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Eine Studentin, die lieber Tänzerin wäre. Ein Boyband-Star, der mehr will, als sie ihm geben kann. Als Margot sich bei einem Autounfall das Bein bricht, steht ihre ganze Zukunft auf dem Spiel. Denn die Verletzung erschwert nicht nur ihr Studium, sondern kostet sie ihren Job als Tanzlehrerin. Was sie nicht weiß: Der Mann, der sie angefahren hat, ist Dev, Mitglied der weltweit gefeierten Boyband Three Five! Dass er ihre Krankenhausrechnung bezahlt, kommt ihr gerade recht. Doch Margot kennt Three Five nicht und lernt Devin ohne das Gewicht seiner Berühmtheit kennen. Er ist lustig, charmant ... und dabei unglaublich sexy. Hätten beide nur nicht zu Beginn festgestellt, dass sie auf dieser Ebene niemals zusammenkommen. Denn Devin sucht eine feste Bindung und das ist so gar nicht das, was Margot möchte … Die Freude am Tanzen verbindet sie, doch ihre Leben könnten nicht unterschiedlicher sein ... Diese tiefgehende New Adult-Romance-Trilogie entfacht einen Sturm an Gefühlen. Textauszug Ich fühlte mich Devin so nah, wie ich es noch nie mit jemandem gehabt hatte. »Ich kenne dich«, sagte ich also fest. Devins Adamsapfel bewegte sich auf und ab, als er schwer schluckte. Er hob den Kopf und sah mich an. »… du kennst nur einen Teil von mir.« //»Lost Between« ist der zweite Band der knisternden »Behind the Spotlight«-Trilogie um die Boyband Three Five und kann unabhängig davon gelesen werden, nimmt aber Bezug auf die Geschehnisse von Band 1. Band 1: Hidden Underneath Band 2: Lost Between Band 3: Silent Within Diese Reihe ist abgeschlossen.//
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Impress
Die Macht der Gefühle
Impress ist ein Imprint des Carlsen Verlags und publiziert romantische und fantastische Romane für junge Erwachsene.
Wer nach Geschichten zum Mitverlieben in den beliebten Genres Romantasy, Coming-of-Age oder New Adult Romance sucht, ist bei uns genau richtig. Mit viel Gefühl, bittersüßer Stimmung und starken Heldinnen entführen wir unsere Leser*innen in die grenzenlosen Weiten fesselnder Buchwelten.
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Rebekka Gusia
Behind the Spotlight: Lost Between
**Eine Studentin, die lieber Tänzerin wäre. Ein Boyband-Star, der mehr will, als sie ihm geben kann.**Als Margot sich bei einem Autounfall das Bein bricht, steht ihre ganze Zukunft auf dem Spiel. Denn die Verletzung erschwert nicht nur ihr Studium, sondern kostet sie ihren Job als Tanzlehrerin. Was sie nicht weiß: Der Mann, der sie angefahren hat, ist Dev, Mitglied der weltweit gefeierten Boyband Three Five! Dass er ihre Krankenhausrechnung bezahlt, kommt ihr gerade recht. Doch Margot kennt Three Five nicht und lernt Devin ohne das Gewicht seiner Berühmtheit kennen. Er ist lustig, charmant … und dabei unglaublich sexy. Hätten beide nur nicht zu Beginn festgestellt, dass sie auf dieser Ebene niemals zusammenkommen. Denn Devin sucht eine feste Bindung und das ist so gar nicht das, was Margot möchte …
Buch lesen
Vita
© privat
Rebekka Gusia wurde 1990 in einem Dorf im oberbergischen Kreis geboren. Von klein auf las sie Unmengen von Büchern aus der Bibliothek der nahen Kleinstadt. Je älter sie wurde, desto mehr lernte sie vor allem das Romance-Genre lieben, in dem auch ihre eigenen Geschichten spielen. Sie zog für ihr Germanistik- und Pädagogikstudium nach Köln. Das Schreiben sieht sie als kreativen Ausgleich zu ihrer fordernden Arbeit bei einem Jugendhilfeträger.
Für Patrick.Ohne dich würde es keins meiner Bücher geben.
Margots Tagebuch
Keine Ahnung, was das Universum heute gegen mich hatte. Ich hatte nicht nur meinen Wecker verschlafen. Nein, die Kaffeemaschine gab mal wieder ihren Geist auf und meine Lieblingsleggings präsentierte ein Loch. Die Krönung war allerdings, dass ich jetzt nach Luft schnappend auf der Straße lag und eine volle Ladung Adrenalin den Schmerz aus meinem Körper zu pumpen versuchte, der durch mein linkes Bein und den Kopf pulsierte.
Es war meine eigene Schuld. Ich hatte nicht geschaut, bevor ich über die Straße gelaufen war, und wegen der lauten Musik, die durch meine Kopfhörer dröhnte, hatte ich das leise Auto nicht gehört. Wahrscheinlich hatte ich einem Autofahrer den Schreck seines Lebens verpasst.
Ich bekam keine Luft, meine Umgebung schwankte, verschwamm und schwarze Punkte flackerten vor meinen Augen, als eine Bewegung vor dem glänzenden Auto an meinem Blickfeldrand meine Aufmerksamkeit auf sich zog.
Dann beugte sich einer der schönsten Männer, die ich je so nah gesehen hatte, über mich. Kantiges Kinn, weiche Lippen, blaue Augen und stylisch verwuschelte Haare. Er war vermutlich in meinem Alter, Anfang zwanzig. Mein Blick fokussierte sich auf die vielen silbernen Ringe, die in seinen Ohren gegen die Morgensonne funkelten. Er hatte allerdings tiefe Augenringe und sah so unglaublich traurig aus und … als habe er furchtbare Angst. Sein Mund bewegte sich, und obwohl ich mich konzentrierte, drangen nur Bruchstücke von dem, was er sagte, zu mir durch. Mein Kopf dröhnte, als hätte ich den miesesten Kater meines Lebens.
»O Gott … tut mir so …« Seine Hände huschten nervös über meinen Körper, ohne mich zu berühren, und er sah jetzt richtig panisch aus. Die melodische Stimme besänftigte meine eigenen hektischen Gedanken, dann umfassten seine Finger vorsichtig meine Hand. Das war schön. Seine Haut war warm, seine Finger lang und kräftig. Kühle Ringe pressten sich an meine Haut. »… so leid! Das werde ich mir nie …« Er hielt ein Handy an sein Ohr. »… Unfall … ja, ja …«
Ah … ein Unfall! Stimmt, ich war über die Straße gehetzt und da war plötzlich ein Auto gewesen. Ich bewegte den Kopf minimal und Schmerz flackerte in mir auf, ich unterdrückte ein Aufstöhnen. Meine eigenen momentan fast weißen Haare dominierten mein Blickfeld, doch ich sah mein Handy mit zerbrochenem Bildschirm und meine letzten funktionierenden Kopfhörer in der Nähe auf der Straße liegen. Leise Bässe waren zu hören. Offensichtlich funktionierte es noch. Ich atmete innerlich auf, weil Mitte des Monats das Geld schon langsam knapp wurde und ich mir kein neues Handy hätte leisten können.
