Die Königin von Verlorenherz - Marcel Zischg - E-Book

Die Königin von Verlorenherz E-Book

Marcel Zischg

0,0

Beschreibung

Es war einmal ein Königreich mit dem Namen Verlorenherz – nach Verlorenherz gelangten alle Menschen nach ihrem Tod und lebten dort wieder glücklich beisammen. Die Königin dieses Reiches hatte einen Mann namens König Weichlieb, den sie von Herzen liebte. Aber eines Tages verschwand dieser König spurlos auf seinem fliegenden Teppich. Aus Zorn über den Verlust ihres Königs beschloss die Königin, dass in ihrem Königreich fortan tiefe Trauer herrschen sollte. Deshalb schuf sie traurige, stumme und leere Orte wie Verlustig oder Wortschatzlosen. Dorthin wurden viele Menschen gebracht und von ihren Liebsten getrennt. Von nun an war Verlorenherz ein ganz trauriger Ort – bis Rafael, Til, Kenzo, Reggie und die kleine Königin von Vita mit fünf Zaubergegenständen gegen die Königin von Verlorenherz kämpften, eine mutige Kinderbande, deren Ziel es war, aus Verlorenherz wieder ein glückliches Reich zu machen ... Die Königin von Verlorenherz ist der erste Roman des Südtiroler Kinderbuchautors Marcel Zischg.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 446

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Marcel Zischg

DIE KÖNIGIN VON VERLORENHERZ

Ein Märchen-Roman

für Leser von 12 Jahren an

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2016

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Lektorat: Moritz Siegel (Dresden)

Titelbild © Sergey Nivens

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

TEIL 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

TEIL 2

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

TEIL 3

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Weitere Informationen

TEIL 1

Kapitel 1

„Mama, es war super! Kenzo hat gleich in den ersten Spielminuten ein Tor für uns geschossen, 1:0. Aber dann haben die Löwen richtig Gas gegeben und ihre Abwehr war beinhart. Flori hat ziemlich ungenau zu Raffi geflankt und Raffi hat den Ball nach vorn gebracht, aber dann hat er ihn an einen gegnerischen Spieler verloren. Zu dumm – und Tor für die Löwen! Raffi ist wieder nach vorne gestürmt, hat aber weit am Tor vorbeigeschossen. Kenzo hat zwar geschickt übernommen, aber wir haben es einfach nicht nach vorn durch die Abwehr geschafft. So ist es eine Weile hin und her gegangen, bis zur allerletzten Spielminute – und immer noch stand es unentschieden. Da hat Raffi eine Chance gesehen: Er war nach vorne gestürmt, hat den Ball dann aber in allerletzter Sekunde zu mir gespielt – und ich hab getroffen, 2:1 für uns! Wir Füchse haben gewonnen! Du hättest dabei sein müssen, Mama!“

Begeistert erzählte Til beim Abendessen von seinem Fußballspiel. Er war dreizehn und sein Bruder Rafael zwölf. Sie spielten in derselben Schulmannschaft, bei den Füchsen. Allerdings hatte Rafael nicht ganz so viel Lust auf Fußball und machte eigentlich nur mit, weil Til hinging. Ihre Mutter Julia hatte an diesem Nachmittag arbeiten müssen und war deswegen nicht zum Spiel gekommen, aber ihr fehlten vor Bewunderung über Tils Erzählung die Worte. Sie stand vom Tisch auf und drückte ihn an sich, wobei er sich gleich losmachte und kicherte: „Ist ja schon gut, Mama!“ Sie setzte sich wieder hin und hörte ihm weiter zu.

„Es ist mein zwanzigstes Tor in dieser Saison!“, redete Til weiter. „Wenn ich so weitermache, werde ich Torschützenkönig!“

Die Mutter lächelte Til an – genauso, wie sie ihren Mann Felix angelächelt hatte, wenn sie stolz auf ihn gewesen war. Auch Felix war ein guter Fußballer gewesen, der als Stürmer für die erste Mannschaft der Stadt viele Tore geschossen hatte, und das hatte ihr immer gefallen. Leider war er vor vielen Jahren bei einem Autounfall gestorben – Rafael und Til waren damals noch sehr klein gewesen.

Rafael spielte nicht wie sein Bruder Til im Sturm, sondern nur im Mittelfeld, und er hatte noch nie ein Tor geschossen. Deswegen lächelte ihn seine Mutter auch nie so stolz an, wie sie Til anlächelte – da leuchteten ihre Augen vor Freude und Stolz. Und wenn sie zu Rafael sagte: „Das hast du gut gemacht“, dann klang das nicht ganz so freudig, wie es bei Til klang: Es klang eher so, als müsste sie es sagen, weil Rafael nun mal ebenfalls da war. Jetzt sah sie Rafael an und sagte zu ihm: „Wir können wirklich stolz sein auf Til!“

Da wurde es Rafael zu viel, er konnte seine Wut nicht mehr länger zurückhalten. Er sprang vom Stuhl auf und schluchzte: „Immer nur Til! Für mich interessierst du dich gar nicht! Ich bin dir doch ganz egal!“

„Ach, Raffi“, seufzte Til. Julia wollte etwas sagen – sie stand auf und wollte auf Rafael zukommen, aber Rafael wich ihr aus. Er lief aus dem Haus, schwang sich auf sein Fahrrad und sauste davon.

Es war Mai, die Sonne war soeben untergegangen. Rafael fuhr ein Stück die Straße hinunter bis zu einer Holzbrücke, die über einen kleinen Bach führte. Die Straße führte geradeaus weiter ins Zentrum der Stadt, aber Rafael bog in den Waldweg ein, der am Bach entlang verlief, und folgte dem Bach auf dem Weg immer weiter stromaufwärts.

Es war der einzige Bach der kleinen Stadt. Als Rafaels Vater gestorben war, war er durch einen heftigen Regen mit dem Auto von der Straße abgekommen, kurz vor der Holzbrücke über die Böschung in den Bach hinabgestürzt und unglücklich mit dem Kopf auf das Steuer geprallt. Er war auf der Stelle tot gewesen. Von seiner Mutter wusste Rafael nur, dass sein Vater zu Lebzeiten neben seinem leidenschaftlichen Hobby als Fußballer mehreren Gelegenheitsarbeiten nachgegangen war. So hatte Rafaels Vater beispielsweise gekellnert oder in einem Supermarkt gearbeitet. Aber das konnte sich Rafael nicht so gut vorstellen – er konnte sich seinen Vater bloß als ebenso starken Fußballer vorstellen, wie es Til war.

Weg und Bach führten durch ein kleines Wäldchen. Rafael weinte und als ihm Leute begegneten, sah er sie nicht an. Er überquerte den Bach über eine kleinere Holzbrücke und folgte auf dem anderen Ufer weiter dem Weg. Nach der Brücke ging es durch ein weiteres Wäldchen auf einen kleinen Hügel hinauf, immer am Bach entlang. Dieses Wäldchen war so dicht, dass die Wipfel der Bäume über Rafael ein Dach bildeten. Der Weg wurde sehr steil und Rafael musste einmal stehen bleiben, um zu verschnaufen, bevor er endlich auf einer Lichtung angekommen war.

