfindungen siegten für den Augenblick über die Furcht und ich trat ihm in wahnsinniger Wut entgegen. Was ich mit meinen Händen that, kann ich jetzt nicht mehr sagen, aber er schrie fortwährend »Ratze! Ratze!« und brüllte aus Leibeskräften. Hilfe war ihm nahe: Eliza und Georgina waren gelaufen, um Mrs. Reed zu holen, die nach oben gegangen war. Jetzt erschien sie auf der Scene, und ihr folgten Bessie und ihre Kammerjungfer Abbot. Man trennte uns: dann vernahm ich die Worte:
»Du liebe Zeit! Du liebe Zeit! Welch eine Furie, so auf Mr. John loszustürzen!«
»Hat man jemals ein so leidenschaftliches Geschöpf gesehen!« –
Dann fügte Mrs. Reed hinzu:
»Führt sie in das rote Zimmer und schließt sie dort ein.« Vier Hände bemächtigten sich meiner sofort und man trug mich nach oben.
Auf dem ganzen Wege leistete ich Widerstand; dies war etwas Neues und ein Umstand, der viel dazu beitrug, Bessie und Miß Abbot in der schlechten Meinung zu bestärken, welche diese ohnehin schon von mir hegten. Thatsache ist, daß ich vollständig außer mir war, wie die Franzosen zu sagen pflegen; ich wußte sehr wohl, daß die Empörung dieses einen Augenblicks mir schon außergewöhnliche Strafen zugezogen haben mußte, und wie viele andere rebellische Sklaven war ich in meiner Verzweiflung fest entschlossen, bis ans Äußerste zu gehen.
»Halten Sie ihre Arme, Miß Abbot; sie ist wie eine wilde Katze.«
»Schämen Sie sich! Schämen Sie sich!« rief die Kammerjungfer. »Welch ein abscheuliches Betragen, Miß Eyre, einen jungen Gentleman zu schlagen! Den Sohn Ihrer Wohlthäterin! Ihren jungen Herrn!«
»Herr! Wie ist er mein Herr? Bin ich denn eine Dienerin?«
»Nein. Sie sind weniger als eine Dienerin, denn Sie thun nichts, Sie arbeiten nicht für Ihren Unterhalt. Da! Setzen Sie sich und denken Sie über Ihre Schlechtigkeit und Bosheit nach!«
Inzwischen hatten sie mich in das von Mrs. Reed bezeichnete Gemach gebracht und mich auf einen Stuhl geworfen; mein erster Impuls war, wie eine Sprungfeder wieder von demselben empor zu schnellen; vier Hände hielten mich jedoch augenblicklich wieder wie mit eisernen Klammern.
»Wenn Sie nicht still sitzen, werden wir Sie festbinden,« sagte Bessie. »Miß Abbot, borgen Sie mir Ihre Strumpfbänder; die meinen würde sie augenblicklich zerreißen.«
Miß Abbot wandte sich ab, um ein starkes Bein von den notwendigen Banden zu befreien. Diese Vorbereitungen, um mir Fesseln anzulegen, und die neue Schande, die dies für mich bedeutete, diente dazu, meine Aufregung ein wenig zu mindern.
»Nehmen Sie sie nicht ab,« schrie ich, »ich werde ganz still sitzen.«
Um ihnen für dies Versprechen eine Garantie zu bieten, hielt ich mich mit beiden Händen an meinem Sitz fest.
»Das möchte ich Ihnen auch raten,« sagte Bessie; und als sie sich überzeugt hatte, daß ich wirklich anfing, mich zu beruhigen, ließ sie mich los; dann stellten sie und Miß Abbot sich mit gekreuzten Armen vor mich und blickten finster und zweifelnd in mein Gesicht, als glaubten sie nicht an meinen gesunden Verstand,
»Das hat sie bis jetzt noch niemals gethan,« sagte endlich Bessie zur Abigail gewendet.
