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Der Schild der 10000 Jahre Band 2: Das unsichtbare Meer Ein Schatten liegt über Europa. Und was noch übrig ist von dem ehemaligen Deutschland ist kurz davor, in einem atomaren Feuersturm zu vergehen. Und so stellt sich eine kleine Gruppe Awarianer den aus den Tiefen der Geschichte erwachten mächtigen Orden; einer Königin, die vom Himmel herab regiert; und Waffen, die niemals das Licht der Welt hätten erblicken sollen. Während When, Sras, Eric und ihre Gefährten sich auf einen Kampf vorbereiten, der auf Schlachtfeldern, an Konferenztischen und in den Tiefen des Geistes gekämpft wird, stellt sich eine einzige Frage: Was kann ein Moment des Friedens und der Stille ausrichten, gegen eine Unendlichkeit aus Hass, Zorn und Tod?
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Seitenzahl: 306
Veröffentlichungsjahr: 2025
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In Liebe für Karin Elisabeth Schelberg und alle Krankenschwestern- und Pfleger dieser Welt
Prolog
Teil Eins
Der Liebreiz der Isar
Die Templer
Hoch über der Welt
Der Tag danach
Killing Fields
Sras und das Paket
Meditation
Trautes Heim
Der Verstärker
Tara
Cremp
Isar 2
Cremp2
FKK-Alpträume
Rückblick
Die Tochter
Catalina und das Paket
Awaria is in the house
Der Beitritt
Kontaktaufnahme
Recherche
Time to shine 2
L´amour
Kriegsrat 2
Die Party
Teil Zwei
Isar 3
Kriegsrat Zwei
Kriegspfad
Wofür wir kämpfen
Die Uniform
Schwimmen
Ein Spaziergang mit Samuel
Die letzte Konferenz
Teil Drei
Rotzi und Krampf
Kämpfen
Tussies
Ein Hauch von Tod
Teil Vier
Böses tun
Kyffhäuser
Drachenhöhle
„Können wir sie zerstören? Mit Kernwaffen? Lasern?“ „Nein.“ „Sind sie so mächtig?“ „Sobald einer von ihnen die Erde betritt, verändert sich das Magnetfeld unseres Planeten, und der Nordpol wird zum Südpol. Also ja. Sie sind so mächtig.“
„Lasst euch auf den Moment ein.“
Flaucher.
Wenn es warm ist, baden hier die Nudisten in all ihrer Pracht und lassen sich die Sonne auf die splitternackte Haut brennen.
Wenn es saukalt ist, und eine fanatische Sekte die Macht übernommen hat, mit dem einzigen Ziel, das Heil der Stille in seine Jünger einzutreiben, sitzen besagte Jünger der Abschlussklasse der Entschweren-Akademie bis zum Hals in den Strudeln, und genießen den himmlischen Ausblick.
Was generell kein Problem darstellt, heißt man nicht When, und ist aus irgendeinem verworrenen Grund Mitglied eben jener Abschlussklasse.
Nicht, dass es wirklich eine Rolle spielen würde, welche Jahreszeit gerade herrscht. Die Isar, so lebensspendend, bezaubernd und verführerisch, so gut zu Tier und Mensch sie auch ist, hält ihre Eiseskälte das ganze Jahr tapfer durch, was When zu dem Gedanken bringt, dass man sie nicht die „Reißende“ hätte nennen sollen, sondern eher die „Eisende“.
Gut, es ist nicht einer seiner kreativsten Gedanken, aber eine Millisekunde Gedanke mehr, und eine Millisekunde Kältegefühl weniger ist es definitiv wert. Auch würde er sich jetzt, unabhängig von der Wassertemperatur, doch den Sommer herbeiwünschen, zehren doch Nebelatem und eisverkrustetes Astwerk schon ein bisschen mehr an den Nerven, als die Aussicht, sich nach getaner Arbeit in das flauschige Strandtuch zu kuscheln, einen Einweggrill anzuheizen und ein paar Gemüsespieße in Marinade zu braten.
„Lasst euch auf den Moment ein“, erschallt wieder diese tiefe Stimme, irgendwo dort vorne. When hat es satt zuzuhören, genau in diesem Moment, diesem Bariton, der sie die letzten Monate geschunden und belehrt hat, meistens beides zusammen. Doch ihm ist so kalt, dass er nicht einmal ein Fünkchen Hass aufbringen kann. Zitternd schaut er nach links zu seinem Kumpel Laab, der die Augen geschlossen hält, und irgendwas fast lautlos vor sich hin murmelt. Wahrscheinlich ein Mantra der Ruhe, denkt When, bis er einige Wörter vernimmt, die in einem Mantra sehr unangebracht wären.
„Bruder, alles in Ordnung?“, flüstert When so leise wie möglich, weiß er doch um die Fledermausohren ihres Meisters.
Der taucht allerdings gerade unter, und When spürt doch ein kleines Fünkchen dieser schönen, lodernden Flamme in seinem Herzen, als er sieht, wie ihr er mit einem Lächeln auf seinem Preisboxergesicht wieder auftaucht.
„Wa... was?“ Laabs Zähneklappern steht Whens in nichts nach, also wiederholt er seine Frage.
„Nein. Mir ist kalt.“ Tapfer lächelt er seinen Freund an.
When versucht ebenfalls, sein Gesicht zu einem Lächeln zu überreden, aber es gelingt ihm nur halbwegs.
„Durchhalten, Bruder. Es..“ Ist nicht mehr lange, will er sagen, bremst sich aber im letzten Moment, weiß er doch, dass jeder Gedanke, selbst der hoffnungsvollste, fatal wäre.
„Was soll das Ganze eigentlich? Jede andere Klasse macht die Übung in einem warmen Zimmer“, presst Laab hervor.
„Die benutzen sogar Meditationskissen, When! Meditationskissen!“
Endlich gibt Whens Gesicht klein bei, und er muss kurz untertauchen, um sein Lachen zu verbergen. Was die Sache nicht wärmer macht, aber zumindest steigen jetzt ein paar Lachbläschen auf und fliegen in Richtung der Sonne... der schönen, warmen Sonne.
