Der Achte Tag 3 - Dianne K. Salerni - E-Book

Der Achte Tag 3 E-Book

Dianne K. Salerni

0,0

Beschreibung

Im dritten Buch der Reihe geht der Kampf um den Achten Tag weiter - und es steht mehr auf dem Spiel als je zuvor. Der Kampf zwischen den Sippen und den Wechslern, der sich seit Jahrhunderten zusammenbraut, hat sich endgültig verschärft. Die finsteren Sippen haben Evangelines jüngere Schwester Addie gefangen genommen, eine Nachfahrin Merlins, deren Anwesenheit es ihnen ermöglichen wird, den Zauber des achten Tages umzukehren und sich zu befreien. Addie ist sich der Tragweite ihrer Beteiligung nicht bewusst. Sie hat den Sippen geholfen, weil sie die Kraft ihrer Magie schätzen - etwas, das Evangeline nie getan hat. Dem Gefühl der Macht, das durch ihre Adern fließt, kann sie nicht widerstehen. Währenddessen schmieden Riley, Evangeline und Jax einen Plan, um Addie vor ihren Entführern zu retten. Doch die unaufhaltsame Magie der Sippe und eine rebellische Addie zwingen Riley dazu, zu überdenken, ob es die Rettung von Addie wert ist, jeden zu opfern, der in der Siebentagewoche lebt. Jax will nicht zulassen, dass Evangelines Schwester als Schachfigur benutzt wird, also riskiert er alles in einer eigenen geheimen Mission. Während die Morrigan beide Seiten des Krieges in Richtung Vernichtung treiben, muss Addie entscheiden, wem ihre Loyalität gilt, während Jax, Riley und Evangeline sich mit der Möglichkeit auseinandersetzen, Addie zu verlieren, um die Welt zu retten. Abenteuer, Action und Magie prallen im neuesten Teil der Serie aufeinander, die das School Library Journal als "rasant und spannend" bezeichnete.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 439

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



 

Addie öffnete ihre Zimmertür gerade noch rechtzeitig, um einen Jungen mit zerzaustem dunklem Haar beim Durchwühlen ihrer Habseligkeiten zu erwischen. Sie schnappte nach Luft. Der Junge ließ ihre Tasche fallen und hob in einer Unschuldsgeste beide Hände. »So hatte ich mir unser Kennenlernen eigentlich nicht vorgestellt«, sagte er rasch. »Aber ich kann das erklären …«

Als Addie das Mal auf dem Handgelenk des jungen Wechslers bemerkte, wusste sie, dass sie seine Erklärung nicht abwarten durfte – und erst recht nicht seine Fragen. Sie ballte die Fäuste und murmelte leise Worte, während sie ganz automatisch einen Zauber vorbereitete, um sich gegen diesen Feind zu verteidigen.

 

foliant Verlag1. Auflage: 2025

Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem TitelTHE MORRIGAN‘S CURSE by Dianne SalerniCopyright © 2016 by Dianne SalerniPublished by HarperCollins Publishers L.L.C..Published by arrangement with Pippin Properties, Inc. through Rights People, London.

Die Rechte an der Nutzung der deutschen Übersetzung von Kerstin Fricke liegen beim foliant Verlag, Hegelstr.12, 74199 Untergruppenbach

Umschlaggestaltung: © Hilden-Design, München, 2025

Übersetzung: Kerstin FrickeLektorat: Mona GabrielSatz: Kreativstudio foliantISBN 978-3-910522-40-4

www.foliantverlag.de

Für die Lehrer der Avon Grove Intermediate School, die mir immer wieder versichert haben, dass ich das schaffen kann.Bitte entschuldigt, dass ich so oft schneefrei hatte.

 

Familienübersicht für»Der Fluch der Morrigan«

Wechslerfamilien mit einem Platz an der Tafelrunde

Bedivere

Bors (Dulac-Vasallen)

Dulac

Kaye (Pendragon-Vasallen)

Lyonnesse

Morgan

Owens (kürzlich verstorben)

Pellinore

Pendragon

Sagramore

Unvollständige Liste der Wechslervasallen

Ambrose (Dulac-Vasall)

Aubrey (Emrys-Vasall)

Balin (Wylit-Vasall)

Crandall (Pendragon-Vasall)

Ganner (Dulac-Vasall)

Morder (Halbblut, Dulac-Vasall)

Unvollständige Liste der Unabhängigen Wechsler

Carroway

Donovan

Mit Wechslern verbündete Sippenfamilien

Corra

Emrys*

Taliesin

Gegnerische Sippenfamilien

Aeron**

Arawen (früher in Oeth-Anoeth eingesperrt)

Llyr (früher in Oeth-Anoeth eingesperrt)

Mathonwy

Wylit

 

* Elwyn Emrys hat die traditionelle Loyalität seiner Familie verraten, als er sich dazu verschwor, den Achter-Tag-Zauber zu brechen.

** Die Aerons waren kurzzeitig mit Merlin Emrys verbündet, um der Inhaftierung in Oeth-Anoeth zu entgehen, als der Achter-Tag-Zauber gewirkt wurde. Heutzutage stehen sie den Emrys als Gegner gegenüber.

Inhalt

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

Dank

Unter normalen Umständen mochte Addie Emrys keine Höhen, aber in diesem Fall war die Aussicht die Sache wert. Sie beugte sich über das Holzgeländer und beobachtete, wie die Wellen an der Küste unter ihr gegen die Felsen donnerten und Gischt durch die Luft spritzte. Bis zum heutigen Tag hatte Addie noch nie das Meer gesehen. Seen kannte sie durchaus. Ihre Wechsler-Pflegeeltern waren mit ihr an Seen gefahren, doch selbst der Lake Champlain war im Vergleich hierzu nur eine Pfütze.

Die Bewegung und das Rauschen des Wassers faszinierten sie. Addies Erfahrung nach waren natürliche Gewässer stets im Augenblick zwischen zwei normalen Tagen erstarrt. Sie verharrten in einer einzigen Sekunde, die sich über vierundzwanzig Stunden erstreckte; Seen schwappten lustlos wie Wasser in einer Badewanne ans Ufer, Ströme lagen so still wie Teiche und Wasserfälle tröpfelten wie undichte Wasserhähne.

Die Wellen, die sie jetzt beobachtete, waren für einen achten Tag unnormal und wurden vom Wind aufgepeitscht, was sie ebenfalls nicht kannte. Addie hob den Kopf und genoss die kühle Luft, die ihr gegen die Wangen wehte und ihren langen Pferdeschwanz aufwirbelte. Das war Wetter.

Nur Magie konnte am achten Tag Wetter erschaffen, und während der letzten eintausendfünfhundert Jahre waren die das Wetter manipulierenden Llyrs in den Tiefen von Oeth-Anoeth eingesperrt gewesen, einer uralten walisischen Festung, die magische Talente unterdrückte. Vor zwei Tagen hatte eine bewaffnete Militäreinheit die Festung infiltriert und die einzigen noch lebenden Nachfahren der ursprünglichen sechs Sippenfamilien, die man damals dort eingesperrt hatte, herausgeholt.

Zwei Llyrs. Eine Arawen.

Da sie jetzt von ihren physikalischen und magischen Fesseln befreit waren, erschufen die Llyrs das erste Achter-Tag-Wetter, seit ihre Vorfahren vor Jahrhunderten eingesperrt worden waren. Addie war auf dem Weg, um ihnen mit eigenen Augen beim Wirken ihrer Magie zuzusehen, doch sie hatte hier kurz eine Pause eingelegt, damit sie den Panoramablick genießen konnte: den gewaltigen Ozean, den schmalen Streifen Land in der Ferne, der die Küste von Maine darstellte, und den endlosen Himmel, an dem nun dunkle Wolken wogten.

Wassertropfen fielen auf ihre Haut, doch die plötzliche Gänsehaut auf ihren Armen hatte nichts mit der kalten Meeresgischt zu tun. Wieder einmal versuchte jemand, sie mit einem Suchzauber zu finden. Wer immer diese Person war, sie ließ einfach nicht locker. Addie drehte sich um und starrte die weiße Außenfront des Hauses an, während sie sich vorstellte, von lauter solchen Wänden umgeben und nicht zu sehen zu sein.

Möglicherweise war der Sucher jemand aus ihrem früheren Pflegezuhause, allerdings bezweifelte Addie das. Wahrscheinlich waren es die Dulacs, ein skrupelloser Wechslerclan, der Addie eingesperrt hatte und dem sie gestern entkommen war. Bedauerlicherweise hatte sie sehr viel von sich zurückgelassen, das für Suchzauber benutzt werden konnte: Haare, abgeknabberte Fingernägel, Blut.

