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Eine Eisprinzessin, die auf der Bühne auftaut. Ein Rapper, der hinter ihren Eispanzer blickt. Three Five ist die heißeste Boyband Amerikas: Seit ihrem Sieg bei einer Castingshow sind Ace, Dev, Jax, Lee und Ray nicht mehr aus den Charts wegzudenken. Für die aufstrebende Solo-Künstlerin Crystal wäre es die große Chance, den Opening Act für Three Fives Welt-Tour zu singen. Leider ist Rapper Ace überhaupt nicht begeistert von ihrer Zusammenarbeit. Crystal weiß genau, dass er nur zugestimmt hat, um die Öffentlichkeit nach einem Vorfall zwischen ihnen beiden zu beruhigen. Doch abzulehnen, würde das Aus für ihre Karriere bedeuten. Auf der Tournee freundet sie sich mit Dev schnell an. Mit dem heißen, aber unnahbaren Ace gerät sie jedoch immer wieder aneinander. Gleichzeitig bringt er ihr Herz gewaltig aus dem Takt und kommt damit ihrem größten Geheimnis gefährlich nahe. Kreischende Fans, Auftritte im Scheinwerferlicht und eine Liebe, die alle Grenzen überwindet – doch dahinter Geheimnisse, die dein Herz brechen könnten ... Diese tiefgehende New Adult-Romance-Trilogie entfacht einen Sturm an Gefühlen. Textauszug »Ich glaube«, flüsterte sie nah an meinem Ohr, »… dass du mich gar nicht so schlimm findest, wie du manchmal tust.« Mein Puls stimmte ihr zu, als eine ihrer Hände auf meiner Brust landete … //»Hidden Underneath« ist der erste Band der knisternden »Behind the Spotlight«-Trilogie um die Boyband Three Five und kann unabhängig davon gelesen werden. Band 1: Hidden Underneath Band 2: Lost Between Band 3: Silent Within//
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Impress
Die Macht der Gefühle
Impress ist ein Imprint des Carlsen Verlags und publiziert romantische und fantastische Romane für junge Erwachsene.
Wer nach Geschichten zum Mitverlieben in den beliebten Genres Romantasy, Coming-of-Age oder New Adult Romance sucht, ist bei uns genau richtig. Mit viel Gefühl, bittersüßer Stimmung und starken Heldinnen entführen wir unsere Leser*innen in die grenzenlosen Weiten fesselnder Buchwelten.
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Rebekka Gusia
Behind the Spotlight: Hidden Underneath
**Eine Eisprinzessin, die auf der Bühne auftaut. Ein Rapper, der hinter ihren Eispanzer blickt.**Three Five ist die heißeste Boyband Amerikas: Seit ihrem Sieg bei einer Castingshow sind Ace, Dev, Jax, Lee und Ray nicht mehr aus den Charts wegzudenken. Für die aufstrebende Solo-Künstlerin Crystal wäre es die große Chance, den Opening Act für Three Fives Welt-Tour zu singen. Leider ist Rapper Ace überhaupt nicht begeistert von ihrer Zusammenarbeit. Crystal weiß genau, dass er nur zugestimmt hat, um die Öffentlichkeit nach einem Vorfall zwischen ihnen beiden zu beruhigen. Doch abzulehnen, würde das Aus für ihre Karriere bedeuten. Auf der Tournee freundet sie sich mit Dev schnell an. Mit dem heißen, aber unnahbaren Ace gerät sie jedoch immer wieder aneinander. Gleichzeitig bringt er ihr Herz gewaltig aus dem Takt und kommt damit ihrem größten Geheimnis gefährlich nahe.
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Vita
© privat
Rebekka Gusia wurde 1990 in einem Dorf im oberbergischen Kreis geboren. Von klein auf las sie Unmengen von Büchern aus der Bibliothek der nahen Kleinstadt. Je älter sie wurde, desto mehr lernte sie vor allem das Romance-Genre lieben, in dem auch ihre eigenen Geschichten spielen. Sie zog für ihr Germanistik- und Pädagogikstudium nach Köln. Das Schreiben sieht sie als kreativen Ausgleich zu ihrer fordernden Arbeit bei einem Jugendhilfeträger.
Liebe*r Leser*in,
dieser Roman enthält potenziell triggernde Inhalte. Aus diesem Grund befindet sich hier eine Triggerwarnung. Am Romanende findest du eine Themenübersicht, die demzufolge Spoiler für den Roman enthält. Entscheide bitte für dich selbst, ob du diese Warnung liest. Gehe während des Lesens achtsam mit dir um. Falls du während des Lesens auf Probleme stößt und/oder betroffen bist, bleib damit nicht allein. Wende dich an deine Familie, Freund*innen oder auch professionelle Hilfestellen. Wir wünschen dir alles Gute und das bestmögliche Erlebnis beim Lesen dieser besonderen Geschichte.
Rebekka Gusia und das Impress-Team
Lautes Gekreische überrollte mich, als ich aus dem Wagen stieg, mitten ins Blitzlichtgewitter. Ich blieb für einige Sekunden stehen, um mich zu orientieren.
»Crystal! Crystal Heart!«, hörte ich Stimmen rechts von mir und zog grüßend einen Mundwinkel hoch.
Der Großteil der Kameras war allerdings nicht auf mich gerichtet, sondern auf die vor mir angekommene Boyband Three Five, die gewohnt stylisch, sympathisch und leicht chaotisch taten, was Boybands so taten. Die fünf Männer posierten für die Kameras, grüßten die Fans, Reporter und Reporterinnen und lenkten die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich.
Das war mir nur recht, ich war zwar gewappnet für die Preisverleihung, aber Magenschmerzen hatte ich trotzdem. Ich warf mein sorgfältig gestyltes blondes Haar über die Schulter, um meinen tiefen Ausschnitt in Szene zu setzen, und schritt den roten Teppich entlang. Von innen biss ich mir auf die Wange, um das Zittern meiner Lippen zu unterdrücken.
Veranstaltungen dieser Art waren immer eine Überwindung für mich, egal wie oft ich sie schon hinter mich gebracht hatte. Ich war keine Sängerin geworden, um auf Preisverleihungen zu gehen, sondern um auf der Bühne zu singen und zu tanzen. Mein heutiges Outfit machte mir aber zumindest das Posieren leicht, denn das Paillettenkleid sah aus jeder Perspektive gut aus und der hohe Schlitz ließ meine Beine endlos erscheinen. Mit nackten Beinen rauszugehen, machte mich immer ein wenig nervös, doch ich hatte gefühlte tausend Mal im Spiegel überprüft, dass sie perfekt aussahen.
Ich lächelte und posierte für die Kameras, während ich die Rufe der Fotografierenden ausblendete.
»Crystal – Bist du nervös auf deine ehemaligen Bandkolleginnen zu treffen?« Diese Frage wurde so oder so ähnlich aus mehreren Mündern gestellt, doch ich lächelte sie weg. Natürlich war ich nervös! Ein unruhiges Kribbeln hatte sich in mir festgesetzt, seitdem ich gehört hatte, dass sie auch hier sein würden. Je näher der Moment rückte, in dem ich auf sie treffen würde, desto unruhiger wurde ich. Doch selbstverständlich durfte ich nichts zeigen.
Nach den Fotos stand die größte Hürde für mich an – mit den Reportern und Reporterinnen zu sprechen. Das Interesse an mir wurde dankenswerterweise von einer ankommenden Limousine abgelenkt. Ich wollte den Moment nutzen, um an den Mikrofonen und Kameras vorbeizukommen, doch der plötzliche Stimmungswechsel, das zischende Luftholen und die herumschwenkenden Köpfe und Kameras machten mir klar, wer hinter mir angekommen war. Für einen winzigen Moment wurde es, trotz der vielen Menschen, fast ruhig. Die Anspannung wirkte beinahe greifbar, bis diese sich in einem vollkommenen Stimmendurcheinander brach.
»Crystal! Crystal!«
»Ein Interview! Crystal!«
»Gemeinsam mit den Wicked Sisters! Crystal!«
So viel dazu. Wo ich eben noch hätte vorbeischleichen können, gab es jetzt kein Entkommen mehr.
Die Stimmen überschlugen sich und raubten mir die Luft zum Atmen. Mein Bodyguard Julio war aus dem Nichts neben mir aufgetaucht und hielt die plötzliche Masse auf mich einredender Reporter und Reporterinnen gemeinsam mit dem Sicherheitspersonal vor Ort zurück. Mein Herz raste, doch Julios Anwesenheit beruhigte mich.
