Die Bennett-Geschwister - 5-teilige Serie - Kelly Hunter - E-Book
SONDERANGEBOT

Die Bennett-Geschwister - 5-teilige Serie E-Book

KELLY HUNTER

0,0
7,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 7,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Fünf Geschwister hat es von ihrem geliebten Australien in die weite Welt verschlagen. Folgen Sie ihnen zu neuen Ufern, aufregenden Abenteuern - und auf die verschlungenen Pfade zur großen Liebe!

LIEBE IM GEPÄCK
Eine Woche Luxusurlaub in Hongkong - in Begleitung eines ungemein attraktiven Mannes! Und noch 10.000 Pfund on Top, wenn sie sich vor seinen Geschäftspartnern als seine Ehefrau ausgibt. Wer könnte dazu schon Nein sagen? Hallie jedenfalls nicht. Begeistert nimmt die junge Studentin Nick Coopers verlockendes Angebot an. Ohne zu ahnen, in welch erotische Versuchung und abenteuerliche Verwicklungen sie schon bald geraten wird …

MEHR ALS WILDE LEIDENSCHAFT?
Für ihre Reise zu Australiens Edelsteinminen sucht Goldschmiedin Erin einen Begleiter. Da kommt ihr der attraktive Tristan nur recht! Schnell funkt es heftig zwischen ihnen. Doch plötzlich wirkt Tristan seltsam distanziert. Was belastet ihn? Und warum hat er so schlimme Albträume?

DEM SIEBTEN HIMMEL SO NAH
Tausend Pläne hat Serena, was ihre Zukunft angeht. Da würde eine feste Bindung nur stören! Aber das heißt nicht, dass sie nicht mal flirten kann. Zum Beispiel mit diesem gut aussehenden Piloten Pete Bennett, der ihr auf einer griechischen Insel über den Weg läuft. Vielleicht ist Pete sogar ein bisschen zu perfekt für eine Sommerromanze: Mit ihm fühlt Serena sich dem Himmel der Liebe so nah wie nie. Doch Pete scheint auch nicht mehr als eine kurze Affäre zu wollen. Bis er ihr plötzlich einen Heiratsantrag macht! Andere Frauen wären überglücklich, doch- Serena ist entsetzt …...

EINE WOCHE, SIEBEN NÄCHTE ...
Ihr Herz verschenken? Bloß nicht! Davor hat Madeline einfach Angst. Bis sie in der Glitzermetropole Singapur eine Affäre mit dem charismatischen Luke Bennett beginnt. Sieben Tage, sieben Nächte - dann wird er abreisen, und ihr Herz ist wieder sicher. Was für ein Irrtum …

(KEIN) SEX MIT DEM EX?
Jianne steckt in Schwierigkeiten - nur einer kann sie daraus befreien: ihr sexy Ex Jake Bennett, von dem sie sich vor zwölf Jahren getrennt hat. Als Jianne ihn um Hilfe bittet, kommt es zu einem spannungsgeladenen Wiedersehen vor der schillernd exotischen Kulisse Singapurs …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 964

Veröffentlichungsjahr: 2018

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Kelly Hunter

Die Bennett-Geschwister - 5-teilige Serie

IMPRESSUM

Liebe im Gepäck erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Ralf MarkmeierRedaktionsleitung:Claudia Wuttke (v. i. S. d. P.)Produktion:Jennifer GalkaGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© 2006 by Kelly Stanley Originaltitel: „Wife for a Week“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIA FRISCH VERLIEBTBand 3 - 2007 by CORA Verlag GmbH, Hamburg Übersetzung: Emma van Harten

Umschlagsmotive: GettyImages_KatarzynaBialasiewicz, natrot

Veröffentlicht im ePub Format in 03/2018 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733755812

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

Alles über Roman-Neuheiten, Spar-Aktionen, Lesetipps und Gutscheine erhalten Sie in unserem CORA-Shop www.cora.de

Werden Sie Fan vom CORA Verlag auf Facebook.

1. KAPITEL

Seit exakt einem Monat verkaufte Hallie Bennett nun Schuhe beziehungsweise versuchte sie zu verkaufen. Ein Monat, das waren entsetzlich lange zwanzig Tage, wenn man die Wochenenden mal abzog. Und wenn sie darüber nachdachte, dass ein weiterer Monat folgen sollte und dann noch einer, hatte sie das Gefühl, das unter gar keinen Umständen längerfristig zu überleben.

Es war … so todlangweilig hier in diesem kleinen exklusiven Schuhladen in Chelsea, dem noblen Londoner Stadtteil. Entweder befand sie sich im Lager und sortierte die Schuhe nach Designern, oder sie sortierte die Schuhe nach Größen und Material. Wenn sie damit fertig war, ging sie wieder nach vorne in den Laden und staubte die Schuhe in den Regalen ab oder sortierte sie nach Farben oder was auch immer – und das den ganzen Tag lang. Sie würde noch verrückt werden. Es konnte nicht mehr lange dauern. Und sie konnte bald keine Schuhe mehr sehen.

Hallie stand stirnrunzelnd vor einem der Regale. Nun, sie könnte sie jetzt auch nach Absatzhöhe sortieren. Hm. Ein Blick auf ihre Armbanduhr sagte ihr, dass sie zu voreilig war. Es war gerade mal kurz nach zwölf. Warum verging die Zeit so langsam? Blöde Frage. Weil sie nichts zu tun hatte. Würden kauflustige Frauen sich hier die Klinke in die Hand geben, wäre der Tag im Handumdrehen vorbei. Aber leider war dem nicht so.

Sie schlenderte an den Regalen entlang und blieb schließlich vor einem exotisch wirkenden Pumps stehen. Das Leopardenmuster war auffällig und der glänzende Metallabsatz für ihren Geschmack viel zu hoch. Wie um alles in der Welt sollte man mit solchen Schuhen schneller als im Schneckentempo vorwärtskommen? Völlig unmöglich! Noch unmöglicher allerdings fand sie den Preis. Dreihundertfünfundsiebzig Pfund! Wer gab denn so viel für ein einziges Paar Schuhe aus? Kein Wunder, dass hier nichts los war. Sie nahm den Schuh aus dem Regal und drehte ihn hin und her.

„Was denkst du, du Schuh?“, fragte sie leise. „Ist dir genauso langweilig wie mir?“ Sie wackelte mit dem Absatz hin und her, und es sah so aus, als ob der überteuerte Schuh nicken würde.

„Kann ich mir denken“, seufzte Hallie. „Dir fehlt dein Gegenstück. Zu zweit macht alles mehr Spaß, was?“ Wieder ein Nicken. „Aber leider müsst ihr hier einzeln stehen, und die andere Hälfte von euch ist ins Lager verbannt. Ein tristes Leben. Aber wenigstens könnte ich dein Gegenstück holen. Von mir steht die andere Hälfte leider nirgendwo rum, ich muss sehen, wie ich alleine zurechtkomme.“ Sie hielt sich den Schuh vor die Nase. „Aber wir könnten uns doch ein bisschen unterhalten, was meinst du?“

Ich bin auf dem besten Wege, vor Langeweile wahnsinnig zu werden, dachte sie entsetzt. Es ist so weit: Ich spreche mit Leopardenpumps. Hilfe!

Ein dezentes Dingdong informierte sie darüber, dass eine Kundin – oder jemand, der sich verlaufen hatte – ins Geschäft kam. Hektisch stellte Hallie den Schuh ins Regal zurück und drehte sich um.

„Was ist denn das für ein langweiliges Geschäft? Erst als ich sah, wie Sie sich mit dem lustigen Schuh unterhielten, bekam ich Lust, mal reinzuschauen. Und da bin ich nun!“

Vor Hallie stand eine Dame, deren wirkliches Alter schwer zu schätzen war. In ihrem Designerkostüm und mit der jugendlichen Figur strafte sie ihr wahres Alter Lügen. Doch aufgrund der nicht gelifteten Fältchen und des perfekt frisierten grauen Haars schätzte Hallie sie auf Ende fünfzig. Mit ihrem aufrichtigen Lächeln und der warmen Stimme wirkte sie auf Anhieb sympathisch.

„Schön, dass Sie so denken“, sagte Hallie. „Bitte sehen Sie sich um. Und keine Angst: Die Schuhe beißen nicht. Sie antworten noch nicht mal. Schade eigentlich.“

„Oh“, kam es erfreut zurück. „Sie sind Australierin? Ich liebe diesen Akzent. Er ist außergewöhnlich … einfach wunderbar.“

Hallie wurde fast ein wenig rot, noch mehr errötete sie jedoch, als sie sah, dass eine zweite Person den Laden betrat. Ihr professionelles Lächeln wurde in einer Nanosekunde zu einem echten, und sie musste die Lippen fest zusammenpressen, um den Mund nicht weit aufzureißen.

Einen Mann wie ihn hatte Hallie noch nie gesehen: Groß, mit schwarzen Haaren und kobaltblauen Augen verkörperte er den Typ Mann, vor dem einen die älteren Brüder ihr Leben lang warnen würden.

Hilfe, dachte Hallie. Diese Ausstrahlung! Diese breiten Schultern! Er sieht fast ein bisschen gefährlich aus. Aber gut. Sehr gut! Und er scheint es nicht mal zu wissen. Es ist einfach selbstverständlich für ihn! Er hatte was von einer Hermèshandtasche: Man wollte sie unbedingt haben, unbedingt. Aber sie würde immer unbezahlbar bleiben …

„Sie braucht ein Paar Schuhe.“ Fast wäre Hallie beim Klang seiner tiefen Stimme umgekippt. Dunkel, perfekt. Mit einer Extraportion Sex. „Und zwar solche, die zu ihr passen. Altersmäßig gesehen“, redete er weiter und sah Hallie, die sofort innerlich die Stacheln ausfuhr, freundlich an. Was sollte das? Mussten Frauen ab einem bestimmten Alter automatisch Stützstrümpfe und Wohlfühlschuhe ohne Absatz, aber mit Einlagen tragen? Sie schaute auf die Schuhe der Dame. Signalrote Ferragamo-Pumps mit halbhohem Absatz, die trotz der auffälligen Farbe schlicht und edel wirkten und hervorragend zu ihrer Trägerin passten.

