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Edition Philosophie Magazin: Eine exklusive Auswahl zentraler philosophischer Texte durch das »Philosophie Magazin«. Mit dem ungekürzten Originaltext sowie - einem sachkundigen Vorwort von Dieter Birnbacher - einer Zeitleiste zu Leben und historischem Kontext - Erläuterungen der Grundbegriffe Schopenhauers - mit Beiträgen von Moritz Rinke, Edith Seifert sowie Fritz Breithaupt zur bleibenden Bedeutung des Werks Schopenhauers ›Aphorismen zur Lebensweisheit‹ sind Teil seines Werks ›Parerga und Paralipomena‹ und gehören zu seinen bekanntesten Schriften. Glänzende und geschliffene Sätze über das Leben, von denen so manche zum geflügelten Wort im Deutschen geworden sind.
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Arthur Schopenhauer
Mit einer Einführung und begleitenden Texten
Edition philosophie Magazin: Eine exklusive Auswahl zentraler philosophischer Texte durch das »philosophie Magazin«.
Mit dem ungekürzten Originaltext sowie
– einem sachkundigen Vorwort von Dieter Birnbacher
– einer Zeitleiste zu Leben und historischem Kontext
– Erläuterungen der Grundbegriffe des jeweiligen Werks
– mit Beiträgen von Moritz Rinke, Edith Seifert sowie Fritz Breithaupt zur bleibenden Bedeutung des Werks
Schopenhauers ›Aphorismen zur Lebensweisheit‹ sind Teil seines Werks ›Parerga und Paralipomena‹ und gehören zu seinen bekanntesten Schriften. Glänzende und geschliffene Texte über das, was einer ist, was einer hat, was einer vorstellt und vom Unterschied der Lebensalter.
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Covergestaltung: hauser lacour kommunikationsgestaltung gmbh, Frankfurt
Erschienen bei FISCHER E-Books
© 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
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ISBN 978-3-10-403693-9
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Einleitung
Wider die herrschende Meinung
Kunst als Rettung
Daten zu Schopenhauers Leben
Daten zum geschichtlichen Kontext
Schopenhauers Grundbegriffe
Egoismus
Die Gesellschaft
Die Kunst
Das Leiden
Über Frauen und Selbstmord
Welt, Wille,Vorstellung
Die Conditio humana
Weiterführende Lektüre
Stimmen zu Schopenhauers Bedeutung
»Vordenker der Psychoanalyse« Von Edith Seifert
»Wider den Narzissmus!« Von Moritz Rinke
»Das Ich als Mitleidsfilter« Von Fritz Breithaupt
Pessimismus bei Schopenhauer: Vorwort
Arthur Schopenhauer Aphorismen zur Lebensweisheit
Einleitung
Kapitel I Grundeintheilung
Kapitel II Von Dem, was Einer ist
Kapitel III Von Dem, was Einer hat
Kapitel IV Von Dem, was Einer vorstellt
Kapitel V Paränesen [Ermahnungen] und Maximen
A. Allgemeine.
B. Unser Verhalten gegen uns selbst betreffend.
C. Unser Verhalten gegen Andere betreffend.
D. Unser Verhalten gegen den Weltlauf und das Schicksal betreffend.
Kapitel VI Vom Unterschiede der Lebensalter
Editorische Notiz
Von Didier Raymond
Arthur Schopenhauer wurde am 22. Februar 1788 in Danzig geboren. Sein Vater gehörte zu den reichsten Handelsleuten der wirtschaftlich florierenden Hansestadt und gab sein Vermögen großzügig für Gemälde, Bücher und Reisen aus. Schon als Kind für eine Kaufmannskarriere ausgebildet, lernt Arthur Schopenhauer neben Latein und Griechisch auch Englisch, Französisch und Italienisch. Im Jahre 1803/04 wird er nach einem Aufenthalt in London auf eine Bildungsreise durch mehrere europäische Länder geschickt – während der er auch ein Reisetagebuch führt. Bereits in diesen frühen Aufzeichnungen zeigt Schopenhauer eine besondere Sensibilität für die Themen des Leidens und der Langeweile, zum Beispiel in seiner Beschreibung der Strafkolonie von Toulon. Diese Feinfühligkeit seines Gemüts verfestigt sich bald zu einer Gewissheit, die sein gesamtes Denken prägt und von ihm weiter ausgearbeitet werden wird: Leid zu erfahren ist eine jeder Existenz innewohnende, unvermeidbare Gegebenheit ohne höheren Sinn, Ziel oder Moral. Das höchste Gut für den Menschen kann deshalb nur in der weitgehenden Abwesenheit von Leid bestehen, was auch bedeutet, dass menschliches Glück nur negativ definiert werden kann.
Der Selbstmord seines schwerkranken, durch missglückte Finanzspekulationen stark belasteten Vaters im Jahre 1806 mag diese Grundeinstellung Schopenhauers endgültig gefestigt haben. Das Ereignis wirft jedenfalls unweigerlich einen Schatten auf die Weltsicht des jungen Mannes, der fortan der Autorität seiner Mutter Johanna untersteht. Ihre Beziehung zu Arthur ist konfliktbeladen, bis hin zum endgültigen Bruch – sie wird so weit gehen, ihren Sohn zugunsten ihres Liebhabers zu enterben. Und aus dieser emotionalen Zurückweisung wird der Philosoph einen eher bitteren, wenn auch zweifelhaften Schluss ziehen: »Überhaupt aber wird eine Frau, die ihren Mann nicht geliebt hat, auch ihre Kinder von diesem Mann nicht lieben.«
Das familiäre Klima verströmt also Bitternis, erzeugt vielfache Frustrationen und einen solchen Überdruss, dass Schopenhauer nicht weiß, was er seiner einzigen Schwester Adele antworten soll, als sie ihm schreibt: »Ich lebe ungern, scheue das Alter, scheue die mir gewiss bestimmte Lebenseinsamkeit …« Ohne Zweifel prägt Schopenhauers Überzeugung, Glück könne allenfalls darin bestehen, sich dem Leid und den sozialen Zumutungen durch andere Menschen zu entziehen, seine eigene Lebensweise ganz entscheidend. Während das Haus der Mutter ein Ort außergewöhnlicher Begegnungen war – Goethe, der Maler Tischbein und politische Größen gingen dort ein und aus –, lebt der junge Philosoph bereits zurückgezogen und freiwillig isoliert, ist dabei oft cholerisch und vor allem schnell nachtragend.
Immerhin geht aus seinem Austausch mit Goethe 1816 ein Text hervor: »Über das Sehn und die Farben«. Goethes Gedanken folgend, weist er darin eine objektivistische Auffassung der Farben – wie sie Isaac Newton vertrat – entschieden zurück. Es geht Schopenhauer darum, zu zeigen, dass der physiologischen Aktivität des Sehens, weit davon entfernt, sich auf die mechanistischen Konzeptionen der neuen Physik reduzieren zu lassen, eine eigene, schöpferische Dynamik eignet. Die Schrift bezeugt Schopenhauers frühes Interesse für die wissenschaftlichen Strömungen seiner Zeit.
