Cristos' Himmelfahrt - Matthias Hahn - E-Book

Cristos' Himmelfahrt E-Book

Matthias Hahn

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Beschreibung

Würzburg 2088. Fünfzig Jahre nach der großen Klimakatastrophe. In der fränkischen Wüste werden die Überreste von acht Leichen gefunden. Die Spuren führen Kriminalkommissarin Emma Lind um die halbe Welt bis in den "Himmel", so der Name des gigantischen Seniorenruhesitzes zweihundert Meilen über der Erde ...

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Seitenzahl: 278

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Matthias Hahn

Cristos' Himmelfahrt

Roman

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

PRAELUDIUM

INTERLUDIUM I

INTERLUDIUM II

INTERLUDIUM III

INTERLUDIUM IV

INTERLUDIUM V

POSTLUDIUM

Impressum neobooks

PRAELUDIUM

Der Engel breitete die Flügel aus. Er ließ sich treiben im warmen Wind, der verspielt an seinen Federn zupfte, leicht wie ein Schmetterling glitt er über die wirbelnde Wolke. Die Hosianna-Gesänge der Seraphim drangen an sein Ohr, fuhren durch seinen ätherischen Körper und lösten unbekannte Hochgefühle in ihm aus, jenseits aller Vorstellungskraft. Er legte die Flügel an, wurde schneller, zog eine elegante Kurve um die wogenden Türme seiner Wolke, überschlug sich in unbeschreiblicher Glückseligkeit und trudelte in jauchzende Höhen. Ja, das war Freiheit, unendliche, bedingungslose Freiheit, nach der er sich kaum zu sehnen gewagt hatte, als sein Körper aus Fleisch ihn noch an die Niederungen des irdischen Lebens gebunden hatte. Doch nun war er hier, für ewig, für alle Zeit, und jeder seiner Sinne sang von beständiger Freude.

Nun schwebte er am Rand seiner Wolke entlang, folgte ihren verzwickten Windungen, warf einen Blick hinunter auf die ferne Erde. Drunten im blauen Dunst erstreckten sich Wüsten und Wälder, Meere brandeten an die Ufer des Festlandes, sanfte Strömungen kräuselten die Oberflächen stiller grüner Seen. Er sah die Schwärme der Fische in ihren Tiefen, erblickte die zahllosen Tiere, die großen wie die kleinen, Ameisen, die über den Waldboden wuselten, stachlige Igel, die sich zu Kugeln rollten, Hirsche, Rehe, Enten, Füchse … die ganze herrliche Schöpfung des Herrn breitete sich vor seinen Augen aus, und er jubelte vor Glück.

Äcker trieben in seinen Blick, riesige Monokulturen aus Weizen, Mais und Kartoffeln. In ihrer einfachen Geradheit wirkten sie beinahe wie Fehler in Gottes ansonsten so organisch-vollendetem Bauwerk. Dann wieder ein Wald, doch dieses Mal keine wilde, vielgestaltige Natur aus Buchen, Eichen, Pappeln und zahllosen weiteren Arten von Bäumen und Büschen, nein, geordnet in Reih und Glied reckten gleichförmige Fichten ihre Wipfel zum Himmel empor, wie eine baumgewordene Anklage gegen die natürliche Ordnung.

Und dann erblickte er das Geschwür.

Unbeirrt schwebte die Wolke auf die offene Wunde zu, auf graue Häuser, Industrieanlagen, Straßen, Flughäfen, Fabriken, ewig hastende Männer und Frauen in ihren mobilen Käfigen aus Blech, und alles überspannte eine hässliche graubraune Glocke aus gottlosem Dunst, ein einziger in Materie gewandelter Aufschrei gegen den Willen des Herrn.

Der Engel spürte die Feindseligkeit des Ortes. Erfüllt mit innerem Abscheu stieg er höher, näher an die schützende Wolke. Und doch spürte er eine seltsame Anziehungskraft, die von dem widerwärtigen Gebilde auf der Erde ausging, ein Ziehen und Zerren an den Federn, ein Reißen an seinem Körper, das sich stetig verstärkte, je länger er die Metropole beobachtete. Dort unten musste der Teufel wohnen, der Antichrist, der große letzte Feind des Herrn. Irgendetwas in des Engels Geist akzeptierte diese Wahrheit mit einem merkwürdigen Anflug von perverser Freude, war begierig, herauszufinden, welche Verderbnisse, welche unaussprechlichen Qualen die Hölle unter ihm für seine geläuterte Seele bereithalten mochte.

Rasch, bevor der Sog des Bösen zu stark für seinen Willen wurde, schwang er sich mit kräftigem Flügelschlag auf die sichere, watteweiche Fläche der Wolke zurück, schloss die Stadt mit all ihren gefahrvollen Versuchungen aus seiner Wahrnehmung aus und lauschte, um seine Seele zu heilen, den heiligen Seraphim, den Weisen unter den Engeln, wie sie das ewige Lob des Allmächtigen verkündeten.

Großer Gott, wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke.

Vor dir neigt die Erde sich und bewundert deine Werke,

Wie du warst vor aller Zeit, so dein Ruhm in Ewigkeit.

Unter dem Einfluss des Gesanges beruhigte sich der Engel und vertrieb das Böse, das nach ihm gegriffen hatte, aus seinem Herzen. Von neuem erfüllte ihn himmlische Verzückung und Glückseligkeit.

*

Es war die Hölle.

