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**Romantische Dystopie** Ihren neunzehnten Geburtstag feiert Raja allein. Nur einer hat sie in den letzten Jahren nicht verlassen - ihr Hund Floh. In einer von Naturkatastrophen zerstörten Welt ist er ihr einziger Begleiter und sie der letzte Mensch auf Erden. Zumindest glaubt sie das, bis Lean in ihr Leben tritt. Der junge Mann rettet sie vor einem Tsunami und pflegt sie wieder gesund. Er stellt nicht nur ihr Weltbild auf den Kopf, sondern weckt auch vollkommen neue Gefühle in ihr. Doch die Geheimnisse, die Lean begleiten, führen Raja in ein unbekanntes Leben voller Gefahren. *Eine romantische Dystopie für Leser*innen, die für starke Frauen, Spannung, Abenteuer und ganz viel Liebe brennen.* Meinungen zum Buch: "Ein spannendes, aufregendes und sehr emotionales Abenteuer." "Ein Buch voller emotionaler Auf und Abs. Ich habe es geliebt." Wem könnte das Buch gefallen? "Allen Einsteigern in das Genre Dystopie, aber auch Lesern, die sanfte Romanceelemente mögen." "Allen, die starke Frauen lieben und die Abenteuer und Spannung lieben."
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Seitenzahl: 335
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Ihren neunzehnten Geburtstag feiert Raja allein. Nur einer hat sie in den letzten Jahren nicht verlassen – ihr Hund Floh. In einer von Naturkatastrophen zerstörten Welt ist er ihr einziger Begleiter und sie der letzte Mensch auf Erden. Zumindest glaubt sie das, bis Lean in ihr Leben tritt. Der junge Mann rettet sie vor einem Tsunami und pflegt sie wieder gesund. Er stellt nicht nur ihr Weltbild auf den Kopf, sondern weckt auch vollkommen neue Gefühle in ihr.
Doch die Geheimnisse, die Lean begleiten, führen Raja in ein unbekanntes Leben voller Gefahren.
Für euch, die an mich und meine Geschichte geglaubt haben.
1. Kapitel
Raja
2. Kapitel
Lean
3. Kapitel
Raja
4. Kapitel
Lean
5. Kapitel
Raja
6. Kapitel
Lean
7. Kapitel
Raja
8. Kapitel
Lean
9. Kapitel
Raja
10. Kapitel
Lean
11. Kapitel
Raja
12. Kapitel
Lean
13. Kapitel
Raja
14. Kapitel
Lean
15. Kapitel
Raja
16. Kapitel
Lean
17. Kapitel
Raja
18. Kapitel
Lean
19. Kapitel
Raja
20. Kapitel
Lean
Sikka
21. Kapitel
Raja
22. Kapitel
Raja
23. Kapitel
Raja
24. Kapitel
Raja
25. Kapitel
Raja
26. Kapitel
Raja
27. Kapitel
Raja
28. Kapitel
Lean
29. Kapitel
Raja
30. Kapitel
Raja
31. Kapitel
Raja
32. Kapitel
Raja
33. Kapitel
Raja
34. Kapitel
Raja
35. Kapitel
Raja
36. Kapitel
Lean
Epilog
Raja
Raja
„Herzlichen Glückwunsch, Raja und alles Gute zum Geburtstag.“ Rajas Worte verhallten ungehört im Raum.
„Oh, danke. Ich freue mich, dass ihr an mich gedacht habt. Und es gibt sogar Kuchen!“, antwortete sie und betrachtete den Apfel vor sich, in dem eine brennende Kerze steckte. Einen echten Kuchen hatte sie seit Jahren nicht gegessen. Allein Mehl herzustellen, war viel zu viel Arbeit. Ganz davon abgesehen, dass das Getreidefeld hinter dem kleinen Wäldchen größtenteils verwildert war.
„Ja, puste die Kerze aus und wünsch dir was!“
Sie warf ihren Zopf über die Schulter und musste nicht lange nachdenken, was sie sich wünschte. Es war in den letzten Jahren immer das Gleiche gewesen. Sie schloss die Augen. Kaum zu glauben, dass heute ihr neunzehnter Geburtstag war. Es kam ihr nicht so vor, als wäre sie schon so lange allein. Andererseits hatte sich jeder der vergangenen Tage wie eine kleine Ewigkeit angefühlt. Raja schüttelte den Kopf, verscheuchte die ungebetenen Gedanken, atmete tief ein und pustete die Kerzen aus.
„Was hast du dir gewünscht?“, fragte sie sich und öffnete die Augen.
„Das darf ich doch nicht verraten, sonst wird es nicht wahr.“
Floh hob seinen Kopf von Rajas Füßen und gab ein fragendes Grunzbellen von sich.
„Ist schon gut. Ich habe langsam auch das Gefühl, nicht mehr alle Tassen im Schrank zu haben.“
Raja biss krachend in den Apfel. Der Vorteil am Alleinsein lag auf der Hand: Man musste seinen imaginären Kuchen mit niemandem teilen und konnte in Ruhe Selbstgespräche führen.
Nur Floh wich nie von ihrer Seite und ihr zottiger Hund verurteilte sie nicht. Das wusste Raja sicher.
Meistens.
Raja aß den Apfel mitsamt Kernen und Gehäuse auf. Früher wäre jetzt der Moment zum Geschenke auspacken gekommen. Im zweiten Jahr hatte sie sich tatsächlich selbst beschenkt. Aber es war einfach nicht dasselbe, wenn man wusste, was sich in den Päckchen befand. Also gab es dieses Jahr keine Geschenke.
Raja schubste sanft Flohs Kopf von ihren Füßen, stand auf und stellte ihren benutzten Teller zu dem Geschirr von gestern in den Bambuskorb, den sie letzte Woche geflochten hatte. Sie pfiff nach dem schwarzen Hund, nahm Flohs aktuellen Lieblingsstock mit – ein überdimensioniertes Exemplar von einem Ast – und hob den Korb auf ihre Hüfte. Raja blieb für einen Moment in der offenen Tür stehen, Floh drängelte sich sofort an ihr vorbei und rannte raus auf die Wiese. Er drehte den Kopf und Raja trat einen Schritt aus der Tür heraus auf einen Trittstein und holte mit dem Arm Schwung, um den Ast möglichst weit fliegen zu lassen. Floh stürzte los, die Schlappohren flatterten hinter ihm. Raja ließ den Blick seufzend über die altbekannte Landschaft wandern. In etwa zwanzig Metern Entfernung plätscherte der Fluss stetig durch die wilde Blumenwiese. Auf der anderen Uferseite kroch der kleine Wald im Halbkreis, den Fluss verschluckend, ein Stück den Berg hinauf, der sich hinter dem großen, alten Gebäude erhob, das sie ihr Zuhause nannte.