Zu dieser Lichtung fuhr Rafael öfter, wenn er allein sein wollte. Dort war eine Wiese, die mit hohem Gras und wilden Sträuchern bewachsen war. Der Bach schlängelte sich durch die Wiese und hier endete der Weg im Nichts. Mitten auf der Wiese lag ein hohler Baumstamm am Bach. Rafael stieg vom Fahrrad, lehnte es an einen Strauch und setzte sich auf den Baumstamm. So saß er nun am Bach und blickte ins Wasser, das den Hügel hinabfloss und vor ihm stieg der Hügel noch weiter an, bedeckt von Nadelbäumen, die dunkel und dicht beieinanderstanden. Aus diesem dunklen Wald kam der kleine Bach geflossen. Rafael war nie weiter gegangen als bis zu der Lichtung und er hatte auch nie im Sinn gehabt, weiterzugehen, weil es ihm auf der Lichtung gefiel und er sich nicht vorstellen konnte, dass der Wald dahinter je enden würde.

Rafael blickte zum dämmrigen Himmel empor und weinte immer noch vor Wut. Er wollte eigentlich nur alleine sein, aber plötzlich fühlte er eine Hand auf seiner Schulter. Da drehte er sich um und erkannte einen Jungen hinter sich, der war ganz schwarz gekleidet und hatte auch ganz schwarzes glattes Haar, das ihm bis zu den Schultern reichte. Dieser Junge blickte ihn mitleidig an. Er war sehr dünn und hatte feine Gesichtszüge, in denen ganz dunkle Augen saßen, die Rafael an seinen verstorbenen Vater erinnerten. Natürlich konnte Rafael sich nicht mehr genau an seinen Vater erinnern, aber auf den Fotos, die er von ihm kannte, hatte sein Vater blaue Augen, in denen eine seltsame Tiefe lag, als hüteten sie ein Geheimnis – ganz genau so ein Geheimnis lag auch in den seltsamen Augen dieses Jungen im Wald!

„Was hast du denn?“, wollte der Junge nun wissen und setzte sich neben Rafael. Der Junge strahlte etwas so Vertrauenswürdiges aus, dass Rafael ihm plötzlich unbedingt alles erzählen wollte. Und so erzählte er, wie beliebt Til war, dass er viel mehr Freunde hatte und vor allem besser Fußball spielen konnte und dass er auch die besseren Schulnoten schrieb, sodass Rafael sogar glaubte, dass Mama Til mehr liebte als ihn. „Am liebsten möchte ich so sein wie Til!“, sagte er schließlich. Und dann erzählte Rafael noch etwas, das ihm sehr zu Herzen ging. Seine Mutter hatte es ihm erzählt, ansonsten hätte er es wohl vergessen gehabt: Als er ganz klein gewesen war, hatte er einmal mit Papas Ehering am Ufer des Baches gespielt und der Ring war ihm dabei in den Bach gefallen – man hatte den Ring nicht mehr gefunden. Das war kurz vor Papas Tod passiert. Da lächelte der Junge.

„Ich weiß, wie ich dir helfen kann“, sagte er und hielt plötzlich den verlorenen Ring in der Hand, von dem Rafael ihm erzählt hatte.

Rafael riss erstaunt die Augen auf. „Woher hast du den Ring?“, fragte er, aber der Junge sagte nur: „Rafael, hör zu: Du hast gesagt, du wärst am liebsten dein Bruder Til. Ich kann dir diesen Wunsch erfüllen. Du musst nur diesen Ring an deinen Finger stecken, dann verwandelst du dich in Til.“

„Nun gut“, zeigte Rafael sich einverstanden und überlegte gar nicht lange, denn er hatte es satt, immer der vernachlässigte Rafael zu sein. Der seltsame Junge reichte ihm nun den Ring und Rafael steckte ihn an seinen Finger. Im selben Augenblick drehte sich alles um Rafael herum wie ein großes Rad, sodass Rafael bald gar nichts mehr erkennen konnte als nur ein buntes Bild, in dem sich viele Farben und Formen mischten. Er hörte das geheimnisvolle Rauschen des Baches, in dem er damals den Ring seines Vaters verloren hatte und an dem er oft mit Til gespielt hatte – und im nächsten Moment fand er sich im Bett seines Bruders wieder. Til aber war verschwunden.

Es war heller Morgen, Rafael stand auf. Er fühlte sich größer und auch etwas kräftiger als sonst und als er in den Spiegel blickte, der am Schrank hing, erkannte er darin nicht sich selbst, sondern tatsächlich seinen Bruder Til. Und er hätte nun am liebsten laut gejubelt, als seine Mutter plötzlich ins Zimmer kam und ihn in die Arme nahm.

„Rafael ist nicht wiedergekommen“, schluchzte sie. Sie löste sich wieder aus der Umarmung und blickte Rafael an, den sie nun für Til hielt. In ihren Augen standen Tränen: „Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen! Ich bin ganz früh aufgestanden, um Rafael in der Stadt zu suchen, aber ich habe ihn nirgends gefunden! Ich habe solche Angst, Til!“

Rafael wollte etwas sagen, aber in diesem Moment läutete das Telefon im Flur und seine Mutter eilte sofort hin. Rafael bemerkte, dass es die Polizei war – seine Mama hatte sie also bereits verständigt. Da schauderte es ihn, aber er hatte keine Zeit, lange darüber nachzudenken, denn als er im Badezimmer war, stand seine Mutter schon wieder vor ihm und sagte: „Til, du bist doch heute für den Leichtathletik-Wettkampf der Jungs von der Schule freigestellt.“ Sie hatte ihm die Sachen für den Wettkampf schon zusammengepackt und reichte ihm nun Tils Rucksack. Dabei senkte sie ihren Blick und fragte wieder: „Wo ist Rafael nur?“

Einerseits tat Rafael seine Mutter ja leid, aber andererseits freute er sich auch, dass sie nun endlich eingesehen hatte, dass nicht nur Til wichtig war. Nur eines ging Rafael nicht aus dem Kopf: Während sich seine Mutter fragte, wo Rafael war, fragte er sich, wo eigentlich der richtige Til geblieben war.

„Wo ist Rafael nur?“, fragte sich die Mutter jetzt wieder und verließ das Haus, ohne etwas Weiteres zu sagen. In diesem Moment dachte Rafael darüber nach, ob er nicht wieder zu dem Jungen in den Wald gehen sollte, um alles rückgängig zu machen, denn nun tat ihm seine Mutter doch leid.

Aber erst einmal musste Rafael auf seinem Fahrrad zum Sportplatz fahren. Er war sehr aufgeregt, weil er ja noch nie an so einem Sportwettkampf teilgenommen und immer nur von der Tribüne aus seinem Bruder zugesehen hatte.

