Mama, wann bekomm ich ein Handy? - Ulrich Hoffmann - E-Book
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Mama, wann bekomm ich ein Handy? E-Book

Ulrich Hoffmann

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Beschreibung

Helikopter-, Free-Range- oder Tiger-Eltern? Immer konsequent oder eher laissez-faire? Auf keinen Fall schimpfen, auf keinen Fall loben, oder doch irgendwo dazwischen? Ulrich Hoffmann und Frauke Meyer liefern Antworten auf die oft diskutierte Frage, was Eltern richtig – und vor allem nicht falsch – machen sollten in Sachen Erziehung.

„Mama, wann bekomm ich ein Handy?“ fasst die Ergebnisse aller relevanten psychologischen und soziologischen Studien zusammen, die sich dem Thema Kindererziehung widmen. Mit neuen Anstößen und wirksamen Methoden für ein entspanntes, harmonisches Familienleben, aus dem sozial kompetente und glückliche Kinder hervorgehen.

  • Die Ergebnisse aus 150 relevanten Studien zur Erziehung locker und leicht verständlich erklärt
  • Fremdbetreuung ja oder nein, wie viel TV- und Tablet-Zeit ist ok und wie meistern wir eigentlich die Pubertät?: Mit konkreten Beispielen und handfesten Tipps aus der Praxis
  • Mit Zusatzkapitel: wichtige Erziehungsfragen in Pandemie-Zeiten wissenschaftlich  beantwortet

Kaum ist das erste Kind auf der Welt, wird man von allen Seiten mit Ratschlägen überhäuft. Die eigene oder Schwiegermutter, der Nachbar von gegenüber, der fremde Papa auf dem Spielplatz, die Familienbloggerin – Erziehungsmethoden lassen niemanden kalt, jeder will etwas beitragen, und die Ansichten sind so unterschiedlich wie Kinder auf der Welt. Früh geförderte Kinder werden später erfolgreicher, die mit vielen Freiheiten verantwortungsvoller, am besten schlafen Kleinkinder im eigenen Bett und in der Trotzphase hilft nur konsequentes Durchgreifen. Wie vielen dieser Aussagen sind Sie bereits begegnet, welche gründen auf tatsächlichen Fakten, was entpuppt sich als Blödsinn? Ulrich Hoffmann und Frauke Meyer haben die Dos und Don’ts der Kindererziehung zusammengetragen. Ihr Buch liefert die lang ersehnten und vor allem wissenschaftlich geprüften Antworten auf die Frage, was Eltern und Kinder wirklich brauchen

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Seitenzahl: 288

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Bei der Verwendung im Unterricht ist auf dieses Buch hinzuweisen.

echtEMF ist eine Marke der Edition Michael Fischer

1. Auflage

Originalausgabe

© 2021 Edition Michael Fischer GmbH, Donnersbergstr. 7, 86859 Igling

Covergestaltung: Luca Feigs, unter Verwendung eines Motivs von Mark Nazh/shutterstock

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Montasser Medienagentur, München.

Redaktion: Theresa Sigusch

Bildnachweis: Alle Illustrationen via Shutterstock.com ©MilanoArt (S. 1), ©Aha-Soft (S. 19), ©BackWood (S.41), ©Gagnar (S. 49), ©Imeginator (S. 107), ©Fox Design (S. 117), ©Serhiy Smirnov (S. 149), ©Binly (S. 163), ©notbad (S. 179), ©Molas Photos (S. 205), ©ina9 (S. 227), ©WEB-DESIGN (S. 235), ©vladwel (S. 247)

Layout/Satz: Luca Feigs

Herstellung: Anne-Katrin Brode

ISBN 978-3-7459-0710-0

www.emf-verlag.de

Inhalt

EINLEITUNG

Wozu erziehen?

Welchen Zweck haben elterliche Bemühungen? Und sind diese Ziele erreichbar?

Plus: Wie Sie mit diesem Buch arbeiten können.

Erziehungsstile und Meilensteine

Worauf sollten Eltern beim Erziehen achten?

Was sind die wichtigsten sogenannten Erziehungsstile? Plus: eine Übersicht der wichtigsten Meilensteine der kindlichen Entwicklung.

WINDELN und SAUBERWERDEN

Willkommen im Pipi-Kacka-Land

Ein Entwicklungsziel, das bei Eltern oft Priorität hat. Doch ist es ratsam, die Entwicklung des Kindes hierbei voranzutreiben?

Essen

Guten Appetit!

Du bist, was du isst – doch die Meinungen darüber, wie „richtige“ Ernährung aussieht, gehen oft weit auseinander …

Schlafen

Guten Abend, gute Nacht

Wie lange sollten Kinder in welchem Alter schlafen - und wann eigentlich im eigenen Zimmer? Was tun bei Bettnässen? Fragen über Fragen zu einem zentralen Thema.

Gegeneinander und miteinander

Wie viel Streit muss sein?

Wie können Konflikte in der Familie möglichst konstruktiv und kreativ gelöst werden?

Kommunikation

Sprich! Mit! Mir!

Die Verantwortung für das Erlernen einer erfolgreichen Kommunikation liegt (natürlich) bei den Eltern.

FREIZEIT UND FREMDBETREuUNG

Wer fördert die Entwicklung am besten?

Sollten Kinder so viel wie möglich selbst betreut werden? Oder ist es besser, ihnen möglichst viele unterschiedliche Kontakte zu ermöglichen?

LERNEN

Für das Leben

Macht es Kinder wirklich klüger, wenn ihnen schon im Mutterleib Mozart vorgespielt wird?

Finanzen

Geld regiert die Welt?

Wann und wie viel Taschengeld sollten Kinder bekommen? Und vor allem: Was, wenn sie damit verantwortungslos umgehen?!

Krisen und Trauer

Auch Leid gehört zum Leben

Krisen und Trauer lassen sich nicht vermeiden. Doch wie können Eltern ihren Kindern helfen, diese schwierigen Gefühle zu durchleben?

Bildschirmzeit

Medienzirkus

Medienkonsum, Computerzeit & Co.: So zu tun, als gäbe es sie nicht, hilft nicht weiter. Daher müssen Eltern lernen, dieses brisante Feld zu navigieren.

Expert*INNen-­positionen

Praxistipps und Widersprüche

Von Jesper Juuls bis Katharina Saalfrank: Die Kernaussagen der wichtigsten Erziehungsexpert*innen auf einen Blick zusammengefasst.