»Aber es hat schon lange in ihr gesteckt,« lautete die Antwort. »Ich habe der gnädigen Frau schon oft meine Meinung über das Kind gesagt, und sie hat mir auch beigestimmt. Sie ist ein verstecktes, kleines Ding: ich habe noch nie ein Mädchen in ihrem Alter gesehen, das so schlau wäre.«
Bessie antwortete nicht; nach einer Welle wandte sie sich zu mir und sagte:
»Fräulein, Sie sollten doch wissen, daß Sie Mrs. Reed verpflichtet sind, sie erhält Sie. Wenn sie Sie fortschickte, so müßten Sie ins Armenhaus gehen.«
Auf diese Worte fand ich nichts zu erwidern; sie waren mir nicht mehr neu; so weit ich in meinem Leben zurückdenken konnte, hatte ich Winke desselben Inhalts gehört. Dieser Vorwurf meiner Abhängigkeit war in meinen Ohren fast zum leeren, bedeutungslosen Singsang geworden, sehr schmerzlich und bedrückend, aber nur halb verständlich. Nun fiel auch Miß Abbot ein:
»Und Sie sollten auch nicht denken, daß Sie mit den Fräulein Reed und Mr. Reed auf gleicher Stufe stehen, Weil Mrs. Reed Ihnen gütig erlaubt, mit ihren Kindern erzogen zu werden. Diese werden einmal ein großes Vermögen haben, und Sie sind arm. Sie müssen demütig und bescheiden sein und versuchen, sich den andern angenehm zu machen.«
»Was wir Ihnen sagen, ist zu Ihrem Besten,« fügte Bessie hinzu, ohne in hartem Ton zu reden, »Sie sollten versuchen, sich nützlich und angenehm zu machen, dann würden Sie hier vielleicht eine Heimat finden; wenn Sie aber heftig und roh und ungezogen werden, so wird Mrs. Reed Sie fortschicken, davon bin ich fest überzeugt.«
»Außerdem,« sagte Miß Abbot, »wird Gott Sie strafen. Er könnte Sie mitten in Ihrem Trotz tot zu Boden fallen lassen, und wohin kämen Sie dann? Kommen Sie, Bessie, wir wollen sie allein lassen: um keinen Preis der Welt möchte ich ihr Herz haben. Sagen Sie Ihr Gebet, Miß Eyre, wenn Sie allein sind; denn wenn Sie nicht bereuen, könnte etwas Schreckliches durch den Kamin herunterkommen und Sie holen.«
Sie gingen und schlossen die Thür hinter sich ab.
Das rote Zimmer war ein Fremdenzimmer, in dem nur selten jemand schlief; ich könnte beinahe sagen niemals oder nur dann, wenn ein zufälliger Zusammenfluß von Besuchern auf Gateshead-Hall es notwendig machte, alle Räumlichkeiten des Hauses nutzbar zu machen. Und doch war es eins der schönsten und prächtigsten Gemächer im Herrenhause. Wie ein Tabernakel stand im Mittelpunkt desselben ein Bett von massiven Mahagonipfeilern getragen und mit Vorhängen von dunkelrotem Damast behängt; die beiden großen Fenster, deren Rouleaux immer herabgelassen waren, wurden durch Gehänge und Faltendraperien vom selben Stoffe halb verhüllt; der Teppich war rot; der Tisch am Fußende des Bettes war mit einer hochroten Decke belegt; die Wände waren mit einem Stoffe behängt, der auf lichtbraunem Grunde ein zartes rosa Muster trug; die Garderobe, der Toilettetisch, die Stühle waren aus dunklem, poliertem Mahagoni angefertigt. Aus diesen düsteren Schatten erhoben sich weiß und hoch und glänzend die aufgehäuften Matratzen und Kopfkissen des Bettes, über die eine schneeweiße Decke gebreitet war. Eben so unheimlich stach ein großer, gepolsterter, ebenfalls weißer Lehnstuhl hervor, der am Kopfende des Bettes stand und vor dem sich ein Fußschemel befand; damals erschien er mir wie ein geisterhafter Thron.
Das Zimmer war dumpf, weil nur selten ein Feuer in demselben angezündet wurde; es war still, weil es weit von der Kinderstube und den Küchen entfernt lag; unheimlich, weil ich wußte, daß fast niemals jemand dasselbe betrat. Nur am Sonnabend kam das Hausmädchen hierher, um den stillen Staub einer Woche von den Möbeln und den Spiegeln zu wischen; und in langen Zwischenräumen kam auch Mrs. Reed hierher, um den Inhalt einer gewissen Schieblade zu revidieren, in welcher sich verschiedene Urkunden, ihre Juwelenschatulle und ein Miniaturbild ihres verstorbenen Gatten befand. In diesen letzten Worten liegt das Geheimnis des roten Zimmers, der Zauberbann, weshalb es trotz seiner Pracht so einsam und verlassen war.
Mr. Reed war seit neun Jahren tot; in diesem Gemache hatte er seinen letzten Atemzug gethan; hier lag er aufgebahrt; von hier hatten die Leichenträger ihn hinausgetragen – und seit jenem Tage hatte ein Gefühl trauriger Weihe jeden unberufenen Besucher von seiner Schwelle fern gehalten.