„Mache dir doch warme Gedanken“, flüstert er.
„Funktioniert schon seit einer halben Stunde nicht mehr.
Mindestens.“ When nickt verständnisvoll.
Vor dem Eintauchen war die Freude noch groß bei den Jungs, denn Jungs sind sie alle noch, dass Koedukation großgeschrieben wird, und sie deshalb Tara und Co. im Bikini bewundern würden dürfen. Als dann aus dem Bikini, der natürlich eine unrealistische Fantasie gewesen war, ein Schwimmanzug wurde, konnte selbst das die Begeisterung kaum schmälern. Nach den ersten Minuten allerdings in diesem Eiswasser wurde selbst den verliebtesten Jungen unter ihnen klar, dass sämtlicher Sinn nach Erotik den Bach runtergeht, wenn die Körpertemperatur erst einmal auf gefühlte zwölf Grad gefallen ist.
Aber wer weiß, denkt sich When, dessen Haut so taub geworden ist, dass er kaum noch eine Linie ziehen kann zwischen sich und dem Wasser.
Vielleicht ist dies ja der Sinn dieser Einheit.
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Der Awarianer blickt nach vorne. Über die keuchenden Kutten hinweg, seinem neuen Bruder folgend, der galant wie immer durch die Pforte schreitet, als wäre nichts geschehen.
Was ja auch eigentlich stimmt.
When muss lächeln, als er den Diplomaten beobachtet, in der Mitte des Kirchenschiffes, auf den Grund für ihr Hiersein gelehnt, als würde er an der Reling irgendeiner Luxusyacht stehen und den reizenden Fang von heute begutachten. Sein Wai ist nicht perfekt, denkt der Awarianer, aber ehrlich.
Dann zerschneiden Stahlklingen die Luft, und When seufzt auf. Anscheinend, dämmert es ihm, ist die Sache hier doch noch nicht ganz vorbei.
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„Bleib hinter mir“, sagt die Kambodschanerin, während sie versucht, ihren Arm zu bewegen. Ihr Blick ist starr auf den Eingang gerichtet.
„Da musst du mich nicht lange bitte, Schwester“, sagt When ehrlich, und überlegt sich beim Aufstehen, was hinter mir so genau bedeutet, wenn man umzingelt ist.
„Was ist das für ein Geräusch?“, klingt es aus Bodennähe plötzlich neben ihm. When blickt herab und sieht Kwint, immer noch an den Armen gefesselt; daneben der alte Joseph, und beide sehen aus, als würden sie sich ein Schneckenrennen liefern. Bei dem aber keiner gewinnen wird, so langsam wie sie sind.
„Hubschrauber“, sagt Sras kalt, während sie die zwei Titanstäbe des Lappens aufzunehmen versucht. Schulter und Armgelenk Nummer zwei haben aber den puren Willen überstimmt und die Arbeit eingestellt, also greift sie sich beide mit der halbwegs gesunden Seite und wirft einen ihrer Kriegsschwester Kat zu. Dass sie ihn mit dem blauen Gesicht überhaupt fangen kann, wenn auch im letzten Moment, weil sie einmal den imaginären erwischt, kommt einem kleinen Wunder gleich.
„Zwei, um genau zu sein“, meldet sich der alte Spion, und richtet sich ungelenkig auf. Dann hilft er einem seiner Kontrahenten auf, der halb so alt zu sein scheint wie er.
„Einer am Boden, der leichte. Der Schwere ist noch in der Luft.“ Kwint und er helfen jetzt ihrer Schwester Patricia, die es sich aber uncharmanterweise nicht nehmen lässt, einen der Mönche als Aufstehhilfe zu benutzen.
„Wenn du nur halb so gut kämpfen könntest, wie du klug redest, alter Mann, würden wir dich in unserem Orden direkt zum Meister ernennen.“ Die Irin spuckt ein bisschen Blut und lächelt den Märchenonkel an, der sich ebenfalls ein schelmisches Grinsen nicht verkneifen kann.
„Na ja, dann gäbe es in eurem Orden schon mal wenigstens einen, der kämpfen kann.“
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Jude ist die letzte im Bunde, die zu Camp Awaria stößt, gestützt von einem der Wachleute, der anscheinend bereits zu seinem fünften Geburtstag eine lebenslange Vorrat an Anabolikapillen geschenkt bekommen hat.
Die drei Schwestern der Hand blicken erst auf ihr Gesicht, dann absolut synchron auf den Muskelprotz.
„Es ist in Ordnung, Schwestern“, lächelt Jude die Awarianerinnen an, bevor der Muskelprotz vor eine der wichtigsten Entscheidungen seines Leben gestellt wird. „Wir haben Frieden geschlossen.“
When beobachtet Sras und weiß, dass der Kölner noch einige Meilen schwimmen muss, bis er aus der Gefahrenzone heraus ist.
„Geht es euch allen gut?“, fragt die Ärztin besorgt, und nicht nur When kommen fast die Tränen bei dieser Frage.
Er nickt lächelnd. „Alles in Ordnung, Schwester. Vielen Dank für deine Besorgnis.“ Sras nickt, ihr Blick abwechselnd auf Lappen, Muskelprotz und das Eingangstor gerichtet. Kwint lächelt ebenfalls, der Märchenonkel tätschelt ihr aufmunternd die gute Wange. „Besser als denen“, sagt Kat mit einem gehässigen Lächeln und zeigt auf ihre Gegner, die sich langsam wieder sammeln. Bleibt nur noch Pat, und Jude schaut sie erwartungsvoll an.
„Oh, alles ok. Aber ich habe es bestimmt am schlimmsten erwischt“, sagt sie lächelnd und blickt der Violetten zu, wie sie einen Mönch stützt, der doppelt so groß ist wie sie. Ihr Blick gleitet über ihre irische Feindin und bleibt auf ihr haften.