Der Blick des schönen Mannes huschte wieder zu mir. Sein Handy war weg. Seine zweite Hand ließ meine nicht los und ich klammerte mich mittlerweile an sie, als würde sie mein Leben bedeuten. Ich war ziemlich sicher, dass mein Leben nicht in Gefahr war, aber seine Hand fühlte sich gut an. Mein Bein tat unglaublich weh und Schmerz pulsierte in meinem Kopf, alles war irgendwie wund, als hätte ich einen Muskelkater und danach noch sechs Stunden Tanztraining absolviert, aber sonst war es nicht so schlimm …
»Es tut mir so unglaublich leid! Ich …« Sein Kopf bewegte sich hektisch zu seinem Auto, dann wieder zu mir. »Ich … ich verspreche, dass ich … Ich …« Ich blinzelte, sah zu, wie sich seine weichen Lippen bewegten und fragte mich, wie sie sich auf meinen anfühlen würden. Wow … nicht mal ein Autounfall hielt mich davon ab, von Küssen zu fantasieren. »… um alles kümmern! Aber … O Gott … das darf nie jemand erfahren … ich muss … es tut mir so leid! Ich muss … ich muss …«
Er sah mich aus seinen intensiven Augen an und eine Träne löste sich aus seinen dunklen langen Wimpern. Unfair … Wieso hatte er so lange Wimpern?
Ich hob schwerfällig meinen Arm und wischte seine Träne mit dem Daumen weg. »’s okay«, murmelte ich. Meine Stimme hörte sich nicht an wie meine. Oder mit meinen Ohren stimmte was nicht.
Sein Blick lag schwer und ungläubig auf mir. Oder mein verwirrtes Gehirn bildete sich das nur ein.
»Wie heißt du?«, fragte er und legte seine Hand über meine an seiner Wange. Jetzt wirkte er fokussiert und weniger durcheinander. Das war gut.
»Margot … Margot Lewis«, flüsterte ich.
»Ich finde dich, Margot, und kümmere mich um alles … mach dir keine Sorgen … bleib einfach hier liegen, der Krankenwagen kommt jeden Moment … ich muss … es tut mir so leid!« Er stand auf, löste seine Hand aus meiner und ich sah ihm von meinem Platz auf der Straße nach, wie er in sein Auto stieg und wegfuhr.
Für einen kurzen Moment verkrampfte sich mein Herz. Wieso ließ er mich hier allein und verletzt liegen?
Doch mein Kopf schwirrte noch mehr, jetzt wo ich nichts mehr hatte, auf das ich mich konzentrieren konnte. Plötzlich tat mein Bein wieder so weh, ich hob den Kopf, um es anzusehen, bereute es aber sofort, weil Schmerzen durch mich schossen.
Dann waren die schwarzen Flecken wieder da und übernahmen mein Blickfeld, bis ich nichts mehr sah.
Margots Tagebuch
»Wehe, du jagst mir noch mal so einen Schreck ein.« Lina sah mich streng an und jede ihrer Bewegungen drückte die Sorge aus, die sie nicht zu zeigen versuchte. Ihre warme Hand hielt meinen Unterarm, was es nicht einfacher machte, mich mithilfe der Krücken in den klapprigen Aufzug unseres Hauses zu manövrieren. Sie trug noch immer ihre Krankenschwester-Montur und ihre tiefen Augenringe zeigten, wie müde sie war.
»Danke, dass du dafür gesorgt hast, dass ich schon raus darf«, murmelte ich. Ich hatte wirklich doppelt Glück, dass ich nicht nur eine tolle Mitbewohnerin hatte, sondern diese auch noch Krankenpflegerin war. Während sie den Knopf für unser Stockwerk drückte und sich die Aufzugtür schloss, lächelte ich sie dankbar an. Normalerweise würde ich mich nie in diese Todesfalle von Aufzug trauen. Wir wohnten zwar in der vierten Etage, aber ich lief zehntausendmal lieber, als dem Teil zu vertrauen. Jetzt hatte ich leider erst mal keine Wahl. Ein unheilvolles Klappern ertönte und ich klammerte mich fester an Lina. Ich hasste Aufzüge.
»Schon gut. Ausnahmsweise ein Vorteil, Krankenschwester zu sein. Ich habe ja auch nichts davon, wenn du wegen Krankenhausrechnungen in Schulden versinkst und dir unsere Wohnung nicht mehr leisten kannst, nur weil du eine weitere Nacht bleiben musst.« Sie lachte, doch der Scherz sorgte leider nur dafür, dass sich der Knoten in meinem Magen schmerzhaft bemerkbar machte, und ich schluckte gegen das schlechte Gefühl an. Es half natürlich nichts.
Ich war nur eine Nacht im Krankenhaus geblieben. Mit einem einfachen Beinbruch und einer leichten Gehirnerschütterung hatte ich wohl Glück gehabt. Vermutlich war ich nach dem Autounfall wegen des Schocks ohnmächtig geworden. Normalerweise hätte ich zumindest eine weitere Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben müssen, aber dank Lina, die versprochen hatte, sich um mich zu kümmern, durfte ich schon raus. Ein Glück, dass sie durch ihre Schichtarbeit genau jetzt drei Tage am Stück frei hatte.
Mit einem Ping kam der Aufzug auf unserer Etage an und ich war unverhältnismäßig froh, lebend aus dem Teil rauszukommen, und wäre prompt beinahe mit meinen Krücken gestürzt. Nur Linas schnelle Reaktion rettete mich davor.
»Danke«, murmelte ich und humpelte Richtung Wohnungstür, die Lina schon aufschloss, als ich ankam.
»Ich gehe gleich einkaufen. Brauchst du noch was Bestimmtes, was nicht auf der Einkaufsliste steht?«, fragte sie, während sie den Schlüssel in die Schale warf, die auf dem Second-Hand-Schuhschrank neben der Eingangstür stand.
»Ich glaube nicht.« Ich ließ mich schwerfällig auf das Sofa fallen, um dort meine Schuhe auszuziehen. Daran war im Stehen gerade nicht zu denken.
»Alles klar.« Lina streckte sich und stieß einen lauten Seufzer aus, der dafür sorgte, dass ich sie wahrscheinlich das erste Mal heute richtig ansah. Ich hatte so viel mit mir selbst, meinem gebrochenen Bein, Sorgen um Geld, Rechnungen und den Krücken zu tun, dass ich kaum auf meine Freundin geachtet hatte.