Im nächsten Moment standen schon Serenity, Kendra und Yumi vor mir und der Geräuschpegel war so sehr angestiegen, dass ich kaum meine eigenen Gedanken hören konnte. Die drei verbargen ihre spürbare Ablehnung hinter scheinheiligen Umarmungen und Küssen. Ihre Berührungen ertrug ich nur, weil ich es musste. Das wussten sie genau und taten es trotzdem. Ich sah es in Serenitys Blick, als sie die Hand auf meinen Arm legte und auf mich herabsah.
Ich spielte mit. Natürlich. Obwohl alles in mir versteinerte und kalt wurde. Die mühsam aufgebaute Fassade bröckelte. Mit tiefen Atemzügen und dem Schmerz, den ich mir selbst mit den Fingernägeln in der Handfläche zufügte, zog ich die Mauer hoch, die ich in solchen Momenten nutzte, um all meine Gefühle abzuschirmen. Ich verbarg jedes Fitzelchen Gefühl hinter meinem von der Presse so gern diskutierten Bitchface und sah dem Unausweichlichen entgegen.
Erst jetzt realisierte ich, dass Serenity sprach. Sie hatte ein breites Lächeln aufgesetzt, und ihr blonder Bob mit der pinken Strähne setzte das schöne Gesicht perfekt in Szene. »… Crystal hat eine Entscheidung getroffen. Wir sind überrascht davon und kennen die wahren Gründe nicht.«
Ich schluckte bei ihren Worten, konzentrierte mich auf meine innere Mauer.
Yumi beugte sich vor, ihre helle Haut leuchtete förmlich in den Blitzlichtern. Die türkisen Spitzen ihres schwarzen Haars fanden sich in der Farbe ihres fließenden Kleids wieder. »Trotzdem wünschen wir ihr natürlich alles Gute und versprechen, dass die Wicked Sisters weiterhin …«
Ich konnte ihnen nicht mehr zuhören. Es war, als wäre ich von meinem Körper getrennt. Manchmal bewirkte die Mauer, die ich in mir hochzog, dass ich mich abgeschnitten von mir selbst fühlte. In meinem Kopf sang ich ein Lied, an dem ich aktuell schrieb, mit dem ich jedoch nie auftreten würde.
Glücklicherweise bemerkte ich das Schweigen und die Blicke auf mir. Offensichtlich wurde eine Aussage von mir erwartet. Ich hatte die Frage nicht mitbekommen, doch es war ohnehin seit Monaten dieselbe. Also antwortete ich das, was ich immer in diesen Momenten sagte:
»Die Trennung von den Wicked Sisters war eine rein persönliche Entscheidung. Ich habe die Chance bekommen, ein Solo-Album aufzunehmen, und habe diese gern ergriffen, um mich weiterzuentwickeln.« Ich wandte mich halb an die neben mir stehenden Frauen. Ich konnte nur Kendra ansehen. Sie war die Harmloseste der drei. Ich glaubte, dass sie im tiefsten Inneren nicht so war wie die anderen beiden. Ob sie das ungefährlicher oder irgendwie besser machte, wagte ich zu bezweifeln. »Ich wünsche euch, dass ihr ohne mich so erfolgreich werdet, wie ihr es euch erhofft.«
Ein besonders aufdringlicher Journalist überschrie die anderen: »Crystal! Was war der Grund für deinen Ausstieg? Der Albumflop? Die sinkenden Ticketverkäufe?«
Ich ignorierte alle Fragen und ging. Nein, beides waren keine Gründe für meinen Ausstieg gewesen. Die Wicked Sisters waren nach Gründung mäßig angekommen und ein Jahr hatten wir uns nur von schlecht bezahltem Auftritt zu noch schlechter bezahltem Auftritt gehangelt. Danach hatten wir zwei Jahre lang so viel erreicht, wie wir es uns nie hätten vorstellen können. Wir hatten Preise abgeräumt und Hallen gefüllt. Doch je bekannter wir wurden, desto deutlicher traten die Unstimmigkeiten unter uns hervor. Und vor allem wurde immer klarer, dass ich anders war als die anderen drei und ich nicht zu ihnen passte. Als mir dann die Möglichkeit eröffnet wurde, eine Solokarriere bei Pitch Records zu starten, griff ich sofort zu.
Ich beschleunigte meine Schritte, um den roten Teppich endlich zu verlassen. Ich hatte keine Ahnung, wie ich diese bescheuerte Preisverleihung durchhalten sollte, doch ich war ein Profi und würde bleiben, solange ich musste, und für diejenigen klatschen, die etwas gewannen. Ich war nur hier, weil Klaus, mein Manager, darauf bestanden hatte und ich wusste, dass es ein schlechtes Bild auf mich werfen würde, wenn ich nicht käme. Das alles hier war mir egal. Ich wollte nur endlich wieder auf der Bühne stehen und performen. Ich wollte singen und tanzen und den Rausch spüren, der mich in diesen Momenten im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit überspülte.
Hoffentlich würde ich bald auf Tour gehen können, doch Klaus vertröstete mich seit Wochen. Ich brauchte eine Tour, ich brauchte Auftritte. Die Bühne war der einzige Ort, an dem ich mich frei fühlte und ich selbst sein konnte. Der einzige Ort, an dem ich mich nicht verstellen musste.
Oder zumindest nicht sehr.
Ich rauschte an den fünf Mitgliedern von Three Five vorbei und bemühte mich um ein angemessenes Tempo. Egal, wie es wirken könnte, ich brauchte trotzdem einen Moment, um mich zu fangen. Der einzige Ort, wo ich halbwegs sicher wäre, war die Toilette. Hinter den verschlossenen Türen zog ich Stein für Stein meine Mauer wieder hoch, bis die Maske perfekt saß und ich mich als gewohnt arrogante Crystal Heart unter die Stars und Sternchen mischen konnte.
Als ich meinen Tisch fand, war ich dankbar, dass er sich eher im hinteren Bereich des Saals befand. Ich kannte meine Sitznachbarn und Sitznachbarinnen zwar gut genug, um sie lächelnd zu begrüßen, aber nicht gut genug, um ausführlich mit ihnen sprechen zu müssen. Die Preisverleihung war ohnehin eine der Veranstaltungen, wo man die meiste Zeit lächelnd und klatschend da saß und zuhörte. Ich war für keinen Preis nominiert und nur hier, um gesehen zu werden.
Die Verleihung rauschte an mir vorbei, die meiste Zeit bemühte ich mich, freundlich zu wirken und gleichzeitig die Wicked Sisters nicht aus den Augen zu lassen. Glücklicherweise saßen sie am anderen Ende des Raums.
Lysa Rey und Djaz, zwei Größen des Musikbusiness, standen gerade auf der Bühne und zum wiederholten Mal flimmerten die Bilder der Nominierten über den überdimensionierten Screen. Kurz darauf wurde wild für die Gewinnenden geklatscht. Ich bekam kaum mit, was passierte.
Josy, die neben mir saß, beugte sich zu mir herüber. »Das ist die zweite Kategorie, die Three Five nicht gewinnt.« Ich kannte Josy nicht besonders gut, saß aber in letzter Zeit öfter mit ihr zusammen, weil sie wie ich eine Solosängerin war, die erst ein Album veröffentlicht hatte. Sie lästerte gern, war aber gleichzeitig ein Quell von Informationen für mich, die sonst an mir vorbeigingen. »Guck mal. Ace sieht aus, als würde er gleich in den Tisch beißen.«
Ich suchte die Plätze vor uns nach der Boyband ab. Es wurde natürlich nach Bekanntheit und Nominierungen platziert, weshalb sie ganz vorne saßen. Ich konnte sie kaum sehen, doch der große Bildschirm nahm mir die Mühe ab. In diesem Moment tauchten dort die fünf attraktiven Gesichter der Männer auf, die gefasst für ihre gewinnenden Konkurrenten applaudierten. Ihre Outfits waren stylisch, perfekt aufeinander abgestimmt und mit Sicherheit unglaublich teuer. Eben hatte ich nicht darauf achten können und Kleidung interessierte mich nicht besonders, aber man konnte ihre Anzüge nicht nicht bemerken. Die Bandmitglieder strahlten männliches Selbstbewusstsein und dabei gleichzeitig eine irgendwie surreale Nahbarkeit aus, der sie vermutlich ihre vielen Fans verdankten. Ich kannte die Männer nicht persönlich, aber natürlich wusste ich, wer sie waren. Spätestens seit dem ersten Nummer-Eins-Hit, direkt nachdem sie durch eine Castingshow gefunden worden waren, wusste es wohl die Welt.