„Ich glaube, Sie kennen sich mit Damenschuhen nicht wirklich aus.“ Hallie deutete auf die Pumps. „Diese Schuhe sind perfekt. Wunderbar.“

Die Augen der Frau funkelten. „Danke, meine Liebe“, sagte sie dann. „Mein Sohn ist der Auffassung, dass Frauen jenseits der fünfzig keinen Wert mehr auf Äußerlichkeiten legen sollten. Ihm wäre es, glaube ich, am liebsten, ich trüge mausgraue Gesundheitssandalen.“ Nun wandte sie sich ihrem Sohn zu: „Dein Vater hätte diese Schuhe geliebt.“

Soso, Mr. Kobaltblaue Augen war also ihr Sohn. „Okay, also schauen Sie sich in Ruhe um. Wenn Sie mich brauchen, ich bin da vorn.“

Er drehte sich zu ihr um. „Oh nein“, er stellte sich ihr in den Weg, „Sie werden mich doch nicht mit dieser Frau alleine lassen! Um Himmels willen. Geben Sie ihr so viele Schuhe zum Anprobieren, wie sie will. Von mir aus alle, die sie dahaben.“ Er nahm den Leopardenpumps. „Diesen hier zum Beispiel.“

Hallie riss ihn ihm aus der Hand. „Gern. Sie haben einen guten Geschmack. Und der hier ist auch noch ein richtiges Schnäppchen. Gerade mal dreihundertfünfundsiebzig Pfund. Unter diesen Umständen sollte Ihre Mutter darüber nachdenken, gleich zwei Paar davon zu nehmen“, schlug sie vor.

„Wenn ich etwas nicht brauche, dann zwei Paar identische Schuhe.“ Mit einem gespielten Seufzer ließ die Dame sich auf das schwarze Ledersofa fallen und streifte die Schuhe von den Füßen. Theatralisch hob sie die Hände. „Enkelkinder“, sagte sie dann. „Ich brauche Enkelkinder. Ach, wäre das schön.“

„Jeder braucht irgendetwas.“ Ihr Sohn schaute Hallie an. „Was brauchen Sie?“

„Ich?“ Hallie kniete sich vor die Dame, um ihr den Pumps anzuziehen. „Ich brauche einen anderen Job.“ Sie sah hoch zu ihm. „Dieser hier macht mich verrückt.“ Sie warf einen Blick auf den Schuh. „Großartig. Er steht Ihnen wunderbar. Wirklich.“

„Finde ich auch!“

„Verreisen Sie gern?“, warf Mr. Kobaltblau unvermittelt ein.

Hallie lächelte. „Verreisen ist mein zweiter Vorname.“

„Und Ihr erster?“

„Hallie. Ich heiße Hallie. Hallie Bennett.“

„Mein Name ist Nicholas Cooper.“ Er deutete auf seine Begleiterin. „Und das ist Clea, meine Mutter.“

Clea schüttelte Hallie die Hand. „Ich freue mich wirklich sehr“, sprudelte es dann aus ihr heraus. „Nicky, das ist sie! Ist sie nicht perfekt? Was für ein Zufall! Heute Morgen hast du gesagt, dass du eine Ehefrau brauchst, und ich glaube fast, wir haben sie schon gefunden. Wie schnell es manchmal gehen kann!“

Hallie verstand überhaupt nichts. „Eine Frau?“ Verwirrt schaute sie Mutter und Sohn abwechselnd an. Clea lächelte hoffnungsvoll, Nicholas eher verhalten. Waren die beiden etwa verrückt?

„Er ist ein reicher Mann“, warf Clea aufmunternd ein.

„Ja, sicher“, entgegnete Hallie. Dass Nicholas seine Sachen nicht von der Stange kaufte, sah man auf den ersten Blick. „Aber ist er auch kreativ?“

„Sie sollten seine Steuererklärung sehen.“

„Nun, ich weiß nicht …“ Hallie legte den Kopf zur Seite. „Eigentlich mag ich eher Männer, die weniger … hm … also, weniger …“ Was sollte sie nun sagen? Männer, die weniger Sex-Appeal haben? Männer, die nicht so umwerfend sind? Männer, die man nicht sofort anspringen möchte?

„Es ist die Haarfarbe“, sagte Hallie schließlich. „Ich mag Männer mit blonden Haaren lieber. Seine sind mir … viel zu dunkel“, log sie.

„Hm.“ Clea runzelte die Stirn. „Das ist wohl wahr. Blond ist er nicht. Aber schauen Sie sich mal seine Schuhe an!“

Hallie tat, was Clea ihr sagte, und musste zugeben, dass seine Schuhe in der Tat äußerst geschmackvoll waren. Handgearbeitetes italienisches Leder, das sah man sofort. Edel. Schwarz … und groß. Hallie tippte auf Schuhgröße siebenundvierzig.

„Ich wusste, dass Nickys Schuhe Ihnen gefallen würden“, freute sich Clea, obwohl Hallie überhaupt nichts gesagt hatte. „Aber das heißt natürlich noch lange nicht, dass Sie beide zusammenpassen. Ich finde, Sie sollten ihn jetzt küssen, um es herauszufinden.“

Langsam, aber sicher glaubte Hallie, sich tatsächlich in irgendeiner verrückten Fernsehshow zu befinden. Verstohlen sah sie sich um, konnte aber keine versteckte Kamera entdecken. Was um alles in der Welt ging hier vor sich?

„Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist, Ihren Sohn hier und jetzt …“, begann sie nach einigen Sekunden und wurde prompt von Clea unterbrochen.

„Sie wollen sich mit Ihrer zukünftigen Schwiegermutter streiten? Das ist aber ziemlich unhöflich“, tadelte Clea lächelnd.

„Ich meine es ernst. Ich … also es ist ja wirklich nicht so, dass ich Nicky nicht mag …“

„Danke“, kam es trocken zurück. „Sie können mich gern Nick nennen.“

„Oh, fein, Nicky, äh, Nick.“ Sie schenkte ihm ein Lächeln, das er mit undurchdringlichem Blick erwiderte. „Aber ich kann einfach nicht.“ Verzweifelt suchte sie nach einer Ausrede. „Ich glaube, ich würde momentan keine wirklich gute Ehefrau abgeben.“ Sie hob bedauernd die Schultern. „Ich habe ein gebrochenes Herz.“

„Oh, Hallie, das tut mir leid. Wirklich.“ Clea sah bestürzt aus. „Was ist passiert?“

„Ich … ich möchte nicht darüber sprechen“, antwortete Hallie.

Beide schwiegen; beide warteten auf eine Erklärung.

„Nun“, fuhr Hallie fort und freute sich, dass ihre Stimme angemessen zitterte. „Er … er hatte die ganze Zeit ein Verhältnis mit seinem Footballtrainer“, flüsterte sie dann und senkte den Blick.

„Dieser Mistkerl!“, entfuhr es Clea.

Nick räusperte sich. „War er blond?“, wollte er dann wissen. „Ich bin sicher, er war blond.“

Hallie wandte den Kopf zu ihm und bemerkte entsetzt, dass er einen Schritt näher gekommen war. Zu nah. Und weil sie kniete, war sie in direkter Augenhöhe mit seinem Gürtel. Beziehungsweise mit dem, was sich darunter in der teuren Hose befand. Sie wurde rot.

„Also, Liebes, sind Sie sicher, dass Sie kein Interesse haben?“ Hatte da Spott in Cleas Stimme mitgeklungen?

Hallie nickte heftig und wollte sich mit den Händen auf den Boden aufstützen, um aufzustehen, bekam aber aus Versehen Nicks Schuh zu fassen. Das Leder war wirklich sehr weich und fühlte sich gut an. Sie tastete darauf herum. Gute Güte, waren das große Füße. Hallie liebte es, wenn Männer große Füße hatten. Aber: Er könnte natürlich auch bluffen und seine Schuhe einfach vier Nummern zu groß gekauft und mit Papier ausgestopft haben. Ohne nachzudenken tastete sie auf einmal an Nicks Schuhen herum. Er blieb einfach stehen. Sie atmete auf. Weit vorn spürte sie ganz deutlich seine Zehen.

„Ihre Schuhgröße ist echt“, sagte sie dann und hätte sich am liebsten die Zunge abgebissen. Was sollte er von ihr denken?

„Natürlich ist sie das“, erwiderte Nick amüsiert.

Langsam erhob sich Hallie. Ihr war schwindlig. Er stand immer noch direkt neben ihr, und sie bemerkte, dass er nach Sandelholz und Zimt und nach etwas undefinierbar Herbem roch, das sie fast wahnsinnig machte. Der ganze Mann machte sie fast wahnsinnig. Und seine Augen erst recht. Große Füße, schöne Augen, guter Geruch – jede dieser einzelnen Tatsachen hätte schon ausgereicht, um wacklige Knie zu bekommen, aber all diese Dinge ließen sie beinahe in Ohnmacht fallen.

„Ich glaube, ich sollte Ihnen jetzt einmal einiges erklären“, sagte Nick. „Was meine Mutter Ihnen eigentlich vorschlagen wollte, ist ein Geschäft. Ich brauche eine Ehefrau. Allerdings lediglich für eine Woche. Um genauer zu sein, brauche ich eine für die kommende Woche. In Hongkong. Für … sagen wir, fünftausend Pfund Honorar. Reisekosten und so weiter übernehme ich selbstverständlich auch.“

Hallie glaubte, nicht recht zu hören. „Fünftausend Pfund? Für eine Woche Arbeit?“ Er musste verrückt sein. Die Sache musste einen Haken haben. „Nun ja, also …“, sie dachte nach. „Was müsste ich denn für diese fünftausend Pfund … tun?“

„Ganz einfach.“ Nick wanderte nun vor dem schwarzen Ledersofa auf und ab. „Sie müssten ein Zimmer mit mir teilen, aber nicht das Bett. Ich werde selbstverständlich auf Ihr gebrochenes Herz Rücksicht nehmen.“

Machte er sich etwa lustig über sie?