Lange vor Darwin postulierte Schopenhauer eine grundlegende Zweckfreiheit in den Phänomenen der Natur, betonte die Rolle von Zufall und Chaos. Die angenommene Abwesenheit eines tieferen Sinns oder Ziels alles Existierenden ist für ihn nicht nur ein abstraktes philosophisches Theorem, sondern er formte sie zu einer Lebensphilosophie, die durch Beobachtung und Erfahrung der Natur eigenständig erschlossen werden könne. Schopenhauer widersetzt sich dem zu seiner Zeit an den Universitäten vorherrschenden sinnstiftenden Idealismus von Fichte, Schelling oder Hegel und damit auch jeder Spekulation, die auf einem philosophischen Vorrang des Denkens und menschlichen Selbstbewusstseins basierte. Gewiss ist die Welt meine Repräsentation von ihr, gewiss ist meine Vorstellung die grundlegende Zugangsbedingung zur Struktur der Welt, doch die Realität bleibt nach Schopenhauer letztlich unabhängig vom Bewusstsein.
Was sich durch die Vielheit der Phänomene des Lebens hindurch auf originelle und irreduzible Weise manifestiert, ist der Wille zum Leben, jene blinde Kraft im Herzen des Pflanzen- und Tierreichs, zu dem der Mensch ebenfalls gehört, wenn er auch durch die Fähigkeit zur (Selbst-)Reflexion seines Daseins eine Sonderstellung einnimmt. Durch die Vorherrschaft des Willens, dieses Primat des Lebens und blinden Lebenwollens, werden die klassischen Vorstellungen vom Menschen als reinem Vernunftwesen von Grund auf erschüttert.
Wie zuvor bereits Francis Bacon oder David Hume, sieht Schopenhauer den Verstand eher als Sklaven der Emotionen: Der Intellekt steht letztlich im Dienste des Willens zum Leben, sprich der Affekte und Instinkte. Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud behalten diese Einsicht in Erinnerung. Der eine, wenn er eine Genese des moralischen Bewusstseins ausarbeitet, die auf eher basalen Trieben und Affekten beruht, der andere, wenn er das Konzept des Unbewussten systematisiert.
Als 1819 Schopenhauers Hauptwerk »Die Welt als Wille und Vorstellung« erscheint, erregt es nahezu kein Interesse und findet nur sehr wenige Leser. Zwar bewirbt er sich 1820 erfolgreich um einen Lehrauftrag in Berlin, doch sind seine Vorlesungen – die er als Provokation zeitgleich zu denen Hegels ansetzt – schwach besucht. Das akademisch wenig erfolgreiche Berliner Abenteuer endet nach manchen Unterbrechungen endgültig im Jahre 1831, da Schopenhauer die Stadt wegen der dort grassierenden Choleraepidemie verlässt und zurück nach Frankfurt zieht.
1839 erhält er den renommierten Preis der Königlich Norwegischen Societät der Wissenschaften. Die Ehrung ist ein magerer Trost in der intellektuellen Einöde, die ihn umgibt. Gute Mahlzeiten in den Frankfurter Restaurants, die mehr oder weniger regelmäßige Gesellschaft von Prostituierten, heimisches Flötenspiel und manchmal ein Konzert: Diese Art von Junggesellen-Askese bekam ihm letztlich wohl weniger gut, als er selbst glaubte.
Doch anstatt mit dem provinziellen Frankfurter Dasein zu brechen, schließt er sich in seinem Studierzimmer ein. In einer Ecke thront die Statue Buddhas, über dem Sofa hängen abwechselnd Porträts von Hunden und von Philosophen, und am Boden auf einem Bärenfell schläft friedlich sein Pudel namens Atman (»die Weltseele« in der hinduistischen Philosophie), den der Philosoph zu seinem Universalerben machen wird. Dort arbeitet Schopenhauer wie besessen an seinen Texten und Sentenzen. Genauigkeit, Klarheit und Ausdruckskraft müssen ihm zufolge konstitutiver Bestandteil des Denkens sein und zu einem Stil, zu einer spezifischen philosophischen Lösung und Lebensweise führen. Der Erfolg der »Parerga« von 1851 an ist zunächst der einer außergewöhnlich vollendeten philosophischen Sprache. Das Denken des Philosophen wird in ganz Europa vor allem durch Literaten und Künstler verbreitet, ohne dass es die universitäre Philosophie jemals wirklich anerkannt hätte.
Die einzige Möglichkeit, um sich dem allem Leben innewohnenden Willen zu widersetzen, ist die Kontemplation der Welt, die uns die objektivierten Formen (den Körper des Menschen, die Natur) als ästhetische Figuren erscheinen lässt. Mit anderen Worten: die Kunst. Kunst, wie sie Schopenhauer preist, folgt keinem konkreten Nutzen. Sie erfüllt insbesondere keine soziale, politische oder psychologische Funktion, sondern bildet eine eigene autonome Sphäre – deren Genuss eine momentane Erlösung von der menschlichen Grundkonstitution des willensgetriebenen Leidens in Aussicht stellt. Diese Absage an jegliche Zweckbedingtheit und der Anspruch auf eine ästhetische Autonomie dienten Richard Wagner als theoretische Legitimierung, der aus dem Philosophen eine Art Propheten machte. Schopenhauers metaphysischer Pessimismus wird in der Folgezeit von unterschiedlichsten Geistesgrößen wie Tolstoi, Flaubert, Thomas Mann oder Kafka aufgegriffen. So kann der Philosoph kurz vor seinem Tod im September 1860 schreiben: »Nun wohl, jetzt ist es ja überstanden. Das Abendroth meines Lebens wird das Morgenroth meines Ruhms und ich sage mit Shakespeares Worten: ›Ihr Herren, guten Morgen, löscht die Fackeln aus! Der Wölfe Raubzug ist gewesen …‹«
Geburt in Danzig am 22. Februar
1793Die Familie Schopenhauer lebt unter preußischer Besatzung, bis sie in ein Dorf bei Hamburg umsiedelt
1803Mit 15 Jahren unternimmt er eine 18-monatige Bildungsreise durch Europa
1806Schopenhauers Vater stürzt tödlich vom Dachboden des Familienhauses – absichtlich, so vermutet man
1811–1813Studium der Philosophie bei Fichte und Schleiermacher in Berlin
1816Erscheinen von Schopenhauers »Über das Sehn und die Farben«
1819»Die Welt als Wille und Vorstellung« erscheint, findet jedoch keine Resonanz. Schopenhauer ist Privatdozent an der Universität Berlin, wo auch Hegel lehrt
1839Auszeichnung durch die Königlich Norwegische Societät der Wissenschaften für seine Schrift »Über die Freiheit des menschlichen Willens«
1851Ohne Honorar erscheinen seine »Aphorismen zur Lebensweisheit« in »Parerga und Paralipomena«
1860Schopenhauer stirbt am 2. September infolge einer Lungenentzündung im Alter von 72 Jahren
Kants »Kritik der reinen Vernunft« erscheint
1804Bonaparte wird unter dem Namen Napoleon I. zum Kaiser der Franzosen erklärt
1806Nach dem militärischen Siegeszug Napoleons legt Kaiser Franz II. die Reichskrone nieder und besiegelt das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation
1807Fichte fordert in seinen »Reden an die Nation« einen freiheitlichen deutschen Nationalstaat
1815Wiener Kongress: Nach der Niederlage Napoleons werden in diesem Kongress die Grenzen der europäischen Staaten neu festgelegt
1818Karl Marx wird in Trier geboren
1832Beim Hambacher Fest, dem Höhepunkt des Vormärz, werden Forderungen nach Volkssouveränität und nationaler Einheit formuliert
1848Märzrevolution: In Österreich wird Fürst Metternich entlassen und in Deutschland demokratisch eine Nationalversammlung gewählt; Verhinderung der Reformen durch Österreich und Preußen
1870–1871Deutsch-Französischer Krieg
Von Frédéric Schiffter
Schonungslos legt Arthur Schopenhauer die Grundirrtümer unserer Existenz frei. Das »Ich« ist in Wahrheit nichts als eine eitle Illusion, die Vernunft ein Sklave unserer Leidenschaften, das Leben im Kern sinnlos und von Leiden bestimmt. Wäre da nicht die erlösende Kraft der Kunst und die wundersame Verbundenheit alles Lebendigen.
