Das Lied der Clane - Anna Jeger - E-Book

Das Lied der Clane E-Book

Anna Jeger

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Beschreibung

Raja hat die Kraft über ihre Gaben zurückerlangt und muss in die Hochstadt zurückkehren, wo neue und alte Gefahren auf sie warten. Ein Zwischenfall bringt die ihr aufgezwungene Rolle ins Wanken und ermöglicht ihr, mithilfe von neuen Gefährten zu lernen, ihre Gaben besser zu beherrschen und einzusetzen. Doch damit lenken sie damit die Aufmerksamkeit des Schattenkönigs auf sich. Die einzige Hoffnung besteht nun darin, dass Raven sein Heer zur Hochstadt führt, bevor die Situation dort außer Kontrolle gerät. Wird es ihnen gelingen, sich gegen die Dunkelheit zu behaupten? Eine spannungsgeladene Fortsetzung des ersten Bandes mit alten und neuen Gefährten, mitreißenden Emotionen und einer epischen Schlacht zwischen Gut und Böse.

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Seitenzahl: 520

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für meine Jungs

und meine Schwester.

Das Clanreich

Inhaltsverzeichnis

Prolog

In der Hochstadt

Kapitel 1

Auf der Hochstadtebene

Kapitel 2

In der Hochstadt

Kapitel 3

Im Haus des Pferdehändlers

Kapitel 4

Im Haus des Pferdehändlers

Kapitel 5

Im Haus des Pferdehändlers

Kapitel 6

Im Untergrund

Kapitel 7

Im Haus des Pferdehändlers

Kapitel 8

Im Untergrund

Kapitel 9

In der Hochstadt

Kapitel 10

Im Untergrund

Kapitel 11

Im Haus des Pferdehändlers

Kapitel 12

Im Untergrund

Kapitel 13

Im Hochpalast

Kapitel 14

Im Untergrund

Kapitel 15

Im Hochpalast

Kapitel 16

Im Untergrund

Kapitel 17

Im Hochpalast

Kapitel 18

Im Hochpalast

Kapitel 19

Im Hochpalast

Kapitel 20

An der Stadtmauer

Kapitel 21

Im Heerlager

Kapitel 22

In der Dunkelheit

Kapitel 23

Im Heerlager

Kapitel 24

Auf dem Weg zur Hochstadtebene

Kapitel 25

Im Wald

Kapitel 26

Auf der Hochstadtebene

Kapitel 27

Auf der Hochstadtebene

Kapitel 28

Auf der Hochstadtebene

Kapitel 29

Vor der Hochstadt

Kapitel 30

Vor der Hochstadt

Kapitel 31

Vor der Hochstadt

Kapitel 32

Vor der Hochstadt

Kapitel 33

Vor der Hochstadt

Kapitel 34

Vor der Hochstadt

Kapitel 35

Vor der Hochstadt

Kapitel 36

Im Hochpalast

Kapitel 37

Im Hochpalast

Kapitel 38

Im Hochpalast

Kapitel 39

Im Hochpalast

Kapitel 40

Im Hochpalast

Kapitel 41

Im Garten des Hochpalastes

Kapitel 42

Vor dem Hochpalast

Epilog

Prolog

~ In der Hochstadt ~

Da war sie. Er konnte sie fühlen, als wäre sie direkt vor ihm. Zum Greifen nah. Wie ein leuchtender Stern, der ihm den Weg wies. Den Weg, den er von sich aus nicht mehr fand. Mit gestrecktem Arm rannte er auf sie zu. Er musste sie kriegen, sie berühren. Es hing so viel von ihr ab. Es schmerzte ihn, wie stark das Schicksal ihn zu ihr zog. Sie hatten eine Verbindung, die niemand lösen konnte. Nicht einmal die Schatten, die überall lauerten.

Ihre hellen Haare wippten auf ihren Rücken. Er hatte sie beinahe erreicht. Bevor seine Finger sie berühren konnten, drehte sie sich zu ihm um. Ihr Lächeln verschlug ihm den Atem. Er zögerte und sie lachte auf. Ein Lachen, das bis in sein Herz nachhallte und ihm ein Lächeln entlockte. Er trat noch einen Schritt auf sie zu, doch sie schüttelte ihren Kopf, sodass die sanften Wellen ihrer Haare sie umrahmten. Traurigkeit legte sich in ihre Augen, dann wandte sie sich ab und ging. Er keuchte auf, unfähig, ihr zu folgen. Je weiter sie sich von ihm entfernte, desto schmerzhafter krampfte sein Herz zusammen.

Mit einem Ruck saß er kerzengerade im Bett. Die leichten Bettlaken klebten an dem Schweiß, der seine Haut bedeckte. Seine Brust hob und senkte sich, seine Lunge brannte. Sie war weg, dennoch konnte er sie spüren. Sie war nah und er würde ihr noch näher sein. Mit einem unwirschen Schwung schlug er die Decken von sich und stand auf. Die Kühle der Nacht drängte sich durch das geöffnete Fenster und ließ ihn leicht frösteln. Er trat am Spiegel vorbei und warf sich seinen Umhang um, der auf dem Stuhl neben dem Tisch gelegen hatte. Die Kapuze zog er tief in sein Gesicht herunter und verbarg so sein Antlitz vor der Nacht. Die Tür knarrte drohend, als der Gabensucher sein Gemach verließ und in die Nacht hinausging. Ruhelos angetrieben davon, sie zu finden. Sie, die an ihn und sein Schicksal gebunden war wie keine andere.

1

~ Auf der Hochstadtebene ~

Der Nebel lichtete sich, je weiter mich die kleine Stute von dem Landgut des Generals wegtrug. Die Landschaft tauchte immer weiter aus dem Nebel auf. Ich nahm alles bewusster wahr, als ich es noch bei meiner Abreise aus der Hochstadt getan hatte. Die sanften Hügel, die die Stadt und die Ebene umgaben, glichen denen, die um den Sitz des Erdclans lagen. Der Weg führte am Clanfluss entlang, der die Hochstadt einschloss. Das Wasser floss hier noch gemächlich an uns vorbei. Erst wenn es die Mauern erreichte, würde es wilder werden, als wollten die Stromschnellen, die sich durch die mächtigen Steine im Flussbett bildeten, die Bewohner der Stadt schützen. Mein Geist tastete ungewollt alles um mich herum ab. Einen Vogel, der durch das Gras am Wegrand hüpfte, und die Wildblumen, die sich im sanften Wind, der über die Ebene strich, wiegten.

Mit einem kurzen Blick auf Baxters Rücken wurde mir klar, dass er nichts von meiner Veränderung bemerkte. Er trieb sein Pferd ungnädig voran und würdigte die Landschaft keines Blickes. Was Falkon wohl mit ihm auf dem Landgut angestellt hatte? Ich wollte es nicht wissen, doch die Spuren der Vergnügungen und Ausschweifungen, die sich Baxter auf dem Landgut erlaubt hatte, waren deutlich in seinem Gesicht zu sehen. Immerhin war es dafür berüchtigt. Dass es etwas anderes war, wussten nur wenige. Eine Rückzugsmöglichkeit. Aber Darius hatte über die Hochgeborenen der Hochstadt dafür gesorgt, dass er in Verruf stand. Der Schlächter des Hochkönigs. Meine Gedanken glitten ab und ich befand mich auf der Lichtung in Dariusʼ Armen.

Vor mir fuhr mich Baxter an und riss mich aus meinen Gedanken. »Wir sind gleich da. Bleibt an meiner Seite und passt gefälligst auf, dass Ihr mir nicht verloren geht.«

Ich nickte nur und sah auf die Mähne meiner Stute. Meine Verstellung musste glücken. Niemand durfte daran zweifeln, dass ich unter der Einwirkung des Hemmersteins stand. Es war eine schwierige Aufgabe, aber ich war mir sicher, dass ich es schaffen konnte. Es hing zu viel davon ab. Ich grenzte meine Gabe auf ein kleines Leuchten in mir ein und blickte mit ausdruckslosem Blick zu Baxter auf.

»Natürlich«, versprach ich kurz.

Die Mauern der Hochstadt bauten sich bedrohlich vor mir auf. Baxter nickte den Wachen am Tor kurz zu. Als ich hindurchritt, fuhr mir ein Schauer über den Rücken. Der Hemmerstein in meiner Unterkleidung fing an zu pochen und bereitete mir eine leichte Übelkeit. Raikon hatte einmal berichtet, dass der Hochkönig an den Toren der Hochstadt einen Zauber angebracht hatte, um Gabenträger zu melden. Der Zauber tastete mich ab, erkannte aber keine Gabe. Es war schlau von Sorrel gewesen, mir einen Hemmerstein einsetzen zu lassen. Anders hätte er mich nicht in die Hochstadt schleusen können.

Baxters Wallach schlängelte sich durch die Enge der Straßen der Hochstadt. Es waren so viele Menschen hier, die uns nicht wie bei unserer Abreise mit Falkon den Weg freigaben. Ich verbarg mein Erstaunen unter einer steinernen Maske der Gleichgültigkeit. Die Vielzahl der Menschen war mir vor der Abgabe des Hemmersteins nicht bewusst aufgefallen. Jetzt konnte ich viele spüren, auch wenn ich meine Gabe zurückgedrängt und versteckt in mir hielt. Sie trugen ihren Geist frei und offen vor sich her und niemand erachtete den anderen als wichtig genug für einen zweiten Blick.

