Der belogene Patient - Falk Stirkat - E-Book
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Der belogene Patient E-Book

Falk Stirkat

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Beschreibung

In Deutschland werden jedes Jahr hunderttausende homöopathische Mittel "verschrieben", Vitaminspritzen gesetzt und bunte Klebebänder auf verkrampfte Muskeln getaped. Gleichzeitig nimmt die Skepsis gegenüber der Schulmedizin immer weiter zu, sodass Menschen ihre eigenen Kinder bewusst in Lebensgefahr bringen, indem sie Impfungen ablehnen. Aber auch herkömmliche medizinische Methoden, wie die Verschreibungspraxis unnötiger Antibiotika oder das Verabreichen der lange veralteten "Schmerzspritze", werden oft nicht nur kommentarlos hingenommen, sondern geradezu von Patienten gefordert. In ihrem Buch gehen die Autoren all diesen Methoden schonungslos auf den Grund und klären über medizinische Praktiken auf, für deren Anwendung es keine wissenschaftliche Grundlage gibt.

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Seitenzahl: 337

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Impressum

© eBook: 2021 GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, Postfach 860366, 81630 München

© Printausgabe: 2021 GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, Postfach 860366, 81630 München

Gräfe und Unzer ist eine eingetragene Marke der GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, www.gu.de

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, sowie Verbreitung durch Bild, Funk, Fernsehen und Internet, durch fotomechanische Wiedergabe, Tonträger und Datenverarbeitungssysteme jeder Art nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.

Projektleitung: Barbara Fellenberg

Lektorat: Irmela Sommer

Bildredaktion: Simone Hoffmann

Covergestaltung: independent Medien-Design, Horst Moser, München

eBook-Herstellung: Yuliia Antoniuk

ISBN 978-3-8338-7687-5

1. Auflage 2021

Bildnachweis

Illustrationen: Coverillustration: Victor Bregante/KombinatRotWeiss; Illustration Aeskulapstab: Nadia Gasmi

Fotos: Adobe Stock; Glasow Fotografie: Autorenfoto; iStockphoto; Plainpicture; Stocksy; Ulrich Zillmann/FotoMedienService/Fotofinder

Syndication: www.seasons.agency

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Wichtiger Hinweis

Die Gedanken, Methoden und Anregungen in diesem Buch stellen die Meinung bzw. Erfahrung der Verfasser dar. Sie wurden von den Autoren nach bestem Wissen erstellt und mit größtmöglicher Sorgfalt geprüft. Sie bieten jedoch keinen Ersatz für persönlichen kompetenten medizinischen Rat. Jede Leserin, jeder Leser ist für das eigene Tun und Lassen auch weiterhin selbst verantwortlich. Weder Autoren noch Verlag können für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im Buch gegebenen praktischen Hinweisen resultieren, eine Haftung übernehmen.

WUSSTEN SIE, …

… dass Homöopathie nicht über den Placeboeffekt hinaus wirkt?

… dass Sie Ihre Kinder in Lebensgefahr bringen, wenn Sie Impfungen ablehnen?

… dass Antibiotika oft unnötig verschrieben werden?

… dass die »altbewährte« Schmerzspritze eigentlich gar nicht mehr gegeben werden dürfte, wir dafür aber viel zu zögerlich mit Schmerzmedikamenten umgehen?

… dass in manchen Kliniken operative Eingriffe nur durchgeführt werden, um die vorgegebene Anzahl an Operationen zu erreichen?

… dass Schilddrüsenmedikamente in zahlreichen Fällen gar nicht eingenommen werden müssten?

Antworten auf diese Fragen und die Erklärung zahlreicher weit verbreiteter Irrtümer zeigen, dass Althergebrachtes oft wenig sinnvoll ist oder sogar schadet. Die Autoren räumen mit sogenannten alten Weisheiten auf und erklären, wieso es sinnvoller ist, auf Studien zu vertrauen als auf die Erfahrung Einzelner.

EIN BESORGNISERREGENDER TREND

Jeder Deutsche bekommt im Laufe seines Lebens im Schnitt zwei bis drei verschiedene Medikamente gleichzeitig verschrieben. Wie viele nehmen Sie? Gar keine? Ab und an mal eine Ibuprofen? Prima! Aber das bedeutet, dass für jede Tablette, die Sie nicht einnehmen, ein anderer Mensch eine am Tag extra schlucken muss. Rein statistisch. Angesichts der Vielzahl an Tabletten, die sie schlucken, sind viele Menschen verunsichert, und es kommt die Frage auf, ob das nicht auch anders, »sanfter« geht. Das kann man ja auch gut verstehen. Keiner möchte ständig irgendwelche »Chemie« in sich reinwerfen. Dabei wird eine ganz andere Tatsache aber völlig ausgeblendet: Wir Deutschen nehmen nicht nur immer mehr Medikamente zu uns, wir werden auch immer älter. Ob es da möglicherweise einen Zusammenhang gibt …?

Das Spiel mit der Gesundheit

In einer Umfrage von 2018 gaben lediglich 30 bis 50 Prozent der Befragten an, die verschriebenen Medikamente tatsächlich auch einzunehmen. Dazu passt, dass wir Deutschen so viel wie kein anderes Volk zu Homöopathen und anderen Wunderheilern rennen und hoffen, durch die regelmäßige Einnahme von wirkstofffreien Zuckerkügelchen Gesundheit zu erlangen. Unzählige Hobby- und Profisportler lassen sich völlig sinnloses, buntes Klebeband auf Muskeln und Gelenke kleben und der Wunsch, bei Grippe ein Antibiotikum verschrieben zu bekommen, ist jedes Jahr aufs Neue grenzenlos. Diese Absurdität geht mittlerweile so weit, dass selbst die Weltgesundheitsorganisation am Anfang der Corona-Pandemie 2020 davor gewarnt hat, Antibiotika gegen das Virus zu verabreichen. Man mag sich fragen, was um alles in der Welt hier los ist. Schließlich handelt es sich doch um einen der elementarsten Leitsätze der Medizin: Antibiotika helfen gegen Bakterien, aber nicht gegen Viren! Dass sich eine Institution wie die Weltgesundheitsorganisation gezwungen sieht, darauf explizit hinzuweisen, zeigt, dass medizinische Fake News oftmals einen höheren Stellenwert haben als simple Fakten.