Ich musste Josy recht geben. Ich erkannte sofort, welcher von ihnen Ace war. Denn einer der Männer hatte seine Gesichtszüge nicht so gut unter Kontrolle wie die anderen. Allerdings sah er meiner Meinung nach eher so aus, als würde er am liebsten auf etwas einschlagen.
»Uh oh«, sagte Josy jetzt und riss die großen, braunen Augen noch weiter auf. Sie war nicht die Einzige, die entsetzt aussah. »Ist das nicht der Typ, der ihm seine Freundin ausgespannt hat?«
Da wusste sie mehr als ich. Ich zuckte mit den Schultern und beobachtete, wie seine Bandkollegen – ein blond gelockter Typ mit vielen Ohrringen und der mit den aufregend gestylten Afrolocken – auf Ace einredeten, dessen ausgeprägte Kieferlinie bedrohlich mahlte. Die Hand des einen lag auf dem angespannten Unterarm seines Freundes.
Jetzt war ich doch interessiert, aber in diesem Moment wanderte die Kamera weiter und die Aufmerksamkeit des Publikums wurde auf die Bühne gelenkt. Der Act dort war anscheinend der neue Freund der Ex-Freundin von Ace, wie Josy mir berichtete. »Er sollte eigentlich nicht auftreten. Ich vermute mal, dass Ace das gar nicht gefällt. Wer weiß, vielleicht wäre er dann nicht gekommen. Ich habe gehört, dass die Trennung zwar von ihm ausging. Aber Hypra lässt anscheinend keine Gelegenheit aus, um Ace zu triezen. Keine Ahnung, was das soll. Vielleicht will er ihn provozieren. Man weiß ja, dass Ace Aggressionsprobleme hat«, berichtete Josy neben mir, seufzte etwas zu dramatisch und fuhr sich durch die türkisfarbenen Locken.
Ich hatte es bis gerade nicht gewusst, aber ich konnte mir Aggressionsprobleme bei ihm gut vorstellen. Auch wenn Ace sich beruhigt hatte, zumindest wirkte es aus meinem Blickwinkel so.
Ich griff nach meinem Champagnerglas, das ich direkt zu Beginn in eine Pflanze geleert und mit der Flasche Wasser am Tisch aufgefüllt hatte. Josy beugte sich zu ihrer anderen Sitznachbarin, deren Name mir gerade entfallen war. Ich war nicht die interessanteste Gesprächspartnerin und ich bemühte mich auch nicht wirklich. Für mich ging es nur darum, den Abend zu überstehen und zum frühestmöglichen Zeitpunkt zu verschwinden.
Irgendwo hier musste Klaus herumschwirren. Doch er war natürlich hinter den Kulissen unterwegs, und weil die Veranstaltung im Fernsehen übertragen wurde, waren alle Angestellten und sonstiges Service-Personal nur im Hintergrund tätig. Ich wollte ihn in der Pause suchen, vielleicht ließ er sich überzeugen, dass ich direkt nach der Preisverleihung gehen könnte. Er würde natürlich wollen, dass ich noch etwas unter die Leute ginge, aber ich war nicht sicher, ob ich das heute durchhalten würde.
Der Auftritt auf der Bühne rauschte nur so an mir vorbei. Ich hatte keine Augen dafür, weil ich schon plante, welchen Weg ich am besten durch den Raum nehmen sollte, um den Wicked Sisters nicht zu begegnen. Die größten Chancen würde ich haben, wenn ich nach vorne ginge und von dort Richtung Bar.
Das setzte ich auch in die Tat um, sobald die Pause angekündigt wurde. Mit hochgezogenen Mundwinkeln, die hoffentlich nach einem Lächeln aussahen, grüßte ich, wenn mir jemand in die Augen sah, und bahnte mir meinen Weg. Vorbei am verwaisten Tisch von Three Five und Richtung Bar, wo eine große Traube Menschen auf Getränke wartete. Leider war es bei einer Promi-Veranstaltung nicht anders als überall sonst und es stand eine Schlange Frauen an den Toiletten an, weshalb ich mich dort nicht verkriechen konnte.
Also wählte ich eine Wand in der Nähe der Bar, wo ich mich äußerlich entspannt hinstellte und so tat, als würde ich auf jemanden warten. Die Wicked Sisters waren nirgends zu sehen und ich konnte ein wenig durchatmen. Nicht weit von mir waren Three Five in ein Gespräch vertieft, das recht hitzig wirkte.
Die Leute verteilten sich in Grüppchen. Die Pause wurde genutzt, um sich zu begrüßen und zu plaudern. Wahrscheinlich sollte ich das auch tun, doch ich wollte meinen Platz nicht aufgeben, von dem ich gut überblicken konnte, wer in meine Richtung kam.
Ich ließ den Blick schweifen, zog mein Smartphone aus der Tasche, um die Uhrzeit zu checken und gleichzeitig beschäftigt zu wirken. Ich hatte eine Nachricht von Klaus, der mir schrieb, dass er gegen Mitternacht mit dem Wagen auf mich warten würde. Julio würde mich bis dahin begleiten. Ich seufzte, also musste ich noch zwei gute Stunden aushalten.
Um mich herum war es lauter geworden und ich sah auf. In genau diesem Moment zischte etwas direkt vor meinem Gesicht vorbei und knallte gegen die Wand neben mir. Reflexartig schloss ich die Augen und riss die Arme hoch. Flüssigkeit, die scharf nach Alkohol roch, spritzte auf mich. Vermutlich schrie ich.
Ein stechender Schmerz in meinen Unterarmen.
Glassplitter, die auf mich herabregneten.
Geschrei um mich herum und viel zu viele Stimmen, die auf mich einredeten.
Ich traute mich nicht, die Arme sinken zu lassen, aus Angst, was ich damit entblößen würde.
Alles wirkte seltsam klar und gleichzeitig verschwamm es zu einem undeutlichen Brei. Mein ganzer Körper war in Alarmbereitschaft. Es klingelte in meinen Ohren.
Der scharfe Alkoholgeruch brachte Erinnerungen hoch, die ich mit aller Macht unterdrückte. Höhnisches Gelächter, Finger auf meiner Haut, meinen Wangen, in meinen Haaren.
Zwischen meinen Armen hindurch sah ich in ein wütendes Gesicht mit beeindruckenden Wangenknochen, dessen Augen jetzt aber erschrocken aufgerissen waren. Ace.
Ich konnte kaum atmen, holte keuchend Luft.
Ace machte einen Schritt auf mich zu, ich zuckte reflexartig zurück und knallte dabei gegen die Wand.
Ohne nachzudenken, drehte ich mich um und drängte mich durch die Menschen, die auf mich zukamen.
Mit letzter Kraft hielt ich meine Mauer aufrecht, die dafür sorgte, dass ich nicht zusammenbrach. Versteckte meine Angst hinter Kälte, schob, ohne hinzusehen, Menschen von mir weg.
Es war viel zu laut. Ich konnte nicht verstehen, was gesagt wurde. Hände griffen nach mir, was meine Panik nur verstärkte. Ich wusste, dass ich mich zusammenreißen musste, doch meine Mauern schwankten gefährlich.
Ich bekam keine Luft.
»Crystal! Hier entlang!« Eine bekannte Stimme drang zu mir durch. Julio!
Ich hatte keine Ahnung, wie ich in den Wagen kam. In der Limousine holte mich die Angst ein. Mein Atem rasselte und ich bekam nicht genug Sauerstoff.
Klaus saß vor mir und ich sah, wie sich seine Lippen bewegten. Er berührte mich nicht, wusste vermutlich, dass ich das nicht ertragen könnte.
Mein Gehirn schaltete sich ein und ein einziger Gedanke überdeckte alles andere. Ich griff zittrig in meine Tasche. Ich brauchte mehrere Anläufe, bis ich den Spiegel fand, den ich immer bei mir hatte, und diesen mit bebenden Fingern vor mich halten konnte. Ich kontrollierte mein Gesicht. Meine Haut war zwar blass unter der Schminke und ich sah die Panik in meinem Blick, doch nichts sonst war zu entdecken. Die Splitter hatten mein Gesicht nicht getroffen und der Alkohol meine Schminke nicht verwischt.