Der Sitz, auf welchen Bessie und die bitterböse Miß Abbot mich gebannt hatten, war eine niedrige Ottomane, welche nahe dem weißen Marmorkamin stand; das Bett türmte sich vor mir auf; zu meiner Rechten befand sich ein hoher dunkler Garderobenschrank, auf dessen Tafelwerk sich die leisen, düsteren Lichter brachen; zu meiner Linken waren die verhängten Fenster; ein großer Spiegel zwischen denselben wiederholte die totesstille Majestät des Bettes und des Zimmers. Ich war nicht ganz sicher, ob sie die Thür zugeschlossen hatten; und als ich wieder Mut genug hatte, um mich zu bewegen, stand ich auf und ging um nachzusehen. Ach ja! Keine Kerkerthür war jemals sicherer verschlossen! Als ich wieder an die Ottomane zurückging, mußte ich an dem Spiegel vorüber, mein gebannter Blick bohrte sich unwillkürlich in die Tiefe desselben ein. In ihm sah alles noch kühler und hohler und düsterer aus als in Wirklichkeit, und die seltsame, kleine Gestalt, die mir aus ihm entgegenblickte, mit weißem Gesicht und Armen, die grell aus der Dunkelheit hervorleuchteten, mit Augen, die vor Furcht hin-und herrollten, wo sonst alles bewegungslos war – diese kleine Gestalt sah aus, wie ein wirkliches Gespenst; ich dachte an eins jener zarten Phantome, halb Elfe, halb Kobold, wie sie in Bessies Dämmerstunden-Geschichten aus einsamen, wilden Schluchten und düsteren Mooren hervorkamen und sich dem Auge des nächtlichen Wanderers zeigten. Ich kehrte auf meinen Sitz zurück.
In diesem Augenblick bemächtigte der Aberglaube sich meiner, aber die Stunde seines vollständigen Sieges über mich war noch nicht gekommen: mein Blut war noch warm; die Wut des empörten Sklaven erhitzte mich noch mit ihrer ganzen Bitterkeit; ich hatte noch einen wilden Strom von Gedanken an die Vergangenheit zu bändigen, bevor ich mich ganz dem Jammer über die trostlose Gegenwart hingeben konnte.
Wie der schmutzige Bodensatz aus einem trüben Brunnen, so stieg aus meinem bewegten, aufgeregtem Gemüt alles an die Oberfläche meines Empfindens: John Reeds wilde Tyrannei, die hochmütige Gleichgültigkeit seiner Schwestern, die Abneigung seiner Mutter, die Parteilichkeit der Dienstboten! Weshalb mußte ich stets leiden, stets mit verächtlichen Blicken angesehen werden, immer beschuldigt, immer verurteilt werben? Weshalb konnte ich niemals etwas recht machen? Weshalb war es immer nutzlos, wenn ich versuchte, irgend eines Menschen Gunst zu erringen? Man hatte Achtung vor Eliza, die doch so eigensinnig und selbstsüchtig war. Jedermann hatte Nachsicht mit Georgina, die stets übelgelaunt und trotzig und frech war. Ihre Schönheit, ihre rosigen Wangen und goldigen Locken schienen jeden zu entzücken, der sie anblickte und ihr Vergebung für all ihre Mängel und Fehler zu erlaufen. John wurde niemals bestraft, niemand widersprach ihm jemals, obgleich er den Tauben die Hälse umdrehte, die jungen Hühner umbrachte, die Hunde auf die Schafe hetzte, den Weinstock im Treibhause seiner Trauben beraubte und von den seltensten Pflanzen die Knospen abriß; er nannte seine Mutter sogar »liebe Alte«; nahm durchaus keine Rücksicht auf ihre Wünsche; zerriß und beschmutzte ihre seidenen Kleider nicht selten, – und doch war er »ihr einziger Liebling«. Ich wagte niemals, einen Fehler zu begehen; ich bemühte mich stets, meine Pflicht zu thun, und mich nannte man unartig und unerträglich, mürrisch und hinterlistig, vom Morgen bis zum Mittag, vom Mittag bis zum Abend.
Mein Kopf schmerzte noch und blutete nach dem erhaltenen Schlage und dem Falle, welchen ich gethan; niemand hatte John einen Verweis erteilt, weil er mich grundlos geschlagen; aber weil ich mich gegen ihn aufgelehnt hatte, um seiner weiteren unvernünftigen, besinnungslosen Heftigkeit zu entgehen, hatten alle mich mit den lautesten Schmähungen überhäuft.
»Ungerecht! – ungerecht!« sagte meine Vernunft, welcher die fortwährende, qualvolle Aufreizung eine frühzeitige, wenn auch vorübergehende Kraft verliehen hatte; und die Entschlossenheit, welche auch geweckt war, ließ mich allerhand Mittel ersinnen, um eine Flucht aus diesem schier unerträglich gewordenen Drucke zu bewerkstelligen – ich dachte daran, auf und davon zu laufen, oder wenn dies nicht möglich, wenigstens niemals wieder Speise und Trank zu mir zu nehmen und auf diese Weise zu Tode zu hungern.
Wie bestürzt war meine Seele an diesem traurigen Nachmittag! Wie erregt war mein Gemüt, wie furchtbar empört mein Herz! Aber in welcher Düsterheit, welcher Verblendung, welcher unglaublichen Unwissenheit wurde dieser Seelenkampf ausgekämpft! Ich hatte keine Antwort auf die sich mir unaufhörlich aufdrängende Frage, weshalb ich so viel leiden mußte. Jetzt nach Verlauf von – nein, ich will nicht sagen, von wie vielen Jahren – habe ich die Antwort gefunden!