„Und was hätte ich sonst noch zu tun?“

„Small Talk mit meinen Geschäftsfreunden halten und eben all das tun, was eine liebende Ehefrau so tut.“

„Ich wäre Ihnen wirklich sehr dankbar, wenn Sie sich ein kleines bisschen präziser ausdrücken würden.“

Nick blieb stehen und sah sie wieder mit seinem kobaltblauen Blick an. „Das kann ich nicht. Ich weiß nicht, wie sich Ehefrauen verhalten. Ich hatte noch nie eine.“

„Und ich war noch nie eine“, konterte Hallie.

„Aber das ist doch wunderbar. Perfekt“, kam es vom Sofa. „Jetzt fehlt nur noch der Kuss.“

„Nein“, sagte Hallie. „Ich kann jetzt niemand küssen. Falls Sie sich erinnern, leide ich an einem gebrochenen Herzen.“

„Aber Küssen ist ein Teil der Vereinbarung“, wandte Nick ein. „Küssen gehört unbedingt dazu. Wer weiß, vielleicht gefällt es Ihnen ja.“ Er klang eindeutig belustigt und amüsiert.

Hallie überlegte kurz. „Das kostet extra“, meinte sie dann. Herrje, was hatte sie schon zu verlieren? Nichts. Nichts. Nichts.

„Wie viel?“

Wieder überlegte Hallie. Hm. Sie benötigte genau zehntausend Pfund, um endlich bis zum Abschluss studieren zu können – und wenn sie ganz ehrlich war, reizte sie die Aussicht, nach Hongkong zu kommen, weil sie sich für nichts anderes mehr interessierte als für asiatische Kunstgeschichte.

„Ich glaube, noch mal fünftausend Pfund wären angebracht.“ Hoffentlich klang ihre Stimme sicher und fest.

Nick lachte. „Fünftausend Pfund für ein paar Küsse?“

„Ich küsse sehr gut.“

Nun kam Nick näher. „Ach ja? Dann beweisen Sie es.“

Nun gab es kein Zurück. Nun musste sie ihn küssen. Ein Schritt, und sie war nahe genug, um ihn zu berühren. Noch ein Schritt … Sie hob den Kopf und legte Nick die Hände auf die Brust. Sein Hemd war weich und warm, und darunter konnte sie harte, feste Muskeln spüren. Sehr vielversprechend …

Einen Atemzug später berührte sie seine Lippen mit ihrem Mund.

Seine Lippen waren warm, fest und weich zugleich. Sehr angenehm … Eine Sekunde später löste sie sich von ihm.

„Das war alles?“

„Das war ein Kuss“, erklärte Hallie. „So war es abgemacht. Von Leidenschaft oder so war nicht die Rede. Und auch nicht von einem … richtigen Kuss.“

„Oh nein.“ Nick schüttelte den Kopf. „Ich zahle doch nicht fünftausend Pfund extra für Küsse, die keine richtigen Küsse sind. Ein Kuss muss innig sein … und leidenschaftlich. Verliebte küssen sich anders.“

„Tja. Aber das war vorher so nicht abgesprochen.“ Hallie bemühte sich, professionell und geschäftsmäßig auszusehen. „Ich für meinen Teil habe mich an die Vorgaben gehalten. Es hieß: ein Kuss, und den haben Sie bekommen.“

„Habe ich das?“ Nicks blaue Augen funkelten mutwillig. „Dreh dich um, Mutter.“ Ohne abzuwarten, ob sie seiner Aufforderung Folge leistete, schob er die Hände in Hallies Haare und presste die Lippen auf ihren Mund.

Hallie blieb keine Zeit zu protestieren. Nicks Nähe und die Intensität, mit der er seinen Kuss vertiefte, brachten sie völlig durcheinander. Jede Menge Leidenschaft, jede Menge aufregendes Prickeln, ging es ihr durch den Kopf. Bereitwillig öffnete sie ihren Mund, um seine Zunge mit ihrer spielen zu lassen. Und … es war gut. So gut. Sie schmolz dahin und stöhnte leise auf, als er sie mit dem anderen Arm umschlang und sie fester an sich zog, um sie noch intensiver und leidenschaftlicher zu küssen.

Auch sie griff nun in sein Haar, und es fühlte sich so an, wie sie es gehofft hatte. Weich wie Seide, aber dicht und fest. Sie wollte ein Stück von ihm zurückweichen, doch er hielt sie fest, ließ seine Zunge in ihrem Mund kreisen, hörte kurz auf, fuhr jedoch sofort mit der gleichen Leidenschaft fort.

Hallie presste sich an ihn, erforschte seinen Mund, und was sie da erforschte, gefiel ihr, gefiel ihr sogar sehr. Dieser Kuss war von einer solchen Intensität und Spannung, dass sie der festen Überzeugung war, eigentlich noch nie vorher geküsst worden zu sein. Noch nie hatten sich Küsse so … erotisch und aufwühlend angefühlt. Wow, wenn sich Küsse so anfühlten, wie wäre dann erst der Sex?

Da hörte er auf. Hörte einfach auf, nahm ihre Hand und zog ihre Finger sanft aus seinem Haar. „Das war doch schon viel besser“, sagte er mit dieser dunklen, samtigen Stimme, die sie dahinschmelzen ließ. „Wir nehmen die Schuhe“, sagte Nick und ging in Richtung Kasse.

Richtig, die Schuhe. Mit zitternden Händen packte Hallie die Leopardenpumps in einen Karton, zog Nicks Kreditkarte durch das Lesegerät und reichte ihm einen Stift, damit er den Beleg unterschreiben konnte. Erst jetzt wagte sie es, ihn anzusehen. Seine Hände waren groß und kräftig und sehr gepflegt – wie alles an ihm. Gut, seine Haare waren momentan ein wenig zerwuschelt – von ihren Händen.

Sie dachte fieberhaft nach. Wie würde es sein, eine Woche seine Frau zu spielen? Die Frau eines Mannes, den sie überhaupt nicht kannte. Verrückt! Und eine einzige sexuelle Herausforderung. Was, wenn er wirklich so gut im Bett war, wie er küsste? Und wenn sie tatsächlich im Bett landeten …

Nein, viel zu riskant! Unmöglich, mit einem vollkommen Fremden nach Hongkong zu reisen. Womöglich war er ein Frauenhändler. Vielleicht würde er sie einfach in Hongkong zurücklassen.

Und wenn er … einfach der perfekte Mann für sie wäre?

Er war schon fast an der Tür, als Hallie tief Luft holte und fragte: „Sprechen wir noch einmal über die Angelegenheit?“

Um halb sechs schloss Hallie das Geschäft. Mist. Gerade mal drei Paar Schuhe hatte sie verkauft – inklusive der Leopardenpumps, die Nicholas Cooper für seine Mutter erstanden hatte. Gerade wollte sie die Alarmanlage einschalten, als jemand an die Glastür klopfte. Ein Kurier stand mit einem Päckchen vor der Scheibe. Eine Schuhlieferung um diese Zeit? Unmöglich! Schuhe wurden immer morgens angeliefert und niemals von Kurieren, sondern mit der normalen Paketpost. Nun, der Kurier sah tatsächlich aus wie ein Kurier. Zögernd öffnete Hallie die Ladentür.

„Hallie Bennett?“, fragte er gelangweilt und drückte ihr ein Päckchen in die Hand, als sie nickte. Sie unterschrieb ein Formular, und dann machte sich der Kurier auf seinem Fahrrad wieder davon. Sie schloss die Tür, löste das Band und entfernte das braune Packpapier: ein Hongkong-Reiseführer sowie eine Visitenkarte von Nicholas Cooper. Eine Geschäftskarte. Offensichtlich war er Softwareentwickler. Gut, wenigstens das über ihn zu wissen. Sie drehte die Karte um.

Marco‘s on Kings, war mit schwarzer Tinte und schwungvoller Handschrift darauf geschrieben. Heute, 19 Uhr. Nick. Sonst nichts.

Hallie atmete hörbar aus und merkte, wie Wut in ihr hochkroch. Was bildete dieser Nick sich eigentlich ein? Sie einfach so irgendwohin zu bestellen. Und dann auch noch ins Marco‘s, angeblich das beste Fischrestaurant der Welt. Äußerst anmaßend! Aber anmaßend war auch sein Kuss gewesen. Und einfach unvergesslich!

Sie schlug den Reiseführer auf. Hongkong – das Tor zum Orient, ging es ihr durch den Kopf. Geld und Geschäfte. Eine Million Kameraläden. Eine Milliarde Neonreklamen.

Hongkong – hier treffen sich Orient und Okzident, las sie im Reiseführer. Eine Stadt zum Verlieben.

Hongkong – Tausende Meilen von diesem Schuhgeschäft entfernt, flüsterte ihre innere Stimme. Heiße Nächte, wunderbare Tage. Asiatische Kultur im Überfluss. Neue Eindrücke. Zehntausend Pfund … Nick Cooper. Mit ihm nach Hongkong. Für eine Woche. Hm. Hm. Hm. Nick Coopers Duft. Nick Coopers Augen. Nick Coopers Küsse …

Mit einem Knall schloss Hallie den Reiseführer.

Das alles hatte seine Vor- und seine Nachteile.

Welche Nachteile?

Zwanzig Minuten später schloss Hallie die Tür des kleinen, aber feinen Apartments in Chelsea auf. Es gehörte Tristan, einem ihrer Brüder, der sich allerdings kaum hier aufhielt, weil er es vorzog, beruflich und auch privat in der Weltgeschichte herumzugondeln und niemals sesshaft zu werden. Glücklicherweise war das so, denn wenn sie noch irgendwo Miete hätte zahlen müssen, könnte sie sich das mit dem Studium komplett abschminken. Momentan war Tris wieder mal in geheimer Mission unterwegs und würde vor morgen nicht zurückkommen.

Zehntausend Pfund. Dieser Gedanke kreiste immer wieder durch ihren Kopf, während sie ihre Sandaletten auszog und in eine Ecke schleuderte.

Nein. Nochmals nein.

Dinner bei Marco‘s – warum nicht? Schließlich war es nur ein Abendessen. Unverbindlich. Sie könnte das Restaurant jederzeit verlassen. Ohne Angabe von Gründen. Sie war ein freier Mensch. Ungebunden.

Nein, es war eben nicht nur ein Dinner. Wenn sie hinginge, würde sie Bereitschaft signalisieren – und ihn fragen, warum er für eine Woche eine Frau brauchte, und das ausgerechnet in Hongkong. Und als Nächstes würde sie nicken und sich bereit erklären, mitzukommen.