Das Haus von Sorrel lag im inneren Kern der Stadt und die Pferde trugen uns schon eine Weile durch die Straßen und Gassen. Ich nahm die Gerüche der Stadt und der Menschen wahr und blickte mich hin und wieder um, wobei ich immer bedacht darauf war, dass Baxter es nicht bemerkte. Doch der war von anderen Dingen abgelenkt und beachtete mich nicht weiter. Der Palast des Hochkönigs baute sich vor uns über den Dächern der Häuser auf. Wir erreichten das Tor des inneren Stadtkerns. Etwas packte mich am Bein, ich erschrak.

»Du bist wieder da.«

Eine Hand hielt meinen Fuß umfasst. Zu meiner Verwunderung sah ich ein kleines Mädchen. Ihre Augen brachten mich wieder zum Staunen. Es waren braune Erdclan-Augen, die zu mir aufblickten und mich erwartungsvoll ansahen. Es war das Mädchen, das mir bereits auf dem Markt begegnet war. Als Baxter die Kleine bemerkte, wendete er ungestüm seinen Wallach und wollte sie wegdrängen, doch ein paar große Arme rissen sie von mir weg.

»Entschuldigt. Es ist nur ein Kind.«

Baxter lenkte sein Pferd zwischen mich und den Mann.

»Verschwindet, Ihr Gesindel!«, schrie er, packte die Zügel meiner Stute und riss sie mit sich.

Ich blickte dem Mann, der das Mädchen immer noch fest auf dem Arm hielt, über die Schulter nach. Auch er trug die braunen Augen und ich erkannte ihn wieder. Es war der Erdbauer, der Catherine und mir die Beeren verkauft hatte. Als er sah, dass Baxter ihm schon keine Beachtung mehr schenkte, legte er drei Finger an die Stirn und schickte mir unseren Clan-Gruß. Ich erwiderte den Gruß kurz und dann verschwanden die beiden aus meinem Blickfeld. Ich fragte mich, ob der Erdmann derjenige war, den der Erdclan um Hilfe gebeten hatte.

Baxter schimpfte den restlichen Weg über den Abschaum, der sich seiner Meinung nach in der Stadt herumtrieb. Er ließ die Zügel der Stute nicht mehr los. Als wir das Stadthaus des Pferdehändlers erreichten, führte er mich zur Rückseite durch das Tor der Ställe, in denen die Pferde für den Verkauf untergebracht waren. Auf dem Hof ließ er die Zügel endlich los und rief einen der Knechte, damit er die Pferde übernahm. Bevor ich aus dem Sattel steigen konnte, riss mich Baxter unsanft vom Pferderücken. Noch ehe meine Füße festen Stand fanden, zog er mich auch schon zum Haupthaus. Die Hintertür öffnete sich jedoch, bevor wir sie erreichten. Catherine stand vor uns und schlug Baxters Hand von meinem Arm.

»Ich werde die Herrin auf ihr Zimmer bringen. Die Reise war sehr anstrengend. Wie konntet Ihr sie nur in diesem Zustand zurückbringen? Den Herrn wird das gar nicht freuen.«

Baxter blinzelte nur irritiert und stapfte dann zornig seiner Wege. Catherine zog mich über den Hof durch die Tür in den Flur des Haupthauses und weiter die Treppe der Bediensteten hinauf zu dem kleinen Zimmer, das ich bewohnen musste. Schwungvoll stieß sie die Tür auf und schob mich in das Zimmer. Die Dunkelheit und Trostlosigkeit, die in diesem Raum vorherrschten, umfingen mich wieder. Fast hatte ich vergessen, wie trist dieser Ort war.

»Schnell. Wir haben nicht viel Zeit. Der Herr hat Eure Ankunft schon bemerkt. Zieht Euch aus und zieht das da an.«

Catherine war zum Tisch geeilt und hantierte mit Stoffen. Ich blickte auf die Sachen, die auf meinem Bett lagen, und ging wortlos ihrem Befehl nach.

»Na, macht schon. Wir dürfen nicht so viel Zeit verlieren«, schalt sie mich. Ich fragte nicht nach. Meine Verstellung war wichtig. Darius hatte es gefordert. Keiner darf den Steintausch bemerken!

Darius. Ob er wusste, wie ich hier lebte? Die Kleider glitten mir über die Schultern. Ich trat aus dem Kleiderhaufen und stieg in die neuen Unterkleider, die auf dem Bett lagen. Catherine hob die alten Kleider auf und legte sie auf den Tisch. Dabei fiel ihr mein Dolch in die Hände. Mir stockte der Atem, doch sie lächelte nur kurz auf.

»Den verstecken wir am besten unter Eurer Matratze.« Dann gab sie mir eine Binde. »Schnell, legt sie an«, forderte sie und machte sich an der Matratze zu schaffen.

»Ich brauche sie nicht«, erwiderte ich und wollte ihre Hand wegschieben.

»Natürlich braucht Ihr sie nicht, aber sie wird Euch retten.« Sie griff nach einem kleinen Kännchen und goss einen Schwall Tierblut auf die Binde. »Der Pferdehändler hat Euch aus bestimmten Gründen hier, wenn Ihr Euch erinnern wollt.«

Ihre Worte ließen mein Herz gefrieren und die Angst lähmte jede Bewegung. Die Erinnerungen krallten sich ihren Weg durch meinen Kopf und ich nahm Sorrels fauligen Geruch wahr, wie er sich auf meine Haut legte.

Catherine bemerkte meinen versteinerten Körper. »Habt keine Angst. Wir werden das verhindern.«

»Wer seid Ihr?«, fragte ich sie tonlos, während sie mir die Binde aus der Hand nahm und sich damit zwischen meinen Beinen zu schaffen machte. Als die Binde saß, richtete sie sich vor mir auf und sah mir in die Augen. Das strahlende Blau in ihren Iriden fiel mir erst jetzt auf.

»Seht mich an.«

»Ihr seid vom Wasserclan. Eine Gabenträgerin?« Ich musterte sie verwundert weiter.

»Ja. Was dachtet Ihr denn? Mein Name ist Dana. Aber bitte nennt mich weiter Catherine. Das ist wichtig.Kommt. Wir müssen uns jetzt beeilen, damit wir es schaffen, Euch dieses Mal besser zu schützen. Ich möchte seine Wut nicht erleben, wenn ich ihm berichten muss, dass ich nicht rechtzeitig eingreifen konnte.«

»Von wem redet Ihr?«, fragte ich sie, während sie mich in mein Bett schob und zudeckte.

Catherine sah mit einem Lächeln zu mir herunter. »Glaubt Ihr, Darius würde zulassen, dass Euch etwas geschieht? Ihr kennt ihn noch nicht so gut, wie ich es tue. Habt Vertrauen. Es wird schon bald alles besser werden.« Damit ergriff sie das Kännchen und deutete auf das Wasserglas, das auf dem Tisch stand. »Trinkt es niemals ganz aus. Ich werde Euch ein Zeichen bei Gefahr schicken. Und behaltet Euren Hemmerstein immer nah bei Euch.«

»Was habt Ihr Darius alles erzählt?« Meine Stimme klang zitteriger, als ich es mir erhofft hatte.

»Herrin. Ich kenne ihn schon sein Leben lang. Ich war seine Amme. Ich liebe ihn, als wäre er mein eigener Sohn. Ich habe ihm nicht erzählt, was Euch hier alles passiert ist. Er hätte das Haus niedergerissen und Sorrel gleich mit. Sein Vorhaben und die Pläne des Nachtfalken dürfen nicht gefährdet werden. Nicht für einen einzelnen Menschen. Es steht so viel mehr auf dem Spiel, und das wisst Ihr. Der Untergrund hier in der Hochstadt darf nicht zerbrechen, bis Euer Bruder mit seinem Heer vor der Stadt steht. Und nun lasst uns hier nicht mehr über solche Sachen reden. Auch das Haus hat bisweilen Ohren, die ich nicht verschließen kann.«

Catherine sah mich traurig an, dann eilte sie zur Tür und ließ mich in dem kleinen Raum zurück. Ich blickte starr zu den Holzbalken der Zimmerdecke. Er wusste es nicht. Das war gut. Ich lag da und mein Kopf war so leer wie das Zimmer. Die Stumpfheit, die dieses Haus von mir forderte, nahm mich völlig gefangen. Der Hemmerstein pochte fast fröhlich an meiner Seite im Unterkleid. Ich drehte mich zur Wand, rollte mich zusammen und schlief ein.