Kapitel 2

Als Til gewann Rafael überragend in drei Kategorien: Kugelstoßen, 100-Meter-Lauf und 1000-Meter-Lauf – er wurde insgesamt Bester des Jahrgangs und erhielt dafür eine große Goldmedaille. Er fühlte sich großartig, als ihn alle umjubelten und lobten, aber dann störte es ihn doch, dass alle ihn Til nannten und dass seine Mutter nicht auf der Tribüne saß, um zuzusehen. Eigentlich hatte sie sich für diesen Tag extra freigenommen, um Tils Wettkampf mitzuerleben – und nun suchte sie irgendwo in der Stadt nach Rafael, der ja eigentlich gar nicht verschwunden war.

Mittagessen durfte Rafael bei einem Freund von Til, der diesen zu sich eingeladen hatte, aber er redete die ganze Zeit über Fußball, was Rafael nervte. Am Nachmittag spielte Rafael mit Tils Freunden Fußball, aber diese Jungen waren ganz anders als seine eigenen Freunde und er fühlte sich unter ihnen gar nicht wohl. Nach dem Spiel gab ihm ein Mädchen aus Tils Klasse einen Kuss auf den Mund – das war großartig und Rafael lief ganz atemlos nach Hause.

Als er endlich heimkam, war es schon Abend. Eigentlich wollte er noch etwas zeichnen, denn er hatte als Rafael gerne Häuser und Landschaften gezeichnet, aber plötzlich fehlte ihm jede Lust dazu. Was soll’s?, dachte er, Mama hat sich ja sowieso nie für meine Zeichnungen interessiert. Er suchte seine Mutter, um ihr die Goldmedaille zu zeigen und da fand er sie in der Küche, wo sie seine Zeichnungen ansah und weinte. Da musste Rafael schlucken, um nicht selbst zu weinen; er ging aufs Zimmer und legte sich in Tils Bett. Aber er schlief lange nicht ein, sondern wälzte sich unruhig von einer Seite auf die andere. Immer wieder fragte er sich, wo Til war, und er war nun doch sehr traurig darüber, dass seine Mutter ihn so sehr vermisste.

Am nächsten Morgen rührte Rafaels Mutter nur schweigend in ihrem Kaffee und starrte aus dem Fenster. Rafael erzählte ihr als Til von der gewonnenen Goldmedaille, aber sie hörte ihm gar nicht richtig zu.

In der Schule fragten Rafaels Freunde: „Ist Rafael wiedergekommen, Til?“ Sogar die Lehrerin der Klasse, in die Til ging, fragte ihn: „Hast du etwas von Rafael gehört?“ So konnte sich Rafael überhaupt nicht auf den Unterricht konzentrieren und außerdem gefiel es ihm in Tils Klasse nicht, weil ihm seine besten Schulfreunde fehlten, mit denen er im Sommer oft Räuber und Bulle gespielt oder über Abenteuerbücher und seine vielen Zeichnungen dazu gesprochen hatte.

Nach der letzten Schulstunde rief ihn der Mathelehrer zu sich und hielt ihm eine Schularbeit hin mit den Worten: „Til, das hat doch nicht deine Mutter unterschrieben!“ Rafael blickte genauer hin: Til hatte eine fünf bekommen – eine fünf! Ausgerechnet Til! Wie ist das möglich?, überlegte Rafael. Til war doch immer der beste Schüler seiner Klasse gewesen! Und noch dazu hatte er die Unterschrift von Mama gefälscht, damit sie nichts davon erfährt. „Das lässt du sofort von deiner Mutter unterschreiben!“, sagte der Lehrer zornig und sah ihn streng an. Rafael schaute sich die Schularbeit an. Die Rechnungen darauf waren nicht so schwierig, fand Rafael. Wie konnte Til so etwas nur vermasseln?, fragte er sich.

Als Rafael mit dem Fahrrad auf dem Heimweg war, musste er von der Schule aus den Weg am Bach entlangfahren, bis dieser bei der Holzbrücke, an der sein Vater verunglückt war, in die Straße mündete. Dieser Straße musste er dann bis zu seinem Haus noch weiter stadtauswärts folgen.

Auf dem Weg am Bach zielte aber plötzlich Kenzo, ein Klassenkamerad von Til, mit einem harten Fußball auf ihn und traf seinen Bauch. Rafael fiel vom Fahrrad und landete im Bach – der Ball wurde von der hier etwas stärkeren Strömung des Bachs mitgerissen. „Hallo, Til!“, rief Kenzo und sah Rafael böse an. „Du Wunderkind!“, sagte er in verächtlichem Tonfall und stellte sich nun ganz gerade und mit herausgestreckter Brust vor ihm auf. Er war der größte Schüler in Tils Klasse, schon vierzehn Jahre alt, trug einen strengen Bürstenhaarschnitt und hatte ganz blaue Augen, die er nun zu Schlitzen verkleinerte. Rafael hatte ihn nie gemocht: Kenzo spielte nämlich ungern mit den anderen aus der Fußballmannschaft zusammen, weil er sich immer für besser hielt. Til hatte trotzdem immer versucht, mit ihm Freundschaft zu schließen – aber umsonst. Kenzo ertrug es erst recht nicht, wenn ein Stürmer wie Til mehr Tore schoss als er selbst. Er wollte unbedingt immer selbst der Beste im Fußball sein.

„Ich habe gesehen, wie du meine Freundin geküsst hast!“, rief Kenzo und dann lachte er plötzlich schallend laut, als er den vermeintlichen Til ansah, der ganz durchnässt und schmutzig aus dem Bach stieg. Im nächsten Moment wurde Kenzo aber wieder ernst und blickte Rafael mit seinen gemeinen blauen Augen scharf an. „Wenn du sie noch einmal küsst, wirst du dein blaues Wunder erleben! Kapiert?“

Kenzo war sicher, dass der sonst so brave Til jetzt eingeschüchtert war, denn immerhin hatte er ihm auch ein hübsches kleines Bad verpasst. Also wandte er sich ab und wollte schon gehen – aber mit einem Mal stürzte sich Rafael auf Kenzo und brüllte dabei: „Du lässt meinen Bruder in Ruhe!“ Damit hatte der starke Kenzo gar nicht gerechnet und fiel nun tatsächlich ins Gras. Rafael formte mit seiner Hand eine Faust, um sie in Kenzos Gesicht zu schlagen, und Kenzo, der nun auf dem Boden lag, sah Rafael mit offenem Mund ganz erstaunt an.

Dann überlegte Rafael aber und hielt inne: Er erinnerte sich an eine frühere Rauferei mit Til: Damals war er selbst neun gewesen und Til zehn. Rafael hatte seinen Bruder mit einem Stein heftig am Kopf verletzt und das hatte ihm so leid getan, dass er geschworen hatte, sich nie wieder zu prügeln.