Sofern der Wille sich in lebenden Organismen manifestiert, folgt er dem Prinzip der Individuation. Während bei Tieren der Gattungsinstinkt stärker ist als der individuelle Instinkt, überdeckt beim Menschen das individuelle Bewusstsein das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gattung. Aus diesem Grund bleibt das Mitgefühl, auf das Schopenhauer große Stücke hält, im Falle des Menschen das Privileg einiger weniger. Jedes Ich stellt sich vor, einen einzigartigen Punkt im Universum zu verkörpern, um den sich alles drehen muss – ein narzisstisches Verhalten, das natürlich die Feindseligkeit der anderen Ichs auf sich zieht. Solch ein Egoismus mit all seinen verheerenden Folgen bildet sich von Kindheit an heraus. Ein Blick auf einen Schulhof genügt, um diese Einsicht zu bestätigen: Allzu oft tobt dort ein Krieg aller gegen alle, die kindlichen Leidenschaften, die aufeinanderprallen, erinnern an das Klirren der Waffen und die hasserfüllten Schreie im Zirkus der Antike und geben einen Vorgeschmack auf das blutige Chaos von Schlachtfeldern oder Städten im Ausnahmezustand. Mit einer für Schopenhauer typischen Übertreibung bringt er den menschlichen Egoismus mit einem Bild auf den Punkt: »Mancher Mensch wäre imstande, einen anderen totzuschlagen, bloß um mit dessen Fette sich die Stiefel zu schmieren.«
Um den Menschen in der Gesellschaft zu beschreiben, benutzt Schopenhauer die Parabel von den Stachelschweinen: An einem rauen Wintertag kuscheln sich ein paar Stachelschweine aneinander in der Hoffnung, sich zu wärmen. Doch sobald sie sich berühren, stechen sie sich mit ihren Stacheln und entfernen sich wieder voneinander. Erneut durchdringt sie die eisige Kälte und veranlasst sie, zusammenzurücken und sich zu verletzen. Dieses ständige Hin und Her zwischen zwei Formen des Leidens hat so lange kein Ende, bis die Tiere »eine mäßige Entfernung von einander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten«. Beim Menschen ist diese Entfernung nichts anderes als das Recht. Damals noch von den Theorien des Thomas Hobbes beeinflusst, stellt Schopenhauer fest, dass die Höllenqualen, die die verschiedenen Individuen einander bereiten, dann nachlassen, wenn sich der Staat mit seinen Regeln, Richtern und Schafotten etabliert. Ohne die anarchischen menschlichen Begierden abzuschaffen – denn keine Form der Gesetzgebung kann den Willen aufhalten! –, gelingt es dem Staat, eine kollektive Ordnung zu schaffen und eine Koexistenz der verschiedenen Egoismen zu erlauben. In einer Gesellschaft, die von einem starken Staat zurechtgestutzt wurde, verfolgt ein jeder das Gemeinwohl, weil jeder weiß, dass es auch sein eigenes Wohl umfasst. Insofern unterscheidet sich »Moral« Schopenhauer zufolge nicht von »Gerechtigkeit« – ein gerechter Mensch ist für ihn kein guter oder weiser Mensch, sondern ein Bürger, der dem Gesetz gehorcht.
Mit dem Primat des Willens, der alle Lebensformen bestimmt, betont Schopenhauer die Vorherrschaft von körperlichen Gelüsten und Gefühlsneigungen über den Intellekt. Darum sind wir dem Willen sowohl mit unserer Wissenschaft als auch mit unserer Technik zu Diensten. Allein die ästhetische Kontemplation befreit uns von seiner Tyrannei. Indem wir uns für Malerei, Poesie, Literatur und Theater interessieren, denken wir die Wirklichkeit nicht mehr in Begrifflichkeiten der rationalen Vorstellungen, sondern entdecken die Realität an sich in Form objektiver und universaler Ideen. Wenn Homer, Dante, Shakespeare oder Goya Aspekte des menschlichen Lebens heraufbeschwören und darstellen, so lassen sie uns doch nicht seine ganze schmerzliche Dimension spüren: Sie zeigen es uns vielmehr in seinem Wesen selbst. Künstlerische Vorstellungen des Willens – etwa bei der Kontemplation von Kunstwerken, beim Lesen, im Theater – nimmt das Bewusstsein deshalb mit großer Freude auf. Die ästhetische Erfahrung befreit uns nicht nur von unseren eigenen begierdevollen Gesten, sie macht uns auch frei vom Schmerz und Verdruss, die unser Leben prägen.
»Das Leben, mit seinen stündlichen, täglichen, wöchentlichen und jährlichen, kleinen, größern und großen Widerwärtigkeiten, mit seinen getäuschten Hoffnungen und seinen alle Berechnung vereitelnden Unfällen, trägt so deutlich das Gepräge von etwas, das uns verleidet werden soll, daß es schwer zu begreifen ist, wie man dies hat verkennen können und sich überreden lassen, es sei da, um dankbar genossen zu werden, und der Mensch, um glücklich zu seyn.« Vom ersten bis zum letzten Atemzug werden wir unablässig vom Leid heimgesucht. Doch auch wenn es uns verschont, können wir nicht ganz gelassen und heiter sein. Wir wissen, es ist nur aufgeschoben, wir wissen, dass uns das Schlimmste droht und dass es nirgendwo Zuflucht gibt. Jederzeit können uns Krankheiten treffen, Naturkatastrophen, Wirtschaftskrisen, Kriege, Armut. Vor allem aber fürchten wir jeden Moment die unheilvolle Gegenwart anderer Menschen, die jederzeit bereit sind, sowohl ihrer physischen Gewalt als auch ihrer moralischen Niedertracht freien Lauf zu lassen. Darum erbost sich Schopenhauer über den Optimismus, der ihm »nicht blos als eine absurde, sondern auch als eine wahrhaft ruchlose Denkungsart erscheint, als ein bitterer Hohn über die namenlosen Leiden der Menschheit«.
Da die meisten Menschen keine Ästheten oder Musikliebhaber sind, werden sie vom Willen dazu verdammt, wie Sisyphos Tag für Tag die erdrückende Last ihres Lebens vergeblich einen Berg hinaufzuschleppen. Um sich abzulenken, verschreiben sich manche (Männer) der Liebe und huldigen den Frauen, ohne zu durchschauen, dass diese – allem Anschein zum Trotz – Lust und Vergnügen hassen. All ihre verführerischen Mittel und ihr erotisches Können setzen die Frauen nur ein, um geeignete Erzeuger in die Falle zu locken und damit dem absurden Ziel des Willens zu entsprechen, sich zu vermehren und so das Leid der menschlichen Existenz zu verlängern. Andere Unglückliche wiederum, die den Gipfel der Verzweiflung erreicht haben, wollen allem ein Ende setzen – ohne zu merken, dass ein Selbstmord nichts anderes als eine List des Willens ist: Das Verlangen zu sterben, bleibt noch immer ein Verlangen. Wenn sie ihre Existenz auslöschen, töten sie doch nicht das, was sie zum Leben gedrängt hat. Indem sich der Wille ihrer selbstzerstörerischen Geste bemächtigt, fügt er ihnen die letzte Schmach zu, nicht einmal Herren über den eigenen Tod zu sein.
