(Außer) Kontrolle - Ulrich Hoffmann - E-Book

(Außer) Kontrolle E-Book

Ulrich Hoffmann

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Beschreibung

Der Zeitgeist lässt uns glauben, wir sollten jederzeit alles unter Kontrolle haben. Und wenn das nicht gelingt, wäre es unsere Schuld. Die Psychologen sagen, das ist der sicherste Weg in Burn-Out oder Depression, denn vieles lässt sich nicht kontrollieren. Dabei hilft es der Lebenszufriedenheit enorm, wenn wir eine möglichst umfangreiche Selbstwirksamkeit entfalten. Deshalb ist es wichtig zu erkennen, was wir beeinflussen können und was nicht, und wie wir mit der Kränkung unserer Allmachtsfantasie besser klarkommen. Der Philosoph, Meditationslehrer und mehrfache Bestsellerautor Ulrich Hoffmann untersucht unsere aktuellen Ansprüche an das Leben und legt offen, was möglich ist und was nicht. »(Außer) Kontrolle« ist ein alltagsphilosophisches Lesevergnügen: leicht verständlich, unterhaltsam, weitsichtig und nützlich.

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Seitenzahl: 210

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Buch

Der Zeitgeist lässt uns glauben, wir sollten jederzeit alles unter Kontrolle haben. Und wenn das nicht gelingt, wäre es unsere Schuld. Die Psychologen sagen, das ist der sicherste Weg in Burn-out oder Depression, denn vieles lässt sich nicht kontrollieren. Dabei hilft es der Lebenszufriedenheit enorm, wenn wir eine möglichst umfangreiche Selbstwirksamkeit entfalten. Deshalb ist es wichtig zu erkennen, was wir beeinflussen können und was nicht, und wie wir mit der Kränkung unserer Allmachtsfantasie besser klarkommen. Der Philosoph, Meditationslehrer und mehrfache Bestsellerautor Ulrich Hoffmann untersucht unsere aktuellen Ansprüche an das Leben und legt offen, was möglich ist und was nicht. »(Außer) Kontrolle« ist ein alltagsphilosophisches Lesevergnügen: leicht verständlich, unterhaltsam, weitsichtig und nützlich.

Autor

Ulrich Hoffmann arbeitet als erfolgreicher Autor, Übersetzer und freier Journalist. Als Autor, Ressortleiter und Textchef war er für alle großen deutschen Verlage tätig und widmet sich vor allem philosophischen wie zeitgeistigen Themen. Ulrich Hoffmann lebt in Hamburg.

Außerdem von Ulrich Hoffmann im Programm

Pause

ULRICH HOFFMANN

Was wir beeinflussen können und was nicht – und wie wir lernen, damit umzugehen

Wir haben uns bemüht, alle Rechteinhaber ausfindig zu machen, verlagsüblich zu nennen und zu honorieren. Sollte uns dies im Einzelfall aufgrund der schlechten Quellenlage bedauerlicherweise einmal nicht möglich gewesen sein, werden wir begründete Ansprüche selbstverständlich erfüllen.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Originalausgabe April 2022

Copyright © 2022: Mosaik Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlag: Sabine Kwauka

Umschlagmotiv: Weltraumfahrer: galacticus/shutterstock

Redaktion: Dagmar Rosenberger

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

CH ∙ IH

ISBN 978-3-641-28739-9V001

www.mosaik-verlag.de

Inhalt

Eingangskontrolle

1. ALLESKÖNNER

Woher der gesellschaftsdurchdringende Allmachtsanspruch kommt

2. KONTROLLWUNSCH

Warum es sich beruhigend anfühlt, alles unter Kontrolle haben zu wollen

3. DENKFEHLER

Weshalb wir mit unseren Kontrollbemühungen scheitern müssen

4. OHNMACHTSGEFÜHLE

Warum sich das Scheitern unserer Kontrollbemühungen so schlimm anfühlt

5. ENTSCHEIDUNGSHILFE

Woran wir erkennen können, was sich ändern lässt und was nicht

6. AKZEPTANZ

Wie wir besser mit den Dingen klarkommen, die sich nicht ändern lassen

7. REICHWEITE

Wie wir erfolgreich beeinflussen, was in unserer Macht steht

8. ENERGIEHAUSHALT

Warum Resilienz gesünder ist als Perfektion (und wie man sie erlernen kann)

