Außerschulische motopädagogische Angebote für Kinder - Gabriele Tichy - E-Book

Außerschulische motopädagogische Angebote für Kinder E-Book

Gabriele Tichy

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Beschreibung

Magisterarbeit aus dem Jahr 2009 im Fachbereich Didaktik - Sport, Sportpädagogik, Note: Gut, Universität Wien (Institut für Sportwissenschaften), Sprache: Deutsch, Abstract: Motopädagogik, Was ist das? Ein neues Wundermittel, dessen Wirkung von motorischen Unzulänglichkeiten, über Konzentrationsschwächen bis hin zu sozialem Fehlverhalten alles verbessern und positiv beeinflussen kann? In der vorliegenden Arbeit wurden sowohl theoretischen Grundlagen motopädagogischer Interventionen dargelegt, als auch eine empirische Untersuchung durchgeführt. Die Idee dieser Arbeit war die Unterschiede betreffend Leiterinnen von motopädagogischen Angeboten und Mütter, deren Kinder daran teilnehmen hinsichtlich deren Ziele, Wünsche und Erwartungen zu untersuchen. Im ersten Teil der Arbeit wurden die Basisbegriffe der Psychomotorik erläutert und dann die historische Entwicklung der Motopädagogik betrachtet. Im Anschluss daran wurden die verschiedene theoretischen Ansätze und Konzeptionen beschrieben und an konkreten Beispielen der einzelnen Konzeptionen diskutiert. Den Grundlagen und Prinzipien motopädagogischer Arbeit mit Kindern wurden in einem weiteren Kapitel Aufmerksamkeit geschenkt. Im empirischen Teil der Arbeit wurde mit Hilde qualitativer Interviews acht Befragungen durchgeführt. Es wurden drei Leiterinnen von motopädagogischen Angeboten zum Thema „Außerschulische motopädagogische Angebote Ziele, Wünsche und Erwartungen von Eltern und KursleiterInnen“ befragt. Ein Kurs findet in Klosterneuburg und zwei in Wien statt. Außerdem wurden fünf Mütter, drei aus Klosterneuburg und zwei aus Wien, interviewt. Die Ergebnisse der Analyse waren durchaus überraschend. So stellte sich heraus, dass die Erwartungen der befragten Mütter bei weitem nicht so hoch sind, wie die Leiterinnen behaupten. In Hinblick auf die Hintergründe war festzustellen, dass alle drei Leiterinnen kein fundiertes Wissen über die theoretischen Grundlagen der Motopädagogik haben und ihre Stunden nach persönlichem Gutdünken gestalten. Bei den Müttern war dieser Befund nicht weiter überraschend. Es bestätigte sich die Vermutung, dass den Müttern wenig bis kein Grundlagenwissen zur Verfügung steht. Interessanterweise verlangten diese aber auch nicht nach mehr Aufklärung. Als Grundlegendes Problem in der Beziehung zwischen Leiterinnen und Müttern konnten die verschiedenen Kommunikationsformen und der mangelnde Informationsfluss von beiden Seiten entlarvt werden. Eine Schlussfolgerung daraus ist, dass Forschung in Hinblick auf Marketingstrategien und gelungenen Verständigungswegen im Bereich motopädagogische Angebote dringend Not tut.

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Veröffentlichungsjahr: 2009

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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung.
2. Begriffsabgrenzung
2.1. Psychomotorik
2.2. Motologie- Etablierung der Psychomotorik als Wissenschaftsgebiet
2.3. Motopädagogik
2.4. Mototherapie.
2.5. Motodiagnostik
3. Entstehung der Motopädagogik.
4. Psychomotorische Strömungen im Wandel der Zeit
4.1. Defizitorientierte Ansätze.
4.1.1. Psychomotorische Übungsbehandlung (PMÜ)
4.1.2. Sensorische Integrationstherapie nach Jean Ayres
4.2. Fähigkeits- oder kompetenzorientierte Ansätze
4.2.1. Kognitivistische Entwicklungstheorie nach Piaget
4.2.2. Gestaltkreis von Weizsäcker
4.2.3. Handlungsorientierter Ansatz
4.2.4. Kindzentrierte psychomotorische Entwicklungsförderung
4.3. Sinnverstehend- dialogische Ansätze.
4.4. Ökologisch- systemischer Ansatz.
4.5. Prinzip der Salutogenese in der Psychomotorik
5. Grundlagen für die motopädagogische Arbeit mit Kindern.
5.1. Soziologische Grundlagen.
5.2. Bedeutung und Aspekte von Bewegung.
5.3. Prinzipien der Motopädagogik
5.4. Inhalte und Ziele motopädagogischer Erziehung und Förderung.
5.4.1. Qualifikationen im Wahrnehmungsbereich
5.4.2. Qualifikationen im Bewegungsbereich.
5.4.3. Qualifikation im emotional- sozialen Bereich
6. Anwendungsgebiete der Motopädagogik
6.1. Motorische Frühförderung im Kleinkindalter
6.2. Psychomotorik als Erziehungsprinzip im Kindergarten.
6.3. Psychomotorische Förderung im Unterricht
6.4. Psychomotorik in der Kinder- und Jugendhilfe
7. Evaluierung der Effekte psychomotorischer Förderung
8. Untersuchung
8.1. Methodenwahl
8.2. Durchführung
8.3. Auswertung.
8.4. Kategoriesystem
8.5. Auswertung und Interpretation der Kategorien
8.5.1. Auswertung der Kategorien der Interviews mit den Leiterinnen
8.5.2. Auswertung der Kategorien der Interviews mit den Müttern
8.6. Vergleich der Ergebnisse.
9. Zusammenfassung und Ausblick.
10. Literaturverzeichnis
11. Verzeichnis der Quellen aus dem Internet
12. Abbildungs- und Tabellenverzeichnis.
13. Anhang
13.1. Abstract (Deutsch)
13.2. Abstract (English)
13.3. Interviewtranskripte
13.3.1. Interview P1
13.3.2. Interview E1
13.3.3. Interview E2
13.3.4. Interview E3
13.3.5. Interview P2
13.3.6. Interview P3
13.3.7. Interview E4
13.3.8. Interview E5
13.4. Interviewleitfaden (Eltern)
13.5. Interviewleitfaden (Leiterinnen)