Also ließ er von Kenzo ab, der ihn nun aber sofort packte. Mit beiden Armen hielt er Rafael am Kragen fest und drückte ihn mit dem Rücken gegen einen Baumstamm. Dann formte er mit bitterböser Miene eine Faust, um sie Rafael ins Gesicht zu rammen – aber im allerletzten Moment hörte Rafael plötzlich Til, der rief: „Aufhören, sofort aufhören!“ Da drehte sich Kenzo um und ließ Rafael vor Schreck los, denn auf einmal stand da noch ein Til, der sah genauso aus wie der Til, mit dem er sich gerade geprügelt hatte. Kenzo öffnete verwundert seinen Mund, aber er konnte vor Erstaunen gar nichts hervorbringen. Er blickte wieder zu Rafael zurück, der immer noch mit wackligen Knien am Baum stand und ganz blass im Gesicht war. Til überlegte nicht lange – er nahm seinen Bruder Rafael einfach an der Hand und zog ihn mit sich. Kenzo blieb stehen und blickte den beiden gleichen Brüdern nach, als hätte er gerade ein Ufo mit Außerirdischen gesehen.

Rafael fiel ein, dass er sein Fahrrad am Bach liegen gelassen hatte. Er würde es später holen, beschloss er – zuerst einmal wollte er jetzt nur weg von dem blöden Kenzo.

Als die beiden Jungen endlich aus Kenzos Blickfeld verschwunden waren, drehte sich Rafael zu Til und musste plötzlich erkennen, dass es gar nicht Til war, der neben ihm herging, sondern der Junge aus dem Wald. Der ließ nun endlich Rafaels Hand los. „Es ist doch nicht so schön, Til zu sein!“, sagte Rafael zu dem Jungen. „Bitte mach, dass alles wieder so wird, wie es war und dass mein Bruder wiederkommt!“

„Das habe ich mir schon gedacht“, sagte der Junge aus dem Wald. „Deswegen bin ich auch gekommen. Aber es ist gar nicht so einfach!“ Der Junge blieb nun neben Rafael stehen. Er sah ihn an und erklärte: „Du musst den Ring wieder vom Finger ziehen, den ich dir gegeben habe, aber du darfst es nicht selbst machen. Deine Mutter muss den Ring von deinem Finger nehmen, aber du darfst sie nicht darum bitten – es muss ganz von selbst passieren!“

Nach diesen Worten grinste der Junge und sprang in den kleinen Bach, der den Jungen in sich hineinzog wie einen Gegenstand, den das Wasser einfach verschluckte. Rafael schauderte. Er blickte erstaunt auf das Wasser, das nun wieder ganz langsam dahinfloss. Jetzt war Rafael wieder alleine und er blickte ratlos auf seinen Finger und den Ring.

Kapitel 3

Als Rafael in seinen nassen Kleidern zu Hause ankam, saß seine Mutter noch immer in der Küche – sie hatte gar kein Mittagessen gekocht und starrte nur aus dem Fenster. Rafael vermutete, dass sie am Vormittag auch nicht zur Arbeit gegangen war, weil sie immer noch im Schlafrock dasaß. Er setzte sich zu ihr und seine Mutter lächelte, als er sie ansah – aber es war ein gezwungenes Lächeln. Sie wischte sich Tränen aus ihrem verweinten Gesicht und sagte: „Ich habe viel telefoniert – mit Freunden, mit der Polizei. Aber keiner weiß, wo Rafael ist …“ Plötzlich blickte sie Rafael genauer an und sagte: „Du bist ja ganz nass, Til!“

Sie wollte sein T-Shirt berühren, aber da hob er die Hand mit dem Ring und wich ihr aus: „Das ist doch nicht schlimm, Mama!“

Mit einem Mal erstarrten ihre Augen und blickten auf den Ring an seinem Finger. „Woher hast du den Ring?“, fragte sie und zog ihn Rafael nun vom Finger. Sie betrachtete den Ring genauer, dann verzog sie ihr Gesicht, als müsse sie jeden Augenblick zu weinen beginnen. Endlich raffte sie sich auf und schaute Rafael fest in die Augen. „Das ist der Ring deines Papas, Til!“, sagte sie. „Rafael hat ihn verloren, als er noch ganz klein war. Woher hast du ihn?“

Rafael log: „Ich habe ihn wiedergefunden, am Bach.“ Seine Mutter sah ihn an, dann blickte sie wieder auf den Ring und nun begann sie plötzlich doch, zu weinen. Es war ein ruckartiges Weinen, als würde etwas in ihrer Brust festsitzen, das unbedingt heraus wollte. Im nächsten Moment sah sie Rafael mit verweinten Augen an, dann stand sie auf und nahm ihn ganz fest in ihre Arme. Dabei sagte sie: „Ach, hätte ich mich doch mehr um Rafael gekümmert, dann wäre er nie davongelaufen!“

Wie sie Rafael jetzt aber wieder losließ, da stand er plötzlich gar nicht mehr als Til vor ihr, sondern er spürte deutlich, dass er jetzt wieder Rafael war – der Zauber war gewichen! Im ersten Moment erschrak seine Mutter und machte große Augen: „Das ist doch nicht möglich!“, sagte sie, aber dann sah sie, dass hinter Rafael plötzlich Til stand. Und obwohl sie nicht wusste, wie alles vor sich gegangen war, war sie sehr glücklich über Rafaels Heimkehr, sie umarmte ihn wieder und sagte: „Es tut mir so leid!“

Dann wollte sie von Rafael wissen, wo er die ganze Zeit über gewesen war. Er antwortete nur: „Ich war im Wald und habe mich am Bach herumgetrieben. Es tut mir leid, Mama.“ Alles andere würde Mama mir sowieso nicht glauben, dachte er.

„Seltsam“, sagte sie, „ich dachte, ich hätte soeben mit Til gesprochen und ihn umarmt und plötzlich halte ich dich im Arm, Rafael!“

„Ich habe Rafael gefunden, Mama“, sagte Til.

„Aber warum hast du mir das nicht gleich gesagt?“, wollte sie wissen, doch als Til darauf nicht antwortete, sagte sie: „Ich bin nur froh, dass Rafael wieder hier ist!“

Zwei Nächte und eineinhalb Tage war Rafael nun scheinbar verschwunden gewesen, aber Julia war so froh über seine Rückkehr, dass sie gar nicht mit ihm schimpfte.

Til musste an diesem Nachmittag noch zum Fußballtraining, während Julia mit Rafael zu Hause blieb und ihm, weil er scheinbar weggelaufen war, einige Fragen stellte, die ihm unangenehm waren, aber Rafael war kein schlechter Lügner. Dann sprach sie zum ersten Mal eingehend mit ihm über seine Bilder und lobte sein Talent – das hatte sie früher nie gemacht. Außerdem wollte sie wissen, was Rafael in Zukunft zeichnen wolle und sie sprach mit ihm über einige bekannte Künstler.