»… Krankenhaus«, drang Klaus’ Stimme zu mir, er reichte mir ein Stofftuch.
Ich runzelte die Stirn, schaute auf meine Arme und sah viele feine, blutige Kratzer.
Jetzt, wo ich im Auto in Sicherheit saß und die Flüssigkeit aus meinem Gesicht tupfen konnte, beruhigte sich mein Atem ein wenig und das Klingeln in meinen Ohren wurde leiser. Doch der Alkoholgeruch machte mich schwindelig.
Nach meinem Gesicht begutachtete ich meine Arme genauer. Ich zog ein paar winzige Glassplitter heraus und wischte dann über das Blut, was ein Fehler war. Die nicht sichtbaren Splitter bohrten sich in meine Haut. Seltsamerweise spürte ich die Schmerzen kaum und sah eher mit einem abwesenden Interesse die Schnitte an. »Die müssen nicht genäht werden«, sagte ich. »Es sind nur oberflächliche Kratzer.«
Klaus riss den Kopf herum, er hatte offensichtlich nicht damit gerechnet, dass ich sprach.
Doch das Adrenalin hielt mich aufrecht und die Angst war in den Hintergrund gerückt.
Klaus besah meine Arme und nickte zu meiner Überraschung. »Du gehst morgen zu Dr Park. Sie soll sich die Wunden ansehen und entscheiden, was getan werden soll. Wir bringen dich nach Hause.«
Ich nickte.
Mit halbem Ohr lauschte ich, wie mein Manager die Anrufer am wild klingelnden Telefon beruhigte. Ich vermutete, dass das Management von Ace oder Three Five sowie einige Journalisten darunter waren. Doch es war mir völlig egal.
Ich war nur noch müde. Mein Blick verfolgte die vorbeirauschende dunkle Stadtsilhouette.
Wenigstens hatte ich so früher gehen können.
Mich würde auch interessieren, was hinter der Attacke steckte. Ich wischte die Schlagzeile auf meinem Smartphone weg und schloss für einen Moment die Augen.
Die Medien überschlugen sich schon jetzt mit Mutmaßungen, doch natürlich berichteten sie nichts Konkretes. Es war Clickbaiting vom Feinsten. Letztendlich hatten sie keine Ahnung, warum Ace die Flasche auf mich geworfen hatte.
Das wusste ja nicht mal ich und ich war mittendrin gewesen.
Klaus hatte mich zu Hause abgesetzt und versprochen, sich um alles zu kümmern. Er würde mich sofort informieren, wenn er sichere Informationen hätte. Er hatte schon kurz mit dem Management von Three Five und Ace gesprochen, doch bisher nur eine sehr allgemeine Entschuldigung gehört und dass die Situation ein unglücklicher Zufall gewesen sei.
Es war schon spät, aber mein Kopf kam nicht zur Ruhe und das würde er auch so schnell nicht.
Mein Daumen schwebte für einen Moment über dem App-Icon, das mich in die Social-Media-Welt katapultieren würde. Ich vermutete, dass es dort schon mindestens ein Video von dem Vorfall geben würde. Denn zwischendurch hatte Klaus ins Telefon gebrüllt, dass es ihm scheißegal sei, wie die Videos gelöscht würden, Hauptsache, sie würden verschwinden. Er wusste natürlich, dass das keinen Zweck hatte. Vermutlich wusste mittlerweile jeder Mensch, dass das Internet nichts vergaß, vor allem wenn man in der Öffentlichkeit stand.
Ich warf das Handy aufs Bett, schälte mich aus dem Pailletten-Kleid und schleppte mich in die Dusche. Der heiße Wasserstrahl half ein wenig, die Kälte in meinem Inneren zu vertreiben. Ich sah zu, wie das Make-up das Wasser verfärbte. Schicht um Schicht und Mauer um Mauer fiel. Ich wandte den Blick von meinen Beinen ab und schloss die Augen. Genoss die Wärme.
Gute zwanzig Minuten später fiel ich in einem großen alten Shirt meiner Highschool-Band ins Bett. Alles in mir blieb kalt und teilnahmslos. Es war fast erschreckend. Sollte ich nicht mehr fühlen?
Die Wunden auf meinen Armen waren eher kleine Kratzer. Ich hatte eine antibakterielle Salbe aufgetragen und ging davon aus, dass sie schnell verheilen würden. Dr Park würde sie sich morgen ansehen. Ich ging seit Jahren zu ihr und vertraute ihr … so sehr, wie man seiner Ärztin vertraute.
Diese Veranstaltungen waren sonst schon kaum zu ertragen, doch so etwas wie heute hatte ich noch nicht erlebt. Nun konnte ich doch nicht anders, als Instagram zu öffnen. Mein offizieller Crystal Heart-Account war beeindruckend oft getaggt worden und eine überraschend große Menge neuer Follower war dazugekommen, außerdem quoll der Nachrichteneingang über. Ich tippte auf einen der Beiträge, auf denen ich verlinkt worden war, und fand direkt eine Handyaufnahme von dem Vorfall.
Sie war unscharf und zeigte mich, nachdem die Flasche über mir zerschellt war. Das wollte ich nicht sehen und suchte weiter, bis ich tatsächlich ein Video fand, das den ganzen Moment erwischt hatte. Promis waren wie alle anderen oder vielleicht sogar noch schlimmer. Andauernd waren die Smartphone-Kameras gezückt, um jeden verwertbaren Moment zu erwischen. Und so eben auch den Augenblick, in dem Ace nach einer halbvollen Schnapsflasche von der Bar griff und diese warf. Genau schräg über mich.
Das Video lief in Dauerschleife weiter, bis das Zittern in mir nachließ und ich die Kraft fand, es zu pausieren.
Ich glaubte nicht, dass Ace auf mich gezielt hatte. Ich vermutete, dass er in seiner Wut nichts mehr gesehen hatte. Unglücklicherweise hatte eben ich in seinem Zielfenster gestanden. Obwohl ich Gewalt verabscheute und die Angst und Panik von vorhin noch tief in mir spürte, konnte ich auch irgendwie nachvollziehen, was er gefühlt hatte. Das Video zeigte nämlich nicht mich, wie ich mich hinter meinen zerkratzten Armen versteckte, sondern Ace. In seinen Augen konnte ich sehen, wie die Wut von Schreck und dann Sorge abgelöst wurde. Er machte einen Schritt auf mich zu und blieb stehen mit einem Ausdruck im Gesicht, der mir ein seltsames Gefühl vermittelte, das ich nicht ganz greifen konnte.
Und dann versperrten seine Bandkollegen den Blick und die Kamera schwenkte zu mir, als ich mich durch die Menge drängte.
Ich schluckte und schloss das Video.
Wie jeden Abend nahm ich mein Notizbuch vom Nachtschrank und schrieb all meine Gedanken auf. Ich hatte immer ein aktuelles Buch, das für mich eine Mischung aus Tagebuch und gesammelten Textideen war. Der Großteil war ein wildes Durcheinander aus Gedanken, möglichen Songzeilen, ganzen Versen, Gedichten und allem, was mich beschäftigte. Diese Notizen waren das, woraus später Songs wurden.
Erst als ich das Gefühl hatte, wieder bei mir zu sein, und meine Hand ruhte, legte ich das Notizbuch weg.
Die warme Decke über mich ziehend, griff ich nach meinem Handy und machte es mir gemütlich. Mit einem Klatschen schaltete ich das Licht in der Wohnung aus. Es war noch nicht spät genug, als dass ich wirklich schlafen könnte. Egal wie müde ich war. Also ging ich meinem liebsten Zeitvertreib nach. Reels, TikToks, Videos, you name it. Ich liebte sie alle. Natürlich hatte ich den Social Media Account als Sängerin Crystal Heart mit blauem Haken und allem. Aber extra für diese Gelegenheiten hatte ich einen privaten Account, bei dem niemand analysierte, was ich mir angesehen und was ich geliked hatte. Katzenvideos, Fails, Tanzchoreographien, Urlaubszusammenschnitte, ich sah mir alles an, was der Algorithmus mir vorschlug. Alles, was mein Gedankenkarussell anhielt, war mir willkommen.
***
Ein Klingeln riss mich aus dem Schlaf und ich schreckte hoch. Verwirrt strich ich blonde Strähnen aus meinem Gesicht und versuchte, mich zu orientieren. Die Augen zukneifend klatschte ich in die Hände, um das Licht anzuschalten.