Mist!

In Gedanken verloren, stolperte sie über den Flurläufer. Was zum Teufel machte diesen Nicholas Cooper so attraktiv, dass sie im Begriff war, ihren Verstand zu verlieren?

Sein Lächeln? Sein Duft? Seine Augen?

Nicht zu vergessen seine Küsse. Nein, an die durfte sie gar nicht erst denken!

Zehn Minuten vor sieben fasste Hallie den Entschluss, doch ins Marco‘s zu gehen. Hektisch erneuerte sie im Badezimmer ihr Make-up, während sie sich für ihren Entschluss verfluchte. Während sie Wimperntusche auftrug, hörte sie, dass die Wohnungstür aufgeschlossen wurde, dann Schritte eines Mannes im Flur. Huch. War Tris doch schon da?

„Hi.“ Tris stand an der Tür.

„Du bist schon zurück?“, stellte sie fest. „Ich hab dich erst morgen erwartet.“

„Offensichtlich“, sagte Tris. „Hast du was vor? Gehst du aus?“

Hallie nickte. „Ich bin zum Dinner verabredet. Im Marco’s on Kings Road.”

„Edel, edel“, kam es von Tris. „Darf man auch erfahren, mit wem?“

Das war wieder mal typisch Tris. Immer musste er alles ganz genau wissen. „Mit Nick.“ Das musste als Info genügen.

„Nick. Ah ja.“

„Wir haben uns heute kennengelernt. Im Schuhgeschäft.“

„Er trägt also Damenschuhe? Interessanter Mann.“

„Natürlich nicht. Er kam gemeinsam mit seiner Mutter. Für sie hat er dann Schuhe gekauft.“

„Für seine Mutter. Soso.“

Genervt tupfte sich Hallie Rouge auf die Wangen. „Ja, für seine Mutter.“

„Und hat … Nick auch einen Nachnamen?“

„Natürlich hat er einen Nachnamen, aber glaubst du allen Ernstes, ich bin so dumm, ihn dir zu sagen? Du würdest sofort losrennen und alles über ihn rausfinden, um mir dann zu erzählen, wann er das letzte Mal beim Friseur war und welche Zahnpastamarke er benutzt. Außerdem ist es kein Date, sondern ein geschäftliches Treffen.“

„Welcher Art?“

„Oh Tris, wirklich! Das weiß ich noch nicht genau.“ Ganz bestimmt würde sie keine Details herausrücken. „Es hat etwas mit einer Reise zu tun. Oder so ähnlich.“

Tris räusperte sich. „Du triffst dich mit Nick, den du heute kennengelernt hast, geschäftlich zum Dinner, und es hat mit einer Reise oder so ähnlich zu tun. Sehr aufschlussreich.“

Es war an der Zeit, das Thema zu wechseln. Sonst würde Tris zur Hochform auflaufen und sie weiter löchern, und sie würde heute nie mehr bei Marco‘s ankommen.

„Im Kühlschrank ist noch eine Lasagne“, sagte sie zu ihrem Bruder, während sie Lipgloss auftrug, das farblich perfekt zu ihrem roten Haar passte. Dann nahm sie ihre Handtasche und drehte sich zum Gehen um. Abrupt hielt sie inne, als sie ihren Bruder nun richtig wahrnahm.

„Wie siehst du denn aus?“

Sein schwarzes Haar war verfilzt, und seine Kleidung sah aus, als sei sie drei Monate nicht gewechselt worden. Und etwas musste mit seinem Arm geschehen sein. Er hing lieblos bandagiert in einer total verdreckten Schlinge. Aber am schlimmsten war der Blick, mit dem er sie anschaute: Tris sah frustriert und völlig fertig aus.

„Oh Gott, was ist passiert? Bist du in Ordnung?“

„Ich bin okay.“ Tris winkte ab.

„Lügner.“ Sein Anblick schmerzte Hallie. „Soll ich zu Hause bleiben?“, bot sie an.

„Kommt überhaupt nicht in Frage. Einmal im Leben wirst du ins Marco‘s eingeladen, und dann willst du hierbleiben und dich mit mir um eine Lasagne prügeln. Nein.“ Tris‘ Versuch, aufmunternd zu lächeln, scheiterte kläglich. „Nein, geh nur.“

„Dein Job macht dich fertig, stimmt‘s?“

„Ich möchte darüber nicht sprechen.“

Hallie nickte wissend. Tris wollte nie über seinen Job bei Interpol sprechen.

„Mach dir keine Sorgen“, sagte er beruhigend. „Mit mir ist alles okay. Ich werde jetzt heiß duschen und mich dann vor den Fernseher setzen. Und dir wünsche ich einen schönen Abend. Amüsier dich gut.“

Und als Hallie ihre Jacke nahm und zur Wohnungstür ging, rief er ihr nach: „Falls ihr kein Gesprächsthema haben solltet, frag diesen Nick doch einfach, welche Zahnpastamarke er benutzt.“

Nick Cooper wartete grundsätzlich nie länger als eine Viertelstunde, wenn er mit einer Frau verabredet war. Entweder fing er bereits mit dem Essen an, oder er ging. Meistens ging er. Nick hatte sich schon oft gefragt, warum Frauen grundsätzlich zu spät kamen. Was war so aufregend daran, einen Mann warten zu lassen? Glaubten sie, sich dadurch interessanter zu machen? Dachten sie, ein Mann würde sie dann attraktiver finden und sie dafür bewundern? Nicht dass Nick etwas dagegen hätte, eine Frau zu bewundern oder sie attraktiv zu finden, aber da gab es in der Tat andere Möglichkeiten. Bessere, um genauer zu sein. Unpünktlichkeit gehörte definitiv nicht dazu. Egal. Die Viertelstunde jedenfalls war schon längst um.

Gut. Vielleicht wollte sie ja nicht kommen. Aber hätte sie dann nicht wenigstens absagen können? Seine Telefonnummern standen auf der Visitenkarte, die sie mit dem Reiseführer zusammen erhalten hatte, und es wäre zumindest höflich gewesen, ihm eine kurze Nachricht zukommen zu lassen. Langsam bekam Nick schlechte Laune. Er hatte Hunger.

Während er abwechselnd in die Speisekarte und auf die Tafel mit den delikaten Abendempfehlungen starrte, sah er aus den Augenwinkeln, dass die köstliche Hallie im Anmarsch war. Er wandte den Kopf und beobachtete sie ausgiebig. Sie sah umwerfend aus! Nein, umwerfend war der falsche Ausdruck: Sie sah göttlich aus mit ihrem leuchtenden roten Haar, der zarten hellen Haut, den goldbraunen Augen und den unvergesslichen weichen Lippen …

Sofort musste Nick an den leidenschaftlichen Kuss denken, und ihm wurde heiß, als er aufstand, um sie zu begrüßen. Was für ein unvergleichliches Vergnügen war es gewesen, diesen wunderschönen Mund zu küssen, und seine wunderschöne Besitzerin dazu zu bringen, ihn für ihn zu öffnen … Die Versuchung, mehr von ihr kennenzulernen – alles von ihr kennenzulernen –, war groß, sehr groß. Aber er durfte ihr nicht nachgeben. Was er in der kommenden Woche brauchte, war keine leidenschaftliche Gespielin im Bett, sondern eine Partnerin, die charmant seine Ehefrau spielte und ihm damit aus einer prekären Situation half.

Und es schien ganz so, als ob er diese Partnerin in Hallie Bennett gefunden hatte. Hoffentlich.

„Tut mir leid, dass ich mich verspätet habe“, entschuldigte sich Hallie. „Ich … ich war mir bis zur letzten Minute nicht sicher, ob ich überhaupt kommen sollte. Eigentlich wollte ich nämlich nicht kommen.“

„Und was hat Ihre Meinung geändert?“, wollte er dann wissen, während er ihr den Stuhl zurechtrückte.

„Oh … Hongkong und zehntausend Pfund waren die Gründe.“

Ihr Lächeln lenkte seine Aufmerksamkeit auf ihre vollen Lippen, deren Farbe perfekt mit dem Altrosaton ihres schmalen Kleides harmonierte, das wiederum perfekt die Linien ihres schlanken Körpers betonte.

„Ihr Kleid gefällt mir“, sagte er unvermittelt.

„Oh, danke sehr.“ Die goldenen Punkte in ihren Augen funkelten. „Mir gefällt es auch. Haben Sie schon etwas bestellt?“

„Nach Ihnen.“

Hallie orderte Muscheln nach Art des Hauses und Nick eine gemischte Fischplatte; dazu wählte er einen trockenen Weißwein aus.

„Ich bin neugierig“, platzte Hallie heraus, nachdem der Ober sich entfernt hatte. „Sie sind wohlhabend, Sie sehen gut aus. Sie sind gesund – Sie sind doch gesund?“

Er lächelte freundlich. „Ja danke, ich erfreue mich bester Gesundheit.“

„Gut.“ Sie beugte sich nach vorn. „Warum um alles in der Welt haben Sie es nötig, sich eine fremde Frau zu mieten?“

Der Ober kam zurück und servierte den Wein. Nachdem Nick probiert und genickt hatte, goss er ihre Gläser voll und entfernte sich.