Raja hob den Korb auf ihre andere Hüfte und folgte dem Weg über die Trittsteine, die sie durch den Gemüseacker und den verwilderten Kräutergarten führten. Hinter dem Acker endeten die Steine und gingen in Wiese über, die bis zum Fluss reichte. Auf halbem Weg hielt sie kurz inne, als ein leichtes Beben die Erde erschütterte. Sie rollte mit den Augen, glich die Bewegung des Bodens mit den Beinen aus und sah nach Floh, der jedoch unbekümmert die Gegend erkundete, ab und zu irgendetwas anbellte, sein Geschäft verrichtete und tat, was Hunde so taten.
Raja kontrollierte automatisch das alte, alleinstehende Schulgebäude. Doch es zeigte nicht mehr Schäden als sonst. Am hinteren Teil waren zwei Räume nicht mehr begehbar, doch der Rest trotzte den Naturgewalten. Ihr Vater hatte immer erzählt, wie er und ihr Onkel das Haus gefunden und bewohnbar gemacht hatten. Raja hatte nicht immer allein hier gelebt, sie waren eine Zeit lang weit mehr als zwanzig Leute gewesen. Das Gebäude war viel zu groß nur für sie, aber das einzige noch bewohnbare Haus in der Gegend. Es stand außerdem weit oben auf einem Berg, ohne die Gefahr von nahen Häusern. Zudem hatte sie hier mit ihrer Familie gelebt und wollte sie nicht ver lassen. Die ganze Gruppe hatte damals das Gebäude gesichert und aufgeräumt und so waren die Räume, die Raja nun allein bewohnte, leicht instand zu halten.
Sie schüttelte den Kopf und bewegte sich zum Fluss, um abzuspülen. Das saubere Geschirr legte sie auf den schrägen Stein mit der Kante, der schon immer der Abtropfstein genannt wurde. Das Besteck kam in einen hohen Behälter, der bereitstand. Aus den Augenwinkeln konnte Raja immer wieder die Wechslinge aus dem Wasser springen sehen. Die hübsch anzusehenden Fische, deren Farbe sich je nach Lichteinfall änderte, waren eine nicht zu verachtende Nahrungsquelle. Sie könnte in den nächsten Tagen mal wieder Fisch essen.
Wenig später pfiff sie schrill nach Floh, der sofort angerast kam und sein Spielzeug mitbrachte. Mit leichtem Ekel nahm sie den angesabberten Stock entgegen und warf.
Das war mit dem Riesenstock umständlicher, als es hätte sein müssen. Aber Floh war etwas eigen mit seinen Stöcken.
Der Hund hechtete mit flatternden Ohren wie ein Wahnsinniger hinterher und fing den Stock noch im Flug. Sofort brachte er ihn zurück, wobei dankenswerterweise ein Teil unter den großen Hundezähnen abbrach.
Raja hob einen Finger. Floh kauerte sich augenblicklich nieder und Raja warf das Holzstück. Der große Mischling blieb liegen. Oma hatte ihn immer eine Promenadenmischung genannt. Flohs schwarzes Fell glänzte in der Sonne, doch sie konnte die Knoten in der Unterwolle sehen. Das war der Nachteil an seinem langen Fell, das ihn noch wuchtiger erscheinen ließ, als er ohnehin schon war.
„Hol!“ Das war Flohs Startschuss, er rannte los und suchte den Stock.
Irgendwann lag Floh japsend zwischen den blühenden Wiesenblumen. Raja ließ sich neben ihm ins Gras fallen und genoss für einen Moment die Sonne auf ihrem Gesicht. Sie schien so warm, dass es angenehm und noch nicht zu heiß war. Raja ließ den Kopf in den Nacken fallen und schloss die Augen. Auf einem der Trittsteine sonnte sich eine Echse, die sich bei Flohs plötzlichem Kläffen im hohen Gras verkroch. Raja öffnete die Augen und folgte seinem Blick. Doch sie konnte nicht sehen, was er anbellte.
„Schon okay“, beruhigte sie ihn und streichelte ihn hinter den Ohren. Sofort rollte er sich auf den Rücken und streckte alle Viere von sich, damit sie seinen Bauch kraulte.
Das erledigte sie ausgiebig.
Als ihr Magen knurrte, erhob Raja sich, schob ihren langen Zopf über die Schulter zurück und holte das Geschirr vom Fluss.
„Komm, Floh. Wir gehen rein. Ich will was essen und ein bisschen aufräumen.“
Floh rappelte sich auf und trottete neben Raja her. Beim Anblick des großen, teilweise verfallenen Gebäudes konnte Raja ein Seufzen nicht unterdrücken. Der schwarze Rüde stupste ihr aufmunternd gegen den Ellenbogen und Raja tätschelte ihn dankbar. Sein dichtes Fell schrie förmlich nach einer Bürste.
An der Tür in den Wohnraum, knurrte Floh und Raja öffnete die Seitentür. Der große Hund drängte sich an ihr vorbei und verkroch sich in seinem Körbchen. Wobei die Bezeichnung Körbchen eindeutig verniedlichend war. Sie sollte eher Korb sagen. Floh spürte vermutlich ein größeres Beben nahen. Um ihn und sich selbst zu beruhigen, holte Raja die Bürste aus dem kleinen Korb in dem Regal neben der Küchenzeile. Floh beobachtete jede ihrer Bewegungen. Sein flauschiger Schwanz schlug freudig auf den Boden. Raja schob ihn mit beiden Armen zur Seite und der Hund machte widerwillig Platz, damit sie in den Korb passte. Dann legte sich das schwere Tier quer auf ihren Schoß und schloss die Augen.
Eine gute halbe Stunde später durchfuhr die Bürste das Fell ohne Widerstand und neben Raja türmte sich ein Pelzhaufen aus den Haaren, die sie immer wieder aus der Bürste gezupft hatte, auf.