Sinn und Zweck unseres Buches ist es also, Ihnen, lieber Leser, studienbasierte Informationen an die Hand zu geben, die Ihnen helfen sollen, sich in der komplexen Welt der Medizin besser zurechtzufinden und nicht auf Heilsversprechen von drittklassigen Wunderheilern hereinzufallen. Dabei ersetzen die nächsten Seiten natürlich auf keinen Fall einen Arztbesuch! Wir möchten aber darauf hinweisen, dass es deutlich besser ist, sich in die Obhut eines wissenschaftlich arbeitenden Mediziners zu begeben, als sich im netten Ambiente einer alternativen Praxis Lügen und Falschinformationen einimpfen zu lassen (ja, einimpfen, das Wort ist bewusst gewählt).

Medizin wird auch heute noch in vielen Bereichen deutlich zu erfahrungsbasiert betrieben. Das heißt, es werden manche Therapien in die Wege geleitet oder bestimmte diagnostische Maßnahmen angeordnet, einfach weil das schon immer so gemacht wurde. Mit dieser Herangehensweise wollen wir nun endgültig aufräumen, wollen Ihnen zeigen, was gesichert ist und welche Therapien eigentlich schon seit Jahren nicht mehr durchgeführt werden sollten. Wussten Sie zum Beispiel, dass die »altbewährte« Schmerzspritze gar nicht mehr gegeben werden dürfte, ja, dass Berufsvereinigungen explizit vor ihr warnen? Um Ihnen hier die bestmöglichen Antworten zu geben, haben wir unzählige Publikationen durchforstet und alles, was als gesetzt gilt, auf den Prüfstand gestellt. Dabei kamen auch wir zu überraschenden Erkenntnissen. Wir zeigen Ihnen auf den nächsten Seiten, dass der alte Satz »Wer heilt, hat recht« nicht nur falsch, sondern sogar brandgefährlich ist.

Medizin ist ein Fach, bei dem heute das Wissen von gestern schon veraltet sein kann. Wir müssen daher mit größter Vorsicht an Altbewährtes herangehen und uns täglich fragen, ob unser Wissen noch auf dem neuesten Stand ist. Für medizinische Laien ist das ganz und gar unmöglich. Sie vertrauen auf die in Deutschland in der Regel außerordentlich hohe Kompetenz des ärztlichen Fachpersonals. Allerdings nimmt dieses Vertrauen ab und Menschen wenden sich Wunderheilern, Alternativmedizinern, Heilpraktikern und Homöopathen zu – ein besorgniserregender Trend. Denn tatsächlich ist es wirklich schwer und hochgradig aufwendig, Dinge zu hinterfragen, die sich im öffentlichen Bewusstsein etabliert haben – und seien sie noch so falsch.

Ein Beispiel: Im Jahr 2018 wurde ein Rote-Hand-Brief (Warnung vor bisher unbekannten Nebenwirkungen) über das Medikament Hydrochlorothiazid, kurz HCT, herausgegeben. Der Wirkstoff wurde über Jahrzehnte erfolgreich bei Bluthochdruck und Herzschwäche angewandt und stand nun im Verdacht, weißen Hautkrebs zu begünstigen. Die Empfehlungen waren klar: Das Medikament sollte, wo möglich, durch Alternativen ersetzt werden. Aber noch heute sieht man viele Patienten, die mit HCT therapiert werden.

Aber natürlich ist auch das Wissen in diesem Buch nicht in Stein gemeißelt. Denn in der Naturwissenschaft ändert sich die Fakten- und Erkenntnislage manchmal. Das ist erlaubt und sogar gut. Denn nur so ist, im Vergleich zu dogmatischen Theorien wie beispielsweise der Homöopathie, Fortschritt möglich. Wir können also heute nur schreiben, was wir heute wissen! Wir haben uns mit etlichen Experten und Fachleuten unterhalten, sodass es uns möglich war, einen breiten Überblick nicht nur der Literatur, sondern auch der angewandten Spitzenmedizin zu bekommen.

Am Ende eines jeden Kapitels räumen wir mit einer Volksweisheit auf, die viele Menschen als gegeben hinnehmen, die aber wissenschaftlich nicht haltbar ist. Und welche böte sich an dieser Stelle besser an als die Folgende?

Falk Stirkat, Lars Bräuer

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MYTHOS 1: WER HEILT, HAT RECHT!

Der schlimmste und gefährlichste aller medizinischen Mythen, den man so gut wie überall hört und über dessen wahre Bedeutung kaum jemand wirklich nachdenkt. Denn oft ist es eben nicht der (Alternativ-)Mediziner, der heilt, und oft werden Korrelation und Kausalität (siehe >) auf gefährliche Art und Weise verwechselt. Selbst gebildete Menschen argumentieren nicht selten mit dieser völlig skurrilen und absurden Aussage. Die Gründe für die vorgebrachte Abneigung gegen das pauschale Totschlagargument jedweder medizinischen Diskussion sind vielseitig. Zum einen ist der Satz faktisch einfach falsch, zum anderen fehlt ihm jede Definition von »heilen« wie auch von »recht haben«. Das mag alles sehr theoretisch klingen, birgt aber in der täglichen Praxis unkalkulierbare Risiken. So wird ein Patient glauben, dass ein Antibiotikum seinen viralen Infekt geheilt hat, weil es ihm drei Tage nach der Antibiotikagabe wieder besser ging. Der Arzt vermag diesem Irrglauben ebenso aufzusitzen, weshalb er beim nächsten Patienten erneut zum falschen Medikament greift. Wer heilt, hat recht? Nein! Ein anderes Beispiel: Der Patient, erkrankt an einer selbstlimitierenden leichten Krankheit, also einer Krankheit, die auch ohne jegliche Therapie ausheilt, glaubt, die »Therapie« mit homöopathischen Mittelchen hätte sein Leiden gelindert, ja sogar geheilt. Derselbe Patient greift dann im Falle einer wirklich schweren Krankheit wieder zum homöopathischen Mittel – und stirbt. Nimmt man das allgegenwärtige Credo der immerwährenden Nichtzweifler ernst, dann führt das dazu, dass statistische Erhebungen ignoriert und individuelle Erfahrungen überhöht wahrgenommen werden. Die größte Gefahr für den Arzt ist aber die Überschätzung der eigenen Erfahrung auf Kosten großer, statistischer Erhebungen. »Wer heilt, hat recht« lädt genau dazu ein.

Die Pandemie der Scharlatane

Was lernen wir von Corona?