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1. Einleitung

In einer Zeit, in der es für alles Normen, Regeln und Vorschriften gibt, wird auch die kindliche Entwicklung immer mehr in Abschnitte und Phasen eingeteilt, die ein Kind zu einem genormten Zeitpunkt erreicht und absolviert haben sollte um nicht als „Nachzügler“ oder „entwicklungsverzögert“ bezeichnet zu werden. (vgl. Zimmer, 2006) Gelingt es einem jungen Menschen nicht diesen Normen zu entsprechen wird er oder sie einem Programm unterzogen, welches die Normalität wieder herstellen soll. Neben Psychotherapie für mentale Probleme und Auffälligkeiten, sowie Heilgymnastik und Haltungsturnen für körperliche Auffälligkeiten gibt es seit 1993 in Österreich eine neue Strömung die Entwicklung von Kinder positiv zu beeinflussen.

Motopädagogik- Was ist das? Ein neues Wundermittel, dessen Wirkung von motorischen Unzulänglichkeiten, über Konzentrationsschwächen bis hin zu sozialem Fehlverhalten alles verbessern und positiv beeinflussen kann?

Im Rahmen meiner Ausbildung zur Motopädagogin wurde mir bewusst, dass im Curriculum „Psychomotorische Basisqualifikation Motopädagogik“ zwar Anleitungen zur praktischen Umsetzung vermittelt werden, theoretische wissenschaftliche Hintergrundinformationen sowie Motivationen und Gedanken der Beteiligten weitgehend ausgespart werden. Beobachtungen bei meinen beruflichen Tätigkeiten im Bereich Sport und Bewegung zeigten mir immer wieder, dass Eltern aufgrund missverständlicher Annahmen teilweise überzogene Erwartungen an ein Angebot haben. Daher weiß ich, dass daraus oftmals ein Spannungsverhältnis zwischen Eltern und Leiterin entstehen kann, welches sich wiederum auf die Kinder und das Arbeitsklima auswirkt. Ich kenne die Diskrepanz zwischen „Kunden“ und „Anbieter“ also sozusagen aus nächster Nähe.

Diese Diplomarbeit beschäftigt sich daher mit der Frage, ob sich Ziele, Wünsche und Erwartungen von Eltern und KursleiterInnen im Bezug auf außerschulische motopädagogische Angebote miteinander vereinbaren lassen.

Ziel dieser Diplomarbeit ist es, Erwartungen und mögliche Mythen im Bereich motopädagogischer Angebote außerhalb der Schule zu erfassen, diese zu bearbeiten und so Grundlagen für eine bessere Zusammenarbeit zwischen Eltern und LeiterInnen im außerschulischen Bereich zu schaffen sowie auf mögliche Probleme und Verbesserungsmöglichkeiten bei motopädagogischen Angeboten aufmerksam zu machen.

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Die Arbeit gliedert sich in zwei Abschnitte. Im ersten Teil werden die theoretischen Grundlagen der Motopädagogik zusammengefasst. Zu Beginn werden die notwendigen Begriffe abgegrenzt (Kapitel 2). Nach der Entstehungsgeschichte der Motopädagogik (Kapitel 3) werden die einzelnen Strömungen der Psychomotorik beschrieben und in eine zeitliche Abfolge gebracht (Kapitel 4). Im Anschluss werden die Grundlagen für motopädagogische Arbeit (Kapitel 5) vorgestellt. In diesem Kapitel werden soziologische Aspekte, die Bedeutung von Bewegung, Prinzipien der Motopädagogik sowie deren Inhalte und Ziele vorgestellt. Im Anschluss daran werden die möglichen Anwendungsgebiete von Motopädagogik aufgezählt und beschrieben (Kapitel 6). Zum Schluss des theoretischen ersten Teils werden Evaluierungsmöglichkeiten für motopädagogische Interventionen vorgestellt. (Kapitel 7).

Der zweite, empirische Teil der Arbeit beschreibt zunächst die Untersuchungsmethode der vorliegenden Diplomarbeit und diskutiert die Probleme und Möglichkeiten des gewählten Verfahrens (Kapitel 8). In diesem Abschnitt werden außerdem die ersten Auswertungsschritte des Materials vorgenommen. Die Zusammenfassung und der Ausblick auf neue Forschungsgebiete (Kapitel 9) bilden den Abschluss der Arbeit.

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2. Begriffsabgrenzung

Es gibt für die Begriffe Psychomotorik und Motopädagogik keine Definitionen, die in einem Lexikon nachlesbar sind. Die Bedeutung dieser Begriffe veränderte sich immer wieder im Laufe ihrer Entstehungsgeschichte. So wurden immer wieder neue Richtungen und Teilgebiete der ursprünglichen Definition von Psychomotorik entwickelt. Diese Strömungen umfassen therapeutische, sowie pädagogische Bereiche. Aus diesem Grund scheitern Strukturierungsversuche immer wieder und stiften mehr Verwirrung als sie Klarheit bringen (Zimmer, 2006, S. 14). Im folgenden Abschnitt werden die Fachbegriffe aus dem Bereich Psychomotorik umrissen und ihre, für diese Diplomarbeit relevante, Bedeutung beschrieben. Teilweise fließen zum besseren Verständnis geschichtliche Aspekte mit ein.