„Seit einiger Zeit verhandle ich mit einem Geschäftspartner in Hongkong über die Rechte an einem Computerspiel, das meine Firma entwickelt hat“, begann er. „Dieser Geschäftspartner hat eine Tochter, die gerade achtzehn geworden ist und sich unglücklicherweise in mich verliebt hat. Was ich auch sage und tue, sie gibt nicht auf. Vom Heiraten hat sie auch schon geredet. Da fiel mir das mit der Ehefrau ein.“

Hallie nippte an ihrem Glas. Der gut gekühlte Wein schmeckte herrlich. „Das soll ja wohl ein Scherz sein“, sagte sie ungläubig. „Sie als gestandener Geschäftsmann bringen es nicht fertig, einen liebeskranken Teenager abzuwimmeln. Sie nehmen mich auf den Arm, oder?“

„Nein.“ Nick wartete ein paar Sekunden, bevor er weitersprach. „Als ich das letzte Mal in Hongkong war, habe ich im Haus meines Geschäftsfreundes gewohnt. Irgendwann spätabends, nachdem ich mit John Tey, so heißt er übrigens, jede Menge Reiswein getrunken hatte, bin ich in die Gästesuite gegangen. Dreimal dürfen Sie raten, wer da auf mich gewartet hat: Jasmine, seine Tochter. Sie war sozusagen nackt und hat mir unmissverständlich klargemacht, was sie von mir will. Aber sie ist so jung, so verletzlich, ich will ihr nicht wehtun.“

„Und so erfanden Sie einfach eine Ehefrau, die Sie jetzt vorweisen müssen.“

„Genau. Werden Sie mitmachen?“

„Sie kennen doch bestimmt jede Menge attraktiver Damen. Warum fragen Sie nicht eine von denen? Die würden es möglicherweise ja auch ohne Bezahlung tun?“

„Und sie dann möglicherweise wieder loswerden müssen. Außerdem möchte ich nicht, dass in meinem Bekanntenkreis irgendjemand davon erfährt“, erklärte Nick. „Nein, mir ist es lieber, das Ganze läuft ganz geschäftlich ab. Wir schließen einen Vertrag, Sie verpflichten sich zu schweigen, und wenn der Vertrag erfüllt ist, sind Sie zehntausend Pfund reicher, und ich habe eine Sorge weniger.“

„Aaaah ja.“

Nicken.

„Werden Sie mit Ihrer Frau wieder im Haus dieses Geschäftsfreundes und seiner Familie wohnen?“, erkundigte sich Hallie.

„Ja, in der Gästesuite. In dem Haus wohnen allerdings nur John Tey und seine Tochter. Er ist schon seit Längerem verwitwet.“

„Das heißt, Sie und Ihre Frau würden mit John und seiner Tochter essen, mit ihnen plaudern, zum Beispiel über Ihre Hochzeit und die tolle Ehe, die Sie mit Ihrer Frau führen?“ Hallie blickte ihm direkt in die Augen. „Ihre Frau müsste also die ganze Zeit lügen. Und Sie auch.“

Wieder Nicken. „Genau.“

Hallie verschränkte die Arme. „Das sind aber ganz schön viele Lügen auf einmal, Nick. Warum sagen Sie der jungen Dame nicht einfach die Wahrheit? Dass Sie kein Interesse an ihr haben. Oder sagen Sie es ihrem Vater. Er muss dafür doch Verständnis haben.“

„Vielleicht.“ Darüber hatte Nick schon nachgedacht. „Wissen Sie, es ist so: John Tey ist ein knallharter Geschäftsmann. Aber wenn es um Jasmine geht, wird er weich wie Butter. Was seine Tochter haben will, das bekommt sie von ihrem Vater. Alles.“

„Dann muss ich in der falschen Familie groß geworden sein“, erwiderte Hallie. „Ich bin zusammen mit meinem Vater und vier älteren Brüdern aufgewachsen und habe definitiv nie bekommen, was ich wollte.“

„Sehr witzig.“

„Es könnte aber auch sein, dass dieser John Tey ein geschäftliches Interesse daran hat, dass Sie seine Tochter heiraten. Das würde doch Sinn machen, oder?“

„Durchaus“, sagte Nick. „Ich darf kein Risiko eingehen, es mir mit Tey zu verscherzen.“ Er wollte Jasmine nicht heiraten. Zum jetzigen Zeitpunkt wollte er niemanden heiraten! Plötzlich kam ihm wieder in den Sinn, was Hallie soeben gesagt hatte. „Sie haben wirklich vier ältere Brüder?“

„Fangen Sie nicht auch noch damit an“, fauchte sie. „Keine Sorge, sie sind alle friedlich.“

„Na hoffentlich. Aber wir sind vom Thema abgekommen. Für die Woche in Hongkong brauche ich eine Frau. Machen Sie mit?“

Bevor sie antworten konnte, kam das Essen. Während der Ober servierte, schwiegen sie, und Hallie merkte, dass sie schrecklichen Hunger hatte. Ihr Muschelgericht sah sehr lecker aus.

Nick beobachtete sie. Irgendwie wirkte sie anders als mittags in diesem Schuhgeschäft. Nachdenklicher. Lebhafter.

„Ich muss mehr über Sie erfahren“, brach Hallie schließlich das Schweigen. „Jedenfalls mehr als das, was ich jetzt über Sie weiß. Denn eigentlich weiß ich nichts.“

Er nickte. „Ich werde Ihnen einen Lebenslauf schicken.“

„Oh nein. Ich möchte nichts Schriftliches. Jedenfalls keinen Lebenslauf. Ich mag die persönliche Ebene lieber. Sie zeigen mir, wo Sie arbeiten, erzählen mir von Ihrer Kindheit und was Sie so alles erlebt haben, wie Sie wohnen; eben all das. So lernen wir uns auch gleich viel besser kennen. Und es wirkt glaubwürdiger, wenn ich von Ihrem schönen Büro erzähle und es auch tatsächlich schon mal gesehen habe.“

Nick sah nicht gerade begeistert aus.

„Zusätzlich können Sie mir natürlich einen Lebenslauf schicken, das kann ja nicht schaden“, fuhr Hallie fort. „Außerdem sollten wir einige Regeln aufstellen.“

„Regeln?“ Nick runzelte die Stirn und aß dann langsam weiter. „Welche Regeln denn bitte?“ Er hasste Regeln.

„Ich möchte zum Beispiel, dass wir nur Körperkontakt haben, wenn es unbedingt erforderlich ist“, fing Hallie an. „Also beim Abendessen, falls wir mal auf einem Empfang sind – eben immer nur dann, wenn andere Leute dabei sind und es wichtig ist, unsere Zusammengehörigkeit zu demonstrieren.“

„Gut.“ Er lächelte. „Das ist überhaupt kein Problem.“ Warum musste er jetzt schon wieder ans Küssen denken? „Noch was?“

„Ja. Eins möchte ich von vornherein klarstellen: Ich bin keine von diesen albernen und ewig lächelnden Ehefrauen, die ihren Mann anhimmeln und grundsätzlich nicken, egal, was er von sich gibt. Ich habe meine eigene Meinung, und die werde ich auch äußern.“

„Das heißt, Sie werden überhaupt nicht lächeln. Oder mich ein wenig anhimmeln? Schade.“

Hallies Augen blitzten kämpferisch. „Das ist kein Scherz. Ich meine das verdammt ernst.“

„Gut, kein Lächeln, kein Anhimmeln. Verstanden. Können Sie denn wenigstens besitzergreifend sein?“

„Sie meinen … eifersüchtig? Oh ja, kein Problem. Da spiele ich Ihnen das gesamte Repertoire – bis zur Furie, falls gewünscht.“

Nick schüttelte den Kopf. „Furie? Nein, das würde nicht zu einer Lady passen.“

Hallie ließ den Löffel sinken. „Sie haben nie gesagt, ich soll mich wie eine Lady verhalten.“

Sie trank einen Schluck Wein und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Ein Anblick, der Nicks Fantasie beflügelte, ebenso wie ihre Worte. In Gedanken stellte er sie sich alles andere als ladylike vor: wild, heiß, hemmungslos … Der Puls pochte in seinen Ohren, das Blut schien wie glühende Lava durch seine Adern zu fließen. Wie konnte eine Frau einen mit einem einzigen Satz, mit einer einzigen Geste so erregen?

„Da wäre übrigens noch etwas, das ich gern vorher abklären würde …“

Ihre Worte drangen nicht in seinen lustvollen Tagtraum.

„Erde an Nicholas Cooper. Hallo!“ Sein abwesender Blick verriet ihr, dass Nick mit seinen Gedanken ganz woanders war – und diese Gedanken hatten ganz sicher nichts Geschäftliches an sich. Oh, Männer. Sie waren so leicht zu durchschauen! „Nick!“, rief sie noch ein wenig lauter. „Können Sie mich hören?“

„Oh ja, ich … Entschuldigen Sie bitte, ja, ich höre.“ Nick starrte sie an. Gespannt. Erwartungsvoll. „Was wollten Sie sagen?“

Er sah so gut aus. So verdammt gut. Und diese Stimme … Aber halt, hier ging es nur um eine rein geschäftliche Beziehung. Und sonst gar nichts. Auch wenn es überaus verlockend war, in eine andere Richtung zu denken.

Hallie beugte sich vor. „Mein Rückflugticket werde ich immer bei mir haben.“

2. KAPITEL

Hallie konnte im Nachhinein nicht mehr genau sagen, wessen Idee es gewesen war, nach dem Abendessen im Marco‘s noch in Nicks Büro zu gehen. Sie hatte irgendwann nicht mehr auf die Uhr geschaut und möglicherweise auch ein klein wenig zu viel getrunken. Aber welche Rolle spielte das? Während sie durch die kühle Nacht liefen, dachte sie die ganze Zeit, dass es sich ja nur um eine geschäftliche Beziehung handelte. Nick hatte ihr seine Jacke um die Schultern gelegt, und dankbar kuschelte sie sich in den warmen Stoff, der seinen Duft verströmte. Dass die ritterliche Geste bewirkte, dass sie sich sehr weiblich fühlte, war irrelevant. Ebenso wie die Tatsache, dass Nick jede Menge Charme versprühte und ein unterhaltsamer Begleiter war. Sie hatten kein Date, sondern nur eine geschäftliche Verabredung.

Nicks Büro befand sich nur ein paar Blocks weiter, im älteren Teil von Chelsea.

„Ich müsste mal kurz telefonieren“, sagte Hallie, während sie auf den Eingang zuliefen. „Einer meiner Brüder macht sich sonst Sorgen um mich. Wir wohnen zurzeit zusammen“, fügte sie erklärend hinzu, während sie ihr Handy aus der Handtasche holte. Schnell wählte sie Tristans Nummer und betete, dass die Mailbox anspringen würde, damit sie nicht die zermürbenden Fragen ihres überfürsorglichen Bruders beantworten musste. Sie hatte Glück. Der Anrufbeantworter war eingeschaltet, und schnell sprach sie ihre Nachricht aufs Band.

„So bin ich nun mal“, erklärte sie, als sie bemerkte, dass Nick sie lächelnd ansah.