  

Ein leises Klingen weckte mich und ich schreckte aus dem Bett auf. Das Wasserglas auf dem Tisch sang eine leise Warnung. Daneben standen ein Teller mit Frühstück und ein kleines Kännchen. Ich sprang überrascht aus dem Bett. Die Nacht musste ich verschlafen haben. Der Geruch des frischen Tierblutes trieb Übelkeit in mir hoch. Schnell löste ich die Binde zwischen meinen Beinen und goss einen neuen Schwall Tierblut darauf. Beim Zurückziehen fühlte sich das Blut kalt und fremd an meiner Mitte an. Ich erschauderte und versuchte, meine Übelkeit zu verstecken. Den restlichen Inhalt des Kännchens goss ich schnell in meinen Eimer. Dem Geruch nach hatte Catherine bereits eine kleine Menge Urin darin bereitgestellt. Das Kännchen ließ ich unter meinem Bett verschwinden. Danach hastete ich zurück zum Bett, legte mich unter meine Decken und wartete. Es waren nur ein paar Herzschläge später, als ich auf dem Flur vor meinem Zimmer Schritte hörte. Als die Tür aufgestoßen wurde, schreckte ich trotz meiner Bemühungen leicht zusammen. Sorrel betrat den Raum und seine schmale und hagere Statur ließ mich erschaudern. Seine knochigen Finger hielten die Tür umgriffen und er legte seinen Kopf schief, sodass seine strähnigen Haare auf seine Schulter fielen.

»Die Herrin ist unpässlich, mein Herr«, hörte ich Catherine hinter ihm sagen.

»Das habt Ihr schon oft genug gesagt«, fuhr er sie an und trat auf mein Bett zu.

Ich blickte ihn mit stumpfem Blick an und hoffte, dass ich meinen Herzschlag ruhig halten konnte.

Sorrel beugte sich tief über mich. »Ich freue mich sehr, dass Ihr wieder hier seid. Es scheint, dass der General ein wenig talentierter Reiter ist, wenn er Eure Hilfe für so viele Tage brauchte«, flüsterte er an meinem Ohr.

Ich schloss die Augen, um meinen Ekel zu verstecken.

»Ihr habt sicherlich recht«, gab ich leise zurück, wohl wissend, dass es ganz und gar nicht so war.

»Nun gut. Das wäre geklärt.« Sorrel richtete sich vor meinem Bett auf und riss ohne Vorwarnung meine Decke zurück und meine Beine auseinander. Dann machte er sich an der Binde zu schaffen und fluchte leise.

Ich ließ es über mich ergehen. Vor meinen Augen tanzten viele verschiedene Möglichkeiten, wie ich Sorrel mit dem kleinen Dolch, der versteckt unter der Matratze lag, zu einem Ende bringen könnte. Doch ich blieb stumpf liegen und starrte die Decke an.

»Bringt das in Ordnung und gebt mir Bescheid, wenn sie wieder bereit ist«, polterte er Catherine an und stürmte aus dem Zimmer.

Sie schloss die Tür leise hinter ihm und sah zu mir. »Ihr habt das gut gemacht. Das wäre schon einmal geschafft.«

Ich sah zu ihr rüber und nickte nur kurz. Abscheu und Ekel ließen mich schweigen. Catherine half mir aus dem Bett und ich zog die Kleider wieder zurecht. Sie gab mir eine neue Binde und warf die alte zur Tür.

»Das alte Ding entsorge ich unten. Für die nächsten Tage haben wir Ruhe. Ich werde Euch trotzdem jeden Tag eine Kanne mit Tierblut bringen. Nur für den Fall, dass Sorrel Euch noch einmal einen Besuch abstattet.«

Wir beide wussten, dass er die nächsten Tage nicht kommen würde, und ich würde das Zimmer nicht verlassen, um unser Spiel glaubwürdiger erscheinen zu lassen.

2

~ In der Hochstadt ~

Darius trieb den kleinen hellen Hengst auf die Hochstadt zu. Er drängte sich gegen seine Zügel, als könnte er es nicht erwarten, seine eigentliche Reiterin wiederzufinden. Er zügelte Shiver jedoch immer wieder und passte sein Tempo dem von Falkon an, der auf seinem Braunen hinter ihm ritt. Die beiden Männer hatten nicht weiter über das, was sich in den letzten Tagen ereignet hatte, gesprochen. Darius wusste auch, dass Falkon das Gespräch nicht suchen würde. Der Schattenkrieger kannte ihn zu gut, um sich nicht einiges zusammenzureimen. Das, was zwischen ihm und Raja war, sollten so wenige wie möglich wissen. Diese stille Vereinbarung bestand zwischen den beiden Männern. Die Hochstadt kam immer näher und der helle Hengst wurde nervöser. Er war kein Pferd für die Enge der Stadt. Darius hoffte allerdings, dass der Hengst ihm zeigen würde, wenn Raja in seiner Nähe war. Die Treffen der beiden hier in den Straßen der Stadt waren immer zufällig gewesen. Die Aussicht darauf, dass sich diese Zufälle wiederholen könnten, ließ ein Lächeln seine Lippen umspielen.

Die Wachen am Tor der Hochstadt salutierten und wurden nur von Falkon knapp zurückgegrüßt. An dem Blick der Wachen konnte Falkon sich leicht ausmalen, wie der Reiter vor ihm sie angeblickt haben musste. Er konnte sein Lachen noch rechtzeitig hinter einem Schatten verstecken, bevor es jemand wahrnahm. Vor Falkon trieb Darius seinen Hengst im Galopp über die Straßen der Hochstadt, wohl wissend, dass ihm die Menschen schon von Weitem aus dem Weg sprangen.Keiner wollte dem General des Hochkönigs im Weg sein. Der Palast war schnell erreicht und vor den Stallungen hielten die Reiter an. Der General sprang neben dem Hengst ab und warf seine Zügel einem Knecht zu, der eilig angelaufen kam. Falkon ließ sich langsam vom Pferd gleiten und beobachtete seinen Freund dabei. Der bemerkte es und warf ihm einen bösen Blick zu, sagte jedoch nichts, sondern drehte sich um und stapfte zu den Quartieren der Soldaten. Er musste seine Truppe zusammenstellen und der Hochkönig erwartete sicherlich auch seine Meldung, dass er wieder in der Hochstadt zugegen war.

  

Catherine hatte keine neue Kanne mit Tierblut auf meinen Tisch gestellt. Es war sechs Tage her, dass ich in die Hochstadt zurückgekehrt war. Es wäre zu auffällig, wenn meine Unpässlichkeit länger andauern würde, als es für Clanfrauen üblich war. Ich zog meine Reitkleider an und trat an das kleine Fenster. Die Straße vor dem Haus war belebt und die Menschen der Hochstadt gingen ihrer Dinge nach. Niemand bemerkte mich am Fenster. Sorrel war in den Ställen vor der Stadt, um neue Pferde für den Verkauf zu beurteilen. Ich konnte immer noch nicht verstehen, dass diese edlen Tiere ihn in ihrer Nähe duldeten.

Ich wollte runter in die Stallungen. Catherine war im Haus beschäftigt und hatte heute Morgen nur kurz berichtet, dass ich beruhigt das Zimmer verlassen konnte. Auf dem Tisch lag meine Kappe. Ich griff danach und setzte sie mir auf. Meine Haare verbarg ich unter ihr. Ich hasste es, mich verstecken zu müssen, aber was blieb mir anderes übrig. Dass Sorrel mir mit seinem Geheiß einen Gefallen tat, hasste ich daran noch mehr.

Doch da meine Haare mich verraten würden, tat ich es. Nicht für Sorrel, sondern für Darius und meinen Bruder.

Ich öffnete leise meine Tür und trat in den Schatten des kleinen Flures. Die enge Treppe brachte mich in das untere Geschoss des Hauses und ich lief leise zur Hintertür. Bevor ich sie öffnete, blickte ich mich noch einmal um. Aus der Küche kam das Lärmen der Bediensteten. Die andere Hausseite, die Sorrel für sich beanspruchte, war still. Ich trat hinaus in das Sonnenlicht und atmete die Luft tief ein. Das Haus roch muffig und schal. Die Luft der Hochstadt war voller fremder Gerüche. Nicht so frisch wie die Luft der Hochebene oder des Erdreichs, aber besser. Meine Lunge weitete sich und brachte mir etwas Kraft. Auf dem Platz hinter dem Haus waren ein paar Reiter mit ihren Pferden beschäftigt. Morgen würde wieder ein Verkauf auf dem Markt stattfinden. Ich sah zu Boden, um den Blickkontakt mit den anderen Reitern zu vermeiden, die mich aber nicht beachteten.

Im Stall traf mich der vertraute Geruch von Heu und Pferden. Ich ging an den Pferchen vorbei, in denen die Pferde untergebracht waren. Es waren einige neue Pferde im Stall. Ganz hinten stand ein grauer Windhengst, der seine Mähne nervös hin und her warf. Ich trat vor seinen Pferch und streckte ihm meine Hand entgegen. Der Graue trat heran und legte seine Nüstern auf meine Hand. Ich blickte mich kurz um. Als ich niemanden im Stall bemerkte, schickte ich dem kleinen Hengst kurz meine Gabe entgegen. Er wurde ruhiger, schnaubte zufrieden ab und drehte sich um, um sein Heu zu fressen.

»Da habt Ihr Euch ja wieder den Richtigen ausgesucht«, schallte es die Stallung herunter.

Der kleine Graue wieherte empört auf und warf wieder seinen Kopf hin und her.