Im Februar des Jahres 2020 veröffentlichten wir auf unserem YouTube Kanal mehrere Videos über die Harmlosigkeit eines aus China kommenden Virus und stellten öffentlich die Frage, wie es zu einer derartigen Massenhysterie kommen konnte. Drei Wochen später war unsere Meinung eine völlig andere – wir hatten uns ausführlich mit der wissenschaftlichen Literatur beschäftigt, die ein düsteres Bild der Zukunft zeichnete. Gerade als Familienväter bekamen wir es mit der Angst zu tun. Was rollte hier auf uns zu? In dieser Zeit war ein deutscher Wissenschaftler eine besondere Hilfe: Prof. Dr. Christian Drosten. Sein Podcast versorgte uns mit den neuesten Informationen über wissenschaftliche Publikationen und das rasant anwachsende Wissen zum Thema Coronavirus. Selbst für uns, einen Universitätsprofessor und einen routinierten Kliniker, also zwei Menschen, die sich mit dem Thema Infektionskrankheiten durchaus auskennen, war es zu jener Zeit unmöglich, die komplexe Welt des Virus zu verstehen und in die Praxis zu übersetzen. Diese Aufgabe übernahm der Professor für uns und wir sind ihm dafür enorm dankbar. Wie aber kann es sein, dass Laien plötzlich der Meinung sind, Dinge zu verstehen, bei denen selbst medizinische Profis mit äußerster Zurückhaltung agieren und auf die eigene fehlende Expertise hinweisen? Plötzlich waren irgendwelche C-Promis öfter in den Medien vertreten als je zuvor und führten eine Hetzkampagne gegen einen der renommiertesten deutschen Virologen. Und das Schlimme daran war: Derartige Vollkatastrophen schossen plötzlich überall aus dem Boden und erzählten den Menschen nicht das, was passierte, sondern das, was diese hören wollten.

WAS BISHER GESCHAH …

Bedenkt man rückwirkend, wie alles begann, dann fragt man sich zwangsläufig, ob es nicht sinnvoll gewesen wäre, früher zu reagieren, sensibler mit den verschiedenen Hinweisen umzugehen. Stattdessen machten wir noch im späten Januar des Jahres 2020 unsere Späße. Man schoss ein Selfie mit einer Flasche des mexikanischen Biers »Corona« und postete die flachsige Beschwerde, niemand verstünde den eigenen Humor. Aber wie sollten wir sie auch verstehen, die Hinweise? Wir waren in Friedenszeiten aufgewachsen. In Europa, einem Kontinent, auf dem sich alles immer nur nach vorne zu entwickeln schien. Größer, lauter, besser, billiger … Bis auf ein paar Jugendliche, die uns vor einer Gefahr warnten, die vielleicht irgendwann auf uns zukommen könnte, und dafür freitags die Schule schwänzten, war unsere Generation nie mit wirklichen Problemen konfrontiert – zumindest nicht mit solchen. Wobei wir im Nachhinein oft denken, dass wir es vielleicht doch hätten ahnen können.

Wir erkannten die Warnungen also nicht und stellten uns viel zu oft die Frage, wieso man denn um eine Erkrankung mit einer derart niedrigen Fallsterblichkeit so viel Aufhebens machte, wo doch jährlich viel mehr Menschen an Grippe (Influenza) sterben, als dem neuen Virus bisher erlegen waren. Auch unser damaliger Gesundheitsminister versuchte zu beschwichtigen und erklärte, wir wären auf das, was da komme, vorbereitet. Ein guter Freund, seines Zeichens Risikoanalyst und Arzt, erzählte uns später, unsere Blindheit der Gefahr gegenüber sei das Resultat eines eklatanten Mangels an statistischem Vorstellungsvermögen, der viele Mediziner beträfe. Wir sähen immer nur den individuellen Fall und es fiele uns schwer, von dieser einmaligen Erfahrung nicht auf das große Ganze zu schließen. Vermutlich hatte er recht.

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PANDEMIE

Bei einer Pandemie handelt es sich um eine Infektionskrankheit, die sich über alle Länder und Kontinente hinweg ausbreitet. Im Gegensatz zu einer Epidemie, die örtlich begrenzt auftritt, kümmert sich die Krankheit bei einer Pandemie nicht um Landesgrenzen und der Erreger breitet sich auf der ganzen Welt aus.

Weil Krankheiten nicht einfach vom Himmel fallen, gehen Wissenschaftler davon aus, dass es sich bei pandemischen Erregern um Mikroorgansimen handeln muss, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden. Man spricht von sogenannten Zoonosen. Pandemisches Potenzial besitzt ein Erreger dann, wenn er plötzlich, meist bedingt durch eine spontane Änderung des Erbgutes (einer sogenannten Mutation), in der Lage ist, von Mensch zu Mensch zu wandern. Für die Entwicklung einer Pandemie bedarf es noch weiterer unabdingbarer Voraussetzungen:

Der Erreger muss hoch ansteckend sein.Die Infizierten müssen lange genug am Leben bleiben, um ihrerseits weitere Menschen anzustecken und davon möglichst viele.Außerdem ist es enorm praktisch für den Erreger, wenn die Übertragungswege unter normalen Bedingungen funktionieren, wenn er also über die Luft zwischen den Betroffenen hin und her springen kann. Nur so kann ein exponentielles Wachstum erreicht werden, das zum sprunghaften Anstieg der Infiziertenzahlen führt.

Auch wenn bei einer Pandemie nicht alle Infizierten zu Patienten werden – schon ein verhältnismäßig geringer Anteil an schwer Erkrankten kann im Falle einer explosionsartigen Ausbreitung des Erregers zur Überlastung der Gesundheitssysteme führen.

Weltuntergangsstimmung wegen eines »Schnupfens«?

So machten wir uns Ende Januar 2020 also über das Virus mit dem merkwürdigen Namen lustig und die medizinisch etwas Bewanderten unter uns konnten sich nicht erklären, weshalb vonseiten der Medien so viel Aufhebens betrieben wurde. Coronaviren, das wussten wir noch vom Studium, gehörten neben anderen Biestern, wie beispielsweise den Rhinoviren, zu den klassischen Verursachern milder »grippaler« Infekte. Wir hatten die letzten Jahre damit verbracht, Patienten die Harmlosigkeit einer derartigen Infektion zu erklären und immer wieder auf den eklatanten Unterschied zur echten Grippe, also der Virusinfluenza, hinzuweisen. Und plötzlich herrschte in China Weltuntergangsstimmung nur wegen eines »Schnupfens«.

Etwas mulmig wurde uns allerding schon ob der Bilder, die zunehmend zu uns herüberschwappten. Ganze Städte wurden abgesperrt, Menschen in Schutzanzügen liefen durch verlassene U-Bahn-Stationen und desinfizierten jeden Millimeter. Und all das wegen eines simplen grippalen Infektes? Nach und nach kamen in uns und einigen Kollegen Zweifel auf. Was sollte das denn? Die Chinesen waren nicht unbedingt für Überreaktionen bekannt und auch, dass sie eben mal so ihre eigene Wirtschaft herunterfuhren, schien doch sehr verdächtig. War also doch was dran am Coronavirus? Nach und nach wurde das Thema immer prominenter in den Medien platziert und es gab erste Berichte von Fällen außerhalb Wuhans und dann auch außerhalb Chinas. Und weil sich immer noch keiner so richtig erklären konnte, weshalb Fabriken geschlossen und das öffentliche Leben heruntergefahren wurde, passierte das, was passieren musste: Es kamen Verschwörungstheorien auf. Was wusste die chinesische Regierung über den Erreger? War es vielleicht doch ein missglücktes Experiment aus den Biotech-Laboren von Wuhan? Steckte mehr dahinter als eine normale Grippe?

