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Tao (oder auch Dao) bedeutet wörtlich "der Pfad" oder "der Weg". Es ist das zentrale Prinzip der Philosophie des Laotse und steht für alles Werden und Vergehen, ist also der Weg, den alles Leben und das ganze Universum nimmt. Es gibt nichts, was nicht Teil davon ist. Ein harmonisches Leben bedeutet, das Tao zu kennen und die natürliche Ordnung der Dinge anzuerkennen. Das Buch enthält 365 kurze Zitate aus dem Taoismus zu unterschiedlichen Themen wie "Beginn", "Angst", "Vertrauen" oder "Glück", jeweils gefolgt von einem interpretierenden Kommentar des Autors. Deng Ming-Dao zeigt, dass die Weisheit des Tao nicht veraltet ist sich nicht auf alte Schriften und rituelle Praktiken beschränkt, sondern – ganz im Gegenteil - im täglichen Leben, im Hier und Jetzt, für jeden anwendbar ist. Eine Seite pro Tag, Anregungen für jeden Tag des Jahres. So erhält man nicht nur jeden Tag neue Inspirationen und hilfreiche Vorschläge für einen guten Tag, sondern wächst im Lauf des Jahres in die Philosophie des Taoismus hinein und findet so den Weg zu mehr Zufriedenheit und Erfüllung im Alltag.
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Seitenzahl: 413
Veröffentlichungsjahr: 2023
DENG MING-DAO
Meditationen für jeden Tag des Jahres
DENG MING-DAO
Meditationen für jeden Tag des Jahres
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
1. Auflage 2023
© 2023 by FinanzBuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Türkenstraße 89
80799 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Copyright der Originalausgabe © 1992 by Deng Ming-Dao. All rights reserved. Die englische Originalausgabe erschien bei Harper San Francisco, A Division of HarperCollins Publishers, 10 East 53rd Street, New York, NY 10022 unter dem Titel 365 Tao: Daily Meditations.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Übersetzung: Dr. Kimiko Leibnitz
Redaktion: Anne Büntig-Blietzsch
Korrektorat: Petra Sparrer
Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer
Umschlagabbildung: Shutterstock.com/Elina Li
Satz: Carsten Klein, Torgau
eBook: ePUBoo.com
ISBN Print 978-3-95972-658-0
ISBN E-Book (PDF) 978-3-98609-265-8
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-98609-266-5
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Für Zhu Yuling
Einleitung
365 Tao
1: Anfang
2: Rituelle Waschung
3: Glauben
4: Spiegelung
5: Klang
6: Entstehen
7: Duldsamkeit
8: Arbeit
9: Optimismus
10: Katastrophe
11: Heilung
12: Formen
13: Absorption
14: Positionierung
15: Zeit
16: Profan
17: Kooperation
18: Spektrum
19: Eigeninitiative
20: Glück
21: Fähigkeiten
22: Kommunikation
23: Erneuerung
24: Lachen
25: Nutzlosigkeit
26: Verehrung
27: Festmahl
28: Verbindlichkeit
29: Narben
30: Liebesakt
31: Orientierung
32: Allgegenwart
33: Verteidigung
34: Einsatz
35: Anwendung
36: Warte
37: Disharmonie
38: Anpassung
39: Sorge
40: Unterbewusstsein
41: Vorsatz
42: Gehen
43: Beharrlichkeit
44: Dehnen
45: Durchblutung
46: Organisation
47: Flüchtigkeit
48: Wissen
49: Tod
50: Interaktion
51: Schönheit
52: Nonkonformität
53: Ungleichgewicht
54: Not
55: Teilung
56: Stummheit
57: Neigung
58: Gelegenheit
59: Quelle
60: Zölibat
61: Kummer
62: Interpretation
63: Ausdruck
64: Ungebunden
65: Aufstieg
66: Kreisläufe
67: Zurückkehren
68: Kreativität
69: Helligkeit
70: Unabhängigkeit
71: Unterhaltung
72: Entdeckung
73: Affirmation
74: Anhäufung
75: Durchbruch
76: Unantastbarkeit
77: Schicksal
78: Angst
79: Frühling
80: Gegensätze
81: Segeln
82: Einstimmung
83: Abschied
84: Intellekt
85: Retrospektiv
86: Bilder
87: Integration
88: Interpretation
89: Entkoppelt
90: Langlebigkeit
91: Beerdigung
92: Präzision
93: Selbstvertrauen
94: Übung
95: Reisen
96: Beständigkeit
97: Zuspruch
98: Lebewohl
99: Heimkehr
100: Vorstellungskraft
101: Konzentration
102: Bewusstheit
103: Wechselseitigkeit
104: Bereitschaft
105: Mitgefühl
106: Unbekümmert
107: Rückzug
108: Zahlen
109: Grundlagen
110: Anrufung
111: Tradition
112: Nichterwartung
113: Akzeptanz
114: Glauben
115: Dominanz
116: Erfüllung
117: Anziehung
118: Orientierung
119: Ressourcen
120: Offenheit
121: Zuflucht
122: Validität
123: Mitte
124: Trotz
125: Entschlossenheit
126: Metapher
127: Verschleierung
128: Grenzen
129: Ungewissheit
130: Kampf
131: Bedeutung
132: Erkennen
133: Fassbinder
134: Entspannung
135: Visionen
136: Urteil
137: Schwächen
138: Gelehrtentum
139: Ehe
140: Widerspruch
141: Falten
142: Freizeit
143: Intuition
144: Latent
145: Ansichten
146: Unbedeutsamkeit
147: Unterwürfigkeit
148: Übersetzung
149: Drehpunkt
150: Gnade
151: Hier und Jetzt
152: Schlaf
153: Vorwürfe
154: Schichten
155: Vergnügen
156: Untrennbar
157: Optimal
158: Sterben
159: Schriftsteller
160: Aberglauben
161: Wahrheit
162: Zugänglichkeit
163: Navigation
164: Zensur
165: Meister
166: Gesamtheit
167: Meditation
168: Weiser
169: Rüstung
170: Schrein
171: Altar
172: Sonnenwende
173: Abschwörung
174: Beten
175: Vielfalt
176: Pflege
177: Glücklos
178: Kindheit
179: Krieg
180: Gewalt
181: Achse
182: Fluss
183: Mitte
184: Ort
185: Flamme
186: Punkt
187: Künstler
188: Fürsorge
189: Sieg
190: Unnachgiebig
191: Bereiche
192: Einschränkungen
193: Dringlichkeit
194: Suchen
195: Dankbarkeit
196: Mandala
197: Erloschen
198: Erhaltung
199: Internalisieren
200: Wählen
201: Auftreten
202: Erwartungslos
203: Unsichtbarkeit
204: Leistung
205: Klarheit
206: Spott
207: Evolution
208: Essenz
209: Falle
210: Variation
211: Absolut
212: Form
213: Einwanderer
214: Fülle
215: Niedergang
216: Lyrik
217: Ausreißer
218: Eigentum
219: Fassung
220: Schwelle
221: Nondualität
222: Sein
223: Scharlatane
224: Gleichgültigkeit
225: Vorurteil
226: Wiederholung
227: Konsequenz
228: Tiefe
229: Erlösung
230: Vollkommenheit
231: Ordnung
232: Etiketten
233: Propheten
234: Spinne
235: Stress
236: Inhaftierung
237: Körper
238: Matrix
239: Jugend
240: Ziel
241: Utopie
242: Herz
243: Dialog
244: Bauern
245: Garten
246: Baum
247: Taube
248: Empfänglichkeit
249: Ausblick
250: Ehrerbietung
251: Lebenskraft
252: Würdig
253: Geduld
254: Rätsel
255: Unbestimmt
256: Willkürlich
257: Durchbruch
258: Reinigung
259: Brücke
260: Stimulation
261: Schweigen
262: Einsamkeit
263: Gegenpunkt
264: Nichteinmischung
265: Unschuld
266: Wertschätzung
267: Stil
268: Natur
269: Sittsamkeit
270: Mitreißend
271: Hingabe
272: Entschlossenheit
273: Helix
274: Abgeschiedenheit
275: Unklarheit
276: Mond
277: Ganz
278: Geschichte
279: Stille
280: Messen
281: Unbeschnitzt
282: Konzentration
283: Dauer
284: Umgebung
285: Strahlen
286: Unterrichten
287: Vollständigkeit
288: Horizont
289: Vereinigung
290: Transformation
291: Fortschritt
292: Gleichgewicht
293: Intervall