WIE erzieht man anderswo?

Wir sind alle Ausländer*innen, fast überall

Es ist spannend, unterhaltsam oder auch lehrreich, was Eltern in anderen Ländern für Erziehungsmethoden anwenden.

Blick zurück nach vorn

Erziehung in den Zeiten nach Corona

Lassen sich aus der Pandemie neue Erkenntnisse gewinnen? Und wenn ja, welche?

Die wichtigsten Erkenntnisse

Kurz und knapp zusammengefasst

EINLEITUNG

Wozu erziehen?

Welchen Zweck haben unsere elterlichen Bemühungen? Und ist dieses Ziel überhaupt erreichbar?

Immerhin lautet ein gängiger Einwand gegen Helikoptereltern, Tigermütter, Attachement Parenting & Co.: „Groß werden sie alle“. Mit anderen Worten: Eltern, bleibt locker, lasst den Kindern ihren Freiraum, dann ruckelt sich das alles schon zurecht.

Daran ist sicherlich etwas Wahres. Seit zigtausend Jahren bekommen Menschen Kinder und ganz offensichtlich haben viele davon überlebt und selbst wieder Kinder bekommen. Ist das Bemühen um eine „gelungene“ Erziehung – was immer das heißen mag – also nur neuzeitlicher Unfug? Eine Beschäftigung für Eltern, die anderweitig nicht ausgelastet sind? Die ihr Ego im Übermaß auf die Sprösslinge projizieren – deren eigene Happiness vom Erfolg der Kinder abhängt?

Auch eine andere Sichtweise ist möglich. Vielleicht wissen wir zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit genug daüber, wie die psychologische Entwicklung funktioniert, um schädliche Tendenzen zu vermeiden. Und vielleicht haben Eltern dank Industrialisierung und Arbeitsteilung tatsächlich nicht nur Wissen genug, sondern auch ausreichend Zeit und Energie, sich aktiv für die Kinder zu engangieren, statt sie nur großwerden zu lassen.

Es sind nicht mehr nur die Frauen- und Psychologie-Magazine, die von den Langzeitfolgen schwieriger Kindheiten berichten. Solche Artikel finden sich auch in Männermagazinen. Und spätestens der Erfolg von Stefanie Stahls „Das Kind in dir muss Heimat finden“ legt nahe, dass viele Erwachsene sich mehr Verwurzelung und inneren Halt wünschen. Wieder: Vielleicht ist dieses Bedürfnis den neurotischen Megaansprüchen der Gegenwart geschuldet. Oder einer zunehmenden Machtlosigkeit im Außen, die durch mehr Selbstwirksamkeit im Innen ausgeglichen werden soll.

Kann sein. Aber selbst wenn, wäre dann der Wunsch, auf eine glückliche Kindheit zurückblicken zu können, wirklich problematisch?

„Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben“, soll der Hypnotherapeut Milton Erickson gesagt haben. Damit meinte er nicht, dass man problematische oder gar traumatische Erlebnisse leugnet oder verdrängt. Sondern dass wir sie mithilfe moderner psychologischer Werkzeuge bearbeiten, akzeptieren und integrieren können. Stark verknappt ging Erick­son davon aus, dass in der Kindheit erlernte Annahmen unsere Sichtweise auf die Welt prägen, unsere Interpretation der Gegenwart. Und dass wir über die Möglichkeit verfügen, diese Interpretation zu hinterfragen und zu verändern.

Der Wunsch danach ist bei vielen Erwachsenen vorhanden.

Eltern scheinen sich daher derzeit zwei Dinge zu wünschen:

Die Kinder sollen jetzt schon eineglückliche Kindheit erleben (d. h., sie sollen die Kindheit bereits in der Kindheit als glücklich wahrnehmen und sie nicht erst später umdeuten müssen).Die Kinder sollen später ein möglichst gelingendes Leben führen (d. h., sie sollen ihren Werten gemäß erfolgreich sein können).

Daraus ergeben sich im Erziehungsalltag jedoch häufig Probleme, denn die Ziele können in Konflikt geraten. Ein Kind ist jetzt glücklich, wenn es bekommt, was es will (Bildschirmzeit, ein Eis, Aufmerksamkeit, mehr Taschengeld usw.). Zu einem gelingenden Leben später trägt aber oft das Gegenteil bei. Was tun?

Wir wollten von der internationalen Forschung wissen, welche Entscheidungen in welchem Entwicklungsstadium aus welchen Gründen richtig sind.

Die RushHour des Lebens

Mia beißt, haut, kratzt und Jonas weint (oder weint nicht), wenn die Eltern sie in den Kindergarten bringen. Amelie isst nur Pommes, nur im Bett, nur mit Ketchup. Emil will unbedingt im Elternbett liegen, nicht alleine einschlafen, macht nachts ins Bett. Klara erledigt die Hausaufgaben nicht, findet keinen Kontakt zu den Klassenkamerad*innen, will immer nur am Handy spielen.

Ach so, und natürlich: Julian schläft schon durch, aber mein Kind noch nicht. Charlotte isst alles, was ihr vorgesetzt wird, aber mein Kind noch nicht. David kann schon lesen, aber mein Kind noch nicht. Ist mit meinem Kind alles in Ordnung?

Das sind einige der gängigen Probleme, die einen extrem hohen Druck auf Eltern in der sogenannten „Rushhour des Lebens“ aufbauen. Meist sind beide Eltern berufstätig, und diese Arbeitsverhältnisse sind heute selten ein beruhigender Fels in der Brandung wie bei den Großeltern oder manchmal sogar noch bei den Eltern. Sondern sie erfordern Proaktivität, Einsatz, Konzentration.

Soll das Kind in den Kindergarten oder muss es? Ist die Nachmittagsbetreuung eine Bereicherung und Entlastung – oder eine frustrierende Notwendigkeit?

Letztlich geht es häufig um die Frage: Machen wir es richtig?

Daher wollten wir herausfinden: Gibt es dieses „richtig“ überhaupt? Entweder als objektive Aussage für alle Kinder oder zumindest als Baukastensystem (wenn Kind so, dann Lösung A, wenn Kind so, dann Lösung B)?

