Circles - Julia Hünniger - E-Book

Circles E-Book

Julia Hünniger

0,0

Beschreibung

Schwere Stürme, Gefahren die aus dem Meer kamen und Piraten, die es auf einen abgesehen hatten. Das Alles machte den Beruf des Sonderkuriers zu einem der Gefährlichsten. Und trotzdem hatte Aloisia nie etwas anderes werden wollen. Als sie schließlich einen neuen Auftrag erhält, kann sie es kaum erwarten. Doch noch bevor sie sich richtig auf den Weg machen kann, stößt Aloisia auf Probleme. Sie wird gezwungen, einen Umweg zu nehmen. Der auf den ersten Blick recht einfach erscheinende Auftrag wird zu dem Gefährlichsten, den Aloisia jemals hatte. Nicht nur wird sie von Piraten penetrant verfolgt, sie muss auch noch gegen etwas ankommen, was keiner seit langer Zeit für möglich gehalten hätte. Immer wieder stellt sich Aloisia die Frage, ob sie ihr Ziel auch wirklich erreichen kann.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 328

Veröffentlichungsjahr: 2023

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Das Buch:

Schwere Stürme, Gefahren die aus dem Meer kamen und Piraten, die es auf einen abgesehen hatten. Das Alles machte den Beruf des Sonderkuriers zu einem der Gefährlichsten. Und trotzdem hatte Aloisia nie etwas anderes werden wollen.

Als sie schließlich einen neuen Auftrag erhält, kann sie es kaum erwarten. Doch noch bevor sie sich richtig auf den Weg machen kann, stößt Aloisia auf Probleme. Sie wird gezwungen, einen Umweg zu nehmen.

Der auf den ersten Blick recht einfach erscheinende Auftrag wird zu dem Gefährlichsten, den Aloisia jemals hatte. Nicht nur wird sie von Piraten penetrant verfolgt, sie muss auch noch gegen etwas ankommen, was keiner seit langer Zeit für möglich gehalten hätte.

Immer wieder stellt sich Aloisia die Frage, ob sie ihr Ziel auch wirklich erreichen kann.

Die Autorin:

Julia Hünniger wurde 1996 in Dippoldiswalde geboren und lebt nun mit Ihrem Freund in Eiselfing bei Wasserburg. Bereits als Sie acht Jahre alt gewesen ist, hat Sie sich fürs Schreiben interessiert.

Ihr erstes größeres Projekt, die Beasts-Reihe, begann Sie in Ihrer ersten Version mit vierzehn. Inzwischen sind drei der vier Bände aus der Beasts-Reihe bei Amazon erschienen.

„Circles – Die Sonderkurierin“ ist Julias viertes Buch und wird auch nicht ihr Letztes bleiben.

Weitere Bücher der Autorin:

Hidden Beasts (Beasts-Reihe, Band 1)

Hunted Beasts (Beasts-Reihe, Band 2)

Mad Beasts (Beasts-Reihe, Band 3)

Für meine Freundin Juu. Du holst immer das Beste aus meinen Geschichten heraus.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 1

Etwas stupste gegen meine Stirn. Es war feucht und kalt. Grummelnd drehte ich mich auf die andere Seite. Nein, nicht jetzt. Ich wollte noch etwas meine Ruhe haben und schlafen. Wieder wurde ich angestupst. Diesmal in meinem Nacken. Und kaum war das kalte, feuchte Etwas weg, streifte ein warmer Atem meine Haut. So schnell würde er sicher nicht aufgeben. Doch ich konnte genauso stur sein. Nur war es mir nicht möglich, das zu zeigen, denn genau in diesem Moment klingelte auch schon mein Wecker. Verfluchtes Mistding. Immer zum falschen Augenblick. So lernte er es nie. Leider konnte ich auch nicht liegen bleiben. Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit waren in meiner Arbeit besonders wichtig. Seufzend erhob ich mich, schaltete den Wecker aus und wandte mich um. Genervt blickte ich auf den, der mich geweckt hatte.

„Guten Morgen, Azram“, murrte ich.

Als Antwort bekam ich eine Mischung aus Winseln und Fiepen. Wenn Azram sich so verhielt, war es schwer, zu glauben, dass der große, schwarze Wolf vor mir in den Geschichtsbüchern als eines der gefährlichsten Tiere der Welt beschrieben worden war. Gut, Azram war nicht gerade ein Schmusetier wie so mancher Hund und er hörte nur auf mich oder ließ sich von mir anfassen, aber es fiel mir schwer, ihn als wildes Raubtier zu sehen. Als ich die Bettdecke zurückschlug, gab ich den Blick auf eine u-förmige Narbe, die nach oben hin weiter wurde und aus einzelnen, unterschiedlich großen Punkten bestand, auf meiner rechten Wade frei. Ich hatte sie von Azram. Damals hatte ich mich ablenken lassen. Sie erinnerte mich immer wieder daran, wie wichtig es war, vor Azram überzeugend und selbstsicher aufzutreten. Azram gab ein weiteres Mal dieses winselnde, fiepende Geräusch von sich. Er hatte Hunger. Und wenn ich ihn zu lange warten ließ, konnte er ungemütlich werden.

Ich schwang meine Beine aus dem Bett und streckte mich noch einmal, nachdem ich stand. Barfuß tappte ich durch die Wohnung, die ich mir mit meinem Zwillingsbruder Levin und seinem Wolf Lilith teilte, in Richtung Küche. Dicht gefolgt von Azram. Mein Ziel war der Kühlschrank. Aus ihm holte ich eine große Schüssel mit Fleisch, einen Joghurt und Saft. Während ich wartete, dass das Fleisch etwas wärmer wurde, mischte ich mir in einer Schale Obst, Müsli und etwas Honig in den Joghurt. Azram, der sich neben mir hingesetzt hatte, stupste mich währenddessen mehrmals an. Nach dem dritten Mal strich ich ihm über den Kopf.

„Gleich“, meinte ich mit einem strengen Blick auf den Wolf hinab.