Mein erster Griff ging zum Smartphone und die Uhr zeigte, dass es viel zu spät war. Wieso hatte ich so lange geschlafen?
Ich quälte mich aus dem Bett, schaltete den Flugmodus meines Handys aus und sah die entgangenen Anrufe und die Nachrichten von Jada, dass sie da sei und im Vorraum warte. Wie immer hatte man meine persönliche Assistentin direkt zu mir hochfahren lassen. Niemand anderes besaß dieses Privileg, bei jeder anderen Person wurde ich zuerst von der Lobby angerufen und gefragt, ob ich den jeweiligen Besuch empfangen würde. Selbst bei Klaus.
Ein Glück, dass ich trotzdem immer die Wohnungstür abschloss und einen Vorraum hatte, in dem ein Sofa stand, wo Gäste warten konnten.
Ich antwortete Jada, dass ich eine halbe Stunde bräuchte, und stürzte ins Bad. Ich putzte mir die Zähne, während Jada schrieb, dass sie in der Zeit kurz zu Starbucks gehen würde und ob ich noch etwas bräuchte.
Ein schnelles Nein tippend, setzte ich mich vor den Schminktisch im Schlafzimmer und sah das erste Mal in den Spiegel. Ich betrachtete mich nie genauer, bevor ich geschminkt war, und tat es auch jetzt nur, um die Schichten abdeckendes Make-up aufzutragen, das perfekt zu meinem hellen Hautton passte. Wimperntusche, Augenbrauenstift, Lippenstift, Rouge, ich trug Schicht um Schicht auf, bis Crystal Heart mir aus dem Spiegel entgegensah. Meine blonden Locken standen wild in alle Richtungen, weil ich mit nassen Haaren eingeschlafen war. Also zähmte ich sie mit einem messy Bun, bevor ich aus meinem Ankleidezimmer eine Jeans, ein bauchfreies Oberteil und ein dazu passendes Oversize-Hemd hervorzog, das meine zerkratzten Arme verdeckte. Alles natürlich von ausgewählten Marken. Zusammen mit High Heels wurde ich Crystal Hearts Stil gerecht und fühlte mich bereit, Jada hereinzulassen. Kurz zögerte ich und zog die Schuhe doch wieder aus, um barfuß zu bleiben. Es war schließlich Jada.
Ein leises Klopfen von der Eingangstür verkündete, dass meine persönliche Assistentin wieder da war.
Ich schloss die Schlafzimmertür hinter mir und ging in den großzügigen Wohnraum, der modern eingerichtet war und den ich allein nie nutzte. Das bedeutete, dass ich an zwei Händen die Gelegenheiten abzählen konnte, bei denen er wirklich genutzt worden war.
Ich atmete noch einmal tief durch und ließ Jada herein.
»Guten Morgen«, grüßte sie mit einem breiten Lächeln und ignorierte die Tatsache, dass es schon ein Uhr mittags war. Sie deutete einen Kuss auf die Wange an, ohne mich zu berühren, und hielt mir einen Becher von Starbucks hin. »Ein starker Caramel Macchiato mit Mandelmilch.«
Ich konnte einen glücklichen Seufzer nicht unterdrücken. Sie wusste, was ich wollte, selbst wenn ich es nicht aussprach. »Danke.«
»Dafür bin ich doch da. Setz dich ruhig. Ich habe ziemlich viel dabei und hole erst mal alles rein.« Ihre kurzen braunen Locken in der modischen Frisur wippten energisch bei ihren Bewegungen. Sie trug Sneaker, was den Größenunterschied zwischen uns noch klarer hervorhob. Ich überragte sie, obwohl ich barfuß war, um gute zehn Zentimeter und ich war selbst keine Riesin.
Ich nahm einen tiefen Schluck aus dem Becher, genoss den Geschmack des Getränks und freute mich auf die Wirkung des Koffeins. Dann stellte ich den Becher auf einem Untersetzer auf dem Wohnzimmertisch ab und half Jada, die Taschen vom Sofa im Vorraum hereinzutragen. Es waren hauptsächlich Tüten von den großen Marken mit Unmengen von Kleidung.
»Das ist meine Aufgabe«, sagte Jada und fuhr sich mit dem Unterarm über die Stirn. Sie war wie immer gut gekleidet. Sie hatte ein sicheres Auge für Mode und neben all den Dingen, die sie für mich erledigte, war sie auch meine Stylistin und Modeberaterin geworden. »Aber danke.«
Ich nahm drei Tüten und trug sie ins Wohnzimmer. Jada wusste, was mir passte, und ging nicht nur für mich einkaufen, sie war es auch, die die Kleidung sichtete, die mir kostenlos zugesendet wurde oder von den Marken kam, mit denen ich Kooperationen einging. Ich war lange nicht mehr selbst shoppen gewesen. An das letzte Mal erinnerte ich mich dafür noch zu genau. Ich vergrub die unangenehmen Gedanken unter geschäftigem Tütentragen.
Schnell war alles ins Wohnzimmer geräumt und Jada strahlte mich an. »Ich zeige dir die Sachen und hänge sie direkt als zusammenpassende Outfits in dein Ankleidezimmer, in Ordnung?«
Ich nickte. So machten wir es immer, doch Jada sprach gerne darüber, was sie tat, und mir war es recht. Sie redete allgemein gern und viel und es störte sie nicht, wenn ich eher wenig zum Gespräch beitrug.
Wir gingen die Kleidungsstücke durch und stellten Outfits zusammen, die zu Crystal Heart passten. Wenn ich ehrlich war, wusste ich schon lange nicht mehr, was überhaupt mein eigener Stil war. Ich hatte so lange bei den Wicked Sisters den freizügigen Part übernommen, dass mir mein Spitzname bei den Medien – ›die sexy Bitch‹ – ins Blut übergegangen war. Ich konnte nicht mehr sagen, was mir tatsächlich gefiel, und blieb deshalb meist bei dem, was ich nicht schrecklich fand und was mir Jada empfahl.
»Wie geht es dir eigentlich?«, riss sie mich aus meinen Gedanken. »Klaus kommt gleich, vermute ich?«
»Du hast die Schlagzeilen gelesen«, stellte ich fest und lehnte eine Jeans ab, die nur aus zerrissenem Stoff zu bestehen schien.
Jada legte die Hose zusammen und zurück in die Tüte. »Ja, und die Videos gesehen. Aber ich weiß trotzdem nicht, wie es dir geht.«
Ich sah überrascht auf. Jada war meine persönliche Assistentin geworden, nachdem ich bei den Wicked Sisters ausgestiegen war. Etwa einen Monat nach dem Ausstieg hatte ich sie eingestellt und es nicht bereut. Wir kannten uns noch nicht lang, doch die gemeinsamen Monate hatten mir gezeigt, dass sie gut zu mir passte.
Mir war bis gerade allerdings nicht klar gewesen, dass sie anscheinend ein Stück weit hinter meine Fassade geblickt hatte. Ich blinzelte.
»War es schwierig, auf deine ehemaligen Bandkolleginnen zu treffen?«, fragte sie und wechselte damit das Thema, weil ich nicht antwortete.
Ich schluckte und war kurz davor, eine abweisende Antwort zu geben. Doch irgendetwas brachte mich dazu, ehrlich zu sein. »Es war hart.«
»Das kann ich mir vorstellen«, sagte Jada und sah mich mitfühlend an. »Die drei haben dich nicht verstanden. Vermutlich musst du das erst selbst schaffen und dich selbst lieben, damit es auch Leute wie sie verstehen.« Ich runzelte die Stirn bei ihren überraschend tiefgründigen Worten. »Was sagst du zu dem Kleid?« Sie hob ein kurzes weißes Kleid hoch.
Ich schüttelte den Kopf und so gingen wir endlos viele Kleidungsstücke durch. Ich stellte mal wieder fest, wie wenig mich Mode interessierte.
***
Die Vibration meines Smartphones hallte durch die leere Wohnung. Ich sah von dem Salat auf, den Jada mir mitgebracht hatte. Celena Wilson verkündete mein Handy und ich erstarrte. Ich wurde selten angerufen und nahm noch seltener Anrufe entgegen. Ich hasste es zu telefonieren. Deshalb hatte ich seit meinem Austritt aus den Wicked Sisters kaum mit meiner Mutter gesprochen und ich fürchtete, sie einmal zu oft zu ignorieren, wenn ich jetzt nicht abnahm. Also drückte ich den grünen Hörer.