Ich nutzte den Moment, um Lina genauer zu mustern. Sie sah müde aus, hatte tiefe Augenringe und eine Falte saß zwischen ihren Augenbrauen. Sie war oft erledigt und sah erschöpft aus, das brachten der fordernde Job und die Schichtarbeit mit sich. Aber ich wohnte mittlerweile lange genug mit ihr zusammen, um zu erkennen, dass Lina zusätzlich genervt war.
»Wieder der Arzt-Arsch?«, fragte ich also vorsichtig, während ich den rechten Schuh auszog und irritiert den schuhlosen linken Fuß ansah. Was war eigentlich mit dem anderen Schuh passiert?
Ich sah wieder auf und direkt in die wütende Funken sprühenden Augen meiner Mitbewohnerin. »Er hat ernsthaft gemeint, dass er einer Patientin nicht die volle Dosis Schmerzmittel geben würde, weil ›ihr Schwarzen Schmerzen ja nicht so spürt wie wir Weißen‹. Der Rassismus von diesem Wichser sitzt so was von tief, sein Verhalten ist richtig gefährlich. Und es ist nicht so, dass ich ihm das erste Mal gesagt habe, dass er rassistisch handelt. Bisher war es hauptsächlich mir gegenüber. Dieses Mal war es aber bedrohlich für eine Patientin und ich bin zum Oberarzt gegangen. Der ist vollkommen ausgerastet. Jetzt ist der Arzt-Arsch zwar für eine Dienstanhörung vorgeladen, aber ich arbeite nächste Woche wieder mit ihm zusammen und befürchte Schlimmes.« Lina seufzte müde und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Ihre langen Braids fielen über ihre Schultern und ich rappelte mich so weit vom Sofa hoch, dass ich an ihre Hand kam. Ich zog sie zu mir und in eine feste Umarmung. Einen kurzen Moment blieb sie, wie sie war, bevor sie die Arme öffnete, mehr oder weniger in meinen Schoß plumpste, ihr Gesicht an meiner Schulter vergrub und sich entspannte. Ein Seufzen entkam ihr, genau wie mir.
»Sollen wir ihm die Reifen aufschneiden und die Karosserie zerkratzen? Oder du könntest seine Akten verstecken oder so. Mein Gehirn ist gerade nicht so richtig auf Touren, aber mir fällt bestimmt noch was Gutes ein.«
Lina lachte erstickt. »Verführerisches Angebot, aber ich habe die Stelle erst seit Kurzem … Ich bin froh, dass der Oberarzt auf meiner Seite ist, und auch die meisten Kolleginnen und Kollegen waren entsetzt. Trotzdem hat er das mit Sicherheit nicht das erste Mal gemacht und das ist einfach nicht in Ordnung! Rassismus ist kein Witz und wenn es um die Gesundheit von …« Sie unterbrach sich. »Sorry … du weißt das alles, es ist einfach so scheiß frustrierend.«
»Ich kann eine Beschwerde beim Krankenhaus einreichen. Würde das helfen? Wir könnten ihn anzeigen! Kann man einen Arzt wegen so einem Verhalten anzeigen?«
»Du bist die Beste«, murmelte Lina an meiner Schulter. »Aber das hier ist erst mal vollkommen genug. Ich bin froh, dass ich ihn ein paar Tage nicht sehen muss, um mich zu beruhigen. Mal sehen, wie es dann mit ihm weitergeht.«
Ich nickte und murmelte etwas Zustimmendes. »Filmabend? Bringst du beim Einkaufen Popcorn und Chips mit?«
Lina setzte sich mit aufgerissenen Augen auf und presste die Hände dramatisch auf ihr Herz oder eher ihre beeindruckenden Brüste. »O mein Gott! Mein Tag ist sofort so viel besser geworden.« Man könnte glauben, dass sie ihre Aussage sarkastisch meinte, aber ich kannte Lina viel zu gut, weshalb ich die echte Begeisterung deutlich sah. »Das wird fantastisch! Und wir bestellen Pizza?«
»Na klar!« Über das Geldproblem konnte sich Zukunfts-Margot Gedanken machen. Heute Nacht würde ich vermutlich vor Sorgen wachliegen, weil mein gebrochenes Bein mich zwar nicht vom BWL-Studium abhalten konnte, aber mein Nebenjob war ein Problem. Ich würde meine Kindertanzkurse nicht durchführen können. Keine Kurse – kein Geld. Ich war ziemlich am Arsch!
»Rufst du gleich deine Familie an? Sie wissen noch nichts von deinem Unfall, oder?«, unterbrach Lina meine Gedanken und stand vom Sofa auf.
Damit brachte sie das nächste Thema auf, das ich vermieden hatte. Ich hatte abgewartet, bis ich sicher war, dass ich klare Infos hatte und meine Familie nicht sofort ihr knappes Geld zusammenkratzte, um durch die ganze Stadt zu mir ins Krankenhaus zu kommen. Ich wollte vor allem auf keinen Fall Grandma beunruhigen.
»Du rufst sie an, ja?«, fragte Lina noch mal von ihrer Zimmertür.
»Ja, ja. Ich rufe sie gleich an, wenn du einkaufen gehst.«
»Das passt ja. Ich gehe jetzt«, rief sie von der Wohnungstür aus. Lina gehörte zu den Menschen, die die Wohnung am liebsten nicht mehr verließen, wenn sie einmal dort waren. Deshalb erledigte sie ihre Aufgaben direkt hintereinander, um dann in gemütlichen Klamotten zu Hause zu entspannen.
»Bis gleich. Danke fürs Einkaufen!«, rief ich ihr noch hinterher, als schon die Tür zufiel.
Mit einem Seufzen zog ich mein Handy mit dem zersplitterten Bildschirm umständlich aus der Hosentasche. Ich konnte den Anruf auch gleich erledigen. Dann hatte ich es hinter mir.
Ich war noch nicht zu hundert Prozent entschieden, ob ich nur meine Schwester informieren sollte oder die ganze Familie. Aber der Gips blieb sechs bis zwölf Wochen am Bein und irgendwann in der Zeit würde ich sie besuchen wollen und spätestens dann würden sie es herausfinden, also würde ich meine Eltern über kurz oder lang auch einweihen müssen. Aber … vielleicht noch nicht jetzt?
Ich tippte also erst den Namen meiner Schwester im Telefonbuch an.
»Hey Margot«, meldete sich die so vertraute Stimme.
»Hi Ro«, erwiderte ich und spürte das Lächeln in meinem Gesicht. »Wie geht es dir? Wie läuft die Schule?« Meine Schwester war sechs Jahre jünger als ich und besuchte mit sechzehn noch die High School.
»Gut, gut. Alles wie immer. Grandma hat heute bestimmt schon zehnmal nach dir gefragt.«
»Tut mir wirklich leid. Ich habe es gestern nicht geschafft anzurufen.« Ich seufzte und legte die Hand über meine Augen. Ich rief normalerweise dienstags, donnerstags und samstags an. Das waren die festen Tage, alles andere war Bonus. Ich hatte aber den Donnerstag im Krankenhaus verbracht und Grandma waren die festen Anruftage wichtig.