„Und was ist mit unserem Paket?“ Jude errötet kurz. „Ich meine, unserem Freund Eric?“
„Abgeliefert“, sagt Sras und wirft ihren Gegnern noch einmal einen finsteren Blick zu.
„Dann sollten wir diesen Schauplatz verlassen“, sagt der alte Spion, seine unawarianische Sehnsucht nach Bad und Bier für alle fühlbar.
Plötzlich spürt When plötzlich einen brennenden, nur allzu bekannten Schmerz in seinem Kopf, und sieht, wie das Tor auffliegt.
„Es tut mir sehr leid, Bruder. Aber das wird noch ein wenig warten müssen.“
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Die weltlichen Wachen halten respektvoll die schweren Türen auf, als die drei Gestalten eintreten. Die Mönche, selbst jene, die noch schwach auf den Beinen sind, weichen nach rechts und links aus, fallen auf ihre Knie und senken demütig ihre Häupter.
„So ein Auftritt würde Meister Krampf bestimmt gefallen“, sagt Kwint leise. Und es stimmt, findet When. Nicht dass einer der drei Figuren ihrem Meister auch nur ähneln würde, aber die Ehrbezeugung seiner Untergebenen wäre genau nach Cremps Geschmack. Dies muss die Militärzeit gewesen sein, die ihn verdorben hat, denkt der Awarianer, während er jede Bewegung der Neuankömmlinge beobachtet.
Oder die Zeit im Himalaya. Wo ich jetzt übrigens auch gerne wäre.
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„Ich nehme die rechte“, flüstert Pat ihren Schwestern zu und fixiert die schlanke Gestalt auf der linken. When trauert ein bisschen um die Nichtanwesenheit seines Freundes, denn neben seiner liebsten Kondwiramur, die paradoxerweise ebenfalls auf der falschen Seite der Tür ist, muss diese Frau das Schönste sein, das er jemals gesehen hat. Dabei verdeckt ihr Pilotenanzug, der halb Überlebensausrüstung im Absturzfall(auch wenn er nicht glaubt, dass sie schon jemals abgestürzt ist) und halb Kugelschutz zu sein scheint, das meiste von ihr. Aber bei manchen Menschen hat man einfach das Gefühl, dass sie schön sind. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass allein ihre Beine schon länger sind als die Gestalt, die zur Rechten watschelt.
„Warum bekommst du schon wieder die Hübsche?“, beschwert sich Katjuscha, blickt an der Elfe empor und dann naserümpfend auf den Kleinen. Der gleicht so ziemlich Bruder Andreas, nur dass er als Kind wahrscheinlich in ein Bierfass gefallen war, und seitdem nicht mehr herausgekommen ist. Panzerung scheint er nicht für notwendig zu halten, oder er will einfach nicht seine üppigen Kurven verbergen, was verständlich ist. Stattdessen trägt er allerdings eine imposante verspiegelte Brille, auf der Farben und Formen flimmern, und sogar zwei KBs am rechten Arm. Das Geschehen hier scheint ihn eher nicht zu tangieren, und dass er noch gehen kann, also überhaupt gehen kann, ohne vornüber zu fallen, aufgrund des Hightech und der Wampe, rechnen ihm selbst die Schwestern der Hand hoch an.
„Weil ich ein besonderes Händchen für hübsche Frauen habe“, flüstert Pat und blickt ihre Gefährtin verführerisch an.
„Solltest du doch eigentlich wissen.“ Kat lächelt, ist allerdings zu cool, um auf so ein Kompliment einzusteigen.
Es muss lustig zugehen in den Trainingshallen der Hand, überlegt When; also so nach den brutalen Trainingseinheiten, und wenn Blut und etwaige Zähne weggewischt worden sind. Er zumindest hatte in der kurzen Zeit dort nichts zu lachen gehabt.
„Niemand, der den in der Mitte nehmen möchte?“, schaltet sich Sras ein, während sie grimmig den Behemoth zwischen den beiden Kuriositäten mustert.
„Sehr aufmerksam von dir, Schwester. Aber nein, der ist ganz allein für dich.“
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Sras atmet so leise ein, dass nur Whens scharfe Ohren das als kriegerisches Seufzen interpretieren können. Der in der Mitte ist aber auch ein Biest, denkt er sich.
Zwei Cremps aufeinandergestapelt, bestimmt zwei Meter groß und riesige breite Schultern. In den Fünfzigern, aber das ist Cremp auch, und der haut noch eine Reihe Jiu-Jitsu-Leute in ihren Zwanzigern aus den Socken. Selbst das graue Haar, voll und getrimmt zu einem soliden Block, sieht gefährlich aus. Er trägt sogar ein Schwert. Was, so hofft When, rein zeremoniell ist. Wäre seine Panzerung nicht aus ultramodernem Kevlar und würde seine Uniform, die an einigen Stellen ein wenig zerrissen und mit Blut gesprenkelt ist, ein weit sichtbares rotes Kreuz tragen, When würde ihn fast für einen Templer halten.
Ein einziges Mal passe ich in Geschichte auf, und dann ist die Gelegenheit einfach zu unpassend, um glänzen zu können.
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„Der ehrwürdige Herr in der Mitte erinnert mich an einen aus dem Deutschritterorden. Oder einen Templer“, sagt Kwint und When seufzt leise.
„Niemand mag Streber, Bruder“, sagt er so belehrend und teilnahmslos wie möglich.
„Lass dich nicht beirren“, sagt Sras eisig, „ unser lieber Bruder Blaumacher ist nur entrüstet, dass er nicht selbst darauf gekommen ist.“ Allgemeines Nicken unter den Awarianern, die so in ihre aufkommende Diskussion vertieft zu sein scheinen, dass selbst die Kontrahenten beginnen zu zögern und ihre Schritte zu verlangsamen.
Nicht neu. Oder originell. Dennoch empfinden wir diesen Vergleich als Kompliment. Rauscht es When plötzlich wie ein stahlverstärkter Eisbrecher durch den Kopf.