2.1. Psychomotorik

Nach Fischer (2001) ist Psychomotorik in weites Feld, das sich nur schwer eingrenzen lässt. Sie ist auf der einen Seite Ausdruck einer Lebensphilosophie und setzt sich aus den sich gegenseitig bedingenden Begriffen Psyche (das Nicht- Greifbare wie Geist, Seele, Gefühl und Verstand) und Motorik (Einheit von Bewegung und Wahrnehmung) zusammen. Hinweise auf ein Wissenschaftsgebiet Psychomotorik gibt es bereits um die Jahrhundertwende in Frankreich (vergleiche Kapitel 3). Der Begriff Psychomotorik wird auf Ernst J. Kiphard zurückgeführt, auf den die elementaren Grundlagen zurückgehen und er daher als „Gründervater“ dieser Disziplin bezeichnet wird. Unter dem Begriff Psychomotorik versteht Kiphard die Untersuchungen von gefühlsmäßigen Stellungnahmen und Handlungen. Er beschreibt sie als Erweiterung der Sensomotorik um die Dimension der Psyche. Sensomotorik bedeutet für Kiphard die funktionelle Einheit von Wahrnehmung und Bewegung. In der psychomotorischen Praxis geht es vor allem um das Schaffen von lustvollen Übungssituationen für die Kinder (Kiphard, 2001). Zimmer (2006) beschreibt den Begriff „Psychomotorik unter drei verschiedenen Gesichtspunkten:

- Als bestimmten Arbeitsbereich experimenteller psychologischer

Wahrnehmungsforschung. Dieser Teilbereich findet heute vor allem in der Psychologie Anwendung (Erforschung der Antriebs und Steuerungskräfte für motorisches Handeln)

- Als Einheit von körperlich- motorischen und psychisch- geistigen Prozessen. Gemeint ist, dass Bewegung ohne Beteiligung von psychischen Prozessen nicht stattfinden kann, weswegen Psychomotorik auch als Ausdrucksmedium für Befindlichkeiten verstanden wird.

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- Als Bezeichnung für ein pädagogisch- therapeutisches Konzept, dessen Ziel es ist positiv auf die psychische Befindlichkeit eins Kindes zu wirken um dessen Gesamtentwicklung zu unterstützen.

Bereits diese vier verschiedenen Abgrenzungsversuche verdeutlichen, dass die Bedeutung von Psychomotorik im Laufe der Zeit immer wieder Wandlungen unterworfen war und der Begriff Psychomotorik deswegen schwer abzugrenzen ist. In dieser Arbeit wird Psychomotorik als Bezeichnung für den Zusammenhang von Psychischem, Geistigen, und körperlich motorischen Handeln sowie als Bezeichnung für ein therapeutisches beziehungsweise pädagogisches Konzept verwendet.

2.2. Motologie- Etablierung der Psychomotorik als Wissenschaftsgebiet

Lange Zeit galt das Wissen um die Inhalte der Psychomotorik als Meisterlehre1. Man bezog sich im Rahmen motopädagogischer Angebote auf den Meister E.J. Kiphard. Erst im Jahr 1976 schaffte Friedhelm Schilling eine wissenschaftliche Grundlage für eine universitäre Ausbildung im Fach Motologie2. Zu diesem Studiengang sagte Schilling damals:

„Das Fachgebiet Motologie beschäftigt sich mit der „Lehre von der Motorik“ als Grundlage der Handlungs-

und Kommunikationsfähigkeit der Menschen, ihrer Entwicklung, ihrer Störungen und deren Behandlungen.

(Schilling, 1981, S. 187 in Fischer, 2004 S. 18)

Unabhängig von der universitären Entwicklung beschreibt Seewald (2007) drei Gründe, warum es für die Entwicklung der Psychomotorik wichtig war den Schritt von der Meisterlehre zur Wissenschaftstheorie, also zur Motologie, zu machen.

- Zur theoretische Begründung der Erfolge der psychomotorischen Übungsbehandlung nach Kiphard, mit Hilfe der Legitimationskraft der Wissenschaft (siehe auch. Kapitel 8, Evaluierung).

- Zur Strukturierung der Übungsbehandlung und Lehrbarkeit unabhängig von Kiphard.

- Um spezielle Konzepte der Diagnostik und Förderung/ Therapie zu schaffen und die psychomotorische Übungsbehandlung im klinischen und förderpädagogischen mit anderen Verfahren zu emanzipieren.

1Unter Meisterlehre versteht man Wissen, dass an eine Person geknüpft ist und auch nur von dieser Person vermittelt werden kann (Schilling, 1981 in Fischer, 1996)).

2Motologie: Bezeichnung für eine Persönlichkeitsorientierte Wissenschaft deren Gegenstand die menschliche Motorik als Funktionseinheit von Wehnehmen, Erleben, Denken und Handeln ist. Teilgebiete der Motologie sind Bewegungsentwicklung (Motogenese), Bewegungsstörung (Motopathologie) Bewegungsdiagnostik

(Motodoagnostik) und Bewegungstherapie (Mototherapie) (Kiphard, 1992a). (vgl. Abb. 1)

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Unter dem Begriff Motologie ist eine entwicklungstheoriegeleitete Handlungswissenschaft zu verstehen (Fischer, 1996, S.7). Sie beschäftigt sich vor allem mit einem Förderkonzept der Persönlichkeitsentwicklung durch Bewegungsaktivitäten. Ihre Wissenschaftlichkeit bezieht die Motologie aus der Integration verschiedener humanwissenschsftlicher Theoriestränge, wodurch sie zur metatheoretischen Wissenschaft wird und theoretische sowie explizite und methodologisch gestützte Erkenntnisse vereint. Motologie versteht sich als Wissenschaft hinter der Psychomotorik und dient als Grundlage zur Durchführung und Weiterentwicklung der Anwendungsgebiete (Fischer, 1996) (vgl. Abbildung 1).