Rafael zeigte ihr den Jungen aus dem Wald, den er in der ersten Nacht gemalt hatte, nachdem Til verschwunden gewesen war: Der Junge war sehr dünn und hatte feine Gesichtszüge, in denen ganz schwarze Augen saßen, dazu dichtes schwarzes Haar. Gekleidet war er aber nicht schwarz wie der Junge aus dem Wald, sondern wie ein ganz gewöhnlicher Junge mit weißem T-Shirt ohne Aufschrift und kurzen roten Hosen – rot und weiß, das waren auch die Farben der Fußballmannschaft der Füchse, in der Rafael und Til spielten. Im Hintergrund des Jungen war ein undurchdringlicher Wald mit Bäumen mit übermächtigen Stämmen, deren Höhe nicht auszumachen war, weil die Größe des Blatts nicht mehr ausgereicht hatte, um ihre Kronen zu zeichnen.

Dieses Bild gefiel Rafaels Mutter besonders gut und sie lobte es sehr. Außerdem erzählte sie Rafael über neue Abenteuerbücher in ihrer Bibliothek, die ihn interessieren könnten, denn sie war Bibliothekarin. Seltsamerweise hatte sie bisher aber fast nie über Abenteuerbücher gesprochen, wenn sie zu Hause war. Sie ließ Til viel zu viel über Fußball erzählen oder redete mit ihm und Rafael über die Schule – das fand Rafael alles langweilig.

Rafael und Til teilten sich dasselbe Zimmer und schliefen in einem Etagenbett – Rafael unten, Til oben. Rafael fragte sich, was Til wohl über den Zauber wusste. Als er endlich alleine mit ihm im Zimmer war und sie beide im Bett lagen, fragte er ihn: „Til, wo warst du denn die ganze Zeit? Weißt du eigentlich, was passiert ist?“ Til gab keine Antwort. „Ich wusste gar nicht, dass du in Mathe eine Fünf geschrieben hast“, sagte Rafael. Wieder gab es keine Antwort. Da stieß Rafael mit dem Fuß gegen die Matratze, die über ihm lag: „Hey, Til, sag schon etwas!“ Als wieder keine Antwort kam, warf Rafael seine Bettdecke beiseite und sprang aus dem Bett. Schlief Til etwa schon? Rafael stieg die Leiter etwas hinauf, bis er in Tils Bett sehen konnte, und erschrak. Denn dort im Bett lag gar nicht sein Bruder und schlief, sondern der Junge aus dem Wald.

Kapitel 4

Als Til aufwachte, fand er sich neben einem Fluss wieder – auf einer Sitzbank vor einem großen Bahnhofsgelände in einer Stadt. Die Stadt hieß Verlorenherz – jedenfalls stand das so auf einem großen Ortsschild. Und in der Luft über dem Fluss, der Erzählfluss hieß, hing ein großes Bild. Auf dem Bild saß ein Mann auf einem Stuhl und hielt beide Hände vor sein weinendes Gesicht. Er trug blaue Hosen und einen blauen Pullover. Er saß an einem Kamin, in dem Feuer brannte.

Wo bin ich hier?, fragte sich Til. Es war ein bewölkter Morgen. Er konnte sich nur erinnern, dass er sich abends ins Bett gelegt hatte. Und jetzt war er in einer Stadt namens Verlorenherz? Das konnte nicht wahr sein! War das ein Traum?

Jetzt verschwand das seltsame Bild von dem alten Mann in der Luft.

Der Junge aus dem Wald hatte Til hierher gebracht. Er hatte Rafaels Wunsch erfüllt und Til in diese große Stadt gezaubert. Rafael und Til hatten sich oft gefragt, wohin der Bach ihrer Stadt floss, weil er in einem Tunnel endete und sie keine Stelle kannten, wo der Bach den Tunnel wieder verließ: Der Bach floss nach Verlorenherz, und hier hieß der Bach Erzählfluss – er floss ganz ruhig, aber sein Wasser war dunkel und der Fluss war sehr, sehr breit.

Zuerst einmal stand Til auf, blickte sich um und ging ins Bahnhofsgebäude hinein. Eigentlich sah alles aus wie auf einem gewöhnlichen Großstadtbahnhof: Es gab Gleise, Züge, Verkaufsstände, Fahrkartenschalter, Menschen – aber Augenblick mal!, dachte Til. Da waren Anzeigetafeln, die Zielorte wie Verlustig, Schwarzhausen, Konjunktivchen,Wortschatzlosen, Wüste Dehnung, Schloss Verlorenherz oder Ewige Dunkelheit anzeigten.

Und was machen die Menschen hier am Bahnhof nur?, fragte sich Til, denn während sie hektisch durch das Bahnhofsgebäude liefen, verloren sie allerlei Dinge: Wertvolle Uhren lösten sich von ihren Handgelenken, Mobiltelefone sprangen ihnen wie Kaninchen aus den Hosentaschen, Geldbörsen fielen auf die Straße – und das alles wurde vom Boden einfach aufgesaugt, wie wenn etwas ins Wasser fällt und darin versinkt! Die Menschen schienen gar nicht zu bemerken, dass sie etwas verloren; sie gingen einfach weiter eilig durch das Bahnhofsgebäude und sahen dabei sehr traurig und müde aus.

Plötzlich aber tanzte ein lustiger Mann durch die Menge auf Til zu: Er trug eine bunte Narrenmaske, ein gelbes Wams und grüne Strümpfe. Der Mann lief drei Meter, drehte sich dreimal im Kreis zwischen den traurigen Menschen, die Dinge verloren, lief wieder drei Meter, drehte sich wieder dreimal im Kreis zwischen den traurigen Menschen, lief wieder drei Meter und stand endlich vor Til.

Er setzte sich neben Til auf eine Sitzbank und blickte ihn mit großen blauen Augen aus seiner Narrenmaske an. „Ha!“, rief er erfreut, aber Til hatte keine Lust, zum Narren gehalten zu werden und sagte: „Was für ein blöder Traum! Du siehst aus wie Till Eulenspiegel – es fehlt nur noch ein blöder Spiegel!“

„Hahaha, du bist lustig!“, rief der merkwürdige Mann. „Du bist hier – in Verlorenherz! Ich bin zwar kein Till Eulenspiegel, aber ich besitze tatsächlich einen kleinen Zauberspiegel!“

Til schüttelte den Kopf. „Für wie dumm hältst du mich eigentlich?“, fragte er. „Ich bin dreizehn und kein Kleinkind mehr, das an Märchen glaubt!“

Da zeigte der lustige Mann Til einen kleinen, runden, silbrig funkelnden Taschenspiegel und sagte: „Dieser Spiegel zeigt dir, wohin du hier in Verlorenherz reisen musst. Dieser Roman wird eine lange Reise und ich kann dich gern auf dieser Reise begleiten – du bist dazu bestimmt, uns zu helfen!“

„Ich befinde mich in einem Roman?“

„Nun ja“, sagte der lustige Mann, „irgendetwas muss ich dir ja erzählen, wenn du mir schon nicht glauben willst, dass das hier mehr ist als nur ein Traum!“

Til sagte nichts mehr, weil er bemerkte, dass sich plötzlich ganz viele Menschen um ihn herum auf dem Bahnsteig versammelten, während eine lange schwarze Dampflokomotive sich auf den Schienen näherte und eine Ansage durch die Bahnhofshalle klang: „Achtung! Der Zug nach Verlustig fährt auf Gleis 2 ein. Vorsicht auf dem Bahnsteig!“

Verblüfft blickte Til die schwarze Dampflok an, auf der mit weißen Großbuchstaben geschrieben stand: VERLUSTIG-EXPRESS.