294: Sitzen
295: Lösungen
296: Wachstum
297: Wesenskern
298: Phasen
299: Existieren
300: Korrigierend
301: Einssein
302: Reife
303: Älterwerden
304: Wahrsagerei
305: Sein
306: Triumph
307: Lilie
308: Seele
309: Zeitgenössisch
310: Freundschaft
311: Kleinheit
312: Mut
313: Chamäleon
314: Aufsteigen
315: Freude
316: Erholung
317: Schwimmen
318: Singen
319: Erhalten
320: Arm
321: Eigenständigkeit
322: Dekadenz
323: Intensität
324: Mosaik
325: Gefährte
326: Mystik
327: Farblos
328: Präsenz
329: Nabel
330: Verstand
331: Sieb
332: Schwalbenschwanz
333: Esel
334: Schaumlöffel
335: Können
336: Weisheit
337: Mäßigung
338: Ausdruck
339: Lernen
340: Kontext
341: Einfachheit
342: Manifestation
343: Entfremdung
344: Unbefangenheit
345: Lohnenswert
346: Sinn
347: Klärung
348: Wirbelsäule
349: Wasser
350: Sanduhr
351: Atem
352: Vorlage
353: Versprechen
354: Mist
355: Winter
356: Anhaftung
357: Ländlichkeit
358: Kollektivität
359: Vernunft
360: Ende
361: Reinheit
362: Leere
363: Nacht
364: Morgen
365: Fortsetzung
Danksagungen
Anhang: Ein Leitfaden für die tägliche Lektüre
In der heutigen Zeit ist das Interesse am Taoismus groß. Entsprechende Hinweise finden sich überall, unter anderem in Kunstbüchern und Philosophie-Seminaren. Es werden in der Erwachsenenbildung Kurse für Qigong (Chi Kung) und Taichi angeboten und spirituell veranlagte Menschen befassen sich mit taoistischer Meditation. Gelehrten zufolge übte der Taoismus einen erheblichen Einfluss auf den Zen-Buddhismus aus (der sich deshalb erheblich vom indischen Buddhismus unterscheidet); man sagt klassischen chinesischen Dichtern wie Li Po und Tu Fu nach, sich gezielt taoistischen Themen gewidmet zu haben und jedes wichtige Gebäude in China wird – auch heute noch – nach den Prinzipien der taoistischen Geomantie errichtet.
Wenn man jedoch als englisch- oder deutschsprachiger Leser mehr über den Taoismus erfahren will, könnte man denken, dass seit 300 vor Christus keine relevanten Schriften mehr verfasst worden sind. Schließlich sind so bekannte und oft übersetzte Werke wie das Tao Te King, I Ging (Das Buch der Wandlungen) und Zhuangzi, die alle in der Zhou-Dynastie (circa 1046 bis 246 vor Christus) entstanden, auch heute noch in nahezu jedem Buchgeschäft erhältlich. Andere erhältliche Bücher sind Übersetzungen geheimnisvoller, alchemistischer Texte, historische Abhandlungen oder Lehrwerke zu sehr speziellen Themen, wie Sexualität, Körperertüchtigung, oder Legenden.
Leser, die sich für Taoismus interessieren, kennen zweifellos die meisten dieser Bücher, und trotzdem stellen Zeitschriftenartikel, Fragen in Fachvorträgen und die Verwirrung, die viele Menschen bezüglich taoistischer Prinzipien äußern, ein ums andere Mal unter Beweis, dass die aktuell verfügbare Literatur nicht ausreicht, um den Taoismus für den Alltag praxistauglich zu machen. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn Übersetzer sind in der Regel keine geschulten Taoisten, weshalb ihre Perspektive eher wissenschaftlich-nüchtern als pragmatisch ist. Wenn Leser nach der Lektüre der Klassiker einen Schritt weitergehen wollen, stehen ihnen nur wenige Alternativen zur Verfügung.
Es fehlt ein Buch, das für Menschen der heutigen Zeit geschrieben ist, die versuchen, ein taoistisches Leben zu führen. Ein solches Buch würde den lyrischen Mystizismus des traditionellen Taoismus aufgreifen und seine Konzepte in die Fremdsprache übertragen. Der Einfluss, den der Taoismus auf die chinesische Kultur ausübt – und der so weitreichend ist, dass er auch heute noch das Leben in weiten Teilen Asiens prägt –, ist auf seine unzähligen kulturellen Verbindungen zurückzuführen. Wenn Taoismus in eine andere Sprache übersetzt wird, muten diese Bezüge bedeutungslos, fremdartig, exotisch und esoterisch an. Was auf Englisch oder Deutsch kompliziert klingt, ist auf Chinesisch einfach. Ist es möglich, Tao im Alltag zu erfahren, unabhängig von Ort oder Kultur? 365 Tao will genau das erreichen. Es ist sehr offensichtlich kein Buch über traditionellen Taoismus. Vielmehr ist es ein Buch, das in der augenblicklichen Wahrnehmung nach Tao sucht.
Um jeden Anflug von Esoterik zu vermeiden, wird nachfolgend auf Begriffe wie Taoismus, taoistisch, Yin und Yang, Wu Wei und zahlreiche weitere chinesische Begriffe vollständig verzichtet. Das einzige Zugeständnis ist das Wort Tao, das hier aber nicht als das Tao bezeichnet wird, sondern einfach als Tao. Gelegentlich wird es der Abwechslung halber auch mit Weg oder Pfad übersetzt. Tao sollte nicht ausschließlich als abstraktes metaphysisches Konzept betrachtet werden.
Traditioneller Taoismus war oft elitär und obskur und viele Übersetzungen zeichnen sich dementsprechend durch eine gewisse Abgehobenheit aus. 365 Tao will zeigen, dass es durchaus möglich ist, die offenen und zugänglichen Vorstellungen von Tao direkt auf das eigene Leben anzuwenden.
365 Tao möchte Sie dazu einladen, auf Entdeckungsreise zu gehen. Dort liegt die wahre Erfahrung. Deswegen weist das Buch immer wieder auf die Praxis des Meditierens hin. Es ist deutlich besser, sich von toten Schriften zu lösen und sich direkt mit Tao zu verbinden, wie es in diesem Augenblick existiert. Wir müssen uns den Dingen öffnen, die an unserer heutigen Zeit einzigartig sind, die Fesseln veralteter Formen abwerfen und sie an unsere heutigen Bedürfnisse anpassen.
Tao nimmt grundsätzlich an, dass eine innere Kultivierung des Charakters zu einer äußeren Resonanz führen kann. Das ist eine wichtige Unterscheidung. Wenn diejenigen, die Tao folgen, mit den Geheimnissen des Universums und den Widrigkeiten des Lebens konfrontiert werden, denken sie zuerst nach, um ihren eigenen, inneren Charakter zu festigen. Dieser Ansatz weicht vom modernen Denken deutlich ab. Heute beginnen wir umgehend mit dem Bau einer Brücke, sobald wir vor einem Fluss stehen, der uns zu breit erscheint. Wenn wir angegriffen werden, sind wir sofort von der Schuld des Angreifers überzeugt und rufen um Hilfe, um ihn zu vertreiben. Wenn wir uns mit etwas befassen wollen, das weit entfernt ist, fliegen wir schnell dorthin, um es aus nächster Nähe zu betrachten.
Die Herangehensweise jener, die Tao folgen, ist ganz anders. Es ist nicht so, dass sie auf keinen Fall die Brücke bauen, den Angreifer bekämpfen oder in ferne Länder reisen würden, aber sie würden auch andere Aspekte berücksichtigen. In Bezug auf den Fluss würden sie sich fragen, ob eine Brücke wirklich nötig ist. Gab es einen Grund, warum sie mit dem unzufrieden waren, was sie hatten? Würden durch den Bau der Brücke die Natur, die Gesellschaft, Handelsbeziehungen oder selbst die Ästhetik ins Ungleichgewicht geraten?