Ich bin hinter meiner Mauer unsichtbar. Addie konzentrierte sich auf ihren Herzschlag, den Rhythmus, in dem ihr Blut durch ihre Adern rauschte – das Blut einer Emrys, das den Achter-Tag-Zauber im Laufe der Zeit aufrechterhielt. Nach einigen Sekunden verschwand die Gänsehaut.

»Schon wieder?«, fragte eine Stimme hinter ihr. Sie drehte sich um und stellte fest, dass Kel Mathonwy sie durch die Balkontür beobachtet hatte. »Ich wollte dich nicht aus deiner Konzentration herausreißen«, sagte er. Der Wind bauschte sein silbriges Haar, und er strich seinen Pony glatt, mit dem er den berühmten Stil eines Popstars der Normalen kopierte, dessen Musik weder Kel noch Addie je gehört hatten.

»Sie haben aufgegeben. Vorerst jedenfalls.« Addie lächelte ihren alten Freund an. Eigentlich war er ihr neuer Freund, denn sie hatten sich vor sehr langer Zeit nur kurz gekannt, als sein Vater zusammen mit ihrem Vater einen wagemutigen und rebellischen Plan geschmiedet hatte, um den Achter-Tag-Zauber zu widerrufen. Als Kinder hatten Kel und sie zusammen im Wald hinter ihrem Haus gespielt, obwohl ihre Schwester alles darangesetzt hatte, sie voneinander zu trennen.

Das Wiedersehen mit Kel vor wenigen Tagen war weitaus mehr als nur Zufall gewesen. Addie hielt es für ein Zeichen, dass es ihr vorherbestimmt war, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Die Gefangennahme durch die Dulacs unmittelbar danach war ihrem Schicksal kurzzeitig in die Quere gekommen, aber dann hatte Kel sie mit der erstaunlichsten Rettungsmannschaft, die man sich nur vorstellen konnte, befreit.

»Du solltest meinem Vater sagen, dass dich jemand auf magische Weise sucht.« Kel hielt ihr die Balkontür auf. »Und bleib im Haus, wo du geschützt bist.« Kels Vater hatte ein Händchen für Schutzzauber, die gar nicht so leicht zu beherrschen waren.

»Es gibt keinen Grund dafür. Ich kenne einen Blockzauber.«

»Aber du wirst sehr schnell erschöpft, wenn du ihn ständig wirken musst.«

»Nein«, widersprach Addie überzeugt. »Ich schaff das schon.« Sie grinste Kel an.

»Komm mit. Du willst die Show doch nicht verpassen, oder?« Kel führte sie nach unten und durch sein Haus. Sein Herrenhaus, korrigierte sich Addie und bewunderte die großen Räume mit den weißen Teppichen, den Wildledermöbeln und den bodentiefen Fenstern mit Blick aufs Meer. Die Bücherregale waren ebenso mit Klassikern wie den neuesten Bestsellern gefüllt. Zeitungen und Magazine stapelten sich auf den Beistelltischen, und teure Kunstwerke zierten die Wände. In den Jahren, die Addie in der Zwischenstation bei ihren Pflegeeltern verbracht hatte, waren ihr viele heimatlose und verzweifelte Sippenmitglieder auf der Flucht begegnet. Keiner von ihnen hatte seine ausgedehnte Lebensspanne dazu verwendet, mit normalen Mitteln einen derartigen Reichtum anzuhäufen, wie es Kels Vater Madoc Mathonwy gelungen war.

Selbstverständlich hatte er auch davon profitiert, dass das Mathonwy-Talent Wohlstand war.

Zusammen mit Kel eilte sie durch das Erdgeschoss und die Terrassentüren ins Freie und über den Weg zum Flugzeughangar. Auf der Startbahn beobachteten mehrere Personen drei Gestalten am anderen Ende. Kels Vater stand inmitten der größeren Gruppe, rauchte genüsslich eine Zigarette und wirkte sehr zufrieden. Nur dank Madocs langfristiger Planung und seines Reichtums hatte er diese geheime Verbindung mächtiger Sippenmitglieder herbeiführen können. Addie war der Ansicht, dass er mit Fug und Recht stolz auf sich sein konnte.

In seiner Gesellschaft befanden sich Mitglieder des Aeron-Clans – der Schlägertruppe, auf der Madocs Pläne aufbauten. Die Aerons waren mit dem Talent gesegnet, für Chaos und Zerstörung zu sorgen. Am Tag vor Addies Befreiung aus der Gewalt der Dulacs hatten die Aerons ein von Kels Vater erworbenes Militärflugzeug bestiegen, um die Llyrs aus Oeth-Anoeth in Wales zu befreien. Im Zwielicht der sich auftürmenden dunklen Wolken wirkten ihre Gesichter geisterhaft und teuflisch. Die Aerons neigten dazu, ihre Gesichter mit furchterregenden Tattoos zu verzieren, um ihre Taten zu feiern, und alle Anwesenden hatten sich für ihre Rolle beim triumphalen Angriff auf die mittelalterliche walisische Festung neue verdient.

Am Ende der Startbahn wandte sich Bran Llyr, der Anführer der berüchtigtsten Familie, die in Oeth-Anoeth eingesperrt gewesen war, dem Meer zu und schrie uralte Worte in den Wind. In einer Hand hielt er einen Stab, und sein langes, glattes weißes Haar flatterte wie eine Fahne um seinen Kopf. Neben ihm murmelte sein Sohn Griffyn andere Zauber und runzelte konzentriert die Stirn. Griffyn war achtzehn oder neunzehn und hatte ebenfalls lange Haare, die er jedoch wie ein Krieger aus dem Mittelalter zu einem Zopf flocht. Das letzte Mitglied des Trios war ein Mädchen und so groß und fast so breitschultrig wie Griffyn. Ysabel Arawen manipulierte nicht das Wetter – das Arawen-Talent war finsterer und morbider –, aber sie lieh Griffyn, den sie an den Händen hielt, ihre Kraft.

Die drei trugen noch immer die Kleidung, in der sie entkommen waren – grobe Stoffhosen und Tuniken. Dazu hatten Griffyn und Ysabel Lederwesten an und sich Wurfmesser an die Arme und Beine geschnallt, sodass sie aussahen, als wären sie direkt einer mittelalterlichen Sage entsprungen. Anhand der wenigen Informationen, die Addie hatte, vermutete sie, dass die Gefangenschaft in Oeth-Anoeth auch so ähnlich gewesen war, als hätte man sie im Mittelalter festgehalten. Zehn Generationen der Llyr- und Arawen-Familien hatten zusammen mit mehreren anderen Blutlinien ihr Leben in dieser Festung verbracht und waren im Laufe der Jahrhunderte gestorben, bis nur noch diese drei übrig waren.

Aus ihrem Gefängnis befreit, hatte man die Überlebenden von Wales über Grönland auf diese Insel gebracht – und danach auf Kels beharrliches Drängen hin direkt nach New York, um Addie zu retten.

Schließlich war Addie das wichtigste Sippenmädchen auf dem Planeten, das einzige noch lebende Mitglied der Emrys-Familie und die einzige Person, die den Achter-Tag-Zauber in ihrem Blut trug. Wenn Addie starb, würde der achte Tag aufhören zu existieren, und die Existenz mehrerer tausend Sippenangehöriger, die nur an diesem Tag lebten, würde ebenfalls enden.

Addies Eltern waren vor Jahren ermordet worden, und sie hatte erst vor Kurzem erfahren, dass ihr Bruder und ihre Schwester ebenfalls nicht mehr lebten. Laut ihrer Dulac-Kerkermeister war ihre ältere Schwester Evangeline – die Kluge, die Gute, der Liebling ihres Vaters – erst fünf Tage zuvor in Mexiko bei dem Versuch, den Achter-Tag-Zauber zu brechen, ums Leben gekommen. Addie wusste, dass sie Trauer, Schmerz – irgendetwas – empfinden sollte, aber sie hatte ihre Schwester schon ihr halbes Leben nicht mehr gesehen, daher wusste sie schlichtweg nicht, wie sie um sie trauern sollte.

Stattdessen betrachtete sie den sich anbahnenden Sturm.

Mächtige Magie war den Llyrs zu eigen, auch wenn Oeth-Anoeth diese ihr ganzes Leben lang unterdrückt hatte. Bei ihrer grauenhaften Flucht aus New York in den frühen Morgenstunden dieses Tages hatte Addie gesehen, wie Bran mächtige Blitze zu schleudern vermochte – wenn sie sich nicht gerade vor Angst die Augen zugehalten hatte. Aber selbst das verblasste im Vergleich zu dem, was er jetzt vollbrachte. Donnerwolken ballten sich über dem Meer zu einer ganzen Stadt aus schwarzen Wolkenkratzern, die sich gen Himmel erstreckten und zwischen denen sich Blitze wie Brücken bogen. Regen prasselte auf sie herab. Addies Kleidung klebte an ihrer Haut.