Der Lokführer, der den Zug anhielt und aus dem Fenster schaute, war ein seltsamer Mann mit bunten Haaren und einer weinerlichen Frauenstimme, die ungeduldig rief: „Abschied, Abschied, Abschied!“ Und die Menschen vor dem Zug umarmten einander und weinten sehr.

„Narr Silberspiegel“, sagte Til nun zu dem lustigen Mann, denn so nannte er ihn jetzt wegen seines silbern funkelnden Spiegels. „Wohin fährt denn dieser seltsame Zug und warum weinen die Menschen so sehr? Und weshalb verlieren die Menschen hier am Bahnhof ständig irgendwelche Dinge?“

Narr Silberspiegel machte hinter seiner Narrenmaske große blaue Augen und erzählte: „Du bist in einer Stadt, in der alle Menschen Dinge verlieren und es nicht einmal merken! Wenn sie es bemerken, dann ist es zu spät und sie weinen bitterlich, denn sie können ihre Sachen niemals zurückbekommen: Was man einmal verloren hat, gewinnt man hier in Verlorenherz nicht mehr zurück. Es gibt nämlich ein Gesetz im ganzen Land Verlorenherz: Niemand darf etwas Verlorenes zurückbekommen! Dieses Gesetz stammt von der Königin von Verlorenherz. Die Königin von Verlorenherz ist wirklich sehr hart. Sie verlangt, dass die Menschen, die etwas verloren haben, zu ihr kommen. Wenn jemand beispielsweise ein Haus verliert, weil die Königin es einstürzen lässt, dann erhält er von der Königin von Verlorenherz dafür ein neues. Und wenn er dieses neue Haus bald darauf wieder verliert, weil es die Königin in Luft auflöst, dann bekommt er von der Königin wieder ein neues und immer so weiter, aber lange behält hier in Verlorenherz leider keiner irgendetwas. Viele Menschen sind deshalb unglücklich und sie werden immer trauriger.“

„Wie bin ich denn hierhergekommen, Narr Silberspiegel?“, fragte Til. „Ist es wirklich kein Traum?“

Narr Silberspiegel schwieg. Er deutete auf die Menschen, die sich auf dem Bahnsteig verabschiedeten. Immer mehr Menschen wurden es. Viele von ihnen würden bald in den Zug VERLUSTIG-EXPRESS steigen.

Der Lokführer mit den bunten Haaren wurde immer nervöser: Die ganze Zeit rief er ungeduldig „Abschied, Abschied, Abschied!“, denn er wollte endlich losfahren, aber die Menschen umarmten sich weiter; sie begannen nun zu klagen und zu weinen und wollten ihre geliebten Freunde und Angehörigen gar nicht mehr loslassen.

Til flüsterte Narr Silberspiegel zu: „Die Menschen tun ja gerade so, als würden sie sich niemals wiedersehen!“

„Im Land Verlorenherz verliert man nicht nur Gegenstände“, erklärte Narr Silberspiegel ernst, „man verliert auch Menschen.“

„Menschen?“, fragte Til erstaunt.

Narr Silberspiegel nickte.

Til musste einen Augenblick an seinen Vater denken. „Verlustig … sie fahren also nach Verlustig …“, flüsterte er, und dann fragte er noch: „Was weißt du über dieses Land?“

„Das ist das Land, wohin die Menschen gleich fahren. Sie werden niemals wieder aus diesem Land zurückkehren. Verlorenherz ist eigentlich ein Land, in dem sich Menschen nach ihrem Tod wieder begegnen, Til – aber wegen der Königin ist es ein Land geworden, in dem sich alle Familien, die nach ihrem Tod zusammen gefunden haben, wieder trennen müssen. Die Menschen, die ihre Wertsachen verlieren, hatten in ihrem Leben keinen geliebten Menschen, weil ihnen materielle Dinge wichtiger waren, und so verlieren sie ständig Sachen. Alle Menschen, die nach Verlorenherz kommen, müssen eine schwarze herzförmige Muschel an ihr Ohr halten, die Vergissmeinmuschel. Dadurch vergessen sie allmählich die Trauer über ihr verlorenes Leben auf der Welt und haben Mut, hier in Verlorenherz ein neues Leben anzufangen. Aber wegen der Königin von Verlorenherz ist das hier ein sehr trauriges Land für die Menschen geworden, Til.“

„Weißt du denn auch, ob mein verstorbener Vater hier irgendwo in Verlorenherz ist?“, fragte Til, als er hörte, dass in diesem Reich die Menschen nach ihrem Tod lebten.

Aber Narr Silberspiegel seufzte nur, schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, Til. Das weiß ich leider nicht …“

Til beobachtete eine Familie: Zwei Jungen sollten sich gerade von ihrem Vater verabschieden, der in den Verlustig-Zug steigen musste. Die Familie war bei einem schlimmen Autounfall gemeinsam gestorben und hatte sich danach in Verlorenherz wiedergefunden, aber jetzt sollten sich die Söhne mit der Mutter von ihrem Papa trennen. Der ältere Junge war etwa zehn Jahre alt und musste weinen – es war ein heftiges Weinen, seine Brust bewegte sich auf und ab. Der Vater senkte den Blick und hatte einen Arm um die Schulter des weinenden Jungen gelegt. Der kleinere Junge war erst zwei Jahre alt. Er blickte nur ganz verwundert auf seinen großen weinenden Bruder. Die Mutter fasste den kleineren Jungen fest an der Hand und musste sich zusammennehmen, um nicht auch noch anzufangen zu weinen, denn um sie herum weinten fast alle Menschen, die ihre Liebsten nach Verlustig schicken mussten. Auch ein Mädchen, das etwa gleich alt war wie Til, mit grünem Sommerkleid und blondem Haar, musste in den Zug steigen und sich von seinem weinenden Papa verabschieden. Til tat das Mädchen leid. Es verhielt sich zwar tapfer und hielt sein Weinen zurück, aber die Wut, die in den dunklen Augen des Mädchens stand, konnte Til erkennen: Nur allzu gern hätte das Mädchen die Gesetze dieses Landes verändert …

„Warum ist die Königin von Verlorenherz denn so hart?“, fragte Til seinen Freund, den Narren Silberspiegel, aber der Narr gab ihm keine Antwort, sondern blickte nur weiter auf die traurigen Menschen.