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VIRUS

Unter einem Virus verstehen Wissenschaftler und Mediziner eine organische Struktur, die selbst aber keine Zelle ist und nicht lebt. Schon allein an dieser Beschreibung merkt man, dass wir es bei Viren mit einem hochinteressanten Objekt zu tun haben. Allen Viren gemein ist die Abhängigkeit von einer sogenannten Wirtszelle. Denn nur durch die Nutzung echter, lebender Zellen können Viren sich vermehren. Das gefällt den Betroffenen verständlicherweise gar nicht. Und so kommt es meist zu einer starken Immunantwort, weil der Körper den Eindringling erkennt und versucht, ihn unschädlich zu machen. Man bekommt Fieber und fühlt sich eine Zeit lang nicht besonders gut. In seltenen Fällen gelingt es dem Virus, der Immunantwort zu trotzen – dann wird der Befallene richtig krank.

Die Art und Weise, wie Viren andere Zellen nutzen, um sich selbst am Leben zu erhalten, ist faszinierend. Dabei docken sie an der Zellmembran der Wirtszelle an und schleusen das eigene Genmaterial in deren Inneres. Diese RNA oder DNA (je nach Virustyp) wird dann von der befallenen Zelle behandelt wie das eigene Genmaterial. Denn es enthält den Bauplan zur Produktion weiterer Viruspartikel. Die befallene Zelle wird also gekapert und zur Virenproduktionsstelle umfunktioniert. Sind genug Kopien des Ursprungsvirus angefertigt worden, platzt die Zelle förmlich und entlässt Tausende und Abertausende neuer Viren in den Körper. Die greifen ihrerseits wieder gesunde Zellen an und funktionieren auch diese zu Virenproduktionsfirmen um.

Es entsteht ein richtiger Teufelskreis, denn eine infizierte Zelle führt zu hunderten, ja tausenden neuen Virenpartikeln. Die berühmte exponentielle Vermehrung findet also schon im Kleinen – im Vermehrungszyklus des Virus – statt.

Katastrophe mit Ansage

Es ist im Nachhinein spannend zu analysieren, wie schnell es zu derartigen Falschmeldungen kommt und wie leicht selbst viele Ärzte die Wahrheit verkennen können, schlicht weil ihnen das nötige Wissen fehlt. Kaum ein Mediziner hätte sich eine derart pandemische Ausbreitung vorstellen können, selbst der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) musste auf einer Pressekonferenz im März zugeben, dass das Ausmaß dessen, was auf uns zukommen sollte, auch seine Vorstellung komplett übertraf. Obwohl genau dieses Szenario schon acht Jahre zuvor in einem Risikobericht als ernste Bedrohung für die nationale Sicherheit durchgespielt worden war (siehe Kasten >), wollten viele lieber an die große Verschwörung glauben, anstatt der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Schon relativ früh im Verlauf des Ausbruchs der Corona-Pandemie war klar, dass es sich weder um eine biotechnisch generierte Waffe noch um einen Erreger mit deutlich schlimmeren Eigenschaften, die man vor uns zu verheimlichen versuchte, handelte. Später konnte man die wirre Labor-Theorie dann auch auf Grundlage genetischer Analysen widerlegen.

Ein Sturm ungeahnten Ausmaßes

Auch als es Anfang Februar plötzlich zu einigen Fällen in Deutschland kam, konnte sich fast niemand das wahre Ausmaß des aufziehenden Sturms vorstellen. Mitarbeiter einer Münchener Firma hatten sich bei einem Meeting mit chinesischen Kollegen infiziert. Es handelte sich aber lediglich um einen winzigen Ausbruch des Krankheitsgeschehens. Im Nachhinein wurde diese verhältnismäßig kleine Gruppe, bestehend aus 14 Infizierten, auch als »Münchener Kohorte« bekannt. An diesem Punkt der sich entwickelnden Pandemie wäre es vermutlich noch möglich gewesen, Schlimmeres zu verhindern – allerdings konnte keiner ahnen, wie sich alles entwickeln sollte – niemand hatte derartiges schon einmal erlebt. Und so tappten wir allesamt blind in die Katastrophe. Der deutsche Gesundheitsminister, der, nachdem er den Ernst der Lage erkannt hatte, relativ konsequent handelte, machte sich eher über Verschwörungstheorien Gedanken, als dass ihn die Situation zu beunruhigen schien. Auch das bayrische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit sowie das Robert Koch-Institut schätzten die Gefahr damals als »eher gering« ein. Ein fataler Irrtum. Denn obwohl man die Patienten der Münchener Kohorte recht gut isolieren und deren Kontaktwege und damit den Infektionsweg nachvollziehen konnte, machte dieser lokale Ausbruch doch eines klar: Das Virus ist kein rein chinesisches Problem, es interessiert sich nicht für Landesgrenzen.

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BERICHT ZUR RISIKOANALYSE IM BEVÖLKERUNGSSCHUTZ 2012

Unterrichtung an die Bundesregierung, aus Drucksache 17 / 12051

2.3 Risikoanalyse »Pandemie durch Virus Modi-SARS«

»(…) Das Szenario beschreibt ein außergewöhnliches Seuchengeschehen, das auf der Verbreitung eines neuartigen Erregers basiert. (…) Die Wahl eines SARS-ähnlichen Virus erfolgte u. a. vor dem Hintergrund, dass die natürliche Variante 2003 sehr unterschiedliche Gesundheitssysteme schnell an ihre Grenzen gebracht hat. (…) Das Szenario beschreibt eine von Asien ausgehende, weltweite Verbreitung eines hypothetischen neuen Virus, welches den Namen Modi-SARS-Virus erhält. Mehrere Personen reisen nach Deutschland ein, bevor den Behörden die erste offizielle Warnung durch die WHO zugeht. (…) Obwohl die laut Infektionsschutzgesetz und Pandemieplänen vorgesehenen Maßnahmen durch die Behörden und das Gesundheitssystem schnell und effektiv umgesetzt werden, kann die rasche Verbreitung des Virus (…) nicht effektiv aufgehalten werden. Zum Höhepunkt der ersten Erkrankungswelle nach ca. 300 Tagen sind ca. 6 Millionen Menschen in Deutschland an Modi-SARS erkrankt. (…) Bei einem Auftreten einer derartigen Pandemie wäre über einen Zeitraum von drei Jahren (…) mit immens hohen Opferzahlen und gravierenden Auswirkungen auf unterschiedliche Schutzgutbereiche zu rechnen.«