Er wusste ganz genau, dass es erst etwas zu Fressen gab, wenn ich mir mein jeweiliges Essen hergerichtet hatte. Trotzdem versuchte er es immer wieder, mich mit seinen großen, traurigen Augen zu überzeugen. Seit fünf Jahren ging das nun schon so. Seit ich ihn als kleinen Welpen bekommen und damit begonnen hatte, ihn von Hand aufzuziehen. Anders wäre diese auf ihre eigene Art und Weise intime Beziehung zwischen uns gar nicht möglich.

Ich stellte mein Frühstück auf den Esstisch und nahm mir dann die Schüssel mit Azrams Fleisch. Ich ging damit zu seinem Napf und kippte die bluttriefenden Brocken hinein. Der Wolf wartete geduldig an der Stelle, wo er saß, seit wir die Küche betreten hatten. Es hatte mich fast eineinhalb Jahre Training gekostet, bis er sich nicht mehr augenblicklich auf sein Fressen gestürzt hatte. Selbst als ich mich von seinem Napf abwandte und mich an den Tisch setzte, blieb er, wo er war. Erst als ich ihm ein Zeichen gab, trabte er los und versenkte seine Schnauze in seinem Fressen. Zur gleichen Zeit begann auch ich mein Frühstück gedankenverloren in mich hinein zu löffeln.

Azram brauchte nicht lange, bis er sein ganzes Fressen hinuntergeschlungen hatte. Nachdem er fertig war, setzte er sich neben meinen Stuhl und wartete auf mich. Das machte er nach jedem Essen. So wie Azram schlang, war es ja auch nicht verwunderlich, dass er vor mir fertig war. Im Gegensatz zu ihm aß ich mein Essen gemächlich. Anschließend stellte ich erst mein Geschirr und dann seine Schale in die Spüle. Den Abwasch würde ich aber erst am Abend machen. Für die paar Sachen lohnte es sich nicht, Wasser zu verschwenden. Außerdem musste ich mich langsam mal fertigmachen. Irgendwann sollte ich ja schließlich auch mal auf der Arbeit erscheinen. Auch wenn es im Moment nicht sonderlich viel zu tun gab.

Mit Azram auf den Fersen war mein Ziel das Badezimmer. Doch dort angekommen, hielt der Wolf an. Während ich hineinging, legte er sich direkt vor die Tür, wo er wie immer warten würde, bis ich wieder rauskam. Ohne dass ich es ihm befehlen musste. Jeden Morgen bewies mir das wieder, dass egal, wo wir waren, Azram das tat, was wir trainiert hatten. Ich konnte mich also noch immer darauf verlassen, dass er mich beschützte. Egal wann.

Fast schon in Hochstimmung darüber nahm ich mir meine Zahnbürste und begann mit meinem allmorgendlichen Ritual. Doch irgendwie fühlte ich mich mehr nach einer richtigen Dusche. Normalerweise wusch ich mir nur die Haare und den Rest mit einem Tuch, da wir angehalten waren, so wenig Wasser, wie nur möglich zu verschwenden. Was irgendwie ironisch war, wenn ich daran dachte, dass wir von fast nichts anderem Umgeben waren. Nur leider eignete sich dieses Wasser nicht zum Trinken oder Kochen. Und besonders damit duschen oder darin schwimmen sollte dringend vermieden werden. Es war schon irgendwie traurig. Zum Überleben waren wir auf den Regen angewiesen, der aber meist nicht ohne Sturm kam. Und eben jene Stürme hatten schon vielen Menschen das Leben gekostet. Diese Welt schenkte einem nichts. Nein. Es war sogar fast so, als würde sie uns loswerden wollen.

Mit einem Seufzen ließ ich meinen Schlafanzug auf den Boden fallen und stieg in die Dusche. Kurz darauf lief mir auch schon das warme Wasser über den Kopf und Körper und spülte die schweren Gedanken fort. Ein paar Minuten lang genoss ich dieses Gefühl, doch zu viel Zeit durfte ich mir auch nicht lassen. Ich riss mich also zusammen, wusch mir erst die Haare und dann den Rest. Leicht traurig drehte ich schließlich das Wasser wieder ab und verließ die Dusche. Eilig, um nicht allzu sehr auszukühlen, trocknete ich mich ab und wickelte anschließend das Handtuch um meinen Körper. Ein weiteres kam um meine Haare. Ich hob meinen Schlafanzug vom Boden auf. Als ich das Badezimmer verließ, wäre ich beinahe über Azram gestolpert. Ich hatte es zu eilig gehabt und ihm nicht genug Zeit gegeben, sich aufzurichten. Zum Glück bremste ich noch gerade rechtzeitig.

Zurück in meinem Zimmer, warf ich den Schlafanzug auf mein Bett und wandte mich dann dem Kleiderschrank zu. Lange überlegen, was ich anziehen sollte, musste ich nicht. Da es für mich zur Arbeit ging, kam nur meine übliche Uniform infrage. Sie bestand aus einer weißen Bluse mit Puffärmeln, einer dunkelblauen, tailliert geschnittenen Weste, die vorne zwei spitze Schöße hatte, einer schwarzen Schnurkrawatte, einer dunkelblauen Breeches und braunen Lederstiefeln mit einem leichten Absatz. Die Breeches gefiel mir dabei besonders, da die Hosenbeine an den Oberschenkeln weit und ab den Knien eng waren. Ich hatte es bisher noch keinem erzählt, doch diese Uniform war einer der Gründe gewesen, warum ich mich für meinen Beruf entschieden hatte. Wenn auch nur ein kleiner.

Bevor ich in die Kleidung schlüpfte, rubbelte ich mir die Haare, so gut es ging, trocken. Es war auch wichtig, dass wir Strom nicht unnötig verschwendeten. Und für mich war ein Föhn Verschwendung von Strom. Zumal ich es nicht mochte, wenn mir künstlicher, überhitzter Wind um den Kopf wehte. Bei den momentan milden Temperaturen war es nicht weiter schlimm, wenn meine Haare noch etwas feucht waren. Und wenn ich sie mir zu einem Zopf flocht, dann würde es schon gehen.