Baxter trat mit einem Eimer in der Hand auf mich zu. »Hier, dann könnt Ihr das Vieh gleich füttern.« Er warf mir den Eimer mit einem hämischen Grinsen zu und ging wieder seiner Wege.

Ich nahm den Eimer und wollte ihn dem Grauen in den Pferch stellen, doch ein stechender Geruch hielt mich zurück. Ich roch hinein und musste würgen. Das Futter war schlecht. Ich ging mit dem Eimer zur Kammer, um neues Futter zu holen. Die Tür stand offen und ich trat vorsichtig ein. Gerry, einer der Knechte, mischte gerade das Futter der anderen Pferde. Ich war erleichtert, dass er es war und nicht Baxter.

»Das Futter ist schlecht«, sagte ich tonlos und reichte ihm den Eimer.

Er nahm ihn und schaute hinein. »Nein. Das ist in Ordnung.« Damit mischte er weiter.

»Aber es riecht nicht gut.«

»Ach, das meint Ihr. Das ist die Tinktur«, meinte Gerry gleichgültig.

Ich blickte ihn fragend an.

»Der Graue ist zu wild für den Verkauf. Er bekommt Horchertinktur in sein Futter«, erklärte Gerry. »Das wisst Ihr doch.«

Ich sah ihn an und ermahnte mich, an meinen Hemmerstein zu denken.

»Es ist komisch, dass Euch der Geruch erst jetzt auffällt«, bemerkte Gerry unbekümmert.

Ich nickte nur und ging mit dem Eimer wieder zurück zu dem grauen Windhengst. Der ließ sich von dem Futter nicht locken und blieb abweisend in seiner Ecke stehen.

»Wie ich sehe, geht es Euch besser und Ihr macht Euch wieder nützlich.«

Sorrel stand im Tor und sah mich durchdringend an. Ich nickte nur knapp. Er war früher zurückgekehrt, als ich gehofft hatte. Mit bedachten Schritten, wie sich ein Raubtier seinem Opfer näherte, schritt Sorrel auf mich zu. Es wäre andersherum, wenn ich nicht Darius mein Versprechen gegeben hätte. Als Sorrel mich erreichte, nahm er mir den Eimer ab und roch hinein. Mein Blick war wieder starr auf das graue Pferd im Pferch gerichtet.

»Er ist wie Ihr. Wild und unbändig. Aber es kann so leicht sein, Gehorsam und Gefügigkeit zu fordern. Nicht wahr?«

Obwohl seine Worte leise waren, durchschnitten sie wie Messer meinen Körper. Mühsam schluckte ich meinen Ekel runter und mein Herzschlag pochte wild in meinen Ohren, aber ich zwang mich, ruhig zu bleiben. Meine Hand glitt zitternd an meinen Oberschenkel. Versteckt unter den Kleidern fühlte ich die Konturen des Dolches. Es war verlockend und ich war mir sicher, dass Sorrel nicht schnell genug reagieren würde. Mit einem stummen Seufzer entschied ich mich, still auszuharren.

»Mein Herr.« Baxter betrat den Stall. Ich war fast erleichtert über seine Unterbrechung.

Sorrel ließ von mir ab und wandte sich an seinen Bediensteten. »Was willst du?« Der Unmut in seiner Stimme war nicht zu überhören.

Ich versuchte, meinen Herzschlag wieder zu beruhigen, und wandte mich langsam zu den beiden um.

»Es ist ein Bote aus dem Hochpalast gekommen. Er überbringt ein Schreiben.«

Baxter hielt eine Schriftrolle hoch und Sorrel riss sie ihm aus der Hand. Er nestelte an dem Siegel, rollte das Papier auseinander und begann hastig zu lesen. Dann wandte er sich mit kaltem Blick zu mir um.

»Ihr werdet von der Prinzessin erwartet. Es wird ein Bote kommen und Euch holen. Macht Euch bereit. Baxter wird Euch begleiten.« Seine Stimme ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Sorrel packte mich am Arm. »Und wenn Ihr irgendwelchen Unsinn macht, werdet Ihr es bereuen«, zischte er in mein Ohr.

Ich nickte und musste meine Zähne fest aufeinanderpressen, um nichts zu erwidern.

»Mach die Pferde fertig«, wies Sorrel Baxter im Gehen an.

Allein blieb ich vor dem Pferch zurück. Den Eimer ließ ich auf den Boden fallen. Der Graue sollte dieses Futter nicht bekommen. Baxter kam mit seinem Wallach und der kleinen, dicken Stute in den Stallbereich, in dem ich noch immer stand. Mit einer kurzen Kopfbewegung wies er mich an aufzusteigen. Als er auf seinem Pferd saß, riss er wieder die Zügel meiner Stute an sich und trieb die Pferde an. Auf dem Platz vor dem Stall wartete der Bote bereits. Ich erkannte Falkon auf seinem dunklen Hengst sofort und konnte ein Aufblitzen in meinen Augen nicht verkneifen.

Baxter ritt auf ihn zu. »Die Herrin ist bereit.«

»Ich danke Euch. Doch Ihr seid nicht in den Palast gerufen worden.«

Die kalte Stimme von Falkon ließ Baxter zurückzucken und er zog seinem Wallach im Maul, damit er rückwärts vor Falkon zurückwich.

Falkon trieb sein Pferd zwischen Baxter und mich und riss Baxter meine Zügel aus der Hand, um meine Stute mit sich zu führen.

»Das wird meinem Herrn aber nicht gefallen.« So versuchte Baxter sich noch einmal aufzudrängen.

»Der ist auch nicht geladen«, fuhr Falkon ihn über die Schulter an und lenkte die Pferde vom Hof.

Die Pferde trabten langsam die Straßen entlang und ich gab mir Mühe, ruhig und teilnahmslos wie immer auf meinem Pferd zu sitzen. Als wir ein paar Straßen entfernt von Sorrels Haus waren, ließ Falkon meine Zügel los.

»Ihr könnt Eure Stute ja selbst beherrschen.« Er grinste mich über seine Schulter an.

Der Ritt zum Palast dauerte nicht lange. Zu meiner Überraschung hielt Falkon sein Pferd vor der Haupttreppe an. Die Pferde wurden von Knechten entgegengenommen und in die Stallungen geführt. Ich blickte ihnen nach und bemerkte erst zu spät, dass mein Begleiter mich erwartungsvoll ansah. Falkon führte mich vorbei an hohen Säulen zu einer geschwungenen Treppe. Die Steine mussten aus dem Windreich stammen. Sie schimmerten wie Wolken. Meine Schritte auf den Stufen klangen lauter, als ich es wollte, und meine Erscheinung war mir angesichts des Prunks, der im Hochpalast herrschte, unangenehm. Ich trug meine Reitkleider. Nichts, was in diesen Palast passen würde.

Wir schritten durch eine große lichtdurchflutete Halle. Vor einer Tür, die so hoch wie mein Haus im Erdreich war, blieb Falkon stehen.

»Wir sind hier in den Gemächern der Prinzessin. Der offizielle Teil des Palastes sieht etwas anders aus, wenn Ihr wisst, was ich meine. Seid vorsichtig und vertraut niemandem außer Euch selbst und lasst Eure Gabe da, wo sie hingehört.«

Seine mahnenden Worte drangen zu mir und ich nickte wieder einmal. Die Gefühllosigkeit konnte ich sehr gut spielen. Ich hatte sie wochenlang verinnerlicht.

Falkon stieß die Tür auf, trat ein und verbeugte sich. »Die Frau des Pferdehändlers. Wie Ihr gewünscht habt, Mylady.«

Damit schob er mich voran und ich verbeugte mich ebenfalls kurz. Daraufhin wandte sich Falkon ab und verließ den Raum. Als die schwere Tür klackend in ihr Schloss fiel, zuckte ich kurz zusammen. Der Raum vor mir war weitläufig. An den Wänden hingen große Bilder von dunklen Pferden und Landschaften, die eher trist auf mich wirkten. Mein Blick fiel auf die aufwendigen Teppiche auf dem Boden. Ähnlich und doch viel prunkvoller als die Teppiche vor dem Erdthron.

Ein Räuspern riss mich aus meinen Beobachtungen. »Wenn Ihr dann fertig geguckt habt, dürft Ihr Euch zu mir gesellen.«

Die feine, aber schnippische Stimme gehörte also der Prinzessin. Sie lag auf einem kleinen Sofa am Fenster und hielt mich mit ihren dunklen Augen fest im Blick. Als ich näher kam, bemerkte ich einen roten Schimmer in ihren Augen. Feuer. Ihre langen schwarzen Haare lagen wie ein Schleier über ihrem Rücken. Kleine Schatten umspielten sie.

»Ihr dürft Euch setzen.« Mit einer knappen Handbewegung wies sie mich an, auf einem der Sitzkissen Platz zu nehmen.

Hinter ihr bemerkte ich eine schwache Bewegung. Ein Schattenkrieger stand bei den dicken Vorhängen, die an ihren hohen Fenstern angebracht waren.