Im Fall des tätlichen Angriffs würde sich jemand, der Tao folgt, die Frage stellen, ob er in irgendeiner Weise durch sein eigenes Tun dazu beigetragen hat, den Angriff zu provozieren. Wäre er dann vermeidbar gewesen? Natürlich würde er sich zur Wehr setzen, aber seine Selbstverteidigung würde wahrscheinlich auf einer konsequenten Ausbildung in den Kampfkünsten beruhen und nicht auf blinder, nach außen gerichteter Gewalt.
Bevor Taoisten in die Ferne schweifen, würden sie sich zunächst darum bemühen, sich selbst kennen zu lernen. Sie glauben, dass die äußere Welt nur in Bezug zu einer inneren Perspektive erfahren werden kann. Sie würden daher Selbsterkenntnis kultivieren, bevor sie den Versuch unternähmen, andere zu verstehen.
Die Kultivierung des Selbst ist die Grundlage, um Tao zu erfahren. Obwohl Tao in der äußeren Welt erblickt werden kann, müssen wir unser Empfindungsvermögen schärfen, um die Prinzipien des großen Ganzen zu erkennen.
In der heutigen westlichen Welt gibt es Tausende von Menschen, die sich dem Taoismus zuwenden, um Antworten auf Fragen zu erhalten, die sie in ihrer eigenen Kultur nicht finden. Bei diesem hehren Streben fehlt vielen ein Gefährte, der sie auf ihrer spirituellen Reise begleitet. 365 Tao kann ein solcher Gefährte sein. Es behandelt die Ehrfurcht und Hingabe, die ein spirituelles Leben mit sich bringt, und erkennt gleichzeitig die Tatsache an, dass es durchaus Zeiten gibt, in denen das Meditieren fruchtlos zu sein scheint und das Leben frustrierend ist.
365 Tao ist eine Einladung, jeden Tag ins Tao zu treten. Wenn das gelingt, treten Bücher und Gefährten in den Hintergrund, und das Wunder des Tao ist alles, was bleibt.
Das ist der Augenblick des Aufbruchs.
Alle guten Vorzeichen sind da.
Am Anfang ist alles hoffnungsvoll. Wir bereiten uns auf einen Neuanfang vor. Obwohl wir es vielleicht nicht abwarten können, die wunderbare Reise anzutreten, ist in diesem ersten Augenblick bereits alles enthalten: unser Optimismus, unser Glaube, unsere Entschlossenheit, unsere Unschuld.
Wenn wir anfangen wollen, müssen wir eine Entscheidung treffen. Diese Entscheidung ist eine Verpflichtung zur täglichen Selbstkultivierung. Wir müssen eine starke Verbindung zu unserem inneren Selbst herstellen. Äußere Angelegenheiten sind überflüssig. Wenn wir die Klippen des Lebens umschiffen, sind wir auf uns selbst gestellt und nackt. Deshalb liegt es an uns, etwas aus uns zu machen und uns in ein Instrument verwandeln, das uns erlaubt, die tiefste spirituelle Essenz des Lebens zu erfahren.
Sobald wir unsere Entscheidung treffen, wird alles zu uns kommen. Gute Vorzeichen sind kein Aberglaube, sondern eine Bestätigung. Sie sind eine Antwort. Man sagt, dass selbst ein Stein zum Leben erweckt werden kann, wenn man die Entscheidung trifft, ihn mit voller Inbrunst anzubeten. Wenn wir uns der spirituellen Praxis verschreiben, werden selbst die Berge und Täler ins Schwingen geraten, wenn sie unseren Vorsatz hören.
Waschen in der Morgendämmerung:
Spüle die Träume von dir ab.
Schütze die Götter in dir
Und kläre den inneren Geist.
Jede Praxis beginnt mit einer Reinigungszeremonie. Zuerst wird der Körper gesäubert – nicht um ihn abzuwerten, sondern um ihn zu adeln. Sobald er von Schmutz befreit ist, kann er uns helfen, das Göttliche wahrzunehmen.
Die Träume abzuspülen, ist eine Art zu sagen, dass wir nicht nur die Illusionen und Ängste vertreiben sollen, die uns im Schlaf heimsuchen, sondern auch im Wachzustand. Das ganze Leben ist ein Traum, nicht weil es nicht da wäre, sondern weil wir ihm unterschiedliche Bedeutungen zuweisen. Wir müssen diese Gewohnheit von uns abwaschen.
Dabei blicken wir unweigerlich nach innen. Es heißt, dass es im Körper 36.000 Göttinnen und Götter gibt. Wenn wir uns ständig ungesund ernähren, dem Rausch hingeben und zulassen, dass sich Schmutz in und um uns ansammelt, werden sich diese Götter angewidert von uns abwenden.
Dennoch müssen unsere Bedenken diese Gottheiten im Tempel unseres Körpers letztlich transzendieren und sich auf das universelle Eine richten. Nachdem wir die vielen Schichten aus Schmutz, körperlichen Beschwerden und Täuschungen beseitigt haben, müssen wir uns darauf einstellen, die Götter selbst zu beseitigen, damit wir das innere Eine erreichen können.
Die Kurve wird gerade,
Die Gerade kommt ins Fließen.
Sammle Wasser, Feuer und Licht.
Bündle die Welt in einem Punkt.
Wenn wir gläubig sind – und voller Hingabe und Überzeugung unseren spirituellen Pfad beschreiten –, wird unsere Entschlossenheit ganz von selbst wachsen. Immer weniger Hindernisse werden sich uns in den Weg stellen. Unser kurvenreicher Pfad wird gerade. Was auch immer versucht, uns von unserer Bestimmung abzubringen, wir werden uns nicht beirren lassen.
Echter Glauben besteht nicht einfach darin, einer festgelegten Route zu folgen. Er erfordert auch Mut. Unser Körper, unser Herz und unser Geist müssen sich auf das konzentrieren, was wir wollen. Nur wenn wir unsere inneren Elemente vereinen, können wir wahren Glauben erreichen.
Wenn wir unseren Weg klar vor uns sehen und unsere Persönlichkeit eine harmonische Einheit bildet, verschwimmen die Grenzen zwischen innerer und äußerer Welt. Nichts liegt mehr in weiter Ferne, nichts bleibt uns verschlossen. Deswegen heißt es, dass die Welt wie ein Punkt ist, in dem sich alles bündelt: Der Glaube ist so stark, dass es nichts gibt, das nicht dazugehört.
Mond über dem Wasser.
In Stille sitzen.
Wenn ein Gewässer ruhig ist, spiegelt sich der Mond perfekt darin. Wenn wir uns zur Ruhe bringen, können auch wir das Göttliche perfekt spiegeln. Aber wenn wir ausschließlich an das geschäftige Treiben unseres Alltags denken, wenn wir danach streben, der natürlichen Ordnung unseren Willen aufzuzwingen, und wenn wir es zulassen, in egozentrische Meinungen zu verfallen, gerät die Oberfläche unseres Gewässers in Bewegung. Dann sind wir nicht empfänglich für Tao.
Es gibt nichts, was wir tun könnten, um ruhig zu werden. Wahre Stille ergibt sich ganz von selbst aus dem Augenblick des Rückzugs, wenn wir unserem Geist erlauben, zur Ruhe zu kommen. So wie sich der Wasserstand immer einpendelt, wird es den Geist zum Heiligen ziehen. Trübes Wasser wird klar, wenn die Schmutzpatikel Zeit haben, sich abzusetzen, und auch der Geist wird klar, wenn man ihm die Gelegenheit gibt, zur Ruhe zu kommen.
Weder das Wasser noch der Mond strengen sich an, um eine Spiegelung zu erzielen. Genauso wird auch die Meditation natürlich und unmittelbar sein.
Wind in der Höhle:
Bewegung in Stille.
Kraft im Schweigen.
In einer Höhle werden alle Außengeräusche durch Gestein und Erde gedämpft, aber das macht den eigenen Herzschlag und die Atmung hörbar. Auf dieselbe Weise kann uns kontemplative Stille vom Lärm des Alltags wegführen und uns die Möglichkeit geben, die leisen Zwischentöne in unserem Leben zu hören.
Wenn wir nicht mit dem Ohr, sondern mit der Seele hören, können wir einen subtilen Klang wahrnehmen. Indem wir uns auf diesen Klang einlassen, dringen wir in die erhabene Reinheit ein. Das ist der Grund dafür, warum so viele religiöse Traditionen ihre stille Andacht mit Gebeten, Anrufungen oder Liedern beginnen. Sie verstehen, dass die Wiederholung und die Aufnahme des Klangs zur Heiligkeit selbst führt.