Die Wüste empfing sie mit einer Ladung Sand, als sie aus dem Leihwagen ausstieg, der heiße Wind blies ihr die Körner unbarmherzig ins Gesicht. Schnell rückte sie die schützende Sonnenbrille zurecht und band sich ein Tuch um Mund und Nase, dann ließ sie ihre Augen umherschweifen. Man konnte sich nur schwer einen abgeschiedeneren Ort vorstellen als diese Wüste. Sand, Steine, Sonne, vor Hitze flimmernde Luft, und so weit die Augen blickten, die majestätischen, ewig wandernden Dünen, die alles Lebendige unter sich begruben und ebenso alles, was jemals lebendig gewesen war. Dazu das ewige Heulen des Windes, das geradezu eifersüchtig kein anderes Geräusch an die Ohren dringen lassen wollte … der perfekte Ort für die ewige Ruhe. Und doch, manchmal grub der Wind auch Dinge wieder aus, die besser noch einige Zeitalter verborgen geblieben wären.

Kriminalkommissarin Emma Lind nahm den Tatort in Augenschein. Acht bis zur Unkenntlichkeit verformte Skelette hatten die Helfer bisher aus dem feinen Sand gebuddelt, und keiner konnte wissen, wie viele Leichenreste noch unter den Dünen auf ihre Entdeckung warteten.

„Das waren Profis“, murmelte ein hagerer Mann im mittleren Alter, anscheinend der Leiter des Bergungsteams. Eine auf seiner Jacke aufgeklebte Plakette wies ihn als Hauptwachtmeister des regionalen Polizeidienstes aus. Er zeigte auf zwei Gestalten im weißen Schutzanzug, die zwischen den Leichenresten herumturnten und Proben nahmen.

„Ich glaube nicht, dass unsere Spurenfuzzis was finden“, erklärte der Hauptwachtmeister. „Alles schön säuberlich mit Flugbenzin übergossen und verbrannt. Keine Fingerabdrücke, keine Augenscans, noch nicht mal intakte DNA. Das waren echte Profis.“

Er wandte sich der Kommissarin zu.

„Ach ja, ich heiße Rabe. Wie der arktische Vogel.“

„Emma Lind.“

„Freut mich. – Etwa die Emma Lind, die den Rekombinanten geschnappt hat?“

„Ist schon ewig her“, wiegelte Emma ab und deutete auf die Skelette. „Waren ja gut versteckt, diese Leichen.“

„Ein Riesenzufall, dass wir sie überhaupt entdeckt haben. Liegen wahrscheinlich schon Jahre unter der Düne, zumindest einige von ihnen. Wenn der Sandsturm vorgestern nicht gewesen wäre, würden sie vermutlich jetzt noch hier ruhen. Wär vielleicht auch besser so.“

Emma beschloss, kein Mitgefühl für den Hauptwachtmeister zu empfinden. Verstehen konnte sie ihn zwar, ein Fall dieses Ausmaßes mitten in der fränkischen Wüste, da war für Polizisten nicht viel zu holen außer Schwierigkeiten. Leichen, die sich nicht identifizieren ließen, machten viel Arbeit und versprachen lediglich eine geringe Prämie, und auf Prämien war ein Polizist nun mal angewiesen, das Grundgehalt reichte kaum, Wohnung und Essen zu bezahlen, für einen Hauptwachtmeister im regionalen Dienst hier im heißen Süden noch weniger als für eine Kommissarin bei einer relativ gut zahlenden Firma wie der ihren. Aber Idioten wie ihr Gesprächspartner waren in der Regel selbst schuld, wenn es sie in die Wüste verschlagen hatte. Wer konnte schon wissen, was dieser Rabe ausgefressen hatte?

„Hey, Bruno, hast du was?“, rief der Hauptwachtmeister einer der beiden Gestalten zu, die gerade einen Oberarmknochen aus dem Sand zog, an dem tatsächlich noch verdorrte Fleischreste zu hängen schienen. Hoffnungsvoll hob Emma den Kopf. Vielleicht war der Fall doch gewinnbringender, als sie befürchtet hatte. Ihr Chef hatte sie hierher in die Abgeschiedenheit geschickt, damit sie diese Drecksarbeit erledigte, während er selbst sich einer weitaus lohnenderen Verbrecherjagd widmete. Ihm würde sie es wirklich gönnen, wenn sie mit einer fetten Prämie nach Hause käme und er das Nachsehen hätte.

„Kannst du eine DNA-Probe machen, Bruno?“, erkundigte sich Rabe.

„Ich versuch’s“, erwiderte der Angesprochene und schob ein kleines Röhrchen in den Knochen.

„Doch nicht ganz so professionell, die Täter“, flüsterte Emma.

„Muss wohl beim Verbrennen Sand auf den Arm gekommen sein“, mutmaßte Rabe.

Dann schwiegen beide und warteten.

„Das Knochenmark scheint noch intakt zu sein“, verkündete Bruno endlich. „Yupp, habe die Probe.“

„Machen Sie sofort einen Abgleich mit allen vermissten Personen der letzten zehn Monate“, verlangte Emma Lind.

„Wer ist die Frau?“, erkundigte sich Bruno, der sich sichtlich auf den Schlips getreten fühlte.