Das Meer mit seinen Gezeiten, die Erde, die sich um die Sonne und um sich selber dreht, ein Vulkan, der seine flüssige Lava ausspuckt – all das ist Wille. Wille ist … ein Samen, der in die Erde gelegt wird und einen Baum hervorbringt. Ein Löwe, der seine Beute jagt. Kleine und große Tiere, die kopulieren und sich vermehren. Wille ist … eine Schnecke, die ihre schleimige Spur zieht. Spielende Kinder, Männer, die einander töten, eine Frau, die ihr Baby stillt. Die Grundlage von allem, was geschieht, von allem, was lebt und sich bewegt, ist der Wille. Doch was steckt hinter diesem Willen? Eine blinde, unbewusste Kraft, die unermüdlich und unerbittlich im Universum wirkt. Vom Mikrokosmos bis zum Makrokosmos ist die ganze Welt also nichts anderes als das unendliche Zusammenspiel der Formen, in denen sich diese immanente Kraft manifestiert – woraus die Wesensgleichheit von Menschen mit Tieren, aber auch mit Pflanzen, Mineralien, Planeten und Sternen resultiert.
Beim Menschen, und nur beim Menschen, verkörpert sich der Wille in einem komplexeren Organismus und bringt selbstbewusstes Denken hervor. Durch diese Fähigkeit des Gehirns wird der Wille selbst zum Objekt von Vorstellungen: Die Welt nimmt die Form von Erscheinungen an. Überdies entstehen Spekulationen der Phantasie wie Religion, Glaube und Aberglaube, aber auch rationale Erkenntnisformen wie Physik, Chemie, Biologie und so weiter.
Getrieben von seinen Instinkten hat das Tier keinerlei Vorstellung vom Willen, der es leitet, und damit ebenso wenig von der Umgebung als einem Raum, in dem es lebt und stirbt. Der Mensch jedoch, bei dem der Wille den Intellekt hervorbringt, wird sich nicht nur seiner physischen Bedürfnisse und affektiven Neigungen bewusst (die Fähigkeit zur »inneren Vorstellung«), sondern auch der Phänomene in der Welt (die Fähigkeit zur »äußeren Vorstellung«). Aufgrund dieser doppelten Fähigkeit überkommt ihn die »Verwunderung«. »Den Menschen ausgenommen, wundert sich kein Wesen über sein eigenes Daseyn«, schreibt Schopenhauer. Verwunderung ist hier nicht das Resultat einer gelungenen Überraschung, sondern ein »bestürztes und betrübtes« Erstaunen angesichts einer Banalität: der Tatsache, zu leben und zu sterben. Zu wissen, dass man ohne Grund und nur vorübergehend in eine Welt geschleudert wurde, die ohne eine Erklärung existiert, erzeugt kontinuierlich Leid. Weil der Mensch ein Bewusstsein besitzt, definiert Schopenhauer ihn zugleich als »animal metaphysicum«: »Ohne Zweifel ist es das Wissen um den Tod, und neben diesem die Betrachtung des Leidens und der Noth des Lebens, was den stärksten Anstoß zum philosophischen Besinnen und zu metaphysischen Auslegungen der Welt giebt. Wenn unser Leben endlos und schmerzlos wäre, würde es vielleicht doch Keinem einfallen zu fragen, warum die Welt dasei und gerade diese Beschaffenheit habe; sondern eben auch sich Alles von selbst verstehn.«
Aus dem Französischen von Grit Fröhlich
Schopenhauers Gedanken entwickelten erst nach seinem Tod im Jahr 1860 eine umfassende Wirkung. Sein 1819 veröffentlichtes Hauptwerk »Die Welt als Wille und Vorstellung« gewann vor allem in Kreisen von Künstlern und Literaten großen Einfluss. Beachtung erlangte er posthum auch durch die Übersetzung von Balthasar Graciáns »Orakel der Weltklugheit« sowie seine 1851 erstmals veröffentlichte Aphorismensammlung »Parerga und Paralipomena«.
Zur Einführung in sein Denken eignen sich Rüdiger Safranskis »Schopenhauer und Die wilden Jahre der Philosophie« (Hanser, 2010) sowie Dieter Birnbachers »Schopenhauer« (Reclam, 2010).
Schopenhauers Philosophie ruft zu kompromissloser Selbsterkenntnis auf und fördert dabei Einsichten zutage, die ganze Forschungszweige öffneten und unser Bild des Menschen bis heute wesentlich bestimmen.
»Wie stark Schopenhauers Einfluss auf die Freud’sche Psychoanalyse ist, zeigt sich allein daran, dass Freud dem Vorgänger immer wieder Reverenz erweist: So würdigt er die ›unvergleichliche Bedeutung‹, die Schopenhauer der Sexualität unter den menschlichen Leistungen zuspricht, und gesteht ihm zu, den Tod als das ›eigentliche Resultat‹ des Lebens gesehen zu haben. Diese Sichtweise übernehmend, spricht Freud ganz ausdrücklich davon, in den ›Hafen der Philosophie Schopenhauers eingelaufen‹ zu sein. Eine wichtige Übereinstimmung besteht überdies darin, dass sich Schopenhauers Wille ebenso wie Freuds Trieb als erkenntnisloser, ›blinder, unaufhaltsamer Drang‹ angeschrieben finden, der in sich entzweit ist und aus einem Mangel hervorgeht. Vor allem aber ist es die Idee des Todes als dem absoluten Nichts, als Nirvana, an der sich der Begründer der Psychoanalyse mit seinem Konzept des Nirvanaprinzips explizit orientiert.
Gleichwohl sind Freuds und Schopenhauers Vorstellungen vom Wesen der Geschlechtlichkeit, der Sexualität, des Todes keinesfalls identisch, noch lassen sich die seelischen Triebe, die für Freud das Unbewusste regieren, mit Schopenhauers Willensstrebungen zur Deckung bringen. Schopenhauers Todeskonzeption kann Freud gerade dort nicht teilen, wo der Philosoph hinduistisch inspiriert den Tod als Ruhe und Befreiung bringendes Ende verheißt, das zu ›unerschütterlicher Zuversicht und Heiterkeit‹ im Leben führt. Vielmehr macht Freud den (keineswegs heiteren) Widerstreit von Eros und Thanatos, von Lebens- und Todestrieb, geltend; wie ihr Kampf ausgeht, hängt für Freud auch von den kulturellen Bedingungen ab. Weit entfernt davon, todessehnsüchtige Erlösungswünsche zu hegen, ging es Freud darum, das Leben zu würdigen.«
Edith Seifert ist Psychoanalytikerin in Berlin und Privatdozentin an der Universität Innsbruck. Zuletzt erschien ihr Buch »Seele – Subjekt – Körper. Freud mit Lacan in Zeiten der Neurowissenschaft« (Psychosozial-Verlag, 2008).