Dann stieß Kel sie mit einem Ellbogen an und deutete auf einen Felsvorsprung einige hunderte Meter vor der Küste – ein kleiner Flecken Land, nicht groß genug, um als Insel bezeichnet zu werden. Durch den Regen und die Dunkelheit konnte Addie die Gestalt auf den Felsen kaum ausmachen, über deren Kopf schwarze Objekte kreisten. Addie riss den Mund auf und wollte schon schreien, dass eines der Aeron-Mädchen im Meer gestrandet war und gerettet werden musste – doch dann dämmerte ihr, dass es sich bei den kreisenden Objekten um Krähen handelte. Ihr Warnschrei erstarb auf ihrer Zunge.

Bran Llyr bellte einen letzten Befehl und reckte seinen Stab gen Himmel. Der gewaltige Sturm bewegte sich in Richtung Süden und von der Insel weg. Er lachte zufrieden und drehte sich zu der kleinen Felsinsel um.

Addie sah ebenfalls hin. Das Mädchen war verschwunden.

»Hast du sie gesehen, Madoc?«, verlangte Bran mit einem Akzent zu erfahren, der für Addie britisch klang, wenngleich sie wusste, dass er walisisch sein musste.

Madoc stieß den Zigarettenrauch aus. »Ja. Diesmal war sie näher als beim letzten Mal.«

»Du hast sie schon einmal gesehen?«, fragte Kel ungläubig.

»Vor zwei Tagen stand sie auf dem Hügel über Oeth-Anoeth«, berichtete Condor Aeron, der Anführer seines Clans.

»Und Ysabel hat sie gestern vor dem Dulac-Gebäude gesehen, als ihr Addie befreit habt«, fügte Madoc hinzu. Das Arawen-Mädchen bestätigte das mit einem Nicken.

Das Krähenmädchen war eine von drei Inkarnationen der Morrigan, einer übernatürlichen Macht, die Chaos und Zerstörung brachte. Bekannterweise stieß das Mädchen Ereignisse an, die zu chaotischen Konflikten führten, während ihre Frauengestalt den Tod vorhersagte und die Vettel das Schicksal von Individuen veränderte.

Addie zitterte in ihrer nassen Kleidung. Dann habe ich jetzt schon zwei davon gesehen.

»Wo habt ihr den Sturm hingeschickt?«, wollte Kel von Bran Llyr wissen.

Bran winkte ab. »In diese Stadt – dieses Wechslernest. Wie hieß sie doch gleich?«

»New York«, antwortete Addie, die wieder einmal darüber staunte, dass diese ehemaligen Gefangenen so rein gar nichts über die moderne Welt wussten und nicht einmal den Namen New York kannten.

Auf einmal spürte sie erneut dieses Kribbeln auf den Armen und am Hals. Der Möchtegernsucher war wieder am Werk, und das nur wenige Minuten nach seinem letzten Versuch. Wirklich clever – er versuchte, sie zu überraschen. Bedauerlicherweise hatte er keine Ahnung, mit wem er sich da anlegte!

Addie wirbelte herum und betrachtete den Hangar, in dem Madocs Privatflugzeug stand. Sie stellte sich vor, auf allen Seiten von unscheinbaren Holzplanken umgeben zu sein, die wie die weiß bemalten Bretter dieses Gebäudes aussahen, und schuf in ihrem Verstand eine Festung für sich. Hinter sich hörte sie Kel zu seinem Vater sagen, dass sie sich seit Mitternacht schon mehrmals gegen diesen Sucher zur Wehr gesetzt hatte. Addie versuchte, nicht hinzuhören, um sich auf die geheime Quelle ihrer Macht zu konzentrieren und den Zauber abzuwehren.

Aber Brans Stimme ließ sich nicht überhören. »Sieh mich an, Kind.« Addie hob den Kopf, und Bran legte ihr eine raue Hand auf die Stirn.

Grellweiße Hitze schoss durch ihren Kopf, und aus ihrer Kehle drang ein Schrei. Alles wurde schwarz und fleckig, Farben vergingen in Finsternis. Als sie wieder etwas sehen konnte, stellte sie fest, dass sie auf der Startbahn lag. Sie keuchte wieder und wieder, kämpfte gegen die Übelkeit an und blickte entsetzt zu Bran auf.

»So«, sagte der Llyr-Lord voller Stolz. »Mal sehen, ob die Person, die den Zauber wirkt, mein kleines Geschenk zu schätzen weiß.«

In einem Motelzimmer am Stadtrand von New York beobachtete Jax Aubrey, wie seine Lehnsherrin einen Topf mit Wasser, ein Päckchen Safran und einige abgerissene Fetzen eines Briefs vor sich platzierte. Wenn er sich nicht verzählt hatte, war dies heute Evangelines siebter Versuch, ihre jüngere Schwester mithilfe des Suchzaubers zu finden. Direkt nach ihrem Wiederauftauchen um Mitternacht hatte sie es die ersten beiden Male versucht. Nach einer kurzen Pause und einigen Stunden Schlaf fing sie wieder von vorn an. Für Jax war bereits eine Woche vergangen, seitdem Addie Emrys den Dulacs mit der Hilfe des bösen Llyr-Clans entkommen war, aber für Evangeline und ihre Schwester, die von einem achten Tag zum nächsten lebten, war es erst gestern passiert.

»Wird sie durch Runen geschützt?«, erkundigte sich Jax.

»Jetzt schon«, antwortete Evangeline. »Aber in den ersten Stunden nach Mitternacht hat sie mich aktiv geblockt.«

»Weiß sie nicht, dass du es bist, die nach ihr sucht?«

»Es gibt keine Möglichkeit herauszufinden, wer den Suchzauber wirkt«, erwiderte Evangeline mit finsterer Miene. »Und sie hat gute Gründe, jeden, der ihr hinterherspioniert, abzuwehren.« Jax nickte. Addie war tagelang im Keller der Dulacs gefangen gehalten worden. Wahrscheinlich ging sie davon aus, dass die Dulacs sie jetzt zu finden versuchten. »Aber es ermüdet sie, den Zauber abzublocken«, fügte Evangeline hinzu. »Wenn ich sie außerhalb der Schutzzauber erwische, dringe ich irgendwann zu ihr durch. Wir müssen herausfinden, wohin die Llyrs sie gebracht haben, nachdem sie Sheila Morgans Clan heute Morgen entkommen konnten.«

Jax war sich nicht ganz so sicher, dass Evangeline der Durchbruch gelingen würde. Denn das Wirken des Suchzaubers erschöpfte sie ebenfalls. Ihre Hände zitterten, als sie den Plastikbeutel mit den Safranfäden öffnete. »Vielleicht solltest du dich doch lieber ein bisschen ausruhen, wie du es ursprünglich vorhattest«, meinte er. Evangeline hatte Riley versprochen, erst ein wenig zu schlafen, bevor sie den nächsten Versuch wagte, doch kaum hatten er und A.J. das Motelzimmer verlassen, um auf dem Parkplatz an Rileys Motorrad herumzuschrauben, da war sie auch schon wieder aufgestanden.

»Ich kann nicht schlafen, Jax. Ich muss wissen, dass es ihr gut geht. Von unserer Seite droht ihr ebenso viel Gefahr wie von den Llyrs.«

Jax konnte Evangelines Verzweiflung gut nachempfinden. Sie hatten am letzten Grunstag so kurz davorgestanden, ihre Schwester vor den Dulacs zu retten, und sie dann um wenige Minuten verpasst. Außerdem war Addie in den frühen Morgenstunden dieses Grunstags anscheinend bei einer Auseinandersetzung dabei gewesen, die mit dem Tod mehrerer Wechsler aus dem Morgan-Clan und der Flucht der abtrünnigen Sippenmitglieder endete.

Adelina Emrys war vom Regen direkt in eine turbulente Traufe gelangt.

Am letzten achten Tag hatten die Llyrs und ihre unbekannten Verbündeten das Dulac-Gebäude in Manhattan wenige Stunden vor Mitternacht zusammen mit Addie verlassen. Seitdem konnten sie nicht weit gekommen sein, bevor ihr geheimer, isolierter Tag zu Ende ging, und Sheila Morgan – die Anführerin des Clans, der die Suche nach ihnen leitete – ging davon aus, dass die Sippenmitglieder für die sieben Tage, die sie übersprangen, ein Versteck hatten. Die Morgans hatten das Gebiet eine Woche lang durchforstet und am Mittwoch mehrere bewaffnete Teams postiert, um die Sippenangehörigen zu erwischen, sobald sie wieder auftauchten.