Mit einer Bürste brachte ich, vor meinem körpergroßen Spiegel, meine kastanienbraunen, leicht lockigen Haare in Position. Danach flocht ich sie so lange, bis sie mir als einfacher Zopf über die linke Schulter fielen. Oh je, sie waren mal wieder sehr lang geworden. Es war besser, wenn ich sie mir beim nächsten Friseurbesuch ordentlich kürzen ließ. Vielleicht sogar zu einem Bob. Für meine Arbeit war es nicht wichtig, wie ich aussah. Im Gegenteil, lange Haare konnten sogar hinderlich sein. ... Na ja, das konnte ich ja auch immer noch entscheiden, wenn es so weit war.

Ich wandte mich vom Spiegel ab und machte mich daran, meine Uniform anzuziehen. Nachdem ich mir meine Stiefel zugeschnürt hatte, ging ich ein weiteres Mal zum Schrank. Aus einem kleinen Fach nahm ich mir die zur Uniform gehörende, dunkelblaue Ballonmütze und setzte sie auf. Als Nächstes griff ich nach der braunen Ledertasche, die mit einem Sicherheitsschloss versehen war und auf die das Wappen unseres Circles, ein Drache in einer schildförmigen Umrandung, eingeprägt war. Das gleiche Wappen hatte ich auch auf der Brust meiner Weste und es war in jede meiner Jacken, die zur Uniform gehörten, gestickt. Doch heute würde ich sicher noch keine dieser Jacken brauchen. Also ließ ich sie im Schrank liegen, wo sie waren. Ich hängte mir die Tasche um und sah dann auf den letzten Gegenstand, den ich noch mitnehmen musste. Jedes Mal, wenn ich die Waffe sah, verkrampften sich meine Eingeweide. Sie erinnerte mich immer wieder an etwas, was ich am liebsten vergessen würde. Meiner Meinung nach kam ich auch ganz gut ohne die Pistole aus, aber ich war verpflichtet, immer eine bei mir zu tragen, wenn ich mein Zuhause verließ. Mit angehaltenem Atem nahm ich die Waffe aus ihrem Fach, befestigte das Holster an meinem Gürtel und schloss dann die Schranktür wieder. Endlich hatte ich alles, was ich heute brauchen würde. Trotzdem wartete ich noch, bis sich mein Herzschlag wieder normalisierte und das verkrampfte Gefühl aus meinem Inneren verschwand.

„Azram, age!“, befahl ich dem Wolf, der es sich vor meinem Bett gemütlich gemacht hatte.

Augenblicklich sprang er auf und trottete hinter mir erst zur Tür, schließlich die Treppe hinunter und mit hinaus auf die Straße. Die Luft war schwer und feucht, doch die Sonne schien. Es war einer der wenigen schönen Tage. Aber lange würde es sicher nicht mehr halten, dafür war die Luft einfach schon wieder zu feucht. Mit einem Seufzen streckte ich mich der Sonne entgegen und genoss die warmen Strahlen auf meiner Haut. Oft bekam ich sie ja nicht ab.

„Hoffentlich bekomme ich heute, wie Levin, einen neuen Auftrag. Ich würde zu gerne mal wieder etwas reisen und andere Circles besuchen“, meinte ich zu Azram, der mir jedoch natürlich nicht antwortete.

„Na, redest du mal wieder mit deinem Hund“, grüßte mich in diesem Moment jemand amüsiert von hinten.

„Azram ist kein Hund und das weißt du genau, Achim“, seufzte ich, wandte mich dann aber lachend um.

Es gab nur einen, der Azram immer wieder als Hund bezeichnete. Vor mir stand ein älterer Mann, der eine ähnliche Uniform trug, wie ich. Statt Blau trug er Grau. Auch war die Hose anders geschnitten, ihm fehlte die Krawatte und auf seinem Kopf saß eine Schirmmütze. Aber wir hatten trotzdem den gleichen Arbeitgeber. Wir gehörten nur zu verschiedenen Abteilungen. Achim grinste mich breit an.

„Guten Morgen, Sia.“

„Morgen, Achim.“

„Seid ihr auf dem Weg ins Amt?“, fragte er.

„Ja, wir wollten uns gerade auf den Weg machen. Und wie ich sehe, bist du schon fleißig bei der Arbeit.“

Mit einem Kopfnicken wies ich auf seine übervolle Tasche, in die die Briefe nur so hineingequetscht worden waren.

„Gut erkannt. Deswegen muss ich jetzt auch weiter.“

„Ich werd dich nicht aufhalten. Man sieht sich, Achim.“

„Bis zum nächsten Mal, Sia, Azram.“

Der ältere Postbote tippte sich zum Gruß an die Mütze und machte sich schließlich auf den Weg. Mit einem Lächeln sah ich ihm nach. Ich mochte Achim. Nicht nur hatte er keine Angst vor mir oder Azram, immer wenn wir uns sahen, sprach er auch ganz normal mit mir. Leider war dies eine Seltenheit. Sogar meine Kollegen vom Amt machten wegen meines Berufes einen großen Bogen um mich. Aber da waren sie nicht die Einzigen. Selbst hier auf der Straße versuchten die Leute, mich und Azram zu meiden. Ich konnte es ihnen jedoch nicht verübeln. Sie kannten es nicht anders und waren so erzogen worden. Bereits seit vielen Jahrhunderten, nein Jahrtausenden, hatten die Menschen Angst vor Wölfen. Und nun auch noch vor denen, die mit ihnen arbeiteten. Dagegen konnte ich nichts tun.

Mit einem Schulterzucken lief ich zur nächsten Öffnung in der hüfthohen Mauer, die die Hauseingänge von der Straße trennte. Sie sollte verhindern, dass die ganzen Haus- und Ladeneingänge von den Vorbeigehenden blockiert wurden. Früher, als ich noch jünger gewesen war, war es immer ein Kampf gewesen, auf den Straßen zu meinem Ziel zu kommen. Dabei war hier in der Handelszone immer noch weniger los als in der Hafenzone. Im Laufe meiner Ausbildung war dies jedoch besser geworden. Auch wenn die Leute Angst hatten, genoss ich es irgendwie, dass ich problemlos an meine Ziele gelangen konnte.