9. OFFENHEIT

Wie wir uns sogar mit dem Scheitern anfreunden können

10. ZUKUNFT

Worum es wirklich geht im Leben

Ausgangskontrolle

Leseempfehlungen

Sachregister

Eingangskontrolle

Der Zeitgeist lässt uns glauben, wir sollten jederzeit alles unter Kontrolle haben. Und wenn das nicht gelingt, wäre es unsere Schuld. Psychologen sagen, das ist der sicherste Weg in Burn-out oder Depression. Denn vieles lässt sich einfach nicht kontrollieren.

Andererseits steigert es unsere Lebenszufriedenheit enorm, wenn wir eine möglichst umfangreiche Selbstwirksamkeit entfalten. Deshalb ist es wichtig zu erkennen, was wir beeinflussen können und was nicht. Und herauszufinden, wie wir mit dieser Kränkung unserer Allmachtsfantasie besser klarkommen.

Vielleicht kennen Sie das sogenannte »Gelassenheitsgebet«:

»Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.«

Da nickt doch eigentlich jede*r. Denn dagegen ist wenig einzuwenden. Aber woher nun die Gelassenheit, den Mut und die Weisheit nehmen, wenn Gott noch nicht geliefert hat? Darum geht es in diesem Buch.

Das »Gelassenheitsgebet« wird oft im Rahmen von 12-Schritt-Programmen wie bei den Anonymen Alkoholikern genutzt. Weil es die Erkenntnis auf den Punkt bringt, dass wir auf manche Dinge Einfluss haben und auf andere nicht. Und dass dagegen weder Alkohol noch andere Drogen, Sex, Shopping, TV oder Essen helfen. Wer sich im Alltag ständig an den unbeeinflussbaren Dingen die Zähne ausbeißt, braucht früher oder später Hilfe.

In die Falle getappt

Auf diese eher allgemeine Einführung muss nun ein Beispiel folgen. Um deutlich zu machen, dass dieses Buch einen handfesten Alltagsbezug hat. Dass es nicht nur erhellend ist, sondern auch nützlich. Also habe ich lange hin und her überlegt. Wie wäre es mit der Sage vom chinesischen Bauern und seinem Sohn, bei der sich scheinbares Pech immer wieder in Glück wendet? Nicht schlecht, aber doch zu lebensfern. Oder ein Bericht darüber, wie ich vor zehn Jahren ein tolles Buch mit Umweltschutzthemen geschrieben habe, das sich aber nicht wirklich gut verkaufte. Wir waren einfach zu früh dran. Passt inhaltlich, ist mir aber für den Einstieg zu negativ. Wie wäre es mit einer Anekdote aus dem Leben meiner Freunde, vielleicht eher etwas mit Liebe als etwas Berufliches?

Und so grübelte ich vor mich hin auf der Suche nach der bestmöglichen Story, um Ihnen zu zeigen, wie dringend Sie dieses Buch brauchen. Aber keine war gut genug. Vor allem war keine dazu geeignet, ganz sicher das gewünschte Lesegefühl bei Ihnen zu erzeugen.

Bis mir klar wurde, wie ironisch diese Suche war: Ich wollte das optimale Beispiel, um das Ergebnis zu kontrollieren. Das geht aber meistens nicht, wie auch in diesem Fall. Also beschloss ich, mich an meine eigenen Ratschläge zu halten. Ich berichte Ihnen hiermit vom Versuch, ein Risiko zu vermeiden. Von der Erkenntnis, dass das nicht gelang. Und von meinem Entschluss, mich nicht als kluger Ritter auf dem weißen Pferd aufspielen zu wollen und durch Aufhübschungen und Halbwahrheiten doch noch möglichst umfassend zu kontrollieren, wie Sie über mich denken. – Sondern mich genau so menschlich zu zeigen, wie ich bin. Denn wir sitzen alle im selben Boot.

Garantien gibt dir keiner

Kontrolle ist gut – mit dieser Annahme wachsen wir auf. Nicht nur sozial, auch in unseren Hirnen ist das so verdrahtet. Einer der größten Stressfaktoren für uns ist: Unsicherheit.