Am Mittwochabend hatte Riley seinen Vasallen Arnold Crandall wenige Stunden vor Anbruch des achten Tages ins Hauptquartier der Morgans geschickt, um den Informationsaustausch zwischen den beiden Clans zu gewährleisten, da Telefone am achten Tag nicht funktionierten. Für die Zwischenzeit hatte Riley dieses Motel als ihre Basis auserkoren. Es befand sich weit genug vom Schauplatz des Geschehens entfernt, um Evangelines Sicherheit zu gewährleisten, lag aber noch nahe genug, damit sie schnell in die Stadt gelangen konnten, falls Addies Aufenthaltsort bekannt wurde – oder Evangeline sie mit ihrem Suchzauber fand.

Aber Evangelines Bemühungen waren gescheitert, und bei Tagesanbruch hatte Mr Crandall ihnen schlechte Nachrichten überbracht. Ein Flugzeug war gesehen worden, das von einem Feld südlich der Stadt abhob, und zwei von den Morgans geschickte Flugzeuge, die es abfangen sollten, waren mit Blitzen vom Himmel geholt worden. Zwar gab es eine Beschreibung des Flugzeugs, und man kannte die ungefähre Flugrichtung, doch sie vermuteten, dass der Kurs geändert worden war, da niemand das Flugzeug seitdem gesehen hatte.

»Wie funktioniert dieser Suchzauber?«, erkundigte sich Jax, als Evangeline sich wieder einmal vor den Topf mit Wasser setzte. »Ist das so, als würdest du durch ihre Augen schauen, oder …«

»Nein. Eigentlich müsste ich Addie und ihre unmittelbare Umgebung sehen.«

»Aber bisher siehst du …«

»Nichts, solange sie geschützt ist. Barrieren, wenn sie einen Blockzauber einsetzt.« Evangeline rieb sich die Schläfen, als hätte sie Kopfschmerzen, und holte tief Luft.

»Kann ich dir irgendwie helfen?«, fragte Jax. »Mir ist bewusst, dass ich keine Zauber wirken kann …«

»Genau genommen kannst du das.«

»Dir helfen? Oder einen Zauber wirken?«

»Beides. Jeder mit magischen Fähigkeiten kann einen Zauber wirken.«

Damit hatte sie im Grunde recht. Jax war Zeuge gewesen, wie Lord Wylit einen Zauber wirkte, durch den die Welt beinahe untergegangen wäre. Aber Zauber waren Evangelines Talent – was bedeutete, dass sie dabei eine größere Vielfalt und mehr Macht hatte als andere. »Wieso behauptet Riley dann, er könne nicht zaubern?«, fragte Jax.

»Er kann es durchaus«, erwiderte Evangeline. »Schließlich hat er mir auf der Pyramide geholfen, den Achter-Tag-Zauber zu reparieren, nicht wahr?« Sie sah durch das Fenster auf den Parkplatz, wo Riley und A.J. am Motorrad arbeiteten, und raunte Jax zu: »Die Befehlsstimme hat ihn faul gemacht.«

Jax grinste. Er liebte es, sich über Riley lustig zu machen, aber es kam nur selten vor, dass Evangeline mitspielte.

»Ich bin müde«, gab sie zu. »Wenn du bereit dazu bist, könnte ich deine Kraft gut gebrauchen.«

»Dann sag doch was!« Er setzte sich neben sie. »Wenn ich schon ein Talent zur Informationsbeschaffung habe, dann lass es mich auch einsetzen.«

Sie hatten erst vor Kurzem herausgefunden, dass Jax mehr als nur ein Inquisitor war. Er hatte das Talent seines Vaters geerbt, Menschen dazu zu bewegen, Fragen zu beantworten, aufgrund einzigartiger Umstände dann jedoch entdeckt, dass er zusätzlich die Fähigkeit besaß, Informationen aus dem Nichts zu erlangen. Damit hatte er sich auch das Recht verdient, den Namen Aubrey zu behalten, den sein Vater als Deckname benutzt hatte, und damit einen neuen Zweig einer Wechsler-Blutlinie zu begründen.

»Dein Talent kombiniert die normale Inquisitorenmagie mit dem Gespür für Informationen«, sagte Evangeline. »Es vereint zwei verschiedene Arten von Magie, was nur sehr selten vorkommt. Mit etwas Training solltest du sehr gut in Suchzaubern werden können, aber ein Crashkurs reicht aus, damit du deine Magie zu meiner hinzufügen kannst.« Sie deutete auf die Objekte vor ihr auf dem Tisch. »Zum Wirken jedes Zaubers benötigt man Symbole. Der Topf mit Wasser spiegelt die Realität wider. Der Brief wurde von Addie geschrieben und stellt eine Verbindung zu ihr dar. Safran symbolisiert laut der Tradition einen klaren Blick.« Evangeline riss einen Streifen von Addies Brief ab und legte ihn sanft aufs Wasser, wo er auf der Oberfläche schwamm.

»Ich habe nie gesehen, dass du Symbole benutzt, wenn du diese unsichtbaren Feuerbälle wirfst«, stellte Jax fest. Sie hatte beim Kampf gegen den Wyvern im Keller der Dulacs letzten Grunstag eine ganze Menge davon heraufbeschworen, und für sie war das erst gestern gewesen.

»Dafür nutze ich die Energie meines Körpers. Deshalb kann ich den Zauber auch nicht lange aufrechterhalten oder oft wirken, ohne …«

»Ohne dass du schwach, blass und müde wirst?« Jax erwähnte die dunklen Ringe unter ihren Augen nicht, da sie ihm auch so schon einen bösen Blick zuwarf. »Symbole, also«, meinte er. »Verstehe. Außerdem murmelst du irgendeinen Unsinn.«

»Ich ziehe Walisisch vor, weil ich das von meinem Vater gelernt habe, aber jede andere Sprache geht auch. Durch die Worte bündelst du deine Konzentration und Magie.« Sie hob den Safran hoch. »Leg dir einen Faden auf die Zunge, aber schluck ihn nicht herunter. Ich werde den Zauber wirken und zur Unterstützung deine Kraft anzapfen.«

Sie nahm ebenfalls einen Safranfaden in den Mund und hielt Jax die Hand hin, die er fest umklammerte. Während Evangeline ihre walisischen Worte flüsterte, beugte er sich über den Topf und appellierte an Addie Emrys, im Wasser zu erscheinen – am besten vor einem Wahrzeichen oder etwas, das er wiedererkannte.

Wo steckst du, Adelina Emrys?

Zu seinem Erstaunen trübte sich das Wasser und das Spiegelbild der Zimmerdecke ging in etwas anderes über. Was genau das war, konnte Jax nicht erkennen. Es schien eine raue weiße Oberfläche zu sein, die möglicherweise Teil einer Wand war. Er starrte sie an, bis seine Augen brannten, und spürte das Kribbeln der Magie, die von seinen Händen in die seiner Lehnsherrin überging. Nach einer Weile lehnte sich Evangeline keuchend zurück und ließ ihn los. Das Bild verblasste.

Jax blinzelte und rieb sich die Augen. »Was war das?«

Evangeline schenkte ihm ein müdes, aber triumphierendes Lächeln. »Das, Jax, war meine Schwester, die sich verteidigt hat. Im Augenblick wird sie nicht durch Runen geschützt, daher haben wir eine Projektion von ihr gesehen, mit der sie uns abgeblockt hat. Wenn ich mich ein bisschen erholt habe, versuchen wir es gleich noch mal. Vielleicht gelingt es uns ja, sie zu ermüden.«

Zwar machte sich Jax Sorgen, dass Evangeline zuerst erschöpft wäre, dennoch widersprach er nicht. Evangeline ruhte sich nur wenige Minuten aus, bevor sie den durchnässten Papierfetzen aus dem Wasser nahm und durch einen anderen ersetzte. Sie nahmen beide erneut etwas Safran in den Mund und reichten sich die Hände.

Als sich das Wasser trübte und wieder klar wurde, konnte Jax genau erkennen, was Addie als mentale Barriere benutzte. Diesmal war es etwas anderes: weiß bemalte Bretter, die eindeutig zu einem Gebäude gehörten. Das Bild ließ sich derart deutlich erkennen, dass er die Maserung des Holzes und die abblätternde Farbe ausmachen konnte. Ermutigt drückte er Evangelines Hand und konzentrierte sich darauf, die Mauer zu durchdringen und zu dem Mädchen dahinter zu gelangen.

Auf einmal explodierte das Weiß der Bretter wie eine Supernova, die sich in seinem Gehirn ausbreitete.

Evangeline entriss Jax schreiend die Hände. Schwärze verdeckte das grelle Weiß, und etwas Hartes traf Jax am Hinterkopf.