Das Richtige wollen, das Richtige messen

Die Unsicherheit der Eltern mag bedingt sein durch die Individualisierung der Lebensläufe. Bis vor wenigen Jahrzehnten prägten Religion und/oder gesellschaftliche Erwartungen die Erziehung. Es war klar, was „richtig“ war und was „revolutionär“. Diese Zeit ist vorbei. Und wir weinen ihr keine Träne nach. Es ist eine großartige Errungenschaft, dass die Möglichkeit besteht, dem eigenen inneren Kompass in Sachen Kindererziehung zu folgen. Der Preis dafür ist häufig jedoch die Notwendigkeit, diesen Kompass erst einmal zu finden, und dann zu lernen, mit seiner Hilfe korrekt zu navigieren. Das hat uns niemand vorgelebt, geschweige denn beigebracht, wir sind auf uns allein gestellt. Und können eben noch nicht mal wirklich Freund*innen um Rat fragen, weil sie im Detail eben doch anders sind als wir. (Noch mal: Das ist gut. Sonst wären wir ja alle austauschbar. Nur müssen wir eben damit umgehen lernen.)

Warum also noch ein Elternratgeber? Weil es viele neue wissenschaftliche Erkenntnisse aus den unterschiedlichsten Disziplinen gibt, die dabei helfen, Erziehungsentscheidungen guten Gewissens zu treffen. Die Forschung ist interessant, lehrreich, hilfreich. Sie ermöglicht, die eigenen Werte und Ziele zu reflektieren und, wenn nötig, zu korrigieren. Und wenn wir wissen, warum wir wohin wollen, werden wir im Alltag auch wieder handlungsfähig(er).

Diese Überlegungen sind doppelt wichtig, weil wir dazu neigen, auf die falschen Dinge zu achten. Der Psychologe Daniel Kahneman legt in seinem Bestseller „Schnelles Denken, langsames Denken“ dar, dass wir in unübersichtlichen Situationen dazu neigen, eine schwierige Frage durch eine leichtere zu ersetzen – ohne es zu bemerken. Die Mathematikerin Hannah Fry wendet diese Erkenntnis in ihrem Artikel „What Really Counts“1 auf die Einschätzung der Schulbildung an. Alle Eltern möchten gern, dass ihre Kinder eine „gute Ausbildung“ erhalten. Aber wann genau ist eine Ausbildung „gut“? Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten. Also weichen wir auf eine sehr viel einfachere Frage aus: Wie „gut“ sind die Noten unserer Kinder in den Tests, Arbeiten und Zeugnissen? Und weil wir so weitgehend unbemerkt das Falsche messen beziehungsweise bewerten, entsteht ein System, in dem nicht mehr für das Leben gelernt wird, sondern für Tests, Arbeiten und Zeugnisse.

Wir werden deshalb in diesem Buch bewusst darauf achten, die richtigen Fragen zu stellen und die wirklich wichtigen Ergebnisse zu vergleichen.

Dafür brauchen wir allerdings Ihre Hilfe. Denn es gibt kein objektiv ideales Leben. Für das eine Kind mag tatsächlich Schulwissen immens wichtig und hilfreich sein, für ein anderes nicht. Das eine Kind braucht Unterstützung dabei, Freund*innen zu finden, das andere nicht. Deshalb müssen Sie sich folgende Fragen stellen:

Was macht ein gutes, gelingendes Leben aus?Welche Fähigkeiten und Werte möchten Sie Ihrem Kind mitgeben und warum?Wie können Sie überprüfen (= messen), ob Ihnen das gelingt? An welchen Problemen, Ereignissen oder Meilensteinen können Sie feststellen, ob Sie auf dem „richtigen“ Weg sind oder nicht?Inwieweit können und sollten Eltern, Ihrer Ansicht nach, Kinder erziehen, formen oder beeinflussen? (Immerhin geht das Wort „erziehen“ auf den Wortstamm „irziohan“ zurück2, althochdeutsch für: herausziehen. Und herausziehen kann man nur, was schon drin ist.)

Die Erkenntnisse, die wir Ihnen in diesem Buch vorstellen, entfalten ihren Nutzen nur im Zusammenspiel mit Ihren persönlichen Ansichten darüber, was wichtig ist und was nicht. Anders gesagt: Wäre dieses Buch ein Test von Navigationsgeräten und eines wäre besonders gut für Stadtfahrten geeignet, eines für Off-Road-Abenteuer, eines auf der Südhalbkugel, eines auf hoher See, dann müssten Sie auch erst einmal wissen, wo Sie hinwollen, bevor Sie Ihre Kaufentscheidung fällen.

Eine lange Geschichte

Der Kindererziehung – oder zumindest ihrem Ergebnis, nämlich möglichst lebenstüchtigen Erwachsenen – wurde immer schon Bedeutung zugemessen.3 Erste Aufzeichnugen stammen aus dem alten Ägypten, dem Codex Hammurapi (eine babylonische Schriftensammlung aus dem 18. Jh. v. Chr.) und von prä-sokratischen Philosophen. Damals und bis vor wenigen Jahrzehnten suchte man nach möglichst direkten Zusammenhängen zwischen dem elterlichen Verhalten und dessen Wirkung auf das Kind.4 Motto: Tu dies, erhalte das! Die Eltern oder Erzieher*innen waren sozusagen „Trainer*innen“, die Kindern alles gesellschaftlich Notwendige beibrachten wie Zirkuspferden. Der Nachwuchs galt als unbeschriebenes Blatt, als leeres Gefäß. Heute weiß man, dass Kinder bereits mit einem eigenen Temperament5 zur Welt kommen und dass Erziehung schon allein deshalb nur interaktiv und intersubjektiv gelingen kann: In einem Wechselspiel genau dieser Persönlichkeiten. Aktuell untersucht wird daher, welche elterlichen Verhaltensweisen zu welchem Zeitpunkt welche Auswirkungen auf die Entwicklung welcher Kinder haben.6 Dieses Buch fasst auf eine (hoffentlich) leicht nachvollziehbare und gut umsetzbare Weise den aktuellen Stand der Forschung zusammen.

Aufbau

Sie können das Buch von vorn bis hinten durchlesen (was wir hoffen). Oder Sie können dort aufschlagen, wo es bei Ihnen brennt.

Wir haben lange überlegt, wie sich unsere Erkenntnisse am nützlichsten wiedergeben lassen. Traditionell wird in Elternratgebern nach Alter beziehungsweise Entwicklungsschritten gegliedert. Wir haben uns dagegen entschieden, weil kaum ein Kind sozusagen „in der Breite“ alle Problemthemen anstößt. Sondern manche sind stiller, andere aggressiver. In manchen Familien läuft es am Morgen rund, am Abende nicht – oder eben umgekehrt. Da ist Geld ein schwieriges Thema, dort die Einhaltung von Regeln und wieder woanders die Medienzeit. Außerdem ist Erziehung eine zukunftsgewandte Aktivität. Unser Verhalten als Eltern ist mindestens zum Teil davon bestimmt, wie wir uns die eigene Zukunft und die Zukunft der Kinder vorstellen und wünschen. Deshalb ist es sinnvoll, beim Jetzt immer auch das Übermorgen mitzudenken. Also haben wir die Informationen nach Themen gebündelt.