Inhalt der wissenschaftlichen Forschung ist die Entschlüsselung des komplexen Gefüges zwischen Mensch, Bewegung, seiner körperlichen Räumlichkeit3und seiner materiellen sowie sozialen Umwelt.

Kiphard (2001) versteht die Motologie als Pendant zur Psychologie. Psychologie beschäftigt sich mit seelischen Vorgängen, während die Motologie die Lehre der menschlichen Bewegung ist.

Abbildung 1:Verhältnis der einzelnen Bereiche (Anwendungsgebiete) der Motologie untereinander (Schilling 1981 in Fischer , 1996)

Motologie ist das Wissenschaftsgebiet, das sich mit der Persönlichkeitsentwicklung des Menschen in Zusammenhang mit körperlicher Bewegung beschäftigt. In der Motologie wird Bewegung als Grundlage der menschlichen Entwicklung, egal ob bei Kindern oder bei Senioren verstanden. Daraus ist zu schlussfolgern, dass es notwendig ist durch ein gezieltes

3Die Bewegung des Menschen im Raum sowie seine körperliche Ausdehnung

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und breit gefächertes Bewegungsangebot auftretenden Störungen, die aufgrund eingeschränkter Bewegungsmöglichkeiten in unserer heutigen Zeit auftreten entgegen zu wirken (Eisenburger, 2003).

Zu Beginn der Verwissenschaftlichung waren Motopädagogik und Mototherapie schwer voneinander abgrenzbar. Elemente der Pädagogik fanden sich in der Mototherapie, während sich die Motopädagogik, immer wieder therapeutischer Inhalte bediente. (Fischer, 2004a). In den 1980er Jahren wurde eine klare Trennlinie zwischen den beiden Anwendungen gezogen. Definitionen und Indikationen für Motopädagogik als auch Mototherapie wurden geschaffen und festgelegt, da vor allem die Mototherapie „Verordnungsfähigkeit“4erlangen wollte (Fischer, 2004a).

2.3. Motopädagogik

Kiphard definierte Motopädagogik als, aus der psychomotorischen Erziehung hergeleitete kindzentrierte und erlebnisorientierte Form der Bewegungserziehung. Wahrnehmungs- und Bewegungslernprozesse dienen der Persönlichkeitserziehung gesunder und behinderter Kinder. Motopädagogik ist nach Kiphard (1992b) als Handlungserziehung zur optimalen Umweltanpassung und Umweltveränderung zu verstehen (Kiphard, 1992). Der Begriff Motopädagogik entstand im Rahmen der Verwissenschaftlichung und Professionalisierung5der Meisterlehre Psychomotorik. Schilling definiert 1986 Motopädagogik als ganzheitlich orientiertes Konzept der Erziehung durch Wahrnehmung, Erleben und Bewegung (Fischer, 2004a). Der Begriff Motopädagogik schien zunächst den Begriff Psychomotorik zu ersetzen. Heute werden beide Begriffe gleichrangig, aber nicht immer gleich bedeutend verwendet (Zimmer, 2006). Wenn der Begriff Motopädagogik nicht synonym für Psychomotorik verwendet wird, bezeichnet er ein ganzheitliches, entwicklungsorientiertes Persönlichkeitsentwicklungskonzept (Krus, 20076). Motopädagogik hat sich dem Konzept „Erziehung durch Bewegung“ verschrieben und grenzt sich in diesem Punkt ganz deutlich von sportpädagogischen Intentionen ab, die dem Paradigma „Erziehung zur Bewegung“ nachstreben (Fischer, 1996). Motopädagogik grenzt sich außerdem wesentlich durch den Bezug auf „Entwicklung“ von Sportpädagogik ab.

4Unter „Verordnungsfähigkeit“ wird hier die medizinisch indizierte Anwendung von Mototherapie sowie Anerkennung und Finanzierung durch die Krankenkasse verstanden.

5Professionalisierung: Ist der Vorgang, aufgrund dessen bestimmte Tätigkeiten zu „professions“ erklärt, werden. Als „professions“ werden Berufe bezeichnet, die spezifisch, systematisierte, meist als wissenschaftlich ausgewiesene Kenntnisse erfordern. Der Erwerb dieser Kenntnisse dient zur Legiimation für die Anerkennung ihres Besitzers als funktionale Autorität (Macht) und wird von speziellen, dazu ermächtigten Einrichtungen bescheinigt. Dieser Vorgang der Zuschreibung von Professionalisierung ist als Resultat eines Interaktions- und Defintionsprozesses von an einer solchen Zuschreibung interessierten bzw. von ihr betroffenen Gruppe aufzufassen (Hammerich, 1992)

6Krus, A. (2007).Basisqualifikation Motopädagogik.Zugriff am 22. 07. 2007 unter: www.psychomotrik.com /index.php?m=akp&page=start Stand 13.11.2007

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Von motopädagogischer/ psychomotorischer Erziehung spricht man, wenn es um die Förderung und Unterstützung von normal entwickelten Kindern geht, wohingegen die Interventionen bei entwicklungsverzögerten oder beeinträchtigten Kindern als motopädagogische/ psychomotorische Förderung bezeichnet werden (Pinter- Theiss, 1997). Die Akademie für Motopädie und Mototherapie im Aktionskreis Psychomotorik e. V. (vormals: Aktionskreis Motopädagogik) in Deutschland definiert Motopädagogik als Modell der Persönlichkeitsbildung mit dem Ziel das Kind durch motorische Lernprozesse zu befähigen sich sinnvoll mit sich selber sowie seiner dinglichen und persönlichen Umwelt auseinander zu setzen (Kiphard, 2001, S.30).

In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff Motopädagogik im Sinne Schillings (vergleiche Abbildung 1 und 2) als Konzepte zur ganzheitlichen Entwicklungsförderung von Kindern verwendet und wird daher als Anwendung des Wissenschaftsgebietes Motologie verstanden (siehe Abbildung 1).