Er war sich nicht sicher, ob es Sekunden oder Minuten dauerte, bis er begriff, was ihn getroffen hatte. Der Boden. Ich bin auf den Boden gefallen. Sein Kopf pochte, sein Magen war in hellem Aufruhr, und er hatte den Geschmack von Blut im Mund. Zaghaft versuchte er, verschiedene Körperteile zu bewegen, und spürte ein seltsames Kribbeln in seinen Gliedmaßen.

»Kannst du mich hören, Jax?« Das war Mrs Crandalls Stimme.

»Jax?« Und Rileys.

Er schlug die Augen auf, stöhnte und kniff sie wieder zu. Es war zu hell. Und alles fühlte sich nass an. Als er sich an den Blutgeschmack erinnerte, setzte er sich ruckartig auf. »Immer mit der Ruhe«, sagte Mrs Crandall.

Jax blickte an sich herunter, war jedoch nicht blutüberströmt. Der Topf mit Wasser war umgekippt. Vermutlich hatte Evangeline ihn vom Tisch gestoßen, um die Verbindung zu unterbrechen. Evangeline … Er schaute sich besorgt um.

Riley kniete neben Jax und hielt Evangeline in den Armen. Ihre Augenlider flatterten, gingen jedoch nicht auf, und sie sah so schlimm aus, wie Jax sich fühlte.

»Bring sie in ihr Zimmer«, sagte Mrs Crandall zu Riley. »A.J. kümmert sich um Jax.«

Jax spürte Hände unter den Achseln. A.J. schleifte ihn in eins der Motelbetten, während Riley Evangeline nach nebenan trug.

Mrs Crandall nahm Jax in Augenschein und gelangte offenbar zu der Ansicht, dass Evangeline sie dringender benötigte, da sie durch die Tür verschwand. Wenige Sekunden später wurde Riley aus dem Nebenraum geschubst, und Mrs Crandall schlug ihm die Tür vor der Nase zu. Riley wandte sich an Jax. »Was ist passiert? Sie sollte sich doch ausruhen! Warum hast du sie aufstehen lassen?«

»Ich konnte sie ja wohl kaum zum Schlafen zwingen, Riley.« Jax betastete seine Zunge. Er musste sich beim Aufprall auf dem Boden draufgebissen haben. »Darum habe ich ihr geholfen. Bis es sich auf einmal so angefühlt hat, als wären wir vom Blitz getroffen worden.« Er schnappte nach Luft. »So was machen die Llyrs, nicht wahr? Sie werfen mit Blitzen um sich?«

»Unter anderem.« Riley runzelte die Stirn, nahm den Topf vom Boden und stellte die umgekippten Stühle wieder auf. Danach faltete er den Überrest von Addies Brief zusammen und verstaute ihn in seiner Reisetasche. »Das bewahre ich vorerst auf«, sagte er. »Damit sie diesen Suchzauber gar nicht erst wirken kann.«

Einige Minuten darauf kehrte Mrs Crandall zurück und erstattete Bericht. »Sie hat schlimme Kopfschmerzen und ist sehr erschöpft. Ich habe sie dazu gebracht, sich mit einer kalten Kompresse auf der Stirn im Dunkeln hinzulegen.« Als Riley zu Evangelines Tür gehen wollte, hielt Mrs Crandall ihn auf. »Lass sie vorerst in Ruhe. Sie muss schlafen.«

Mrs Crandall wies Jax an, sich ebenfalls mit einem feuchten Waschlappen auf der Stirn hinzulegen. Sie zog die Vorhänge zu, damit es im Zimmer dunkler wurde, und scheuchte Riley und A.J. hinaus. Zwar riet sie Jax, ein wenig zu schlafen, aber sobald der Schmerz nachließ, war er gar nicht mehr müde. Zweimal griff er nach der Fernbedienung, bevor ihm wieder einfiel, dass er am Grunstag ja gar nicht fernsehen konnte. An diesem Tag funktionierte kein Gerät, das einen Computerchip besaß, und sie hatten im Motel nur Strom, weil A.J. in den Haustechnikraum eingebrochen war und die Notstromgeneratoren eingeschaltet hatte.

Daher starrte Jax die Decke an und fragte sich, wie sie ein Mädchen retten sollten, das gar nicht gerettet werden wollte. Sie war ihm auch nicht gerade wie ein besonders nettes Mädchen erschienen. Seine Meinung von ihr beruhte nicht nur darauf, dass ihre Llyr-Freunde ihm wehgetan hatten, sondern auch auf dem, was Jax in Addies Brief an die Carroways, ihre Wechsler-Pflegeeltern, gelesen hatte, den Evangeline zerrissen hatte und für ihren Suchzauber benutzte. Es waren drei Seiten voller Beschwerden gewesen, dabei hatten diese Leute ihr fünfunddreißig Jahre lang ein Zuhause geboten. Okay, für Addie waren es nur fünf Jahre, trotzdem bedankte man sich nicht auf diese Weise.

Jax nahm den Waschlappen herunter, der inzwischen warm geworden war. Auch wenn er es nur ungern zugab, erinnerte ihn Addies Brief an seine Beschwerden bei seinem Dad über unfaire Schlafenszeiten, Videospiele, die er haben wollte, aber nicht bekam, und die vielen Geschäftsreisen seines Vaters, da Jax dann immer von einem Babysitter betreut wurde. Er hatte vieles gesagt, was er heute bedauerte, jetzt wo sein Dad tot und es zu spät dafür war, es zurückzunehmen.

Auch über Riley hatte er oft genug geschimpft. Noch vor wenigen Monaten hätte Jax einen ebenso langen Brief wie Addie schreiben und darin alle Dinge auflisten können, die er an seinem Vormund nicht leiden konnte. Dabei würde er Riley im Herbst sehr vermissen, wenn er zu Billy Ramirez zog.

Riley hatte diese Vereinbarung am letzten Wochenende getroffen, nachdem er Mrs Ramirez angerufen und ihr angeboten hatte, ihren Sohn vom Golf-Camp abzuholen, damit Billy und Jax noch einen Tag zusammen verbringen konnten – was natürlich nur ein Vorwand war, denn Billy hatte dieses Golf-Camp nie besucht. In Wirklichkeit war er von Jax’ Verwandten, den Dulacs und den Ambroses, entführt und als Geisel festgehalten worden, um Jax zu zwingen, sich ihnen auszuliefern.

Mrs Ramirez wusste nichts über die Entführung, aber sie hielt Riley für einen verantwortungslosen Taugenichts, daher hatte er seine Befehlsstimme eingesetzt, um sie zu überzeugen. Nachdem sie Billy nach Hause gebracht hatten, nutzte Riley jedoch keine Magie bei den Ramirez’. Stattdessen verhielt er sich höflich und respektvoll und erklärte sein Dilemma: Er hatte einen neuen Job angenommen, bei dem er oft umziehen musste, und er machte sich Sorgen, wo Jax im Herbst zur Schule gehen sollte. Diese Geschichte entsprach sogar zum Teil der Wahrheit.

Wie Riley gehofft hatte, boten Billys Eltern sofort an, Jax bei sich aufzunehmen, damit er nicht schon wieder die Schule wechseln musste. Mrs Ramirez lobte Riley sogar für seine neu gewonnene Reife. »Jax übt einen guten Einfluss auf dich aus«, lauteten ihre Worte.

Diese Bemerkung verschlug Riley die Sprache, während sich Jax vor Lachen krümmte. Mr Ramirez verbarg sein Grinsen hinter seiner Hand, und Billy wirkte sehr verwirrt, denn für ihn war Riley perfekt.

Tatsächlich glaubte Billy sogar, ihm hätte nichts Besseres passieren können, als Rileys Vasall zu werden. »Irgendwelche Befehle?«, hatte Billy vor ihrem Aufbruch gefragt und seinen Lehnsherrn wie einen angehimmelten Helden angesehen. Zu diesem Zeitpunkt zwischen dem Grunstag, an dem ihnen Addie bei den Dulacs knapp entwischt war, und diesem jetzt hatten sie noch Hoffnung gehabt, sie retten zu können, bevor die feindlichen Sippenmitglieder sie aus der Gegend um New York wegbrachten.

»Recherche«, erwiderte Riley. »Ich habe dich in alles eingeweiht, was wir über die Leute wissen, die den Llyrs bei der Flucht aus Oeth-Anoeth geholfen haben, was bedauerlicherweise nicht viel ist. Uns ist nur bekannt, mit welchem Flugzeug und welchen Waffen sie in Wales angekommen und wieder abgeflogen sind … Solltest du online weitere Sichtungen entdecken …«

»Verstanden«, sagte Billy knapp.