„Mach schon“, intervenierte Rabe, „sie ist die Kommissarin, die sie uns schicken wollten. Gerade angekommen.“

„Endlich angekommen, meinst du“, maulte der Spurensicherer, steckte aber das Röhrchen, so wie es von ihm erwartet wurde, in ein längliches Gerät mit kleinem Bildschirm. „Was macht ihr von der Kripo eigentlich, außer Prämien abzukassieren, die eigentlich uns zustehen?“

„Beherrsch dich, Bruno! Sie hat schon mal einen Rekombinanten kassiert.“

„Toll. – Was ist ein Rekombinant?“

„Ein aus den besten verfügbaren Genen künstlich konstruierter Mensch. Schneller und schlauer als unsereins und angeblich unbesiegbar. – Hey, du bist doch der Genetiker hier.“

„Wollte nur mal testen, ob du das schnallst.“

„Sehr witzig, und jetzt mach mal ein bisschen schneller, Bruno, sonst gibt’s heute überhaupt keine Prämie mehr.“ Rabe wandte sich an die Kommissarin. „Ob hinter dieser Sache hier auch ein Rekombinant steckt?“

„Unwahrscheinlich“, erklärte Emma. „Gibt nämlich keine mehr. Meiner war der letzte.“

Und das war auch gut so, fügte sie in Gedanken hinzu. Unbesiegbar war der Kerl zwar nicht gewesen, aber bevor sie ihn erwischte, hatte er acht der fähigsten Polizisten Europas erledigt, und ohne ihr hartes Training hätte auch sie keine Chance gegen ihn gehabt. Fünf Jahre war es jetzt her, und noch immer sprach man sie auf diese Heldentat an, ziemlich nervig, aber immerhin hatte sie ihr die Beförderung zur Kommissarin eingebracht.

„Beinahe schade“, brummte der Hauptwachtmeister. „Hätte gern mal einen verhaftet.“ Bedächtig wischte er sich den Schweiß von der Stirn. „Zum Glück ist es heute nicht so verdammt heiß wie in den letzten Tagen.“

„Zweiunddreißig Grad“, entgegnete Emma Lind. „Eigentlich fast schon kühl für die Gegend hier, oder?“

„Immer noch heiß genug für Anfang November. – Hast du was gefunden, Bruno?“

„Sieht nicht so aus.“

„Dann nehmen Sie das Jahr 2087 mit dazu“, verlangte Emma. „Und wenn’s sein muss, auch noch 2086.“

„Wie Madame Rekombinantenkiller befehlen.“

„Und lassen Sie die Unverschämtheiten, sonst sorge ich dafür, dass Ihre Prämien für mindestens drei Monate gesperrt werden.“

Der Spurensicherer warf Emma einen Blick zu, der meh­rere Personen auf einmal hätte töten können, beherrschte sich dann aber doch und verzichtete wohlweislich auf eine Antwort.

Rabe sah sich im Dünenmeer um. „Nichts als Sand und Hitze“, brummelte er. „Kein Tier, kein Vogel, noch nicht einmal ein scheiß Insekt, höchstens ab und zu mal ein Skorpion. Kaum zu glauben, dass hier mal Menschen lebten.“

Emma Lind bemühte sich wegzuhören. Was kümmerte sie die Vergangenheit? Was zählte, war die Gegenwart. Wann sie endlich mit der Arbeit hier fertig war und hier rauskonnte, zurück ins heimische Hamburg mit seinen doch ein ganzes Stück angenehmeren Temperaturen. Und ob sie wenigstens eine anständige Prämie mit nach Hause nehmen konnte, die den ganzen Stress rechtfertigte.

„Noch vor fünfzig Jahren soll es hier Dörfer gegeben haben“, setzte der Hauptwachtmeister seinen Vortrag unerbittlich fort. „Bewohnte Dörfer. Sehen Sie dort!“

Seine Hand wies auf die halbzerfallene Spitze eines Kirchturms, die weit im Osten aus dem Sand ragte, wie ein Relikt aus vergangener Zeit.

„Muss ein Ort namens Uffenheim sein“, überlegte er, „den alten Karten nach zu urteilen. Wissen Sie, ich interessiere mich für fränkische Geschichte.“

„Schön für Sie“, brummte Emma und ging zu ihrem Auto, um sich nach einem Schutz für ihren langsam heiß werdenden Schädel umzusehen.

Rabe folgte ihr wie eine Klette. „Ist ein Hobby von mir. Meine Urgroßeltern stammen aus der Gegend. War alles mal Ackerland hier, bevor die Hitze kam. Kaum zu glauben, aber vor hundert Jahren hat es hier noch richtige Winter gegeben, wie in Grönland, mit richtigem Schnee.“

„Können Sie nicht bald was finden, Bruno?“, rief die Kommissarin dem Spurensicherer zu.

„Schon geschehen“, rief dieser zurück.

Rabe und Emma eilten zu ihm. Stolz wies der Mann auf seinen mobilen Holoschirm.

„Hier. Ruthlene Handsome heißt sie. Mit 99,6-prozentiger Sicherheit.“

„Handsome?“, echote Emma erstaunt.

„Vermisstenanzeige am 28.12.2087. Nur intern behandelt. Arbeitgeber hat auf höchste Diskretion bestanden, selbst gegenüber den Angestellten. Offiziell steht sie nach wie vor in Amt und Würden. War Leiterin des Arbeitsbereiches Südeuropa bei … Mist, der Bildaufbau hat eine Macke …“

„Bei Eugene Worthy“, ergänzte Emma atemlos.

„Eugene wer? Habe ich da richtig gehört?“

„Sie haben. Eugene Worthy. Heaven Corp. Der Schöpfer. Gratuliere, Bruno, Sie haben gerade den Jackpot geknackt.“

„Das heißt, es gibt eine Prämie?“

„Eine Riesenprämie, du Riesentrottel“, schaltete sich Rabe ein. „Für uns alle! Eugene Worthy, der Schöpfer des Himmels, der reichste und mächtigste Mann auf Erden. Also, ich weiß schon genau, was ich mit meiner Prämie alles anstellen werde.“

„Moment!“, unterbrach Emma den Hauptwachtmeister. „Kochen Sie nicht die Klapperschlange, solange sie noch beißen kann! Der Fall ist noch lange nicht gelöst. Wo wurde die Handsome zuletzt gesehen?“

Bruno sah auf seinen Bildschirm. „In Würzburg, steht da zumindest.“

„Das passt ja!“ Rabe stieß aufgeregt den Atem durch die Zähne. „Wissen Sie, wo Würzburg ist?“, fragte er die Kommissarin.