Zuerst stellen wir kurz die wichtigsten Erziehungstheorien und -stile vor. Sie sind die relevanten Bezugspunkte für viele folgende Erklärungen. Hier beschäftigen wir uns auch noch einmal ausführlicher mit der Frage, ob und mit welchem Ziel Eltern erziehen (sollten) – und auch, ob so etwas wie Erziehung überhaupt möglich ist. Hier finden Sie auch eine Übersicht der wichtigsten „Meilensteine“ der kindlichen Entwicklung.

Danach nehmen wir uns die häufigsten Krisenherde vor: Windeln beziehungsweise Sauberwerden. Essen. Schlafen. Gegeneinander und Miteinander (hier behandeln wir sowohl die Kooperation im Alltag wie auch die Trotzphasen). Kommunikation. Freizeit und Fremdbetreuung. Lernen. Finanzen. Krisen und Trauer. Medien. (Geordnet haben wir die Abfolge der Themen einerseits nach dem Alter der Kinder, andererseits nach der wahrgenommenen Intensität des Problems.)

Zur Studienauswahl

Wir haben nationale und internationale Studien herangezogen. Sie wurden in anerkannten wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht. Im Regel­fall sind diese „peer reviewed“, wurden also von fach­kompetenten Wissenschaftler*innen Korrektur gelesen. Manche Untersuchugnen beziehen sich auf große Reihenuntersuchungen, bei denen größere Gruppen verglichen worden sind, die einer bestimmten Situation ausgesetzt waren oder eben nicht. In anderen Fällen konnte nur eine kleine Zahl von Kindern befragt werden. Wo es für das Ergebnis relevant erscheint, nehmen wir entsprechende Angaben vor. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf aktuellen Studienergebnissen. Im Zweifel haben wir Untersuchungen aus dem deutschsprachigen oder europäischen Raum bevorzugt, weil Kinderer­ziehung immer auch im sozialen Kontext erfolgt.

Weil sich zwar vieles messen und erforschen lässt, Erziehung aber trotzdem niemals eine exakte Naturwissenschaft werden wird, folgen darauf noch Zusammenfassungen relevanter, zum Teil auch umstrittener Expert*innenpositionen. Diese können da und dort vielleicht noch eine ergänzende Anregung (oder auch eine Abschreckung) bieten. Und ganz zum Schluss werfen wir noch einen Blick über den Tellerrand und beschäftigen uns damit, wie Kinder anderswo großwerden – und was wir davon lernen können.

Wir wünschen Ihnen und Ihren Kindern von Herzen alles Gute!

Frauke Meyer und Ulrich Hoffmann

1 Hannah Fry, „What Really Counts“, The New Yorker XCVII, Nr. 6 (29. März 2021): 70–73.

2 „Duden | erziehen | Rechtschreibung, Bedeutung, Definition, Herkunft“, zugegriffen 8. April 2021, https://www.duden.de/rechtschreibung/erziehen.

3 Marc H. Bornstein, „Parenting Science and Practice“, o. J., 57; French in Marc H. Bornstein, Hrsg., Handbook of parenting, 2nd ed (Mahwah, N.J: Erlbaum, 2002), 345–76.

4 Bornstein, „Parenting Science and Practice“, 897.

5 Jerome Kagan und Nathan A. Fox, „Biology, Culture, and Temperamental Biases“, in Handbook of Child Psychology, hg. von William Damon und Richard M. Lerner (Hoboken, NJ, USA: John Wiley & Sons, Inc., 2007), chpsy0304, https://doi.org/10.1002/9780470147658.chpsy0304; „ABSTRACT“, Monographs of the Society for Research in Child Development 72, Nr. 2 (Juli 2007): vii–vii, https://doi.org/10.1111/j.1540 to 5834.2007.00436.x.

6 Bornstein, „Parenting Science and Practice“, 933.

Erziehungsstile und Meilensteine

Viele Wege führen ans Ziel. Aber noch mehr führen daran vorbei. Erziehung ist keine Einzelaktion, keine Abfolge von Tipps und Tricks. Kein Elternteil macht alles richtig. Und das ist auch nicht nötig. Wichtig für den Erfolg ist die grundsätzliche Haltung. Wie diese zum Ausdruck kommt, kann individuell sehr unterschiedlich sein.

Auf den nächsten Seiten stellen wir Ihnen die wichtigsten sogenannten „Erziehungsstile“ vor. Im Anschluss folgt eine Übersicht der wichtigsten „Meilensteine“ der kindlichen Entwicklung.

Worauf sollten Eltern beim Erziehen achten?

Was tun, wenn der kleine Ben dem kleinen Jonas das Schäufelchen wegnimmt? Vier Elternpaare, acht Meinungen. Dezent wegschauen, die Kinder werden das schon regeln. Energisch dazwischengehen, damit Ben lernt, was nicht in Ordnung ist. Energisch dazwischengehen, damit Jonas Solidarität erlebt. Später kritisch mit Ben reden. Später Jonas erklären, dass im Leben nicht alles so läuft, wie man es sich wünscht. Beiden Kindern eine Auszeit verordnen und sie anschließend dazu befragen, wie sie die Sache erlebt haben und welche Lösung sie vorschlagen würden. Eine Ersatzschaufel aus der Buggytasche ziehen und Jonas in die Hand drücken. In den Himmel zeigen und rufen: „Schaut mal, eine tote Möwe!“

Je nach Persönlichkeit und Tagesform reagieren Eltern sehr unterschiedlich. Das kennt man auch aus Interaktionen unter Erwachsenen. Es gibt welche, die sind meistens freundlich – aber manchmal eben nicht. Es gibt welche, die sind nie freundlich – aber manchmal eben doch.