So auch an diesem Tag. Innerhalb weniger Minuten gelangten Azram und ich zu einem Platz, wo auf jeder Seite jeweils ein Paar Aufzüge in gläsernen Röhren lagen, die zu den Zonenübergängen gehörten. Immer mal wieder, wenn ich vor einem dieser Aufzüge stand, fragte ich mich, wer auf die Idee gekommen war, die schwimmenden Städte, in denen wir nun lebten, so zu bauen. Die Bezeichnung Circle kam von der kreisrunden Form, die sie hatten. Doch die störte mich nicht. Ich konnte nur nicht nachvollziehen, warum man alles in Zonen hatte unterteilen müssen. Zumal die Grün-Zonen nur von den entsprechenden Arbeitern betreten werden durften, aber immer zwischen den einzelnen Wohnzonen lagen. Wenn also jemand zum Beispiel von der Hafenzone in die Handelszone wollte, musste er über die äußere Grünzone hinwegkommen. Dafür gab es zwei Wege. Der Eine war allen offen und kostete auch nichts. Es handelte sich um eine Unterführung, die innerhalb des Circles und unter der Grünzone entlang verlief. Leider war es dort immer recht stickig und oft roch es auch noch schlecht. Der zweite Weg war eine Glasbrücke. Für diese brauchte man jedoch eine spezielle Zugangsgenehmigung, die käuflich erworben werden konnte. Jedoch war dies sehr teuer und musste jeden Monat aufgefrischt werden. Viele, besonders die Bewohner der Hafenzone, konnten sich dies nicht leisten. Wenn ich keine unbegrenzte Genehmigung durch meinen Job bekommen hätte, hätte ich mir den Übergang über die Glasbrücken sicher auch nicht leisten können.

Entgegen meiner Erwartung hatte sich vor den Aufzügen keine Schlange gebildet. Nun, bei den Aufzügen auf der linken Seite des Platzes, deren Scanner-Terminal mit „Regierungszone“ beschriftet war, war dies auch nicht ungewöhnlich. Doch auch vor den Aufzügen auf der rechten Seite, die mit „Hafenzone“ gekennzeichnet waren, wartete niemand. Normalerweise bildete sich dort immer eine kleine Schlange. Vielleicht war ich aber ausnahmsweise nur mal zu einer Zeit unterwegs, wo die Leute schon in der Zone waren, in der sie sein wollten.

Ich war froh, dass ich nicht anstehen musste. Mit Azram an meiner Seite war das immer etwas lästig. Die Leute hatten immer so große Angst, dass sie ganz unruhig wurden, was wiederum meinen Wolf unruhig machte. Und daraus entstand dann ein Teufelskreis. Manchmal war es sogar so schlimm geworden, dass mich die Leute entweder vorließen oder ich mir einen anderen Übergang hatte suchen müssen.

Mein Ziel lag in der Hafenzone, weshalb ich mich rechts hielt. Zwischen den drei Glasröhren, von denen die rechte nur etwa zweieinhalb Meter hinauf ging, befand sich ein Scanner-Terminal mit zwei Scanfeldern. Das eine gehörte zu der kurzen Röhre rechts, die zur Unterführung führte, und war mit einem „U“ beschriftet. Das Zweite gehörte zu der langen, mittleren Röhre, die zur Glasbrücke hinaufführte, und auf ihm prangte ein „B“. Die linke Röhre konnte von hier nicht aktiviert werden, da sie zu der Glasbrücke gehörte, die von der Hafenzone in die Händlerzone führte. Sie war nur ein Ausgang.

Über die Scanner am Terminal konnten die Rufknöpfe für die Aufzüge freigeschaltet werden, indem man sein biometrisches Armband, kurz Biobrac, einlas. Versuchte jemand ohne Berechtigung auf die Glasbrücke zu gelangen, gab es ein lautes Warnsignal, und der Knopf wurde nicht entriegelt. Da deswegen immer nur eine Person gleichzeitig einen der Aufzüge benutzen durfte, kam es öfters zu Warteschlangen an den Scanner-Terminals.

Ich hielt mein Biobrac an den Scanner und in nicht mal einer Sekunde leuchtete der Rufknopf auf. Kaum hatte ich ihn gedrückt, schoben sich die Türen der mittleren Röhre auf. Zwar nannte ich dieses Konstrukt immer wieder einen Aufzug, aber mit den alten Teilen aus den Geschichtsbüchern hatte es nichts gemein, da es sich hier nur um eine bewegliche Plattform in diesen Glasröhren handelte.

Mit einem großen Schritt betrat ich die Plattform und Azram folgte mir zögerlich. Er mochte die Vaso-Paternoster oder auch VasPa, wie sie offiziell hießen, nicht. Nachdem ich den Knopf zum Schließen der Türen gedrückt hatte, setzte sich die Plattform geschmeidig in Bewegung. Während sie uns langsam die fünf Meter bis zur oberen Kante der Mauer, mit der die einzelnen Zonen voneinander getrennt wurden, brachte, sah ich dabei zu, wie die Menschen immer kleiner und kleiner wurden. Oben angekommen, öffnete sich die Tür der Röhre in meinem Rücken und entließ Azram und mich auf die Glasbrücke.

Ein tiefes Knurren, welches plötzlich von ihm kam, ließ mich für einen Moment innehalten. Alarmiert sah ich mich um, doch ich war mit ihm allein auf der Brücke. Irritiert blickte ich auf den Wolf und musste feststellen, dass seine Augen auf die Mauer unter der Brücke gerichtet war. Ich konnte gerade so noch sehen, wie ein Gepard die zwei Meter tiefe Rinne, die oben in jeder Mauer eingelassen war, entlang preschte, bevor er aus meinem Blickfeld verschwand. Kaum konnte Azram ihn nicht mehr sehen, beruhigte er sich auch wieder. Er war kein sonderlicher Fan der Raubkatzen, die Teil der Katzenkurier-Abteilung unseres Postsystems waren. Ich hingegen sah ihnen gern beim Laufen zu. Ihre Geschwindigkeit faszinierte mich. Das hätte jedoch anders ausgesehen, wenn die Rinnen in den Mauern nach oben hin nicht vergittert gewesen wären. Ohne diese Sicherheit hätte ich mir immer Sorgen gemacht, dass sie sich entweder auf die Menschen oder auf die Zuchttiere in den Grünzonen stürzen würden. Aber das war ja zum Glück nicht möglich.