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„Sobald wir uns verteidigen, lauft ihr los, verstanden?“ Sras Titanstab, mit freundlicher Genehmigung von Lappen entliehen, beginnt Elmsfeuer zu werfen. Kat und Pat flankieren sie rechts und links, das lustige Geflachse einer Spannung gewichen, die die Luft flimmern lässt. When versucht sich noch von den Gedanken zu erholen, und ist so desorientiert, dass er nicht einmal weiß, wer seinen Geist gerade durch den Ring geprügelt hat. Seine Brüder und Schwestern ohne Todessehnsucht stützen ihn, und nicken schweigsam.
Die drei Gestalten sind jetzt bereits in Nahkampfreichweite.
Was in dem Fall eines sprungbereiten Panthers und eines Hühnen mit einem Meter Spannweite und einem Zweihänder immerhin fast fünf Meter sind, plus minus Ausfallschritt.
Manchmal hasse ich es, immer erst die Wange hinzuhalten, auch wenn ich weiß, was passieren wird, empfängt When, weiß aber diese mal genau, wo es herkommt. Sras geht leicht in die Knie, dreht den Angreifern ihre gesunde Seite zu und hält gleichzeitig die beleidigten Besiegten rechts und links im Blick. Und versucht sogar noch, böse zu funkeln, was ihr so exzellent gelingt, dass When nicht weiß, ob es die erste Angriffswelle leichter hatte, oder die zweite haben wird.
Ihr könnt euch entspannen, Bürger aus Awaria. Der Kampf ist beendet.
Die drei Templer sind stehen geblieben. Die Schöne schaut When jetzt direkt an, der erleichtert lächelt, als die Gedanken dieses Mal wie eine warme Sommerbrise seinen Geist umgarnen. Der Riese schiebt mit einer eleganten Bewegung seinen Umhang zurück, neigt sein Kinn und führt eine Verbeugung aus.
„Liebe Gäste aus Awaria. Mein Name ist Bernhard vom hellen Tal“, dröhnt seine Stimme so leise und doch so tief, das Whens sämtliche Organe anfangen zu vibrieren. „Es ist mir und meinem Orden eine Ehre, euch in unserem Heiligtum willkommen zu heißen.“
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Er richtet sich wieder auf.
Die Schöne lächelt die Awarianer so höflich an, das When diese Mal froh ist, den Diplomaten nicht an seiner Seite zu haben. Die Schwestern der Hand entspannen sich ein wenig.
Pat und Kat verlassen ihre Kampfpositionen. Jude, Kwint When und Joseph haben genügen Manieren, um mit einem halben Wai plus integrierter Verbeugung zu antworten. allerdings toppt die allzeitig friedfertige Kambodschanerin all diese Höflichkeiten, als die Elmsfeuer erlöschen und sie dem Lappen sein Stäbchen in die Arme wirft( etwas fester als nötig, aber wer unschuldig ist, werfe den ersten Stab).
„Wir bedauern diese Missverständnis. Aber auch wir sind nicht außerhalb dieser Welt und unterstehen einer Hierarchie. Und unsere Befehle waren eindeutig.“
Die Awarianer blicken sich gegenseitig an. Erst vermutet When, dass sie einfach alle zu erschöpft sind, als dass sie es noch in sich hätten, Floskeln auszuteilen, auch wenn es vielleicht sogar um ihr Überleben oder eine Aufenthaltsgenehmigung geht. Dann aber dämmert es ihm, und auch seinen Brüder und Schwester, dass er ihnen fehlt.
„Das verstehen wir nur zu gut“, opfert sich der gute Joseph und bricht das Schweigen. „Schließlich waren wir nicht eingeladen. Für unser Eindringen möchten wir uns noch einmal herzlich entschuldigen.“
Die beiden älteren Männer lächeln sich gegenseitig an, als hätten sie gemeinsam in irgendwelchen Schützengräben zusammen gelegen.
„Ich danke euch für euer Verständnis. Eure Eindringen ist vergeben. Sind eure Angelegenheiten, was das Weltliche betrifft geregelt?“, fragt Bernhard.
„In Arbeit.“, antwortet der alte Spion.
„Das freut mich. Dann möchten wir der awarianischen Delegation anbieten, in unseren bescheidenen Gemächern Gäste zu sein. Leider kann ich und mein Führungsstab nicht bleiben. Dringende Geschäfte benötigen unsere Aufmerksamkeit. Aber ihr seid bei unsere Novizen in guten Händen.“
Ignatio. Tenebra. Kümmert euch um unsere Gäste.
Die Schöne blickt erst den Lappen an, dann die Schlanke mit den violetten Augen. Die verneigen sich, und bedeuten ihren neuen Freunden, ihnen zu folgen. Was Ignatio mit so kalter Miene macht, dass man seine Verachtung nur an den Mundwinkeln sehen kann. When nickt ihm dafür respektvoll zu, weiß er doch, dass Hass eines der am schwierigsten zu meisternden Gefühle ist.
„Wir danken euch, im Namen von ganz Awaria, und nehmen euer Angebot sehr gerne an“, sagt Joseph, und die Gruppe beginnt den zwei zu folgen, während die drei Obersten bereits wieder auf dem Weg zum Helikopter sind.
„Hat der eben gerade Novizen gesagt? Und heißt es das, was ich denke?“, hakt Kwint ungläubig bei Joseph nach.
„Ja, das hat er, Bruder Kwint.“ sagt Joseph lächelnd, während den Domgang langsam verlassen.
„Was uns hier in den Hintern getreten hat, waren Lehrlinge.“
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Ein Flugzeug, groß wie ein Fußballfeld, irgendwo über dem Pazifik.
Aber vielleicht sollte man bei der Chakravartin eher von Raumschiff sprechen, so weit oben in der Atmosphäre zieht sie ihre Bahnen; sie bleibt in der Nacht, schon viele Umkreisungen lang, weil die Königin es dunkel mag.