»Allein der Name: Schopenhauer, Scho-pen-hauer, Schopen-hauer! Wie geschaffen für einen Dramatiker, man möchte am liebsten jede Figur auf dem Theater SCHOPENHAUER sagen lassen, so viel Rhythmus, so viel Tiefe schwingt da mit. Man müsste die Schauspieler am besten auch noch SCHOPENHAUER zitieren lassen! Es ist kein Zufall, dass seine Werke die Literatur des 20. Jahrhunderts tief geprägt haben. Thomas Bernhard! Thomas Mann und Franz Kafka, Karl Kraus und Michel Houellebecq. Und dies zeigt bereits, für welche Weltanschauungen Schopenhauer als Zeuge taugt: die der ästhetischen Befreiung, der labyrinthischen Sinnlosigkeit, des männlichen Hasses auf die Frauen und damit des eigenen Geschlechtstriebs. Das sind natürlich hochdramatische, epische Themen. Als Dramatiker geht es ja, wie in der Philosophie Schopenhauers, oft darum, die wahren Beweggründe unseres Handelns erahnen zu lassen. Und es gibt keine bessere Schule, den kranken Narzissmus unserer Zeit auszuloten, als Schopenhauer zu lesen. Und diese Aphorismen! ›Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft!‹ Das ist von Schopenhauer oder Schleiermacher oder Grillparzer, aber ich bin überzeugt, es sagte Schopenhauer! Proust musste nur diesen Satz lesen, um seine berühmte Figur Swann zu erfinden! Und Humor hat der Schopenhauer ja auch noch! Manchmal sitze ich auf meinem Vulkan in Lanzarote und lasse mir von Schopenhauer erklären, wie absolut sinnlos und ausweglos unsere Existenz doch ist …«
Moritz Rinke ist einer der meistgespielten Dramatiker Deutschlands. Sein Romandebüt »Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel« (Kiepenheuer & Witsch, 2010) war ein gefeierter Bestseller. In seinem aktuellen Theaterstück »Wir lieben und wissen nichts« thematisiert Rinke das moderne Paar.
»Empathie ist ohne Frage eine der herausragendsten menschlichen Fähigkeiten. Wie neuere Forschungen nahelegen, hat sie uns aus evolutionärer Sicht vermutlich erst zum Menschen gemacht. Empathie besteht darin, die Gefühle eines anderen Wesens zu verstehen und in ihrer jeweils subjektiven Relevanz bewerten zu können. Das klingt einfach, doch die Gefühle eines anderen zu verstehen bedeutet auch, sie selbst nachzuvollziehen und damit in einem gewissen Grade mitzuerleben. Wo liegt dann aber die Grenze zwischen meinen Gefühlen und Gedanken und denen eines anderen?
Eben hier liefert Schopenhauers Philosophie wesentliche Orientierungsmarken. Grundsätzlich hat kaum ein Denker die Fähigkeit zur Empathie – Schopenhauer spricht von Mitleid – in ihrer Relevanz so klar erkannt. Anders als fast alle Denker der vergangenen Jahrhunderte, insbesondere des deutschen Idealismus, maß er dem individuellen Ich und dessen Selbstbewusstsein keine systematisch tragende Bedeutung bei. Er geht im Gegenteil von einer Sichtweise aus, der gemäß das emotional wie verstandesmäßig isolierte Ich nichts als eine eitle Illusion darstellt. Damit steht Schopenhauer in sachlicher Nähe zu einer Reihe von aktuellen neurowissenschaftlichen Befunden, die aufzeigen, dass bei Menschen identische Hirnprozesse ablaufen, ganz egal, ob diese nun ein gewisses Gefühl selbst erleben oder aber beobachten, wie ein anderer Mensch dieses Gefühl erlebt. Einfacher gesagt: Empathie und Verstehen sind nicht nur möglich, sondern sogar neuronal vorgegeben. Was Schopenhauer den aktuellen Kognitionswissenschaften zu bieten hat, ist insbesondere der Gedanke, dass Empathie-Effekte nicht ständig auftreten, sondern einer gewissen Kontrolle und Steuerung unterliegen. Schopenhauer legt nahe, dass jedes Einreißen der ›Mauer zwischen Du und Ich‹ nur kurzzeitig und in konkreten Akten der Einfühlung stattfindet. Für Schopenhauer bildet dabei die Illusion des ›Ich‹, mit all seinen Interessen und Erlebnisformen (etwa dem Neid), eine Art Schalter oder auch Filter, der Mitleid kontrolliert und unterbindet. Die Frage, welchen Prozessen und Bedingungen diese Mitleidsselektion unterliegt – wann und weshalb wir uns in andere Wesen einfühlen und wann nicht –, ist derzeit eine Schlüsselfrage der Empathie-Forschung. Sie führt direkt zurück zu Schopenhauers Schriften.«
Fritz Breithaupt ist Professor für deutsche und vergleichende Literaturwissenschaft sowie affiliierter Professor für Kognitionswissenschaften an der Indiana University in Bloomington. Zuletzt erschienen von ihm »Kulturen der Empathie« (Suhrkamp, 2009) und »Kultur der Ausrede« (Suhrkamp, 2012).
Von Dieter Birnbacher
Schopenhauers Hauptwerk »Die Welt als Wille und Vorstellung« ist ein Kulminationspunkt des philosophischen Pessimismus – der Auffassung, mit der Schopenhauers Philosophie am häufigsten gekennzeichnet wird. »Pessimismus« bedeutet für Schopenhauer: Die Überzeugung der meisten Menschen, ihr Leben sei sinnvoll und überwiegend befriedigend, ist in Wahrheit eine Illusion. Vorurteilslos betrachtet, ist das Leben ein schlechtes Geschäft, bei dem die Kosten die Vorteile weit überwiegen. Auf den Erhalt dieser Illusion sind wir Schopenhauer zufolge allerdings angewiesen. Denn ohne die »Lebenslüge«, mit der wir uns einreden, dass alles, was uns an Leidvollem, Grausamem und Ungerechtem begegnet, letztlich doch einen irgendwie gearteten Sinn hat, würden wir aufgeben und darauf verzichten, uns fortzupflanzen. Statt die Tragödie von Generation zu Generation neu aufzuführen, würden wir sie möglicherweise ein für alle Mal beenden. Das wäre nicht im Sinne des hinter dem Unheilszusammenhang der Welt stehenden »Willens«.
»Wille«, so nennt Schopenhauer die treibende Kraft hinter dem, was uns in der »Vorstellung« (also der äußeren Welt) und in unserem eigenen Innern begegnet. Anders als die Benennung »Wille« nahelegt, ist dieser Wille allerdings kein ins Negative verkehrter Gott, sondern gänzlich unpersönlich. Wenn dieser »Wille« etwas will, dann nichts anderes als seine ewige Fortdauer. Er zeigt sich in unseren Triebregungen, unseren Gefühlen und Sehnsüchten, auch in unseren spontanen körperlichen Reaktionen. Ebendarin liegt das Unglück des Menschen. Unsere Triebwünsche finden niemals vollständige Befriedigung, gehen weit über das hinaus, was die Umstände des Lebens an Befriedigungsmöglichkeiten bieten. Deshalb sind für Schopenhauer Sehnsucht und Melancholie die Grundtöne des Lebens, nicht Glück und Lustgewinn. Die wesentliche Quelle des Leidens an der Welt, des »Weltschmerzes«, ist für Schopenhauer nicht körperlicher Schmerz, Sinnverlust oder Verzweiflung, sondern Frustration – also die Dissonanz zwischen der Unersättlichkeit unserer Bedürfnisse einerseits und deren beschränkten realen Erfüllungsmöglichkeiten andererseits. Solange der Wunsch unerfüllt, der Trieb unbefriedigt bleibt, leiden wir. Wird der Wunsch erfüllt, tritt sofortige Sättigung ein. Statt des erwarteten Glückszustands aber erleben wir ein Gefühl bloßer Gleichgültigkeit, bei länger dauernder Erfüllung auch Überdruss – allerdings nur so lange, bis sich der Wunsch erneuert und der Pendelschlag von Sehnsucht und Leere, Leidenschaft und Langeweile aufs Neue beginnt. Eine der Erscheinungsformen dieser Frustration ist Schopenhauer besonders wichtig: die Langeweile, die ihm aus dem Lebensalltag der wohlhabenden Schichten seiner Zeit vertraut war.