Der tiefste Klang ist das Schweigen. Das erscheint nur dann paradox, wenn wir Schweigen als Abwesenheit von Leben und Schwingung betrachten. Aber für einen Meditierenden ist Schweigen ein Klang, der mit all seinen Gegensätzen vereint wird. Es ist sowohl Klang als auch Klanglosigkeit und gerade aus diesem Gegensatz erwächst die Kraft der Meditation.
Nächtlicher Donner und Regen.
Kein Wachstum ohne Erschütterung.
Ausdruck und Dauer.
Erscheinen im ersten Augenblick.
Die Dinge können nicht für immer reglos bleiben. Winterstürme können zerstörerisch sein, aber sie ebnen dem Leben auch den Weg. Wenn etwas fortgerissen wird, ist das angemessen. Neue Lebewesen müssen die Möglichkeit haben zu entstehen und ihren eigenen Kreislauf zu beginnen.
Jedes Wachstum beginnt mit einer Erschütterung. Wenn ein Keimling die Schale durchbricht und sich seinen Weg an die Erdoberfläche bahnt, ist das der Höhepunkt einer langen und tiefen Akkumulation von Lebenskraft. Wir denken vielleicht, dass die Pflanze aus dem Nichts entstanden ist, in Wirklichkeit ist sie aber das Produkt subtiler Kreisläufe, die sich zuvor im Untergrund abgespielt haben.
Wenn der Setzling erscheint, trägt er das vollständige Muster für sein Wachstum in sich, vielleicht hat er das Potenzial, ein gewaltiger Baum zu werden. Obwohl Zeit und die richtigen Umstände notwendig sind, trägt keiner dieser Faktoren etwas zum inhärenten Wesen des Setzlings bei. Er verkörpert sein Schicksal in jeder Hinsicht. Daher liegen das Wachstum und das Wesen der Pflanze – sein gesamtes Leben – im Augenblick des Entstehens bereits vor.
Arktischer Atem windet sich um den Berg,
Lässt die Knochen der Wälder klappern.
Regentropfen klammern sich an Äste:
Zur Erde geschleuderte, diamantbesetzte Zier.
Im Winter verlieren die Bäume ihre Blätter. Vielleicht stürzen manche Bäume im Sturm um, aber die meisten bleiben geduldig stehen und ertragen ihr Los.
Sie nehmen Regen, Schnee, Wind und Kälte hin. Sie tragen sorglos die Zier von Glycerin-Regentropfen, schimmernden Eiszapfen oder Schneekronen. Sie machen sich keine Gedanken darüber, ob ihr opulenter Schmuck zu Boden fällt und zerbricht. Sie stehen und warten, die Kraft ihres Wachstums scheinbar schlummernd. Aber in ihrem Inneren baut sich die Lebenskraft nicht wahrnehmbar auf.
Sie besitzen die Duldsamkeit, ihrer inneren Natur treu zu sein. Mit dieser Kraft widerstehen sie sowohl dem Wandel als auch der Zier des Lebens, weil weder Glück noch Unglück einen Einfluss darauf hat, was sie sind. Wir sollten ihrem Beispiel folgen. Vielleicht ist uns das Schicksal gewogen, vielleicht auch nicht, aber wir sollten beides duldsam hinnehmen. Was auch geschieht, wir müssen unserem inneren Selbst stets treu bleiben.
Der Holzfäller
Arbeitet zu jeder Jahreszeit.
Holzhacken ist sowohl
Tat als auch Tatenlosigkeit.
Auch wenn Schnee liegt, muss der Holzfäller Holz spalten. Andernfalls werden er und seine Familie frieren, und all jene, die von ihm abhängig sind, werden den Winter nicht überleben. Doch der Holzfäller arbeitet nicht planlos. Er lebt im Einklang mit den Jahreszeiten: Er arbeitet hart, um vor der ersten Kälte Holz einzulagern, damit er später nichts weiter tun muss, als aus den vorbereiteten Holzscheiten Anzündholz zu machen. Er scheint in einer Jahreszeit nicht viel zu tun zu haben, weil er in der vorigen Jahreszeit fleißig war.
Wenn er Holz spaltet, muss er den Baumstamm auf den Block legen und seine Axt heben. Aber er muss das Holz in Faserrichtung treffen und sein ganzes Gewicht in den Axthieb legen. Wenn er versucht, das Holz gegen die Faserrichtung zu spalten, bemüht er sich umsonst. Wenn er versucht, den Axthieb durch Muskelkraft zu verstärken, verausgabt er sich unnötig.
Wie der Holzfäller können wir alle davon profitieren, im Einklang mit den Umständen zu arbeiten, die sich jahreszeitenbedingt ergeben. Ob es die Zeit oder die Methode ist, echte körperliche Arbeit ist zur Hälfte eigenes Zutun und zur anderen Hälfte das Wissen, wann man den Dingen ihren Lauf lässt.
Der Himmel klart auf und wird blau,
Ein Versprechen in kahlen Ästen.
Im Winter gibt es Sonnentage.
Im Erwachsenenleben kann die Kindheit zurückkehren.
Im Winter scheinen alle Dinge tot zu sein oder zu ruhen. Es regnet und schneit unablässig, die Nächte sind lang. Dann, eines Tages, klart der Himmel auf und wird strahlend blau. Die Luft erwärmt sich. Dunst steigt von der Erde auf und der Duft von Wasser, Ton und Moos zieht durch die Luft. Man sieht Gärtner Pflanzen vorbereiten, die im Augenblick nur aus kahlen Zweigen und grauen Wurzelballen bestehen. Doch sie sind optimistisch, denn sie wissen, dass die Kälte ein Ende haben wird.
Im Erwachsenenalter sehen wir Verpflichtungen oft als etwas Unangenehmes. Warum sollten wir im Boden graben, wenn das Wetter so schlecht ist? Wir sehen Aktivitäten nur als Verpflichtungen und wehren uns gegen unser Schicksal. Aber es ist eine Freude, im Einklang mit der richtigen Jahreszeit zu arbeiten. Wenn wir die Dinge im richtigen Augenblick tun und diese Anstrengungen später Früchte tragen, ist die Zufriedenheit groß.
Es war einmal ein alter Mann, der einen Obstgarten anlegte, als er in den Ruhestand ging. Alle lachten ihn aus. Warum Bäume pflanzen? Sie sagten ihm, dass er nicht mehr in den Genuss käme, von den reifen Früchten zu kosten. Doch er ließ sich nicht beirren und pflanzte sie trotzdem, und er sah die Bäume blühen und erntete ihre Früchte. Wir alle brauchen diese Art von Optimismus. Das ist die Unschuld und Hoffnung der Kindheit.
Stumme schwarze Nacht,
Plötzliches Feuer.
Zerstörung.
Eine Katastrophe ereignet sich aus heiterem Himmel. Sie ist so überwältigend, dass wir nichts anderes tun können, als sie hinzunehmen. Sie verändert unseren Tagesablauf, unsere Arbeit, unser Denken. Obwohl die Versuchung groß ist, Katastrophen zu verurteilen, bringt das nicht viel. Wir können nicht sagen, eine Katastrophe habe es auf uns abgesehen, auch wenn sie tödlich gewesen ist, und es ist schwer zu sagen, sie habe unsere Pläne »vernichtet«: Auf einen Schlag verändert sie das Fundament, auf dem der Tag beruht.
Katastrophen sind etwas Natürliches. Sie sind kein göttlicher Fluch, keine Strafe. Sie sind das Resultat eines Wechselspiels verschiedener Kräfte: Das Erdbeben lässt sich auf tektonische Druckveränderungen zurückführen, der Hurrikan auf Wind und Regen, selbst das Großfeuer kann durch einen kleinen Funken ausgelöst werden. Nach einem großen Unglück fragen wir oft vorschnell nach dem Warum?, aber wir sollten nicht zulassen, dass Aberglaube sich nüchterner Akzeptanz in den Weg stellt. Es gibt keinen Gott, der uns mit Zerstörung bestraft.
Katastrophen können uns sehr verändern, aber sie werden vergehen. Wir müssen uns auf unsere tieferen Überzeugungen besinnen und uns an unsere Ziele erinnern. Es liegt an uns, ob wir am Boden zerstört bleiben oder wie ein Phönix aus der Asche steigen.