»Hallo?«
»Crystal! Wieso meldest du dich nicht mit deinem Namen?«, drang Celenas zu laute Stimme an mein Ohr. Ich regelte die Lautstärke herunter.
»Du hast mich auf meinem privaten Handy angerufen. Wen hast du erwartet?«
»Ist ja gut, du musst nicht gleich so unfreundlich werden!«
Ich runzelte die Stirn, denn ich hatte nicht das Gefühl gehabt, unfreundlich gesprochen zu haben. »Wie geht es dir?«, fragte ich also, um das Thema zu wechseln.
Das war ihre Lieblingsfrage und ihre Antwort füllte die nächsten zwanzig Minuten. Der Stein in meinem Magen hatte mir den Appetit verdorben, weshalb ich den Salat zurück in den Kühlschrank räumte und mir, das Handy zwischen Kopf und Schulter geklemmt, ein Wasser nahm. Mehr als ein gelegentliches Brummen oder Zustimmen erwartete meine Mutter nicht. Ich ging ins Schlafzimmer und suchte Sportsachen heraus. Ich stellte Celenas Monolog auf Lautsprecher und legte das Handy auf die Kommode, um mich umzuziehen.
»Ich habe dich im Fernsehen gesehen, das Interview mit Serenity und den anderen«, kam sie endlich zum Punkt.
»Aha«, sagte ich. Ich runzelte die Stirn. Hatte sie dann nicht gesehen, was sonst passiert war? Auch wenn ich nichts auf das Mitleid meiner Mutter gab, hätte ich doch gedacht, dass sie zumindest fragen würde, wie es mir ginge, nachdem eine Flasche auf mich geworfen worden war.
»Sie sahen fantastisch aus, wie immer.«
»Ja«, bestätigte ich.
»Du hast sehr kalt gewirkt und die Ringe unter deinen Augen … Du solltest wirklich daran arbeiten, dich anders zu zeigen. Die armen Mädchen … du hast sie einfach im Stich gelassen, da solltest du mehr Mitgefühl zeigen.«
Ich schluckte und musste meinen verkrampfenden Kiefer mühsam auseinanderreißen, um ein »Okay« herauszubekommen. Sie hatte nie gefragt, warum ich mich von der Band getrennt hatte.
»Nun ja. Ich muss gleich los, Crystal. Achso. Und was hast du getan, um diesen jungen Mann so zu verärgern? Das musst du mir bei Gelegenheit mal erzählen. Aber … Ich habe es wirklich eilig.«
Sie hatte es natürlich nicht eilig, sie wollte nur nicht länger mit mir telefonieren. Sie fragte selten etwas, was mich betraf. Wenn sie doch mal eine Frage stellte, gab sie mir keine Möglichkeit zu antworten.
»Ach, bevor ich es vergesse. Ich gehe nächste Woche auf diese große Spendenveranstaltung und es wäre gut, wenn du dort etwas beisteuern würdest. Das wäre bestimmt ein gutes Zeichen.«
»Soll ich es direkt an dich überweisen?«, presste ich heraus.
»Ach ja. Das wäre am einfachsten. Ich spende es dann in deinem Namen.«
Sie spendete nie auch nur einen Cent von dem Geld, das ich ihr schickte. Doch sie brachte es nicht über sich, mich auf einem anderen Weg nach Geld zu fragen. Und ich hatte keine Energie, mit ihr darüber zu diskutieren. Sie bekam monatlich von mir Geld für die Miete und den Haushalt. Doch das reichte ihr nicht.
Meine Mutter hatte mich, meine Stimme und meine Talente von klein auf gefördert. Doch sie hatte keine Rücksicht auf mich genommen, egal wie sehr ich weinte oder wie kaputt ich war. Ich war selbst mit Fieber auf die Bühne gegangen, wenn sie es verlangt hatte. Sie hatte mich so lange gepusht, bis ich in die Girlgroup kam. Doch sie hatte damals auch jeden Dollar unseres kaum vorhandenen Geldes in mich gesteckt.
Ja, sie war es, die mir meine Karriere ermöglicht hatte. Ich wäre ohne sie heute nicht, wo ich war.
Aber wenn ich sie wirklich einmal persönlich traf, sah sie mich kaum an. Als könnte sie nicht vergessen, was sich unter meiner Schminke versteckte. Als habe sie Angst vor dem Monster dahinter. Und wer, wenn nicht meine Mutter, wüsste genau, wer ich hinter der Maske war.
»Ich überweise dir das Geld.«
»Sehr gut. Ich muss jetzt auch wirklich los. Bis dann.« Mit diesen Worten legte sie auf.
Ich krümmte mich zusammen und schlang die Arme um meine Mitte. Ich zählte meine Atemzüge, bis sie nicht mehr schmerzten. Telefonate mit meiner Mutter hinterließen ein Loch, das ich mühsam wieder stopfen musste. Langsam löste ich meine Fingernägel aus der Handfläche, in die ich mir blutige Wunden gebohrt hatte. Ich wandte den Blick ab und sah stattdessen auf meine Unterarme, die locker verbunden waren. Den Arztbesuch hatte ich schon hinter mich gebracht. Meiner Meinung nach sahen die neuen Wunden viel schlimmer aus als die unter dem Verband.
Als ich das Gefühl hatte, nicht mehr auseinanderzubrechen, wenn ich die Arme komplett löste, griff ich mir meine Kopfhörer und ging in meinen Fitnessraum.
Ich stellte mich auf das Laufband und rannte.
»Du wirst es nicht glauben!« Klaus stürmte in meine Wohnung, wo ich ihn an der offenen Tür erwartet hatte.
»Vermutlich nicht«, erwiderte ich, schloss die Tür und folgte ihm in die Küche, in der er zielstrebig eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank riss und gierig trank. Ich lehnte mich an die Küchentheke und wartete auf die Neuigkeit meines Managers. Wir hatten gestern telefoniert, doch er war kurz angebunden geblieben und hatte noch keine konkreten Infos gehabt.
»Ich habe einen Song für dich rausgeschlagen! Eine Kollaboration mit Three Five!«, platzte Klaus heraus. Er erwartete wohl, dass ich mich freuen würde. Doch ich konnte nicht anders, als ihn anzustarren. »Was? Wieso siehst du so entsetzt aus?«
Ich öffnete den Mund, schloss ihn wieder und bemühte mich, freundliche Worte für das zu finden, was ich sagen wollte. Doch es gab nichts drumherum zu reden. »Wie?«
»Ich habe das Offensichtliche ausgesprochen. Anzeige, Anwälte, Aufmerksamkeit. Vielleicht habe ich auch deine Verletzung etwas größer gemacht, als sie ist.« Klaus zwinkerte mir zu.
»Du hast sie mit etwas bedroht, was gar keine so große Sache ist?«, fragte ich mit zusammengebissenen Zähnen. Die Kratzer an meinen Armen sahen schon heute besser aus als die Wunden, die meine Fingernägel in den Handflächen hinterlassen hatten.
»Eine Flasche wurde auf dich geworfen! Es hätte viel mehr passieren können. Dieses Arschloch hat verdammt noch mal Glück gehabt!«, rief Klaus und fuchtelte mit den Händen herum.
Ich verschränkte die Arme vor meiner Brust. »Es ist aber nicht mehr passiert.« Ich runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. »Ich werde keinen Song gemeinsam mit Three Five machen!«
»Natürlich wirst du das!« Klaus schrie jetzt fast. »Ich habe den ganzen letzten Tag darauf hingearbeitet! Es ist das, was deine Karriere jetzt braucht.«
»Das mag sein. Aber ich werde nicht als Almosen einen Song mit jemandem aufnehmen. Schon gar nicht mit einem Typen, der eine Flasche auf mich geworfen hat«, stellte ich klar. »Egal wie professionell sie und ich arbeiten würden, man wird an dem Ergebnis hören, dass keiner von uns den Song will. Auf der Basis werde ich keinen Track erarbeiten.«
Auf meine Eröffnung folgte ein ziemlich wortreiches Schimpfgewitter von Klaus, der seine dunklen Haare raufte, die Wasserflasche auf den Boden schmiss, dabei das Wasser in der Küche verspritzte und es danach weiterschimpfend wieder aufwischte. Bei jeder anderen Person wäre ich schon allein wegen der Lautstärke zusammengefahren. Weil ich Klaus und seine überdramatischen Gefühlsausbrüche schon seit einigen Jahren kannte, zuckte ich nicht mal mit einer Wimper.