Ich war ein Mißton in Gateshead-Hall. Ich war ein Nichts an diesem Orte; ich hatte keine Gemeinschaft mit Mrs. Reed oder ihren Kindern oder ihren bezahlten Vasallen. Sie liebten mich nicht, und in der That, ich liebte sie ebensowenig. Es war auch nicht ihre Pflicht, mit Liebe auf ein Geschöpf zu blicken, welches mit keiner einzigen Seele sympathisieren konnte; ein heterogenes Geschöpf, welches ihr direktes Gegenteil in Temperament, in Fähigkeiten und Neigungen war; ein nutzloses Geschöpf, welches ihrem Interesse nicht dienen, zu ihrem Vergnügen nichts beitragen konnte; ein strafbares Geschöpf, welches die Keime der Empörung über die ihm widerfahrende Behandlung in sich nährte, ein Geschöpf, das die tiefste Verachtung für ihren Verstand, ihr Urteilsvermögen nährte. Ich weiß wohl, daß, wenn ich ein sanguinisches, geistreiches, herrisches, schönes, wildes Kind gewesen wäre – wenn auch ebenso abhängig und freundlos – so würde Mrs. Reed meine Gegenwart in liebenswürdigerer Weise ertragen haben; ihre Kinder hätten für mich ein freundlicheres Gefühl der Gemeinsamkeit gehegt; die Dienstboten wären weniger geneigt gewesen, mich zum Sündenbock der Kinderstube zu machen.
Das Tageslicht begann aus dem roten Zimmer zu schwinden; es war nach vier Uhr, und auf den bewölkten Nachmittag folgte die trübe Dämmerung. Ich hörte, wie der Regen noch unaufhörlich gegen das Fenster der Treppe schlug, wie der Wind in den Laubgängen hinter dem Herrenhause heulte; nach und nach wurde ich so kalt wie Marmor, und dann begann mein Mut zu sinken. Die gewöhnliche Stimmung des Gedemütigtseins, Zweifel an mir selbst, hilflose Traurigkeit bemächtigten sich meiner und fielen dämpfend auf die Asche meiner dahinschwindenden Wut. Alle sagten ja, daß ich boshaft sei – vielleicht war es der Fall, denn hatte ich nicht soeben den Gedanken gehegt, mich zu Tode zu hungern? Das war doch gewiß ein Verbrechen: denn war ich bereit zu sterben? oder war das Gewölbe unter der Kanzel in der Kirche von Gateshead ein so einladendes Ende? In diesem Gewölbe lag Mr. Reed begraben, wie man mir gesagt hatte; dieser Gedanke führte mich dazu, sein Andenken herauf zu beschwören; und mit wachsendem Grauen verweilte ich bei demselben. Ich konnte mich seiner nicht erinnern; aber ich wußte, daß er mein Onkel gewesen, – der einzige Bruder meiner Mutter – daß er mich in sein Haus aufgenommen, als ich ein armes, elternloses Kind gewesen; und daß er noch in seinen letzten Augenblicken Mrs. Reed das Versprechen abgenommen hatte, mich wie ihr eigenes Kind zu erziehen und zu versorgen. Mrs. Reed war höchstwahrscheinlich der Überzeugung, daß sie dieses Versprechen gehalten habe, und so weit ihre Natur ihr dies erlaubte, hatte sie es auch gethan; aber wie sollte sie denn auch in Wirklichkeit für einen Eindringling Liebe hegen, der nicht zu ihrer Familie gehörte und nach dem Tode ihres Gatten durch keine Bande mehr an sie gekettet war? Es mußte allerdings ärgerlich sein, sich durch ein unter solchen Umständen gegebenes Versprechen genötigt zu sehen, einem fremden Kinde, das sie nicht lieben konnte, die Eltern zu ersetzen, und es ertragen zu müssen, daß eine unsympathische Fremde sich unaufhörlich in ihren Familienkreis drängte. Eine sonderbare Idee bemächtigte sich meiner. Ich zweifelte nicht – hatte es niemals bezweifelt – daß Mr. Reed, wenn er am Leben geblieben, mich mit Güte behandelt haben würde; und jetzt, als ich so dasaß und auf die dunklen Wände und das weiße Bett blickte, zuweilen auch wie gebannt ein Auge auf den trübe blinkenden Spiegel warf – da begann ich mich an das zu erinnern, was ich von Toten gehört hatte, die im Grabe keine Ruhe finden konnten, weil man ihre letzten Wünsche unerfüllt gelassen, und jetzt auf die Erde zurückkehrten, um die Meineidigen zu strafen und die Bedrückten zu rächen; ich dachte, wie Mr. Reeds Geist, gequält durch das Unrecht, welches man dem Kinde seiner Schwester zufügte, seine Ruhestätte verließ – entweder in dem Gewölbe der Kirche oder in