Raja warf einen Blick aus dem Fenster und es war nicht einmal Mittag. Sie schob den schnarchenden Floh von ihren Beinen und bewegte sie vorsichtig, um das Blut wieder zirkulieren zu lassen. Das Gewicht des Hundes war nicht zu verachten. Sein gewaltiger Brustkorb hob und senkte sich mit jedem Atemzug.
Sie rappelte sich auf und holte den alten Eimer, um Wasser zu holen. Raja ging zwei Mal, da sie spontan beschloss, den Boden zu wischen. Wie ihre Mutter es immer gemacht hatte, wischte sie erst mit Wasser und einem Schluck Essig darin. Den Essig setzte sie nach altem Familienrezept mehrmals im Jahr selbst an. Zwanzig Minuten später hatte sie den großen Raum ordentlich gewischt. Das benutzte Wasser verteilte sie auf verschiedene Beete. Unsicher, welche Pflanzen den Essig vertrugen, gab sie jeder ein bisschen. Die Nutzpflanzen mickerten sowieso eher vor sich hin. Seit Leo sich nicht mehr mit Yuna um den Garten kümmerte, war dort nicht mehr viel zu holen. Raja ließ den leeren Eimer neben der Tür stehen und wischte den Wohnraum mit klarem Wasser nach.
Floh stieß ein seltsames Geräusch aus, irgendwo zwischen Winseln und Knurren. Er schlief, doch plötzlich meinte Raja, ein Geräusch zu hören. Sie erstarrte und lauschte. Leise lehnte sie den Mopp an der Wand an und bewegte sich auf Zehenspitzen auf die Tür neben der Küchenzeile zu.
„Pass auf!“, sagte sie leise und Floh sprang sofort auf und spitzte die Ohren. Er ging in Lauerstellung und Raja legte die Hand auf die abgenutzte Klinke. Mit einem Ruck öffnete sie die Tür und sah hinein.
Die Speisekammer war natürlich leer. Den Boden der Kammer hatten ihre Brüder zusammen mit Papa vor einigen Jahren in der Ecke durchbrochen und ein tiefes Loch gegraben. Dort unten war es kühler und Raja lagerte darin die Lebensmittel, die sonst schnell verderben würden.
Floh stieß ein erneutes Knurren aus und Raja sah sich alarmiert um, entdeckte jedoch nichts. Sie runzelte die Stirn.
„Floh. Hör schon auf.“ Doch trotzdem lief ihr ein Gänsehautschauer über den Rücken.
Nicht, dass…Ach was. Es würde schon nichts sein.
Raja gab dem Hund ein Zeichen, auf das er sofort neben ihr stand. Sie vergrub die Hand in seinem Nackenfell und spürte die beruhigende Größe an ihrer Hüfte. Mit ihm an ihrer Seite fühlte sie sich sicherer und schlich zu der dritten Tür, neben ihrem Bettenlager, die aus dem Raum herausführte. Sie lauschte und konnte nichts außer ihrem und Flohs Atem hören. Leise öffnete sie die Tür und zeigte Floh mit dem Kinn an, dass er vorgehen sollte. Sofort stürzte der Hund in den langen Flur, von dem viele weitere Türen abgingen. Die hässlich grünen Wände waren bemalt mit Kinderbildern. Kunstwerke von Raja, ihren Geschwistern und Cousins und Cousinen aus verschiedenen Altersstadien.
Die Wand neben der nur noch teilweise aus Glas bestehenden ehemaligen Eingangstür am anderen Ende des Flurs war mit Handabdrücken in verschiedenen Größen verziert. Die Handabdrücke waren nach und nach entstanden und alle Bewohner oder ehemaligen Bewohner der Schule hatten sich dort verewigt.
Raja blinzelte hektisch und sah zur Decke. Als sie wieder klar sehen konnte, fokussierte sie sich auf die Räume, die links und rechts vom Flur abgingen. Einige wurden ehemals als Lager, andere als Schlafräume und Familienwohnungen genutzt. Heute standen sie alle leer.
Floh kam schwanzwedelnd zu Raja zurückgelaufen. Sie bildete sich schon Dinge ein, die nicht existierten. Es wurde Zeit, hier rauszukommen. Wahrscheinlich würde sie sonst als Nächstes Gespräche mit den Stimmen in ihrem Kopfführen.
Gut … Genau genommen führte sie natürlich schon Selbstgespräche.
„Floh, ich muss irgendwas tun. Ich werde sonst verrückt.“ Der Hund musterte sie schwanzwedelnd.
Nur zur Sicherheit öffnete sie eine der Türen und sah hinein. Eine wuchtige Tafel am Kopfende dominierte den rechteckigen Raum. Die grüne Fläche war vollgeschrieben mit Strichen, die Raja zu Fünfer und später zu Hunderter Päckchen gebündelt hatte. Ohne nachzuzählen, wusste sie, wie viele Kreidestriche die Tafel bedeckten. Sie zeugten von fast einem Jahr des Alleinseins. Nach dreihundert Strichen war Raja zu der Tafel im nächsten Raum gewechselt, die auch schon längst gefüllt war. Ebenso im Raum danach.
Ein schneller Blick über die durch Laken und Decken geschützten Möbel bestätigte ihr, dass sich in dem Raum kein Eindringling versteckte. Oma hatte immer behauptet, dass dieses Gebäude früher eine Schule gewesen sei. Dort hatten sich vor der Zerstörung alle Kinder der nahen Umgebung getroffen, um zu lernen.
Raja, ihre Geschwister, Cousinen, Cousins und die anderen Kinder und Jugendlichen wurden immer von den Personen unterrichtet, die Zeit und Lust hatten ihnen etwas beizubringen. Oma hatte das koordiniert und darauf beharrt, dass die Kinder jeden Tag ein paar Stunden unterrichtet wurden. Sie war es auch gewesen, die Raja beigebracht hatte, einen Kalender zu führen. Dank ihr konnte sie die Zeitspanne nachvollziehen, in der sie mit niemandem, außer ihrem Hund und sich selbst gesprochen hatte.
Abrupt drehte Raja sich um, stolperte fast über Floh, der sich genau hinter der Tür hingelegt hatte.