Und da er mich genauso lang kannte, diskutierte er nicht mit mir. Wie ich es von ihm gewohnt war, hatte er sich nach seinem Ausraster wieder im Griff und ging dazu über, was Three Fives Management zu sagen gehabt hatte. »Ace will sich persönlich bei dir entschuldigen. Three Five möchte dich zu einem Essen einladen als Entschuldigung.«
»Mit Presse?«
»Natürlich.«
»Wie praktisch.« Natürlich musste die Situation für die Öffentlichkeit geklärt werden. »Wird es vorher eine Pressemeldung geben?«
»Wir haben sie schon geschrieben, du kannst sie gleich lesen und freigeben.« Klaus zog eine Mappe hervor und legte sie auf die Theke.
Ich nickte. »Ein Essen wäre sehr … unangenehm«, fasste ich meine Gedanken in Worte. »Ich kenne die fünf nicht.« Und ich war in solchen Situationen unsicher und ungeschickt, aber das sprach ich nicht aus. Mich überlief schon jetzt ein Schauer bei dem Gedanken allein auf die fünf zu treffen.
»Du musst dich öffentlich mit ihnen sehen lassen, um zu zeigen, dass die Situation geklärt ist.«
»Das ist sie aber nicht. Ich weiß nicht, warum er die Flasche auf mich geworfen hat.« Ich zupfte mein bauchfreies Oberteil zurecht.
»Er war wütend wegen Hypra, dem neuen Freund seiner Ex. Er hat ihn wohl provoziert.«
»Und dann wirft er mit Flaschen um sich?«
»Er wird ein Anti-Aggressionstraining absolvieren.«
»Wir wissen ganz genau, dass das immer gesagt wird, um die Öffentlichkeit in solchen Momenten zu beruhigen«, erwiderte ich.
Das kommentierte Klaus mit einem zustimmenden Achselzucken. »Vielleicht macht er es wirklich. Was ist jetzt mit dem Essen? Sage ich zu? Wir müssen das zeitnah klären. Solange es die Öffentlichkeit noch interessiert.«
Ich runzelte die Stirn. »Ich halte es für keine gute Idee.«
»Dann mach den Song mit ihnen und haltet die Zusammenarbeit fest. Videos und Bilder für Social Media und so. Am Ende dann ein gemeinsamer Auftritt oder zumindest ein gemeinsames Musikvideo und fertig. Sie haben sich dein Soloalbum angehört und mochten es. Three Five war wohl vor allem von deinen selbstgeschriebenen Songs begeistert.«
»Natürlich sagen sie das …«, erwiderte ich unbeeindruckt und rollte innerlich mit den Augen. Als wenn sie ernsthaft mein Album gehört hätten.
»Sie haben bisher kaum Kollaborationen gemacht. Sie hätten auch zu dieser nicht zusagen müssen. Das haben sie aber. Ich glaube nicht, dass sie einem gemeinsamen Song zustimmen würden, wenn sie nicht mit dir zusammenarbeiten wollten. Denk noch mal darüber nach.« Ich schüttelte den Kopf und Klaus kniff die blauen Augen zusammen. »Dann ein gemeinsames Essen?«
Ich verzog unwillig das Gesicht. »Wie wäre ein Clubbesuch?«, schlug ich vor. Das war nicht viel besser, aber die laute Musik wäre ein Vorteil, um Gesprächen aus dem Weg zu gehen. In einer VIP-Lounge würden wir Menschenmassen vermeiden. Und ich tanzte gern, das würde mich entspannen.
Klaus wiegte nachdenklich den Kopf hin und her. »Ja … das ginge. Ihr könntet gemeinsam kommen. Oder wir leaken Bilder von drinnen … Oder ihr postet sie auf Social Media. Ich werde das mit Three Fives Management besprechen.« Er hatte sein Smartphone schon in der Hand und tippte darauf herum. »Ihr könnt ins Sun and Moon gehen. Sie haben sowieso angefragt, ob du kommst. Ist ein recht neuer Club, der sich einen Namen machen will. Dann kann ich direkt Three Five mitbringen und wir schlagen mehr raus … Aber nicht zu früh. Ich habe deine Verletzung ja etwas … Vielleicht nächste Woche?« Er redete mit sich selbst und wandte sich irgendetwas murmelnd seinem Laptop zu. Also schaltete ich gedanklich ab und verließ die Küche, um Klaus arbeiten zu lassen.
***
Mein Abendprogramm, das aus Social Media Konsum bestand, wurde von einer ankommenden Mail unterbrochen. Ich bekam auf dem Handy nur die Benachrichtigung, wenn die persönlich für mich eingerichtete Geschäftsmailadresse angeschrieben wurde. Mails gingen sonst an mein Management und wurden dort sortiert, nur die wichtigsten kamen zu mir durch.
Doch diese Mail kam nicht von Klaus, sondern von einer unbekannten Mail-Adresse.
Neugierig tippte ich darauf.
Von: [email protected]
Betreff: Song
Hier ein Beat, der passen würde. Und eine Melodie. Die Lyrics fehlen noch größtenteils, aber du schreibst? Könnte man gemeinsam erarbeiten.
Keine Unterschrift, kein gar nix.
Für einen Scam war es zu konkret. Niemand wusste von der Möglichkeit einer Kollaboration. Aber …
Ich tippte im Affekt auf die Telefonnummer von Klaus. Ich hasste es zu telefonieren, aber ich wollte so schnell wie möglich Klarheit.
»Crystal«, meldete sich Klaus kurz darauf.
»Wieso schreibt mir jemand von einer Mailadresse, die anscheinend zu Three Five gehört, wegen eines Songs?«
»Wow. Das ging schnell. Haben sie eine passende Songidee?«, fragte Klaus überrascht zurück.
»Ich habe gesagt, dass ich keinen Song mit ihnen mache! Das war mein voller Ernst!« Meine Stimme klang leise vor Wut. Ich zitterte innerlich. Nicht wegen der Wut, die hatte ich ganz gut unter Kontrolle, sondern weil ich sie herausließ und aussprach, was ich wollte, was mir nie leicht fiel.
»Du brauchst die Kollaboration, Crystal. Es interessiert doch keinen, warum der Song gemacht wurde, und das wird auch nie jemand erfahren.«
»Die Fans sind nicht doof. Das kapieren die auch, ohne dass man es sagt«, erwiderte ich.
»Das ist die Chance für dich Pitch Records zu überzeugen, eine Tour für dich zu planen«, sagte Klaus.
»Was? Du hast gesagt, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist und ich dieses Jahr sowieso noch touren werde«, rief ich und setzte mich auf.
»Pitch Records reichen deine Zahlen nicht. Sie wollen mit ein paar Konzerten testen, wie es läuft. Für eine Tour reicht es aktuell nicht.«
»Du hast mich angelogen?«, fragte ich heiser.
»Nein. Pitch Records hat sich umentschieden. Sie haben einen neuen Künstler unter Vertrag genommen und der soll die Tour bekommen.« Die Stimme meines Managers klang wütend, was dafür sorgte, dass es mir ein klein wenig besser ging.
»Ich bin zu Pitch Records gewechselt, weil sie mir eine Tour versprochen haben. Haben wir keine Möglichkeiten, sie einzufordern?«, fragte ich leise.
»Ich lese aktuell die Verträge … aber ich fürchte, dass wir diesen Teil nicht konkret genug aufgenommen haben. Ich lasse das von einem Anwalt prüfen, aber Crystal … Die Kollaboration mit Three Five könnte dein Sprungbrett sein. Mein Vorschlag wäre, dass du die Band bei dem Clubbesuch kennenlernst und dann entscheidest. Hör dir die Songidee an und denk darüber nach.« Klaus klang versöhnlich und so als ließe er mir wirklich die Wahl.
Ich schwieg für einige Momente und nickte unentschieden, was Klaus natürlich nicht sah. »Hast du einen Termin ausgemacht?«
»Ja, nächsten Samstag. Ihr trefft euch im Sun and Moon.«
»Eine Woche, damit meine kaum vorhandenen Kratzer abheilen?«
»… deine tiefen Schnittwunden, die möglicherweise Narben hinterlassen.«
»Ich werde nicht lügen.«
»Das habe ich schon für dich erledigt.«
Ohne eine Verabschiedung legte ich auf.