Ich wandte mich wieder der Stahlkonstruktion der Brücke zu, deren Wände mit Glas- und deren Boden mit Marmorplatten ausgekleidet war. Gemütlich setzte ich mich in Bewegung und schon nach ein paar Schritten überholte mich Azram und lief diesmal vor mir. In der Ferne konnte ich das Glitzern der Sonne auf der Meeresoberfläche ausmachen. Wenn ich nach rechts sah, war es mir möglich, Kühen beim Grasen in der äußeren Grünzone zuzusehen. Auf der linken Seite befand sich die Glasbrücke, die von der Hafenzone in die Handelszone, also die entgegengesetzte Richtung zu meiner, führte.

Gerade als ich nach links sah, kam mir ein älterer und gut gekleideter Herr mit Schnauzer und einem Melonen-Hut auf dem Kopf auf der anderen Brücke entgegen. Auch er sah zu mir. Mit einem eher ängstlich wirkenden Lächeln nickte er mir zu und tippte sich für einen Gruß gegen den Hut. Ich erwiderte seine Begrüßung. Daraufhin hastete der Mann in die andere Richtung weiter. Über sein Verhalten konnte ich nur den Kopf schütteln. Uns trennte eine dicke Wand aus Glas. Allein aus diesem Grund hätte er sich nicht vor Azram oder mir fürchten müssen. Aber egal. Vielleicht würden die Menschen in Hunderten von Jahren mal damit aufhören, vor Leuten wie mir und Wölfen Angst zu haben. Auch wenn die Chancen dafür sehr gering waren.

Kapitel 2

Ich war heilfroh, dem regen Treiben der Hafenzone zu entkommen, als ich das Amt durch die Haupttür betrat. Zwar war das von uns Kurieren nur als „Amt“ bezeichnete Kurierzentrum einer der am stärksten besuchten Orte auf dem Circle, doch es war immer noch weniger los, als draußen vor der Tür. Wie an jedem Tag hatten sich bereits am Morgen lange Schlangen an vier der fünf Schalter für die Sendungsannahme der einzelnen Abteilungen gebildet. Doch kaum hatten Azram und ich diesen Bereich betreten und die Tür war hinter uns zugefallen, drängten sich die Leute mit bleichen Gesichtern entweder näher an die Schalter heran oder gegen die Wand. Eine relativ breite Gasse, die zum hinteren Bereich führte, bildete sich dadurch. Gleichzeitig verstummten auch alle Gespräche. In solchen Momenten kam mir die Angst der Leute ganz gelegen. So konnte ich ganz leicht zu meiner Abteilung gelangen.

„Mensch Sia, ich hab dir doch schon so oft gesagt, dass du den Seiteneingang nehmen sollst. Du erschreckst die Kunden immer zu Tode, wenn du durch den Haupteingang kommst“, stöhnte in diesem Moment eine der Angestellten am Schalter.

Sie war ungefähr in meinem Alter.

„Dir auch einen schönen guten Morgen, Carina. Und du weißt, dass weder Azram noch ich es mögen, uns durch die Gassen zu drängen, um zum Seiteneingang zu kommen“, erwiderte ich.

Dabei grinste ich Carina und die anderen an den Schaltern an. Sie gehörten zu den wenigen Kollegen, die normal mit mir sprachen. Auch wenn sie sich niemals so nah an mich oder gar Azram herantrauen würden, wie es Achim tat.

„Gib’s auf Carina. Sia wird immer das tun, wonach ihr gerade ist“, gluckste der etwas ältere Kollege zu ihrer Rechten.

„Noah hat recht, Carina“, stimmte ihm die Kollegin zu Carinas Linken zu.

„Ja, ja, fall du mir auch nur in den Rücken, Alisa. Aber wenigstens versuch ich, Sia nicht alles durchgehen zu lassen“, schmollte Carina.

„Das ist die Mühe nicht wert. Sia wird sich nie ändern“, mischte sich der Kollege links von Alisa ein.

„Nicht du auch noch, David“, stöhnte Carina auf.

„Hey Sia, sieh endlich zu, dass du und dein Begleiter nach hinten kommen, damit sich unsere Kunden endlich wieder entspannen können. Und das, worauf du gewartet hast, ist endlich da“, rief mir der Kollege vom letzten Schalter zu.

Es war der Schalter, der zu meiner Abteilung gehörte und an dem sich als Einziges keine Schlange gebildet hatte.

„Danke Basti. Bis später Leute“, verabschiedete ich mich von den fünfen.

Bis auf Noah waren sie alle ungefähr in meinem Alter oder ein bisschen älter. Ich zählte sie zu meinen Freunden. Besser gesagt waren sie die einzigen Freunde, die ich hatte, mal abgesehen von Achim. Auch wenn sie das vielleicht nicht so sahen. Aber das brachte mein Beruf so mit sich. Trotzdem war ich nicht einsam. Ich konnte immerhin mit ihnen und mit Achim offen sprechen. Und dann war da ja auch noch mein Bruder Levin.

Mit schnellen Schritten lief ich die Gasse zum hinteren Teil des Amtes entlang und trat schließlich durch die Tür, die zum Bereich für Angestellte führte. Die im Vergleich zu vorher nahezu vollkommene Stille war eine Wohltat für meine Ohren und meinen Kopf. Azram musste es ähnlich gehen, da er als Wolf ein deutlich besseres Gehör hatte als ich. Da ich ihm jedoch nie etwas anmerkte, fragte ich mich manchmal, ob dies auch wirklich stimmte. Aber so lange Azram auf meine Befehle hörte, war es mir egal, ob er wirklich einen besseren Hörsinn hatte als ich oder nicht. Denn nur wenn er mir gehorchte, konnte ich ihn an meiner Seite behalten. Und mehr wollte ich nicht.