Dummerweise leben wir in einer Zeit, die sehr viel Unsicherheit mit sich bringt. Auf immer weniger Dinge, die uns direkt betreffen, haben wir wirklich Einfluss. Und immer mehr Dinge betreffen uns. Anhaltende Unwetter auf der anderen Seite der Erde beeinflussen die Preise des Wochenendeinkaufs und ebenso die Laune unseres Chefs. Eine neue Krankheit, das mussten wir 2020 schmerzhaft lernen, kann sich rasend schnell ausbreiten und alles auf den Kopf stellen.

Im März 2020 – wie wir jetzt wissen: in der Woche vor dem ersten Lockdown – habe ich noch in Österreich mit einem Luftfahrt-Ingenieur geplaudert. Er erzählte begeistert von seinem Fachgebiet und erwähnte ganz nebenbei, dass es toll sei, einen krisenfesten Job zu haben. Sechs Monate später war die Luftfahrtbranche im Megakrisenmodus.

Corona ist sicher ein krasses Beispiel. Aber es ist eben nur ein Beispiel von vielen für eine Entwicklung, vor der wir die Augen nicht verschließen sollten.

Bereits zu Beginn meines Berufslebens, Ende der Achtziger, erlebte ich den Niedergang der Schriftsetzer. Ich absolvierte in den Sommerferien ein Praktikum bei einer großen Tageszeitung. Dort liefen ein paar Leute über die Flure, die nichts zu tun zu haben schienen. Sogenannte Desktop-Publishing-Programme hatten die Schriftsetzer überflüssig gemacht. Die meisten Verlage boten den Schriftsetzern an, sich umschulen zu lassen. Wer diesen Jobwechsel ablehnte, musste weiterhin morgens ein- und abends ausstempeln. Bekam aber keine Arbeit mehr. Eine solche Behandlung hält keine*r lange durch.

Kein Wunder, dass Marius Müller-Westernhagen genau zu dieser Zeit sang:

»Denn Garantien gibt dir keinerKein lieber Gott, auch der nicht, leiderWenn du lebst bist du alleineGanz und gar«

Wir können auch anders

»Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne«, schrieb Hesse, und da ist was dran. Aber wie viele Ehen, bei deren Schließung diese Zeilen deklamiert wurden, sind gescheitert?

Wir wissen schon längst, dass wir die Zukunft nicht vorherbestimmen können. Die Frage ist: Wie leben wir mit der Tatsache, dass wir niemals sichergehen können? Dass es eben keine Garantien auf die Zukunft gibt? Kann es gelingen, sich davon nicht entmutigen zu lassen?

Es kann. Wir sind nie gezwungen, weiterzumachen wie bisher. Es gibt Techniken, um die Unsicherheiten einzuordnen und auszuhalten. Es gibt Möglichkeiten, das Wichtige einigermaßen sicher vom Unwichtigen zu trennen. Und, ja, am Ende muss man den Mut zusammennehmen und loslegen. Aber man weiß dann, womit und warum.

Ich zum Beispiel bin in meinem ganzen Leben nur einmal vom Drei-Meter-Brett gesprungen, für meinen Fahrtenschwimmer. Danach habe ich mir viele Jahre lang jeden Schwimmbadbesuch mit dem Versuch verdorben, es noch einmal zu tun. Immer wieder habe ich mich über mich geärgert, fand meine Angst unbegründet, bin auf den Turm geklettert, habe dort oben eine Weile herumgestanden und bin dann unter – so kam es mir jedenfalls vor – den abschätzigen Blicken der übrigen Badegäste wieder die Leiter hinabgestiegen.

Bis ich irgendwann darauf gekommen bin, dass es die anderen Badegäste vermutlich nicht im Geringsten interessiert, ob ich von da oben runterspringe oder nicht. Und dass es auch wirklich egal ist. Könnte ich mich dazu zwingen? Vielleicht. Will ich mich dazu zwingen? Nicht mehr. Jetzt gehe ich mit mehr Freude und Gelassenheit ins Schwimmbad. Und kann meine Energie anderswo nutzen.