Einige Menschen stiegen jetzt endlich in den Zug nach Verlustig ein, aber andere wurden von ihren Angehörigen immer wieder festgehalten und umarmt. Es gab viele Menschen, die die Hände ihrer Eltern, Kinder oder Freunde gar nicht loslassen wollten. Wieder rief der Lokführer mit den bunten Haaren „Abschied, Abschied, Abschied!“ – Da stiegen schließlich auch die letzten Menschen in den Zug und mussten ihre Angehörigen zurücklassen. Die Türen schlossen sich.

Viele Menschen liefen dem wegfahrenden Zug noch ein Stück hinterher. Sie winkten, schrien, weinten und verfluchten die Königin von Verlorenherz. Der Zug fuhr aus dem Bahnhofsgebäude heraus und verschwand dann weiter draußen in einem merkwürdigen weißen Nebel – es schien, als hätte dieser Nebel den Zug VERLUSTIG-EXPRESS einfach verschluckt.

Und Til dachte plötzlich: Vielleicht ist auch mein Vater dort? – In Verlustig!

Kapitel 5

Rafael traute seinen Augen nicht: In Tils Bett lag der Junge aus dem Wald! Das durfte nicht wahr sein! Hatte der Junge aus dem Wald nicht versprochen, alles rückgängig zu machen, sobald Mama den Ring von Rafaels Finger ziehen würde? Und wo war der Ring jetzt? Bei Mama? Rafael verstand nichts mehr. Am liebsten hätte er sich auf den Jungen gestürzt und ihn angeschrien: „Was hast du mit meinem Bruder gemacht?!“ Aber schließlich schlief seine Mama nebenan in ihrem Schlafzimmer. Also beschloss er, sich wieder in sein Bett zu legen und bis zum nächsten Morgen zu warten.

Er schlief lange nicht ein, weil er in der Dunkelheit immerzu an Til denken musste: Hatte der merkwürdige Junge aus dem Wald jetzt Tils Platz eingenommen? Woher kam er nur? Und was würde Mama dazu sagen? Niemals würde sie Rafael diese Geschichte glauben!

Wäre Til doch wieder Til und ich könnte mit ihm Fußball spielen, ganz allein mit ihm trainieren, wie wir es manchmal getan haben, dachte Rafael, auch wenn Til mich oft dazu zwingen musste, mit ihm auf der überwucherten Wiese am Straßenende zu trainieren, weil ich lieber im Haus geblieben bin und Bücher gelesen habe. Und wenn Til jetzt für immer wegbleibt? Nein, das darf ich nicht zulassen! Am liebsten würde ich den Jungen aus dem Wald ordentlich verhauen! Selbst kleine Zauberer, wie er wohl einer ist, sollten ihr Wort halten!

Am nächsten Morgen wachte Rafael früh auf – es war halb sieben Uhr morgens. Draußen war es schon hell, denn es war Mai, und durch die Vorhänge vor den Fenstern drang schon das Tageslicht ins Zimmer. Bald würde Mamas Wecker klingeln. Dann würde sie Frühstück machen und Rafael und Til wecken – die beiden Jungen müssten aufstehen, sich waschen, ihre Schultaschen packen, frühstücken und ihre Mama würde inzwischen zu ihrer Arbeit in die Stadtbibliothek fahren.

Til!, dachte Rafael und erschrak. Zuerst muss ich wissen, ob der Junge aus dem Wald immer noch oben im Bett liegt! Leise stieg er aus seinem Bett. Er wollte den Jungen nicht wecken, das traute er sich nicht, denn irgendwie hatte er Angst davor, was passieren würde, wenn dieser seltsame Junge erwachte.

Vorsichtig kletterte Rafael zwei Sprossen der Leiter des Etagenbetts hoch, damit er ganz ins Bett hineinsehen konnte. Aber das ist unmöglich!, dachte er: Im Bett lag nun wieder sein Bruder Til und schlief, als ob es überhaupt nie einen Jungen aus dem Wald gegeben hätte! Habe ich das alles vielleicht nur geträumt?, fragte sich Rafael, obwohl er sich das kaum vorstellen konnte.

Eine Zeitlang stand Rafael auf der Leiter und überlegte, was er jetzt tun sollte. Schließlich beschloss er, seinen Bruder aufzuwecken. Er flüsterte ein paar Mal „Til!“, doch der regte sich nicht: Er lag mit geschlossenen Augen auf dem Rücken und atmete ganz ruhig. Sein dunkelblondes Haar fiel ihm zerzaust ins Gesicht – das erinnerte Rafael daran, wie Til oft aussah, nachdem er Fußball gespielt hatte: Verschwitzt, mit zerzaustem dunkelblonden Haar, aber glücklichen blaugrünen Augen und einem zufriedenen Lächeln. So kannte er seinen Bruder. Dieser Junge musste einfach Til sein!

Plötzlich stand Julia in der Tür. „Aufstehen, Rafael und Til!“, rief sie.

Rafael schauderte, als Til in diesem Moment die Augen aufschlug. Er sah genauso aus wie sein Bruder, gähnte einmal kräftig, streckte seine Glieder und richtete sich im Bett auf. Rafael war sich jetzt ganz sicher, dass es sein Bruder Til war …

Kapitel 6

„Narr Silberspiegel!“, sagte Til, der immer noch am Bahnhof von Verlorenherz stand. „Erkläre mir doch einmal, warum noch nie jemand aus Verlustig zurückgekommen ist!“

Narr Silberspiegel blickte auf die Menschen, die immer noch am Bahnhof standen und um ihre Angehörigen weinten, die soeben im VERLUSTIG-EXPRESS aus der Stadt gebracht worden waren.

„Es hat mit der Geschichte der Königin von Verlorenherz zu tun“, sagte er, blickte in seinen kleinen, runden Silberspiegel und begann, zu erzählen:

Es war einmal eine liebe Königin, die hatte einen noch lieberen Gatten, den Herrn König von Weichlieb. Sie liebte ihn von ganzem Herzen. Unter seiner Herrschaft herrschte überall im Reich Frieden und Glück und das Königreich hieß damals Weichlieb, nicht Verlorenherz. Der König von Weichlieb war ein lieber König und er wollte sein Glück mit allen Menschen in seinem Reich teilen. Es gab auch keinen Hass, keinen Neid und keine Eifersucht in diesem wunderbaren Reich, denn alle Menschen liebten und achteten einander.