Etwas langsamer als zuvor durchquerte ich den großen Raum, der schon fast an eine Halle erinnerte. Zusammen mit der Tür, durch die ich gekommen war, gab es insgesamt sieben. Eine führte in die Gasse neben dem Amt und diente als Personaleingang, während die anderen fünf zu je einer der Kurierabteilungen gehörten. Durch die Tür auf der rechten Seite gelangte man in die Abteilung der Langstreckenkuriere. Dort wurden Briefe und Pakete, die mit einem Postschiff zu einem anderen Circle gebracht werden sollten, vorbereitet und die Briefe und Pakete, die mit einem solchen Schiff gekommen waren, sortiert und weitergeleitet. Auf der linken Seite hingegen befand sich die Tür zu den Kurzstreckenkurieren. Achim war zum Beispiel ein solcher Kurzstreckenkurier. Sie trugen die Pakete und Briefe aus, die innerhalb des Circles versendet wurden oder die mit einem Postschiff kamen und es nicht eilig hatten. Persönlich war ich noch nie in einer der beiden Abteilungen gewesen. Das hatte zwei Gründe. Zu einem interessierte es mich nicht wirklich, wie es in diesen Abteilungen aussah. Doch selbst wenn, wäre ich nie dort hingegangen. Und das läge an dem zweiten und wichtigeren Grund. Ich war dort nicht willkommen. Aber nicht nur ich. Keiner aus meiner Abteilung war das. Die Kollegen der Kurzstrecken- und Langstreckenkurierabteilung hatten wie die meisten anderen Angst vor meinesgleichen.

Ich ignorierte die beiden Abteilungen und die wenigen leisen Geräusche, die hinter den Türen hervorkamen, und hielt zielstrebig auf das andere Ende des hallenähnlichen Raumes zu. Dort befanden sich die letzten drei Türen – zwischen denen große Abstände lagen – und ihre jeweilige Abteilung. Die Tür links außen führte zu den Luftkurieren. Dort wurden Expresszustellungen mithilfe von trainierten Raubvögeln zwischen den einzelnen Circles versandt. Benötigte man jedoch eine besonders schnelle Zustellung innerhalb eines Circles, ging das Paket oder der Brief an die Abteilung der Katzenkuriere. Die Raubkatzen, die in dieser Abteilung trainiert wurden, nutzten wie der Gepard vorhin, Wege unter den Glasbrücken und die Vertiefungen in der Mauer, um schnell zu den Bereichen zu kommen, in denen der Zielort ihrer Lieferung lag. Im Inneren des Circles gab es deswegen mehrere kleine Zweigstellen der Katzenkuriere, wo den Raubkatzen ihre Lieferung abgenommen und schließlich das letzte kleine Stück zu Fuß ausgeliefert wurde.

Doch auch diese beiden Abteilungen waren nicht mein Ziel. Ich gehörte der letzten Abteilung, die gleichermaßen am meisten bewundert und auch gefürchtet wurde, an. Die Sonderkuriere. Wir übernahmen all jene Sendungen, die unter allen Umständen ihren Zielort erreichen sollten und deswegen eines besonderen Schutzes bedurften. Denn leider war es besonders in den letzten Jahren keine Seltenheit mehr, dass ein Postschiff von Piraten überfallen und seiner Ladung beraubt wurde. Da die Piraten jedoch auch wussten, dass die wirklich wertvollen und wichtigen Pakete mithilfe eines Sonderkuriers versandt wurden, hatten sie es besonders auf uns abgesehen. Diese Piraten waren der Hauptgrund, warum der Beruf der Sonderkuriere so gefährlich war, dass diese eine besondere Ausbildung erhielten. Zu dieser gehörten eine Kampfausbildung mit und ohne Waffen, Schusstraining und das Aufziehen eines persönlichen Schutzwolfes. Auszubildende, die diesem Training nicht gewachsen waren, gaben entweder auf oder starben, wenn sie die Kontrolle über ihren Schutzwolf verloren. Es gab also grundsätzlich nicht viele von uns. Und in den letzten Jahren hatte unsere Zahl durch Todesfälle während einer Mission noch weiter abgenommen. Das alles hatte mich jedoch nicht abschrecken können. Schon seit ich klein gewesen war, hatte ich eine Sonderkurierin werden wollen. Und vor fast einem Jahr, kurz nach meinem 23. Geburtstag war mein Traum endlich in Erfüllung gegangen. Ich hatte meine Ausbildung abgeschlossen und war eine vollwertige Sonderkurierin geworden.

Als die Tür zur Abteilung der Sonderkuriere hinter Azram und mir ins Schloss fiel, umfing mich diesmal wirklich vollkommene Stille. Denn außer mir waren alle anderen vier Kuriere unserer Abteilung auf Zustellungsmission. Und unser Abteilungsleiter hatte sich wie immer in seinem Büro mit geschlossener Tür verkrochen. Der Angsthase hatte die Ausbildung zum Sonderkurier nie durchlaufen. Aber das war für seine Position auch gar nicht notwendig. Immerhin verwaltete er nur die hereinkommenden Aufträge, verteilte sie auf die Kuriere und hatte nach einer Mission ein Auge auf die Berichte, die wir abgaben. Reine Schreibtischarbeit also.

Ich erreichte die fünf, sich aneinanderreihenden Spinde. Einer von ihnen war meiner. Dort konnte ich meine Tasche und Jacke aufbewahren, während Azram und ich uns mit Training fit hielten, bis wir eine neue Zustellung zugewiesen bekamen. Ich hielt mein biometrisches Armband, das Biobrac, an die Schaltfläche meiner Spindtür und nach nur wenigen Sekunden leuchtete diese auch schon grün auf. Ein leises Klicken verriet mir, dass sich die Tür entriegelt hatte. Ungeduldig und mit einem wahrscheinlich übertrieben starken Ruck, riss ich die Spindtür auf und blickte auf das elektronische Anzeigefenster am anderen Ende. Kaum hatte ich die Tür geöffnet, erwachte es zum Leben und begann zu leuchten. Eine Nachricht erschien auf dem Display. Sie enthielt jedoch nur wenige Worte.