„Ich weiß, wo Würzburg ist“, blaffte Emma. Vor allem wusste sie, was Würzburg war. Eine künstliche grüne Insel inmitten der fränkischen Wüste, ein Ort des Luxus in einer verarmten Region, ein Sammelpunkt für durchgeknallte reiche Touristen, die sich lieber in der Hitze braten ließen, anstatt an einem kühlen Ort Erholung zu suchen. Nichts, aber auch gar nichts zog sie an einen solchen Platz.

„Mein Boss ist schon mindestens zweimal dort gewesen“, erklärte sie mit zu unnatürlicher Freundlichkeit geronnener Miene. Wie oft hatte dieser Volltrottel, der sich ihr Vorgesetzter nennen durfte, mit seinen ach so unglaublichen Erlebnissen in dieser Plastikstadt geprahlt. „Hat ihm angeblich sehr gefallen“, presste sie zwischen den Lippen hervor.

„Und jetzt dürfen Sie selbst dorthin“, gratulierte Bruno strahlend. „Ist das Leben nicht wunderbar?“

INTERLUDIUM I

Herr! Des Himmels heilig Chor, Cherubim und Seraphinen

Singen dir Loblieder vor, alle Engel, die dir dienen,

Rufen dir stets ohne Ruh: Heilig, heilig, heilig zu.

Der Lobgesang der Engel trug ihn empor, über die durchscheinenden Wipfel seiner Wolke hinaus in neue, ihm noch unbekannte Dunstkreise des Äthers. Kaleidoskopeske Luftspiegelungen umflirrten ihn, überirdische Wesen materialisierten sich und verschwanden wieder in der Ewigkeit des Universums. Stufe um Stufe schwebte er höher, durch alle Kreise der niederen und mittleren Engel, der Throne, Mächte und Gewalten, bis die Erde mit all ihren guten und schlechten Werken nur noch als blau-weiße Scheibe unter ihm im Schwarz des Weltalls dahintrieb, während über ihm die Lichter der Sterne sich entzündeten, weiß und rot und blau, je nach der Größe und der Leuchtkraft, die der Herr ihnen zugedacht hatte. Er sah die Wandelsterne über den Himmel ziehen, Merkur, flink, kaum dass er einen Blick auf ihn erhaschen konnte … Venus, der Planet der Liebe, eine schmale Sichel, hell, sanft und warm … Mars in seinem rötlichen Schimmer, er verkörperte Blut und Kampf … der mächtige Jupiter mit seinen Trabanten … Saturn inmitten seiner geheimnisvollen Ringe … Die Erhabenheit der Gestirne weckte Demut in dem Engel, ergeben faltete er die Hände, um Gott für all diese Wunder zu danken, immer und immer wieder.

Und dann sah er es. Weit, weit, in unendlicher Entfernung, jenseits aller Planeten, Galaxien und Sterne, da schwebte es, sein letztes und endgültiges Ziel, das Höchste allen Strebens. Dort, hinter einem gewaltigen Tor aus schwarzem Diamant, umgeben von einer gewaltigen kosmischen Wolke, oszillierend in vielen hunderttausend Farben, dort thronte der Herr des Himmels und der Erde, der Erschaffer des Lebens und Schöpfer aller Engel, der hohen wie der niederen. Gott!

*

Hey, Eugene, wir lieben dich, oh, wir preisen deine Stärke.

Vor dir neigt die Erde sich und bewundert deine Werke.

Wie du bist in unsrer Zeit, so dein Ruhm in Ewigkeit.

Die Stimmen der Schüler hallten durch die nüchtern eingerichtete Aula, nicht alle trafen exakt den Ton. Ob Eugene Worthy, der Schöpfer, dem die sängerischen Bemühungen galten, diese Darbietung für würdig befunden hätte? Eher nicht, vermutete Cristos und sah kurz zu der über den Häuptern der Anwesenden schwebenden Holographie auf. Mit väterlicher Strenge blickte Worthys markantes Gesicht auf seine Schutzbefohlenen hinunter und verzog wie stets keine Miene. Zum Glück hing die Karriere der Schüler nicht von ihren musikalischen Fertigkeiten ab.

Hast den Himmel uns geschaffen, von der Not uns all befreit,

Gabst uns allen Arbeitsplätze, wir danken dir in Ewigkeit

Lasst uns mehren deinen Ruhm; alles ist dein Eigentum.

Acht lange Jahre hatte Cristos Mandrakos hier auf dieser Schule im warmen Oslo verbracht, der „norway academy of synthetic brain sciences“, wie sich die Anstalt hochtrabend nannte. Seine Mutter war stolz darauf, dass sie ihrem Jungen einen Platz an dieser Eliteschule hatte sichern können. Fast ein Viertel ihres Eugene sei Dank nicht gerade kleinen Gehalts hatte sie für die Zukunft ihres Sohnes geopfert. Nur wenige Alleinerziehende hätten sich das leisten können. Und nun, in diesem Augenblick, konnten einige wenige Worte all ihre Mühen zunichte machen. Das Drama würde seinen Lauf nehmen, unabwendbar, die schwere Stunde, durch die alle Schüler irgendwann einmal hindurchgehen mussten, warf ihre finsteren Schatten voraus. Cristos spürte, wie die Anspannung in ihm wuchs, fast als wartete er auf seine Hinrichtung. Er warf einen Blick in die hinteren Reihen des Publikums, zu seiner Mutter, die das Geschehen mit bangen Augen verfolgte.

Durch dich steht die Himmelstür allen, die dich preisen, offen.