Nachdenklich blickt sie durch das Fenster, das mit Eissternen bedeckt ist. Beobachtet ihre Eskorte, drei Kampfjets auf jeder Seite, in perfekter Formation; so neu, dass die Militärs Jahre brauchen werden, um auch nur Annäherndes entwickeln zu können. Nicht dass die Chakravartin das brauchen würde, ist sie doch selbst bis unter die riesigen Triebwerke bewaffnet, ohne einen Zentimeter Stahl, der nicht zurückfahren und tödliches Mündungsfeuer herabregnen lassen könnte. Aber sicher ist sicher. Die Welt ist ein ungemütlicher Ort geworden.
„Vermisst ihr nicht die Erde, meine Teure?“, sagt ihr Gast.
Sie schweigt.
Das Reden hat sie fast verlernt, merkt sie, ist doch ihr Blick genug, um zu befehlen, ihr Schweigen laut genug, um Armeen in Marsch zu setzen.
„Was sollte ich vermissen, mein Freund?“, sagt sie, mehr zu sich selbst. Ihr Gegenüber ist ein König, oder ein Präsident, von irgendeinem Land, oder mehreren Ländern. Das muss er sein, sonst hätte er nicht ihr Heiligtum betreten dürfen.
„Ich finde es da unten schlicht und ergreifend... dreckig.“
Eine kurze Abscheu ist auf ihrem perfekten Gesicht zu sehen, und selbst diese Abscheu, denkt der mächtige Mann, und das ist er, oder denkt er zumindest, ist absolut perfekt.
„Dreckige Städte. Verschmutzte Länder. Und überall diese unnützen Wesen.“
Der mächtige Mann lächelt unsicher, hat er doch das Gefühl, mitgezählt zu werden.
„Nur der Himmel ist noch relativ... sauber. Oder wird es bald sein.“
Ihr Gegenüber lächelt wieder, und versucht die kleinen, funkelnden Kometen zu vergessen, die sich ab und an von den Tragflächen der Jets lösen.
Und den Himmel sauberer machen.
„Wollen wir über den Zweck ihres Aufenthalts hier sprechen, bevor wir das Diner ordern?“ Plötzlich lächelt sie ihn sanft an, und klingt fast mütterlich.
„Schließlich braucht die Welt dort unten ihren Herrscher zurück.“
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„Sie können mir einen großen Gefallen tun“, beginnt sie, während sie einen Knopf betätigt.
„Was immer in meiner Macht steht“, sagt er, und merkt gar nicht, dass er wie ein dressiertes Hündchen klingt. Oder es ist ihm schlicht und ergreifend egal. Wenn die Königin etwas verlangt, hat er gelernt, sollte man dem Ruf folgen.
„Es wird Verhandlungen geben. Um eine Waffe. Irgendetwas Antiquiertes. In Europa. Ich möchte, dass sie in die Wege leiten, dass meine Delegation dort anwesend sein wird.“
Er schaut etwas überrascht.
„Ich weiß, was sie sagen wollen. Verzeihen sie meine Nachlässigkeit, aber meine Kontakte auf diesem Kontinent sind so... begrenzt. Das letzte Mal, als ich einen Fuß darauf gesetzt habe, muss Jahre her sein. Und damals schon war es mühselig, mit all diesen aufgeblasenen Menschen und ihrer zum Himmel schreienden Ohnmacht.“
Sie erinnert sich.
Einer der letzten Gipfel, G9, 17 oder 21. Die Schutztruppen zu unfähig, ein paar Demonstranten zu neutralisieren, die Politiker zu dumm, um wichtige Entscheidungen zu treffen.
Wenn ihr Konsortium nicht schon im Vorhinein die Hälfte von den Anzugträgern geschmiert hätte, wäre wieder mal gar nichts passiert. Damals hatte sie sich geschworen, eher sämtliche Parlamente niederzubrennen, als noch einmal mit Demokraten Geschäfte zu machen.
Der Umsturz ist ihr zuvor gekommen, denkt sie halb wehmütig, hatten die Ihren doch überraschend wenig damit zu tun.
„Sie und ihre Leute bringen sie in die Verhandlung, und sorgen für ihre Sicherheit. Bis alles vorüber ist.“
Ihre Stimme hat an Schärfe zugenommen mit den letzten Worten. Dann beginnt sie, ihn zu fixieren.
„Ich möchte, dass sie ihre allerbesten Kräfte auf diese Aufgabe konzentrieren. Die Delegation wird von einem Menschen angeführt, der mir... sehr teuer ist.“
Der mächtige Mann überlegt nicht lange, und nickt.
„Es wird mir eine Ehre sein.“
Sie lächelt ihn an, wieder die dankbare Dame, der er geholfen hat, den Reifen zu wechseln. Dann nickt sie ihren Bediensteten zu, die beginnen, Teller und Schüsseln vorzubereiten.
„Ich danke ihnen sehr, mein Lieber“, sagt sie, dann spricht sie in Richtung des Fensters.
„Hast du mitgehört, Catalina, meine Liebe? Du hast gerade eine Einladung bekommen.“
Draußen, in der Nacht, wackelt einer der Kampfjets mit den Flügeln, fast, als würde er wölfisch lächeln.
„Ja, Mutter, habe ich.“
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Bumm.
Für einen kurzen Moment will er nach seiner Krawatte greifen, unterdrückt aber den Impuls. Krawatten, hat er entschieden, gehören seiner Vergangenheit an. Der Mann von Welt, also von der Welt, die noch übrig ist zumindest, trägt Tarnfleck und schaut grimmig, denkt er grimmig, und hofft, dass all diese Gedankenkapriolen noch Auswirkungen von den unliebsamen Ereignissen sind, die er in den letzten Tagen das Vergnügen hatte zu durchleben.
Bumm.
Eine Krawatte kommt höchstens noch infrage, um sich Ninjastyle irgendwo abzuseilen. Oder um einen Gegner zu erwürgen.
Was ihn direkt zu diesem verstörenden Geräusch bringt, das aus einem kleinen und bestimmt finsteren Kellergewölbe dringt, und so schön den Staub begleitet, der leise von der Decke auf ihn herab rieselt.