Und immer wieder: die Zeit

Einerseits weiß man mittlerweile, dass ein übergroßer Kontrollwunsch, die sogenannte »Allmachtsfantasie«, ein direkter Weg in Depression oder Burn-out ist. Denn wer alles kontrollieren will, wird ständig scheitern. Dann tun die meisten Menschen, was der US-Psychologe Paul Watzlawick so schön als »mehr desselben« bezeichnete: Wir drehen richtig auf, wollen noch mehr kontrollieren, denn ganz offensichtlich ist nur deswegen nicht herausgekommen, was wir wollen, weil wir uns nicht genug Mühe gegeben haben! So treten wir im Leerlauf das Gaspedal voll durch, kommen aber nicht weiter. Das ist ebenso anstrengend wie frustrierend und schlägt irgendwann um in abgrundtiefe Erschöpfung und gefühlte allumfassende Machtlosigkeit.

Trotzdem gehen wir alle doch davon aus, dass unsere Handlungen irgendeine Auswirkung auf die Zukunft haben. Das klingt erst mal banal, ist es aber gar nicht. Wie zum Beispiel die Filme des Regisseurs Christopher Nolan es immer wieder thematisieren. 2020 zeigte Nolan in »Tenet« eine Welt, in der die Zeit vorwärts wie rückwärts ablaufen kann. Das Problem dabei: Wäre das möglich, dann wäre nicht nur etwas die Ursache einer Wirkung, sondern die Wirkung wäre gleichzeitig die Ursache der Ursache. Klingt konfus, ist aber ganz einfach. Ließe ein Geschehen zwingend eine – und nur eine – Folge zu, dann könnte man aus der Folge auch schließen, was zuvor geschehen ist. Das geht manchmal, aber nicht immer. Ein beliebtes Beispiel in Logik-Büchern: Wenn es regnet, wird die Straße nass. Aber wenn die Straße nass ist, muss es nicht geregnet haben (sondern es könnte zum Beispiel einen Rohrbruch gegeben haben).

Physiker diskutieren ernsthaft, ob es so etwas wie Zeit überhaupt gibt, und wenn ja, ob sie linear verläuft. Immerhin gibt es ja auch viele Kreisläufe im Leben: Tiere fressen Pflanzen, sterben und werden wieder zu Pflanzennahrung; Pflanzen entziehen der Luft Kohlendioxid und produzieren Sauerstoff, Menschen atmen Sauerstoff ein und Kohlendioxid aus … Im Alltag aber fahren wir Menschen seit Langem gut damit, Zeit als unumkehrbar zu betrachten. Das heißt, eine Ursache liegt zeitlich immer vor der Wirkung (es muss erst regnen, dann wird die Straße nass). Mit dieser Weltsicht kaufen wir zugleich ein, dass es irgendeine Art von Beeinflussung der Zukunft gibt. Denn sonst wäre das Konzept von Ursache und Wirkung sinnlos. Würde Regen die Straße manchmal nass werden lassen und manchmal nicht, wäre er keine (zwingende) Ursache der Nässe.

Das heißt: Im Alltag arbeiten wir mit der Annahme, dass unser Handeln die Zukunft beeinflusst. Je kleiner dieser Einfluss, desto unangenehmer für uns.

Doch diesem Gefühl lässt sich etwas entgegensetzen. Gerade in schwierigen Situationen können wir mit einfachen Handlungen wieder mehr Selbstwirksamkeit erfahren. Wir können ein Instrument lernen, einen Kuchen backen, die Laufschuhe hinter dem Schrank hervorholen. Etwas ganz Konkretes tun, was nicht nur ablenkt, sondern tatsächlich beruhigt und stärkt. Auf dieselbe Weise können wir lernen, mit Unsicherheit oder Unzufriedenheit besser umzugehen. Erst mal einen kurzen Moment lang. Dann einen etwas längeren. Und immer so weiter. Einen Berg besteigen wir ja auch nicht in einem riesigen Schritt, sondern wir trainieren vielleicht erst ein wenig, wenn es ein anspruchsvoller Berg ist. Und dann machen wir uns auf den Weg, Stunde um Stunde. Denken wir am Berg hingegen die ganze Zeit an den kompletten Aufstieg, sind wir abgelenkt von der Größe unseres Vorhabens. Besser kommen wir voran, wenn wir uns nur auf die nächsten Schritte konzentrieren.