dem unbekannten Lande der Abgeschiedenen – und in diesem Zimmer vor mir erscheinen könne. Ich trocknete meine Thränen und unterdrückte mein Schluchzen; denn ich fürchtete, daß diese lauten Äußerungen meines Grams eine übernatürliche Stimme zu meinem Troste erwecken oder aus dem mich umgebenden Dunkel ein Antlitz mit einem Heiligenschein hervorleuchten lassen könne, das sich mit wundersamem Mitleid über mich beugte. Dieser Gedanke, der in der Theorie vielleicht ganz trostreich, würde entsetzlich sein, wenn er zur Wirklichkeit werden könnte, das fühlte ich: mit aller Gewalt versuchte ich, ihn zu unterdrücken – ich bemühte mich, ruhig und gefaßt zu sein. Indem ich mir das Haar von Stirn und Augen strich, erhob ich den Kopf und versuchte in dem dunklen Zimmer umher zu blicken: in diesem Augenblick sah ich den Wiederschein eines Lichtes an der Wand! – War es vielleicht der Mondesstrahl, der durch eine Öffnung in dem Vorhang drang, fragte ich mich? Nein, die Mondesstrahlen waren ruhig und dies Licht bewegte sich; während ich noch hinblickte, glitt es zur Decke hinauf und erzitterte über meinem Kopfe, Jetzt kann ich freilich begreifen, daß dieser Lichtstreifen aller Wahrscheinlichkeit nach der Schimmer einer Laterne war, welche jemand über den freien Platz vor dem Hause trug; aber damals, mit dem auf Schrecken und Entsetzen vorbereiteten Gemüt, mit meinen vor Aufregung bebenden Nerven, hielt ich den sich schnell bewegenden Strahl für den Herold einer Erscheinung, die aus einer anderen Welt zu mir kam. Mein Herz pochte laut, mein Kopf wurde heiß; in meinen Ohren spürte ich ein Brausen, das ich für das Rauschen der Flügel hielt; ein Etwas schien sich mir zu nähern; ich fühlte mich bedrückt, erstickt; mein Widerstandsvermögen gab nach; ich stürzte auf die Thür zu und rüttelte mit verzweifelter Anstrengung am Schlosse. Eilende Schritte kamen durch den äußeren Korridor daher; der Schlüssel wurde im Schlosse umgedreht, Bessie und Miß Abbot traten ein.
»Miß Eyre, sind Sie krank?« fragte Bessie.
»Welch ein fürchterlicher lärm! Ich bin ganz außer mir!« rief Abbot aus.
»Nehmt mich mit hinaus! Laßt mich in die Kinderstube gehen!« schrie ich ununterbrochen.
»Weshalb denn? Ist Ihnen irgend etwas geschehen? Haben Sie etwas gesehen?« fragte Bessie wiederum.
»O, ich sah ein Licht und ich meinte, daß ein Geist kommen würde.« Ich hatte mich jetzt Bessies Hand bemächtigt, und sie entwand sie mir nicht. »Sie hat mit Absicht so geschrieen,« erklärte Abbot mit einigem Abscheu. »Und welch ein Geschrei! Wenn sie große Schmerzen gehabt hätte, so könnte man es noch entschuldigen, aber sie wollte weiter nichts, als uns alle herbeilocken. Ich kenne ihre bösen Streiche schon.«
»Was giebt es denn hier?« fragte eine andere Stimme gebieterisch; und Mrs. Reed kam mit flatternden Haubenbändern und wehendem Kleide durch den Korridor daher, »Abbot und Bessie, ich glaube, daß ich Befehl gegeben habe, Jane Eyre in dem roten Zimmer zu lassen, bis ich selbst sie holen würde?« »Miß Jane schrie so laut, Madame,« wandte Bessie zögernd ein.
»Laßt sie los,« war die einzige Antwort. »Laß Bessies Hand los, Kind: verlaß dich darauf, auf diese Weise wirst du nicht hinaus gelangen. Ich verabscheue solche List, besonders bei Kindern; es ist meine Pflicht, dir zu beweisen, daß du mit derartigen Ränken und Schlichen nicht weit kommst. Jetzt wirst du noch eine ganze Stunde hierbleiben, und auch dann gebe ich dich nur frei, wenn du mir das Versprechen giebst, vollkommen ruhig und unterwürfig zu sein,«
»O, Tante, hab Erbarmen! Vergieb mir doch! Ich kann, ich kann es nicht ertragen. – Bestrafe mich doch auf andere Weise! Ich komme um, wenn – –«
»Sei still! Diese Heftigkeit ist ganz widerlich und empörend!« und ohne Zweifel hegte sie auch Abscheu gegen mein Betragen. In ihren Augen war ich eine frühreife Schauspielerin; sie sah in der That auf mich wie auf eine Zusammensetzung der heftigsten Leidenschaften, eines niedrigen, gemeinen Geistes und gefährlicher Falschheit.