»Schon gut. Du weißt ja, wie es ist. Sie hat vergessen, dass sie mich heute schon so oft gefragt hat«, meinte Rowena mit ihrer so typischen guten Laune.
Ich machte ein zustimmendes Geräusch. An manchen Tagen war Grandma vergesslicher als an anderen. »Wie geht es ihr heute?«
»Gut. Sie hat heute Nacht in den Schatten in ihrer Zimmerecke Kobolde gesehen, die scheinbar die Übeltäter sind, die immer ihre Wäsche im Schrank durcheinanderbringen. Sie hat deswegen den Großteil der Nacht damit verbracht mit den eingebildeten Kobolden zu schimpfen. Wir werden sehen, ob ihre Schränke jetzt ordentlich bleiben«, erzählte Rowena mit einem leichten Lachen in der Stimme. Sie war vermutlich die Geduldigere von uns, wenn es um die fortschreitende Demenz-Erkrankung unserer Grandma ging.
»Das wäre ja eine gute Lösung«, erwiderte ich trocken. »Du … ich wollte erst mit dir sprechen, weil ich Mom und Dad nicht erschrecken will und dich nach deiner Meinung fragen wollte.«
»Okay. Hau raus«, meinte sie und ich konnte nicht anders, als zu lächeln.
»Ich habe mir ein Bein gebrochen. Es war ein Autounfall, aber es geht mir gut. Es ist nur das Bein und eine leichte Gehirnerschütterung. Lina kümmert sich um mich und ich habe Glück gehabt. Der Unfall war meine Schuld. Ich habe nicht geguckt, als ich über die Straße gegangen bin, und wurde angefahren. Es ist alles okay, nur das Bein ist kacke«, sagte ich schnell und ohne Luft zu holen, damit ich nicht unterbrochen wurde.
Kurz war es still am anderen Ende der Leitung. »Dir geht es wirklich gut?«
»Ja, keine Sorge. Ein paar Schürfwunden und das Bein. Ich habe noch Kopfschmerzen, aber sonst ist wirklich alles gut.«
»Okay … Ich lege auf und rufe mit Video an! Ich will dich sehen.«
Ich seufzte und nahm das Handy vom Ohr, um zu warten, dass meine Schwester noch mal anrief. Leichte Kopfschmerzen machten sich hinter meiner Stirn bemerkbar.
Die nächsten Minuten nutzte ich, um sie mit Bild zu überzeugen, dass alles in Ordnung war. Ich hatte wohl falsch eingeschätzt, dass sie die Entspannteste der Familie sein würde.
»Hast du das Arschloch angezeigt, das dich angefahren hat?«
Ich seufzte. Ich hatte eine ganz vage Erinnerung an den schönen Mann, der mich angefahren hatte. Aber es war ohnehin nicht genug und würde nur auf eine Anzeige gegen Unbekannt hinauslaufen. »Nein. Der Unfall war meine Schuld und er hat sich um mich gekümmert und einen Krankenwagen gerufen. Wahrscheinlich stand er selbst vollkommen unter Schock … Mir ist ja nichts Schlimmeres passiert.«
Ro hob eine Augenbraue und sah mich kritisch an. »Er hat dich angefahren. Als Autofahrer muss er aufpassen, was auf der Straße passiert.«
»Überlass das mir, okay?«
Rowena schnaubte unwillig, wechselte aber trotzdem das Thema. »Was ist mit deinem Job? Du wirst keine Tanzkurse geben können, oder? Wirst du die Miete zahlen können?« Das hübsche, unschuldige Gesicht meiner Schwester legte sich vor Sorge in Falten und sofort meldete sich der Knoten in meinem Magen und zog sich schmerzhaft zusammen.
»Wer ist hier die ältere und wer die jüngere Schwester? Mach dir keine Gedanken, Ro. Ich kann mich um mich kümmern und du kümmerst dich um dich und die Schule, damit du einen guten Abschluss machst und ein Stipendium fürs Studium bekommst«, sagte ich sanft.
»Ja, ja … ich darf mir trotzdem Gedanken machen«, erwiderte sie.
»Natürlich.« Ich seufzte. »Wenn du schon so reagierst, befürchte ich Schlimmes, wenn ich Mom und Dad davon erzähle. Grandma sollte ich wahrscheinlich ganz rauslassen, aber … das würde bedeuten, dass ich sechs bis zwölf Wochen nicht zu euch kommen kann … Dann kommt erst der Gips ab.«
»Das hältst du nicht aus. Und wir auch nicht.«
»Ja … ich weiß. Was sagst du? Ich rufe Mom an und die soll es Dad erzählen, damit er sich nicht so aufregt? Und Grandma würde ich es lieber erst nächste Woche erzählen. Damit die Schürfwunde abheilt.« Ich drehte meinen Kopf und deutete auf eine Schürfwunde am Kinn. »Sie würde sie wahrscheinlich nicht sehen, aber manchmal ist sie überraschend aufmerksam und ich will nicht, dass sie sich erschreckt oder Sorgen macht.«
Rowena wiegte den Kopf hin und her. »Ja, ich glaube, das macht Sinn. Warte, ich hole Mom her.«
Ich stieß einen leisen Seufzer aus und machte es mir etwas gemütlicher im Sofa, um mich gedanklich auf das Gespräch mit meiner Mutter vorzubereiten.
Dev
»Du bist ziemlich blass, Dev. Alles okay?«, riss mich eine dunkle Stimme aus meinem Auf-den-Tisch-Starren. Blinzelnd stellte ich den Blick scharf und realisierte, dass die Besprechung wohl ein Ende gefunden hatte, denn Stühle wurden gerückt und Leute standen auf.
Fuck. Ich hatte fast nichts mitbekommen und es ging um unser nächstes Album. Uns als Band war es schon immer wichtig gewesen, dass wir an allem, was mit den Alben zu tun hatte, beteiligt waren. Ich selbst hatte mit dem Prozess des Produzierens und Texteschreibens zwar recht wenig zu tun im Vergleich zu Ace, Ray und Lee, aber hier war es auch um unsere Pläne rund um die Veröffentlichung gegangen. Um Bilder, Vermarktung, Farben, Stil, all die tausend Sachen, die bei einem Album unerlässlich waren. Die drei Haupttracks, die das Album bestimmten, standen schon, weitere waren noch in Arbeit. Das hier war so wichtig, weil es die große Besprechung war, die mitbestimmte, wie die nächsten Monate liefen, jetzt wo unsere Welt-Tour und die darauffolgende Pause beendet waren. Außerdem sollten wir als Solo-Künstler Singles veröffentlichen, bis das Album herauskam. Ich hatte natürlich keine Ahnung, wie mein Song werden könnte. Ich hatte mich bisher weder damit auseinandergesetzt, was ich wollte, noch hatte ich zugehört. Weshalb ich jetzt auch noch nicht mal wusste, ob es eine Deadline gab oder einen Veröffentlichungsplan. Noch mal Fuck!