Trotzdem ergibt sich in der Summe ein Bild aus den Schwerpunkten der Alltagshandlungen. Oder, im Fall von Erziehung, ein Erziehungsstil. Und genau wie es einige besonders häufige Persönlichkeitstypen gibt (von denen manche beliebter sind als andere), gibt es einige besonders häufige Erziehungsstile (von denen einige besser funktionieren als andere). Für die Klassifizierung werden unterschiedliche Elemente des elterlichen Verhaltens bewertet, die sogenannten Dimensionen. Der aktuelle Quasi-Standard der Erziehungsstile ist das Modell nach Maccoby und Martin:

Hohe Forderungen

Geringe Forderungen

Hohe Responsivität

Autoritativ

Permissiv, Verwöhnend

Geringe Responsivität

Autoritär

Zurückweisend, Vernachlässigend

Bis etwa Anfang der 80er wurden Erziehungsstile nach „hoher Wertschätzung“ und „geringer Wertschätzung“ sowie hoher, mittlerer und geringer „Lenkung“ bewertet. Damals ging man davon aus, dass eine „mittlere Lenkung“ und eine „hohe Wertschätzung“ ideal für Kinder wären. Man nannte dieses Erziehungskonzept partnerschaftlich-sozialintegrativ. Klingt gut, oder?

Eltern, die ihre Kinder eher wie Untergebene herumkommandierten, verhielten sich „autokratisch“. Am anderen Ende des Spektrums waren diejenigen, die möglichst wenig Vorgaben durchsetzten, sich also „antiautoritär“ oder „laissez-faire“ positionierten. Obwohl sie das zumindest zum Teil aus Liebe und nicht aus Desinteresse taten, wurde ihnen dennoch nur eine „geringe Wertschätzung“ der Kinder zugesprochen.

Eleanor Maccoby und John Martin kombinierten die Elemente 1983 anders und kamen so zu den, in der Tabelle oben klassifizierten, vier Erziehungsstilen. Um es vorwegzunehmen: Gut weg kommt nur einer davon, der autoritative.

„Hohe Forderungen“ bedeutet, wie zu erwarten, hohe Ansprüche an das Kind zu stellen. Werden diese knallhart durchgesetzt („geringe Responsivität“), wird es autoritär. Werden sie situativ auf das Kind abgestimmt („hohe Responsivität“), ergibt sich eine Art natürliche Autorität der Eltern. Vielleicht kennen Sie das aus der Schule, die meisten von uns hatten zumindest eine*n oder einige Lehrer*innen, der*die nicht herumschreien musste, sondern aus sich heraus Respekt forderte und gezollt bekam. Wer von Kindern (zu) wenig verlangt, vernachlässigt sie entweder (wenn man gar nicht weiter auf sie achtet, also eine „geringe Responsivität“ zeigt) oder verwöhnt zu sehr (wenn eine „hohe Responsivität“ vorliegt).

Dieses Modell ist weitverbreitet und recht einfach nachzuvollziehen, auch wenn die Bezeichnungen ein wenig sperrig daherkommen. Allerdings nennen andere Expert*innen noch weitere „Dimensionen“, die berücksichtigt werden sollten, darunter:

Fürsorge und Empathie (Einfühlungsvermögen)Unterstützungemotionale WärmeAkzeptanzStrengeKontrolle vs. AutonomieDisziplinKonsequenz

Diese überschneiden sich natürlich und trotzdem wird klar, dass das Modell von Maccoby und Martin jedenfalls nur eine sehr grobe Orientierung bieten kann.

Eine japanische Studie ergab, dass Kinder autoritativer Eltern im Durchschnitt später im Leben gut verdienten, beruflich erfolgreich und auch glücklich waren.7 Aber: Kinder mit besonders strengen Eltern galten ebenfalls als beruflich und finanziell erfolgreich. Und nur unwesentlich weniger glücklich (im Rahmen dieser Studie definiert als selbstsicher und positiv gestimmt).8 Viel problematischer als die oft thematisierte Strenge hingegen war Desinteresse. Kinder von Eltern, die sich nicht viel um sie kümmerten, standen finanziell und emotional schlechter da als alle anderen.9

Zudem stellten Forscher in Spanien fest, dass die Teenager permissiver (verwöhnender) Eltern sich ebenso gut benahmen und ebenso gut mit dem Leben zurechtkamen wie die autoritativer Eltern.10 Außerdem ergab eine europaweite Untersuchung, dass der Drogenkonsum der ganz offiziell von den Eltern „verwöhnten“ Kindern auch nicht höher war.11 Ebenso ließ sich zeigen, dass diejenigen Erziehungsmethoden besser funktionierten, die andere Eltern ebenfalls an den Tag legten – wogegen regional untypisches Verhalten schlechtere Erziehungsergebnisse hervorbrachte. 12

Welcher Erziehungstyp bin ich?

Damit Sie sich aktuell selbst einordnen können, hier ein kleiner Test13:

Welche Sätze halten Sie für richtig (beziehungsweise wie verhalten Sie sich im echten Leben? Notieren Sie einfach die Symbole der Sätze, die auf Sie zutreffen.

Sie geben Regeln vor, aber setzen diese nur ungern durch. (Â)Sie geben sich viel Mühe und investieren viel Zeit, um eine positive Beziehung zu Ihrem Kind aufzubauen und zu erhalten. (¯)Kinder soll man sehen, nicht hören. (u)Sie fragen Ihr Kind nicht, wie es in der Schule war oder was es für Hausaufgaben hat. (x)Sie halten nicht viel von Strafen und Konsequenzen. (Â)Wer ist denn hier der Boss? (u)Sie erläutern die Gründe für Ihre Regeln. (¯)Sie wissen oft nicht, wo Ihr Kind sich befindet oder mit wem es unterwegs ist. (x)Kinder lernen am besten, was sie gerade lernen müssen, wenn man sie in Ruhe lässt. (Â)Kinder wissen sowieso noch nicht, was gut für sie ist. (u)Sie bestehen darauf, dass Regeln eingehalten werden, berücksichtigen aber auch die aktuelle Situation Ihres Kindes. (¯)Sie verbringen recht wenig Zeit mit Ihrem Kind. (x)

Was die Symbole bedeuten:

(Â) steht für Aussagen, die typisch sind für den permissiven (verwöhnenden) Erziehungsstil.

(¯) steht für Aussagen, die typisch sind für den autoritativen Erziehungsstil.

(u) steht für Aussagen, die typisch sind für den autoritären Erziehungsstil.

(x) steht für Aussagen, die typisch sind für den zurückweisenden (vernachlässigenden) Erziehungsstil.

Selbstverständlich treten diese Stile und Typen meist in Mischformen auf!