Die Analogie lässt sich noch weiterführen: Wer unzufrieden mit dem Hausberg ist, weil der nicht den Erwartungen entspricht, kann ein paar Urlaubstage opfern und eine lange Anfahrt zu einem besseren Berg in Kauf nehmen. Oder umziehen. Oder eine interessantere Route am Hausberg suchen. Was den Hausberg aber auf alle Fälle gar nicht juckt, ist, wenn wir verärgert zu Hause bleiben und ihn blöd finden.

Die falschen Vorwürfe

Wir erleben, dass die Welt um uns herum scheinbar immer öfter macht, was sie will. Das stresst. Also wenden wir uns ab und beschäftigen uns lieber mit etwas anderem. Zugleich werden wir von den Medien wie sozialen Netzwerken zur Selbstoptimierung aufgefordert, und dazu, jemand Besonderes zu sein. Unsere ganz persönliche Berufung zu finden und zu erfüllen.

Nun fühlt es sich vielleicht toll an, jemand Besonderes zu sein. Aber ursprünglich gemeint war hier doch wohl der Begriff der Individualität. Jede*r ist einzigartig, keine Frage. Aber kann man daraus schließen, dass jede*r etwas Besonderes ist? Zumal das Besondere einer Lebensleistung oft ja erst im Nachhinein anerkannt wird. Weder van Gogh noch Galileo hatten zu Lebzeiten viel Freude an ihrem Ausnahmenaturell.

Innerhalb eines Jahrhunderts haben wir gesamtgesellschaftlich den Halt der Religion verloren. Und mussten zugleich erfahren, dass die Politik keinen hinreichenden Ersatz bieten kann. Daher befinden wir uns nun im Zeitalter des Individualismus: Jede*r ist für sich allein verantwortlich.

Das ist eine verdammt große Last. Denn wenn etwas nicht so läuft, wie wir es gerne hätten, müssen wir entweder selbst die Verantwortung dafür schultern oder uns mit dem Schicksal arrangieren. Beides ist nicht einfach, und oft tendieren wir genau in die falsche Richtung. Suchen die Schuld für Dinge, die wir nicht beeinflussen können, bei uns und möchten uns gegen alles versichern, was im unwahrscheinlichsten Fall passieren könnte. Aber wir erkennen nicht, wo wir mal wirklich etwas ausrichten könnten.

Wenn es in der Beziehung nicht läuft, liegt das in unseren Augen (vor allem) am anderen. Wenn die Partnersuche nicht klappt, sind die dort draußen alle bindungsunfähig. Aber wenn wir den Job verlieren oder Krebs bekommen, dann machen wir uns selbst den Vorwurf, wir hätten nicht genug Fortbildungen absolviert oder nicht gesund genug gelebt.

Verkehrte Welt.

Was in diesen Situationen fehlt, ist Vertrauen. Dabei ist es unserer Psyche erst mal egal, woher das Vertrauen kommt. Gott, das Universum, Verschwörungstheorien, wir selbst – solange wir der Ansicht sein können, »irgendwie wird das schon«, geht es uns besser. Vertrauen stabilisiert. Woher aber Vertrauen nehmen in einer säkularisierten Welt? Vielleicht erklärt nichts so sehr den ständig zunehmenden Drang zur Kontrolle – und sein zwangsläufiges Scheitern – wie der verdrängte und daher unbemerkte Mangel an Vertrauen.

Es ist wie Eis essen gegen Liebeskummer. Oder Schreibtisch aufräumen gegen Terminstress. Ein Autokorso gegen den Klimawandel. Fühlt sich unmittelbar gut an, hilft aber nicht.

Die Kunst ist also, kurz innezuhalten und etwas Abstand zu gewinnen. Und aus diesem Abstand heraus besser beurteilen zu können, wie wichtig das Problem wirklich ist. Ob es nur nervt, man aber gut damit leben kann. Oder ob es unbedingt gelöst werden muss. Und wie das vielleicht gehen könnte. Entscheidend ist, sich davon zu verabschieden, alles hinkriegen zu wollen. Darauf hofft man vielleicht mit 20, aber selbst in dem Alter ist es leider unrealistisch. Zum Erwachsenwerden gehört auch die Einsicht, dass nicht alles möglich ist. Wir aber sehr wohl die Wahl haben, worauf wir unsere Energie verwenden.