Erste, grobe Fehler

Ungefähr zum gleichen Zeitpunkt begann das RKI, Empfehlungen für medizinisches Personal im Umgang mit Verdachtsfällen zu veröffentlichen. Diese definierten einen solchen Verdachtsfall als Patienten mit Symptomen des Atemtraktes, der entweder Kontakt zu einem bestätigten Fall gehabt hatte oder aber direkt aus der Provinz Hubei eingereist war. Vermutlich unterschätzte das RKI mit diesen Kriterien die Gefahr der Erkrankung. Das Problem am neuartigen Coronavirus bestand nämlich darin – und das war zu jener Zeit durchaus bekannt –, dass Patienten infektiös waren, bevor erste Symptome auftraten. Die chinesischen Behörden hatten tatsächlich nicht ohne Grund ganze Provinzen abgesperrt und waren martialisch gegen die Ausbreitung des Erregers vorgegangen.

Natürlich ist es im Nachhinein immer einfach, Entscheidungen zu kritisieren und mit erhobenem Zeigefinger auf Fehler hinzuweisen, und man kann davon ausgehen, dass die Definition der Kriterien durchdacht war, sie wurden aber eher liberal umgesetzt. Vielleicht hätte uns ein konservatives Vorgehen einiges ersparen können. Außerdem war da ja noch die von Anfang an heiß diskutierte Frage: Ist der Patient mit oder an Corona verstorben? Auch hier: Schweigen im Walde vonseiten des RKI.

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CORONAVIREN

In den 1960er-Jahren erstmals identifiziert, handelt es sich bei Coronaviren um eine Virenfamilie mit einer Vielzahl bekannter Erreger. Allen gemein ist die Form, die, bedingt durch zahlreiche Ausstülpungen der Virushülle, beim Blick unter das Mikroskop an eine Krone erinnert. Diese »Spikes« genannten Virusbestandteile dienen dem Andocken an und der Verschmelzung mit der Wirtszelle. Der Name Corona kommt aus dem Lateinischen und bedeutet übersetzt so viel wie Kranz oder Krone. Eine Besonderheit von Coronaviren ist ihre Eigenschaft, bei unterschiedlichen Spezies ganz unterschiedliche Beschwerden hervorzurufen. Bisher sind nur wenige Vertreter der Gattung bekannt, die auch beim Menschen Symptome verursachen. Diese reichen von leichten grippalen Infekten bis zum ernsthaften Befall des Atmungsapparates, der auch zum Tod führen kann. Dabei kann ein und derselbe Virusstamm bei verschiedenen Individuen zu gänzlich unterschiedlichen Ausprägungen der Erkrankung führen.

Eine spezielle Eigenschaft von Coronaviren ist ihre genetische Instabilität, die dazu führen kann, dass die Viren von einer Spezies auf eine andere überspringen und sich im schlimmsten Fall dann auch zwischen Individuen dieser Spezies vermehren können. Genau das ist bei der Coronavirus-Pandemie passiert. Neben COVID-19, der Erkrankung, die aus dem neuen Coronavirus resultieren kann, verursachen Vertreter der Virusfamilie auch Krankheiten wie SARS (Severe Acute Respiratory Syndrome) und MERS (Middle East Respiratory Syndrome).

Überlastete Gesundheitsämter

Auch die Gesundheitsämter fuhren auf Sparflamme und waren personell überhaupt nicht dazu in der Lage, eine derartige Situation zu stemmen. Unser Land war nur imstande, halbwegs professionell auf alles zu reagieren, weil Ärzte und Pflege individuelle Wege gefunden haben, das Beste für die Patienten zu tun. Die Ämter waren es nicht – zumindest nicht in unserer Erfahrungswelt. Dass es anderen Ländern deutlich schlechter erging, mag daran liegen, dass deren Behörden offensichtlich noch viel miserabler aufgestellt sind als unsere. Wir müssen hier für die Zukunft lernen und unsere Gesundheitsämter sowie den öffentlichen Katastrophenschutz deutlich besser ausstatten. Vorsorge kostet Geld, aber sie zahlt sich aus.

Ein weiteres großes Problem in Bezug auf die Kriterien des RKI war die Fixierung auf Symptome des Atmungstraktes. Bitte verstehen Sie uns nicht falsch: Es liegt uns fern, hier das RKI zu verunglimpfen. Ohne dieses Institut wären wir im Verlauf der Krise aufgeschmissen gewesen. Dennoch waren die ersten Reaktionen auf den Ausbruch nicht sonderlich praxistauglich. Fehler wurden sicherlich überall gemacht, so ist das nun einmal in einer Situation, mit der keiner rechnen kann – mit Ausnahme der Bundesregierung, da sie ja bereits acht Jahre vorher mit diesem Szenario konfrontiert wurde (siehe >). Das eigentliche Problem in der Anfangszeit der Pandemie war die unflexible Umsetzung der RKI-Empfehlungen von Beamten, die bürokratische Abläufe stur befolgten. Nur kümmert sich das Coronavirus nicht um bürokratische Abläufe …

… genauso wenig wie um die Grenzen der Nationalstaaten.

Doch irgendwann kippte die Stimmung. Plötzlich beschwerte sich ein deutscher Ministerpräsident öffentlich darüber, dass die Wissenschaft der Politik keine genaue Handlungsanweisung gab, in den »sozialen« Medien wurde brutal auf Herrn Drosten eingeschlagen und Menschen begannen täglich zu Virologen zu mutieren. Eine erschreckende Entwicklung, die letztendlich dazu führte, dass sich die Gemütslage im Lande plötzlich gewaltig änderte und aus Dankbarkeit der Wissenschaft gegenüber Misstrauen wurde.