„Ich finde es sehr sympathisch, wenn Sie Ihren Bruder anrufen, weil er sich sonst Sorgen macht.“

Nette Antwort!

Sie gingen zum Lift, die Türen schlossen sich, und auf einmal war es sehr intim in der kleinen Kabine. Sehr, sehr intim. Verstohlen musterte Hallie ihren Begleiter. Und wieder beeindruckte sie sein Aussehen. Plötzlich merkte sie, wie aufgeladen die Atmosphäre zwischen ihnen war. Der Wunsch, Nick zu berühren, erwachte in ihr, aber nein, das war keine gute Idee. Als er sich ihr nun zuwandte und ihr sein unwiderstehliches Lächeln schenkte, wurden ihr die Knie weich.

Zum Glück hielt der Lift, die Türen öffneten sich, und sie stiegen aus.

Nick führte sie in seine Bürosuite.

„Wow“, entfuhr es Hallie beim Anblick des imposanten Empfangskomplexes. An den Wänden hingen diverse Cartoons und andere Bilder, geradeaus blickte man in eine Küche, in der ein Getränkeautomat, gefüllt mit Coca-Cola, Mineralwasser und anderen Erfrischungen, stand. Durch Glasfronten blickte man in die einzelnen Büros, in denen ein organisiertes Chaos zu herrschen schien. Überall Computer, Fernseher, Spielkonsolen, Aktenordner, lose Blätter, üppige Pflanzen.

„Wie viele Leute arbeiten hier?“, wollte Hallie wissen.

„Mit mir insgesamt zwölf.“

„Lassen Sie mich mal raten – es sind alles Männer.“ Hallie versuchte, ihre Stimme nicht allzu sarkastisch klingen zu lassen.

„Fast“, bestätigte ihr Nick. „Außer Fiona, unserer Sekretärin. Leider weigert sie sich, hinter uns herzuräumen. Aber sie ist ein Goldstück.“

„Ihre Einstellung ist mir sehr sympathisch“, versetzte Hallie.

Nick lachte auf. „Sie reden wie Clea. Emanzipiert, emanzipiert.“ Er öffnete eine der Glastüren und ließ Hallie den Vortritt in einen großzügig geschnittenen Raum mit wunderbarem Ausblick auf die Stadt. Hier herrschte ebenso viel Chaos wie in den anderen Räumen.

„Das ist mein Büro.“

An der Wand entdeckte Hallie einen Basketballkorb. „Wofür ist der denn?“

„Bälle werfen hilft einem, auf gute Ideen zu kommen.“ Nick grinste. „Leider klappt‘s nicht immer.“

„Aha.“ Hallie musterte den großen Flachbildschirm und die beiden bequemen Sessel, die davor standen. „Offensichtlich entspannen Sie auch gern beim Fernsehen.“

„Nein.“ Nick zeigte auf die Spielkonsole, die sich neben dem Fernsehgerät befand. „Hat alles mit Arbeit zu tun. Die neuesten Spiele müssen ja getestet werden, bevor wir sie auf den Markt bringen können.“

„Natürlich.“ Wie hatte sie nur ein ganz normales Büro mit einer ganz normalen Einrichtung erwarten können bei einem Mann wie Nick? „Vielleicht sollten Sie mir mehr über diese Spiele erzählen“, schlug Hallie vor. „Wenn wir erst mal verheiratet sind, muss ich ja mitreden können. Ach so … wie lange sind wir eigentlich verheiratet?“

„Darüber habe ich noch gar nicht so nachgedacht.“ Nick zog die Augenbrauen hoch. „Vielleicht drei Monate. Oder ein wenig kürzer. Jedenfalls war ich bei meinem letzten Aufenthalt in Hongkong noch nicht verheiratet.“

„Verstehe.“ Hallie nickte. „Gut, nun zu den Spielen. Was genau ist das, was Sie da erfinden?“

Nick rückte einen Stuhl zurecht, und Hallie setzte sich. Dann schaltete er den Fernseher und die Konsole an, nahm die beiden Controller und drückte Hallie einen davon in die Hand. Lärmende Eröffnungsmusik erklang. Eine gefährlich aussehende Zeichentrickfrau sprang ins Bild und blitzte sie böse an.

„Interessant“, sagte Hallie höflich. „Und was macht sie so?“

Nick nahm neben ihr Platz. „Meistens kämpft sie. Drücken Sie mal irgendeinen der Knöpfe.“

Hallie tat, was er sagte, und die Frau tobte mit Karatebewegungen wild über den Bildschirm.

„Das ist Xia.“ Nick war sichtlich stolz. „Sie will den Mars erobern.“

„Interessant“, wiederholte Hallie. „Besonders im Hinblick auf ihre spärliche Bekleidung und die Zwölfzentimeter-Stilettos.“ Sie drückte auf den Knöpfen herum, woraufhin Xia anfing, Feuer zu spucken.

Fragend starrte Nick sie an.

„Nicht gerade sehr glaubwürdig“, fand Hallie. „Die Schuhe jedenfalls sind eine Fehlkonstruktion“, stellte sie dann sachlich fest.

„Na ja, mit Schuhen kennen Sie sich vermutlich besser aus als ich.“ Nick drückte auf Stopp und sah Hallie fragend an. „Sagen Sie mal, was haben Sie eigentlich gemacht, bevor Sie Schuhe verkauft haben?“

„Ich war Croupier in einem Kasino. In Sydney“, erzählte sie.

„Aha. Und warum haben Sie aufgehört?“

„Ganz einfach. Mir hat das Tageslicht gefehlt. Wenn man von neun Uhr abends bis fünf Uhr morgens im Kasino arbeitet und den ganzen Tag verschläft, weiß man irgendwann nicht mehr, was das Wort Sonne eigentlich bedeutet.“

„Verstehe. Und davor?“

„Davor habe ich für einen Hungerlohn in einem Pudelsalon gejobbt.“

„Wo?“

„In einem Pudelsalon. Die Pudel werden gebadet, frisiert, zurechtgemacht. So wie beim Friseur eben.“

Nick lächelte. „Sie haben ja schon einiges hinter sich mit Ihren gerade mal …“ Er stockte. „Ich habe noch gar nicht gefragt, wie alt Sie eigentlich sind.“

„Ich bin vierundzwanzig“, verriet Hallie. „Keine Angst. Ich bin keine achtzehn mehr.“

Er grinste. „Ich könnte Ihnen jetzt ein ganz blödes Kompliment machen, aber das lasse ich lieber. Ich bin übrigens dreißig.“ Für einen kurzen Augenblick herrschte Schweigen.

„Was tut man nicht alles, um Geld für sein Studium zusammenzubekommen“, sagte Hallie dann. „Ich habe es mir nun mal in den Kopf gesetzt, Kunstgeschichte zu studieren, und was ich mir in den Kopf gesetzt habe, ziehe ich normalerweise durch.“

„Kunstgeschichte allgemein?“ Nick war interessiert.

„Halb und halb. Schwerpunkt Asien. Das hat mich schon immer fasziniert. Mein Diplom für Kunstwissenschaft habe ich schon in der Tasche. Und nun möchte ich gern hier in London weiterstudieren – den speziellen Studiengang für Asien. Bei Sotheby‘s.“

„Warum ausgerechnet Asien?“

„Mein Vater ist Professor für Kunstgeschichte mit Schwerpunkt chinesische Keramik. Schon als kleines Mädchen habe ich immer in seinem Arbeitszimmer herumgeschnüffelt und die riesigen bunten Kunstbücher quasi verschlungen. Die Geschichte der einzelnen Stücke, zum Beispiel einer Mingvase, hat mich fasziniert.“

„Sie treten also sozusagen in die Fußstapfen Ihres Vaters. Er muss sehr stolz auf Sie sein!“

Hallies Blick verschleierte sich. „Ach, mein Vater interessiert sich nicht so sehr für mich und das, was ich getan habe oder tue. Trotzdem werde ich meinen Weg gehen. Und ich habe schon einiges gelernt. Ich habe ein gutes Auge, wirklich.“ Sie beugte sich nach vorn und sah Nick ernst an. „Beispielsweise bin ich mir absolut sicher, dass die Mingvase, die im Central Museum steht, eine Fälschung ist.“

Nick starrte sie ungläubig an.

„Gut“, korrigierte sich Hallie. „Ich bin mir zu neunzig Prozent sicher.“

„Warum vergeuden Sie dann Ihre Zeit mit Schuhverkäufen und studieren nicht einfach weiter?“

„Sie sind gut. Das würde ich ja gern. Aber ich brauche erst mal das Geld für die letzten beiden Semester.“

„Indem Sie Schuhe verkaufen?“

„Da spricht der erfolgreiche Geschäftsmann.“ Sie blitzte ihn an. „Sie haben es wohl noch nie nötig gehabt, irgendwelche Aushilfsjobs anzunehmen? Es ist nun mal so, dass ich Geld brauche, und um Geld zu verdienen, muss man Jobs annehmen. Leider liegen gut bezahlte Studentenjobs nicht auf der Straße herum.“

„So war das doch gar nicht gemeint. Ich dachte nur, wenn Ihr Vater Professor ist, wird er ja nicht gerade arm sein und könnte Sie finanziell unterstützen.“

„Nein.“ Hallies Stimme verriet, dass es besser war, nicht weiter nachzufragen. Ihre Brüder hatten ihr Geld angeboten, ebenso wie ihr Vater, aber sie hatte abgelehnt, wollte es aus eigener Kraft schaffen. Die einzige Unterstützung, die sie annahm, war die Möglichkeit, umsonst bei Tris zu wohnen. Hätte er ihr diesen Vorschlag nicht gemacht, wäre sie gar nicht erst nach London gekommen – unmöglich bei den horrenden Mieten.

„Wie viel Geld fehlt Ihnen denn noch, damit Sie Ihr Studium abschließen können?“ Nick schien wirklich interessiert zu sein.

„Exakt zehntausend Pfund. Und natürlich noch mal extra was für Essen, Trinken und Sonstiges. Fünftausend Pfund habe ich auf die hohe Kante gelegt. Mit Ihren zehntausend zusätzlich müsste es ausreichen.“

Nick schmunzelte. „Was dann? Wollen Sie durch die Welt reisen und antike Schätze suchen oder so?“

„Ja, genau. Wie Lara Croft oder Indiana Jones“, gab Hallie spöttisch zurück.