Gabst uns eine Zukunft, Herr, die wir nicht gewagt zu hoffen;

Machst unser Leben lebenswert, unser Lied dich ewig ehrt.

Direktor Klein trat an das Rednerpult. Mit strenger Miene sah er sich um, bis auch das letzte aufgeregte Tuscheln verklungen war. Tief atmete er durch, ordnete seine Notizzettel, räusperte sich und begann mit seinem Vortrag.

„Liebe Schüler …“ – sein Blick schweifte genüsslich über die Menschenmenge – „… liebe Eltern und Kollegen, es ist mir eine besondere Freude, in diesem Jahr 2088 die Abschlussrede vor unseren Absolventen halten zu dürfen.“

Ein netter Beginn, dachte Cristos, aber das hatte nicht viel zu bedeuten.

„Was wir sind“, fuhr der Schulleiter fort, „verdanken wir einem einzigen Mann: Eugene Worthy, in dessen Schuld wir alle für immer stehen.“

Ja, natürlich, zuerst musste Worthys Name fallen. Immer musste zuerst Worthys Name fallen.

„Dieser große Mann hat nicht nur die ,Heaven Corporation‘ gegründet, den Himmel gebaut, hunderttausende stabiler Arbeitsplätze auf der ganzen Welt geschaffen und allein mit seinen Firmengründungen das Wirtschaftswachstum in den letzten Jahren um durchschnittlich 5,5 Prozent erhöht, nein, was oft vergessen wird: Eugene Worthy ist ebenso verantwortlich für die qualifizierte Ausbildung von fünfzehntausend jungen Menschen in insgesamt 82 Fachschulen auf der ganzen Welt, nicht zuletzt in unserer Anstalt hier, der, so darf ich mit Fug und Recht behaupten, angesehensten Eliteschule in diesem Land, vielleicht sogar der angesehensten Schule im gesamten Süden des bewohnten Teils Europas. Stets hat Worthy großen Wert darauf gelegt, den wissenschaftlichen Nachwuchs umgehend und nachhaltig zu fördern.“

Laber, laber, laber … wann kam der Herr Direktor denn nun endlich zur Sache?

„Unserer Einrichtung hat es daher nie an Mitteln gefehlt, wofür wir neben dem großen Worthy auch Pataya Kahn und Cha Il Kim, den ausführenden Vorständen der Heaven Corp. in aller Bescheidenheit danken wollen sowie nicht zuletzt Ruthlene Handsome, der Bereichsleiterin für das südliche Europa. Schließlich liegt die Förderung unserer Einrichtung gerade Ruthlene Handsome wie keiner anderen am Herzen, hat sie doch auf den Tag genau vor fünfzehn Jahren ihr Reife­zeugnis eben hier an dieser unserer Schule erworben.“

„Die Arme“, flüsterte die neben ihm stehende Carlita in Cristos’ Ohr.

„Psst!“

Es war unpassend, über Halbgöttinnen wie Pataya Kahn oder Ruthlene Handsome Witze zu reißen, über diese überirdischen Gestalten, so fern von der Welt der Normalsterblichen, die sie verehrten, dass sie genauso gut hätten tot sein können. Christos warf einen gespielt strengen Blick auf das dunkelhaarige Mädchen neben ihm, schmunzelte dann aber doch. Innerlich verbrannte er beinahe vor Liebe, wenn er sie betrachtete. Sogar in der hässlichen Schuluniform schaffte sie es noch, einfach nur hinreißend auszusehen.

„Wir alle dürfen stolz darauf sein“, lenkte die Stimme des Schulleiters Cristos’ Gedanken wieder auf die unerbittliche Realität des Augenblicks, „dass wir dazu auserwählt wurden, an dieser unserer Schule lernen oder sogar lehren zu dürfen, und ich will Ihnen nun von einer außergewöhnlichen Tatsache berichten. Vielleicht haben Sie es ja schon geahnt, aber nun ist es zur Gewissheit geworden: Wir Lehrenden dürfen diesmal besonders stolz auf uns sein. Denn unser diesjähriger Absolventenjahrgang hat – vielleicht auch ein wenig dank unserer Hilfe – die beste Durchschnittspunktzahl in einer Abschlussprüfung erreicht, und zwar seit der Gründung dieser unserer Schule.“

Allgemeiner Beifall der Lehrer und Eltern war zu hören, dazwischen einzelne Jubelrufe der Schüler. Auch Cristos spürte ein wenig Erleichterung, auch wenn ein ungutes Gefühl im Magen sich noch nicht ganz verflüchtigen wollte. Nie hatte er wirklich daran gezweifelt, die Prüfung zu bestehen, er hatte sich bei den unzähligen Tests zumindest in seinen Wahlfächern immer im oberen Viertel seines Jahrgangs wiedergefunden, doch hier ging es nicht ums Bestehen. Die Note war entscheidend. Nur die Besten konnten auf einen wirklich lukrativen Job hoffen.

Als hätte der Direktor Cristos’ letzten Gedanken gelesen, nahm er sich des Themas an.

„Achtundzwanzig Absolventen werden nun ihr Berufsleben antreten, und das mit den besten Voraussetzungen, sei es als Wirtschaftswissenschaftler, als Juristen, als Verwaltungsfachkräfte oder als Brain-Ingenieure. Zwölf werden von Heaven Corp übernommen, aber auch für die anderen sehe ich keinerlei Probleme, eine überdurchschnittlich dotierte Stelle bei einem angesehenen Arbeitgeber zu finden.“

Wieder großer Beifall. Zwölf Übernahmen. Das hörte sich doch nun wirklich ganz gut an, überlegte Cristos. Ob er sich auch unter diesen Glücklichen befand? Vielleicht sogar mit einer Stelle in der Firmenzentrale in Elevator City?