 Info

GESUNDHEITSÄMTER

Ein Gesundheitsamt ist eine Behörde mit vielfältigen Aufgaben. Neben der amtsärztlichen Versorgung sind das beispielsweise die AIDS-Beratung, die Epidemiologie, die Aufrechterhaltung kinder- und jugendärztlicher Dienste, die Umweltmedizin, die Schwangeren- und Konfliktberatung und noch viele, viele mehr. Viele Behörden wurden in den letzten Jahren personell heruntergefahren und zum Teil sogar aufgelöst und zu einer Abteilung des Landratsamtes degradiert. Der Beruf des Amtsarztes genießt in der öffentlichen Meinung nur minimale Anerkennung – oder haben Sie auf einer Party schon einmal in die staunenden Augen der Gäste geblickt, wenn jemand gesagt hat, er sei Amtsarzt … Chirurg ist da schon etwas ganz anderes. Dabei sind die Aufgaben der Gesundheitsämter essenziell, denn sie müssen sich um die Gesundheitsvorsorge kümmern. In normalen Zeiten interessiert das aber leider kaum jemanden. Der alte Spruch: »There is no glory in prevention!«, zu Deutsch: »Prävention ist nicht sonderlich sexy!«, ist so aktuell wie nie (siehe >). Wenn wir also eine Lehre aus der Coronakrise ziehen, dann die, dass den Gesundheitsämtern deutlich mehr Geld, mehr Personal und vor allen Dingen mehr Anerkennung mit auf den Weg gegeben werden sollten!

 Info

COVID-19

Die durch das Coronavirus Sars-CoV-2 verursachte Krankheit nennt man COVID-19 (CoronaVIrusDisease, erstmals aufgetreten 2019). Aktuell wissen wir noch nicht alles über diese völlig neuartige Erkrankung. Hauptsächlich verursacht das Virus durch direkte Schädigung der entsprechenden Zellen an eine normale Virusgrippe erinnernde Symptome. Halskratzen, trockener Husten und Fieber bleiben nicht selten die einzigen Beschwerden. Gar nicht so selten gesellt sich auch Durchfall hinzu. Bei einigen Betroffenen – und wir wissen bisher nicht genau, welche Kriterien hier angelegt werden müssen – kommt es nach ungefähr acht bis zehn Tagen zu einem Befall der Lunge mit massiver Verschlechterung des Allgemeinzustandes und der Atemfunktion. Die Hälfte von diesen Patienten benötigt im Verlauf der Krankheit eine intensivmedizinische Therapie, meist dann auch eine Intubation mit künstlicher Beatmung. Ursächlich hierfür ist entweder eine sogenannte Viruspneumonie, also eine virusbedingte Lungenentzündung, oder – im schlimmsten Fall – ein ARDS, ein Akutes Lungenversagen.

Glücklicherweise übersteht ein Großteil der Infizierten die Krankheit ohne weitere Probleme. Je schwerwiegender der Verlauf allerdings ist, desto schlechter sind die Überlebenschancen. Nicht selten wird im Verlauf der Genesungsphase über einen merkwürdigen Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns berichtet, dessen Relevanz bisher unklar ist, der aber wieder verschwindet. Eine aktuelle Erhebung der Universität Wien legt nahe, dass es verschiedene Formen der Erkrankung gibt, in denen Symptomkonstellationen charakteristisch auftreten. Vielleicht handelt es sich bei COVID-19 also nicht um eine, sondern um eine Vielzahl von (klinischen) Erkrankungen. Hier ist noch viel Forschungsarbeit nötig.

DIE MACHT DER ANGST UND DIE STUNDE DER VERWIRRTEN

Und dann war sie gekommen, die Stunde der Verwirrten. Alles, was seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten unter der Oberfläche gegärt hatte, brach nun hervor. Die Impfgegner, die Verschwörungstheoretiker und Leugner, alle diejenigen, die schon immer der Meinung gewesen waren, auf höherer Ebene werde eine Verschwörung großen Ausmaßes vorbereitet, sahen in Corona und der vermeintlichen Harmlosigkeit der Krankheit COVID-19 den endgültigen Beweis dafür. Während Tausende Mitarbeiter des Gesundheitswesens und eine große Anzahl (nicht immer nur älterer) Patienten am absoluten Limit waren und ums nackte Überleben kämpften, riefen all die, die es schon immer gewusst hatten, zum großen Umsturz auf.

Verschwörungstheorien und ideologische Einbahnstraßen gab es zur Zeit der sogenannten Hygienedemos, die sich gegen die Anti-Corona-Maßnahmen der Regierung richteten, genug. Ohne hier auf die zum größten Teil grotesken Fantasien einiger Verwirrter einzugehen, hielten und halten sich doch drei Aussagen besonders hartnäckig in der öffentlichen Wahrnehmung.

1. Bill Gates versucht, die Menschheit auf 500.000 Personen zu reduzieren, und nutzt Corona, um die Bevölkerung zu sterilisieren.

Wieso der Begründer von Microsoft binnen kurzer Zeit ganz oben auf der Liste der Verschwörungstheoretiker zu finden war, ist nicht ganz klar. Möglicherweise liegt es an einem vor mehr als fünf Jahren geführten Interview, in dem Gates vor einem dem heutigen ähnlichen Szenario warnt und Pandemien als die wahre Gefahr für die Menschen beschreibt. Dieses Interview wird immer wieder ins Feld geführt, was, in Anbetracht des Umstandes, dass Gates ja genau vor einem solchen Szenario warnt, doch einigermaßen absurd anmutet. Zum einen ergibt es relativ wenig Sinn, den eigenen perfiden Plan schon fünf Jahre vor dessen vermeintlicher Ausführung öffentlich zu diskutieren, zum anderen wurde dem Deutschen Bundestag ein ganz ähnliches Szenario wiederum zwei Jahre zuvor vorgelegt (siehe Kasten >). Ein immer wieder gern vorgebrachtes Argument für eine vermeintliche Verschwörung ist das der WHO-Finanzierung. Bill Gates und seine Ehefrau kontrollierten mit ihrer gemeinsamen Stiftung die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Dies geschehe mit dem Ziel, die Weltbevölkerung zu dezimieren, um – so die Verschwörungstheoretiker – eine neue, elitäre Weltordnung zu schaffen. Geschehen soll das über das massenhafte Impfen mit einem Impfstoff, dem ein Sterilisationsmittel beigefügt wurde. Und was kommt den bösen Buben da ganz gelegen? Na klar – eine Pandemie. Wie praktisch. Zum Glück sind diese kruden Thesen in keiner Weise verifizierbar. Trotzdem verbreiten sie sich online nahezu viral, sodass man hier wirklich von einer Pandemie im Denken, einer Pandemie der Scharlatane sprechen kann. Und die ist brandgefährlich.