»Sei vorsichtig«, warnte Jax ihn, der sich noch zu gut an seine Online-Begegnung mit einem Bankräuber, der sich als Wechsler getarnt hatte, erinnerte. »Es gibt einige zwielichtige Seiten, und die Leute sind nicht immer das, was sie zu sein behaupten.«

»Echt jetzt, Jax?« Billy verzog gekränkt die Miene. »Das weiß doch jeder.«

Riley warf Jax einen amüsierten Blick zu, brachte ihn jedoch nicht in Verlegenheit, indem er Jax’ berüchtigten Aussetzer in Bezug auf die Internetsicherheit erwähnte. Jax tröstete sich mit der Tatsache, dass dies ein stinklangweiliger Auftrag war. Billy würde online nichts über die Sippe finden, denn sie lebte unterhalb des Radars und ohne Zugang zu moderner Technologie. Riley tat Billy nur einen Gefallen, damit er sich nützlich fühlen konnte.

Die bedauerliche Realität sah nun einmal so aus, dass sie sich auf die Morgans verlassen mussten – oder, schlimmer noch, auf die Dulacs –, um die Llyrs aufzuspüren. Jax machte sich Sorgen, und das nicht nur, weil Addie bei einer darauffolgenden Auseinandersetzung verletzt werden könnte, sondern auch weil niemand sagen konnte, was die Llyrs Addie antun würden, wenn sie nicht mit ihnen kooperierte. Er hatte nicht vergessen, wie Lord Wylit Evangeline gedroht und verletzt hatte, um sie dazu zu zwingen, seine bösen Pläne zu unterstützen.

Und jetzt hatte sich auch Evangelines Suchzauber, ihre einzige Hoffnung darauf, Addie schnell und effizient zu finden, als sehr gefährlich herausgestellt.

Während Jax die Decke des Motelzimmers anstarrte, wölbten sich die Gipsplatten. Eine kleine braunweiße Gestalt fiel herunter und landete auf dem Bett.

Jax setzte sich auf und zückte seine Ehrenklinge, um sich vor dem Tier zu verteidigen, das in etwa so groß wie eine Ratte war und ein flaches Gesicht und keinen Schwanz besaß. Das Fell war am Körper braun, nur am Kopf ragte ein weißes Haarbüschel empor. In den schmalen Händen hielt es einen Ball aus rotweißem Stoff. »Du!« Jax keuchte auf und ließ den Dolch sinken, als er die Kreatur erkannte. »Was machst du denn hier?«

Der Brownie sauste näher und ließ ein zusammengerolltes Paar Socken in Jax’ Schoß fallen. Jax griff danach, hob einen Fuß und verglich den roten Streifen der Socken, die er trug, mit jenen in seiner Hand. »Sind das meine? Woher hast du …«

Plötzlich dämmerte es ihm. Als er nach New York gegangen war, um sich gegen Billy einzutauschen, hatte er Kleidung zum Wechseln in seinem Rucksack mitgenommen. Seine Tante Marian Ambrose hatte seinen Rucksack durchsucht und – weil sie die seltsamste Mischung aus Mütterlichkeit und Niederträchtigkeit darstellte, die ihm je untergekommen war – seine Sachen gewaschen und anschließend seine Socken auf diese Weise zusammengerollt. »Hast du mich mithilfe dieser Socken gefunden?«

Der Brownie bewegte die runden Ohren, als wären es Satellitenschüsseln. Er legte den Kopf schief, wobei sein weißes Haarbüschel munter wippte.

»Du bist Stink, nicht wahr?« Jax’ Verwandte hatten sich alle über den Brownie beschwert, den sein Vater als Teenager als Haustier gehalten hatte. Er hatte im ganzen Haus sein Unwesen getrieben, war in den Küchen der Leute aufgetaucht und hatte den Müll durchwühlt. Jax hatte vom ersten Augenblick, in dem er diesen Brownie in den Käfigen der Dulacs gesehen hatte, eine Verbindung zu ihm gespürt und ihn auch deshalb befreit.

Nun streichelte er der Kreatur den Kopf. »Bist du jetzt ebenfalls eine Waise?« Vielleicht suchte Stink ja nach einem neuen Besitzer. »Komm her.« Er streckte einen Arm aus, und Stink klammerte sich mit seinen spinnenartigen Händen daran und kletterte auf Jax’ Schulter.

Draußen wurde der rosafarbene Grunstagshimmel langsam lila, da der Abend anbrach, und das schwächere Licht tat Jax’ Kopf nicht mehr so weh. Er ging über den Parkplatz zu der Stelle, an der sich Riley gerade die Hände an einem schmierigen Lappen abwischte und zu Evangelines Fenster hinüberstarrte. A.J. bemerkte Jax und schnitt eine Grimasse. »Bäh! Wo kommt das Vieh denn her?«

»Das ist Stink«, erklärte Jax. »Er war das Haustier meines Vaters.«

»Jetzt erzähl mir nicht, dass du es geerbt hast.« A.J. war der Abscheu deutlich anzusehen.

Riley warf den schmutzigen Lappen in seinen Werkzeugkasten und wandte sich direkt an den Brownie. »Wenn du Zeit mit Jax verbringen willst, hab ich damit kein Problem. Aber halt dich von seiner Lehnsherrin fern, sonst gibt es gehörigen Ärger.«

Stink zog den Kopf ein und huschte auf Jax’ andere Schulter.

Jax starrte Riley mit zusammengekniffenen Augen an. Letzten Grunstag hatte Stink Jax’ Onkel eine Waffe aus der Hand gerissen, bevor dieser damit auf Riley schießen konnte. Kurz darauf hatte eine ganze Gruppe von Brownies einen Wyvern dazu gebracht, Ursula Dulac anstelle seines eigentlichen Opfers – Riley – anzugreifen. Damals hatte Jax geglaubt, die Brownies wollten sich an Ursula rächen, aber jetzt ging ihm auf, dass sie vermutlich die ganze Zeit darauf aus gewesen waren, Riley zu beschützen. »Okay. Was für eine Vereinbarung hast du mit den Brownies …« Unverhofft erstarrte er und schaute an seinem Vormund vorbei und über das Dach des Motels. »Was in aller Welt ist das?«

Eine fleckige dunkle Wolke hing am lilafarbenen Himmel. »Rauch?«, mutmaßte Riley. »Feuer?«

Jax schüttelte den Kopf. Ihm stand jedes Haar am Körper zu Berge, und eine Eiseskälte schwappte über ihn hinweg. »Das ist ein Sturm, und er kommt in unsere Richtung.«

»Das kann nicht sein«, widersprach A.J. »Am Grunstag gibt es kein Wetter.«

»Wir haben es hier mit den Llyrs zu tun, A.J.« Riley hob eine Hand, um seinen Freund zum Schweigen zu bringen. »Jax? Was weißt du?«

Jax legte die Finger an die Ehrenklinge in der Scheide an seinem Gürtel, wie immer, wenn er nach Informationen suchte. »Wir müssen von hier verschwinden.«

»Jetzt brecht doch nicht gleich in Panik aus«, meinte A.J.

»Packt alles zusammen«, fauchte Riley. »Das ist Jax’ Talent. Wenn er sagt, dass wir von hier verschwinden sollten, dann tun wir das auch!«

Jax sammelte im Motelzimmer ihre Sachen zusammen und stopfte sie in Rileys Reisetasche, ohne groß darauf zu achten, was ihm, A.J. oder Riley gehörte. Danach rannte er nach draußen, wo Riley Evangeline gerade beim Einsteigen in den Land Rover half, während A.J. Rileys Motorrad auf der Ladefläche seines Pick-up-Trucks sicherte.

Was zuvor nur ein Daumenabdruck am Himmel gewesen war, erfüllte inzwischen den Horizont, und die Wolken sahen aus, als wären sie von einem wütenden Vorschulkind mit Fingerfarben gemalt worden. Zudem wurde es immer kälter, und der Wind frischte auf.

Jax setzte sich in den Land Rover neben Evangeline, die bei Stinks Anblick auf seiner Schulter zurückschreckte. Der Brownie sprang auf den Rücksitz und verschwand in der Polsterung. Evangeline rieb sich die Augen. »Es geht mir schlechter, als ich gedacht hatte«, sagte sie. »Jetzt bilde ich mir schon ein, Brownies zu sehen.«

»Das war keine Einbildung«, erklärte Riley, ließ den Motor an und fuhr los. »Jax hat ein neues Haustier.«

Jax fuhr mit den Fingern über die Sitzpolsterung. Der Fleck, an dem Stink verschwunden war, fühlte sich schwammartig an, und er drückte darauf. Seine Hand verschwand, als wäre sie am Gelenk abgetrennt worden. Stink hatte ein brandneues Brownieloch direkt im Wagen geschaffen. Da konnte Jax einfach nicht widerstehen und steckte den Kopf hindurch.