Morgen 10 Uhr IT-Entwicklungszentrum Klient: Lennox Aljan

Damit hatte ich alle für mich wichtigen Informationen. Die Einzelheiten und auch das Paket würde ich wie immer vom Klienten persönlich bekommen. Morgen würde ich endlich wieder auf Mission gehen. Zwar waren diese ganz sicher nicht ungefährlich und ich hatte auch schon schlechte Erfahrungen gemacht ... aber ich konnte es auch nicht leiden, zu lange an einem Ort zu sein. Ich liebte es, zu reisen und andere Circles zu sehen. Doch es war auch schön, ein Zuhause zu haben, zu dem ich zurückkehren und mich dann von der Reise erholen konnte. Und genau aus diesem Grund liebte ich meinen Beruf. Durch ihn konnte ich so viel reisen, wie ich wollte, ohne dafür zahlen zu müssen. Im Gegenteil, ich wurde sogar dafür bezahlt. Und ich hatte ein Zuhause, zu dem ich immer zurückkehren konnte. Da nahm ich es hin, dass ich immer mal wieder von Piraten verfolgt und angegriffen wurde.

Ich bestätigte, dass ich die Nachricht gelesen hatte, woraufhin diese augenblicklich gelöscht wurde. Anschließend packte ich meine Tasche und Jacke in den Spind und schloss die Tür wieder. Den heutigen Tag würde ich für Vorbereitungen und einfache Trainings verwenden.

„Azram, age!“, befahl ich.

Sofort kam der Wolf, der sich wie eine Wache und steif wie eine Statue hinter mich gesetzt hatte, auf die Beine und folgte mir auf den Fuß. Bevor ich mit meinem eigenen Training und den nötigen Vorbereitungen beginnen konnte, musste ich Azram noch in den Wolfspark bringen. Dieser sogenannte Wolfspark war einer der drei Bereiche in der äußeren Grünzone, die dem Amt gehörten. Dort gab es genug Platz, dass sich die Wölfe der Sonderkuriere frei bewegen konnten. Und immer während die Kuriere ihre Trainings, die nichts mit den Schutzwölfen zu tun hatten, absolvierten, hielten sich diese dort auf. Die anderen beiden Bereiche gehörten zu den Luft- und Katzenkurieren. Dort lebten die Tiere dieser Abteilung, wenn sie gerade nicht unterwegs waren.

Erreichen konnte ich den Wolfspark über eine Tür im hinteren Bereich der Abteilung für Sonderkuriere. Hinter ihr lag ein langer, gemauerter Gang, der an einem breiten Tor endete. Dieses war einer der wenigen Zugänge zur äußeren Grünzone. Wie auch an meinem Spind, befand sich an dem Tor ein Lesegerät für biometrische Armbänder. Nur wer dort registriert war, konnte das Tor öffnen. Momentan waren nur fünf Personen berechtigt, diesen Bereich zu betreten. Und ich war eine von ihnen. Für jeden, der kein Sonderkurier war, war dieser Bereich zu gefährlich. Die Wölfe liefen dort immerhin frei herum. Ganz ohne Führung. Deswegen war es auch für unseren Abteilungsleiter dort nicht zugelassen. Schließlich hatte er nie den Umgang mit einem Wolf gelernt.

Nach ein paar Sekunden leuchtete das Lesegerät grün auf und ein Surren setzte ein. Langsam schob sich das Tor zur Seite auf und gab nach und nach den Blick auf den Wolfspark frei. Es war, als würde ich in eine andere Welt abtauchen. Wo ich auch hinsah, konnte ich nur Bäume, Sträucher und Farne ausmachen. Als Kind hatte ich mir die Wälder, von denen in Büchern die Rede war, immer genau so vorgestellt. Das Einzige, was dieses Bild störte, war das Gitter, welches hoch über den Bäumen, am oberen Rand der Mauern befestigt war. Es war dort schon kurz nach Gründung der Circles, welche mehrere Jahrhunderte her ist, angebracht worden, damit sich die normalen Menschen sicher fühlten.

Sobald sich das Tor zum Wolfspark öffnete, musste ich meine ganze Aufmerksamkeit auf die Bäume, Farne und Sträucher richten. Es war immerzu möglich, dass einer der anderen Wölfe ankam. Dann war es meine Aufgabe, ihn daran zu hindern den Wolfspark zu verlassen, ohne dabei gebissen zu werden. Aber wenn ich ehrlich mit mir selbst war, kam das sehr selten vor. Der Hauptgrund dafür war, dass wir Sonderkuriere häufig auf Reisen waren. Diesmal war Azram ja auch der einzige Wolf, der noch auf dem Circle war. Demnach hatte ich, wenn die anderen unterwegs waren, nichts vom Wolfspark zu befürchten.

„Azram, procurro!“, befahl ich dem schwarzen Wolf, als das Tor vollständig geöffnet war.

Doch Azram bewegte sich nicht. Er stand einfach nur da und starrte mich an. Um genauer zu sein, starrte er mir in die Augen. Und ich in seine. Aber es war kein herausforderndes Starren, wie wenn er sich einem Befehl verweigern würde. Nein sein Blick wirkte irgendwie ... traurig. Ich kannte das schon von ihm. Jedes Mal, wenn ich Azram zum Wolfspark brachte, kam es zu dieser Situation. Es fühlte sich so an, als würde der Wolf meine Seite nicht verlassen wollen. Doch das konnte ich mir auch nur einbilden. Oder es war mein Wunschdenken, dass er mich so sehr mochte. Jedes Mal, kurz bevor ich den Befehl wiederholen musste, setzte sich Azram in Bewegung und trabte in den Wolfspark. So auch diesmal. Ich sah ihm nach, bis er zwischen den Bäumen und Farnen verschwand. Erst dann hielt ich mein Biobrac wieder gegen das Scanfeld. Das Surren setzte erneut ein und die Tür schloss sich nach und nach wieder. Als sie den Rahmen berührte, verriet mir ein Klicken, dass sie sich verriegelt hatte. Nun, da ich sicher sein konnte, dass Azram nicht einfach so heraus- und kein Unberechtigter hineinkommen konnte, wandte ich mich zum Gehen ab. Während Azram im Wolfspark frei herumlaufen konnte, hatte ich Zeit, mich meinem Training zu widmen.