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„Ich würde dort nicht hineingehen.“
Ihr langes brünettes Haar klebt ihr an Hals und Schultern.
Sie atmet schwer, was neu für ihn ist.
„Warum? Habt ihr da drin einen Riesen, der endlich ein Schlagzeug zum Geburtstag geschenkt bekommen hat?“
Er lächelt. Sie funkelt ihn an.
Klar. Wäre ja auch das erste Mal, dass mein Charme hier mal Früchte tragen würde.
„Nein.“ Sie bleibt ernst. Ihr Gesicht ist wieder auffallend einfarbiger geworden. Und das so schnell, denkt er, und fragt sich dann doch ein bisschen verschmitzt, ob das die Meditation ist, oder ob der Bauernstaat ein Monopol für besondere Hautcreme hat.
„Aber sie ist nicht in wirklich guter Stimmung.“
Zong. Kein Bumm dieses Mal, eher eine Kette, die gerissen ist, nicht ohne vorher dreimal um Gnade gebettelt zu haben.
„Keine Sorge“, sagt er fast überzeugt. „Sie liebt mich.“
Und ich hoffe, das zählt irgendwas.
Das ringt der Russin dann doch ein leichtes Lächeln ab.
„Wenn du meinst, Bruder. Es ist dein Leben.“
Sie nickt und geht dem Ausgang entgegen.
Bruder.
Er hat schon das ein oder andere Kompliment bekommen, meist aber eher oberflächlich, und definitiv aus augenscheinlich oberflächlichen Gründen; aber dieses einfache Wort jetzt lässt ihn fast erröten.
Sie öffnet die Tür. Treppen sind zu sehen, und ein bisschen Sonnenschein.
Dann dreht sie sich noch einmal um, und faltet die Hände zu einem Gruß.
„Du warst gut gewesen gestern, Eric. Sehr gut.“
Er verbeugt sich tief. Schaut sie ernst an.
„Ich danke dir sehr.“
Schwester.
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Weiß dein Orden von deiner Vergangenheit?
Ihre Schuhe sind Geschichte; sie haben als erstes begonnen, das Schlachtfeld zu räumen. Nur ihr Fuß ist noch übrig, aber ihre bronzene Haut hat jeden Schimmer verloren durch all das Blau.
Dass deine Großeltern Rote Khmer waren? Dass du ein direkter Nachfahre von Tah Mok bist?
Wieder kracht ihr Fuß gegen den Sandsack. Das Zucken, wenn der Schmerz ihr Gehirn erreicht, hat sie sich schon lange abgewöhnt. Wenn sie überhaupt jemals echte Schmerzen hatte.
Haben sie die Gesichter gesehen, in Tuol-Sleng? Deine Familie hat ja immer gern mit ihren Foltereien geprahlt.
Sie gibt ihm nicht einmal Zeit, gediegen zurück zu pendeln, und die letzten Sekunden seines Lebens als Trainingsgerät zu genießen. Mit einem Schrei setzt sie nach, springt, und lässt ihn in der Luft explodieren.
Hast du die Gesichter gesehen, in Tuol-Sleng? Hast du,
Sras?
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Na, dann wollen wir mal.
Er blickt auf die Tür, die ihm irgendwie so...klein vorkommt.
Dann macht er den Trick mit dem Atmen, der aber irgendwie immer nur dann funktioniert, wenn es nicht um Liebe und Lebensgefahr geht.
Langsam drückt er die Klinke nach unten, und schiebt die Tür vorsichtig auf. In einem früheren Leben muss ich so was mal professionell gemacht haben, denkt er, und wirft einen Blick in das ehemalige Fitness- und Boxstudio „Delphin Fitness.“(Mit Delphinen ist es anscheinend wie mit allen Dingen, die einmal waren, kontempliert er. Kaum sind sie weg, will man sie unbedingt wieder haben).
„So muss sich die Spanische Armada gefühlt haben, nachdem Briten und Stürme mit ihr fertig waren“, sagt er, darauf hoffend, dass spanische Niederlagen in der Weltgeschichte so etwas wie ihr gemeinsames Steckenpferd werden.
Aber der Vergleich hinkt nicht unbedingt, oder leckt nicht unbedingt so sehr (um im Seemännischen zu bleiben), findet er, und würde in sich hineinlachen, wenn er nicht echtes Mitleid mit der Inneneinrichtung fühlen würde. Von den vier ursprünglichen Sandsäcken sind zwei zu Boden gegangen, einer hängt noch wacker auf halb acht, und der letzte, mit dem grausigsten Schicksal, hatte das traurige Vergnügen, seinen Inhalt komplett über die immer noch tropisch bemalten Wände verteilen zu müssen. Die Wände selbst sind etwas besser davon gekommen, und mussten nur die Hanteln ertragen, also alles von farbigen zwei Kilo Leichtgewichten für adrette Damen, bis zu 20 Kilo Ungetümen für den ambitionierten Cliffhanger, die Geschossen gleich in sie hinein gedonnert sind und den ein oder anderen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.
„Was?“ Eine Stimme, die mit all ihrer Schärfe sanft andeutet, dass Liebeleien und Hochzeitspläne wohl erst einmal vom Tisch sind.
„Geh´ , Eric. Bitte.“ Hart, aber mehr Flehen, als er jemals in ihrer Stimme vernommen hat.
Er schluckt, was er zu verheimlichen sucht, dann fällt sein Blick auf sie; wie sie dort steht, Hände blutig, Füße blau, „alte“ Schussnarben im Arm, neue Verbände um die linke Schulter, die langen schwarzen Haare in Strähnen im Gesicht, ihre Augen irgendwas zwischen Feuer und Dunkelheit. Gefährlich.
Und das Schönste, was Eric Latour jemals in seinem Leben gesehen hat.
„Nein, Sras. Das werde ich nicht.“
Dann schließt er die Tür hinter sich.