Feuer erkaltet.
Der Wasserstand gleicht sich aus.
Wie extrem eine Situation auch sein mag, sie wird sich verändern. Sie kann nicht ewig währen. Dementsprechend ist ein großer Waldbrand immer dazu bestimmt, von selbst zu erlöschen; eine stürmische See wird sich immer beruhigen. Naturereignisse gleichen sich aus, indem sie ins Gegenteil umschlagen und dieser Prozess des Ausgleichens steht im Zentrum jeder Heilung.
Dieser Prozess dauert seine Zeit. Wenn ein Ereignis klein ist, gibt es nicht viel auszugleichen. Wenn es gewaltig ist, kann es Tage, Jahre, vielleicht ein ganzes Leben dauern, bis die Dinge wieder im Lot sind. Ohne diese Ausschläge gäbe es im Leben keine Bewegung. Erst das Ungleichgewicht sorgt dafür, dass sich das Leben verändert. Absolute Zentrierung, völliges Gleichgewicht würde Stillstand bedeuten. Jede Form von Leben ist kontinuierliche Zerstörung und Heilung, immer und immer wieder.
Deswegen ist der Weise in Extremsituationen geduldig. Ob es sich um Krankheit, Unglück oder die eigene Wut handelt, er weiß, dass nach einer Erschütterung Heilung geschieht.
Töpfer an der Scheibe.
Von der Zentrierung zur fertigen Schale
Wächst die Form, während die Möglichkeiten schwinden;
Aus weich wird hart.
Wenn ein Töpfer anfängt, eine Schale zu formen, nimmt er einen Tonklumpen und formt ihn zu einer Kugel, die er auf die sich drehende Töpferscheibe legt. Wenn sie nicht in der Mitte landet, muss er das Werkstück sorgfältig formen, damit es zu einem glatten Zylinder wird. Dann bearbeitet er den Ton und dehnt und drückt ihn, während sich die Masse dreht. Zuerst sieht sie wie ein Turm aus, dann wie ein flacher Pilz. Erst nachdem er das Gebilde mehrfach auf und ab bewegt hat, presst er den sich drehenden Ton langsam, bis sich seine Wände von der Scheibe heben. Der Töpfer kann nicht endlos damit fortfahren, weil der Ton sonst »müde« wird und in sich zusammenfällt. Er gestaltet die Form, die er sich vorgestellt hat, und legt sein Werk dann beiseite. Am nächsten Tag ist der Ton zäh wie Leder und er kann ihn umdrehen, um den Fuß zu formen. Verzierungen können in die Oberfläche geritzt werden. Am Schluss kommt die Schale in den Ofen und dann kann sie nur noch hinsichtlich der Farbgebung verändert werden; die Form lässt sich nicht mehr ändern.
So gestalten wir alle Situationen im Leben. Wir müssen ihnen eine ungefähre Form geben und sie dann in die Mitte unseres Lebens werfen. Wir müssen uns ausdehnen und komprimieren, das Wesen der Dinge ergründen. Während wir die Situation gestalten, müssen wir uns bewusst machen, wie die Einzelheiten aussehen sollen. Je näher etwas an seinen Abschluss kommt, umso fester und endgültiger wird es. Unsere Möglichkeiten schwinden, bis die harte Konsequenz unserer Schöpfung alles ist, was übrigbleibt. Schönheit oder Hässlichkeit, Brauchbarkeit oder Unbrauchbarkeit resultieren aus dem Akt des Formens.
Blutrotes Licht durch Kiefernschatten.
Die Sonne versinkt im Meer.
Die Nacht folgt der untergehenden Sonne,
Der Tag dem fliehenden Mond.
Wir neigen allzu oft dazu, Absorption als etwas Statisches zu betrachten: Wasser wird in einen Schwamm gesaugt und bleibt dort. Aber wahre Absorption ist eine vollständige Teilnahme an der Evolution des Lebens ohne Zögern oder Widerspruch. In der Natur gibt es keine Entfremdung. Alles gehört dazu.
Nur wir Menschen distanzieren uns von diesem Prozess. Wir haben unsere Zivilisation, unsere persönlichen Pläne, unsere belanglosen Gefühle. Wir schneiden uns selbst von diesem Prozess ab, auch dann, wenn wir uns nach Liebe, Gesellschaft, Verständnis und Verbundenheit sehnen. Wir untergraben uns ständig durch unsere Selbstzweifel, setzen uns im falschen Augenblick durch oder lassen unsere Wahrnehmung durch Hass und Stolz trüben. Wir selbst sind es, die unsere Entfremdung erschaffen.
In der Zwischenzeit ist die Natur in ständigem Fluss. Wir müssen loslassen, uns vorbehaltlos dem Lauf der Dinge hingeben und darin aufgehen. Wenn wir auf diese Weise mit der Natur eins werden, werden wir erfolgreich sein. Dann wird der Lauf der Dinge so unabwendbar sein wie der Wechsel von Sonne und Mond. Und alles wird so sein, wie es sein soll.
Der Reiher steht in der blauen Mündung,
Ganz bei sich, weiß, stundenlang reglos.
Da, ein Fisch! Schnell schlägt er zu;
Die Beute ist erlegt.
Die Menschen fragen sich oft, wie sie Tao folgen sollen. Das ist so einfach und natürlich wie der Reiher, der im Wasser steht. Der Vogel bewegt sich, wenn er muss; er bewegt sich nicht, wenn Reglosigkeit angebracht ist.
Das Geheimnis seiner inneren Ruhe ist eine Form von Wachsamkeit, ein kontemplativer Zustand. Der Reiher befindet sich nicht in einem Dämmerzustand, auch schläft er nicht. Er kennt eine luzide Reglosigkeit. Er steht still im schaukelnden Wasser. Sein Blick ist ungetrübt und wach. Wenn Tao ihm etwas bringt, das er braucht, schlägt er zu, ohne zu zögern oder nachzudenken. Dann kehrt er zu seiner Ruhe zurück, ohne sich selbst oder seine Umgebung zu stören. Nur weil er in der Strömung die richtige Position gefunden hat und geduldig geblieben ist, hatte er Erfolg.
Im Leben können Handlungen auf zwei Faktoren reduziert werden: Positionierung und Timing. Wenn wir nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind, können wir unmöglich den Vorteil nutzen, den uns das Leben bietet. Fast alles ist angemessen, wenn eine Handlung im Einklang mit Ort und Zeit ist. Wir müssen jedoch wachsam und vorbereitet sein. Selbst wenn die äußeren Umstände stimmen, können wir unsere Chance verpassen, wenn wir den Augenblick nicht erkennen, unangemessen handeln oder Zweifel haben und uns selbst im Weg stehen. Wenn uns das Leben eine Gelegenheit bietet, müssen wir bereit sein, sie ohne Zögern oder Scheu zu ergreifen. Position ist ohne Bewusstheit nutzlos. Wenn wir beides nutzen, können wir keinen Fehler machen.
Der Fluss, wogender Verlauf,
Ungehinderte Strömung.
Quelle, Flussbett, Mündung.
Lassen sie sich trennen?
Jeden Tag sehen wir uns vor ein sonderbares Problem gestellt: Wir müssen unsere Vergangenheit anerkennen, uns unserer Gegenwart stellen und für die Zukunft planen.
Jene von uns, die glauben, dass das Leben »in der guten alten Zeit« besser war, verschließen sich manchmal der Realität der Gegenwart; jene, die nur in der Gegenwart leben, begreifen oft nicht die Bedeutung des Vorangehenden oder Nachfolgenden; und jene, die nur für einen Lohn leben, der ihnen irgendwann einmal vielleicht zuteil wird, schränken sich durch zu viel Verzicht ein. Gedanken an die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind ein nützliches Konzept, aber letztlich müssen sie in einem harmonischen Verhältnis stehen und miteinander verbunden werden.
Wir müssen verstehen, wie die Vergangenheit uns beeinflusst, wir sollten die Gegenwart durch bereichernde und befriedigende Erfahrungen beleben und jeden Tag etwas tun, um in die Zukunft zu investieren. So wie ein Fluss aus Abschnitten besteht, die sich nicht eindeutig trennen lassen, sollten auch wir die Zeit betrachten, die wir auf dieser Welt haben, um zu entscheiden, wie wir unser Leben verbringen wollen.