„Ich komme nun zur Verteilung der Zeugnisse. Jannick Küppers, bitte treten Sie vor.“

Der Angesprochene folgte der Aufforderung ohne Verzögerung.

„Herr Küppers, Sie haben respektable 862 Punkte erreicht. Ich gratuliere.“

Mit diesen Worten überreichte der Direktor einen dokumentenechten Stick, der all die gesammelten Schulnoten, Aufsätze und Arbeiten des Schülers enthielt, und von jedem potentiellen Arbeitgeber in eine handelsübliche Datenstation eingelesen werden konnte.

„862 Punkte? Das ist aber nicht gerade viel“, murmelte Carlita.

„Wahrscheinlich werden die Zeugnisse nach der erreichten Punktzahl verteilt, von unten nach oben“, flüsterte Cristos.

„Dann war Jannick der Schlechteste?“

„Ich hoffe es. Für uns, meine ich.“

„Ihm geschieht es ganz recht.“

„Carlita Thompson“, ertönte die Stimme des Direktors.

Und die arme Carlita war demnach die Zweitschlechteste, dachte Cristos, während sie nach vorn ging. Das war nicht gut, aber auch nicht wirklich dramatisch, denn Carlita hatte im Gegensatz zu ihm bereits eine halbwegs sichere Stelle in Aussicht. Und umso bereitwilliger würde sie sich später von ihm trösten lassen. Aber wann kam er an die Reihe?

Ein Schüler nach dem anderen wurde aufgerufen und holte sich Zeugnisstick, Applaus und wachsendes Lob des Schulleiters ab. Cristos’ Theorie schien sich zu bewahrheiten, die Punktzahl der Absolventen stieg tatsächlich von Aufruf zu Aufruf, und entsprechend wuchs auch Cristos’ innere Erregung. Bald wartete nur noch ein knappes Dutzend – die Übernahme winkte –, dann acht, dann vier, drei, zwei, einer, und schließlich stand kein einziger Schüler mehr vor ihm. Cristos konnte es nicht fassen. Das konnte nur eins bedeuten: Er war von allen hier … Unglaublich!

Der Schulleiter klappte seine Mappe mit den Notizen zu und machte Anstalten, das Rednerpult zu verlassen, dann fiel sein Blick auf Cristos.

„Oh, da habe ich doch tatsächlich jemanden vergessen“, sagte er und klappte die Mappe wieder auf. „Wo ist er nur …“, murmelte er angestrengt suchend, „… wo … Haben Sie die Prüfung überhaupt bestanden? – Ah, da stehen Sie ja. Cristos Mandrakos, kommen Sie zu mir!“

Cristos folgte der Aufforderung mit leichtem Zögern. Sein Hochgefühl hatte einem flauen Kribbeln unter dem Zwerchfell Platz gemacht. Ganz leise konnte er seine Kommilitonen tuscheln hören. So mancher würde ihm einen Dämpfer durchaus gönnen. Für ihn und seine Mutter käme es einer Katastrophe gleich.

„Mein lieber Cristos Mandrakos“, begann der Direktor mit derart ernster Miene, dass sie Cristos zu einem hörbaren Schlucken veranlasste. „Leider fehlen Ihnen genau zwei Punk-te …“ – Cristos vernahm ein leises Lachen aus den Reihen der Schüler – „… zwei lächerliche Punkte …“ – die Miene des Schulleiters verwandelte sich in ein breites Grinsen – „… und Sie wären als der beste Absolvent seit Gründung dieser Anstalt in die Annalen eingegangen. So sind Sie leider nur der zweitbeste, aber trösten Sie sich: Die Einzige, die jemals besser war, war niemand anderes als Ruthlene Handsome, und aus dieser meiner Schülerin ist schließlich auch etwas geworden.“

Cristos hörte kaum den kräftigen Applaus vor lauter Glück.

„Und auch Ihnen prophezeie ich eine glückliche Karriere bei Heaven Corp, ganz wie bei der großen Ruthlene Handsome. Sie haben schon eine Stelle gefunden?“

„Nein, Herr Direktor, ich …“

„Das trifft sich gut, Herr Mandrakos, denn Heaven Corp macht Ihnen ein außerordentlich gut dotiertes Angebot als … äh … Programmierer des Big Brain, der zentralen Computer­einheit des Himmels.“

„Das … das …“

„Meine herzlichen Glückwünsche!“

Dieses Mal war der Applaus nicht an Lautstärke zu überbieten. Eine Stelle als Big-Brain-Programmierer, das war der im Grunde genommen unerreichbare Traum aller jungen Computerexperten. Normalerweise wurde dort nur alle zwanzig Jahre ein Platz frei. Das bedeutete ein gutes Leben, Reisen in die Tropen, eine anspruchsvolle, aber nicht überfordernde Tätigkeit zusammen mit den besten Programmierern der Welt. Ganz abgesehen von den Aufstiegsmöglichkeiten. Und das Beste: Da Wartung und Aktualisierung der Software Big Brains aus Sicherheitsgründen stets an Ort und Stelle erfolgen mussten, durfte Cristos immer wieder in den Himmel hinauffahren, ein Privileg, das nur ganz wenigen vor dem Erreichen des sechzigsten Lebensjahres gestattet war. Alles war ganz wunderbar – und dabei hatte er gerade eben noch Todesängste ausgestanden – völlig umsonst. Ob es Ruthlene Handsome damals genauso ergangen war?

„Wann kann ich anfangen?“, erkundigte sich Cristos, als die Jubelrufe verklungen waren.