Woher kommt der eigene Erziehungsstil?

Vermutlich stellt der eigene Erziehungsstil eine Mischung aus Verhaltensweisen dar, die wir zum einen von den eigenen Eltern übernommen oder die wir bei diesen abgelehnt haben, und zum anderen besteht der persönliche Erziehungsstil aus Elementen, die wir bewusst einfließen lassen. Beispielsweise Handlungsanweisungen, weil sie gerade im Trend sind, „man macht das so“, oder weil wir entschieden haben, uns auf eine bestimmte Weise zu verhalten (zum Beispiel in einem Kurs erlernt oder nach einem Gespräch oder einer Reflexion beschlossen).

Unter den drei eher ungünstigen Erziehungsstilen leiden manche Kinder mehr, manche weniger. Für alle bedeutet allerdings großer Stress inkonsistente, also wechselnde Verhaltensweisen. Auch das kennt man von Begegnungen zwischen Erwachsenen. Ein grundsätzlich eher kritischer Chef ist einfacher zu ertragen als einer, der mit Zuckerbrot und Peitsche ankommt, also mal schmeichelt und dann wieder schimpft (ohne, dass jeweils klar würde, weshalb). Wie für uns ist es auch für Kinder vor allem dann verunsichernd, wenn das Verhalten einer Person unvorhersehbar wechselt14 (wenn zwei Elternteile unterschiedlich auftreten, egal, ob sie getrennt oder gemeinsam erziehen, gelingt die Zuordnung15).

Der Erziehungsstil ist grundsätzlich veränderlich. Hinzu kommt, dass keine Person sich zu unterschiedlichen Zeitpunkten in ähnlichen Situationen stets gleich verhält. Insofern geht es also nicht um einzelne Handlungen, sondern um eine Art Gesamtbild.

Bei der Langzeitbeobachtung16 von 500 jugendlichen Mädchen ließ sich zudem zeigen, dass sich aus dem Verhalten der Eltern keine Vorhersagen über ein problematisches Verhalten der Jugendlichen ableiten ließ. Aber je wilder und trotziger die Mädchen sich benahmen, desto weiter rückten die Eltern von ihnen ab. Je problematischer der Umgang mit den Kindern sich gestaltete, desto distanzierter wurden die Eltern mit der Zeit. Die Forscher schlossen daraus, dass es durchaus sein kann, dass manche Kinder schlicht „schwieriger“ sind als andere – und dass dieses Verhalten die Eltern dazu bringt, sich immer weniger zu bemühen. (Was verständlich wäre, aber nicht hilfreich ist. Stattdessen raten die Wissenschaftler*innen dazu, Beratungen für Eltern und Kinder in Anspruch zu nehmen. Das geschieht vermehrt niederschwellig bei Elterncoaches – neudeutsch für „Erziehungsberater“. Coaching ist sehr handlungsorientiert und bietet oft praktische Ratschläge. Lassen diese sich im Alltag nicht umsetzen oder wird die erhoffte Entlastung nicht erreicht, sollten der*die Kinderarzt*in beziehungsweise ein*e Therapeut*in hinzugezogen werden. Ja, das kostet Geld und Zeit. Aber Erziehungsarbeit in den ersten zehn Jahren zahlt sich in den zweiten zehn vielfach aus!)

Entwicklung der Erziehung in Deutschland

Anfang des 20. Jahrhunderts (also noch vor dem Ersten Weltkrieg) verbreitete sich in bildungsnahen Bevölkerungsschichten die sogenannte „Reformpädagogik“. Zu deren Kernthesen gehört die Rücksichtnahme auf die „natürliche Entwicklung“ der Kinder und die Stärkung ihrer Selbsttätigkeit und Selbstverwaltung. Mit anderen Worten: Kinder sollten sich in ihrem eigenen Tempo entfalten dürfen und möglichst viel selbst tun können.

Montessori und Pestalozzi

Vielen fallen in Bezug auf Erziehungskonzepte die Namen Montessori und Pestalozzi ein. Johann Pestalozzi (1746–1827) war ein Schweizer Pädagoge. Er gilt als Begründer der Reformpädagogik und vertrat dabei einen ganzheitlichen Ansatz, mit dessen Hilfe sich Kinder zu selbstständigen, kooperativen Mitgliedern einer demokratischen Gemeinschaft entwickeln sollten. Sein Ziel bestand darin, die natürliche Motivation der Schüler*innen zu nutzen, statt sie stur einen Lehrplan abarbeiten zu lassen. Erziehung baue, seiner Ansicht nach, gewissermaßen eine Brücke zwischen Natur und Kultur. Maria Montessori (1870–1952) war eine italienische Ärztin und Reformpädagogin. Sie ging davon aus, dass Kinder sich gern und eigenständig Wissen aneigenen möchten, also lernen wollen. In Montessorischulen wird daher viel Wert auf Freiarbeit gelegt. Ihr Motto: „Hilf mir, es selbst zu tun“. Montessori stellte das einzelne Kind als Individuum in den Mittelpunkt ihrer Erziehungstheorie. Vergleiche mit anderen werden daher in der Montessoripädagogik vermieden. (Andererseits war Montessori der Ansicht, Abweichungen von „Ideal des göttlichen Kindes“ müssten durch passende Lernangebote ausgeglichen werden.) Laut Montessori

behindern sowohl Strafen wie auch Belohnungen das Lernen.

Kritiker*innen bemängeln, dass Montessoris Position nicht wissenschaftlich begründet, sondern weltanschaulich motiviert sei.

Im Nationalsozialismus (1933–1945) sollte möglichst wenig Erziehung durch das Elternhaus geleistet werden, möglichst viel durch staatliche Institutionen wie Schule, Deutsches Jungvolk beziehungsweise Jungmädelbund (10–14 Jahre) sowie Hitler-Jugend und Bund Deutscher Mädel (14–18 Jahre).

Kinder waren aufgefordert, ihre Eltern zu denunzieren, zum Beispiel wenn diese ausländische Radiosender hörten.

In Westdeutschland folgte in der Nachkriegszeit eine deutliche Gegenbewegung bis hin zur sogenannten „Antipädagogik“: Kinder würden überhaupt keine Erziehung benötigen, so hieß es. Die Familienstrukturen waren meist konservativ – Vater arbeitete, Mutter blieb zu Hause.

In der DDR war es üblich, dass beide Eltern arbeiteten. Insofern gab es ein deutlich umfangreicheres Angebot der Kinderbetreuung als in der BRD. Zugleich bestand so die Möglichkeit, einen größeren Teil der Kindererziehung staatlich zu steuern.