Schirm, Licht, Landschaft, Himmel –
Es gibt keine heilige Sprache.
Das Sakrale liegt im Profanen.
Man kann das Spirituelle nur dann beschreiben, indem man es mit profanen Dingen vergleicht. Eine Schrift beschreibt das göttliche Wort als einen »Schutzschirm«. Eine andere Schrift besagt, Gott sei das Licht. Das Paradies soll im Himmel sein und selbst Asketen, die ihre Sexualität unterdrücken, verwenden erotische Gleichnisse, um die Erleuchtung zu beschreiben. Ohne Metaphern lässt sich das Göttliche nicht in Worte fassen.
Es sind sogar esoterische Sprachen erfunden worden, die Außenstehenden Rätsel aufgeben. Heilige Worte scheinen auf Uneingeweihte immer eine solche Wirkung zu haben. Nachdem man gelernt hat, sie zu lesen, kann ihre Botschaft aufgenommen werden. Wir machen uns keine Gedanken mehr über die Bilder und Gleichnisse, weil wir die Wahrheit begreifen, die hinter den Worten steckt.
Wenn man etwas kauft, das mit einer Bedienungsanleitung geliefert wird, hält man sich zwar an die einzelnen Montageschritte, aber man betet die Anweisung nicht an. Bei spirituellen Belangen ist es nicht anders. Sobald man die Botschaft begriffen hat, wird die Anweisung nebensächlich. Mit der Spiritualität, die man erlangt, verhält es sich nicht anders als mit einem Sport, den man ausübt, der Arbeit, die man verrichtet, dem Auto, das man fährt, dem Liebesakt, den man vollzieht. Wenn man Tao ständig als etwas Besonderes betrachtet, bleibt es unbekannt und fremd – ein Mythos, eine Fantasie, eine nicht greifbare Größe. Doch sobald man es erfährt, gehört es zur eigenen Person und wird Teil des täglichen Lebens.
Kooperation mit anderen.
Wahrnehmung, Erfahrung, Hartnäckigkeit.
Wissen, wann man führt und wann man folgt.
Wenn wir uns einer Gruppe anschließen, müssen wir zu einem festen, organischen Bestandteil dieser Organisation werden. Wir beeinflussen das Kollektiv und werden gleichzeitig durch die Menschen geformt, mit denen wir uns umgeben.
Die Beeinflussung anderer erfordert Wahrnehmung. Wir müssen wissen, wann es Zeit zum Handeln ist, wann wir lieber abwarten, wann andere ein offenes Ohr für uns haben und wann sie nicht auf uns hören. Dies erfordert Erfahrung, und es ist notwendig, sehr viele Beziehungen einzugehen – im familiären Umfeld wie auch im gesellschaftlichen Rahmen –, um das richtige Fingerspitzengefühl zu entwickeln. Es wird früher oder später Augenblicke der Frustration und des Erfolgs geben, aber in beiden Fällen ist eine gewisse Hartnäckigkeit entscheidend. Wenn unsere Eigeninitiative unterdrückt wird, müssen wir beharrlich bleiben, indem wir unsere Position beibehalten oder sie verändern, sobald sich eine bessere Möglichkeit ergibt. Wenn wir erfolgreich sind, dürfen wir uns nicht nur auf unser Charisma verlassen, sondern müssen darauf hinarbeiten, die Ziele zu verwirklichen, die sich die Gruppe gesetzt hat.
Eine wahre Führungspersönlichkeit zeichnet sich durch eine Mischung aus Eigeninitiative und Bescheidenheit aus. Die besten Anführer bleiben im Hintergrund und führen, ohne sich in den Mittelpunkt zu stellen. Solange das Kollektiv eine Richtung hat, ist der Anführer zufrieden. Er heischt nicht nach Anerkennung; diese wird ihm von selbst zuteil, wenn die Menschen erkennen, dass es sein subtiler Einfluss war, der sie zum Erfolg geführt hat.
Reines Licht enthält alle Farben.
Deshalb hat es keine Färbung.
Nur wenn sich das Einzelne zerstreut,
Wird Farbe erkennbar.
Wenn wir reines Sonnenlicht erblicken, das auf uns herabscheint, ist sein Strahlen so rein und hell, dass wir weder Einzelheiten noch Färbungen erkennen, die von ihrer Quelle ausgehen. Aber wenn das Licht auf die zarten Flügel einer Libelle trifft oder wenn es durch feinen Regen schimmert oder selbst wenn es auf der Hautoberfläche glänzt, bündelt es sich in Millionen kleiner Regenbogen. Die Welt explodiert in einem Farbenmeer, weil die vielfältigen Oberflächen und Texturen das Licht in zahllose, sich überschneidende Dimensionen brechen.
Dasselbe gilt für Tao. In seinem reinen Zustand verkörpert es alles. Deshalb zeigt es nichts. So wie reines Licht alle Farben enthält und dennoch farblos ist, ist jede Existenz im Tao vorhanden und nicht unterscheidbar. Nur wenn Tao in unsere Welt tritt, explodiert es in zahllose Dinge. Wir sagen, dass alles seine Existenz Tao schuldet. Aber in Wirklichkeit sind diese Dinge nur Lichtbrechungen des großen Tao.
Wenn alle Farben des Lichts miteinander gemischt werden, werden sie wieder zu reinem, strahlendem Weiß. Deswegen reden jene, die Tao folgen, ständig von der Rückkehr. Sie vereinen alle Bereiche ihres Lebens und bringen alle Unterschiede zu einem großen Ganzen zusammen. In der Einheit kann es keine Vielfalt geben. Wenn sich unser Bewusstsein wieder mit dem wahren Tao vereint, gibt es nur ein Strahlen und alle Farben lösen sich auf.
Wir dürfen uns nicht von der
Kaleidoskopischen Realität verwirren lassen.
Lasst uns weise und mutig handeln
Und nicht zur Verwirrung beitragen.
Die Welt ist ein Sturm zahlloser Realitäten und trotzdem dürfen wir uns nicht in diesen Strudel hineinziehen lassen. Wir würden uns sonst nämlich verirren und die wahre Mitte verlieren, aus der alles Wissen stammt. Wir müssen handeln, aber auf die richtige Weise.
Unser Handeln muss von Intellekt und Erfahrung geleitet sein. Wir lernen von Lehrern, Älteren und anderen. Aber wir müssen auch prüfen, was wir in der Welt lernen. Es reicht nicht aus, einfach nur zu meditieren, und es reicht nicht aus, theoretisches Wissen anzusammeln – um weise zu sein, brauchen wir beides.
Nur wenn Weisheit, Mut, Timing und Beharrlichkeit miteinander kombiniert werden, besitzen wir ein solides Fundament für Eigeninitiative. Die Handlung muss vollständig sein. Sie muss wie eine Kerze sauber abbrennen; sie darf keine negativen Konsequenzen oder Nachwirkungen haben. Eine Tat, die Zerstörung, Ablehnung oder Chaos hinterlässt, ist schlecht. Dann ist das Tun unzureichend und Tao wurde nicht erlangt.
Lasst uns nicht vulgären Anführern hinterherlaufen,
Die die Angst vor dem Tod missbrauchen
Und Glückseligkeit und Erlösung versprechen.
Wenn wir wahrhaft glücklich sind,
Haben sie nichts zu bieten.
Manche Anführer verwenden Drohungen, um ihre Anhängerschaft zu vergrößern. Sie drohen mit Tod und Verderben, um gutes Verhalten zu erzwingen und die Menschen ins Paradies zu führen.
Andere locken mit großen Versprechungen. Den Unzufriedenen bieten sie Glückseligkeit. Den Unzulänglichen bieten sie Erfolg. Den Einsamen bieten sie Zugehörigkeit.
Aber was haben solche Anführer zu bieten, wenn man den Tod nicht fürchtet und glücklich ist? Spiritualität ist ein organischer Bestandteil des Alltags, nicht etwas, das ein Experte verteilt. Wahre Spiritualität ist Befreiung – nicht nur von den Verblendungen der Realität, sondern auch von den Verblendungen der Religion. Wenn wir den Tod nicht fürchten, uns guter Gesundheit erfreuen und verständnisvoll durch das Leben gehen, dann herrscht Glück, und es besteht kein Bedarf an falschen Anführern.