Bevor ich Mitglied bei Three Five geworden und damit mittlerweile Teil einer der erfolgreichsten Boybands der Welt war, hätte ich nie gedacht, wie viel Arbeit neben der Musik in einem Album steckte.
Doch ich war mit meinen Gedanken beim gestrigen frühen Morgen. Viel zu deutlich spürte ich noch die Erschütterung, als der Wagen auf einen Menschen traf. Ich hatte die Tür aufgerissen, war hinausgestürzt und für einen kurzen Moment hatte ich geglaubt, eine alte Frau angefahren zu haben. Weiße Haare lagen aufgefächert auf dem dunklen Asphalt, aber der sportliche Körper in engen Leggings und bauchfreiem Hoodie hatte schnell auf eine junge Frau gedeutet. Kopfhörer auf dem Asphalt, ein zersplitterter Handybildschirm, ihre geschlossenen Augen, ein Jutebeutel, aus dem Bücher und ein Ladekabel gefallen waren, Schürfwunden und das selbst für einen Laien erkennbare gebrochene Bein. All diese Erinnerungen flackerten zu den seltsamsten Zeitpunkten vor meinem inneren Auge auf. Ich hatte keine Ahnung mehr, was ich gesagt hatte. Ich war in Panik gewesen, hatte den Notruf gewählt und alles war verschwommen und gleichzeitig viel zu scharf gestellt. Was vollkommen klar blieb, war mein Versprechen, dass ich sie finden würde. Ihr Name, Margot, Margot Lewis. Und die Angst vor dem Skandal. Die Angst hatte so deutlich, so erdrückend vor mir geschwebt, dass ich abgehauen war. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich Fahrerflucht begehen würde. Denn das war es, oder?
Ich hatte mich vom Unfallort entfernt, das war Fahrerflucht. Aber …
»Hallo? Erde an Dev!« Ace schnipste mit seinen tätowierten Fingern vor meinem Gesicht herum und ich schüttelte unwillig den Kopf.
»Schon gut«, brummte ich, stand ebenfalls auf und folgte Lee, der mich mit seinem gewohnt stoischen Gesichtsausdruck und einer gehobenen Augenbraue ansah. Außer meinen Band-Brüdern hatten schon alle den Raum verlassen. »Übermorgen findet die nächste Besprechung statt. Da wird es konkreter. Vielleicht solltest du da etwas wacher sein, damit du Bescheid weißt. Es gibt noch keine Terminplanung«, meinte Lee mit ruhiger Stimme, sodass vermutlich niemand drumherum mitbekam, was er sagte.
Ich seufzte. Meine Band-Brüder waren viel zu aufmerksam. »Alles klar.« Ich nickte und fuhr mir mit den Fingern durch die Haare.
Ein schwerer Arm legte sich um meine Schultern, der zweite um Lee. Rays Kopf tauchte zwischen uns auf. »Es bleibt bei heute Abend, ja?«
»Ich würde mich nie trauen, nicht zu kommen«, brummte Lee und sah mich an. »Vielleicht ist das ja auch die Gelegenheit loszuwerden, was dich so beschäftigt.«
Ich schüttelte den Kopf und setzte ein Lächeln auf, das sich falsch anfühlte, aber lange genug trainiert war, um durchzugehen.
Vermutlich.
»Ich habe nur schlecht geschlafen. War vorgestern zu lange feiern.« Ich lachte hohl. »Vielleicht wird es Zeit mal ein bisschen kürzer zu treten … was das Feiern angeht.«
Lee und Ray sahen sich auf ihre ganz eigene Art etwas zu lange an, als dass es mir nicht auffallen würde. Wenn sie einander so ansahen, wirkte es manchmal, als würden sie ganze Gespräche führen, ohne ein Wort zu sagen. Wer weiß, sie hingen so viel aufeinander, dass es nicht unmöglich wäre.
Ich schlüpfte unter Rays Arm hervor und drehte ab in Richtung Fitnessstudio. »Ich mache noch etwas Sport und fahre danach nach Hause. Wir sehen uns!«
Ich hob die Hand und mein Lächeln war dieses Mal echt, als meine Band-Brüder mich mit ihrem üblichen Getöse verabschiedeten oder wahlweise forderten, dass ich nicht vom Laufband fallen solle.
Ich fiel zwar nicht vom Laufband, aber beim Joggen war mein Gehirn zu wenig beschäftigt, sodass ich gedanklich immer wieder um den Unfall kreiste. Sollte ich jemandem davon erzählen?
Doch ich schüttelte schon direkt den Kopf, wie um mir selbst eine Antwort zu geben. Nein, mich hatte niemand gesehen, und sobald ich Leuten davon erzählte, wurde die Gefahr größer, dass es mehr Menschen erfuhren.
Außerdem hatte ich Margot tatsächlich gefunden, das Versprechen hatte ich zumindest gehalten. Sie war ins nächstgelegene Krankenhaus eingeliefert worden und es war kompliziert gewesen, mehr herauszufinden. Aber offensichtlich hatte man sie schon am nächsten Tag entlassen, also ging ich davon aus, dass ihre Verletzungen nicht so schwer waren.
Oder zumindest redete ich mir das ein.
All das hätte viel schlimmer sein können. Sie hätte schwer verletzt sein können oder …
Ich unterbrach meine Gedanken, stellte das Laufband ab und wischte mir mit einem Tuch den Schweiß aus dem Gesicht und vom Oberkörper. Da wir beim Musiklabel eigene kleine Fitnessstudios für die Künstler und Künstlerinnen hatten, trainierte ich meist oben ohne. Außerdem war ich, wie so oft, allein. Es gab getrennte Studios für Frauen und Männer und um diese Uhrzeit war in der Regel nichts los hier.
Um meine Gedanken zu beschäftigen, stellte ich die Musik lauter und trat in den Freihantelbereich, wo ich plante, meinen Körper so sehr auszupowern, dass ich endlich nicht mehr an den Unfall dachte.
***
Ich nahm einen Schluck aus der Flasche Cola, die ich mir aus Rays Kühlschrank geholt hatte. Mit einem Ohr hörte ich den Gesprächen um mich herum zu, die durch Rays etwas zu vollgestellte Wohnung waberten.
Ob ich im Krankenhaus nach Margots Kontaktdaten fragen sollte? Würde man sie mir geben? Sollte ich meinen Promi-Bonus ausspielen? Aber das würde wieder das Risiko erhöhen, dass ich mit dem Unfall in Verbindung gebracht wurde.
Ich seufzte und schlug mir innerlich vor den Kopf, weil ich immer wieder über dieselben Dinge nachdachte und mich am Ende für das Gleiche entschied. Ich drehte mich im Kreis.