Und es lohnt sich, dabei auch mal die »höheren Werte« in den Blick zu nehmen. Warum nervt uns, was uns nervt? Wogegen wehren wir uns dabei? Warum tun wir, was wir tun? Was sagt das über uns? Und geht das vielleicht besser, einfacher, beides? Oft fallen uns negative Momente auf, positive aber nicht (denn da ist ja alles in Ordnung). Doch wenn wir unseren Blick mal auf sie lenken, statt immer nur auf das, was nicht läuft, lernen wir mit der Zeit, wann es uns gut geht.

Was zu tun ist und warum

Woher kommt Vertrauen? Lässt das Gefühl sich erzeugen? Und wie hängt diese Frage mit den Dingen zusammen, die wir kontrollieren können – oder eben nicht?

In diesem Buch werde ich versuchen, abzugrenzen, worauf wir (viel) Einfluss haben und worauf nicht (oder nur in geringem Maße). Ich möchte zeigen, wie man im Alltag diesen Unterschied erkennen kann. Und wie wir in dieser neuen Zeit mit einem solchen Vorgehen besser klarkommen. Immer wieder neu zwischen Schicksal und Verantwortung unterscheidend. Denn, und das wissen nicht nur die Psychologen, sondern wir nehmen es auch deutlich wahr: Je mehr Kontrolle wir erleben, desto sicherer fühlen wir uns. Kontrolle ist der erfolgreiche Versuch, in der Gegenwart aktiv zu werden und Einfluss auf die Zukunft auszuüben. Deshalb ist es hilfreich, herauszufinden, wofür oder wogegen Sie sich engagieren wollen. Und womit Sie notfalls auch leben können. Denn erst wenn wir wissen, was (außer) Kontrolle ist, wird es möglich, die eigene Kraft konzentriert und nutzbringend einzusetzen.

Außerdem möchte ich zeigen, dass es unterschiedliche Ebenen und Möglichkeiten der Wirksamkeit gibt. Es gibt Themen, bei denen es gar nicht darum geht, gleich die ganze Welt zu verändern. Wir sollten nur einen kleinen Beitrag leisten. Dann ist zu überlegen, welcher Beitrag der sinnvollste ist.

Alle sogenannten »systemischen« Fragen – bei denen größere Systeme ins Spiel kommen – gehören in diese Kategorie. Also auf alle Fälle politische oder gesellschaftliche Fragen.

Beispielsweise können wir nicht im Alleingang den Klimawandel verhindern, Armut und Hunger beenden, die Bildungspolitik revolutionieren. Andererseits ist es auch nicht so, dass diese Themen unserem Einfluss komplett entzogen wären. Wir können spenden, wählen, Gutes tun. Je präziser wir die Situation und ihre unterschiedlichen Aspekte analysieren, desto gezielter können wir unseren Einsatz leisten.

Ich werde in diesem Buch daher fragen,

woher der gesellschaftsdurchdringende Allmachtsanspruch kommt,warum es sich beruhigend anfühlt, alles unter Kontrolle haben zu wollen,weshalb wir damit scheitern müssen,warum sich dieses Scheitern so schlimm anfühlt,woran wir erkennen können, was sich ändern lässt und was nicht,wie wir besser mit den Dingen klarkommen, die sich nicht ändern lassen,auf welche Weise wir möglichst erfolgreich beeinflussen, was in unserer Macht steht,warum Resilienz gesünder ist als Perfektion (und wie man sie erlernen kann),wie wir uns sogar mit dem Scheitern anfreunden können, undworum es wirklich geht im Leben.

Viel Freude beim Lesen!

Ulrich Hoffmann

1 ALLESKÖNNER

Woher der gesellschaftsdurchdringende Allmachtsanspruch kommt

Globalisierung, Dezentralisierung, Industrialisierung, Digitalisierung – je mehr Arbeitsteilung, desto weniger »Geschafft!«-Gefühl. Diesem gesamtgesellschaftlichen Problem versuchen wir auf individueller Ebene etwas entgegenzusetzen. Adorno und Horkheimer sahen die Unterhaltung als »Opium fürs Volk«. Die Entertainmentindustrie wurde zwar nicht staatlich gesteuert, diente aber dem Erhalt der Machtverhältnisse. Noch umfassender verlagern heute die (sozialen) Medien den Frustabbau ins Private. Wird Erfolg als Ergebnis individueller Leistung angesehen, dann ist Misserfolg folglich ebenfalls der Einzelperson zuzuschreiben.