Das Loch führte nicht in einen Tunnel, wie es die im Dulac-Gebäude getan hatten. Stattdessen war es eher eine Tasche aus Tunnelmaterial, einer krausen durchsichtigen Substanz, die aus reiner Magie zu bestehen schien. Aus dem Inneren des Brownielochs konnte Jax den Wagen um sich herum sehen, jedoch nicht Evangeline und Riley, und jenseits der Fenster befand sich nichts außer Schwärze. Jax befand sich im Wagen, aber außerhalb der Zeit. Stink war nirgends zu sehen. Er ist an einen anderen Ort gesprungen!

Eine Hand packte Jax am T-Shirt und zerrte ihn wieder heraus. »Bist du verrückt geworden?«, verlangte Evangeline zu erfahren. »Wir sitzen in einem fahrenden Auto! Du könntest einfach zurückbleiben!«

»Mein Kopf befand sich noch immer im Wagen«, protestierte Jax. »Ich experimentiere bloß ein bisschen, um mehr über das Ganze zu erfahren.«

»Führe keine Experimente durch, bei denen du den Kopf verlieren könntest, Jax«, sagte Riley. »Das ist ein Befehl.«

Das stimmte allerdings nicht – jedenfalls war es kein magischer Befehl. Riley war zu sehr damit beschäftigt, sich auf die Straße zu konzentrieren, als dass er sein Talent bei Jax anwenden konnte. Regentropfen prasselten auf die Fenster, und ein Windstoß ließ den Land Rover zur Seite ausscheren. »Sind Stürme immer so?«, fragte Evangeline.

»Normale Stürme ziehen nicht so schnell auf. Und das Schlimmste kommt erst noch«, erwiderte Riley. »Wenn er hier ankommt«, er sah Jax im Rückspiegel in die Augen, »dann wird das wie bei Hurrikan Sandy, nur dass die Normalen dieses Mal nicht gewarnt werden.«

»Besteht die Chance, dass er um Mitternacht zusammen mit dem Sippenmitglied, das ihn erschaffen hat, wieder verschwindet?«, wollte Jax wissen.

»Seitdem die Llyrs in Oeth-Anoeth eingesperrt waren, gab es am achten Tag kein Wetter mehr, daher kann dir keiner diese Frage beantworten«, erwiderte Riley. »Wir können nur hoffen.«

Er klang allerdings nicht besonders hoffnungsvoll, und Jax erging es ähnlich. Warum sollte es auch auf einmal gut für uns laufen?

Evangeline schlang die Arme um ihren Oberkörper und zitterte immer heftiger. »Ich habe über Hurrikan Sandy in der Zeitung gelesen«, sagte sie, »und weiß, was damals passiert ist.«

Jax kramte in der Reisetasche nach einem Sweatshirt für sie. Währenddessen fing die Tasche auf einmal an zu vibrieren und leise Musik drang aus den Tiefen hervor. »Ist das dein Handy?«, fragte Jax Riley staunend.

»Geh ran«, verlangte Riley. »Das muss Deidre sein.«

Als Jax das Handy gefunden hatte, war das Display dunkel, aber der Klingelton ertönte unerklärlicherweise weiter. Jax nahm den Anruf an. »Hallo?«

»Bist du das, Süßer?«

Außer Deidre Morgan nannte niemand Jax so. Zum Glück. Er konnte gut darauf verzichten. »Ja, ich bin’s«, bestätigte er. »Du kannst am Grunstag telefonieren? Echt beeindruckend.« Jax wusste, dass das Morgan-Talent im Umgang mit Maschinen lag, hatte Handys bisher aber nie als solche angesehen.

»Sag Riley, dass ihr das Motel sofort verlassen müsst«, verlangte Deidre. »Fahrt so schnell wie möglich weiter ins Landesinnere.«

»Sind schon dabei.« Jax hielt das Handy so, dass Riley und Evangeline mithören konnte.

»Arnie will sich mit euch im Haus in den Bergen treffen«, fuhr Deidre fort. »Alle Wechsler verlassen schnellstmöglich die Stadt. Wahrscheinlich sollte der Sturm uns treffen, aber ich befürchte, den Normalen wird es ordentlich an den Kragen gehen. Drei Flugzeuge, die auf dem Weg zu den Flughäfen JFK oder LaGuardia waren, wurden bereits vom Himmel geholt.«

»Danke für die Warnung, Deidre«, rief Riley.

»Ich setze sie auf die Liste der Dinge, für die du mir was schuldig bist, Schnuckelchen.« Deidres Stimme wurde leiser, und obwohl nichts auf dem Display auf das Ende dieses magischen Anrufs hindeutete, wusste Jax, dass er beendet war.

Er schaute aus dem Heckfenster. A.J. und Mrs Crandall saßen im Pick-up-Truck hinter ihnen. Die unheilvolle schwarze Wolke schwebte über der Skyline von New York wie eine schlechte Computeranimation in einem Weltuntergangsfilm. Jax fragte sich, was die Normalen wohl denken würden, wenn sie um 00:01 Uhr am Donnerstag wieder auftauchten. In ihrer eigenen Zeitlinie hatten sie Sekunden zuvor noch einen klaren Sommerabend genossen, nur um sich im nächsten Augenblick im Zentrum eines heftigen Sturms wiederzufinden – oder, im besten Fall, die letzten Überreste davon zu erleben. Einige von ihnen würden nicht einmal die Zeit bekommen, um die Lage überhaupt zu erfassen, bevor es ihnen an den Kragen ging, wie es Deidre so schön ausgedrückt hatte.

Riley fuhr in Richtung Westen und Pennsylvania, wo sie in den Pocono-Bergen eine Hütte hatten. Anfangs kamen sie gut voran, da sie mit der Geschwindigkeit des Sturms mithalten und am Rand der Wind- und Regenzone bleiben konnten. Sie mussten um die auf der I-80 stehenden Fahrzeuge herumlenken, die im Augenblick zwischen Mittwoch und Donnerstag erstarrt waren. Einmal fuhr Riley gegen einen Seitenspiegel, als ein unerwarteter Windstoß den Wagen zur Seite drückte. »Tut mir leid, Kumpel«, murmelte Riley, wandte sich wieder nach vorn und trat fluchend auf die Bremse.

Aufgrund einer Baustelle war nur eine Fahrspur über eine Brücke offen, die jedoch voller Autos war. Weder der Land Rover noch A.J.s Pick-up-Truck würden da durchkommen. Riley legte den Rückwärtsgang ein und wendete. »Ruft, wenn ihr einen Weg seht, um auf die Gegenfahrbahn zu kommen.«

»Das wird nichts bringen.« Jax zeigte nach vorn. Die zweite Spur wurde von zwei Sattelschleppern versperrt.

»Okay.« Riley riss das Lenkrad herum. »Dann müssen wir es wohl abseits der Straße versuchen.« Der Land Rover holperte über eine große, mit Gras bewachsene Fläche, einen kleinen Hügel hinunter und auf eine Nebenstraße, dicht gefolgt von A.J.s Wagen.

»Weißt du, wohin diese Straße führt?«, fragte Evangeline besorgt.

»Das ist unwichtig, solange ich das im Rückspiegel behalte.« Riley zeigte mit einem Finger auf das Spiegelbild der schwarzen Wolken hinter ihnen.

Wie sich herausstellte, war es doch wichtig, und er hatte die falsche Entscheidung getroffen. Diese neue Straße führte sie am Fluss entlang, den die I-80 überquerte, und durch eine dicht bewaldete Region. Sie mussten langsamer fahren, und der Sturm kam immer näher.

Mit zunehmender Abenddämmerung wurde der Himmel noch dunkler, und auf einen Schlag war es pechschwarz um sie herum. Bäume wurden hin- und hergepeitscht. Sintflutartiger Regen fiel vom Himmel herab. Das, was normalerweise vermutlich ein flacher, langsam fließender Fluss war, schwoll an und überflutete die Ufer. Riley umklammerte das Lenkrad immer fester. »Haltet die Augen offen nach einer besseren Option!«

Jax presste die Nase gegen die Fensterscheibe und hoffte auf eine abzweigende Straße, die sie weiter den Berg hinauf und vom Wasser wegbringen würde. Doch abgesehen von Dunkelheit und Regen sah er kaum etwas.

Dann blitzte etwas Weißes auf. Ein Gesicht.

»Halt an!«, brüllte Jax.

Riley bremste. »Was ist denn?«

»Da steht jemand am Straßenrand!« Jax riss die Tür auf und sprang aus dem Wagen.

»Warte, Jax!«, rief Evangeline.

Durch den strömenden Regen klebte ihm die Kleidung am Körper. Er lief auf der Straße zurück zu A.J.s Pick-up-Truck, der hinter dem Land Rover angehalten hatte. Mrs Crandall ließ das Beifahrerfenster herunter und schrie etwas, wahrscheinlich wollte sie wissen, was in aller Welt er da trieb.