In der Küche angekommen, hievte Raja den altersschwachen Eimer hoch, um das Dreckwasser in die Tomaten zu gießen. Sie machte einen Schritt zur Tür und mit einem Knirschen riss der metallene Griff ab. Das gesamte Wasser ergoss sich auf dem Boden.
„Scheiße!“
Floh bellte.
„Ja, ja ich weiß.“ Raja schnitt dem Hund eine Grimasse, der alarmiert aufgesprungen war und nun durch das Wasser tappte und es im ganzen Raum verteilte.
Unvermittelt stiegen Raja Tränen in die Augen. Alles stand unter Wasser. Der Boden war wieder dreckig. Von ihrem Pullover tropfte ein stetiges Rinnsal schmutzigen Wassers auf den Boden. Ihre Schuhe trieften vor Nässe. Ihre frische Hose war nass.
Das war unfair!
Heute sollte sie ihren Geburtstag feiern. Wieso musste das ausgerechnet heute und ausgerechnet ihr passieren? Sie stampfte auf und ballte die Fäuste. Sie konnte so eben ein zweites kindisches Stampfen unterdrücken, ebenso wie einen wütenden Aufschrei. Floh trottete, ungeachtet der Pfütze, zu ihr und sah sie aus seinen treuen Hundeaugen an. Eine wütende Träne lief Raja die Wange runter und sie kniete sich hin, um den Hund zu umarmen. Das mochte er nicht besonders, aber er ließ es sich eine kurze Zeit lang gefallen. Dann versuchte er, ihr übers Gesicht zu lecken, was sie mit einem leichten Kichern zu verhindern suchte. Natürlich landete sie daraufhin mit dem Hintern in der Pfütze. Sie ließ die Hände in das Dreckwasser platschen und schnaufte. Floh wiederholte ihr Schnauben, trottete zurück zu seinem Korb und ließ sich mit einem Plumps nieder. Raja rappelte sich auf, holte den Mopp, zwei Lappen und den Ersatzeimer und wischte die Sauerei auf. Als sie den Boden gewischt hatte, war er dreckiger als vorher. Raja ließ den Blick über den Wohnraum schweifen. Sie wusste, dass es eine dumme Idee war, aber sie ignorierte das.
Sie zog eine trockene Hose an, dazu einen Pullover, der ihr nur ein bisschen zu kurz war und eine Weste darüber. Sie packte ihren Rucksack, schob ihr Messer in den Stiefel, hängte sich die Schleuder und den kleinen Beutel mit Steinen um.
„Komm, Floh! Ich habe heute Geburtstag und ich will nicht den ganzen Tag hier rumsitzen und putzen! Wir gehen einen neuen Eimer suchen!“
Floh legte den Kopf schräg und sah sie an. Als sie auffordernd die Tür öffnete, sprang er auf und beeilte sich rauszukommen.
Der Blick zum Himmel sagte ihr, dass es um die Mittagszeit war. Genug Zeit in die Stadt und zurückzukommen.
Floh drängte sich an ihr Bein und Raja zögerte. Der Hund hatte schon den ganzen Tag über angezeigt, dass ein Erdbeben nahte. Aber es hatte heute schon ein kleines Beben gegeben. Die Wahrscheinlichkeit war gering, dass es ein Weiteres geben würde.
Raja schloss die Tür sorgfältig hinter sich und verdrängte den Gedanken daran, dass ein kleines Beben kein Grund war, warum es nicht ein weiteres, möglicherweise sehr viel stärkeres geben sollte. Doch es war ihr egal. Sie würde nicht an ihrem Geburtstag allein in ihrem viel zu großen Haus versauern!
Lean
Lean packte die Zeltstäbe sorgfältig in die Seitentaschen seines Rucksacks. Dann faltete er das wasserabweisende Tuch möglichst ordentlich. Allein war das eine größere Herausforderung, als er gedacht hatte. Da er das aber schon seit über einer Woche so machte, war er halbwegs geübt darin. Das dicke Tuch faltete er möglichst klein, band es mit zwei Schnüren zusammen und steckte es an seinen Platz. Zuletzt griff er sich den kleinen Topf, in dem er sich gestern Abend eine wirklich ekelhafte Suppe gekocht hatte. Den Topf hängte er an den Karabinerhaken.
Er kratzte sich am Kinn. Zeit, sich zu rasieren. Sein Bart konnte nur noch mit viel Gutmütigkeit als Dreitagebart bezeichnet werden. Er sah sich noch einmal gründlich um, hatte aber alles eingepackt. Er kontrollierte, ob die Asche des Lagerfeuers wirklich erloschen war, dann schulterte er den Rucksack und machte sich auf die Suche nach Trinkwasser. Vor seiner Abreise hatte er sich die Karte der Umgebung möglichst genau eingeprägt, trotzdem war er sich unsicher, wie weit er schon gekommen war.
Ein längerer Aufenthalt am Meer barg natürlich viele Gefahren, aber er wollte es zumindest einmal in seinem Leben sehen. Sein Leben lang hatte er so nah gewohnt und es doch nie gesehen. Er hatte geplant, gestern oder vorgestern das Meer zu erreichen, doch er hatte vermutlich nie den kürzesten Weg gewählt, sondern die, die ihm am besten gefielen.
Vor Lean lag ein kleiner Wald. Bisher vermied er es, durch Wälder zu wandern. Es war zu gefährlich dort, wenn ein Beben die Bäume erschütterte. Die Gefahr war zu groß von stürzenden Ästen oder ganzen Stämmen getroffen zu werden. Seine Karte hatte ihm glücklicherweise gezeigt, dass ein Fluss durch den Wald führte. Seit gestern gähnte in Leans Wasserflaschen Leere und er musste sie dringend auffüllen.
Also war der Moment gekommen, um gegen die eiserne Regel zu verstoßen und den Weg durch den Wald einzuschlagen. Mit großen Schritten marschierte er auf das Wäldchen zu. Etwa eine Stunde später erreichte Lean den Fluss, der an dieser Stelle eher ein Bach war. Erleichtert ließ er Wasser in eine seiner Flaschen fließen, trank gierig und füllte sie noch einmal. Die Flüssigkeit floss angenehm kalt und erfrischend seine ausgetrocknete Kehle herunter.
Kurzentschlossen stellte er den Rucksack ab. Er füllte die anderen Flaschen, zog sich aus und watete mit einem unterdrückten Quietschen ins Wasser.