Als Basis für motopädagogisches Handeln betrachtet Fischer (2004a):

- Erkenntnisse über die Entwicklung des Menschen (Motogenese)

- Diagnostische Maßnahmen und Ableitungen derselben aus Theorien (Motodiagnostik)

- Ganzheitliche Sichtweise des Menschen und der Motorik

2.4. Mototherapie

Kiphard (Kiphard 1983 in Fischer, 1996) verwendet diese Bezeichnung als Sammelbegriff für alle bewegungsorientierten Therapieformen. Schilling (Schilling 1986 in Fischer 1996) hingegen sieht Mototherapie als eigenständige Interventionsform zwischen Psycho- und Physiotherapie.

Schilling versteht Mototherapie als „bewegungsorientierte Methode zur Behandlung von Auffälligkeiten, Retardierungen und Störungen im psychomotorischen Verhaltens- und Leistungsbereich“ (Zimmer 2006, S.19 nach Schilling 1986)

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Abbildung 2:Abgrenzung der Begriffe Motopädagogik und Mototherapie als Anwendungsgebiet der Psychomotorik

2.5. Motodiagnostik

Um ein Modell zur Förderung der Entwicklung entwerfen und anwenden zu können, muss der normale Entwicklungsverlauf von einem gestörten unterschieden werden können. Motodiagnostik erfasst die menschliche Bewegung sowohl qualitativ als auch quantitativ. Kiphard (2001) fordert die Anwendung motodiagnostischer Methoden im Rahmen vorbeugender, gesundheitsdienlicher Untersuchungen zum Beispiel im Rahmen schulärztlicher Untersuchungen.

Mit steigendem Alter ergeben sich zunehmend methodische Schwierigkeiten in der motorischen Entwicklungsdiagnostik. In machen Fällen können Kinder nur mit großem Einfühlungsvermögen zu Testleistungen gebracht werden.

Folgende Erhebungsinstrumente stehen nach Kiphard (2001) zur motorischen Testung zur Verfügung:

- Koordinationstest für Kinder 4 ½ - 5 Jahre

- Funktionelle Entwicklungsdiagnostik nach Hellbrügge

- Denver Entwicklungstest

- DOMAN- DELACATO- Entwicklungsprofil

- Sensomotorisches Entwicklungsgitter

- Psycho- Soziales Entwicklungsgitter

- Checkliste motorischer Schulfähigkeit

- Checkliste motorischer Verhaltensweisen

- Körper- Koordinationstest für Kinder

- MOT 4- 6 (Motoriktest für 4- bis 6 jährige Kinder)

- Trampolin- Körperkoordinationstest

- Lincoln- Oseretzky- Skala

- Diagnostisches Inventar motorischer Basiskompetenzen (DMB)

- Frostigs Test der motorischen Entwicklung (FTM)

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- Handgeschicklichkeitstests

Da sich diese Diplomarbeit mit einer qualitativen Untersuchung von Eltern und Leiterinnen beschäftigt, wird auf eine genaue Beschreibung der aufgezählten Verfahren den Rahmen verzichtet.

3. Entstehung der Motopädagogik

Zimmer (1995) erwähnt, dass sich bereits zu Beginn des 20. Jh. in Frankreich Möglichkeiten zur Prävention und Rehabilitation durch Bewegung entwickelten. Die so genannten „Education psychomotorice“ genießt bis heute in schulischen, sonderpädagogischen und klinischen Bereichen einen hohen Stellenwert (Zimmer, 1995). In Mitteleuropa sind die Anfänge der psychomotorischen Behandlung und somit auch der Motopädagogik in den 1950er Jahren zu finden. 1955 versuchte Ernst J. Kiphard in der jugendpsychiatrischen Klinik in Gütersloh sensomotorisch entwicklungsgestörte Kinder durch Bewegung in ihrer Gesamtentwicklung zu fördern (Fischer 1996). Unbeeindruckt von den Erfahrungen, die in Frankreich gemacht wurden, gestaltete Kiphard sein Konzept der psychomotorischen Übungsbehandlung neben seinen eigenen Ideen durch Elementen von Kleinkindergymnastik, rhythmisch- musikalischer Erziehung und Montessori (Beudels, Lensing- Conrady & Beins, 1997). Möglicherweise dienten aber das Gedankengut von Montessori, Fröbel und Pestalozzi als Anstoß für Kiphards Entwicklungen, da diese Personen in ihrer Arbeit bereits das Kind in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen stellten und bereits die Wahrnehmungs- Bewegungs- und Erlebniskomponente in der Entwicklung berücksichtigten (Fischer, 2001).

In den 1950er Jahren entstand zum ersten Mal ein Bewusstsein dafür, dass Bewegung im Kindesalter ein wichtiges und vor allem kindgemäßes Mittel zur ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklungsförderung darstellt (Kiphard, 2004). Er setzte die Erkenntnis, dass Bewegung, Wahrnehmung und Erleben miteinander zusammenhängen pädagogisch und auch therapeutisch um. Er wollte einen Weg finden Persönlichkeitsentfaltung über Motorik zu fördern und außerdem psychische Prozesse zur Harmonisierung und Stabilisierung der Persönlichkeit in Gang zu bringen (Beudels, Lensing- Conrady & Beins, 1997). Er begründete damit die so genannte „Psychomotorische Übungsbehandlung“, der aber zu dieser Zeit noch kein psychomotorisches Konzept im heutigen Verständnis zu Grunde lag (Fischer, 1996). Erst später kam es zur Systematisierung des Erarbeiteten und somit zum Beginn der Schaffung der theoretischen Grundlage. Schließlich wurde aufgrund folgender Erkenntnisse (Kiphard, 2001) das erste psychomotorische Konzept entwickelt.