Zither, Schach, Buch, Bild, Schwert.
Diese Dinge symbolisieren klassische Fähigkeiten.
Es war einmal ein Wanderer, der sich nichts aus Ruhm machte. Obwohl er viele Gelegenheiten hatte, ein wichtiges Amt zu bekleiden, fuhr er damit fort, nach Lehrern zu suchen, die ihm helfen würden, fünf Dinge zu meistern: Zither, Schach, Buch, Bild, Schwert.
Die Zither schenkte ihm Musik, die seine Seele zum Klingen brachte. Schach kultivierte sein strategisches Denken und seine Fähigkeit, angemessen auf die Handlungen anderer zu reagieren. Bücher verliehen ihm akademische Bildung. Durch die Malerei übte er sich in der Darstellung von Schönheit und Feinsinn. Das Schwert war ein Mittel, um sich gesund zu halten und sich zu verteidigen.
Eines Tages fragte ein kleiner Junge den Wanderer, was er täte, wenn er seine fünf Dinge verlöre. Zuerst bekam der Wanderer große Angst, aber er erkannte bald, dass sich die Zither nicht selbst spielen konnte, dass ein Schachbrett ohne Spieler bedeutungslos war, ein Buch auf einen Leser angewiesen war, Pinsel und Tusche sich nicht aus eigener Kraft bewegen und ein Schwert nicht ohne eine Hand geführt werden kann. Er erkannte, dass seine Kultivierung nicht lediglich dem Erwerb von Fähigkeiten diente. Sie war ein Pfad zum tiefsten, innersten Teil seines Wesens.
Bewegung, Objekte, Rede und Worte:
Wir kommunizieren mit plumpen Symbolen.
Wir nennen sie »objektiv«,
Können unserem Standpunkt aber nicht entrinnen.
Wir können nicht durch Gedankenübertragung kommunizieren, und so sind Fehldeutungen ein ständiges Problem. Bewegungen, Zeichen, Reden und das geschriebene Wort sind durch Fehlkommunikation belastet. Ein Dutzend Augenzeugen, die dasselbe Ereignis miterlebten, können sich nicht auf einen Hergang einigen. Jeder von uns kann etwas anderes in den Orakelkarten deuten, die ein Weissager auf dem Jahrmarkt zieht. Deshalb sind wir auf ewig durch unsere Subjektivität gefangen.
Anhänger des Tao sind der Überzeugung, dass wir keine absolute Wahrheit in der Welt kennen können, sondern nur verschiedene Abstufungen von Mehrdeutigkeit. Manche nennen es Lyrik; manche nennen es Kunst. Doch die Tatsache bleibt bestehen, dass jede Kommunikation relativ ist. Jene, die Tao folgen, sind praktisch veranlagt. Sie wissen, dass Worte fehlerbehaftet sind und messen ihnen daher nur eine eingeschränkte Bedeutung bei: Das Symbol ist nicht dasselbe wie die Realität.
Stadt auf einem Hügel,
Unberührtes Land am Horizont.
Ein brachliegendes Feld ist
Das Geheimnis der Fruchtbarkeit.
In der Stadt sehen wir Millionen von Leben, die durch die Fenster, Türen und vielen Stockwerke der Gebäude versinnbildlicht werden. Wir sehen Aufregung und die Errungenschaften der Zivilisation. Aber so sehr die Anhänger des Tao das Stadtleben auch genießen mögen, sie erkennen die Notwendigkeit, sich regelmäßig in die Natur zurückzuziehen.
Auf dem Land finden sie die nährende Qualität der Freiheit. Sie sehen neue Möglichkeiten und können sich ohne soziale Einschränkungen bewegen. Als die ersten Siedler die endlose Weite der Prärie erblickten, waren sie erfüllt von dem Traum, der Natur die Errungenschaften der Menschheit aufzuzwingen. Jetzt wissen wir es besser: Wir müssen die Wildnis schützen, wenn wir überleben wollen.
Wir brauchen Zeit, um zu ruhen. Wenn wir die Stadt nicht verlassen können, sollten wir uns jeden Tag etwas Zeit nehmen und uns zurückziehen. Wenn wir die Möglichkeit haben, durch Feld und Flur zu streifen, umso besser. Aber niemand von uns kann die Fruchtbarkeit unseres Wesens ohne eine regelmäßige Auffrischung aufrechterhalten.
Hügelige Dorfstraßen,
Weißgekalkte, sonnenüberflutete Mauern.
Himmelblaues Meer.
Kinderlachen.
Ganz gleich, wohin es dich auf der Welt verschlägt, ganz gleich wie viele Sprachen gesprochen werden und ganz gleich, wie oft Kulturen und Regierungen aufeinanderprallen, Kinderlachen ist immer entwaffnend. Die Heiterkeit von Erwachsenen kann unter Umständen eifersüchtig, unsicher, sadistisch, grausam oder absurd sein, aber der Klang spielender Kinder ruft das Ideal des einfachen und reinen Tuns hervor. Es gibt keine Konzepte, keine Ideologien – nur unschuldige, überbordende Lebensfreude.
Wir als Erwachsene grübeln oft über unsere Komplexität, Existenzängste und Verpflichtungen. Wir hören die Freude von Kindern und trauern vielleicht unserer verlorenen Kindheit nach. Obwohl wir nicht mehr in unsere alte Kleidung schlüpfen und wieder jung sein können, kann uns der kindliche Optimismus Trost spenden. Kindliche Freude kann uns alle froh stimmen.
Wir wollen oft, dass unsere Kinder schnell erwachsen werden. Dabei ist es für sie deutlich besser, jedes Lebensjahr voll auszukosten. Lassen wir sie altersgerecht heranwachsen, lassen wir sie spielen. Und helfen wir ihnen in der Übergangszeit, wenn ihre Kindheit endet und die Jugend beginnt. Dann wird ihr Lachen weiterhin voller Freude und Hoffnung für uns alle sein.
Ein alter, knorriger Baum:
Zu fasrig für die Säge eines Holzfällers,
Zu verwachsen für den Zimmermannswinkel,
Er überlebt den ganzen Wald.
Holzfäller erfreuen sich an geradem, starkem, duftendem Holz. Wenn der Stamm schwer zu sägen ist, zu verwachsen für gerade Bretter, zu übelriechend für Kommoden und zu schwammig für Feuerholz, dann lässt man ihn in Ruhe. Nützliche Bäume werden gefällt, nutzlose überleben.
Dasselbe gilt für Menschen. Die Starken werden zum Militärdienst eingezogen. Die Schönen werden ausgebeutet. Wer zu schlicht ist, um aufzufallen, überlebt. Er wird in Ruhe gelassen und ist geschützt.
Aber was ist, wenn wir zu diesen schlichten Menschen zählen? Auch wenn andere uns vernachlässigen, sollten wir nicht glauben, wir seien wertlos. Wir dürfen das Urteil anderer nicht zum Maßstab unseres eigenen Selbstwerts machen. Wir sollten vielmehr ein einfaches Leben führen. Natürlich haben wir Schwächen, aber wir müssen unserem eigenen Urteil vertrauen, regelmäßig Bilanz ziehen und unsere Schwächen als Maßstab nehmen, um unseren Fortschritt zu messen und an uns zu arbeiten. Da wir keine Energie investieren müssen, um uns zu verstellen oder eine bestimmte Position zu bekleiden, sind wir frei, die besten Teile unserer Persönlichkeit zu kultivieren. Wenn man als nutzlos gilt, ist das kein Grund zur Verzweiflung, sondern eine Gelegenheit. Es ist die Chance, ungestört zu leben und seine Individualität zum Ausdruck zu bringen.
Bilder auf dem Altar,
Oder auch nur vorgestellt:
Wir beten sie an,
Doch antworten sie?
Der Weise sagt uns, wie wichtig Verehrung sei. Deshalb knien wir vor dem Altar nieder, bieten Gaben dar und machen Opfer. In unseren Meditationen wird uns beigebracht, die Götter, die uns innewohnen, zu erkennen und sie um Macht und Wissen zu bitten. Wir tun das mit großer Aufrichtigkeit, bis die Meister sagen, dass es gar keine Götter gebe. Dann sind wir verwirrt.