Heute sollen beide Möglichkeiten gleichwertig nebeneinander existieren, auf der einen Seite weitgehende Betreuung durch die Eltern (oder Verwandte) und auf der anderen Seite Betreuung in Krippe oder Kita. Dabei sollen die staatlichen Betreuungsangebote möglichst wertneutral agieren. Kritisiert wird allerdings, dass ganz grundsätzlich manche „typisch deutschen“ Eigenheiten unbewusst noch aus der Nazizeit beibehalten worden seien.17 So beispielsweise die weitverbreitete Annahme, Kinder sollten so bald wie möglich in einem eigenen Zimmer schlafen und eher früher als später abgestillt werden. Auch der Wunsch mancher Eltern, als Autorität wahrgenommen zu werden und die narzisstische Kränkung, wenn Kinder dies nicht tun, mag auf diese Zeit in der deutschen Geschichte zurückgehen. (Was vielleicht den Erfolg von abwertenden Publikationen wie „Jedes Kind kann schlafen lernen“ oder „Das Pubertier“ erklärt.)

Das Leben der anderen

In Deutschland gab es 2019 etwa 11,5 Millionen Familien mit Kindern im Haus. Davon waren rund 20 Prozent Familien mit alleinerziehenden Müttern, 4 Prozent mit alleinerziehenden Vätern.18 In 63 Prozent der Familien mit Kindern unter sechs Jahren waren beide Eltern berufstätig.19 93 Prozent der Väter arbeiteten in Vollzeit, aber nur 27 Prozent der Mütter.20

2 Prozent der Kinder unter einem Jahr wurden regelmäßig außer Haus betreut.21 Mit eins gingen 38 Prozent der Kinder in eine Kita, mit zwei 65 Prozent.22

Die wichtigsten Meilensteine der Entwicklung

Inzwischen gibt es recht gute Übersichten der körperlichen und psychischen Entwicklungsschritte von Kindern. Im Zweifel fragen Sie bitte Ihre*n Kinderarzt*in, statt sich von den folgenden Übersichten in Sorge versetzen zu lassen!

Wir führen diese hier nicht deshalb auf, damit Sie überprüfen können, ob Ihr Kind „normal“ (= der Norm, also dem Durchschnitt entsprechend) ist. Sondern vor allem deswegen, damit Sie den jeweiligen Entwicklungsschritt vorausahnen und erkennen können.

Bitte bedenken Sie: Die Entwicklung jedes Kindes verläuft in jedem Bereich individuell. Manche Kinder entwickeln sich insgesamt langsamer, andere insgesamt schneller, manche nur in einigen Bereichen langsamer oder schneller. Die sogenannte „Varianz“ (der Entwicklungsunterschied zwischen den Kindern) ist außerordentlich groß!

In der Klinik oder von der Hebamme haben Sie vermutlich das sogenannte „Gelbe Heft“ erhalten, in dem Ärzt*innen sowie teilweise Hebammen und Entbindungspfleger*innen das genaue Datum und die Ergebnisse aller U-Untersuchungen eintragen. Die Unterschungen U1 bis U7 erfolgen bis zum Ende des zweiten Lebensjahres. Darauf folgen23:

U7a (34.–36. Lebensmonat)

U8 (46.–48. Lebensmonat)

U9 (60.–64. Lebensmonat)

Im Alter zwischen 12 und 14 Jahren hat Ihr Kind dann noch Anspruch auf die J1-Untersuchung, zwischen 16 und 17 auf die J2.

Bei diesen Untersuchungen überprüft der*die Arzt*in, ob Ihr Kind sich „normal“ entwickelt im Sinne der großen Spannweite der Realität. Zudem können Sie nachfragen, wenn nötig.

Am Ende des Gelben Heftes finden Sie sogenannte „Perzentilenkurven“ für Körpergröße und -gewicht. Dort können Sie beispielsweise sehen, dass die meisten siebenjährigen Mädchen (94 Prozent) zwischen 110 und 130 cm groß sind und zwischen 18 und 34 kg wiegen.

Die folgenden Entwicklungsschritte und -phasen fallen in den Altersbereich, mit dem wir uns in diesem Buch beschäftigen (ca. 2 bis 10 Jahre):24

Kind schläft insgesamt ca. 12 Stunden pro Tag, benötigt ca. 30 Min. zum Einschlafen, wacht nachts 1–2 Mal auf: ab 2 Jahren (so eine finnische Auswertung25 britischer Daten im Jahr 2020).Trotzphase (Autonomiephase): zwischen 2 und 5 Jahren26Feinmotorisch basteln (z. B. Perlen aufreihen): 3 bis 6 JahrePluralformen bilden: ca. 3 JahreDreirad fahren: ab 3 Jahre27Eifersucht auf Andere: ab 3 Jahre28Fähigkeit, kurz zu warten, bis es dran ist: ca. 3 Jahre29Sätze bilden: ca. 4 JahreKann eigenständig Hände waschen und abtrocknen: ab 4 Jahren30Blasen- und Darmkontrolle tags und nachts: ab ca. 4 Jahren31 (ABER: die Werte sinken danach noch einmal,32 d. h., es ist vollkommen normal, wenn das Kind auch in den nächs­ten Jahren erneut und/oder ab und zu, z. B. beim Spielen oder nachts in die Hose bzw. ins Bett macht!)Malbewegung aus dem Handgelenk (statt mit dem Unter­arm): 3 bis 6 JahreMagisches Denken (Kind glaubt, dass z. B. Wünsche wahr werden können oder böse Gedanken Unglücke verursachen): 3 bis 6 JahreÜbertreibungen und bewusstes Flunkern: ca. 5 Jahre33Erkennt sinnwidrige Aussagen („Unfug“): ab 5 Jahre34Stolz auf Bewältigung schwieriger Aufgaben: ca. 5 JahreKurze Aufträge merken und erledigen: ca. 5 Jahre (4 bis 7 Jahre)Fragen stellen und beantworten, Verhalten erklären: ca. 5 JahreFahrradfahren: 5 bis 6 Jahre (manche Kinder früher)Schuhe zubinden: ca. 6 Jahre (zwischen 3 und 7 Jahren)Buchstaben nachzeichnen, sauber ausmalen: ab ca. 6 Jahren35Induktive und deduktive Schlüsse (vom Besonderen auf das Allgemeine, vom Allgemeinen auf das Besondere): ab ca. 6 JahrenIntegriert sich in Mannschaften: ab ca. 6 Jahren36Kann Geschichten nacherzählen: ca. 6 Jahre37Grundstrukturen der Muttersprache: ca. 6 bis 7 JahreBeginn des Zahnwechsels: 6 bis 7 Jahre38Fremdeinschätzungen beeinflussen Selbstwertgefühl: ab ca. 8 JahrenKonzentrationsfähigkeit von maximal 20 Minuten: 6 bis 11 (!) JahreSprachwitz, Doppeldeutigkeiten: ab ca. 10 JahrenDifferenzierte Emotionen (z. B. Freude auf Ferien, aber Trauer, die Freund*innen nicht zu sehen): ab ca. 11 Jahren