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-Durch intensives (häufiges) Training konnten bei Kindern große Defizite in der Gesamtentwicklung wieder aufgeholt werden.

-Psychomotorische Behandlungen sollten innerhalb eines Jahres wiederholt werden, da sonst Rückschritte auftreten können (vgl. Kapitel. 4.1.1.)

-Kenntnis der Technik und Methodik allein reichen für Erfolg einer psychomotorischen Intervention nicht aus. Die Persönlichkeit des wirkenden Pädagogen ist für den Erfolg mitentscheidend.

-Welche Übungen bei welchen Defiziten am effektivsten wirken würden, konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht explizit nachgewiesen werden.

Die Psychomotorik stellte erstmals das Kind in seiner Gesamtheit, das heißt mit allen seinen Stärken und Schwächen in den Mittelpunkt des Interesses und bediente sich nicht einer symptom- und defektorientierten Sichtweise. Ebenso berücksichtigte das Konzept der Psychomotorik zum ersten Mal positive, aber auch negative Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Persönlichkeitsmerkmalen. Das bedeutet, dass erstmals der Einfluss gestörter Persönlichkeitsvariablen auf den motorischen Ausdruck sowie der umgekehrte Schluss berücksichtigt wurden (Kiphard, 2004).

Durch den Begriff „Psychomotorik“ stellte Kiphard der weitgehend kritiklos bestehenden funktional- mechanistischen Auffassung von menschlicher Bewegung seine ganzheitliche Haltung gegenüber (Beudels, Lensing- Conrady & Beins, 1997).

Vor diesem Hintergrund und der Tatsache, dass sich das Konzept Kiphards als erfolgreich herausstellte, zeigten vor allem die Erziehungswissenschaft, aber auch die Sonder- und Sportpädagogik zunehmendes Interesse an dieser Neuentwicklung. Daraus ergab sich der so genannte Praxisboom, der nach Beudels, et. al. (1997) bis heute anhält. So wurde die Psychomotorik im vorschulischen und schulischen Bereich in Deutschland bereits zu einem festen Bestandteil in pädagogischen Konzepten.

1976 wurde in Deutschland der Aktionskreis Psychomotorik (AKP) als Initiator der psychomotorischen Idee als gemeinnütziger Verein gegenüber. Die Grundlagenkommission des AKP entwickelte in den Jahren 1977- 79 die Grundlagen der Psychomotorik, die in Folge als Fundament für die ersten Motopädenausbildungen (seit 1977 in Dortmund) und den ersten postgradualen Studiengang Motologie (seit 1983 in Marburg) dienen (Fischer, 2001). Den Grundstein für den ersten Studiengang Motologie legte Friedhelm Schilling durch zahlreiche wissenschaftliche Projekte an der Universität Marburg. Er trug so maßgeblich zur Etablierung und Entwicklung des Wissenschaftsgebiets Motologie bei (Fischer, 2004a). Das

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Besondere an der Theoriebildung der Psychomotorik ist, dass die Praxis nicht durch die Theorie begründet wird, sondern die Theorie aus der Praxis hervorging (Fischer, 2001). In den 70er und 80er Jahren stand vor allem die Motodiagnostik aber auch die Motopädagogik, unter dem Einfluss der Theoriebildung von Piaget und Weizsäcker, im Mittelpunkt des Interesses. Motorische Schwierigkeiten galten in dieser Zeit als zentrales Problem der Persönlichkeitsentwicklung, während psychische Auffälligkeiten als sekundäres Kompensationsproblem betrachtet wurden (Schilling 1984, S 102 in Fischer 2004). Unter diesem Aspekt wurde Motodiagnostik nicht nur als Begründungsinstrument für Therapien, sondern auch im Sinne einer Verlaufskontrolle eingesetzt. In den 90er Jahren kam es zu einem Paradigmenwechsel. Die psychomotorische Wissenschaft wendete sich von der dualistischen Betrachtungsweise von Psyche und Körperlichkeit ab, hin zur Ganzheitlichkeit. Bis dahin galt der Mensch in Gesetzmäßigkeiten und Zusammenhänge „zerlegbar“ (Fischer, 2004, S. 25). Heute gilt der Mensch als „sich bewegendes wahrnehmendes, fühlendes, denkendes und nach Sinn strebendes Wesen“ (Phillippi- Eisenburger 1991 in Fischer 2004, S. 26).

Motopädagogik versteht sich heute als ganzheitliches, entwicklungsorientiertes Erziehungskonzept. Sie will einen positiven Beitrag zur kindlichen Persönlichkeitsentwicklung durch Förderung der Wahrnehmungs- Bewegungs- und Leiberfahrung leisten. Unterstützung kann individuell erfolgen, wird aber auch in Gruppen angeboten. Bei allen Interventionen steht die selbstständige und selbsttätige Auseinandersetzung der Kinder mit den angebotenen Inhalten im Mittelpunkt (Krus, 2007).