„Moment, ich schaue nach“, sagte der Direktor, „ah, da steht es ja. Übermorgen. Sie werden mit einer Linienmaschine zur Zentrale der Heaven Corp nach Elevator City reisen, und von dort aus geht es direkt in den Himmel.“

*

„Na, ist das Leben nicht wunderbar?“, erkundigte sich Rolf Bauer, der etwa fünfundfünfzig Jahre alte Leiter des städtischen Polizeidienstes. Er wies auf die Palmen, die den künstlichen Fluss säumten, unweit der „Biergarten“ genannten Freiluftlokalität, in der er und Emma sich einen Platz ergattert hatten, um über den Acht-Skelette-Fall zu sprechen. Das Gewässer, ihr Gesprächspartner bezeichnete es als „Mee“ oder so ähnlich, erstreckte sich über die Länge von zwei Kilometern in dem Wadi, das Würzburg von Süd nach Nord durchzog. Der Fluss wurde von einer geschwungenen, auf Mittelalter getrimmten Plastikbrücke überspannt, darauf standen angeblich echte mehrere Meter hohe Heiligenfiguren, jede in einer anderen Farbe. Einen Kilometer nördlich dieses Bauwerks endete das Gewässer, dort leiteten mächtige unterirdische Pumpen und gewaltige Rohre das Wasser an seinen Ausgangspunkt zurück, sodass eine stetige leichte Strömung die Illusion eines echten Flusses verstärkte. Nur eine der zahllosen verschwenderischen Touristenattraktionen, die diese Wüstenstadt angeblich so attraktiv machten.

Emma fragte sich, wie viele Liter Wasser hier ungenutzt verdunsteten, während die Bewohner der umgebenden Slumsin den heißen Sommern regelmäßig an Mangelerscheinungen litten, die durch die Knappheit des teuren lebenspendenden Nass hervorgerufen wurden. Nun, das war nicht ihr Bier. Sie war hier, um einen Fall zu lösen und eine saftige Prämie zu kassieren.

„Zwei Silvaner bitte“, rief Rolf Bauer einer dunkelhäutigen Bedienung zu, die die Bestellung mit freundlichem Lächeln quittierte. Sie stammte sicher aus den Elendsvierteln rund um die Stadt, vermutete Emma angesichts der rauen, nicht ganz reinen Haut der Service-Kraft unter ihrem grellbunten Dienstkittel. Aber immerhin war sie keine Holographie, wie Emma es von den meisten Hamburger Kneipen her kannte. Für die zahlungskräftigen Touristen, die die Stadt mit ihren prall gefüllten Geldbeuteln beglückten, trieb man in dieser Stadt doch einiges an Aufwand. Na ja, dafür langten sie aber auch kräftig zu, die Getränkepreise waren nicht gerade geeignet, die Laune der Kommissarin zu heben. Genauso wenig wie die mangelnde Auskunftsfreude, die ihr Gegenüber an den Tag legte, zumindest dann, wenn es um den Fall ging.

„Immer wieder muss man unsere wunderschöne Stadt mit solch scheußlichen Verbrechen in Verbindung bringen“, hatte er sich beschwert. „Das müssen irgendwelche Zugereisten gewesen sein. Ausländer. Bestimmt eine dieser Extremistengruppen aus Indien oder Afrika. Hier tut keiner keinem was. Alles in bester Ordnung, das können Sie mir glauben. Ich arbeite schon seit achtzehn Jahren bei der Würzburger Polizei, ich weiß das.“

„Was ist mit den Slums?“, erkundigte sie sich.

„Was soll mit denen sein?“, blaffte Bauer zurück.

„Wohnen da nur Engel?“

„Unsere Stadt ist sicher. Wie Sie bestimmt schon bemerkt haben, verläuft ein doppelter Elektrozaun rund um die Stadt, entlang der sogenannten Bischofsmütze, der ehemaligen Stadtmauer, um die Bürger und Besucher vor dem Abschaum zu schützen, der rundherum in den Elendsvierteln haust. Der Zaun wird 24 Stunden am Tag bewacht, dafür sorge ich höchstpersönlich. Seit über zwei Jahren ist kein Urlauber mehr Opfer eines Gewaltverbrechens geworden.“

„Aber arbeiten nicht viele von den Slumbewohnern innerhalb des Zauns? Unsere Bedienung zum Beispiel?“

„Sicherlich. Sie können gutes Geld verdienen und sich und ihre Familien ernähren. Aber nach der Arbeit müssen sie wieder in ihre Viertel zurück, da achten wir sehr darauf. Sehen Sie …“, Bauer zeigte auf zwei Uniformierte mit Laserpistolen, „jeder Platz, an dem sich Auswärtige aufhalten, wird bewacht. Seit ich die Verantwortung übernommen habe, ist diese Stadt absolut sicher. Deswegen sind wir ja auch bei unseren Besuchern so beliebt.“

… so dass sie sich gern ausnehmen lassen, hätte Emma am liebsten ergänzt, als sie einen Blick auf die Speise-und-Getränke-Karte warf, aber sie beherrschte sich.

„Was wissen Sie über Ruthlene Handsome?“, wechselte sie das Thema.

„Ruthlene wer?“

„Ruthlene Handsome. Hohes Tier bei Eugene Worthy.Den Namen haben Sie doch hoffentlich schon mal gehört.“

„Sie meinen den Schöpfer?“

„Genau den.“

„Wieso wollen Sie das wissen?“

„Ruthlene Handsome war eines der Opfer, die man in den Dünen gefunden hat.“

„Und? Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass Ihr Fall nichts mit uns zu tun hat.“

„War sie hier? Hier in Würzburg? Sie führen doch sicher eine Liste über alle Besucher dieser … wunderschönen Stadt.“

„Sie können die Liste gern einsehen, wenn Sie mir eine richterliche Anordnung vorweisen.“

„Sehr freundlich von Ihnen. Sie könnten mir die Liste aber auch sofort übermitteln, ohne den ganzen Behördenkram. Es handelt sich immerhin um achtfachen Mord.“

„Der nichts mit uns zu tun hat. Und außerdem: Ich bezweifle, dass Sie etwas Brauchbares finden würden. Wir löschen die Daten ordnungsgemäß nach sechs Monaten.“

„Nach sechs Monaten?“, wiederholte Emma ungläubig.