„Sie würden eine gute Lara abgeben“, sagte Nick dann. „Ehrgeizig, zielstrebig und sexy.“ Mist. Wie konnte er das nur sagen?

Zum Glück schien Hallie es mit Humor zu nehmen. „Danke sehr. Aber vielleicht möchte ich lieber so sein wie Ihre Xia hier. Böse und unnahbar.“

„Tatsächlich?“

„Möglicherweise. Vielleicht aber auch nicht. Jedenfalls scheint sie ein ganz schönes Durchsetzungsvermögen zu haben. Was bekommt Xia eigentlich zur Belohnung, wenn sie einen Kampf gewonnen hat?“

„Punkte.“

„Wie, Punkte?“

„Dann erhält sie neue Waffen, um die immer listiger werdenden Feinde besiegen zu können.“

Hallie deutete auf das Standbild. „Ich finde, ein Besuch beim plastischen Chirurgen wäre eher angebracht. Ihre Brüste sind so überdimensional, dass es fast schon lächerlich wirkt.“

Nick grinste breit. „Sie vergessen, dass fast ausschließlich Männer unsere Spiele kaufen. Ich finde Xias Oberweite völlig in Ordnung. Schließlich ist sie eine Figur aus einem Fantasyspiel, und die haben fantastische Brüste.“

Hallie seufzte und verdrehte die Augen.

„Ihre Brüste gefallen mir aber auch sehr“, entfuhr es ihm.

„Sie sind jedenfalls echt.“ Hallie setzte sich aufrecht hin und warf ihm einen Seitenblick zu. „Dies nur zur Info für Sie, falls irgendjemand mal danach fragen sollte, wenn wir in Hongkong sind.“

„Ich bin beeindruckt.“ Nicks blaue Augen funkelten. Kleine Teufelchen schienen darin zu tanzen. Hallie musste schlucken. „Sie sehen wirklich sehr einladend aus. Ich sollte sie mir vielleicht einmal näher anschauen, sozusagen ein gutes Gefühl für sie bekommen. Wie heißt es doch: Probieren geht über studieren.“

Obwohl sich bei seinen Worten und der Vorstellung, wie er sie berührte, ihre Brustwarzen aufrichteten, konterte sie glatt: „Wir haben eine Abmachung. Körperkontakt nur dann, wenn es unbedingt erforderlich ist – also dann, wenn andere dabei sind. Hier sind wir allein.“

„Ja, leider“, sagte Nick langsam. „Sie können einen wirklich verrückt machen. Ich … mag Frauen wie Sie. Sie sind … anders.“

Oh Gott, dachte Hallie und bemühte sich verzweifelt, ein neues Thema zu finden. Sie sah wieder auf das Fernsehstandbild. „Und dieses Spiel ist also nur für Männer entwickelt worden. Für uns Frauen ist nichts dabei außer diesem zugegebenermaßen sehr stark vibrierenden Controller?“, fragte sie spöttisch.

„Doch. Shang.“

„Wie bitte?“

„Prinz Shang. Warten Sie.“ Er drückte auf den Knöpfen herum und suchte eine bestimmte Szene. „Hier. Das ist Shang.“ Nun erschien ein hochgewachsener, breitschultriger Mann mit dichtem dunklem Haar, der vor Muskeln nur so strotzte, auf dem Bildschirm.

Hallie beugte sich interessiert nach vorn. „Oha“, sagte sie dann zynisch. „Hat er eine Handgranate in der Hose oder macht mein Anblick ihn scharf?“

Nick schüttelte den Kopf. „Sie nehmen wohl nie etwas ernst.“

„Oh Nick, ich bitte Sie. Das ist ein Spiel. Warum sollte ich das ernst nehmen?“

„Nun, sicher, warum sollten Sie? Ich muss es aber ernst nehmen. Wir haben drei Jahre daran gearbeitet, und jetzt sind wir endlich fertig. Und ich hoffe, dass es gut ankommt. Wenn nicht, ist eine Menge Geld futsch. Dass John Tey Interesse daran hat, es auf den asiatischen Markt zu bringen, ist immens wichtig für uns. Ich kann es mir einfach nicht leisten, ihn zu verärgern. Ihn nicht und seine Tochter auch nicht. Tja. An diesem Punkt kommen Sie ins Spiel.“

„Ins Spiel?“, konterte Hallie. „Na, das passt ja. Aber Nick, halten Sie mich für naiv oder sonst was, ich frage es trotzdem: Meinen Sie nicht, dass es ein Fehler ist, John Tey die Lüge aufzutischen, Sie seien verheiratet? Wenn er die Wahrheit rausbekommt, ist er möglicherweise so verärgert, dass er die geschäftlichen Beziehungen zu Ihnen beenden wird.“

„Wenn Sie eine andere Idee haben – bitte, ich höre.“

„Ich habe keine andere Idee“, sagte Hallie. „Ich habe nur meine Bedenken geäußert.“

Nick antwortete nicht. Er schien nachzudenken und sah konzentriert aus. Ernst. Sein Plan, John Tey hinters Licht zu führen, schien ihm schwer im Magen zu liegen. Eine Welle der Sympathie durchflutete sie. Am liebsten wäre sie zu ihm gegangen und hätte ihn getröstet. Hätte ihm über das volle dunkle Haar gestrichen. Ihre Lippen auf seinen Mund gepresst. Gefühlt, wie Hitze und Verlangen sie durchströmten … Halt! Das hatte mit Sympathie nichts zu tun.

Das war pure Leidenschaft!

„Hallie? Hallie? Ist alles in Ordnung? Sie sehen so aus, als würde es Ihnen nicht gut gehen.“

„Oh nein, alles okay. Es ist nur … mein Magen. Vielleicht waren die Muscheln verdorben oder so. Wird schon wieder weggehen.“

„Die Muscheln? Ich glaube nicht, dass die schlecht waren. Ich glaube eher, die Situation macht Ihnen zu schaffen“, mutmaßte Nick. „Bitte, Hallie, sagen Sie es mir jetzt: Sind Sie dabei oder nicht? Ich muss es wissen.“

Hallie atmete tief durch und wollte spontan „Ja“ sagen. Nicht, weil sie nach Hongkong wollte, nicht wegen des bevorstehenden Abenteuers, nicht wegen des Geldes, nein, einzig und allein um mehr Zeit mit Nick Cooper verbringen zu können. Genau mit dem Nick Cooper, der bereit war, ihr am Ende der Woche zehntausend Pfund zu zahlen, damit sie ihn wieder verließ.

Eine vernünftige Frau würde jetzt ablehnen und sich viel Herzschmerz ersparen, echten, tiefen, wahren Herzschmerz, den man sich garantiert einhandelte, wenn man sich in einen Mann wie Nick Cooper verliebte. Eine smarte Frau würde die Flucht ergreifen, solange es noch möglich war. Und genau das sollte sie auch tun.

Doch statt Nein zu sagen, fragte sie: „Glauben Sie an Schicksal, Nick?“

„Das kommt darauf an. Warum?“

„Ich finde, wir sollten das Spiel entscheiden lassen. Xia und Shang gegen die Marsmenschen. Wenn wir sie besiegen, fliegen wir als Mann und Frau nach Hongkong. Wenn wir verlieren, werden Sie alleine losziehen und mit Mr. Tey und seiner Tochter klarkommen müssen. Okay?“

„Sie meinen es ernst, nicht wahr?“

Hallie nickte und hielt ihm die Hand hin.

Er schlug ein. „Abgemacht.“

Zwei Stunden später war die Entscheidung gefallen. Sie würden gemeinsam nach Hongkong fliegen.

Hallies Telefon, das auf dem Nachttisch stand, klingelte und klingelte und klingelte. Oh nein. Mit geschlossenen Augen tastete sie danach. Wer um alles in der Welt rief mitten in der Nacht an? Sie war doch gerade erst schlafen gegangen. Der Abend mit Nick war lang gewesen. Und anstrengend.

Endlich, da war der Hörer. Sie nahm ab und hielt ihn ans Ohr. „…lo“, murmelte sie schlaftrunken.

„Können Sie heute etwas früher aus Ihrem Schuhsalon verschwinden?“, fragte eine muntere, unverschämt wache Stimme.

„Nick?“ Hallie rieb sich die Augen und rollte sich auf die Seite.

„Ja, ich bin es.“ Er klang ungeduldig.

„Können wir diese Entscheidung verschieben, bis es Morgen ist?“ Sie gähnte laut.

„Es ist Morgen. Liegen Sie etwa noch im Bett?“

Nun öffnete Hallie die Augen und schaute auf die Digitalziffern ihres Radioweckers. Viertel vor sechs. Allmächtiger. Wieso war er schon wach und vor allen Dingen so unglaublich gut drauf? Er war ein Frühaufsteher! Diese Erkenntnis musste sie erst mal verdauen.

„Nick, ich muss noch lange nicht aufstehen“, sagte sie und musste schon wieder gähnen. „Heute ist mein freier Tag. Also, was immer Sie mir zu sagen haben, sagen Sie es schnell, damit ich weiterschlafen kann. Und ich hoffe für Sie, dass es wichtig ist. Ich hasse es nämlich, aus dem Schlaf gerissen zu werden.“

„Es ist wichtig“, verkündete Nick munter. „Wir treffen uns um vierzehn Uhr vor Tiffany‘s. Wegen der Ringe.“

„Ringe? Welche Ringe?“ Plötzlich war Hallie hellwach. „Tiffany‘s? Der Juwelier?“

„Wir brauchen doch Eheringe“, erklärte Nick. „Also, um vierzehn Uhr in der Old Bond Road. Ich kenne den Geschäftsführer. Er ist bereit, mir einige Schmuckstücke zu leihen. Nicht nur Eheringe. Sie müssen ja entsprechend ausstaffiert werden. Danach gehen wir einkaufen. Sie brauchen angemessene Kleidung.“

Oha. Ein Mann, der freiwillig mit einer Frau einkaufen ging – das gab‘s doch nicht. Hallie setzte sich auf. „Sind Sie schwul?“, entfuhr es ihr.