Die Statue auf dem Altar ist aus Holz und Blattgold, aber unser Bedürfnis nach Ehrerbietung ist echt. Der Gott in uns ist vielleicht nichts weiter als eine Visualisierung, aber unser Bedürfnis nach Konzentration ist echt. Die Attribute des Himmels sind utopische Vermutungen, doch diese Parabeln haben einen wahren Kern. Die Götter stellen somit Philosophien und außergewöhnliche Facetten des menschlichen Geistes dar. Wenn wir uns ihnen verschreiben, vereinigen wir uns mit diesen tieferen Aspekten.
Der Gedanke, dass wir ein Symbol anbeten, kann in uns Unbehagen auslösen. Uns wurde in der Schule beigebracht, nur das Greifbare, Wissenschaftliche und Materielle zu akzeptieren. Wir bezweifeln, ob es etwas bringt, das rein Symbolische anzubeten und sind verwirrt, wenn eine solche Verehrung zu einer echten persönlichen Transformation führt. Doch der Akt des Betens wirkt sich auf unsere Gefühle und Gedanken aus. Wenn die Weisen sagen, dass es keine Götter gebe, meinen sie, dass der Schlüssel zum Verständnis aller Dinge in uns selbst liegt. Ein sichtbares Beten ist lediglich ein Mittel, um zur wahren Quelle der Erlösung im Innern vorzudringen.
Schlemmen ist die Flamme im Winter,
Die das Feuer der Freundschaft entfacht
Und die Gemeinschaft stärkt.
In der Vergangenheit dienten Festmähler dazu, das Gemeinschaftsgefühl zu stärken und das Kollektiv zusammenzuschweißen. Dasselbe gilt auch heute noch. Ob es sich um kulturelle Versammlungen handelt, Zeiten des gemeinsamen Betens oder besondere Mahlzeiten mit Freunden – wir alle brauchen Momente, in denen wir zusammenkommen und die Bedeutung unserer Gruppe aufs Neue bestätigen.
Die Freude, die wir spüren, ist sowohl für das Kollektiv als auch seine Mitglieder essenziell. Die Bestätigung der Gruppe sollte keine Unterdrückung des Individuums sein, sondern vielmehr einen Rahmen für konstruktive Interaktionen bilden. Eine gute Versammlung erfordert eine aktive Teilnahme – die Anstrengungen der Organisation, Arbeit und Anwesenheit – und gibt Körper und Seele wiederum Stärkung, einen Sinn für Zugehörigkeit und ein Gefühl, etwas geleistet zu haben, das sonst nicht möglich gewesen wäre.
Wie jedes menschliche Streben ist das Festmahl anfällig für Manipulation und Politik, das selbstsüchtige Intrigieren zynischer Individuen. Dies lässt sich kaum vermeiden, weil es für jede Gruppe unmöglich ist, wahrhaft geeint zu sein. Beheben lässt sich dieses Problem nur, wenn das Kollektiv seine Intentionen strikt auf sein Ziel ausrichtet, seine Anführer weise wählt und diese Anführer möglichst erleuchtet sind.
Ein Vater ohne einen Vater
Findet oft keinen Ausgleich.
Ein Meister ohne einen Meister
Ist brandgefährlich.
Wir sehen vertrauens- und erwartungsvoll zu unseren Eltern, Lehrern und Anführern auf. Sie haben die Verantwortung, uns zu führen, zu erziehen und ein Urteil für uns zu treffen, wenn die Umstände ungewiss sind. Letztlich sollen sie uns an einen Punkt bringen, an dem wir unsere eigenen Entscheidungen auf der Grundlage der Weisheit treffen, die sie in uns kultiviert haben.
Aber das Potenzial für Missbrauch und Fehler ist gewaltig. Wer kann schon immer Recht haben? Ein einfacher Fehler zur falschen Zeit kann Verwirrung, seelische Narben oder sogar eine Katastrophe verursachen. Harte Worte in einem Augenblick, in dem ein Kind leicht beeinflussbar ist, kann viele problembehaftete Jahre zur Folge haben. Deswegen brauchen wir einen Vater für den Vater, einen Meister für den Meister und Anführer für die Anführer. Dies verhindert Fehler der Macht. In der Vergangenheit hatten selbst Könige weise Berater. Jeder, der eine Führungsrolle übernehmen will, sollte eine solche Unterstützung haben.
Schließlich muss jemand an der Spitze stehen. Und an wen wird sich diese Person wenden? Wir sollten keine Götter anrufen, sondern Pragmatismus walten lassen. Erfahrung ist der beste Lehrmeister. Deswegen sind weise Menschen stets auf Reisen, um sich durch den ständigen Wandel der Umstände auf die Probe zu stellen. Nur so können sie ihre Gedanken wirklich bestätigen und ihre Defizite ausgleichen.
Kerben in trockenem Ton verschwinden,
Wenn der Ton wieder weich wird.
Narben in der Seele verschwinden,
Wenn man im Inneren wieder weich wird.
Im Laufe unseres Lebens, aber vor allem in der Jugend, werden uns viele Narben zugefügt. Manche sind die Folgen von Gewalt, Missbrauch, Vergewaltigung oder Krieg. Andere sind auf eine schlechte Erziehung zurückzuführen, wieder andere auf Demütigungen und Misserfolge. Andere werden durch unser eigenes Missgeschick verursacht. Wenn wir uns von diesen Verletzungen nicht erholen, werden uns die Narben für immer entstellen.
In den klassischen Schriften steht, dass wir uns unseren Gelüsten und Sünden entziehen sollen. Aber Narben, die nicht durch eigenes Verschulden entstanden sind, können uns auch den spirituellen Erfolg verwehren. Leider ist es oft einfacher, eine schlechte Gewohnheit aufzugeben, als sich von den Folgen von Gewalt zu erholen. Das ist nur durch Selbstkultivierung möglich. Ärzten und Priestern sind die Hände gebunden. Wahre Heilung liegt einzig und allein bei uns. Hierfür müssen wir uns viele Methoden aneignen, auf Reisen gehen, unsere persönlichen Ängste überwinden und – was vielleicht am wichtigsten ist – versuchen, möglichst wenig neue Probleme zu bekommen. Andernfalls werden sie uns von einer wahren Verbindung mit Tao abhalten.
Nächtlicher Wolkenbruch
Weckt die Liebenden,
Überflutet das Tal.
Der Liebesakt ist etwas ganz Natürliches. Warum sollte man sich dessen schämen?
Das klingt einfach, aber in diesen schwierigen Zeiten ist es tatsächlich eine große Herausforderung. Sexualität wurde mit zu vielen Bedeutungsschichten belegt. Religionen zwängen sie ein, Asketen lehnen sie ab, Romantiker verherrlichen sie, Intellektuelle analysieren sie, Maßlose pervertieren sie. Diese Handlungen haben nichts mit dem Liebesakt zu tun. Sie entstammen Fanatismus und zwanghaftem Verhalten. Können wir die Herausforderung meistern, uns auf offene und gesunde Weise dem Liebesspiel hinzugeben?
Geschlechtsverkehr sollte kein Machtmittel sein, das der Manipulation, der Selbstsucht oder dem Missbrauch dient. Er sollte kein Boden für unsere persönlichen Zwänge und Illusionen sein.
Sexualität ist eine ehrliche Reflexion unserer innersten Persönlichkeit und wir sollten darauf achten, sie auf gesunde Weise zum Ausdruck zu bringen. Der Liebesakt ist etwas Mysteriöses, Heiliges und oft die innigste Interaktion, zu der Menschen fähig sind. Ob das, was geschaffen wird, eine Beziehung oder Schwangerschaft ist – das Vermächtnis beider Partner wird ihrer Schöpfung innewohnen. Was wir in die Liebe investieren, bestimmt, was wir von ihr bekommen.
Planeten kreisen um die Sonne.
Formen kreisen um den Geist.
Die meisten von uns verkörpern in ihrer Persönlichkeit unterschiedliche Aspekte – das sind unsere Formen beziehungsweise die Art und Weise, wie wir Gestalt annehmen. Wenn wir nicht achtgeben, können wir durch eine solche Komplexität aus dem Konzept gebracht werden. Wir sollten keinen Teil von uns ablehnen, sondern sie ordnen. Alle Elemente sind gültig – sie müssen lediglich in den richtigen Kontext gesetzt werden.