»Ihr braucht keine Angst haben. Er ist meine Leibwache. Ich kenne Matheo schon seit meiner Kindheit.« Sie deutete in die Richtung, in die ich geschaut hatte. »Ihr sollt eine gute Pferdekennerin sein. So wurde mir zumindest berichtet.« Ihre Stimme klang nicht aufrichtig, eher gelangweilt.

»Ja, das wird über mich gesagt«, gab ich zurück.

»Findet Ihr selbst das nicht so? Es heißt, Ihr könnt die wildesten Pferde zähmen.«

Ich wurde etwas verlegen. Es war meiner Gabe zu verdanken, dass sich die Pferde mir anschlossen. Was sollte ich der Prinzessin nun sagen? Von meiner Gabe durfte sie nichts erfahren.

»Ich denke, dass ich nur Glück habe.«

»Glück habt Ihr ganz sicher nicht. Es erfordert mehr Können als Glück, um Pferde zu reiten und auszubilden, wie Ihr es machen sollt.« Die Prinzessin lachte, hielt aber ihren Blick fest auf mich gerichtet, als suchte sie nach einer Schwachstelle, die sie nutzen konnte.

Ich verharrte still und wartete ab. Als die Prinzessin nichts weiter aus mir herauslocken konnte, begann sie, vor sich hin zu plappern. Über die Hochstadt und die Menschen im Palast. Ich hörte nicht aufmerksam zu. Es interessierte mich nicht, was sie zu sagen hatte. Hin und wieder nickte ich. Der Schattenkrieger behielt mich die ganze Zeit über im Auge und ich konnte seinen brennenden Blick auf meiner Haut spüren. Ich versuchte, mir viele Details in dem Raum zu merken. Die Möbel waren aus einem Holz, das aus den Erdwäldern stammte. Die Holzmaserung würde ich überall wiedererkennen. Vor meinem inneren Auge zuckten kurz die Erinnerungen an den Erdwald auf. Mein Zuhause. Ich vermisste das Erdreich so sehr, dass mir fast die Luft wegblieb. Schnell schob ich den Gedanken zur Seite und suchte nach anderen Details im Raum. Die Teppiche, die im Raum lagen, mussten aus dem Reich des Wassers stammen. Ihre Muster enthielten viele Blüten und Blätter, die auf einem satten Blau gewebt waren. Auf dem kleinen Tisch neben dem Sofa, auf dem die Prinzessin lag, stand eine Schale mit Früchten aus dem Feuerreich. Gegessen hatte ich sie selbst noch nie, aber Raikon war immer darauf bedacht gewesen, Raven und mir so viel über andere Clane beizubringen, wie er konnte. Der Handel zwischen den einzelnen Clanen war fast zum Erliegen gekommen, nachdem der Schattenkönig zu herrschen begann.

»Kommt, Ihr müsst Euch meine Pferde ansehen. Ich brauche Euren Rat und anscheinend langweile ich Euch nur mit meinem Gerede.«

Die Aufforderung der Prinzessin riss mich aus meinen Gedanken und ich errötete leicht, weil ich mich ertappt fühlte. In den gesellschaftlichen Umgangsformen war ich schon immer schlecht gewesen. Das konnte Raven eindeutig besser als ich. Mir lagen das Reiten und Kämpfen mehr als das Unterhalten mit einer Dame von Rang.

Die Prinzessin erhob sich mit einer fließenden Bewegung von ihrem Sofa, die eher einer Raubkatze als einer Prinzessin glich, und sofort war Matheo an ihrer Seite. Mit einem kalten Kopfnicken deutete mir die Prinzessin an, ihr zu folgen. Sie durchquerte den Raum und öffnete eine andere Tür, die mir bis dahin noch gar nicht aufgefallen war, da sie mit der Wand verschmolzen war und nur bei genauerer Betrachtung ins Auge fiel. Hinter der Tür offenbarte sich ein schmaler Gang. Die Prinzessin musterte mich über ihre schmale Schulter hinweg und lachte kurz über meinen verwunderten Gesichtsausdruck, den ich nicht vor ihr versteckt hatte.

»Nicht alles ist prunkvoll in diesem Palast. Also trödelt nicht und folgt mir. Sonst geht Ihr mir hier in den Gängen noch verloren.«

Ich nickte und eilte schnell hinter ihr und ihrem Schattenkrieger her. Ihre bisweilen überhebliche Art machte sie mir nicht sympathischer. Zumal ihr Vater immer noch der Schattenkönig war. Hätte ich nicht ein Versprechen gegeben, hätte ich hier eine gute Möglichkeit, den Schattenkönig zu schwächen. Wobei es mit Matheo an der Seite der Prinzessin sicherlich nicht einfach sein würde, egal welche der ganzen Möglichkeiten, die durch meinen Kopf geisterten, ich wählen würde. Die Prinzessin ging mit mir und Matheo durch einige weitere Flure und Gänge, bis ich mich doch geschlagen geben musste, weil ich die Orientierung schneller verloren hatte, als ich gedacht hätte. Vor einer schweren Holztür blieb die Prinzessin stehen und sie ließ sie von Matheo öffnen. Zu meiner Überraschung standen wir direkt in einem Stall. An den Seiten standen Pferde in Pferchen. Der Stall wirkte friedlicher als der von Sorrel.

»Nun schaut Euch um und sagt mir, was Ihr seht.« Die Prinzessin deutete mit der Hand auf die Pferde, die vor uns standen.

Ich ging die Pferche entlang. Viele der fuchsroten Pferde dösten entspannt oder fraßen. Einige hatten lediglich einen kupferfarbenen Schimmer im Fell.

»Ihr habt sehr schöne Pferde.«

»Das ist Eure Antwort?« Der Unmut in der Stimme der Prinzessin über meine Antwort war nicht zu überhören. Ihre Haltung änderte sich sofort und die Verärgerung stand deutlich in ihren rot glühenden Augen.

»Eure Pferde sind in einem sehr guten Zustand. Sie sind ruhig und ausgeglichen. Wenn ich es richtig einschätze, habt Ihr eine große Anzahl an Feuerpferden hier.«

Die Prinzessin lächelte leicht und das Rot verdunkelte sich wieder. »Ja. Das habt Ihr richtig erfasst.« Ihre Stimme veränderte sich unmerklich und sie strich einigen Pferden über das Fell. »Ich bin sehr stolz auf meine Pferde. Es scheint doch in unserem Volk zu liegen, dass wir Pferde lieben.«

Unserem Volk. In mir stieg Wut auf. Mein Clan und die Prinzessin waren nicht ein Volk. Weder mit ihr noch mit dem Schattenkönig würde ich jemals etwas gemein haben wollen.

»Die Pferde sind meine einzige Zuflucht hier im Palast. Sicherlich könnt Ihr das nachempfinden.« Sie sah mich prüfend an.

Ich nickte wieder nur und meine Wut verpuffte. In dem Punkt waren sie und ich uns ungewollt doch ähnlicher, als ich es gedacht hätte. Vielleicht schätzte ich sie auch falsch ein.

»Ich möchte meine Stuten mit den Hengsten des Generals verpaaren. Was haltet Ihr davon?« Ihr Blick ruhte nun prüfend auf mir. Als meine Antwort ausblieb,ging sie langsam an ihren Pferden vorbei und beobachtete mich wieder genau, als würde sie auf eine Reaktion von mir warten, die ich ihr aber nicht lieferte. Daher bohrte sie forscher nach: »Meint Ihr nicht, dass der General und ich ein exzellentes Züchterpaar abgeben würden?«

Ihr Blick wurde kälter und ich musste dringend eine Antwort finden, aber meine Gedanken waren in einer ganz anderen Richtung unterwegs. War zwischen ihr und dem General was? Waren die beiden einander zugetan oder wollte sie so etwas? Weswegen hatte sie die Betonung in ihrer Stimme verändert? Bittere Eifersucht stieg in mir auf und ich musste mich zusammennehmen, um eine höfliche Antwort zu finden.

»Ich denke, dass die Feuerpferde die Schnelligkeit des Wasserhengstes nicht brauchen«, antwortete ich ihr.

»Und was meint Ihr zu dem Lichthengst?«

Die Frage traf mich. Shivers Fell war hell. Heller, als es für Erdpferde üblich war. Dennoch war er kein Pferd des Lichtclans, der als einziger Clan weiße und hellgoldene Pferde gezüchtet hatte. Selbst die grauen Pferde des Windclans erreichten nicht das Weiß in ihren Fellfarben, wie es das Fell von Shiver und dem weißen Hengst von Raven taten.

»Soweit ich weiß, ist es ein Erdpferd«, korrigierte ich sie leise. Meinen Blick hatte ich gesenkt, damit die Prinzessin nicht in meine kampfeslustigen Augen sehen konnte. Die Prinzessin kam dicht an mich heran, packte mein Kinn und hob meinen Kopf an, sodass ich ihr doch in die Augen sehen musste. Das Rot in ihren Augen loderte und das Feuer war nun deutlich in ihnen zu sehen.

»Wisst Ihr das? Und was meint Ihr zu dem Erdhengst?«, fragte sie kalt.