Motopädagogik beschäftigt sich heute inhaltlich mit folgenden drei Schwerpunkten (vergleiche Kapitel 6):

-Körper- und Leiberfahrung

-Materialerfahrung

-Sozialerfahrung

In Österreich wurden die Grundlagen für psychomotorische Förderung in der Reformpädagogik Karl Gaulhofers7und Margarete Streichers8in der Zeit zwischen den

7Karl Gaulhofer (*13.5.1885, †28.10.1941): War von 1909 bis zum Ausbruch des 1. WK Lehrer (Naturgeschichte, Mathematik und Physik). Nach seinem vierjährigen Kriegsdienst war er ab 1919 Ministerialbeamte und Referent für körperliche Erziehung im Wiener Unterrichtsministerium und Lehrbeauftragter am Institut für Turnlehrerausbildung an der Universität Wien. Gemeinsam mit Margarete Streicher gestaltete er die österreichische Schulturnreform. Sein System des Schulturnens mit den vier Bildungsbereichen Ausgleich, Formung, Leistung und Kunstfertigkeit bildete den Kern eines biologisch fundierten Konzepts schulischer Leibeserziehung und hat die Praxis des Schulturnens in Österreich maßgeblich beeinflusst (= Reformpädagogik: Grundsätze der Kindgemäßheit, Lebensnähe, Natürlichkeit, Eigentätigkeit) (Größing, 2003a)

8Margarete Streicher (*9.4.1891, †5.2.1985): Sie studierte Biologie und Turnen an der Wiener Universität und unterrichtete am damals einzigen Mädchenlyceum sowie an einer Lehrbildungsanstalt in Wien. Von 1919 bis

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beiden Weltkriegen gelegt. In dieser Zeit wurde die Forderung nach einer kindgerechten und entwicklungsstufengemäßen, aber vor allem erstmalig, einer ganzheitlichen Entwicklung des Kindes erhoben (Ullmann, 2003). Informationen über den neuen Wissenschaftszweig Motologie, wurden von österreichischen PädagogInnen jedoch erst in den 1970er Jahren gesucht. Ausschlaggebend für die Einrichtung eines postgradualen Studienganges „Motologie“ an der niederösterreichischen Landesakademie war der Kongress „Kind und Bewegung“ 1979 in Berlin. Ab 1985 nahmen die pädagogischen Institute des Bundes in Niederösterreich und der Steiermark erstmals Kontakt mit dem Arbeitskreis Psychomotorik in Deutschland auf. Ab 1986 wurden in Radstadt und Baden Kurse mit dem Titel „Einführung in die Motopädagogik“ für Volks- und SonderschullehrerInnen veranstaltet. Die Forderung nach einer postgradualen Ausbildung für „Motologie“ wurde auch in Österreich immer häufiger gestellt. 1993 gründete Julia Ullmann die erste Projektgruppe für Motologie, der Otmar Weiß vorstand. Zur Unterstützung des Projekts wurden im selben Jahr die ÖGM (Österreichische Gesellschaft für Motologie) und der AKMÖ (Arbeitskreis Motopädagogik in Österreich) ins Leben gerufen. Diese Gesellschaft ist bis heute maßgeblich an der Entwicklung und Durchführung motopädagogischer Anliegen in Österreich beteiligt (Ullmann, 2003). 1995 wurde unter Zusammenarbeit dieser zwei Institutionen von Tilo Irmischer das EEP9(Europäisches Forum für Psychomotorik) ins Leben gerufen, dem derzeit 15 Staaten unter ihnen auch Österreich, angehören (Ullmann, 2003 & EFP, 200910).

Prinzipiell ist die Entwicklung der Psychomotorik in Österreich stark von der in Deutschland beeinflusst. Im Unterschied zu Deutschland bemüht sich die österreichische Gesellschaft um die Etablierung der Psychomotorik im Sonderpädagogischen Feld, während die Begriffe Motologie und Motopädagogik in Deutschland eher als wissenschaftlich- universitäre Akzentuierung betrachtet werden (Fischer, 2004a).

1961 war sie Dozentin am Institut für Turnlehrerausbildung der Universität Wien. Gemeinsam mit Karl Gaulhofer leitete sie die Reform des österreichischen Schulturnens in den 1920er Jahren ein. Vor allem die didaktische Konzeption eines neuen Mädchen und Frauenturnens waren ihre besonderen fachlichen Leistungen in der Schulreform (Größing, 2003b).

9Das EFP (European Forum of Psychomotricity) ist eine demokratische Organisation, die jährlich eine Mitgliederversammlung abhält. Mitglieder im EFP sind Länder, die je einen Delegierten in die

Mitgliederversammlung entsenden. Die Mitgliederversammlung ist das oberste Entscheidungsorgan des EFP. Mitglieder sind: Österreich, Belgien, Tschechische Republik, Dänemark, Finnland, Frankreich, Deutschland, Italien, Luxemburg, Niederlande, Portugal, Slowenien, Spanien, Schweden Schweiz (The European Forum of Psychomotricity, 2008). The European Forum of Psychomotricity. Zugriff am 13. August, 2008 um 12: 12 Uhr unter: http://www.psychomot.org/forum_psychomotorik/forum _psychomotorik.htm

10Zugriff unter: http://www.psychomot.org/members.htm am 3. März, 2009.

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4. Psychomotorische Strömungen im Wandel der Zeit

Im Laufe der Entwicklung der Psychomotorik und ihrer Anwendungen kam es wiederholt zu Paradigmenwechseln. Die psychomotorische Praxis, also auch die Motopädagogik wie wir sie heute kennen, ist nicht eindeutig einer der folgenden Kategorien zuordenbar, sondern bezieht sich auf verschiedene Wissenschaftstheorien, die einander ergänzten oder im Laufe der Entwicklung ablösten. Prinzipiell unterscheidet man vier verschiedene Arten psychomotorischer Betrachtungsweisen, die im Wesentlichen je einem bestimmten Entwicklungsabschnitt der Psychomotorik zuordenbar sind (Fichtner, 2008). Im Folgenden werden die vier großen Konzepte der Psychomotorik, deren Hauptvertreter, die jeweils vorherrschenden Wissenschaftstheorie, sowie exemplarische praktische Ansätze vorgestellt.

Der Psychomotorik liegt ein humanistisches Menschenbild zugrunde. Dieses betrachtet den Menschen als wirksamen Gestalter seiner Umwelt und beruht auf den von Völker 1980 aufgestellten Postulaten (Zimmer, 2006).

Völker (1980) postuliert vier Charakteristika des humanistischen Menschenbildes, an denen sich die meisten motopädagogischen Programme orientieren.