Der Knall hallte noch in meinen Ohren nach, als ich auch schon ein weiteres Mal abdrückte. Und kurz darauf noch einmal. Bei jedem Schuss krampfte sich mein Inneres zusammen. Doch ich ließ nicht zu, dass es sich auf meine Haltung auswirkte. Mit all meiner Konzentration blickte ich nach vorne auf mein Ziel und drückte ein letztes Mal ab. Endlich hatte ich die vorgegebene Anzahl an Schüssen im Training erreicht. Während ich mich innerlich entspannte, steckte ich meine Pistole wieder in ihr Halfter zurück. Anschließend sah ich mir mein Ergebnis an. Von den acht Schüssen, die ich hatte abgeben müssen, waren vier im Zentrum, zwei knapp daneben und zwei im äußeren Bereich gelandet. An sich kein schlechtes Trefferbild, aber das konnte ich besser. Und wenn ich auf meinen Kuriergängen überleben wollte, musste ich auch besser sein. Selbst wenn ich Pistolen und andere Schusswaffen verabscheute.

Mit einem Seufzen entfernte ich die verbrauchte Zielscheibe und pinnte eine Neue an. Auch wenn in nächster Zeit niemand hier das Schießen üben würde, da ab morgen alle Sonderkuriere, mich eingeschlossen, unterwegs waren. Aber es gehörte zu den Nutzungsregeln des Schießstandes. Und sollte unser Abteilungsleiter wieder einmal eine seiner spontanen Inspektionen durchführen und noch eine alte Zielscheibe hängen, wäre klar, dass ich sie nicht getauscht hatte. Und auf einen Anschiss vom Abteilungsleiter konnte ich gut verzichten. Der würde Stunden dauern, da er nie zum Punkt kam und sich immer wieder wiederholte. Also überprüfte ich sorgfältig, ob die Zielscheibe auch ordentlich hing, bevor ich den Schießstand verließ. Als Nächstes wäre eigentlich das körperliche Training an der Reihe, doch davor musste ich noch etwas erledigen. Und das musste ich tun, während Azram nicht bei mir war. Andernfalls würde es noch schlimmer werden, als ohnehin schon.

Bevor ich es mir doch anders überlegen konnte, machte ich mich mit schnellen und bestimmten Schritten auf den Weg. Mein Ziel lag nicht in der Abteilung der Sonderkuriere, sondern direkt neben an. In der Abteilung der Katzenkuriere. Dort war deutlich mehr los, als in meiner eigenen Abteilung, was aber nicht besonders schwer war, da es bei den Katzenkurieren auch deutlich mehr Angestellte gab. In mehreren Büros hingen Personen an Sprechanlagen und sprachen ganz aufgeregt, wahrscheinlich mit einer der kleinen Zweigstellen. Andere eilten den Flur entlang, drängten sich an mir vorbei, in den hinteren Teil der Abteilung. Auch dort gab es einen Zugang in die äußere Grünzone, in der die Raubkatzen gehalten wurden. Leises Fauchen war von dort zu hören. Mir war es hier viel zu hektisch. Als ich auch noch von einem breiten Typen angerempelt wurde und dieser nicht einmal kurz stehen blieb, um sich zu entschuldigen, kostete es mich all meine Selbstbeherrschung, dem Typen nichts Beleidigendes nach zu brüllen. Stattdessen beschleunigte ich meine Schritte noch einmal und eilte zu meinem eigentlichen Ziel. Dem Büro des Abteilungsleiters der Katzenkuriere.

Die Tür zu seinem Büro war als Einzige geschlossen. Auch waren dahinter keine Geräusche auszumachen. Und so hoffte zum einen und fürchtete zum anderen, dass er nicht da war, als ich anklopfte. Eine Zeit lang stand ich einfach nur vor der Tür und wartete auf eine Reaktion. Erst als ich kurz davor war wieder zu gehen, ertönte ein gebrummtes „Herein“. Ich holte also noch einmal tief Luft und trat dann ein. Kaum hatte ich die Tür geöffnet, empfing mich abgestandene Luft und der Geruch nach Zigaretten. Der Raum hatte nur ein kleines Fenster, durch das kaum Licht fiel. Direkt davor stand der Schreibtisch, an dem der Abteilungsleiter saß. Sein Blick war starr auf die Unterlagen vor ihm gerichtet. Ohne ein Wort zu sagen, wartete ich darauf, dass er seine Aufmerksamkeit mir zuwandte. Mit jeder Sekunde, die verstrich, wurde ich unruhiger und ein unangenehmes Gefühl breitete sich in mir aus. Immer wieder ballte ich meine Hände zu Fäusten und fast im gleichen Augenblick streckte ich die Finger wieder aus. Eine Angewohnheit von mir, die mich immer überkam, sobald ich nervös wurde oder eine Situation als unangenehm empfand. In den meisten Fällen blieb es bei diesen Fingerbewegungen, doch wenn es ganz schlimm wurde, konnte ich nicht mehr still halten und begann damit, in kleinen Kreisen hin und her zu laufen. Ich war schon immer der Typ gewesen, der lieber in Bewegung war, als irgendwo still herumzusitzen.

Auch in diesem Moment wäre ich lieber herumgelaufen, als still zu stehen und darauf zu warten, dass ich angesprochen wurde. Doch ich riss mich zusammen. So gut es ging.

„Was gibt´s?“, brummte in diesem Moment der Abteilungsleiter, ohne dabei von seinen Unterlagen aufzuschauen.

„Ich bin hier, um dir etwas mitzuteilen, Vater.“, antwortete ich und versuchte, dabei neutral zu klingen.