Schopenhauers »Welt als Wille und Vorstellung« ist das Werk eines 30-Jährigen, eines für das »Hauptwerk« eines Philosophen also ausgesprochen jugendlichen Alters. Diese Jugendlichkeit und Lebendigkeit des Philosophierens hat sich Schopenhauer zeitlebens erhalten. Sie zeigt sich in vielen Details seiner Philosophie, nicht zuletzt auch in dem folgenden Textauszug. Sie ist – bei aller Gelehrsamkeit – nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen geschrieben. Der »Wille«, der sie antreibt, zeigt sich in der Leidenschaftlichkeit ihrer Anklage, im rhetorischen Schwung ihrer Sprache, nicht zuletzt in Schopenhauers ausgeprägter Neigung zu Übertreibungen. Wie der Wille stets übers Ziel hinausschießt, schießt auch der philosophierende Schopenhauer gern über das hinaus, was sich nüchtern vertreten lässt. Was den jungen Nietzsche und andere an Schopenhauer begeisterte, war weniger das abstrakte Gedankengerüst als vielmehr die Anschaulichkeit und Konkretheit seines Denkens und Schreibens. Schopenhauers Auffassung von Philosophie ist, sich nicht in abstrakten Spekulationen über Gott und die Welt zu ergehen, sondern die konkrete und höchst persönliche Erfahrung des Menschen auf den Begriff zu bringen. Dabei ist das von Schopenhauer entworfene Bild zweifellos tendenziös. Nicht alle Menschen machen dieselben negativen Erfahrungen, die Schopenhauer ziemlich bedenkenlos verallgemeinert. Diesen Widerspruch kann Schopenhauer im vorliegenden Kapitel nicht ganz verleugnen. Denn gerade hier stellt er die These auf, dass es jedem Individuum mehr oder weniger in die Wiege gelegt ist, ob es »leichten« oder »schweren« Sinnes ist und eher zur Euphorie oder zur Melancholie neigt. In dem jeweiligen Individuum selbst und nicht in dem, was es in der Welt erfährt, liegen die Wurzeln von Glück und Unglück. Damit aber stellt Schopenhauer seine finstere Diagnose letztlich selbst in Frage. Wenn er höchstpersönlich die Welt als Jammertal sieht, warum soll sie jeder andere auch so sehen müssen?
Er gilt als der große Pessimist unter den Philosophen. Nach Arthur Schopenhauer (1788–1860) folgt unser Leben keinem höheren Sinn, wird der menschliche Geist in Wahrheit von tiernahen Gefühlen beherrscht, ist unsere Hilfsbereitschaft und Solidarität letztlich von Angst und Selbstverleugnung motiviert. Den einzigen Ausweg aus dem alltäglichen Leid verspricht die Erfahrung der Kunst.
Mit seiner Leitthese von einer ungerichteten Kraft, deren Wirken allem Seienden zugrunde liegt, stellte sich sein Hauptwerk »Die Welt als Wille und Vorstellung« klar gegen den damals führenden Idealismus von Hegel oder Fichte. Als Einzelgänger kämpfte Schopenhauer deshalb ein Leben lang vergeblich um akademische Anerkennung. Und doch: Friedrich Nietzsche preist ihn als großen »Erzieher«, Richard Wagners Opern sind von Schopenhauers Weltanschauung durchdrungen, auch Sigmund Freud nennt ihn als entscheidenden Lehrer. Bis heute weiß Schopenhauers unerschrockener Tiefsinn ganze Generationen von Lesern zu inspirieren.
Dieter Birnbacher ist emeritierter Professor für Praktische Philosophie mit den Forschungsschwerpunkten Ethik und Anthropologie an der Universität Düsseldorf. Er ist Mitglied verschiedener Ethikkommissionen und Vizepräsident der Schopenhauer-Gesellschaft in Frankfurt am Main. 2009 erschien sein einführendes Buch »Schopenhauer« (Reclam).
Ich nehme den Begriff der Lebensweisheit hier gänzlich im immanenten Sinne, nämlich in dem der Kunst, das Leben möglichst angenehm und glücklich durchzuführen, die Anleitung zu welcher auch Eudämonologie genannt werden könnte: sie wäre demnach die Anweisung zu einem glücklichen Daseyn. Dieses nun wieder ließe sich allenfalls definiren als ein solches, welches, rein objektiv betrachtet, oder vielmehr (da es hier auf ein subjektives Urtheil ankommt) bei kalter und reiflicher Ueberlegung, dem Nichtseyn entschieden vorzuziehn wäre. Aus diesem Begriff desselben folgt, daß wir daran hiengen, seiner selbst wegen, nicht aber bloß aus Furcht vor dem Tode; und hieraus wieder, daß wir es von endloser Dauer sehn möchten. Ob nun das menschliche Leben dem Begriff eines solchen Daseyns entspreche, oder auch nur entsprechen könne, ist eine Frage, welche bekanntlich meine Philosophie verneint; während die Eudämonologie die Bejahung derselben voraussetzt. Diese nämlich beruht eben auf dem angeborenen Irrthum, dessen Rüge das 49. Kapitel im 2. Bande meines Hauptwerks eröffnet. Um eine solche dennoch ausarbeiten zu können, habe ich daher gänzlich abgehn müssen von dem höheren, metaphysisch-ethischen Standpunkte, zu welchem meine eigentliche Philosophie hinleitet. Folglich beruht die ganze hier zu gebende Auseinandersetzung gewissermaaßen auf einer Ackommodation, sofern sie nämlich auf dem gewöhnlichen, empirischen Standpunkte bleibt und dessen Irrthum festhält. Demnach kann auch ihr Werth nur ein bedingter seyn, da selbst das Wort Eudämonologie nur ein Euphemismus ist – Ferner macht auch dieselbe keinen Anspruch auf Vollständigkeit; theils weil das Thema unerschöpflich ist; theils weil ich sonst das von Andern bereits Gesagte hätte wiederholen müssen.
Als in ähnlicher Absicht, wie gegenwärtige Aphorismen, abgefaßt, ist mir nur das sehr lesenswerthe Buch des Cardanusde utilitate ex adversis capienda [Vom Nutzen des Unglücks] erinnerlich, durch welches man also das hier Gegebene vervollständigen kann. Zwar hat auch Aristoteles dem 5. Kapitel des 1. Buches seiner Rhetorik eine kurze Eudämonologie eingeflochten: sie ist jedoch sehr nüchtern ausgefallen. Benutzt habe ich diese Vorgänger nicht; da Kompiliren nicht meine Sache ist; und um so weniger, als durch dasselbe die Einheit der Ansicht verloren geht, welche die Seele der Werke dieser Art ist. – Im Allgemeinen freilich haben die Weisen aller Zeiten immer das Selbe gesagt, und die Thoren, d.h. die unermeßliche Majorität aller Zeiten, haben immer das Selbe, nämlich das Gegentheil, gethan: und so wird es denn auch ferner bleiben. Darum sagt Voltaire: nous laisserons ce monde-ci aussi sot et aussi méchant que nous l’avons trouvé en y arrivant. [Wir werden diese Welt ebenso dumm und schlecht zurücklassen, wie wir sie bei unserer Ankunft vorgefunden haben.]