Das Flüsschen enttäuschte mit einem recht flachen Bett, weshalb schwimmen nicht möglich war, aber zum Waschen reichte es. Zuerst reinigte er Hose und Pullover, ebenso seine Unterwäsche und breitete alles auf einigen großen, sonnenwarmen Steinen aus. Dann rannte er mit spritzenden Schritten zurück ins Wasser. Lean musste sich zusammenkauern, um die Haare waschen zu können. Nach einigem Probieren war es das Einfachste seinen großen Körper zusammenzuklappen und mit einer der Flaschen Wasser über sich zu kippen. Ein Stück Seife löste den Dreck der letzten Tage.
Danach kramte er das Rasiermesser hervor und rasierte sich. Blind war das recht schwierig, aber er glaubte, den Großteil zu erwischen. Erfrischt stieg er aus dem Bach und schüttelte die schwarzen Haare aus. Seine Kleidung war noch nass und er hatte es nicht eilig, also legte er sich selbst auf einen der Steine zum Trocknen. Auf den anderen Steinen um ihn wimmelte es nur so vor Echsen, die die Temperatur des Gesteins nutzten, um sich aufzuwärmen. Sie mieden lediglich seinen Stein und den mit den nassen Klamotten. Einige der Tiere lagen bewegungslos dort, andere wuselten aufgeregt umeinander herum. Was sie wohl beschäftigte? Lean schloss die Augen und genoss die Wärme.
Ein leichtes Beben ließ ihn einige Minuten später hochschrecken. Er war eingeschlafen. Lean setzte sich blinzelnd auf und sah sich um. Die Echsen hatten sich alle verzogen. Nur eine Libelle flog entspannt nah über der Wasseroberfläche des träge dahinplätschernden Flusses.
Seine mittlerweile getrocknete Kleidung fühlten sich angenehm warm auf der Haut an, als er sie wieder anzog. Er trank noch einmal, füllte die Flasche ein letztes Mal auf und packte alles ordentlich ein. Dann machte er sich wieder auf den Weg, schließlich wollte er noch heute das Meer erreichen.
Lean stand auf einem Hügel und sah hinab auf eine zerstörte Küstenstadt. Kletterpflanzen und teilweise sogar Bäume eroberten die ehemals weißen Häuschen zurück. In der Entfernung machte er das Blau des Ozeans aus. Er atmete tief durch. Er bildete sich ein, das Salz in der Luft riechen zu können. Den Schlamm- und Zerstörungsspuren in der Stadt nach zu urteilen, war es hier nicht allzu sicher. Schon seit Tagen erschütterten kleine und mittlere Beben die Erde. Da würde ein Tsunami nicht allzu lange auf sich warten lassen.
Er riskierte es jedenfalls nicht, in die Stadt zu gehen. Er konnte hier im Freien auf dem Hügel ein Lager aufschlagen, könnte sich hier sogar ein längerfristiges Lager suchen. Das würde er auf sich zukommen lassen.
Er war frei und konnte tun, was er wollte. Lean musste auf niemanden Rücksicht nehmen. Die Stille der Natur umfing ihn. Natürlich war es nicht wirklich still. Das Rauschen des Windes, das Zwitschern der Vögel, selbst sein Atem erschien ihm laut. Der absolute Gegensatz zu der Ruhe, die er in sich fühlte.
Ein Schwarm Vögel flog auf, ein tiefes Bellen drang zu ihm und kurz darauf erschütterte ein Beben die Erde. Lean ließ sich flach zu Boden fallen und wartete ab. Das Erdbeben flaute schon wenige Sekunden später wieder ab, aber es war heftig gewesen.
Lean blieb liegen und wie erwartet folgte schon das zweite Beben. Steine krachten. Vermutlich zerfiel die Küstenstadt weiter in ihre Einzelteile. Schade eigentlich, er hatte gehofft, in den Ausläufern ein paar Vorräte zu finden.
Kurz glaubte er, einen Schrei gehört zu haben, doch der kleine Schwarm Vögel flog krächzend über ihn. Waren es Möwen? Die gab es am Meer, oder?
Lean zog den schweren Rucksack von seinem Rücken und stellte ihn neben sich ab, als schon das nächste Beben lospolterte. In der kurzen Ruhephase meinte er, wieder etwas zu hören.
War das…Nein.
Oder?
Raja
In dem Moment, in dem die Tiere verstummten, wurde Raja klar, dass sie zu weit gegangen war.
Im wahrsten Sinne des Wortes.
Sie pfiff durchdringend auf den Fingern, während sie den Rucksack auf ihren Rücken warf und loslief.
Ein schwarzer Blitz schoss aus einer der Häuserruinen, die sich die Natur zurückerobert hatte.
„Floh“, rief sie und dieser schloss mühelos zu ihr auf. Mit heraushängender Zunge stupste er sie mit dem großen Kopf auf Rippenhöhe in die Seite. Sie kam kurz aus dem Tritt, weil der Rüde seine Kräfte wie so oft unterschätzte.
Ein Krähenschwarm flog zeternd aus einer nahen Ruine auf.
Alarmiert sah Raja einige Eichhörnchen in Ritzen von Gebäuden und zwischen Pflanzen verschwinden. Eine Katze zischte an ihr vorbei, ohne sich um Floh zu kümmern, der kläffte, aber an Rajas Seite blieb. Der geflochtene Zopf rutschte über ihre Schulter und sie wischte ihn ungeduldig zurück. Sie lief zwischen den eng stehenden Häuserruinen, wich einem Autoskelett aus und verfluchte ihre unbedachte Aktion.
Die Ruinen zeigten zahnlose Schlünde, wo Fenster, Türen und ganze Wände weggebrochen waren. Grünzeug überwucherte alles und war teilweise das Einzige, was die Gebäude noch zusammenhielt.
Doch sie hatte kein Auge für die raue Schönheit der zerstörten Stadt. Sie musste raus hier. Sie durfte sich nicht zwischen den Häusern befinden, wenn es richtig losging.
Schon kündigte ein leises Rumpeln ein Beben an.
Bitte, bitte, lass es nur ein leichtes Erdbeben sein.