„Wir haben hier in dieser Stadt eine Ausnahmegenehmigung durchgesetzt. Den Besuchern zuliebe. Schließlich soll Würzburg ja Spaß machen. Wir löschen alles. Außer natürlich, eine Person ist verdächtig oder stammt aus einem der Viertel rund um die Stadt.“

Emma sank seufzend in ihren Stuhl zurück. Die Bedienung kam herbei und stellte grinsend zwei Kelche mit einer leicht trüben gelblichen Flüssigkeit auf den Tisch. Bauer nahm das Glas in die Hand und führte es zur Nase. Die Kommissarin tat es ihm nach und schnupperte. Der Geruch erinnerte sie irgendwie an Urin.

„Und falls Ihre Ruthlene Handsome wirklich hier in Würzburg war“, ergänzte ihr Gegenüber, „was soll sie hier schon gemacht haben? Frankenwein getrunken, was sonst. Vielleicht hat sie ja sogar ein paar Flaschen für den Schöpfer eingekauft. Prost!“

Er nahm einen Schluck aus dem Glas. Emma nippte höflich an der Flüssigkeit und verzog das Gesicht. Das Zeug schmeckte genauso, wie es roch.

„Das soll der Schöpfer trinken? Diese Pisse?“

„Nein, nicht diese … Pisse.“

Emma betrachtete ihren Gesprächspartner. Er schien über die Herabwertung des hiesigen Nationalgetränks nicht böse zu sein, verzog vielmehr amüsiert die Mundwinkel. Plötzlich wusste sie, wie sie ihn knacken konnte. Demonstrativ schüttete sie den Inhalt ihres Glases auf den Boden.

„Entschuldigen Sie“, erklärte sie, „aber ich kann mich mit diesem alkoholfreien Zeugs einfach nicht anfreunden. Nicht, seit ich einmal einen echten Wein getrunken habe.“

Es war ein nicht ganz ungefährliches Thema. Seit mehreren Jahrzehnten stand Alkoholgenuss unter Strafe. Doch ausgestorben war er beileibe nicht, sondern hatte im Gegenteil dem illegalen Handel mit Rauschmitteln einen neuen, großen Schub beschert.

Doch Emma hatte ihren Würzburger Kollegen richtig eingeschätzt.

„Sie?“, stammelte Bauer. „Sie trinken echten Wein?“ Er betrachtete sie mit völlig neuen Augen.

„Seit meiner Jugend. Der einzige Luxus, den ich kenne. Zumindest beinahe der einzige.“ Wie beiläufig öffnete sie einen Knopf ihrer Bluse. „Heiß ist es hier. – Aber Sie sind echtem Wein doch ebenfalls nicht abgeneigt, wenn ich Ihren Gesichtsausdruck richtig interpretiere.“

„Was für Weine trinken Sie denn?“, erkundigte sich Bauer in gedämpftem Tonfall.

„Nun, meist französischen, ab und zu auch einen Italiener.“

„Sonst nichts?“

Vorsichtig schüttelte sie den Kopf. Vielleicht hätte sie sich vor dem Gespräch besser über Weinanbaugebiete informieren sollen. Doch ihr Gesprächspartner hakte nicht weiter nach, sondern setzte ein breites Lächeln auf.

„Das heißt, Sie haben noch nie in Ihrem Leben echten Frankenwein getrunken?“

Wieder schüttelte Emma den Kopf.

„Dann sollten Sie diese Erfahrung aber schleunigst nachholen.“

„Aber wie?“ Sie setzte ihren unschuldigsten Blick auf. „Könnten Sie mir dabei unter Umständen behilflich sein?“

Bauer schaute sich in alle Richtungen um, als wollte er sich vergewissern, dass auch wirklich keiner zuhörte. Dann legte er seine Hand auf ihren Arm. „Vielleicht sollten wir unsere Unterhaltung in einer intimeren Umgebung fortsetzen, sagen wir mal, bei mir zu Hause. Mal sehen, was sich dort im Keller so alles findet.“

Emma fasste wie zufällig nach Bauers Hand und blickte ihm tief in die Augen.

„Ich kann’s kaum erwarten“, hauchte sie.

*

Nachdem Cristos und seine Kommilitonen die offiziellen Feierlichkeiten hinter sich gebracht sowie fünf weitere Lieder und ein Schlussgebet zu Ehren des großen Wohltäters Eugene Worthy abgesungen und aufgesagt hatten, versammelten sich alle in einem der gehobenen Restaurants Oslos zu einer „zwanglosen“ Runde bei Flüssighacksteak, echtem pürierten Brokkoli, Wein und Bier – natürlich alkoholfrei – und einem undefinierbaren Dessert, das wie eine Mischung aus Vanilleeis und Erdbeerpudding aussah, aber entfernt nach Preiselbeeren schmeckte. Die Bestellungen wurden von vorzüglich programmierten holographischen Kellnern entgegengenommen und von zuverlässigen Roboterwagen an die richtigen Tische ausgeliefert, aber das Angenehmste war: Das Restaurant war absolut frei von Werbeholographien, nur Worthys überdimensionales Antlitz schwebte lächelnd über den Köpfen der Feiernden, den heutigen Gästen zu Ehren.