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Er mag diese dunklen Gänge. Und die Hallen. Die echten, brennenden Fackeln wurden ersetzt durch Reihen unaufdringlicher LED-Lichter, aber das ist ok für ihn, denn die Wände duften immer noch nach Geschichte, die Dunkelheit immer noch nach Geheimnis.
Seine Gruppe aus jungen Brüdern und Schwestern, gerade erst vor einigen Tagen wild zusammen gewürfelt, in ockergelbe Trainingsanzüge gepackt und auf unspektakuläre Mehrbettzimmer aufgeteilt, folgt einer hochgewachsenen Frau, die er zu Anfang fälschlicherweise als Zimmermädchen identifiziert zu haben glaubte. Dann wurde er höflich darüber aufgeklärt, dass Schüler ihre höchst eigenen Zimmermädchen sind, und dass die Dame dort vor ihnen, so feingliedrig und groß, Meisterin Illuva ist. Und natürlich so angesprochen werden sollte, besonders wegen der Sterne, den vielen silbernen, die sie an ihrem Kragen trägt.
„Dies sind die Trainingszellen für angehende Meister“, erklingt ihre melodische Stimme aus dem Halbdunkel und irgendwo von oben.
„Sie sind ein wenig beengend. Und sehr spartanisch.“
Über ihr Gesicht, das irgendwie überweltlich oval ist, huscht ein Lächeln, als ihre neuen Schüler ungläubig in die winzigen Kammern schauen.
„Man braucht nicht viel Raum um sich herum, wenn man eine Welt in sich trägt“, sagt sie, und erinnert sich noch an ihre Zeit als Anwärterin, und wie sie bei solchen Sprüchen die Augen gerollt hat. Dann schreitet sie weiter.
„Hey Kumpel. Da drin würde ich nicht mal mein E-Bike parken“, flüstert jemand neben ihm.
When schaut immer noch auf den Boden der Zelle, und bereits jetzt meldet sich sein Hintern mit ein paar wohlmeinenden Ratschlägen, warum man zukünftige Ereignisse, die zu diesem wahrlich unangenehmen Punkt in der Raumzeit führen könnten, doch besser vermeiden sollte.
„Ja“, antwortet er gedankenverloren.
„Übrigens, mein Name ist Laab.“ Er hält ihm die Hand hin, was When überrascht. Für einen Moment will er die Hände falten, wie er es gelernt hat in den letzten Wochen; dann entscheidet er sich dagegen und ergreift die Hand des anderen Jungen.
„Sehr erfreut“, antwortet er, und verkneift sich die Frage, warum jemand wie ein Salat heißen sollte, noch dazu ein Salat, der fast ausschließlich aus Fleisch besteht.
„Mein Name ist When.“
Der Junge nickt fröhlich.
„Ich weiß. Du bist Melis Bruder, nicht wahr?“
„Ja.“
„Na dann wird es ja nicht lange dauern, und du wirst aus einer dieser traurigen Kammern spazieren, mit einem Lächeln und sieben Sternen am Hemdkragen, um der Welt den endgültigen Frieden bringen.“
When wirft noch einmal einen Blick in die Zelle, während er gleichzeitig seinen Magen knurren hört.
„Ehrlich gesagt, den...“
„Bruder Laab, Bruder When?“ hallt es von oben und von vorne, wie aus einem sympathischen Deckenlautsprecher.
„Wenn ihr die Räumlichkeiten dann genügend besprochen habt, könnten wir mit unserer kleinen Tour fortfahren.“
When läuft rot an, eine Fähigkeit, für die er mindestens bereits fünf Sterne verliehen bekommen sollte, verneigt sich, und gesellt sich wieder zur Gruppe, nicht ohne Gekicher aus den anonymen Massen zu vernehmen. Sein neuer Freund mit der thailändischen Vorspeise als Namen scheint schon abgeklärter zu sein, faltet elegant die Hände und lächelt die Meisterin freundlich an.
„Wundervoll. Dann zeige ich euch jetzt die heilige Höhle, in der wir Anwärter, die bei der Prüfung versagt haben, dem mächtigen Ulohuho opfern, um seine Gnade und seinen ewigen Schutz zu erflehen. Und danach gibt es Mittagspause.“
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Den mächtigen Ulohuho haben sie überlebt, gerade so, und sind jetzt in der unterirdischen Bibliothek. Wofür man noch echte Bücher braucht, ist den meisten schleierhaft, selbst wenn man sich tiefes Studium und Energieeffizienz gleichzeitig auf die Fahnen geschrieben hat. Aber die immense Höhe der Halle hat schon etwas, und die Bibliothekare, oder auch Studenten der Schriften, schwer zu unterscheiden, gleiten wie Geister zwischen den Regalen umher und erschaffen ein Ambiente, das definitiv heimeliger ist als Menschen, die in Reih und Glied sitzen, und wie hypnotisiert auf ihre kleinen Brüder schauen.
„Dies ist ein Teil unseres Schatzes.“ Meisterin Illuva hat angefangen zu strahlen, seitdem sie an den Wächtern vorübergegangen war. „Hier bewahren wir die tiefsten Weisheiten aus all den vergangenen Jahrhunderten auf. Aus jedem Kulturkreis, jedem Land, jeder Religion. Im Laufe eurer Ausbildung werdet ihr einige dieser Schriften studieren... und es wird sich ein Universum für euch öffnen.“
Whens Kapillaren haben sich beruhigt, und er lächelt der begeisterten Meisterin freudig zu, auch wenn er noch nie ein wirklicher Buchfreund gewesen ist. Laab hingegen und dem Rest der Jungs ist ihre mangelnde Euphorie anzusehen, selbst im Halbdunkel, und nur die Mädchen ihrer Gruppe scheinen sich schon am Schreibtisch sitzen zu sehen, im Schein falscher LED-Kerzen, kompendienwälzend und nach der letzten Weisheit strebend.