Er war sich selbst nicht sicher, was er gesehen hatte, glaubte jedoch, jemanden – eine sehr junge Person – mit wie zum Hilferuf erhobenen Arm am Straßenrand gesehen zu haben. War es ein Mädchen gewesen? Das vielleicht sogar ein weißes Kleid trug?

Als Jax ein lautes Krachen hinter sich hörte, drehte er sich um und sah gerade noch, wie die Bankette einstürzte. Der Land Rover neigte sich, und der rechte Hinterreifen wurde von hereinströmendem Wasser umschlossen. Jax hörte, wie Riley Gas gab, und sah, dass sich die Vorderräder drehten. Kurz ruckte der Land Rover nach vorn, doch dann brach noch mehr Asphalt ab und das zweite Hinterrad versank im Wasser.

Voller Entsetzen sah Jax zu. Der Fluss würde die Straße überspülen und den Wagen mit sich reißen. Riley und Evangeline würden ertrinken. Genau wie sein Dad.

Auf einmal fuhr A.J.s Pick-up-Truck los und rammte den Land Rover, um ihn so aus der Kuhle zu schieben. Riley ließ den Motor aufheulen, die Hinterräder kamen wieder auf der Straße auf, und der Wagen raste weiter. Derweil legte A.J. den Rückwärtsgang ein und hielt neben Jax. Mrs Crandall riss ihre Tür auf und kugelte Jax beinahe den Arm aus, als sie ihn ins Auto zerrte. Die Tür war noch nicht einmal zugefallen, da trat A.J. auch schon das Gaspedal durch, riss das Lenkrad herum und raste auf den Überresten der linken Spur weiter.

Jax zog die Wagentür zu, drehte sich um und spähte durchs Heckfenster. Rings um das Motorrad, das wundersamerweise noch immer auf der Ladefläche festgezurrt war, brach Wasser herein und überflutete die ganze Straße.

»Das war knapp!«, stieß A.J. keuchend aus. »Warum bist du ausgestiegen, Jax?«

Jax zitterte am ganzen Leib. »Ich hab am Straßenrand ein Mädchen gesehen.«

»Im Wald und bei diesem Sturm? Noch dazu allein?« Mrs Crandall drehte sich um und schaute nach hinten.

»Vergiss, was du denkst, Mom«, sagte A.J. »Wir können nicht umkehren. Es sei denn, du erwartest, dass ich in diese eben entstandene Schlucht fahre.«

»Das hab ich mir bestimmt nur eingebildet.« Jax wischte sich mit beiden Händen über das nasse Gesicht. Was hatte er gesehen? Ein Mädchen in einem weißen Kleid?

Ich habe sie schon einmal gesehen.

Abermals erschauderte Jax, und Mrs Crandall zog ihn an sich und rieb ihm energisch die Arme. Aber er fror nicht, sondern war zutiefst entsetzt.

Die Morrigan.

In der letzten Woche hatte Jax auf der dem Dulac-Gebäude gegenüberliegenden Straßenseite ein dunkelhaariges Mädchen in einem kurzen, formlosen Kleid am Rand des Central Parks stehen sehen, noch dazu aus dem Inneren eines Brownie-Tunnels, was eigentlich unmöglich sein sollte. Über ihrem Kopf hatten Krähen gekreist, dabei gab es am achten Tag normalerweise keine Vögel. Evangeline hatte Jax zu erklären versucht, was die Morrigan war, ihn damit jedoch nur noch mehr verwirrt. Offenbar gehörte sie weder zu den Wechslern noch zur Sippe, war die Personifizierung von Chaos und Unordnung und darüber hinaus gleich drei Wesen in einem. Die Version von ihr, die als Mädchen mit Krähen erschien, sollte Ereignisse manipulieren, um das von der Morrigan gewünschte Chaos herbeizuführen.

Nachdem Jax das Krähenmädchen letzten Grunstag gesehen hatte, war eine rachsüchtige Brownie-Horde mit einem Wyvern auf die Dulacs losgegangen, noch dazu genau zur selben Zeit, als die Llyrs aufgetaucht waren, um Addie Emrys zu entführen. Jetzt erschien sie wieder und sorgte dafür, dass Jax den Land Rover an einer gefährlichen Stelle anhalten ließ. Beinahe hätte sie den Tod der beiden Menschen herbeigeführt, die Jax auf der ganzen Welt am meisten bedeuteten. Weißt du, dass mein Vater mit seinem Wagen von der Straße abgekommen und in einem Fluss ertrunken ist? Hast du dich deshalb für diese Stelle entschieden? Damit ich zusehen muss, wie meine Freunde auf dieselbe Weise umkommen?

Evangeline und Riley hätten letzte Woche von diesem Wyvern zerfetzt werden können. Riley war beinahe gestorben. War das nur Zufall gewesen, oder hatte die Morrigan es absichtlich herbeigeführt?

Jax mahlte mit dem Kiefer. Ihm war völlig egal, was sie war – eine Person, drei Personen, eine Naturgewalt oder was auch immer. Für ihn war sie seine Feindin.

Dann zeig mal, was du draufhast, Krähenmädchen.

Addies Kopfschmerzen und Übelkeit vergingen im Nu. Heilzauber hatte sie ziemlich schnell gelernt, nachdem sie einmal mitangesehen hatte, wie jemand anderes sie einsetzte. Sobald sie sich besser fühlte, ging sie nach unten und fuhr dabei mit einer Hand über den polierten Handlauf der Treppe, die ins Wohnzimmer mit den Fensterfronten führte.

Der Himmel war zu dunkel, als dass sie den Ozean hätte sehen können. In wenigen Stunden wäre es Mitternacht, und einen Augenblick später würde jeder auf dieser Insel eine Woche in die Zukunft geschubst. Kels Vater hatte ihnen versichert, dass sie hier in Sicherheit waren und dass niemand sie finden konnte, während sie außerhalb der Zeit und verletzlich waren. »Das ist meine Privatinsel, und das Haus wurde mit Runen gegen Eindringlinge versehen«, hatte Madoc ihnen bei ihrer Ankunft erzählt. »Hier kommt niemand ohne meine ausdrückliche Genehmigung her, und diejenigen, die es tun, werden sehr gut dafür bezahlt, dass sie ihre Arbeit machen und wieder verschwinden, ohne je darüber zu reden.«

Von draußen hörte Addie erhobene Stimmen. Sie durchquerte den Raum und presste die Nase an ein Fenster. Mehrere jüngere Aerons hatten jenseits der Veranda ein Lagerfeuer angezündet und jubelten zwei Jungen zu, die im Sand miteinander rangen und versuchten, ihren Gegner ins Feuer zu stoßen. Nach allem, was Addie über diesen Clan wusste, würde der eine vermutlich mit einem Tattoo belohnt, wenn der andere verbrannte.

Es war eine Aeron gewesen, die Addie einst dazu überredet hatte, aus dem Haus ihrer Pflegeeltern, der Carroways, zu fliehen. Damals hatte Addie das nicht gewusst, denn es widersprach Dale Carroways Hausregeln, über den eigenen Familiennamen und die Talente zu sprechen. Wren hatte Addies Familiennamen ebenfalls nicht gekannt und sie einfach nur für ein nettes Mädchen gehalten. »Lass uns abhauen«, hatte Wren vorgeschlagen. »Wir können Abenteuer erleben und die Welt sehen, und dann musst du dich nicht mehr mit diesen alten Leuten und ihren Regeln herumschlagen.« Addie, die erst kurz davor bestraft worden war, weil sie eine unbedeutende Hausregel gebrochen hatte, nahm dieses Angebot nur zu gern an.

Doch Wren war wild gewesen – viel wilder, als Addie hatte ahnen können. Sie hatte behauptet, Addie ihre Freunde vorstellen zu wollen. »Aber das hat keine Eile. Wir können auf dem Weg dorthin jede Menge Spaß haben.« So hatte Wren sie kreuz und quer durch New England geschleift, auf magische Weise die Autos der Normalen »kurzgeschlossen« und diese dann, wenn ihnen das Benzin ausging, in Brand gesteckt.

»Warum?«, hatte Addie, schockiert über diese unnötige Zerstörungswut, wissen wollen.

»Weil es Spaß macht!«

Addie hatte den Eindruck bekommen, dass die Normalen für Wren nicht real waren. Ihre Welt glich einem Spielzimmer, und Wren ergötzte sich daran, die Bauklötze umzuwerfen und die Spielzeuge zu zerstören. Zwar hatte sie es nicht eilig, sich mit ihren Freunden zu treffen, aber letzten Endes fanden diese dann sie.