Keine Tour.
Keine Tour.
Keine Tour.
Immer und immer wieder rotierten die Worte in meinem Kopf. Ich zog mein Tagebuch heraus und ließ die wirren Gedanken auf das Papier fließen. Ohne nachzudenken, ohne den Stift je abzusetzen. Bis ich mich ruhiger fühlte.
Ich seufzte, ließ den Kugelschreiber sinken und starrte auf die hingekritzelten Zeilen. So viele Gedanken. Niemand, um sie zu besprechen.
Ich wusste nicht, wie lange ich da saß. Irgendwann griff ich zu meinem Smartphone und öffnete den Anhang der Mail. Ich setzte meine Kopfhörer auf und spielte die zugesendete Musikdatei ab.
***
»Weißt du schon, was du im Sun and Moon anziehst?«, schallte Jadas Stimme aus meinem Ankleidezimmer.
Ich saß an meinem Schminktisch und schrieb Textfetzen in mein Notizbuch. Mein Fuß wippte zur Melodie, die mich nicht mehr losließ, seit ich vor knapp einer Woche die Musikdatei von Three Five bekommen hatte. Der Beat war mitreißend, die Melodie fröhlich. Ein perfekter Sommersong. Natürlich musste noch ein wenig gefeilt werden und der Text fehlte bisher komplett. Nichtsdestotrotz bekam ich den Sound nicht mehr aus dem Kopf. »Nein, was meinst du?«
Jadas Antwort war nicht vollständig zu verstehen, aber ich hörte Markennamen und Kleidungsstücke.
»Such du einfach was aus«, erwiderte ich.
Jadas Kopf erschien in der Tür. »Du musst mögen, was du trägst! Es geht ja um dich und deinen Stil. Ich stelle dir drei Outfits zusammen und du entscheidest, okay?«
Ich nickte und Jadas Kopf verschwand wieder.
»Hast du Lucinda schon Bescheid gegeben, dass sie zum Schminken kommt?«, fragte sie jetzt.
Ich hob den Kopf und runzelte die Stirn, weil ich überhaupt nicht daran gedacht hatte. »Nein. Sollte Stacey auch kommen und direkt die Haare schneiden und stylen?«
»Auf jeden Fall. Ich rufe sie gleich an. Sie haben bestimmt Zeit für dich. Ein Auto hat Klaus schon für dich besorgt?«
»Das weiß ich nicht«, antwortete ich ehrlich und fragte mich, wie ich jemals ohne Jada zurecht gekommen war.
Sie tauchte mit einem Kleid in der Hand in der Tür auf und sah mich fragend an. »Ich kümmere mich darum. Was sagst du zu dem Kleid? Oder willst du deine Beine nicht zeigen?«
Sie war viel zu aufmerksam. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie bemerkt, dass ich Kleider, die meine Beine zeigten, häufig vermied. Vor allem in sehr hellen und sehr dunklen Farben. Ich hatte keine Lust auf Make-up-Flecken auf Kleidung.
»Im Club ist es sowieso dunkel, da macht es keinen wirklichen Unterschied«, sagte ich.
Jadas Augen leuchteten auf. »Wie wäre es dann mit dem Minirock mit den Fransen?«
»Ich ziehe an, was du mir sagst. Es sollte nur lange Ärmel haben …« Ich dachte an Klaus’ Übertreibung wegen der Verletzungen. Ich würde zwar nicht lügen, aber ich musste die Leute ja auch nicht darauf stoßen.
***
Den Nachmittag nutzte ich, um zu tun, was ich am liebsten tat und am besten konnte: Ich durchsuchte die sozialen Medien, um alles herauszufinden, was sich auf diesem Weg über die fünf Bandmitglieder von Three Five herausfinden ließ. Three Five war nicht nur bekannt für ihre Songs, sondern auch für ihre beeindruckenden Tanz-Choreographien und aufregenden Bühnenshows. Außerdem für die tiefen Einblicke, die sie ihren Fans in den sozialen Medien ermöglichten.
Es machte seltsam süchtig und war gleichzeitig so beruhigend wie unterhaltsam, die über die Jahre gesammelten Videos der Jungs zu sehen. Social Media platzte förmlich vor Reels, Videos, Bildern und Zusammenschnitten der fünf. Hashtags über Hashtags zu Three Five und den einzelnen Mitgliedern waren überall. Lustige Szenen, niedliche Momente, sexy Choreographien, verliebte Collagen, Shippings verschiedener Mitglieder, es gab alles. Dabei war der kleinste Teil von den Mitgliedern selbst hochgeladen. Von ihnen war zwar das Rohmaterial, doch ihre Fans hatten die vielen, vielen Videos zusammengeschnitten und so ihre liebsten Momente der Band gesammelt.
Tatsächlich gab es sowohl Three Five-Lives, in denen sich die ganze Band zeigte und mit den Fans sprach, als auch Einzel-Lives. Ace-Lives zeigten meist, wie er tanzte. Seltener gab es Videos aus seiner Wohnung, in denen er direkt mit den Fans sprach. In Jax-Lives zeigte dieser sich beim Tanzen, Klavier spielen und teilte alles, was ihm Spaß machte. Dev aß meist in seinen Lives und sprach einfach mit den Zuschauenden. Ray und Lee machten oft gemeinsame Live-Videos. Lee schwieg die meiste Zeit und Ray bezog ihn lässig in die Gespräche mit ein. Sie waren so eng miteinander, dass man sie für Brüder halten könnte. Wenn Lee alleine live ging, ließ er Musik laufen, die er mochte und sang ab und zu. Ray-Lives zeigten ihn in der Regel beim Videospielen, wozu er auch immer wieder seine Band-Mitglieder einlud.
Am liebsten und gleichzeitig mit der meisten Sorge sah ich mir die Zusammenschnitte an, in denen die fünf Jungs freundschaftlich, eher sogar brüderlich miteinander umgingen. Sich umarmten, trösteten, unterstützten, Hände hielten. Sie taten all das, was sehr gute Freunde füreinander taten. All das, was ich nicht hatte und wohl auch nie haben würde.
Je länger ich die Videos guckte, desto faszinierter war ich vor allem von Ace. Es war seltsam, denn schließlich hatte er mich mit einer Flasche beworfen und eine Panikattacke verursacht. Aber seine Bühnenpräsenz und der Gegensatz seines Verhaltens zogen mich mehr und mehr in den Bann. Die sexy Seite auf der Bühne, die emotionalen Raps, sein ausdrucksstarker Tanz und die nahbare und fast liebevolle Seite gegenüber den Fans.
Wenn ich allerdings das Handy weglegte, blieb etwas in mir zurück. Oder es fehlte eher etwas. Es war wie ein Loch im Bauch oder im Herzen. Ihre Videos gaukelten eine Nähe vor, die es in der Realität nicht gab. Sie weckten Sehnsucht in mir nach Dingen, die ich nie gehabt hatte und die bei ihnen so einfach wirkten.
Das Sun and Moon war ein recht neuer Club, der mit gekonnt platzierten silbernen und goldenen Akzenten in Sonnen- und Mond-Designs seinem Namen Ehre machte. Er war geschmackvoll und modern eingerichtet, dazu dröhnten mitreißende Beats von einem DJ durch die zwei Etagen. Menschen pressten sich aneinander und die Tanzfläche wogte.
Ich ließ meinen Blick wandern und fragte mich, wie ich so dumm hatte sein können, in diese Situation zu kommen.
Ein Ellenbogen traf meine Seite und ich sah stirnrunzelnd in Devs grinsendes Gesicht. »Komm schon, guck nicht so. Es wird bestimmt spaßig! Sie kann nicht so schlimm sein, wie die Medien sie machen wollen.«
Ich rollte mit den Augen, konnte aber nicht anders, als leicht zu lächeln. Allein schon wegen seiner Begeisterung und seiner Aufregung.
Meine Band-Brüder und ich wurden in eine VIP-Lounge begleitet, die man von hinten erreichen und somit die Menschenmassen meiden konnte. Clubs interessierten mich nicht wirklich. Früher hatte ich sie mir nicht leisten können, heute waren sie mir zu stressig, weil immer jemand was von mir wollte. Eine VIP-Lounge war mittlerweile die einzige Möglichkeit, einen Club überhaupt betreten zu können, ohne von Fans belagert zu werden.