Nick lachte. „Nein, keine Sorge.“

„Okay. Aber Sie tragen in Ihrer Freizeit gern Frauenkleidung. Sie sind ein Transvestit.“

„Auch nicht.“

„Dann sind Sie betrunken.“

„Ich muss Sie enttäuschen. Sie liegen mit allen Vermutungen falsch. Ich möchte lediglich, dass Sie in Hongkong perfekt aussehen. Wir werden mit reichen Leuten zusammenkommen, und ich glaube nicht, dass Sie allzu viel Designerkleidung besitzen. Alles soll doch glaubwürdig sein.“

„Soll ich mich nicht besser gleich Jackie Kennedy nennen?“, zischte Hallie eingeschnappt. „Kommt sie in Ihren erotischen Fantasien vor?“

„Jackie Kennedy war nicht mein Typ“, erwiderte Nick amüsiert. „Ich habe auch nicht an den First-Lady-Look gedacht, aber Sie können auch nicht wie Madonna rumlaufen.“

Sollte sie jetzt beleidigt sein? Nun, immerhin hatte er sie mit einem Superstar verglichen.

„Äh … und wer soll das alles bezahlen?“, fragte Hallie nun vorsichtig.

„Ich bezahle das. Betrachten Sie es als eine Art Sonderzulage.“

Hallie streckte sich. „Ich liebe diesen Job. Um vierzehn Uhr, sagten Sie? Bei Tiffany‘s? Gut. Ach, da fällt mir noch was ein.“

„Was denn?“ Er klang sehr selbstzufrieden, so, als sei er wahnsinnig stolz darauf, mal wieder sein Ziel erreicht zu haben. Als sei sie sein kleines Spielzeug, das funktionierte.

„Bringen Sie Ihre Mutter mit.“

Obwohl sie um Punkt vierzehn Uhr bei Tiffany‘s ankam, standen Nick und Clea bereits vor der Eingangstür. Clea sah nachdenklich aus, während Nick wieder sehr selbstzufrieden wirkte.

„Wir waren schon etwas früher da“, erklärte er ihr sachlich. „Alles ist bereits erledigt. Stuart, der Geschäftsführer, hat mir einige Stücke mitgegeben. Sie werden Ihnen bestimmt gefallen.“

Was bildete der Mann sich ein? Sie unterdrückte die aufsteigende Wut. „Aha“, sagte sie beherrscht. „Was macht Sie da so sicher? Sie wissen ja gar nicht, was mir gefällt. Glauben Sie etwa, dass ich unfähig bin, selbst etwas Schönes auszusuchen? Davon mal ganz abgesehen, kennen Sie meine Ringgröße doch gar nicht. Was, wenn der Ring nicht passt?“

„Meine Liebe, beruhigen Sie sich doch“, meinte Clea besänftigend. „Hier, probieren Sie mal.“ Sie zog einen ihrer Ringe vom Finger, einen Platinring, der mit einem großen, aber schlichten Brillanten besetzt war. „Wir haben diesen als Vorlage genommen. Ich habe ein gutes Auge für Größen und bin mir sicher, dass er passt.“

Mürrisch nahm Hallie den Platinring und streifte ihn über ihren rechten Ringfinger. Perfekt. Das machte sie noch wütender.

„Und? Passt er?“, fragte Nick betont fürsorglich und ein ganz klein wenig schadenfroh. „Also ich finde, er sitzt wie angegossen.“

Sadist, dachte Hallie böse und schaute noch mal sehnsüchtig auf die Eingangstür von Tiffany‘s, Londons Juwelenparadies. Dann zog sie den Ring ab und gab ihn Clea zurück.

„Konnten Sie denn schon abklären, ob Sie nächste Woche freihaben?“, wollte Nick wissen.

„Kein Problem.“ Sie liefen langsam die Straße entlang. „Ich habe vorhin den Besitzer des Schuhgeschäfts angerufen. Seine Nichte springt für mich ein.“ Wenn alles nach Plan lief, musste sie nie wieder diesen langweiligen Job machen, eine Tatsache, die sie definitiv nicht bedauerte.

„Was sagt Ihr Bruder dazu?“, fragte Nick weiter. „Also der, bei dem Sie wohnen. Haben Sie ihm erzählt, dass Sie mit einem fast fremden Mann nach Hongkong fliegen?“

„Nein, habe ich nicht. Aber er ist nächste Woche ebenfalls beruflich unterwegs und wird das möglicherweise gar nicht mitbekommen. Eine Nachricht werde ich ihm trotzdem hinterlassen. Wohin gehen wir jetzt?“

Clea strahlte sie an. „Jetzt werden wir jede Menge Geld ausgeben“, freute sie sich. „Auf in den Kampf.“

Zehn Minuten später standen sie vor einer der exklusivsten, teuersten und angesagtesten Boutiquen in Knightsbridge. Hallie wurde ein wenig schwummerig. Für das Geld, was ein schlichtes Kleid hier kostete, könnte man sich in einem Kaufhaus ungefähr zwanzig kaufen.

„Sind Sie wirklich sicher, dass wir da reingehen wollen?“, fragte sie vorsichtig und deutete auf die edle Eingangstür aus Mahagoni. „Ich habe ja nichts dagegen, gut angezogen zu sein, aber müssen wir in einem so teuren Laden einkaufen?“

Clea lachte. „Keine Sorge, meine Liebe. Ich bekomme hier einen anständigen Rabatt. Außerdem sollten Sie sich um so was wie Bezahlen heute ganz sicher keine Gedanken machen.“

Gebannt starrte Hallie auf ein traumhaftes Outfit im Schaufenster. „Ich glaube, ich muss euch warnen“, erklärte sie. „Shopping ist nicht so wirklich mein Ding. Ich habe immer noch Albträume, wenn ich daran denke, wie meine Brüder mit mir einkaufen gegangen sind und mir vorgeschrieben haben, was ich tragen sollte. Kleidchen mit langen Ärmeln, Rollkragensweater und Strohhüte mit breitem Rand …“

„Sehr vernünftig von Ihren Brüdern“, befand Clea. „Sonst hätten Sie einen Sonnenbrand bekommen, und Ihr Teint wäre nicht so ebenmäßig, wie er jetzt ist. Man sollte die australische Sonne eben nicht unterschätzen.“

Hallie war enttäuscht. Sie hatte gehofft, in Nicks Mutter eine Verbündete zu finden. „Wissen Sie, Clea, ich musste lange gegen meine Brüder kämpfen, die mich immer nur in mausgrauer Kleidung sehen wollten. Ich denke, jetzt ist es an der Zeit, dass ich mir endlich mal meine eigene Garderobe aussuche. Sind wir uns in diesem Punkt einig?“

„Nun, ich …“

„Natürlich werde ich Sie nach Ihrer Meinung fragen, aber die letzte Entscheidung treffe ich.“ Hallie straffte die Schultern und segelte in die Nobelboutique.

Die Einrichtung strahlte Klasse und kühle Eleganz aus. Hier hatte ein Edeldesigner sein Bestes gegeben. Die Verkäuferinnen wirkten mit ihren gestylten Haaren und in den angesagten Outfits wie Laufstegmodelle. Sie begrüßten Clea mit ihrem Namen und wandten sich dann Hallie zu.

„Größe sechsunddreißig, denke ich“, sagte die Chefverkäuferin, nachdem sie Hallies Figur gemustert hatte.

„Eher achtunddreißig.“

Die Verkäuferin lachte. „In diesem Geschäft wird Ihnen Größe sechsunddreißig passen“, versicherte sie freundlich.

Plötzlich war die Dame Hallie sehr sympathisch.

„Gibt es Farben, die Sie bevorzugen oder ablehnen?“

„Nein … eigentlich mag ich alle Farben.“ Hallie zuckte mit den Schultern.

„Nun, die Frage ist wohl eher, ob alle Farben Sie mögen.“ Die Verkäuferin lächelte aufmunternd. „Ich denke, wir beginnen mit grau.“

Grau? Hallie wollte protestieren, doch die nette Verkäuferin hatte schon eine tailliert geschnittene Jacke mit passendem Rock von einer Stange genommen und reichte ihr die Sachen.

„Hm“, machte Hallie und hielt das Outfit vor ihren Oberkörper. Sie schaute zu Nick. „Was meinen Sie?“

„Jetzt bin ich etwas verwirrt“, antwortete der. „Wenn ich jetzt sage, dass es mir gefällt, werden Sie es nicht nehmen, auch wenn es Ihnen gut gefällt. Wenn ich sage, es gefällt mir nicht, werden Sie es nehmen, auch wenn Sie es schrecklich finden. Stimmt‘s?“

„Stimmt. Also, wie ist Ihre Meinung?“

„Probieren Sie es an.“

Als Hallie aus der Umkleidekabine kam, drehte sie sich einmal um sich selbst. „Und? Wie finden Sie es?“

Er sagte gar nichts und beobachtete sie mit teilnahmsloser Miene.

„Jetzt sagen Sie doch schon was.“ Hallie breitete die Arme aus. „Lassen Sie mich raten: Es gefällt Ihnen nicht. Sie haben sich was anderes vorgestellt.“

„Nein“, sagte Nick. „Es steht Ihnen ausgezeichnet. Es ist elegant. Edel. Genau richtig.“

Hallie betrachtete sich im Spiegel. Elegant? Normalerweise kein Begriff, mit dem sie sich selbst beschreiben würde. Die Teile waren aus reinem Kaschmir, schmiegten sich angenehm an ihren Körper und saßen wie angegossen. Noch nie hatte sie solch edle Stücke getragen. Selbst an die Farbe konnte man sich gewöhnen …

„Meinen Sie wirklich, dass es zu mir passt?“, fragte sie Nick. „Oder bin das nicht ich?“

„Sehen Sie es einfach als Arbeitsoutfit. Als das Outfit der Ehefrau eines Unternehmers.“

„Ich kenne aber gar keine Unternehmerfrauen.“ Hallie runzelte die Stirn. „Wie soll ich wissen, was die denken und fühlen?“ Sie schlenderte zu Clea, die ein knallbuntes Kleid inspizierte. „Vielleicht können Sie mir helfen. Sind Sie eine Unternehmergattin?“