Ich hatte einen Fehler gemacht. Ich hatte einen Menschen angefahren. Ich hatte unglaubliches Glück gehabt und mich im Panikmoment entschieden abzuhauen. Und ja, das war nicht richtig gewesen. Aber jetzt Kontakt aufzunehmen und vielleicht sogar die Verantwortung zu übernehmen, würde alles so viel schlimmer machen. Sie würde mich zu Recht verklagen können. Das Geld war mir egal, aber der öffentliche Skandal wäre … ich konnte Three Five das nicht schon wieder antun. Ich hatte schon genug Scheiße gebaut. Und ich konnte froh sein, dass Ace und Crystal mir verziehen hatten.
»Lee, mach mal Musik an«, forderte Jax, der gerade gegen Ray Smash Bros spielte, ohne vom Bildschirm aufzusehen.
Ray brach in keckerndes Lachen aus. »Er hat sein Handy mal wieder verloren.«
Lee stieß ein unbestimmbares Geräusch aus und nur, weil ich ihn so gut kannte, sah ich, dass er schmollte.
»Schon wieder?« Jax lachte gutmütig mit Ray mit.
Ace ließ sich zwischen mich und Lee aufs Sofa fallen und tätschelte Lees Bein. »Es ist schon gesperrt? Und du bekommst morgen ein neues?«
Lee schnaubte ein wenig und eine zarte Röte überzog seine Wangen. »Ist nicht das erste Mal. Ich und jede Person im Management kennen das Prozedere vermutlich im Schlaf.« Er klang etwas defensiv, aber hauptsächlich peinlich berührt.
Ich spürte, wie mein Mundwinkel zuckte. Lee verlor sein Handy so regelmäßig wie andere Menschen Kugelschreiber. Ich sah blicklos auf den Fernseher und meine Gedanken schweiften wieder ab, bis mich ein Ellenbogen in meiner Seite aufsehen ließ.
»Was ist los?«, fragte Ace geradeheraus und musterte mich aus seinen blauen, zu viel sehenden Augen.
»Denkst du, dass …« Ich unterbrach mich.
Verdammt. Ich war einfach zu schlecht darin, Geheimnisse für mich zu behalten. Ich hatte so unglaublich selten etwas, was ich den Jungs nicht erzählte, dass sich sofort ein unangenehmes Brennen in meinem Magen ausbreitete.
»Schon gut. Nicht so wichtig.« Ich winkte ab und war froh über die Ablenkung von Ray und Jax, die sich gerade so lautstark wegen des Spiels anschrien, dass man kaum sein eigenes Wort verstand. Also nutzte ich die Ablenkungstaktik, die bei Ace momentan mit hundertprozentiger Sicherheit funktionierte und fragte grinsend: »Wie geht es Crystal?«
Er verschränkte die tätowierten Arme vor der Brust und obwohl er sich um einen abweisenden Gesichtsausdruck bemühte, war viel zu deutlich, wie sanft sein Blick wurde. »Sag du es mir. Wahrscheinlich weißt du mehr als ich.«
Ich grinste wieder und schüttelte den Kopf. Das hier lenkte nicht nur Ace ab, sondern auch mich, und ich war viel zu dankbar für die Denkpause. »Ich habe vorgestern das letzte Mal mit ihr gesprochen. Wir haben uns die letzten Tage verpasst. Aber ich weiß aus sicherer Quelle, dass sie über Nacht bei dir war.« Ich wackelte mit den Augenbrauen.
Ace grinste nun auch und schüttelte den Kopf. »Sag nächstes Mal Bescheid, dann kannst du zum Filmabend vorbeikommen. Solange du irgendwann wieder abhaust und wir das Bett für uns haben.«
Ein schwerer Körper fiel halb auf mich, als Jax sich aufs Sofa neben mich quetschte. »Wer hat wessen Bett für sich?«
»Ace und Crystal wollen mich nicht in ihrem Bett haben«, erwiderte ich ungerührt.
»Schockierend.« Jax nahm einen Schluck aus seiner Bierflasche.
»Guck einfach keine Horrorfilme allein, dann brauchst du auch nicht zu betteln, um bei uns zu schlafen«, meinte Ace.
»Ich werde mir meine Horrorfilm-Liebe nicht kaputtmachen lassen. Außerdem schlafe ich einfach nicht gern allein. Dann gehe ich nächstes Mal wieder zu Jax«, sagte ich und schmollte ein wenig, wie es von mir als Jüngstem der Band manchmal fast gefordert wurde. Das war zumindest meine Meinung.
»Das wissen wir«, besänftigte Ray und tätschelte meinen Kopf über Jax hinweg. »Es wird Zeit, dass du eine Frau kennenlernst, die das Bett längerfristig mit dir teilt. Dann schreckst du uns nicht mitten in der Nacht aus den Betten.«
»Oder einen Mann«, korrigierte Lee und legte den Kopf schräg.
»Letztens im Club habe ich endgültig festgestellt, dass ich ziemlich hetero bin. Schade eigentlich, der Typ sah so gut aus«, meinte ich, nahm den Controller entgegen und dachte an den leicht verschwommenen, sehr spaßigen Abend von vor einigen Wochen zurück, an dem ich ebendiesen Typen in einem Club getroffen hatte. Er hatte wirklich gut geküsst, aber kurz darauf hatte ich ihm noch einen Drink ausgegeben und war zurück auf die Tanzfläche gegangen.
»Das wird die Schwulengemeinde hart treffen«, behauptete Ray vom Kühlschrank. »Noch jemand ein Bier?« Nicken in der Runde. »Dev?«
»Nein, danke. Ich nehme ein Wasser.« Ich bemerkte die Blicke auf mir, doch ich startete das nächste Spiel und deutete auf den Fernseher. »Wer traut sich gegen mich anzutreten?«
Der Abend verging entspannt, meine Gedanken wurden überraschend effektiv abgelenkt und erst im Bett holte mich mein schlechtes Gewissen wieder ein.
Konnte ich irgendwas tun, um nicht dauerhaft an den Unfall zu denken?
Um nicht an Margot zu denken?
Margots Tagebuch
»Es juuuuckt!«, jammerte ich und vergrub das Gesicht im Sofakissen, während ich mit dem nicht eingegipsten Bein strampelte wie ein Kind, das einen Wutanfall hatte.
»Wiederhol das noch mal«, forderte Lina und ihre Stimme erklang viel näher, als ich erwartete.
Ich hob den Kopf und sah sie mit vor sich ausgestrecktem Handy vor mir stehen. »Los. Ich will ein Video davon haben und in den Gruppenchat schicken. Das glaubt mir sonst niemand.«
»Mach dich nicht lustig über mich.« Ich drehte mich, sodass ich meine Mitbewohnerin im Blick hatte und verschränkte die Arme vor der Brust. »Du hast keine Ahnung, wie sehr ich leide. Mir tut alles weh. Und ich will mich bewegen! Ich will tanzen!«
»Ich habe damit gerechnet, dass du über kurz oder lang schlechte Laune bekommen würdest. Aber ich hätte nicht gedacht, dass du schon nach vier Tagen jammerst«, stellte sie fest und ließ das Handy enttäuscht sinken, weil ich nicht noch mal mit den Beinen strampelte.