Sogar für viele Dinge, die lange als »gegeben« angesehen wurden, wird uns heutzutage die Verantwortung angelastet: Gesundheit, sozialer Status, unsere Umwelt, Leben und Tod. Und wir machen mit, denn in guten Zeiten fühlt sich eine derartige Machtzuschreibung stark an.

Schutz vor der Verworrenheit der Welt

Zumindest beruflich wird die möglichst umfassende Kontrolle aller Umstände häufig mit Erfolg gleichgesetzt. Klischees sind nicht umsonst welche, und wenn Sie im Film einen erfolgreichen Geschäftsmann sehen, ist er garantiert ein Kontrollfreak. Bestes Beispiel für diese – wortwörtliche – Fetischisierung unseres Kontrollwahns ist Milliardär Christian Grey in »Fifty Shades of Grey«. Beruflich hat ihn die Kontrolle extrem weit gebracht, sein privates Bedürfnis nach Dominanz wird durch traumatisierende Kindheitserlebnisse erklärt. Die Kontrolle über die Frauen vermittelt ihm die Sicherheit, ungehemmt (sexuelle) Bedürfnisse ausleben zu können.

Genau deshalb planen wir Reisen, Mahlzeiten, das ganze Leben. In der Annahme, je stabiler der Rahmen, desto intensiver die Glückserfahrung. Über den Künstler Jürgen Krause, der seit 22 Jahren jeden Tag freihändig ein kariertes Blatt Papier zeichnet, schrieb der Kurator Volker Adolphs: »Das gleichmäßige Tun sichert vor der Verworrenheit der Welt.« Mir scheint, dass wir uns genau davor immer dringender schützen wollen: vor der Verworrenheit der Welt.

Aus der Psychologie ist bekannt, dass die Partnerschaften mit Suchtkranken für manche Menschen eine über lange Zeit stabile Möglichkeit darstellen, mit der eigenen Angst vor Nähe umzugehen. Eine glückliche gemeinsame Zukunft ist im Regelfall unmöglich oder zumindest unwahrscheinlich. Die Partner*innen der Süchtigen denken sich: Halte ich das aus, bin ich doch wohl eindeutig zur Liebe fähig! An mir, so der Fehlschluss, liegt es jedenfalls nicht, dass wir beide derart leiden.

Meine These ist, dass viele von uns sich analog dazu in die Hoffnung verliebt haben, dass die Kontrolle, das Erzwingen, irgendwann doch zum Glück führen müsse. Zugleich hält dieses Bemühen die Angst vor dem Glück, vor dem ungezügelten Lebensgenuss, in Schach.

Im Lauf der Industrialisierung haben wir eine immer größere Kontrolle über die Natur erlangt. Krankheiten können geheilt und Flüsse eingedämmt werden. Die persönliche Sicherheit hat sich vergrößert, unsere Lebenszeit sich verlängert. Globalisierung, Digitalisierung und Kommerzialisierung versprachen eine noch größere Kontrolle: Wir können im Grunde jederzeit überall sein, und alles steht immer zur Verfügung. Ein Wisch, und die Pizza oder ein möglicher Liebespartner kommen ins Haus. Ein Klick, und auf der anderen Seite der Welt fällt ein für uns personalisiertes Produkt vom Band. In riesigen SUVs thronen wir hoch über dem Verkehr mit viel Sicherheitsabstand zu den übrigen Verkehrsteilnehmer*innen.

Doch unser Bedürfnis nach Angstfreiheit hat dadurch nicht abgenommen. Im Gegenteil: Wir haben Blut geleckt und wollen noch mehr Sicherheit! Zugleich ist unsere Furcht vor allem, was sich jenseits der elektrifizierten, domestizierten Welt befinden könnte, gewachsen: Keime, Wälder, Unordnung – sie wirken bedrohlicher, weil wir verwöhnter sind. Je mehr kontrollierbar wurde, desto schwieriger ist es für uns heute, das Unkontrollierbare auszuhalten.