-Autonomie und soziale Interdependenz

Ausgehend von der Annahme, dass jeder Mensch am Beginn seines Lebens von seiner Umwelt abhängig ist, strebt der Organismus nach Völker (1980) im Laufe der Entwicklung nach Unabhängigkeit von äußerer Kontrolle. Der Begriff Autonomie bedeutet also das Streben des Körpers nach der Möglichkeit seine Umwelt zu beherrschen und damit unabhängig von äußerer Kontrolle zu werden. Kausal damit zusammenhängend ist die Tatsache, dass nur ein Individuum, das Verantwortung für sich selbst übernehmen kann, dieses auch für die Gemeinschaft tun kann. Zusammenfassend kann man sagen, dass jeder Mensch für sein eigenes Leben verantwortlich ist.

Erst durch die Akzeptanz dieses Postulats erhalten Lernprozesse, therapeutische Prozesse und demnach auch motopädagogische Prozess ihre Legitimation, denn nur ein Individuum, das entdeckt, dass es sich selbst ändern kann, wird auch zu Veränderungen in der Umwelt beitragen können. Ablehnung und Ignoranz der Autonomie führt zu einer passiven Einstellung und einer resignativen Grundhaltung gegenüber dem Leben.

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Unter sozialer Interdependenz versteht Völker (1980) den permanenten Austausch und die Auseinandersetzung des Individuums mit seinem sozialen Umfeld.

-Selbstverwirklichung

Das humanistische Menschenbild gibt sich, im Gegensatz zum behavioristischen oder der psychoanalytischen Auffassung nicht nur mit der Befriedigung der Grundbedürfnisse zufrieden, sondern sieht den Mensch als ein, seine Umwelt erforschendes und nach Wissen strebendes Wesen. Völker (1980) spricht in diesem Zusammenhang von „Selbstaktualisierungstendenzen“ und „Wachstumsbedürfnissen“. Selbstverwirklichung kann einerseits als Lebensziel, andererseits als Prozess gesehen werden. Unabhängig von der Sichtweise kann Selbstverwirklichung nur im Austausch mit der sozialen Umwelt vollzogen werden.

-Ziel und Sinnorientierung

Jedes psychische Geschehen im Leben eines Menschen wird von der Humanpsychologie als zielgerichtet betrachtet. Sie geht davon aus, dass „die Inhalte des Bewusstseins immer auf Objekte außerhalb des Bewusstseins gerichtet sind und somit eine Brücke zwischen innerer und äußerer Realität bilden“ (Husserl, 1928 nach Völker 1980, S. 18). Der Mensch strebt also nach einem erfüllten und sinnvollen Dasein. Bei Verlust von Ziel und Sinnorientierung, die implizit über die Werte der humanistischen Bewegung, Freiheit-Gerechtigkeit- Menschenwürde- determiniert sind, kommt es nach Auffassung Frankls (1959 in Völker, 1980) zu psychischen Störungen.

-Ganzheit

Unter dem Leitsatz „Das Ganze ist mehr als die Summer seiner Teile“ sehen Humanpsychologen den Organismus als Gestalt aus organischen Aspekten, Gefühl und Vernunft, sowie Leib und Seele. Diesem Aspekt widmet vor allem die psychosomatische Forschung große Aufmerksamkeit (Völkl, 1980)

Volles Verständnis für den Menschen und seine Existenz kann nur entstehen, wenn er als handelndes Subjekt betrachtet wird; als biologisches, psychisches und soziales Wesen.

Aus den von Völkl zusammengestellten Postulaten lassen sich für die psychomotorische Konzeption folgende Leitsätze ableiten (Zimmer, 1996):

-Der Körper wird als Vermittler von Selbstständigkeit angesehen.

-Durch körperlich- motorische Erfahrungen kann Unabhängigkeit erfahren werden.

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-Zahlreiche Bewegungsgelegenheiten geben dem Kind Möglichkeiten seine schöpferische Kräfte zu entwickeln um auf seine Umwelt einwirken zu können sowie diese zu gestalten

Im Anschluss werden die einzelnen Ansätze der Psychomotorik beschrieben.

Abbildung 3:Übersicht über die Strömungen der Psychomotorik (Bearbeitet nach Fichtner 2008 und Fischer,

2004a)11

4.1. Defizitorientierte Ansätze

Diese Betrachtungsweise war vor allem zu Beginn der Entwicklung der Psychomotorik vorherrschend. In den 1950er und 1960er Jahren orientierten sich Interventionen an der Normierung beziehungsweise der Abweichung von der Norm. Es standen vor allem die Defizite der Kinder im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Häufig wurden neurophysiologische Ursachen für ein Defizit verantwortlich gemacht, die es durch Übungen auszubessern galt. Man spricht heute daher auch vom medizinischen Paradigma (Fichtner, 2008).

Als Interventionsmethode wurden vorwiegend logisch überschaubare aufeinander aufbauende Lernschritte angeboten um Mängel zu beheben.

11Ergänzung zur Tabelle: Das organismische Menschenbild geht davon aus, dass ein Organismus, also auch der Mensch die Ursache seiner Entwicklung selber ist, als organisiertes Ganzes Aktivität aus sich selber heraus provoziert. Das Ganze ist also mehr als die Summe der Einzelteile (Dinold, 2000 nach Trautner, 1991).

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Wissenschaftlicher Hauptvertreter dieser Entwicklung war Kiphard, auf dessen Theorie der Bewegungsentwicklung alle Interventionen dieser Zeit fußten.

4.1.1. Psychomotorische Übungsbehandlung (PMÜ)

Ein defizitorientierter Ansatz ist die von Kiphard in den 1950er Jahren geschaffene Psychomotorische Übungsbehandlung (PMÜ), die von Fischer auch als funktionale Betrachtungsweise beschrieben wird (Fischer, 2004a).