Sie sollte es besser wissen! Es war leichtsinnig so weit in die Stadt vorzustoßen und damit so nah ans Meer. Sie beschleunigte ihre Schritte noch einmal, was Floh zu einem begeisterten Kläffen anspornte. In nicht allzu weiter Ferne sah sie schon das Ziel – eine gebäudefreie Wiese – als sich die Erde aufbäumte. Sie stolperte und Floh rannte in einem Tempo an Raja vorbei, das sie niemals mithalten konnte. Tiere waren sensibler für die Natur als Menschen. Seit dem Morgen hatte er ihr angezeigt, dass etwas im Anmarsch war, doch sie hatte es ignoriert. Selbst Schuld!
Floh reagierte auf die minimalen Ankündigungen für die häufig auftretenden Erdbeben. Normalerweise verließ sie sich auf ihn, doch heute Morgen war ihr das Dach auf den Kopf gefallen und sie hatte ihn bewusst ignoriert.
Der große, schwarze Hund erreichte mit wehenden Schlappohren die Wiese und kauerte sich dort eng auf den Boden.
Scheiße!
Das nächste Beben riss Raja von den Füßen. Sie meinte fast, ihren Vater zu hören. Es gab Tage, da hatte sie das Gefühl, dass sie sich nicht einmal mehr erinnerte, wie er aussah. Doch jetzt sah sie ihn glasklar vor sich. Mit gerunzelter Stirn und stechenden Augen.
„Bei einem Erdbeben musst du so schnell wie möglich die nächste freie Fläche suchen. Zwischen Gebäuden und Bäumen ist die Gefahr hoch, dass du von fallenden Teilen getroffen wirst. Niemals solltest du dann in der Nähe der Küste sein! Erdbeben können Tsunamis auslösen und du weißt, wie gefährlich die sind. Denk daran, dass die Wellen viel weiter ins Land reichen, als du es erwarten würdest. Achte auf die Tiere. Sie zeigen dir schon vorher an, wenn eine Katastrophe naht.“ Die Falte zwischen seinen Augenbrauen würde sich vertiefen. „Falls du doch einmal in Küstennähe sein solltest, dann versuch so schnell wie möglich auf einen Berg zu kommen oder zumindest erhöhtes Gelände. Versuch so schnell und so weit zu kommen, wie es geht. Du bist geschickt und verlass dich auf Flohs Instinkt!“
Tja. Was würde er sagen, wenn er mich hier zwischen den Gebäuden in Küstennähe auf dem Boden sehen würde?
Bestimmt nichts Nettes.
Raja traf hart auf dem Boden auf und dämpfte den Aufprall ab, indem sie sich abrollte. Ihr Rucksack verhinderte eine effiziente Bewegung, sodass sie nicht sofort wieder auf die Füße kam. Das Beben steigerte seine Intensität und sie kauerte sich mit über dem Kopf verschränkten Händen auf dem Boden zusammen. Jetzt konnte sie nur das Beste offen. Steine prasselten auf sie herab und ein dickerer Brocken schlug mit einem dumpfen Geräusch neben ihr auf. Glück gehabt. Der aufwirbelnde Staub reizte ihre Lunge und sie hustete. Die Aufschürfungen an ihren Händen nahm sie kaum wahr, Adrenalin pumpte durch ihren Körper und sie keuchte.
Bitte, bitte liebe Gebäude, kracht nicht komplett zusammen. Für mich. Ich habe doch heute Geburtstag. Tut mir den Gefallen und haltet noch ein bisschen aus.
Die Erde hörte abrupt auf zu beben, Raja sprang auf und rannte weiter in die Richtung der Wiese.
Eine tief geduckte Katze kletterte neben Raja an einer der Ruinen hoch und nutzte die Kletterpflanzen, um sich schneller zu bewegen. Raja hatte keine Zeit, um zu verfolgen, ob sie es auf das ehemalige Dach schaffte.
Floh bellte panisch und schon riss sie das nächste Beben zu Boden. Dieses Mal hatte sie nicht so viel Glück wie beim ersten Mal. Sie stürzte und alle Luft wurde schmerzhaft aus ihren Lungen gepresst. Kurz wurde Raja schwarz vor Augen, doch sie atmete flach durch den Schmerz und riss reflexartig die Hände über den Kopf. Keine Sekunde zu früh, denn ein Steinregen fiel auf sie herab. Zum Glück waren es größtenteils kleine Exemplare. Aber sie würde einige Blutergüsse und Schrammen davontragen.
Allerdings sollte sie froh sein, wenn es nur das war. Am Boden liegend und obwohl die Erde immer noch bebte, robbte sie über die zerstörte Straße. Der Asphalt hatte tiefe Risse, doch glücklicherweise waren sie nicht so breit. Etwas weiter vor der Stadt bildeten sich an einigen Stellen kleine Schluchten zwischen den Asphaltplatten, teilweise so breit, dass sie nicht zu überwinden waren.
Raja schüttelte den Kopf. Sie musste es unbedingt zu dieser Wiese schaffen. Das grüne Stück zwischen den Ruinen war im Moment ihre letzte Hoffnung. Die Angst, die unbebaute Fläche nicht rechtzeitig zu erreichen, drohte sie zu lähmen. Sie schloss für den Bruchteil einer Sekunde die Augen und atmete tief ein. Sich verrückt zu machen, half ihr nicht weiter.
Das Beben flaute ab und sie sprang auf die Füße. Das Adrenalin ließ sie ihre kleinen und größeren Wunden vergessen. Sie rannte, so schnell sie es vermochte.
Floh beobachtete sie von der Wiese mit Argusaugen.
Es war nicht mehr weit. Entfernungen einschätzen, fiel ihr schon immer schwer, aber sie brauchte nur ein bisschen Zeit ohne Beben.
Sie sprang über einen großen Riss in der kaum noch als Straße zu erkennenden Asphaltruine. Und wieder fiel Raja schmerzhaft zu Boden. Sie rollte sich halb ab, knallte dabei aber gegen eine Hauswand. Sie fragte sich unwillkürlich, ob größere Menschen als sie, sich bei solchen Stürzen schwerer verletzten, weil der Weg zum Boden weiter war.
Trotzdem tanzten für einen Moment bunte Lichtflecken in der tintenartigen Schwärze vor ihren Augen und sie schätzte sich glücklich, dass sie nicht mit dem Kopf aufgeprallt war. Sie riss die Arme über den Kopf. Ihre Gedanken rasten dorthin, woran Raja sich die ganze Zeit verboten hatte zu denken.