Als Bessie und Abbot sich zurückgezogen hatten, warf Mrs. Reed, die meiner wilden Angst und meines lauten Schluchzens wohl müde geworden sein mochte, mich rasch in das Zimmer zurück und schloß mich ohne weitere Erklärungen und Worte wieder ein. Ich hörte noch, wie sie davon rauschte; und bald nachdem sie gegangen war, muß ich in Krämpfe verfallen sein: Bewußtlosigkeit machte der Scene ein Ende!
Dann erinnerte ich mich an nichts mehr. Als ich erwachte, war es mit dem Gefühl eines schrecklichen Alpdrückens, vor mir sah ich eine unheimliche rote Glut, von der sich dicke, schwarze Stangen abhoben. Ich hörte Stimmen, die hohl an mein Ohr klangen, als würden sie durch das Rauschen des Wassers oder Toben des Windes übertönt, Aufregung, Ungewißheit und ein alles beherrschendes Gefühl des Entsetzens hielt alle meine Sinne gefangen. Es vergingen nur wenige Augenblicke, und dann gewahrte ich, daß jemand mich berührte, mich aufhob und mich in eine sitzende Stellung brachte, und zwar viel zärtlicher und sorgsamer, als mich bis jetzt irgend jemand gestützt oder emporgehoben hatte. Ich lehnte meinen Kopf gegen einen Arm oder ein Polster und fühlte mich unendlich wohl.
Noch fünf Minuten und die Wolken der Bewußtlosigkeit begannen zu schwinden. Jetzt wußte ich sehr wohl, daß ich in meinem eigenen Bette lag, und daß die rote Glut nichts anderes war, als das Feuer im Kamin der Kinderstube. Es war Nacht, eine Kerze brannte auf dem Tische; Bessie stand am Fußende meines Bettes und hielt eine Waschschüssel in der Hand, ein Herr saß auf einem Lehnstuhle neben mir und beugte sich über mich.
Ich empfand eine unbeschreibliche Erleichterung, eine wohlthuende Überzeugung der Sicherheit und des Beschütztseins, als ich sah, daß sich ein Fremder im Zimmer befand, ein Mensch, der nicht zum Haushalt von Gateshead, nicht zu den Verwandten von Mrs. Reed gehörte. – Mich von Bessie abwendend – obgleich ihre Gegenwart mir weit weniger unangenehm war, als mir zum Beispiel Abbots Gesellschaft gewesen wäre – prüfte ich die Gesichtszuge des Herrn; ich kannte ihn, es war Mr. Lloyd, ein Apotheker, den Mrs. Reed zuweilen rufen ließ, wenn ihre Dienstboten krank waren. Für sich selbst und ihre Kinder nahm sie immer nur die Hilfe des Arztes in Anspruch.
»Nun, wer bin ich?« fragte er.
Ich sprach seinen Namen aus und streckte ihm zu gleicher Zeit meine Hand entgegen; er nahm sie, lächelte und sagte: »Ah, wir werden uns jetzt langsam erholen.« Dann legte er mich nieder, wandte sich zu Bessie, empfahl ihr, sehr vorsichtig zu sein und mich während der Nacht nicht zu stören. Nachdem er noch weitere Weisungen erteilt und gesagt hatte, daß er am folgenden Tage wiederkommen würde, ging er fort; zu meiner größten Betrübnis; während er auf dem Stuhl neben meinem Kopfkissen saß, fühlte ich mich so beschützt, so sicher, und als die Thür sich hinter ihm schloß, wurde das ganze Zimmer dunkel und mein Herz verzagte von neuem, es unterlag der Last eines unbeschreiblichen Grams.
»Glauben Sie, daß Sie schlafen können, Miß?« fragte Bessie mich ungewöhnlich sanft.
Kaum wagte ich, ihr zu antworten, denn ich fürchtete, daß ihre nächsten Worte wieder rauh klingen würden. »Ich will es versuchen,« sagte ich leise.
»Möchten Sie nicht irgend etwas essen oder trinken?«
»Nein, ich danke, Bessie.«
»Nun, dann werde ich auch schlafen gehen, denn es ist schon nach Mitternacht; aber Sie können mich rufen, wenn Sie während der Nacht irgend etwas brauchen.«
Welche seltene Höflichkeit! Sie ermutigte mich, eine Frage zu stellen.