2. Die Impfung gegen Corona ist schon lange hergestellt und soll uns mithilfe von Mikrochips gefügig machen.

Dieses »Argument« fanden wir immer besonders skurril, bedenkt man doch die vielen Hundert Wissenschaftler, die aktuell an einer Impfung forschen. Abgesehen davon offenbart die Annahme, man würde den Impfstoff mit Mikrochips beladen, um uns wahlweise zu steuern oder unfruchtbar zu machen, eklatante Logikfehler. Es ist eigentlich furchtbar, dass man sich im 21. Jahrhundert mit solch wahnwitzigen Thesen herumschlagen muss, aber viele Menschen finden doch, aus welchem Grund auch immer, etwas Wahres an diesem Blödsinn. Also versuchen wir dem Ganzen mit Logik beizukommen. Die erste Frage, die sich hier stellt, ist natürlich die, weshalb man sich einen Impfstoff für die Mikrochips aussucht und nicht einfach das weltweit in rauen Mengen konsumierte Schmerzmittel Ibuprofen. Die Darreichungsform von solch winzigen Chips, die mit dem bloßen Auge oder dem Mikroskop oder auch dem Massenspektrometer (mit dem unabhängige Prüfinstitute Impfstoffe auf ihre Reinheit kontrollieren) nicht sichtbar sind, scheint ja völlig egal zu sein. Warum das Zeug also in einen von den Impfgegnern doch ohnehin schon kritisch beäugten Impfstoff stecken, um es dann in einen Muskel zu pumpen, wo doch so gut wie jeder mindestens einmal im Jahr zur Ibuprofen-Tablette greift? Und dann wäre da natürlich noch die Sache mit dem Betriebssystem! Mit welchem sollten denn die kleinen Kontrollbiester laufen? Microsoft? Sicher nicht – die haben ja noch nicht mal alle Bugs in Windows 7 in Ordnung bringen können. Ob hier der Zweck die Mittel heiligt und man sich bei der Konkurrenz bedient, darf doch sehr bezweifelt werden – micro-iOS wäre aber eigentlich schon charmant …

Sie sehen, wie irrsinnig und wenig durchdacht diese hochgradig prominenten Argumente daherkommen. Das Problem ist aber, dass sich von den vielen mental Verwirrten, die diesen Unfug glauben, keiner diese Fragen stellt, weil nur das wahr sein kann, was ins Weltbild passt.

3. Corona ist nicht schlimmer als eine Grippe.

Hierbei handelt es sich um eine absolut falsche und sogar äußerst gefährliche Aussage, weil sie zum einen von – zumindest dem Papier nach – glaubhaften Vertretern der Ärzte- und Wissenschaft in die Welt gesetzt wurde (die meisten von ihnen sind allerdings bereits seit langer Zeit im Ruhestand oder aus anderen Gründen nicht mehr tätig). Und zum anderen ist eine echte Grippe schlimm – und zwar sehr schlimm. Aber fangen wir mal bei den mikrobiologischen Grundlagen an: Die Gefahr beim Coronavirus selbst liegt nicht unbedingt in seiner Virulenz, also der Wahrscheinlichkeit, dass eine Infektion zu einer schweren Krankheit führt. Wir beobachten zwar schlimme Schicksale, aber die Todesraten halten sich in Grenzen, zumindest prozentual. Trotzdem liegt die Fallsterblichkeit beim Coronavirus höher als bei der Grippe. Schwere und tödliche Verläufe gibt es aber auch bei vielen anderen Krankheiten, angefangen bei Krebs bis hin zu HIV oder Diabetes – und natürlich bei der Grippe. Das allein ist also kein Grund, dem Coronavirus und der damit einhergehenden Erkrankung COVID-19 einen derart großen Stellenwert einzuräumen. Die Ursache hierfür liegt in der exponentiellen Skalierbarkeit, also der Fähigkeit, sich explosionsartig zu verbreiten. Alle paar Jahrzehnte tritt ein Virus auf den Plan, das unter den momentan herrschenden Umweltbedingungen (wobei hier die Globalisierung natürlich als Beschleuniger wirkt) in der Lage ist, sich exponentiell zu vermehren. Menschliche Gehirne können sich eine exponentielle Funktion nur schwer vorstellen, weil sie das Problem hat, dass sie sehr langsam anläuft, die Menschen also eher in Sicherheit wiegt, um dann ganz plötzlich zuzuschlagen.

Grippeviren haben zwar manchmal auch diese Eigenschaft – man denke nur an die spanische Grippe des vergangenen Jahrhunderts –, aber eben nicht immer. Die Argumente der Verharmloser und Leugner sind bei Corona immer die gleichen: Sie nehmen absolute Zahlen zu einem bestimmten Zeitpunkt, meist am Anfang der Pandemie, und vergleichen sie mit denen der Grippe-Saisonzahlen. Mit dieser Methode kann man sich quasi jede Katastrophe kleinreden. Wieso selbst vermeintlich intelligente Wissenschaftler sich dieser Methode bedienen, ist nicht ganz klar. Es ist aber eine ausgeprägte narzisstische Störung anzunehmen, die den Tod Tausender in Kauf nimmt, nur um kurz in den Medien in Erscheinung zu treten. Corona ist also sehr wohl schlimmer als eine Grippe (zumindest als die meisten Grippewellen). Hinzu kommt, dass uns gegen die häufigsten saisonalen Grippeviren sowohl Impfstoffe und im Krankheitsfall auch Medikamente zur Verfügung stehen. Nichtsdestotrotz sterben jährlich viele Menschen an Grippe – auch jüngere Menschen und schwangere Frauen. Die Aussage, Corona sei nicht schlimmer als eine Grippe, verharmlost also beide Krankheiten und verhöhnt die Menschen, die ihr Leben im Kampf gegen eine davon verloren haben. Das, was die Wissenschaftsleugner hier anrichten, ist mit ärztlicher Moral nicht zu vereinbaren.

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DAS MÄRCHEN VOM REISKORN UND DEM SCHACHBRETT

Um sich eine exponentiell verlaufende Funktion besser vorstellen zu können, sei hier an das alte Märchen vom König und dem Schachbrett erinnert.

Als Belohnung für seine Dienste gewährte ein König seinem Höfling einen Wunsch – ganz egal was, er dürfe sich eine Sache aussuchen. Nun ging der Herrscher natürlich davon aus, der Untertan wolle Gold, Silber, Edelsteine oder die Prinzessin zur Frau. Aber all das war nicht sein Wunsch. Der Mann war »bescheiden« und wünschte sich lediglich ein paar Körner Reis. Als Menge gab er folgende Berechnung an: Er wolle, dass der König ein Reiskorn auf das erste Schachfeld lege. Daneben sollte er die doppelte Menge, also zwei platzieren, dann wieder die doppelte Menge – also 4, dann 8, dann 16 und so weiter und so fort. Der König lachte, schien ihm der Wunsch doch viel zu bescheiden. Doch schnell merkte er, was dahintersteckte. Als die Reiskörner ausgezählt waren, besaß der Untertan nicht nur das ganze Königreich, sondern alles, was der König jemals besessen hatte und je besitzen würde. Sie können ja selber mal ausrechnen, welch enorme Anzahl an Körnern da zusammenkommt. Der Knackpunkt ist, dass alles am Anfang ganz harmlos aussieht: 1, 2, 4, 8, 16 ... Da sich die Zahlen aber nicht linear vermehren, sondern immer im Vergleich zum Vorwert verdoppeln, baut sich eine derartige Funktion ganz plötzlich rapide auf – eben exponentiell – und ist nicht mehr zu kontrollieren.