Deshalb versuchen wir, die widerspenstigen Bereiche entweder auch zu disziplinieren – oder auszublenden. Die Disziplinierung jedoch misslingt, die Verdrängung rächt sich zeitverzögert.

Alles sollen wir kontrollieren. Unser Gewicht, unsere Laune, unsere Außenwirkung (mittels Selbstdarstellung wie in den sozialen Medien), unseren ökologischen Fußabdruck. Und natürlich soll das Ergebnis immer nur ein positives sein. Es gilt als Lob, wenn wir über jemanden sagen, dass sie oder er uns nicht mit Emotionen »belästigt«.

Was Konfuzius nie sagte

Die Königsdisziplin der Kontrolle ist der Sinn. Beziehungen und Hobbys sollen nicht mehr bloß Spaß machen oder guttun. Sie sollen uns herausfordern und beim inneren Wachstum unterstützen, bei der Entfaltung unserer Persönlichkeit. Und Jobs sind nicht mehr nur zum Geldverdienen da. Nein, wir wollen etwas »Sinnstiftendes«, und unsere Arbeit soll die Welt besser machen.

Konfuzius hat nie gesagt: »Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag im Leben mehr zu arbeiten.«

Das Wort »Beruf« kommt zwar von »Berufung«, das stimmt – aber im Sinne einer Berufung zum Beispiel durch Gott oder einen Herrscher: Jemand hat mich zu dieser Tätigkeit »berufen«. Er hat sie mir also zugewiesen. Das ist das Gegenteil dessen, was wir heute meinen, wenn wir davon sprechen, den Beruf zur Berufung zu machen, oder besser noch, die Berufung (oder das Hobby) zum Beruf.

Natürlich ist es traurig, lästig, ärgerlich und anstrengend, wenn der Beruf nervt. Selbstverständlich gibt es Menschen, die in bester Absicht einen Beruf gewählt haben, der ihnen später nicht gefällt oder für den sie vielleicht nicht geeignet sind. Ich plädiere hier keinesfalls für ein Durchhalten um jeden Preis.

Aber mir scheint die Forderung übergroß. Autoren und Geisteswissenschaftler, die ihr Tätigkeitsfeld weitgehend selbst wählen und ihren Arbeitsalltag meist selbst bestimmen können, haben es leicht mit solchen Ansprüchen. Bei ihnen fallen das, was sie interessiert, und das, womit sie Geld verdienen, tatsächlich oft zusammen. Und das empfinden sie als angenehm.

Doch für die meisten Menschen ist Arbeit etwas, was sie nicht täten, wenn sie nicht dafür bezahlt werden würden. Zu Recht werden sowohl die Arbeitsbedingungen als auch die Inhalte und die Bezahlung in unterschiedlichsten Bereichen kritisch diskutiert. Dennoch kann es im Kern nur darum gehen, eine gute Lösung für die Notwendigkeit des Geldverdienens zu finden – und nicht gleich mit überzogenen Ansprüchen die Welt aus den Angeln heben zu wollen. Das löst am Ende nur Frust bei den Betroffenen aus.

Auf sich allein gestellt würde wohl niemand mehr arbeiten als notwendig. Aber wer heutzutage früher geht oder freiwillig die Wochenarbeitszeit reduziert, gilt als schwächlich oder faul. Wer hingegen diszipliniert rackert und ordentlich erschöpft ist, am besten immer ganz kurz vor dem Burn-out, hat sein Leben offenbar im Griff und ist irgendwie wichtig. Dieses Image reicht weit zurück. Lange galt Berufsarbeit gar als von Gott aufgetragene Pflicht. Hatte man Erfolg, war das ein Zeichen der Gnade, also für die Zufriedenheit des Herrn. Auch in der Frühindustrialisierung war Erwerbsarbeit in Deutschland überdurchschnittlich hoch angesehen.

Der häufigste Einwand gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen besteht in der Befürchtung, die Menschen würden dann nicht mehr arbeiten gehen. Entlarvend, dass die Angst vor der Faulheit – die durch nichts begründet ist – die größte Sorge der zivilisierten Gesellschaft ist . Arbeit und Beruf sind immer noch die wichtigsten sinngebenden Elemente im Leben vieler Menschen.

Der Druck nimmt zu