»Weil du mich alleine lässt! Und ich wieder zur Uni gehen muss. Hast du eine Ahnung, wie lange ich dahin brauche?« Ja, ja. Ich jammerte, aber das hatte ich mir verdient, oder?
»Wir wissen beide nicht, wie lange du brauchen wirst, und deshalb solltest du jetzt auch losgehen!« Lina sah streng von oben auf mich runter und hielt mir meinen Rucksack hin.
Ich verengte die Augen. »Du behandelst mich wie ein Kind«, beschwerte ich mich.
»Du benimmst dich ja auch wie eins«, erwiderte sie ungerührt und grinste etwas zu breit. »Ich habe dir auch eine Thermoskanne Kaffee eingepackt. Du brauchst auf dem Weg beide Hände, also kein Coffee-to-go.«
Ich grummelte vor mich hin, rappelte mich aber in Sitzposition auf und dann mithilfe der Krücken auf die Beine.
Lina sah mich mit hochgezogener Augenbraue an und hielt mir wieder fragend den Rucksack hin. Normalerweise trug ich meinen Kram in Jutebeuteln und Umhängetaschen mit mir herum. Mit Krücken wurde das zu umständlich und ich hatte meinen einzigen Rucksack hervorgekramt. Unglücklicherweise war es ein türkis glitzerndes Ungetüm, das mir meine Freundinnen als Gag zu meinem zwanzigsten Geburtstag geschenkt hatten. Ich hatte leider erst heute Morgen darüber nachgedacht und Lina hatte keinen Rucksack, also … war es dieser oder keiner. Vielleicht sollte ich die Farbe einfach richtig ownen und mir die Haare passend färben. Ich liebte das aktuelle Weiß, musste aber bald ohnehin die Ansätze nachfärben und Weiß war nun mal die perfekte Grundlage für alle anderen Farbexperimente.
Ergeben seufzte ich, hielt beide Krücken in einer Hand und hob den freien Arm. »Hilfst du mir mit dem Rucksack?«
»Natürlich, Darling«, erwiderte Lina mit breitem Grinsen.
Kurz darauf manövrierte ich mich auf den Krücken zur Wohnungstür. Auch ohne die Vibration in meiner Hosentasche wusste ich, dass Lina ein Foto von mir mit Krücken und glitzernd-türkisem Kinderrucksack geschossen und in den Gruppenchat geschickt hatte.
»Du weißt, dass du das in nicht allzu ferner Zukunft zurückbekommst«, brummte ich schlecht gelaunt von der Wohnungstür. Ich war unglaublich froh, dass ich eben schon meinen Schuh auf dem Sofa angezogen hatte. Mein eingegipstes Bein passte in keinen Schuh, weshalb ich mir zumindest das sparen konnte. Nur eine ausgeleierte Socke schmückte den Fuß.
»Ich wünsche dir einen schönen Tag, Darling!«, rief mir Lina gut gelaunt hinterher.
»Ja, ja«, grummelte ich und öffnete umständlich die Wohnungstür. »Dir auch. Tritt dem Arsch-Arzt von mir in den Arzt-Arsch.«
Linas fröhliches Lachen folgte mir in den Flur und ich konnte ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken, das sich verflüchtigte, als ich in den Höllen-Aufzug steigen musste.
Ich überlebte die Fahrt, brauchte aber geschlagene fünfzehn Minuten zur Bushaltestelle. Den Weg lief ich sonst in unter fünf Minuten, weshalb ich natürlich den Bus verpasste. Gut, dass ich das mit eingerechnet hatte. Was ich allerdings nicht eingeplant hatte, war, dass ich auch die Anschlussbahn verpasste. Letztendlich kam ich zu spät zu meiner Vertriebs-Vorlesung, alle starrten mich an und ich musste mich verschwitzt und mit hochrotem Kopf entschuldigen. Beim Hinsetzen fielen auch noch mit lautem Getöse meine Krücken um und eine viel zu hübsche, nicht knallrote Kommilitonin hob sie umständlich für mich auf.
Am liebsten wäre ich im Boden versunken. Es wurde unglaublich schwierig, mich auf die Vorlesung zu konzentrieren. Ich quälte mich danach noch durch ein wenig Smalltalk und beantwortete Fragen zu meinem gebrochenen Bein, bevor ich mich zu meiner Professorin durchkämpfte, um mich für meine Verspätung zu entschuldigen.
Ich hatte wenig Kontakt zu meinen Kommilitonen und Kommilitoninnen. Das lag komplett an mir. Zum einen hatte ich eine mir sehr nah stehende Freundesgruppe, und zum anderen steckte ich all meine Energie in das BWL-Studium, um es möglichst schnell und gut zu beenden, und wollte keine unnötige Ablenkung. Das war nötig, damit ich das Stipendium behielt, außerdem wollte ich meine kostbare Freizeit nicht mit BWL oder irgendwas, was damit zu tun hatte, verschwenden. Ich wollte Zeit mit meinen Freundinnen und Freunden verbringen, feiern und tanzen. BWL war da nur Mittel zum Zweck. Aber es war auch das Wichtigste, was ich momentan hatte. Geld regierte nun mal die Welt oder so.
»Ich werde nächstes Mal früher losgehen, tut mir wirklich leid, dass ich die Vorlesung gestört habe. Das passiert nicht noch mal«, sagte ich ein letztes Mal und meine Professorin winkte desinteressiert ab.
Ich verzog das Gesicht, denn ich wollte nicht wirken, als wollte ich mich einschleimen. Aber ich fürchtete, dass ich genau das gerade getan hatte.
Zwanzig Minuten später hatte ich mich umständlich auf eine Bank im Halbschatten auf dem Campusgelände gehievt und war so erschöpft wie nach einem Marathon-Tag Tanztraining. Das erste Mal heute zog ich mein Handy heraus. In der Vorlesung vorhin hatte ich mich nicht getraut. Beim Blick in meinen Glitzer-Rucksack sah ich auch die Thermoskanne, die Lina mir eingepackt hatte und brach beinahe in Tränen aus. Ich hatte sie vollkommen vergessen und trank dankbar einen Schluck Kaffee, bevor ich ein Foto davon schoss, um es in den Gruppenchat zu schicken.
Ich überflog den Nachrichtenverlauf seit heute Morgen. Lina hatte tatsächlich ein Bild von mir von hinten geschickt. Mit dem türkisen Glitzer-Rucksack, den Krücken und den weißen Haaren im unordentlichen Pferdeschwanz sah ich ein wenig wie ein Kind aus. Das lag vor allem daran, dass es keinen Größenvergleich gab … und ich war jetzt auch allgemein nicht die Größte.