Aristoteles hat (Eth. Nicom. 1, 8) die Güter des menschlichen Lebens in drei Klassen getheilt, – die äußeren, die der Seele und die des Leibes. Hievon nun nichts, als die Dreizahl beibehaltend sage ich, daß was den Unterschied im Loose der Sterblichen begründet sich auf drei Grundbestimmungen zurückführen läßt. Sie sind:
1) Was Einer ist: also die Persönlichkeit, im weitesten Sinne. Sonach ist hierunter Gesundheit, Kraft, Schönheit, Temperament, moralischer Charakter, Intelligenz und Ausbildung derselben begriffen.
2) Was Einer hat: also Eigenthum und Besitz in jeglichem Sinne.
3) Was Einer vorstellt: unter diesem Ausdruck wird bekanntlich verstanden, was er in der Vorstellung Anderer ist, also eigentlich wie er von ihnen vorgestellt wird. Es besteht demnach in ihrer Meinung von ihm, und zerfällt in Ehre, Rang und Ruhm.
Die unter der ersten Rubrik zu betrachtenden Unterschiede sind solche, welche die Natur selbst zwischen Menschen gesetzt hat; woraus sich schon abnehmen läßt, daß der Einfluß derselben auf ihr Glück, oder Unglück, viel wesentlicher und durchgreifender seyn werde, als was die bloß aus menschlichen Bestimmungen hervorgehenden, unter den zwei folgenden Rubriken angegebenen Verschiedenheiten herbeiführen. Zu den ächten persönlichen Vorzügen, dem großen Geiste, oder großen Herzen, verhalten sich alle Vorzüge des Ranges, der Geburt, selbst der königlichen, des Reichthums u.dgl. wie die Theater-Könige zu den wirklichen. Schon Metrodorus, der erste Schüler Epikurs, hat ein Kapitel überschrieben: περι του μειζονα ειναι την παρ’ ήμας αιτιαν προς ευδαιμονιαν της εκ των πραγματων. (Majorem esse causam ad felicitatem eam, quae est ex nobis, eâ, quae ex rebus oritur [Darüber, daß die aus uns selbst kommende Ursache der Glückseligkeit größer ist als die, welche von den Dingen her kommt.] – Vgl. Clemens Alex. Strom. II, 21, p. 362 der Würzburger Ausgabe der opp. polem.) Und allerdings ist für das Wohlseyn des Menschen, ja, für die ganze Weise seines Daseyns, die Hauptsache offenbar Das, was in ihm selbst besteht, oder vorgeht. Hier nämlich liegt unmittelbar sein inneres Behagen, oder Unbehagen, als welches zunächst das Resultat seines Empfindens, Wollens und Denkens ist; während alles außerhalb Gelegene doch nur mittelbar darauf Einfluß hat. Daher afficiren die selben äußern Vorgänge, oder Verhältnisse, Jeden ganz anders, und bei gleicher Umgebung lebt doch Jeder in einer andern Welt. Denn nur mit seinen eigenen Vorstellungen, Gefühlen und Willensbewegungen hat er es unmittelbar zu thun: die Außendinge haben nur, sofern sie diese veranlassen, Einfluß auf ihn. Die Welt, in der Jeder lebt, hängt zunächst ab von seiner Auffassung derselben, richtet sich daher nach der Verschiedenheit der Köpfe: dieser gemäß wird sie arm, schaal und flach, oder reich, interessant und bedeutungsvoll ausfallen. Während z.B. Mancher den Andern beneidet um die interessanten Begebenheiten, die ihm in seinem Leben aufgestoßen sind, sollte er ihn vielmehr um die Auffassungsgabe beneiden, welche jenen Begebenheiten die Bedeutsamkeit verlieh, die sie in seiner Beschreibung haben: denn die selbe Begebenheit, welche in einem geistreichen Kopfe sich so interessant darstellt, würde, von einem flachen Alltagskopf aufgefaßt, auch nur eine schaale Scene aus der Alltagswelt seyn. Im höchsten Grade zeigt sich Dies bei manchen Gedichten Goethes und Byron’s, denen offenbar reale Vorgänge zum Grunde liegen: ein thörichter Leser ist im Stande dabei den Dichter um die allerliebste Begebenheit zu beneiden, statt um die mächtige Phantasie, welche aus einem ziemlich alltäglichen Vorfall etwas so Großes und Schönes zu machen fähig war. Desgleichen sieht der Melancholikus eine Trauerspielscene, wo der Sanguinikus nur einen interessanten Konflikt und der Phlegmatikus etwas Unbedeutendes vor sich hat. Dies Alles beruht darauf, daß jede Wirklichkeit, d.h. jede erfüllte Gegenwart, aus zwei Hälften besteht, dem Subjekt und dem Objekt, wiewohl in so nothwendiger und enger Verbindung, wie Oxygen und Hydrogen im Wasser. Bei völlig gleicher objektiver Hälfte, aber verschiedener subjektiver, ist daher, so gut wie im umgekehrten Fall, die gegenwärtige Wirklichkeit eine ganz andere: die schönste und beste objektive Hälfte bei stumpfer, schlechter subjektiver, giebt doch nur eine schlechte Wirklichkeit und Gegenwart; gleich einer schönen Gegend in schlechtem Wetter, oder im Reflex einer schlechten Camera obscura [Lochkamera]. Oder planer zu reden: Jeder steckt in seinem Bewußtseyn, wie in seiner Haut, und lebt unmittelbar nur in demselben: daher ist ihm von außen nicht sehr zu helfen. Auf der Bühne spielt Einer den Fürsten, ein Anderer den Rath, ein Dritter den Diener, oder den Soldaten, oder den General u.s.f. Aber diese Unterschiede sind bloß im Aeußern vorhanden: im Innern, als Kern einer solchen Erscheinung, steckt bei Allen das Selbe: ein armer Komödiant, mit seiner Plage und Noth. Im Leben ist es auch so: Die Unterschiede des Ranges und Reichthums geben Jedem seine Rolle zu spielen; aber keineswegs entspricht dieser eine innere Verschiedenheit des Glücks und Behagens; sondern auch hier steckt in Jedem der selbe arme Tropf, mit seiner Noth und Plage, die wohl dem Stoffe nach bei Jedem eine andere ist, aber der Form, d.h. dem eigentlichen Wesen nach, so ziemlich bei Allen die selbe; wenn auch mit Unterschieden des Grades, die sich aber keineswegs nach Stand und Reichthum, d.h. nach der Rolle richten. Weil nämlich Alles, was für den Menschen daist und vorgeht, unmittelbar immer nur in seinem Bewußtseyn daist und für dieses vorgeht; so ist offenbar die Beschaffenheit des Bewußtseyns selbst das zunächst Wesentliche, und auf dieselbe kommt, in den meisten Fällen, mehr an, als auf die Gestalten, die darin sich darstellen. Alle Pracht und Genüsse, abgespiegelt im dumpfen Bewußtseyn eines Tropfs, sind sehr arm, gegen das Bewußtseyn des Cervantes, als er in einem unbequemen Gefängnisse den Don Quijote schrieb. – Die objektive Hälfte der Gegenwart und Wirklichkeit steht in der Hand des Schicksals und ist demnach veränderlich: die subjektive sind wir selbst: daher sie im Wesentlichen