»Bessie, was ist denn mit mir geschehen? Bin ich sehr krank?«
»Ich vermute, daß Sie vor Schreien im roten Zimmer krank geworden sind; aber Sie werden ohne Zweifel bald wieder ganz gesund sein.«
Bessie ging in das anstoßende Zimmer der Hausmädchen. Ich hörte, wie sie dort sagte:
»Sarah, komm und schlaf bei mir in der Kinderstube, und wenn es mein Leben gälte, so könnte ich diese Nacht nicht mit dem armen Kinde allein bleiben; es könnte sterben! Wie sonderbar, daß Miß Jane einen solchen Anfall haben mußte! Ich mochte doch wissen, ob sie irgend etwas gesehen hat. Mrs. Reed war dieses Mal aber auch zu hart gegen sie.«
Sarah kam mit ihr zurück; beide gingen zu Bett; sie flüsterten wenigstens noch eine halbe Stunde mit einander, bevor sie einschliefen. Ich hörte einige Bruchstücke ihrer Unterhaltung, und aus diesen schloß ich auf den Hauptgegenstand ihrer Diskussion.
»Etwas ist an ihr vorübergeschwebt, ganz in Weiß gekleidet, dann ist es verschwunden.« – – »Ein großer, schwarzer Hund hinter ihm.« – »Dreimal hat es laut an der Zimmerthür geklopft,« – Ein Licht auf dem Friedhofe gerade über seinem Grabe« – u. s. w., u, s. w.
Endlich schliefen beide ein. Feuer und Licht erloschen. In schaurigem Wachen ging die Nacht für mich langsam hin; Entsetzen und Angst hielten Ohren, Augen und Sinne wach. – Entsetzen und Angst, wie nur Kinder es zu empfinden imstande sind.
Diesem Zwischenfall im roten Zimmer folgte keine lange, ernste, körperliche Krankheit; nur eine heftige Erschütterung meiner Nerven, deren Widerhall ich noch bis auf den heutigen Tag empfinde. Ja, Mrs. Reed, Ihnen verdanke ich gar manchen qualvollen Schmerz der Seele. Aber ich sollte Ihnen verzeihen, denn Sie wußten nicht, was Sie thaten, während Sie jede Faser meines Herzens zerrissen, glaubten Sie nur meine bösen Neigungen und Anlagen zu ersticken.
Am nächsten Tage gegen Mittag war ich bereits aufgestanden und angekleidet und saß in einen warmen Shawl gehüllt vor dem Kaminfeuer. Ich fühlte mich körperlich schwach und gebrochen, aber mein schlimmstes Übel war ein unaussprechlicher Jammer der Seele, ein Jammer, der mir fortwährend stille Thränen entlockte, kaum hatte ich einen salzigen Tropfen von meiner Wange getrocknet, als auch schon ein anderer folgte. Und doch meinte ich, daß ich augenblicklich glücklich sein müßte, denn keiner von den Reeds war da, alle waren mit ihrer Mama im großen Wagen spazieren gefahren; auch Abbot nähte in einem anderen Zimmer, und während Bessie hin und her ging, Spielsachen forträumte und Schiebladen ordnete, richtete sie dann und wann ein ungewöhnlich freundliches Wort an mich. Diese Lage der Dinge wäre für mich ein Paradies des Friedens gewesen, für mich, die ich nur an ein Dasein voll unaufhörlichen Tadels und grausame Sklaverei gewöhnt war, – aber in der That waren meine Nerven jetzt in einem solchen Zustande, daß keine Ruhe sie mehr sänftigen, kein Vergnügen sie mehr freudig erregen konnte.
Bessie war unten in der Küche gewesen und brachte mir jetzt einen Kuchen herauf, der auf einem gewissen, bunt gemalten Porzellanteller lag, dessen Paradiesvogel, welcher sich auf einem Kranz von Maiglöckchen und Rosenknospen schaukelte, stets eine enthusiastische Bewunderung in mir wach gerufen hatte. Gar oft hatte ich innig gebeten, diesen Teller in die Hand nehmen zu dürfen, um ihn genauer betrachten zu können, bis jetzt hatte man mich aber stets einer solchen Gunst für unwürdig gehalten. Jetzt stellte man mir nun diesen kostbaren Teller auf den Schoß und bat mich freundlich, das Stückchen auserlesenen Gebäcks, welches auf demselben lag, zu essen. Eitle Gunst! Sie kam zu spät, wie so manche andere, die so innig erwünscht, und so lange versagt worden war! Ich konnte den Kuchen nicht essen, und das Gefieder des Vogels, die Farben der Blumen schienen mir seltsam verblaßt – ich schob sowohl Teller wie Gebäck von mir. Bessie fragte mich, ob ich ein Buch haben wolle. Das Wort Buch wirkte wie ein vorübergehendes Reizmittel, und ich bat sie, mir »Gullivers Reisen« aus der Bibliothek zu holen. Dieses Buch hatte ich schon unzählige Male mit Entzücken gelesen; ich hielt