So viele Beben in dieser Stärke kündigten einen Tsunami an. Das war das Problem an der Nähe zum Meer.
Wenn sie hier nicht wegkam, wäre es aus.
Raja hörte Floh winseln, so nah war sie schon bei der Wiese.
„Hau ab! Los! Lauf weg!“, schrie sie. Sie blickte auf, doch das treue Vieh rührte sich nicht von der Stelle. Schwankend kam sie auf die Füße, als das Beben abschwoll. Sie kam nur wenige Schritte weit, als sie ein Steinbrocken an der Schulter traf. Raja krachte bäuchlings zu Boden und spürte für einige Sekunden nichts als Schmerzen. Bewusst atmend bemühte sie sich um eine schnelle Bestandsaufnahme.
Ihr ganzer Körper schmerzte, ihre Schulter war mit Sicherheit geprellt, hoffentlich nichts Schlimmeres.
Raja hörte sich selbst ein jämmerliches Wimmern ausstoßen, als sie ihre Beine bewegte. Ein stechender Schmerz fuhr in ihr rechtes Bein. Ein Gewicht drückte es zu Boden. Es war vermutlich eingeklemmt. Ihr linkes Bein schien in Ordnung zu sein. Schwer zu sagen. Da sie auf dem Bauch lag, sah sie nichts. Das Erdbeben zeigte Erbarmen und ließ nach. Doch Raja konnte nicht aufstehen.
Sie war so nah bei der Wiese, sie nahm Flohs hechelnden Atem wahr. Um sie herum standen die letzten Gebäude, sie hatte es fast geschafft.
Aber eben nur fast. Jetzt lag sie in einer derart unwürdigen Position und konnte sich nicht befreien.
Scheiße!
Das hatte sie also jetzt von ihrer unüberlegten Aktion.
Eine warme, Zunge schlabberte ihr über ihre linke Gesichtshälfte und Raja öffnete die Augen. Mit beiden Händen bemühte sie sich Floh von sich wegzuschieben und stöhnte vor Schmerz wegen ihrer geprellten Schulter, doch der Hund war stärker als sie.
Sein hündisch stinkender Atem strich ihr warm über die feuchte Gesichtshälfte.
„Iiiiih. Floh…weg von mir!“
Wenn sie ehrlich war, bemühte sie sich nur halbherzig, denn sie war froh, dass der treue Hund sie nicht alleinließ. Obwohl er ihr nicht helfen konnte. Sie atmete tief durch und drehte ihren Kopf. Raja musste sich schmerzhaft verdrehen und nur leicht schielen, rückte der Stein, der ihr Bein am Boden hielt in ihr Blickfeld. Sie schloss die Augen wieder, um ihnen eine Auszeit zu ermöglichen. Der Stein, der auf ihrem Bein lag, war nicht so groß, wie sie befürchtet hatte, doch er war groß genug, dass sie ihn nicht bewegen konnte.
„Scheiße! Floh. Das ist nicht gut. Ich weiß nicht, ob ich hier wieder rauskomme. Wenn ich ehrlich bin … au! Ich fürchte, mein Bein ist … Keine Ahnung … Hoffentlich ist es nicht … was weiß ich … vielleicht ist es ja nichts. Erstmal muss ich diesen Stein da runterbekommen.“
Floh winselte und umrundete sie. Raja traten Tränen in die Augen, die sie sofort weg blinzelte. Sie musste hier weg! So schnell wie möglich. Mit Sicherheit war der Tsunami schon im Anmarsch.
Konnte ein Tsunami anmarschieren?
Vor ihrem inneren Auge sah sie, wie sich eine Riesenwelle auf dem Meer auftürmte und mit Pauken, Trompeten und wehenden Fahnen auf die Küste zurollte.
Raja schüttelte den Kopf.
Sie hatte Wichtigeres zu tun, als sich in sinnlosen Gedanken zu verlieren. Die Erfahrung sagte ihr, dass ein Tsunami mit hoher Wahrscheinlichkeit die Küste erreichen würde.
Mit einiger Mühe zerrte sie ihren Rucksack vom Rücken. Aber egal, wie sie sich bog und verdrehte, sie erreichte den Stein nicht. Sie streifte ihn nur mit den Fingerspitzen und hatte auf keinen Fall genug Kraft, um ihr Bein zu befreien.
Der Brocken lag auf ihrem Unterschenkel. Ihr zweites Bein war zwar nicht eingequetscht, aber trotzdem so in der Bewegung eingeschränkt, dass sie auch mit dem Bein den Stein nicht herunterstoßen konnte. Ganz davon abgesehen, dass sie so vermutlich mehr Schaden an ihrem eingeklemmten Bein anrichten würde als ihr lieb war. Aber vielleicht hatte sie auch keine Wahl.
Sie stieß einen Wutschrei aus und Floh sprang erschrocken einen Meter rückwärts.
„Ja! Hau ab. Verschwinde! Bring du dich wenigstens in Sicherheit! Du kannst mir sowieso nicht helfen“, schrie Raja ihn an. Sie hörte selbst die Hysterie in ihrer Stimme. „Los! Weg hier!“
Floh sah sie mit schräggelegtem Kopf an. Raja sah seine Lefzen nervös flattern. Sein Nackenfell war leicht gesträubt. Er mochte es nicht, wenn Raja ihn anschrie. Das war ihr aber nur recht.
„Scheiße. Wie lange gab es schon kein Beben mehr? Das ist nicht gut … das heißt, dass es jeden Moment noch eins geben kann … und …“ Sie zwang sich, es nicht auszusprechen. Nicht, dass sich der Tsunami dadurch, dass sie es aussprach, herausgefordert fühlte. Sie glaubte natürlich nicht wirklich, dass er ein lebendes Wesen war. Aber Yuna hatte darauf bestanden, dass alle Tsunamis letztendlich ein Tsunami waren und, dass man nur freundlich zu ihm sein müsse. Außerdem mochte er es nicht, wenn man über ihn sprach oder Angst vor ihm hatte. Deswegen durfte man ihn nicht herausfordern. Also den Tsunami.
„Verschwinde!“, schrie Raja, so laut sie konnte und sie hob sogar einen Stein auf und warf ihn halbherzig Richtung Floh.