Entwicklungsschritte nach Erikson

Zu den meisten dieser Entwicklungsschritte werden Sie von Erzieher*innen Feedback erhalten, von Lehrer*innen, Kinderarzt*innen. Ergänzend scheint es uns hilfreich, das Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung nach Erikson zumindest zu überfliegen. Der Psychoanalytiker Erik Erikson und seine Frau Joan beschrieben mit diesem Modell die Entwicklung von Menschen. Wie schon Sigmund Freud vor ihnen gehen auch die Eriksons davon aus, dass manche Schritte erfolgen oder sogar abgeschlossen sein müssen, bevor die nächsten getan werden können. Die Eriksons waren der Ansicht, dass die Entwicklungsschritte jeweils durch eine Krise eingeleitet werden, mit der wir uns aktiv auseinandersetzen müssen.

Im ersten Lebensjahr geht es dabei um Vertrauen beziehungsweise Misstrauen: Wie belastbar (glaubwürdig) ist das Grundgefühl des „Sich-verlassen-Dürfens“? Im zweiten und dritten Lebensjahr beschäftigt uns die Autonomie, also unser Wille – im Kontrast zu Scham und Zweifel. Kinder erfahren beziehungsweise erleben, dass es ein Ich gibt, das etwas wollen (oder – Hallo, Trotzphase – auch nicht wollen) kann.

Es folgen:

4. bis 5. Jahr

Initiative vs. Schuldgefühl (Vorstellungen entwickeln von dem, was zukünftig sein könnte)

6. bis etwa 12. Lebensjahr

Lernen vs. Minderwertigkeitsgefühl (Kind möchte lernen; wird es dabei längere Zeit deutlich unter- oder überfordert, kann der Lernwille umschlagen in ein Gefühl der Unfähigkeit und Minderwertigkeit)

Jugend

Ausbildung und Festigung der Ich-Identität (Wer bin ich und stimmt dieser Eindruck auch?)

In den darauffolgenden Jahren folgen als Entwicklungsschritte noch die Beschäftigung mit Intimität beziehungsweise Isolation (also Nähe vs. Distanz), die Entscheidung, selbst Eltern zu werden oder nicht (also genau genommen die Frage, ob man etwas weitergeben kann und will an zukünftige Generationen oder ganz auf sich bezogen bleibt) sowie schließlich im Alter der Versuch, das faktisch gelebte Leben (und auch das eigene Scheitern) zu integrieren, wobei es auch zu Verzweiflung darüber kommen kann, wenn diese Integration nicht gelingt.

Wie alle Modelle ist auch dieses umstritten. Es bietet aber in seiner Klarheit gute Möglichkeiten, sich Gedanken darüber zu machen, welche Schritte im Leben eigentlich wann getan werden müssen, können, sollten. Sie können mit der Hilfe dieses Modells auf das eigene Leben zurückblicken, aber auch das Leben Ihrer Kinder ein wenig vorausdenken. Anders formuliert: Wer über den Tellerrand des täglichen Machtkampfes um Anziehen, Rausgehen und Einschlafen hinausdenken kann, hat es leichter, zu entscheiden, worauf wie reagiert werden soll.

Die vier Bindungstypen

Der britische Kinderpsychiater John Bowlby, der schottische Psychoanalytiker James Robertson und die amerikanisch-kanadische Psychologin Mary Ainsworth entwickelten bis etwa 1970 eine Theorie der kindlichen Bindungsmuster. Sie beobachteten, wie Kinder auf neue Situationen reagierten, und stellten drei sich wiederholende Muster fest:

Sichere Bindung: Das Kind ist emotional offen und verleiht seinen Gefühlen Ausdruck.Unsicher-vermeidende Bindung: Kinder tun so, als wäre es ihnen egal, wenn die Bezugsperson den Raum verlässt.Unsicher-ambivalente Bindung (auch „unsicher-verstrickt“): Kinder verhalten sich widersprüchlich-anhänglich zu ihrer Bezugsperson.

Später kam noch die „desorganisierte Bindung“ hinzu, um bisher nicht klassifizierbare Fälle zu erfassen, in denen Kinder merkwürdige Verhaltensweisen zeigten, wenn die Bezugsperson den Raum verließ, beispielsweise drehten sie sich im Kreis, schaukelten vor sich hin oder erstarrten gänzlich.

Heute geht man davon aus, dass diese Bindungstypen in den ersten Kindheitsjahren geprägt werden und uns ein Leben lang begleiten. Das heißt nicht, dass wir entsprechenden Verhaltensmustern hilflos ausgeliefert wären. Sie stellen jedoch vermutlich so eine Art „Startpunkt“ für unsere Beziehungen dar.

Mit dem Leben insgesamt kommen Leute am besten zurecht, die über ein sicheres Bindungsverhalten verfügen. Vereinfacht gesagt, trauen sie dem, was sie wahrnehmen. Wenn jemand zu ihnen sagt: „Ich liebe dich“ oder „Das hast du gut gemacht“, freuen sie sich darüber. Sie denken nicht: „Was für ein Trottel, der hat ja keine Ahnung“ oder „Das muss gelogen sein, was will die damit erreichen?“ Sie vertrauen ihrer Wahrnehmung und können unangenehme Momente „regulieren“, das heißt aushalten und einordnen.

Unsicher-vermeidende Personen geben sich später eher unabhängig, ohne es wirklich zu sein, unsicher-ambivalente Typen sind eher anhänglich. Kinder, die gar kein zuverlässiges Bindungsverhalten erlernen konnten (zum Beispiel weil die Eltern schwere psychische Erkrankungen hatten oder suchtkrank waren), haben es auch später im Leben am schwersten, (inneren) Halt zu finden.