unveränderlich ist. Demgemäß trägt das Leben jedes Menschen, trotz aller Abwechselung von außen, durchgängig den selben Charakter und ist einer Reihe Variationen auf ein Thema zu vergleichen. Aus seiner Individualität kann Keiner heraus. Und wie das Thier, unter allen Verhältnissen, in die man es setzt, auf den engen Kreis beschränkt bleibt, den die Natur seinem Wesen unwiderruflich gezogen hat, weshalb z.B. unsere Bestrebungen, ein geliebtes Thier zu beglücken, eben wegen jener Gränzen seines Wesens und Bewußtseyns, stets innerhalb enger Schranken sich halten müssen; – so ist es auch mit dem Menschen: durch seine Individualität ist das Maaß seines möglichen Glückes zum Voraus bestimmt. Besonders haben die Schranken seiner Geisteskräfte seine Fähigkeit für erhöhten Genuß ein für alle Mal festgestellt. (Vgl. W. a. W. u. V. Bd. 2, S. 73.) Sind sie eng, so werden alle Bemühungen von außen, Alles was Menschen, Alles was das Glück für ihn thut, nicht vermögen, ihn über das Maaß des gewöhnlichen, halb thierischen Menschenglücks und Behagens hinaus zu führen: auf Sinnengenuß, trauliches und heiteres Familienleben, niedrige Geselligkeit und vulgären Zeitvertreib bleibt er angewiesen: sogar die Bildung vermag im Ganzen, zur Erweiterung jenes Kreises, nicht gar viel, wenn gleich etwas. Denn die höchsten, die mannigfaltigsten und die anhaltendesten Genüsse sind die geistigen; wie sehr auch wir, in der Jugend, uns darüber täuschen mögen; diese aber hängen hauptsächlich von der angeborenen Kraft ab. – Hieraus also ist klar, wie sehr unser Glück abhängt von Dem, was wir sind, von unserer Individualität; während man meistens nur unser Schicksal, nur Das, was wir haben, oder was wir vorstellen, in Anschlag bringt. Das Schicksal aber kann sich bessern: zudem wird man, bei innerm Reichthum, von ihm nicht viel verlangen: hingegen ein Tropf bleibt ein Tropf, ein stumpfer Klotz ein stumpfer Klotz, bis an sein Ende, und wäre er im Paradiese und von Huris [schönen Mädchen] umgeben. Deshalb sagt Goethe:
Volk und Knecht und Ueberwinder,
Sie gestehn, zu jeder Zeit,
Höchstes Glück der Erdenkinder
Sei nur die Persönlichkeit.
W.O. Divan [Buch Suleika].
Daß für unser Glück und unsern Genuß das Subjektive ungleich wesentlicher, als das Objektive sei, bestätigt sich in Allem: von Dem an, daß Hunger der beste Koch ist und der Greis die Göttin des Jünglings gleichgültig ansieht, bis hinauf zum Leben des Genies und des Heiligen. Besonders überwiegt die Gesundheit alle äußern Güter so sehr, daß wahrlich ein gesunder Bettler glücklicher ist, als ein kranker König. Ein aus vollkommener Gesundheit und glücklicher Organisation hervorgehendes, ruhiges und heiteres Temperament, ein klarer, lebhafter, eindringender und richtig fassender Verstand, ein gemäßigter, sanfter Wille und demnach ein gutes Gewissen, Dies sind Vorzüge, die kein Rang oder Reichthum ersetzen kann. Denn was Einer für sich selbst ist, was ihn in die Einsamkeit begleitet und was Keiner ihm geben, oder nehmen kann, ist offenbar für ihn wesentlicher, als Alles, was er besitzen, oder auch was er in den Augen Anderer seyn mag. Ein geistreicher Mensch hat, in gänzlicher Einsamkeit, an seinen eigenen Gedanken und Phantasien vortreffliche Unterhaltung, während von einem Stumpfen die fortwährende Abwechselung von Gesellschaften, Schauspielen, Ausfahrten und Lustbarkeiten, die marternde Langeweile nicht abzuwehren vermag. Ein guter, gemäßigter, sanfter Charakter kann unter dürftigen Umständen zufrieden seyn; während ein begehrlicher, neidischer und böser es bei allem Reichthum nicht ist. Nun aber gar Dem, welcher beständig den Genuß einer außerordentlichen, geistig eminenten Individualität hat, sind die meisten der allgemein angestrebten Genüsse ganz überflüssig, ja, nur störend und lästig. Daher sagt Horaz von sich:
Gemmas, marmor, ebur, Tyrrhena sigilla, tabellas,
Argentum, vestes Gaetulo murice tinctas,
Sunt qui non habeant, est qui non curat habere;
[Elfenbein, Marmor, Geschmeide, tyrrhenische Statuen, Bilder,
Silbergerät und Gewänder, gefärbt mit gätulischem Purpur,
Viele entbehren dergleichen, doch einer begehrt sie durchaus nicht.
Epist., II, 2, 180.]
und Sokrates sagte, beim Anblick zum Verkauf ausgelegter Luxusartikel: »Wie Vieles giebt es doch, was ich nicht nöthig habe.«
Für unser Lebensglück ist demnach Das, was wir sind, die Persönlichkeit, durchaus das Erste und Wesentlichste; – schon weil sie beständig und unter allen Umständen wirksam ist: zudem aber ist sie nicht, wie die Güter der zwei andern Rubriken, dem Schicksal unterworfen, und kann uns nicht entrissen werden. Ihr Werth kann insofern ein absoluter heißen, im Gegensatz des bloß relativen der beiden andern. Hieraus nun folgt, daß dem Menschen von außen viel weniger beizukommen ist, als man wohl meint. Bloß die allgewaltige Zeit übt auch hier ihr Recht: ihr unterliegen allmälig die körperlichen und die geistigen Vorzüge: der moralische Charakter allein bleibt auch ihr unzugänglich. In dieser Hinsicht hätten denn freilich die Güter der zwei letztern Rubriken, als welche die Zeit unmittelbar nicht raubt, vor denen der ersten einen Vorzug. Einen zweiten könnte man darin finden, daß sie, als im Objektiven gelegen, ihrer Natur nach, erreichbar sind und Jedem wenigstens die Möglichkeit vorliegt, in ihren Besitz zu gelangen; während hingegen das Subjektive gar nicht in unsere Macht gegeben ist, sondern, jure divino [nach göttlichem Recht] eingetreten, für das ganze Leben unveränderlich fest steht; so daß hier unerbittlich der Ausspruch gilt:
Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen,
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt du seyn, dir kannst du nicht entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.
Goethe [»Urworte, Orphisch«].
Das Einzige, was in dieser Hinsicht in unserer Macht steht, ist, daß wir die gegebene Persönlichkeit zum möglichsten Vortheile benutzen, demnach nur die ihr entsprechenden Bestrebungen verfolgen und uns um die Art von Ausbildung bemühen, die ihr gerade angemessen ist, jede andere aber meiden, folglich den Stand, die Beschäftigung, die Lebensweise wählen, welche zu ihr passen.