Ihr Herz zog sich zusammen, als sie kurz fürchtete, ihn wirklich zu treffen. Doch das Steinchen flog weit an dem Hund vorbei. Er sah sie einen Moment prüfend an, bevor er tatsächlich loslief.
Verblüfft sah sie ihm hinterher. Ein ersticktes Schluchzen entkam ihr. Eigentlich hatte sie ihn nicht wirklich loswerden wollen. Aber sie war trotzdem froh. Hoffentlich würde er entkommen.
Raja schloss die Augen und atmete tief durch.
Mit einem entschlossenen Ruck trat sie mit ihrem halbfreien Bein gegen den Stein, während sie gleichzeitig an dem anderen zerrte.
Schmerz schoss vom Bein ausgehend durch ihren Körper.
Nur Sekunden später verschwamm der Asphalt vor ihren Augen und ihr Kopf schlug dumpf auf.
Lean
Der Wind trug eine Frauenstimme zu Lean.
„Verschwinde!“ Sie klang aggressiv.
Er sprang auf, hatte er sich die Stimme eben doch nicht eingebildet?
Aber das konnte nicht sein!
Niemand lebte an der Küste. Keiner war so verrückt. Angeblich wohnte eine kleine Familiengemeinschaft eine Zeit lang dort, doch das war Jahre her.
Ein gequälter Schrei drang zu ihm, als ihn ein weiteres Beben von den Füßen riss. Er blieb liegen und seine Gedanken rasten. Dort unten in der Stadt befand sich eine Frau, er war sich sicher. Sie konnte nicht allzu weit entfernt sein, wenn er ihre Stimme hörte. Allerdings täuschte der Wind an einigen Tagen, manchmal wurden Geräusche weiter getragen, als man es vermutete.
Sollte er es riskieren, ohne Plan durch die Stadt zu laufen, um irgendeine Fremde zu suchen? Die Gefahr war hoch von Gebäudeteilen getroffen zu werden. Außerdem stieg mit jeder Sekunde die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Tsunami bilden würde. Er war natürlich kein Tsunami-Experte, aber Lean wusste, dass die Riesenwellen an der Küste häufig auf Erdbeben folgten. Keine Ahnung, wie viel Zeit er wirklich hatte, denn er war das erste Mal in Küstennähe.
Was sollte er tun?
Jede Sekunde, die er hier herumstand, bedeutete, dass es unwahrscheinlicher wurde, der Frau helfen zu können.
Jede Sekunde erhöhte die Wahrscheinlichkeit, dass er bei einer wahnwitzigen Rettungsaktion von einer Riesenwelle weggespült würde. Er musste zugeben, dass sein Lebenserhaltungstrieb zu ausgeprägt war für eine Selbstmordaktion.
Lean stieß ein halblautes Knurren aus und schlug sich mit der Faust vor die Stirn, um sich zu einer Entscheidung zu bringen. Dann raufte er sich die Haare, auch wenn es da nicht mehr viel zu raufen gab, denn er hatte die kleinen schwarzen Locken vor einigen Tagen so kurz geschoren, dass nur noch Stoppeln seinen Kopf zierten.
Er griff nach dem Rucksack, sah sich kurz um und rannte dann zu einem Geröllhaufen. Die Tasche stellte er dort ab und kehrte mit den Händen einige kleinere Steine auf sie runter. So würde man den Rucksack nicht auf den allerersten Blick sehen. Es war zwar unwahrscheinlich, dass hier irgendein Mensch herumlief. Aber sicher war sicher.
Er drehte sich um und musste ein kleineres Beben mit einigen schwankenden Schritten ausgleichen, bevor er das Tempo erhöhte und den Hügel herunterrutschte, mehr stolpernd als rennend. Den Blick auf seine Füße gerichtet, um nicht zu fallen, nahm er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr.
Lean sah hoch und der größte Hund, den er je gesehen hatte, rannte auf ihn zu.
In einer fließenden Bewegung zog Lean sein Messer und ging in Abwehrstellung, als das Tier direkt auf ihn zustürmte.
Das hatte er von seiner Rettungsidee. Schon nach wenigen Schritten von einem wilden Hund zerfleischt. Das wäre ein unangenehmes Ende der Reise.
Doch unglaublicherweise verlangsamte das schwarze Monster seine Schritte und stoppte. Das Nackenfell war gesträubt, doch er wirkte weniger aggressiv als aufgeregt. Sein Schwanz zuckte hin und her, die Schlappohren bewegten sich aufmerksam.
„Äh hallo …“, sagte Lean mit möglichst ruhiger Stimme. Er hatte mal gehört, dass man mit den wilden Hunden reden sollte. Sie waren Nachkommen der vielen Haushunde, die es in der Welt vor der Zerstörung gegeben hatte. Und angeblich hatten diese Hunde aufs Wort ihrer Besitzer gehört. Lean glaubte allerdings nicht, dass dieses Monsterexemplar auf den Befehl von irgendwem hörte. Die Ohren des Hundes richteten sich sofort auf ihn aus und seine Augen fixierten ihn. Tatsächlich. Es schien zu funktionieren.
„Braver Hund … freundliches Monster … ich tue dir nichts. Wenn du mir nichts tust, dann tu ich dir nichts.“
Der Hund antwortete mit einem grollenden Kläffen, das tief aus dem mächtigen Brustkorb zu kommen schien. Das Tier drehte den Kopf zur Stadt, dann kam er einige Schritte auf Lean zu, bevor er wieder Richtung Stadt lief und nochmal ohrenbetäubend bellte.
Das Messer ignorierend kam der Hund ihm erschreckend nahe, bevor er mehrmals kläffend wieder Richtung Stadt lief.
„Was willst du?“
Kläffen.
„Soll ich mitkommen?“
Wieder Kläffen.
Was erwartete er zu hören? Eine Antwort? Als ob das Vieh ihn verstand. Aber …
Hatte er nicht vorhin Hundebellen gehört? Was, wenn der Hund etwas mit der schreienden Frau zu tun hatte?
Es war nur wenig Zeit verstrichen. Was hatte er zu verlieren? Wenn der Hund ihn zu der Frau führte, bestand eine realistische Chance, sie zu retten. Wenn er kopflos in die Stadt lief, war die Wahrscheinlichkeit höher, dass er nichts fand und im schlimmsten Fall von der Riesenwelle erwischt wurde.