THERE IS NO GLORY IN PREVENTION

Obwohl dieser Satz schon lange vor der Corona-Pandemie als wichtiger Leitsatz der Epidemiologie bekannt war, gibt es wohl niemanden, der enger mit der unangenehmen Wahrheit »There is no glory in prevention« verknüpft ist, als Prof. Christian Drosten (obgleich er nie Entscheidungen getroffen hat, das waren die Politiker). Bereits in einer seiner ersten Podcast-Sendungen machte der Wissenschaftler auf das Problem der fehlenden öffentlichen Anerkennung der Präventionsmedizin aufmerksam. Denn obwohl präventive Maßnahmen bei so gut wie allen Erkrankungen letzten Endes mehr Leben retten als jede Medizin, lässt sich deren Wirkung doch schlecht messen und noch viel schwieriger kommunizieren. Das Problem liegt in der Sache selbst. Wenn Prävention, also medizinische Vorbeugung, funktioniert, dann sorgen die damit verbundenen Maßnahmen hauptsächlich für Unmut in der Bevölkerung. Denn sie bedeuten mehr oder weniger große Einschränkungen für die Menschen, ohne dass diese einen offensichtlichen Nutzen sehen. Das beste Beispiel ist hier die zunehmende Impfmüdigkeit vieler. Funktioniert die Prävention aber nicht, dann werden sehr schnell Rufe nach Konsequenzen laut.

Demos gegen Untätigkeit – Hauptsache auf die Straße rennen!

Stellen Sie sich nur einmal vor, die Entscheidungsträger hätten die Situation im März 2020 anders bewertet, ihnen wäre die Freiheit des Einzelnen wichtiger gewesen als die Gesundheit vieler. Wer hätte sich für das Ergebnis rechtfertigen wollen? Die gleichen Leute, die heute als vermeintliche Grundrechtsaktivisten auf die Straße gehen und lautstark die Abschaffung der Maskenpflicht fordern, hätten in einem solchen Fall (Achtung, Wortwitz!) kein Blatt vor den Mund genommen und den Politikern vorgeworfen, wirtschaftshörig zu sein und große Konzerne zulasten der Gesundheit der Bevölkerung zu bevorzugen. Ach, was wäre dann losgewesen? Und das Problem ist, dass es immer dieselben sind, die schimpfen und sich betrogen fühlen – egal, ob zu viel oder zu wenig Vorsorge betrieben wird.

Es lässt sich also festhalten: Funktioniert die Prävention, dann wird sie als unnötig wahrgenommen, geht sie schief, werden die Zuständigen als verantwortungslos hingestellt. Denken Sie an den Sicherheitsgurt im Auto. Wer würde den abschaffen wollen, weil die Zahl der Verkehrstoten stetig abnimmt? Ein anderes Beispiel wäre die Frage der Existenzberechtigung der Feuerwehr. Auch wenn es nicht brennt, ist man doch ganz froh, wenn die Männer und Frauen in Rot Wache halten. Kein Mensch käme auf die Idee, die Abschaffung der Feuerwehr zu fordern, weil es ja kaum brennt und die Feuerwehr nur Geld kostet.

Interessant ist auch, dass wir, vergleichen wir unsere Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie mit anderen Ländern, direkt sehen können, was passiert, wenn bestimmte Dinge durchgeführt werden oder nicht. Ein Bick nach Schweden oder in die USA müsste jeden, der auch nur statistische Grundkenntnisse besitzt, doch läutern. Aber stattdessen werden diese Länder von den Coronaleugnern als glänzende Beispiele hingestellt und die Zahlen so verdreht, dass jedem Mathematiklehrer schlecht würde.

Nichtsdestotrotz scheint laut repräsentativen Umfragen, durchgeführt zum Beispiel für den ARD-Deutschlandtrend, die Mehrzahl der Menschen hinter den Maßnahmen des Jahres 2020 gestanden zu haben. Die Gefahr, dass dem emotional und subjektiv wahrgenommenen Wegfall von Freiheiten kein klarer Gegenwert gegenüberzustehen scheint, ist aber groß und wird, je länger eine Krisensituation andauert, immer größer. Jeder einzelne Mensch muss zurückstehen und Einschränkungen in Kauf nehmen. Das Resultat ist aber nicht einmal, dass die Dinge zumindest bleiben, wie sie sind, nein, sie werden schlimmer. Die Arbeitslosigkeit steigt, die Wirtschaft kränkelt. Und das trotz der verordneten Maßnahmen (oder gerade wegen ihnen?!). Dass sich die Dinge viel schlimmer entwickeln würden, wenn man gar nichts täte, ist schwer zu erklären und noch schwerer zu beweisen. Es ist also durchaus eine Kunst, Prävention über einen langen Zeitraum als effektives Mittel zu kommunizieren – gerade, wenn sie so viel Verzicht fordert.

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WISSENSCHAFTLICHE DISKUSSION VERSUS MEINUNGSMACHE

Im Zuge der Diskussion, die im Internet immer wieder geführt wurde, wurde wissenschaftlich argumentierenden Menschen vorgeworfen, ihren Universitätsabschluss vorzuschieben, um Kritiker mundtot zu machen. Dieses Argument lässt sich tatsächlich nur in Teilen entkräften, weil es schlicht einer gewissen naturwissenschaftlichen Basisausbildung bedarf, um komplizierte mathematisch-wissenschaftliche Denkmodelle in Ansätzen zu verstehen. Um sich als ernstzunehmender Gesprächspartner am Diskurs zu beteiligen, benötigt man eben die Fähigkeit, wissenschaftliche Publikationen zu lesen (häufig sind diese auf Englisch verfasst) und die Zahlen zu interpretieren. Natürlich gibt es auch »Nicht-Wissenschaftler«, die das können. Bei einem derartig komplexen Thema wie einer Pandemie lassen sich viele Zusammenhänge allerdings nicht von Laien erfassen. Dies wollen die meisten aggressiven Coronaleugner nicht einsehen. Sie vertrauen lieber auf Schlagzeilen von digitalen Meinungsmachern und glauben, die echten Wissenschaftler enthielten ihnen Wahrheiten vor.

DIE NEUE NORMALITÄT