es für eine Erzählung von Thatsachen und entdeckte in ihm eine Ader, die ein weit tieferes Interesse für mich hatte, als dasjenige, welches ich in Märchen gefunden hatte; denn nachdem ich die Elfen vergebens unter den Blättern des Fingerhuts und der Glockenblume, unter Pilzen und altem, von Epheu umrankten Gemäuer gesucht, hatte ich mein Gemüt mit der traurigen Wahrheit ausgesöhnt, daß sie alle England verlassen hätten, um in ein unbekanntes Land zu gehen, wo die Wälder noch stiller und wilder und dicker, die Menschen noch spärlicher gesäet seien. Liliput hingegen und Brobdignag waren nach meinem Glauben solide Bestandteile der Erdoberfläche; ich zweifelte gar nicht, daß, wenn ich eines Tages eine weite Reise machen könnte, ich mit meinen eigenen Augen die kleinen Felder und Häuser, die winzigen Menschen, die zierlichen Kühe, Schafe und Vögel des einen Königreichs sehen würde, und ebenso die baumhohen Kornfelder, die mächtigen Bullenbeißer, die Katzen-Ungeheuer, die turmhohen Männer und Frauen des anderen. Und doch, als ich den geliebten Band jetzt in Händen hielt – als ich die Seiten umblätterte und in den wundersamen Bildern den Reiz suchte, welchen sie mir bis jetzt stets gewährt hatten – da war alles alt und trübselig; die Riesen waren hagere Kobolde; die Pigmäen boshafte und scheußliche Gnomen, Gulliver ein trübseliger Wanderer in öden und gefährlichen Regionen. Ich schloß das Buch, in dem ich nicht länger zu lesen wagte und legte es auf den Tisch neben das unberührte Stück Kuchen.
Bessie war jetzt mit dem Abstauben und Aufräumen des Zimmers zu Ende, und nachdem sie ihre Hände gewaschen hatte, öffnete sie eine gewisse kleine Schieblade, welche mit den schönsten, prächtigsten Lappen von Seide und Atlas angefüllt war, und begann einen Hut für Georginas neue Puppe zu machen. Dann begann sie zu singen; das Lied lautete:
»Als wir durch Wald und Flur streiften. Vor langer, langer Zeit.«
Wie oft hatte ich dies Lied schon gehört, und immer mit dem größten Entzücken; denn Bessie hatte eine süße Stimme – wenigstens nach meinem Geschmack. Aber jetzt, obgleich ihre Stimme noch immer lieblich klang, lag für mich eine unbeschreibliche Traurigkeit in dieser Melodie. Zuweilen, wenn ihre Arbeit sie ganz in Anspruch nahm, sang sie den Refrain sehr leise, sehr langsam: »Vor langer, langer Zeit«; dann klang es wie die Schlußkadenz eines Grabliedes. Endlich begann sie eine andere Ballade zu singen, diesmal eine wirklich traurige.
Mein Körper ist müd und wund ist mein Fuß, Weit ist der Weg, den ich wandern muß. Bald wird es Nacht, und den Weg ich nicht find’. Den ich wandern muß, armes Waisenkind!
Weshalb sandten sie mich so weit, so weit. Durch Feld und Wald, aus die Berg’, wo es schneit? Die Menschen sind hart! Doch Engel so lind. Bewachen mich armes Waisenkind.
Die Sterne, sie scheinen herab so klar. Die Luft ist mild! Es ist doch wahr: Gott ist barmherzig, er steuert dem Wind, Daß er nicht erfasse das Waisenkind.
Und wenn ich nun strauchle am Waldesrand Oder ins Meer versink, wo mich führt keine Hand’, So weiß ich doch, daß den Vater ich find’, Er nimmt an sein Herz das Waisenkind!
Das ist meine Hoffnung, die Kraft mir giebt. Daß Gott da droben sein Kind doch liebt. Bei ihm dort oben die Heimat ich find’. Er liebt auch das arme Waisenkind!
»Kommen Sie, Miß Jane, weinen Sie nicht,« sagte Bessie, als sie zu Ende war. Ebensogut hätte sie dem Feuer sagen können »brenne nicht!« aber wie hätte sie denn auch eine Ahnung von dem herzzerreißenden Schmerz haben können, dessen Beute ich war? – Im Laufe des Morgens kam Mr. Lloyd wieder.
»Wie? Schon aufgestanden?« rief er, als er in die Kinderstube trat, »Nun, Wärterin, wie geht es ihr denn eigentlich?«
Bessie entgegnete, daß es mir außerordentlich gut gehe. »Dann sollte sie aber fröhlicher aussehen. Kommen Sie her, Miß Jane. Sie heißen Jane, nicht wahr?«
»Ja, mein Herr, Jane Eyre!«
»Nun, Sie haben geweint, Miß Jane Eyre, wollen Sie mir nicht sagen, weshalb? Haben Sie Schmerzen?«
»Nein, Herr.«
»Ah, ich vermute, daß sie weint, weil sie nicht mit Mrs. Reed spazieren fahren durfte,« warf Bessie hier ein.