„Nächster Punkt auf unserer Liste ist der Besuch unserer Trainingshallen für körperliche Ertüchtigung.“ Die Augen des ein oder anderen Jungen beginnen zu leuchten; dieser Jahrgang scheint wirklich nicht das Jahr der Schüchternen und Schmalen zu sein, When einmal ausgenommen. Selbst Laab scheint die Aussicht zu erfreuen, endlich mal gegen einen Ball zu treten, oder einen Ball zu schlagen, oder gegen einen Boxsack zu schlagen, oder zu treten. Hauptsache gegen irgendetwas zu treten oder schlagen.
„Ich muss euch ein wenig enttäuschen. Unsere Räume und Ausrüstung sind nicht vergleichbar mit dem Arsenal, das die Schwester und Brüder der Hand zur Verfügung haben. Aber man kann sich fit halten.“
„Aber Meisterin“. Ein blondes Mädchen mit goldenen Locken ist aus der ersten Reihe hervorgetreten. Sie ist When bereits vorher aufgefallen, war sie doch die Einzige, die sich nicht an dem wohlwollenden Gekicher beteiligt hatte.
„Bitte verzeiht“, langsam und achtsam faltet sie die Hände zu einem Wai. „Aber, wenn wir in diesen Hallen des Wissens sind, sollten wir da nicht auch etwas lernen?“
Sie verneigt sich, macht zwei Schritte zurück und verschwindet wieder in der Gruppe. Das Murren der bewegungsaffinen Jungs scheint sie nicht zu stören.
Die Meisterin lächelt. „Wie recht du hast. Aber heute sind die Giacobbisten aus Italien mit Kochen dran. Und das möchte keiner von euch verpassen. Also halten wir die Lektion kurz. Das sind ohnehin die besten.“
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Du bist schwach.
Deine Schwester ist gestorben, nutzlos.
Ich kann nicht helfen. Ich...
Nur Blätter, die im Winden tanzen.
Nur Blätter.
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Er erwacht; und es dauert lange, bis er seinen Atem findet.
Wer bin ich? Wer wäre ich, wenn ich mich nicht erinnern könnte?
Identifikation. Luft strömt in mich ein; und wo Luft ist, ist Atmosphäre.
Und jemand, der atmet.
Mein Gehirn beginnt, die Signale aufzufangen, beginnt seine unansehnliche Rechenmaschine hinter dem Schädel zu kontemplieren; Haut, nass und kühl, das Gefühl von Bedeckung auf ihr. Ist es meine Kleidung?
Ja.
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Aus Wahrnehmungen werden Raum und Zeit. Es muss ja eine Zeit vor dieser hier existiert haben, oder etwas nicht?
Ich bin an einem Ort. Also muss ich irgendwie hierhergekommen sein. Logischer Menschenverstand.
Aus Wahrnehmungen werden Erinnerungen, und ein Bild der Vergangenheit webt sich; auch wenn er nicht weiß, ob er sich dieses Bild überhaupt anschauen möchte oder nicht.
Oder nur einen kleinen, schönen, angenehmen Teil davon... auch wenn er dafür genau hinschauen müsste, um irgendetwas ganz weit oben rechts in einer Ecke zu finden.
Die Domwächter. Da sind sie. Er in seinem Kopf.
Ich will das nicht, will mich nicht erinnern.
Sras, Eric, seine Brüder und Schwestern.
Ja, ich will mich erinnern. Ich muss.
Und endlich ist es da.
Ich.
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„Alles in Ordnung, Bruder?“ Eine Stimme, über ihm aus der Dunkelheit. Sanft ist sie, und beruhigt in, wie schon so oft zuvor.
„Ja. Vielen Dank, Bruder.“
Er wischt sich den Schweiß von der Stirn und überlegt, wann er das letzte Mal schlecht geträumt hat; wann er das letzte Mal überhaupt geträumt hat.
„Du hast gesprochen. Im Schlaf“, fährt die körperlose Stimme fort, leise, um die anderen nicht zu wecken.
„Ich hoffe, es war nicht etwa etwas Kompromittierendes“, sagt er, nur halb im Scherz.
„Nein. Es war unverständlich.“ Der alte Herr klettert erstaunlich leise die eiserne Leiter des Etagenbettes hinab und faltet die Hände zu einem Gruß. Er erwidert ihn. Nicht dass er die Bewegungen des Mannes sehen könnte, aber er spürt die Welle des Mitgefühls, die den Raum erfüllt.
„Und selbst wenn, wäre das Geheimnis bei mir sicher.“ Etwas Schelmisches mischt sich in die Stimme.
„Das weiß ich. Ich wäre schon längst nicht mehr an der Akademie, wenn dem anders wäre.“ Beide Brüder lächeln sich an.
Seine Augen haben sich jetzt an die Dunkelheit gewöhnt, und er sieht eine Reihe karger Etagenbetten, und kühle Wände aus uraltem Stein. Die Luft ist kalt, aber überraschend frisch, obwohl sie einige Meter unter der Oberfläche sind.
„Wie geht es unseren Brüdern und Schwestern?“
„Besser als gestern würde ich meinen.“ Der Spion schaut demonstrativ nach oben, wo irgendwo ein bestimmter Gang zum Verweilen einlädt, mit seinen Statuen, Pforten und großen Kerzen. Ach ja, und den falschen Wänden und einem bisschen Rot auf dem Boden.
„Jude ist wieder um die Gesundheit der Menschen besorgt, und dass seitdem sie wieder aufrecht stehen kann.“
Der junge Awarianer nickt und denkt zurück. Sie hatte es ordentlich erwischt. Aber selbst mit geschwollenem Auge hatte sie sich den Verletzten zugewandt, die ja gestern nicht unbedingt Mangelware gewesen sind.
„Sras weigert sich, in diesen Hallen zu nächtigen. Gründe hat sie nicht genannt, aber ich denke, wir wissen beide warum.“
Er nickt.
Die Kraft, mit der sie es zu tun hatten, war so schrecklich gewesen, so stark, dass es selbst ihm zunächst schwergefallen war, ein Friedensangebot zu akzeptieren. Und wenn es jemandem wie ihm