»Er ist nicht passend für Euch.« Ich wollte nicht meinen Shiver hier mit ihren Stuten haben. Die Verpaarung wäre zwar eine Verbesserung ihrer Stuten, doch die helle Farbe von Shiver würde zu einem Schattenthron nicht passen und ich wollte auch Darius mit ihr nicht teilen. Eine gemeinsame Zucht würde unweigerlich zu gemeinsamer Zeit führen. Es stach in meinem Herzen, wenn ich nur daran dachte, dass sie Zeit mit Darius verbringen konnte und es mir selbst verwehrt blieb.

»Das werden wir sehen.« Sie ließ von mir ab und wandte sich um. Ihre Schatten wirbelten ihr nach wie ein langer Schleier, den sie über den Stallboden hinter sich herzog. »Kommt. Ich möchte Euch weitere Pferde zeigen.«

Matheo ging hinter ihr her und ich folgte beiden an das andere Ende des Stalles. In den Pferchen standen große dunkle Pferde. Der faulige Geruch, der von diesen Tieren ausging, traf mich völlig unerwartet und ließ mich zurückschrecken. Die Haare auf meinen Armen stellten sich auf.

»Was haltet Ihr von diesen Pferden?«

Ich ging wie vormals an den Pferchen vorbei. Die Pferde standen ruhig. Aber ihr Fell war stumpf. Ihre Blicke waren ohne Leben. Ich konnte nicht einmal ausmachen, ob es sich um Pferde der Hochstadt oder um Clanpferde handelte. »Ich weiß es nicht. Diese Pferde sehen anders aus.«

Die Prinzessin bemerkte meine Verwirrung belustigt. Sie kam auf mich zu. »Das sind die Pferde meines Vaters. Guckt sie Euch genau an. So enden hier alle. Das ist Horchertinktur. Die Pferde werden damit gebrochen. Es sind die perfekten Kriegspferde. Sie tragen ihre Reiter willenlos in jede Schlacht, ohne Zögern auch in ihren eigenen Tod. Wer sich hier nicht anpasst, wird anders dazu gebracht, sich unterzuordnen und zu gehorchen.« Ihre Stimme zischte wie eine Schlange in mein Ohr.

Ich war mir nicht sicher, ob die Prinzessin mich warnte oder ob sie mir drohte. Ihre Augen waren fest auf meine gerichtet und ich konnte meinen Blick kaum abwenden. Sie wäre eine gute Verbündete, als Feindin aber schrecklich und grausam.

»Mylady!«

Ich zuckte zusammen. Der Klang dieser Stimme ließ mein Herz für einen Schlag aussetzen. Ich schloss meine Augen und drehte mich langsam um. Darius stand im Eingangstor des Stallgebäudes und beobachtete uns. Ihn hier zu sehen, hatte ich nicht erwartet.

»General, wie schön, Euch zu sehen. Ihr wart lange weg«, flötete die Prinzessin mit einer weichen Stimme durch den Stall. Nichts Kaltes war mehr in ihr zu hören. Die Züge der Prinzessin wurden sanfter und ihre Körperhaltung verlor ihre kampfbereite Anspannung, die sie mir gerade noch gezeigt hatte.

»Ihr könnt nun gehen. Ihr wart mir eine große Hilfe. Ich erwarte Euch auf dem Ball, den wir zu Ehren der Clane geben werden. Der Bote hat eine Einladung für Euch und Euren Mann dabei«, sagte sie etwas kälter an mich gewandt.

Ich drückte meinen Dolch an meine Seite, verbeugte mich schweigend und ging auf das Stalltor zu, von dem Darius mir entgegenkam. Als er auf meiner Höhe war, beugte er sich leicht und ich bildete mir ein, meinen Namen zu hören. Der Geruch von Sommerregen drängte kurz den fauligen Stallgeruch zur Seite. Ich verlangsamte erwartungsvoll meine Schritte, doch Darius ging zügig an mir vorbei, weiter auf die Prinzessin zu. Ich wandte mich im Gehen kurz um und sah, wie sich der General über die Prinzessin beugte und sie auf die Wange küsste.

»Mistrane, Ihr seid wie immer wunderschön«, hörte ich seine Stimme, die mir einen Stich ins Herz verpasste.

Matheo stand entspannt in Schatten gehüllt daneben. Es schien nichts Ungewöhnliches zu sein. Mein Herz krampfte und ich konnte die aufflammende Eifersucht nur schwer runterschlucken. Mit schnellen Schritten ging ich weiter auf den Ausgang zu, mein Blick fest auf mein Ziel gerichtet. Ich wollte hier nur schnell weg.

»Darius, das kann nicht dein Ernst sein.« Die Stimme der Prinzessin hallte durch den Stall, bevor ich das Tor erreichte.

Als ich mich noch einmal umwandte, bemerkte ich, dass alle drei mich musterten. Matheo tat es mit seinem festen Blick, den er anscheinend immer hatte. Die Prinzessin blickte abwertend auf meine Gestalt und ich konnte es ihr nicht einmal verübeln. Die Person, die ich hier darstellte, war nicht im Geringsten die, die ich zu Hause im Erdreich war. Der Blick von Darius traf mich jedoch am meisten. Es sah fast so aus, als würde er sich für mich schämen. Etwas betreten sah er wieder zu der Prinzessin hin, die nun ihre Aufmerksamkeit mit einem Lächeln ihm zuwandte.

Ich trat schnell aus dem Stall. Das Sonnenlicht draußen blendete mich und doch war die frische Luft eine Wohltat. Als sich meine Augen an das Licht gewöhnt hatten, sah ich Falkon mit den Pferden dort stehen, bereit für die Rückkehr zu Sorrels Haus.

»Ihr seht aus, als wolltet Ihr jemanden umbringen«, lachte Falkon, als ich auf die kleine Stute stieg.

»Ach, was wisst Ihr schon«, maulte ich ihn an.

»Dass Ihr Euer Schauspiel vergesst. Denkt an das Versprechen, das Ihr gegeben habt.« Damit trieb Falkon seinen Hengst vorwärts. »Ich an Eurer Stelle hätte schon längst ein paar Morde begangen. Ich kann gar nicht verstehen, dass Euer Dolch noch unbefleckt ist.« Falkon lachte zu mir herüber und deutete mit der Hand auf meinen Schenkel, an dem der Dolch unter den Reitkleidern versteckt war.

»Ihr wusstet, dass ich einen Dolch an der Seite habe, und habt mich trotzdem zu der Prinzessin gebracht?«, fragte ich etwas vorwurfsvoll.

»Natürlich. Ich bin ein Schattenkrieger, schon vergessen? Wir Schattenkrieger haben ein gutes Gespür für Waffen. Matheo wird es auch gewusst haben.«

Ich war mir nicht sicher, ob mich das beruhigen sollte.

»Der General vertraut Euch und das reicht mir. Welche Beweggründe Matheo hatte, kann ich Euch nicht sagen.«

Und so verließ ich den Hochpalast mit einer Einladung zu einem Ball zu Ehren der Clane.

3

~ Im Haus des Pferdehändlers ~

Sorrel saß auf seinem Platz im Haus und nestelte an dem Schreiben des Palastes. Seine Finger rissen das Papier immer wieder ein und er steckte seine ganze Aufmerksamkeit in die Zerstörung des Dokuments.

»Ihr wolltet mich sprechen, Herr?« Baxter betrat den Raum und war wie immer unsicher, ob er von Sorrel einen neuen Wutausbruch zu erwarten hatte.

»Ist Euch irgendwas bei der Reise meiner Frau zu dem Landgut des Generals aufgefallen?« Sorrel spie die Worte fast wie verdorbenes Essen aus.

Baxter wurde unruhig. Er hatte Sorrel nicht gestanden, dass er durch Falkon und den so vorzüglichen Wein des Generals nicht viel von seiner Aufgabe erfüllt hatte. Die Frau hatte er nicht die ganze Zeit überwacht und der Wein hatte ihn so leichtsinnig werden lassen, dass er die Nacht mit einer der Lustfrauen des Generals verbracht hatte. Falkon hatte ihm den Besuch bereitwillig bezahlt– als Wiedergutmachung für die Unannehmlichkeiten, die er durch die Reise auf sich nehmen musste. Der Schattenkrieger hatte ihn da viel besser verstanden als Sorrel.

»Es gab keine Auffälligkeiten. Eure Frau ritt den hellen Hengst und begab sich danach auf das ihr zugewiesene Zimmer. Ich schlief vor der Tür, wie Ihr mich angewiesen hattet.« Die Lüge kam Baxter zu leicht über die Lippen. »Der General hatte mir ein eigenes Zimmer geboten, doch ich habe Euch gehorcht.« Sein Mut verwunderte ihn selbst ein wenig, doch er konnte erkennen, dass Sorrel schon mit seinen Gedanken woanders war.

»Ich bin verwundert über die Einladung zum Ball. Es ist doch eigenartig, dass ich nie in den Palast eingeladen wurde und jetzt, wo diese Frau hier ist, kommt schon die zweite Einladung.« Sorrel war in seinen Gedanken versunken.

»Es ist doch eine große Ehre. Ihr könnt neue Kontakte knüpfen und mehr Pferde verkaufen.« Baxter nestelte unsicher an seiner Kleidung und sah unterwürfig zu dem Pferdehändler hinüber.