Die Nachrichten meiner Freunde und Freundinnen waren so vorhersehbar wie amüsant.
Lina: Unser Baby hat ihren ersten Tag :’(
Sage: O mein Gott. Sie ist so schnell groß geworden!
Lawson: Ich kann es nicht glauben. Es kommt mir so vor, als wäre es gestern gewesen, als sie in die große Stadt kam und sich mit riesigen Augen umgesehen hat.
Nolan: @Lawson dir ist klar, dass du der Einzige von uns bist, der tatsächlich aus einer Kleinstadt kommt?
Lawson: @Nolan noch nie was von Sarkasmus gehört?
Nolan: @Lawson ich glaube nicht, dass das Sarkasmus ist. Das dürfte eher Ironie sein.
Lawson: O mein Gott! Ich hatte den Rucksack vergessen! Ich liiiiieebe ihn!
Lawson: Den Rucksack!
Lawson: @Nolan Du willst nicht ernsthaft schon wieder diese Diskussion mit mir anfangen?
Sage: @Lawson und @Nolan, ihr sitzt neben mir am Tisch. Hört auf, euch über Nachrichten miteinander zu streiten.
Lina: @Sage, @Lawson und @Nolan, sitzt ihr alle drei zusammen am Tisch und kommuniziert übers Handy miteinander? Unsere Generation geht wirklich vor die Hunde.
Sage: Wow, den Spruch habe ich seit Jahren nicht gehört. Wo hast du den ausgegraben @Lina?
Ich grinste, als ich die noch einige Nachrichten weiterlaufende Chat-Streiterei überflog und dann mein Thermoskannenbild schickte.
Ich: Ich liebe dich, Lina.
Lawson: Mich liebst du nicht?
Ich: Kein Kaffee – keine Liebe
Nolan: Du bist vor dem BWL-Gebäude? Bleib, wo du bist! Wir kommen.
Sage: Mit Cookies.
Ich: … Ich liebe dich!
Lawson: Bagger meine Freundin nicht an.
Nolan: Schreib nicht im Gehen.
Lawson: Selber.
Lina: Wehe eine*r von euch endet heute in der Notaufnahme. Ich habe keine Lust, schon wieder jemanden von euch bei mir im Krankenhaus einzusammeln.
Nolan: Es bleibt bei morgen, oder?
Lina: Yes! Dieses Mal bei uns.
Lina: Meine Schicht startet jetzt. Bis später.
Ich nahm einen weiteren Schluck von meinem Kaffee und beim Aufsehen sah ich, wie sich drei meiner liebsten Menschen mit breitem Lächeln im Gesicht auf mich zu bewegten.
Nolan war zuerst bei mir und umarmte mich von hinten.
»Hey«, grüßte ich und lächelte ihn an. »Wieso erfahre ich so, dass du dir die Haare neu gefärbt hast? Ich dachte, wir wären Färbe-Buddys?«, beschwerte ich mich und bewunderte seine momentan pinken Locken. »Sieht mega aus!«
»Sorryyyy!«, erwiderte er und sah mich aus großen braunen Augen an. Er wusste, dass ich seinem flehenden Welpen-Blick nicht widerstehen konnte.
»Schon gut. Aber nächstes Mal bekomme ich sofort ein Bild!«
»Ich habe dir gesagt, dass sie sich beschweren wird«, meinte Sage, ließ sich neben mich auf die Bank fallen und zog mich in eine Umarmung.
»Ihr wollt mich verarschen, oder? Ich bin einen Tag im Krankenhaus und ihr verheimlicht solche großen Veränderungen vor mir?« Ich deutete mit großen Augen auf Sages hellblonde, auf wenige Millimeter gekürzte Haare. »Die sind mit Sicherheit zwei Millimeter kürzer als letztes Mal! Lüg mich nicht an.«
Sage lachte auf und ihre dunklen Augenbrauen hüpften fröhlich. »Ich gebe es zu. Ich habe sie noch mal rasiert. Du glaubst nicht, wie schnell sie wachsen! Fühl mal. Ist ganz frisch.«
Ich nahm das Angebot an und fuhr mit der Hand über ihre kurzen Haare und seufzte. »Keine Ahnung, was das genau ist. Aber ich könnte das den ganzen Tag machen. Fühlt sich irgendwie …«
»… geil an?«, schlug Lawson vor und küsste mich auf die Wange, bevor er sich vor uns im Schneidersitz auf die Wiese sinken ließ. Er fuhr sich durch die dunklen Haare, die sich in den letzten Tagen nicht verändert hatten, und zeigte seine weißen geraden Zähne, als er mich anlächelte.
Ich zuckte mit den Schultern. »Schon irgendwie. Wo sind meine Cookies?« Ich machte grabschende Bewegungen mit den Händen wie ein kleines Kind und sah mit großen Augen von einer zum anderen.
Sage zog grinsend eine Papiertüte aus ihrer Tasche und überreichte sie mir feierlich. »Wie geht es dir?«
»Wie geht es deinem Bein?«, ergänzte Lawson.
»Wann kann der Gips ab?«, fragte Nolan.
»Vermisst du das Tanzen?« Sage sah mich sorgenvoll an.
»Was ist mit deinen Kursen?« Nolan runzelte die Stirn.
Ich seufzte. Im Gruppenchat hatte ich den Dreien natürlich schon alles über den Unfall erzählt, was es zu sagen gab. Aber sie stellten berechtigte Fragen. »Mir geht es gut so weit. Mein Bein nervt, es tut jetzt gerade ein bisschen weh, aber es ist in Ordnung. Es juckt nur höllisch! Ich vermisse das Tanzen sehr und würde am liebsten heulen, wenn ich darüber nachdenke. Ich musste meine Tanzkurse absagen und es ist nicht sicher, ob ich sie wieder aufnehmen kann, wenn der Gips ab ist.« Ich zögerte kurz und verzog das Gesicht. »Ich hoffe wirklich, dass ich sie behalten kann. Ich habe die Kiddies so ins Herz geschlossen! Meine Chefin sagt, sie kann die Kursleitungen nicht freihalten und es gibt genug andere Leute, die jetzt für mich übernehmen. Wenn die aber gut sind, würde sie sie nicht rauswerfen.« Das nervöse Flattern in meiner Magengegend wurde schnell wieder zum Klumpen, der unangenehm drückte. So oft, wie ich es neben dem Studium schaffte, gab ich Tanzkurse für Kinder, um Geld zu verdienen. Keine Ahnung, wie ich mich in der nächsten Zeit finanzieren sollte.
»Scheiße«, fasste Nolan die Situation, eloquent wie immer, zusammen.
»Jap. Das kann man so sagen«, erwiderte ich und biss in den Cookie.