Sorrel sah ihn lange und prüfend an. »Da hast du recht. Es wird mir neuen Reichtum bringen. Die Frau rechnet sich vielleicht doch. Auch wenn sie keine Nachkommen bringt, kann ich den Kontakt durch den General nutzen und dem Hochpalast Pferde verkaufen.« Ein breites Grinsen zog sich über das Gesicht von Sorrel. »Weis Catherine an, dass sie meiner Frau ein Kleid suchen soll. Und sie soll einen dickeren Schleier tragen. Es darf auf keinen Fall jemand ihre wahre Identität erfahren. Und stell Pferde für den Ritt zum Palast bereit. Den grauen Windhengst und den schwarzen Hochstadthengst, der noch draußen in den Stallungen ist.«

Sorrel stand von seinem Platz auf und trat wieder in seinen Gedanken versunken durch den Raum. Der Ball würde erst in ein paar Tagen stattfinden. Bis dahin musste Sorrel seinen Pferdebestand noch einmal kontrollieren.

Baxter nutzte die Chance und stahl sich aus dem Raum. Auch wenn Sorrel sein Herr war, war er doch nicht gern in seiner Nähe.

4

~ Im Haus des Pferdehändlers ~

Ich saß an dem kleinen Tisch in meinem Zimmer. Seit meiner Rückkehr aus dem Hochpalast ließ Sorrel mich in Ruhe. Ich war der Prinzessin für die Einladung zu ihrem Ball fast dankbar, so war Sorrel mit anderen Dingen beschäftigt als mit mir. Aber bei dem Gedanken an die Vertrautheit, die zwischen der Prinzessin und Darius herrschte, stieg in mir wieder die Eifersucht auf. Ruckartig stand ich auf und ging zu dem kleinen Fenster. Ich musste auf andere Gedanken kommen. Der Abend legte sich schon über die Hochstadt und die Lichter in den Häusern erleuchteten die Straße, die tief unter mir lag. Es waren keine Menschen auf der Straße zu sehen und mein Blick wanderte über die Stadt. Die Dächer versperrten die Sicht auf das Land jenseits der Stadtmauer. Es war ein wahnwitziger Wunsch, die Weite des Clanlandes von hier aus sehen zu können, und doch wünschte ich es mir in diesem Moment so sehnlich.

Eine Bewegung auf der Straße brachte meine Gedanken wieder zurück in die Hochstadt. Eine dunkel gekleidete Person ritt die Straße entlang und hielt vor dem Haus des Pferdehändlers. Bevor sie abstieg, sah sie sich um und erwiderte zu meinem Erstaunen meinen Blick. Die tiefblauen Augen von Darius sahen zu mir herauf und ich bildete mir ein, ein kleines Aufleuchten darin zu erkennen. Ich wich zurück in die Dunkelheit meines Zimmers und hörte das Blut durch meine Ohren rauschen. Was wollte Darius hier? Zu mir wollte er sicherlich nicht. Auch wenn ich es mir wünschen würde. Das Wasserglas auf meinem Tisch zitterte leicht und Catherine schob meine Zimmertür auf.

»Darius ist hier.« Sie lachte leise. »Kommt, Ihr sollt Euch der Gesellschaft der Herren anschließen.«

»Das musste ich noch nie.« Ich blickte sie ungläubig an.

Sie wies mich auf den Stuhl, fasste meine Haare zusammen und legte einen Schleier über sie. Diesmal ließ sie mein Gesicht aber unverhüllt.

Es verwunderte mich, dass Sorrel meine Anwesenheit forderte, und ich machte keine Anstalten, ihr zu folgen.

»Nun kommt. Seht es als gute Ablenkung von …« Sie zögerte. »… von diesem tristen Dasein in diesem Zimmer.« Sie wandte sich zum Gehen um.

Ich zog scharf die Luft ein. Eine Ablenkung von diesem erbärmlichen Leben – eingesperrt und immer in der Hoffnung, dass Raven endlich vor der Hochstadt erscheinen würde und ich ihr entfliehen konnte.

Ich trat aus meinem Zimmer und folgte Catherine die Treppe hinab und durch die dunklen Flure zu Sorrels Räumen. Sie öffnete die Tür zum Geschäftszimmer und ließ mich eintreten. Sorrel und der General saßen am Kamin, der den Raum in ein helles Licht tauchte.

»Ah, meine Liebe. Kommt und setzt Euch zu uns.« Sorrels Stimme klang freundlich und zuvorkommend, was sie sonst nie tat. Es war ein Schauspiel, um einen potenziellen Kunden zu umgarnen.

Übertrieben höflich wies er mir den freien Sitzplatz neben Darius. Die Übelkeit, die in mir aufstieg, als er meinen Arm umfasste, um mich zu geleiten, raubte mir fast den Atem. Ich wand mich aus seinem Griff. Darius blickte unverändert in das Feuer und wartete, bis die Unterredung weitergehen konnte. Sorrel kniff die Lippen zusammen und war sichtlich verärgert über mein Verhalten. Es kümmerte mich aber nicht weiter und so schritt ich durch den Raum und hielt den Blick fest auf Darius gerichtet. Als ich an dem Sessel angekommen war, der mir zugewiesen wurde, verbeugte ich mich noch ansatzweise vor dem General und setzte mich mit starrem Blick hin. Nur kurz schaute Darius auf und sein fester, kalter Blick wurde für einen Sekundenbruchteil weich. Dann sprach er mit seiner befehlenden Stimme wieder mit Sorrel.

»Nun. Ich habe Gefallen an dem Erdhengst gefunden und auch im Hochpalast sind viele auf die Qualität dieses Pferdes aufmerksam geworden. Ich halte Clanpferde für eine gute Investition.«

Ich hörte zu und hielt meine Hände fest verschränkt. Ich wusste, wen er meinte. Die Prinzessin hatte ihr Interesse an den Hengsten des Generals nur zu deutlich gemacht. Zumal ich mir mittlerweile sicher war, dass ihr Interesse nicht nur seinen Pferden galt.

»Die Beschaffung von solch besonderen Pferden ist in der jüngst vergangenen Zeit schwierig geworden. Es gibt immer mehr Unruhen im Clanland. Nicht zuletzt durch die Übergriffe, an denen Ihr selbst beteiligt seid. Die Geschäftsbeziehungen mit den Clanen sind sehr angespannt.«

Ich erinnerte mich an Sorrels Besuch meines Clans, bei dem er so unverschämt meinen Hengst gefordert hatte. Meine Knöchel knackten und ich ließ erschrocken meine Hände wieder in meinem Schoß fallen. Ich spürte, wie Dariusʼ Blick über meine Hände und zu meinem Gesicht glitt.

»Das sollte doch für einen Geschäftsmann wie Euch kein Hindernis darstellen. Zumal ich versichern kann, dass es vorerst keine weiteren Gabensuchen geben wird«, gab er bissig zurück.

»Es wird Euch aber einiges kosten«, murmelte Sorrel etwas gereizt. Ich konnte seine Geldgier förmlich auf meiner Zunge schmecken.

»Darüber solltet Ihr Euch keine Sorgen machen. Nur würde ich eine schnelle Lieferung vorziehen. Ihr wisst um die Lage des Heeres.«

Sorrel nickte und sein Gesicht verzog sich zufrieden.

»Nun, dann lasst uns darauf ein Glas trinken«, schlug der General vor.

Sorrel sprang auf und lief bereitwillig aus dem Raum, um Wein zu holen. Ich sah ihm nach und wusste, dass er sich schon daran machte, seinen Raubzug bei den nächstgelegenen Clanen zu planen. Die Pferde taten mir jetzt schon leid. Eine Berührung an meinen Händen riss mich aus meinen Gedanken und ich bemerkte eine Hand von Darius auf meinen. Er blickte weiter in die Flammen im Kamin.

»Ich hoffe, dass es dir gut geht.« Sein Blick suchte meinen.

Ich wollte etwas sagen, doch meine Stimme gehorchte mir nicht.

»Ich hoffe, dass Sorrel noch vor dem Ball aufbricht, um Pferde zu holen. Mit etwas Glück wird er es nicht rechtzeitig zurückschaffen, um am Ball teilnehmen zu können.«

»Das wird er nicht«, gab ich nüchtern zurück. »Er redet über nichts anderes. Er hat sich schon Pferde für den Ritt dorthin bringen lassen. Anscheinend verspricht er sich sehr viele neue Kunden von dem Ball. Das wird er auf keinen Fall verpassen.«

Darius atmete schwer aus. Die Wärme zwischen unseren Händen wurde immer stärker. Er griff mit seinen Fingern in meine, wie er es auf der Lichtung auch getan hatte, und lächelte mich unsicher an. Dann lehnte er sich leicht zu mir herüber und zog mich zu sich heran. Ich lehnte mich weiter vor und als seine Lippen meine berührten, durchfuhr eine Hitze meinen Körper. Sein Geruch nach Sommerregen stieg mir in die Nase und ich zog unbewusst die Luft tief in mich ein, um diesen Geruch nicht zu verlieren. Der Kuss, der erst so vorsichtig begonnen hatte, wurde fordernder und ich wusste, dass es nicht sein durfte. Ich schob ihn von mir weg und lächelte ihn traurig an. Er drückte meine Hand noch einmal und setzte sich dann tief zurück in seinen Sessel. Ich folgte seinem Blick in die Flammen und so gaben wir ein völlig normales Bild ab, als wir schweigend am Feuer auf den Wein warteten.

Sorrel polterte in das Zimmer zurück und ließ die Gläser aneinanderklirren. Unbeholfen öffnete er den Korken der Weinflasche und füllte die Gläser. Eins davon reichte er dem General, dann zögerte er, mir ebenfalls eins zu geben.

»Ich bitte die Herren um Entschuldigung. Ich möchte mich zurückziehen.« Ohne auf Sorrels Erlaubnis zu warten, verbeugte ich mich kurz vor Darius und verließ eilig den Raum.

  

Der General blickte Raja hinterher, als sie mit eiligem Schritt den Raum verließ.

»Frauen haben bei solchen Geschäften auch nichts verloren. Meine Frau ist zwar eine gute Pferdekennerin, aber viel im Kopf hat sie nicht.«

Sorrel ließ sich auf seinen Sitzplatz fallen und richtete seine Aufmerksamkeit auf sein Weinglas. Seine Bemerkung ließ der General im Raum verhallen. Der Pferdehändler bemerkte die zusammengebissenen Zähne und die grau verfärbten Augen des Generals nicht, der dem Pferdehändler zuprostete, jedoch nur andeutete, den Wein zu trinken. Sorrel dagegen nahm einen tiefen Schluck und leerte sein Glas schneller, als er es hätte tun sollen. Darius war es nicht entgangen und so stand er auf und holte die Weinflasche, um das Glas für sein Gegenüber wieder zu füllen. Sorrel, den Wein schnell anheiterte, suhlte sich in der Aufmerksamkeit, die ihm der hohe Würdenträger und nun auch Geschäftspartner entgegenbrachte. Dass dieser all dies nur für Raja tat, war Sorrel nicht bewusst und so trank der Pferdehändler mehr, als er vertragen konnte. Als er betrunken auf seinem Sitzplatz einschlief, verließ der General zufrieden das Haus. Die Aufgabe, die Sorrel erhalten hatte, würde ihn hoffentlich von Raja ablenken.

Auf der Straße war der General über die frische Luft dankbar. Der muffige Geruch, der in Sorrels Haus stand, war ihm zuwider. Er würde den Nachtfalken bitten, dass Raven eine Nachricht zugesandt wurde, damit er schneller in Richtung der Hochstadt vorrücken würde. Es war zwingend nötig, dass Raja aus diesem Haus gebracht wurde.

Die Nacht war schon fortgeschritten. Die Lichter in den Häusern der Hochstadt brachten nur wenig Helligkeit und ließen ein paar Sternen die Chance, ihren Schein auf die Straße zu werfen. Der Blick des Generals glitt von den Sternen wieder zurück zu dem Haus, vor dem er stand. Oben unter dem Dach war ein kleines Fenster, hinter dem er nur schemenhaft Rajas Silhouette mit ihren weißen Haaren erkennen konnte. Er schickte einen kleinen Windstoß hinauf an ihr Fenster, das kurz erzitterte. Ganz vorsichtig erschien ein kleines Aufleuchten hinter der Scheibe und dann verschwand Raja in der Dunkelheit ihres Zimmers.

5

~ Im Haus des Pferdehändlers ~

Ich sah an dem Kleid herunter, das Catherine für mich ausgesucht hatte. Der hellblaue Stoff schmiegte sich um meinen Körper und zeichnete ihn deutlicher ab, als mir lieb war. Nach ihrer Aussage war das in der Hochstadt gerade modern und so schwieg ich. Der lange Schleier, der mir weit über meinen Bauch und Rücken fiel, verhüllte mich und meinen Körper glücklicherweise etwas. Er verbarg mich auch vor unerwünschten Blicken und ließ mich trotzdem alles wahrnehmen.

Auf dem Hof warteten Baxter und Sorrel mit den Pferden bereits auf mich und ich wurde von Baxter unsanft auf den grauen Windhengst geschoben. Catherine schimpfte pausenlos, dass er auf das Kleid achtgeben sollte, doch er hörte nicht auf die kleine Clanfrau.

Während des Ritts zum Palast hörte Sorrel nicht auf, mir Ermahnungen vorzubeten, die ich an mir abprallen ließ. All diese Dinge waren mir klar und ich brauchte seine lächerlichen Anweisungen nicht, um auf mich aufzupassen.

Der Hochpalast war hell erleuchtet und richtete sich trotz der vielen Fackeln bedrohlich vor mir auf. Sorrel brachte die Pferde vor der hochgeschwungenen Treppe, die zum Eingang des Palastes führte, zum Stehen. Ein Knecht half mir von dem kleinen grauen Windhengst. Sorrel selbst hatte einen prachtvollen Hochstadthengst gewählt und ich bemerkte deutlich, wie die anderen geladenen Gäste die Pferde musterten und über ihre wundervolle Erscheinung sprachen. Ein Pferdehändler auf dem Ball. Ich musste unter dem Schleier leise auflachen. Für Sorrel war es eine große Ehre. Würde ich in meiner eigentlichen Stellung als Tochter eines Clanfürsten hier sein, wäre es für mich eine Selbstverständlichkeit. Aber Sorrel hatte dafür keine freien Gedanken. Er ließ seine Pferde von dem Knecht noch einmal im Kreis führen, ehe sie in die Stallungen gebracht wurden.

Zufrieden von dem Bild, das die beiden Pferde boten, richtete er seine Aufmerksamkeit auf die umstehenden Gäste und ging die Treppenstufen hoch zu der Feierlichkeit. Ich folgte ihm einfach und unsichtbar, so wie es von mir erwartet wurde. Der Teil des Palastes, durch den ich Sorrel folgte, wirkte ganz anders als der Teil, den ich schon kannte. Die Säulen waren dunkel und unter den hohen Decken wallten bedrohliche Schatten. Der Hemmerstein, den Catherine mir zwischen meine Brüste gebunden hatte, lag mir schwer auf dem Herzen und pochte immer heftiger. Durch eine riesige Flügeltür gelangten wir in einen großen hell erleuchteten Saal, in dem bereits Musik gespielt wurde und sich eine große Menschenmenge drängte. Ein mir bekannter Schauer rieselte über meinen Rücken. Es verwunderte mich nicht, dass auch der Hochpalast mit Sucherzaubern ausgestattet war. Ich blieb stehen und blickte mich um. Der Saal hatte hohe Fenster und der steinerne Boden glänzte hellgrau im Licht der Kerzen, die zu tausenden auf den Kronleuchtern brannten und doch niemals erloschen. Ihr Feuer stammte vom Feuerclan und würde erst erlöschen, wenn der Saal verlassen war. Wie dieser Saal wohl mit dem Licht des Lichtclans aussehen würde? Ich versank in meinen Gedanken und Träumereien, sodass ich Sorrel nicht bemerkte, der sich anscheinend wieder an meine Anwesenheit erinnerte und neben mir auftauchte.

»Verhaltet Euch unauffällig und bleibt am Rand. Sprecht zu niemandem!«, zischte er mir zu und verschwand dann in der Menge der Menschen.

Wahrscheinlich wäre es ihm lieber gewesen, wenn ich ihn nicht begleitet hätte. Es überraschte mich fast, dass er sich auf meinen bedingungslosen Gehorsam verließ. Wie viel Horchertinktur er wohl in den letzten Tagen in mein Wasser mischen ließ, wollte ich mir gar nicht erst vorstellen, doch tief in mir war ich Catherine unendlich dankbar, dass sie mich davor bewahrte.

Als Sorrel gänzlich aus meinen Sichtfeld verschwunden war, atmete ich erleichtert aus und ging zu den Säulen am Rand des Saales, die mir mit ihren Schatten eine gute Zuflucht boten. Von hier aus konnte ich den Saal gut überblicken, war aber für den größten Teil der Anwesenden unsichtbar. Die hochgeborenen Menschen, die sich in der Gunst des Hochkönigs suhlten, langweilten mich. Es erschien wie ein schlechtes Schauspiel. Die bunten Kleider und Gewänder der Gäste unten im Saal und die schwarzen Schatten, die auch hier im Deckengewölbe hingen, wirkten künstlich und aufgesetzt. Der Hochkönig war weit entfernt auf seinem Thron und beobachtete die Menge. Der Sitzplatz neben ihm war frei. Die Prinzessin war anscheinend noch nicht anwesend. Ich war auch nicht sehr erpicht darauf, ihr wieder zu begegnen.

Ein Schauer lief mir über den Rücken und eine Kälte fuhr in mich, die mir die Luft zum Atmen nahm. Ich begann zu zittern und fühlte mich kurz wie gelähmt.

»Euch kenne ich noch nicht und doch kommt Ihr mir seltsam vertraut vor. Ihr tragt einen interessanten Geruch an Euch. Einen Geruch, den ich nur aus meinen Träumen kenne.«

Hinter mir säuselte eine kalte Stimme und ich drehte mich langsam um. Mein Körper handelte ohne mein Zutun, denn ich wäre lieber weggelaufen, als mich