Der König von Weichlieb unternahm gern weite Reisen auf magischen Teppichen, aber diese Fliegerei des Königs von Weichlieb gefiel der Königin leider gar nicht. Immer hatte sie Angst, dass der König von Weichlieb von seinen weiten Reisen nicht mehr zurückkehrte. Eines Tages musste sich die Königin wie so oft vom König von Weichlieb verabschieden, denn er plante wieder einmal eine weite Reise auf einem seiner magischen Teppiche. Es war ein warmer Herbstabend, an dem der König und die Königin im Schlossgarten unter zahlreichen bunten Bäumen Abschied nahmen. Die Bäume verloren schon ihre ersten Blätter und als die Königin das sah, überkam sie ein eigenartiges Gefühl der Trauer. Der König von Weichlieb schenkte ihr noch einen Abschiedskuss und flog dann munter auf seinem Teppich davon, der war so bunt wie das Laub der Herbstbäume. Es war das letzte Mal gewesen, dass die Königin ihn gesehen hatte. Der König wurde lange gesucht, aber nirgendwo gefunden. Die Königin war nun ganz allein und sehr traurig. Der ganze Hofstaat machte Anstalten, die Königin wieder zu verheiraten, doch keiner der Anwärter gefiel der Königin so wie ihr verschwundener König von Weichlieb.

Tagsüber blieb die Königin nun immer in ihrem Schloss. Manchmal schlich sie sich aber nachts nach draußen und ging dann durch die Straßen und Gassen der Stadt. Oft sah sie reiche Menschen, die sich an ihren Reichtümern erfreuten, an hohen Häusern oder teuren Autos, und sie sah Menschen, die jung gestorben, aber in Weichlieb glücklich wieder vereint waren und sich küssten und umarmten. Da wurde ihr bewusst: Ihrem Volk ging es besser als ihr selbst.

Das machte sie endlich so wütend, dass sie befahl, dass in ihrem Land fortan kein Mensch mehr etwas behalten sollte, weder einen geliebten Menschen noch ein Tier noch ein Haus noch auch nur den kleinsten Gegenstand. Wenn ein Mensch beispielsweise ein schönes Auto besaß, von dem er glaubte, dass es ihm nun gehörte, so verwandelte sich dieses Auto am nächsten Tag in ein neues und am übernächsten wiederum in ein neues und immer so weiter. Kein Gegenstand blieb in Verlorenherz länger als einen Tag bei einem Menschen, selbst Pullover, Hosen, Mäntel, ja sogar Zuckerdosen und Pfannen und so weiter gingen nach kürzester Zeit verloren. Dann mussten die Menschen stets zur Königin von Verlorenherz gehen und sie um neue Dinge bitten und die Königin hatte dann allerhand zu tun, den Menschen diese Dinge herbeizuzaubern, die sie brauchten, aber das lenkte sie wenigstens von ihrer eigenen Trauer ab.

Aber Menschen konnte die Königin natürlich nicht ersetzen – und es gab ein Gesetz im ganzen Land, das die Königin selbst eingeführt hatte: Die Menschen verloren ihre Liebsten, indem alle dreißig Tage der Zug Verlustig-Express in die Stadt einfuhr. Dieser Zug holte jene Menschen ab, welche die Königin von Verlorenherz dazu bestimmt hatte. Dadurch zerreißt die böse Königin bis heute ganze Familien! Aber niemand kann die Macht der Königin so einfach brechen, denn die Königin ist eine große Zauberin und als solche mächtig und gefürchtet. Und so müssen die Menschen in Verlorenherz wohl oder übel mit den Entscheidungen der bösen Königin leben und ebenso traurig sein wie sie selbst.

Die Geschichte von Narr Silberspiegel erinnerte Til an seinen Großvater, der seine Mama verlassen hatte – das hatte ihm seine Mama einmal erzählt: Sie war damals erst drei Jahre alt gewesen. Ihr Papa, Tils Großpapa, war immer gerne mit Kleinflugzeugen geflogen. An einem warmen Herbstabend stand die kleine Julia mit ihrer Mutter auf dem Flugplatz, um sich von ihrem Papa zu verabschieden. Die Bäume verloren ihre ersten Blätter und Tils Mutter erinnerte sich später noch ganz genau daran, wie sie sich zum letzten Mal von ihrem Papa verabschiedete. Er sagte zu ihr: „Wenn du größer bist, dann fliegst du mit und wir fliegen zusammen bis in die Wolken!“ Die kleine Julia wollte lieber gleich mit, aber ihre Mutter sagte: „Dafür bist du noch zu klein!“ Julia weinte und quengelte deshalb noch den ganzen Tag. Es war das letzte Mal gewesen, dass Julia ihren Papa gesehen hatte. Er kam nie wieder zurück, das Leichtflugzeug wurde lange gesucht, aber niemand konnte es finden. Man nahm an, es wäre irgendwo abgestürzt.

„Aber warum müssen denn alle Menschen in Verlorenherz mit den Entscheidungen der Königin leben?“, wollte Til wissen und fühlte sich wieder sehr traurig. „Da muss man doch irgendetwas dagegen tun können!“

Narr Silberspiegel überlegte scharf. Die Menschen um sie herum auf dem Bahnsteig wurden nun endlich weniger, aber es blieben immer noch einige zurück, die sehnsuchtsvoll und traurig um sich blickten und nicht glauben konnten, dass sie ihre Liebsten nun für immer verloren hatten. Til wurde auf einen Jungen aufmerksam, der seinen Vater verloren hatte. Nun saß er auf dem Bahnsteig und blickte stumm in die Richtung, in die der Zug verschwunden war. Und unweigerlich musste sich Til nun auch an seinen eigenen Vater erinnern:

Rafael und Til waren vier und fünf Jahre alt gewesen. Ihr Papa hatte sie zur Geburtstagsfeier eines Freundes von Rafael gefahren. Abends wollte er die beiden Jungen dann abholen, aber auf dem Weg zu ihnen geriet er in ein Gewitter. Durch den heftigen Regen, der sich wie ein weißer Vorhang auf seine Windschutzscheibe legte, war er mit dem Auto von der Straße abgekommen und in den Bach gestürzt. Til war bei der Beerdigung dabei gewesen, aber er erinnerte sich nur noch daran, wie traurig er gewesen war und dass er ständig sein Weinen unterdrückt hatte, weil seine Mama auch nicht geweint, sondern nur traurig ausgesehen hatte. Und er wusste noch, wie er dann eine Weile bei seiner Mama im Bett geschlafen hatte, die nachts oft geweint und ihn dabei umarmt hatte. Vielleicht hatte die Königin seinen Papa auch nach Verlustig geschickt? Dann musste Til ihn unbedingt zurückholen und vielleicht konnte er auch die anderen Menschen aus Verlorenherz wieder glücklich machen!

„Was ist denn das?“, fragte Til erstaunt, als er im Spiegel des Narren plötzlich tanzende bunte Buchstaben erkannte, die sich allmählich zu einem Satz zusammensetzten: Geh nach Verlustig! Nun blickte auch Til in die Richtung, in die der Zug nach Verlustig verschwunden war. Außerhalb des Bahnhofsgebäudes lag dort alles in einem weißen, dichten Nebel. Einen Augenblick lang überlegte Til, wie er überhaupt wieder zurück zu Mama und Rafael kommen konnte, aber dann dachte er wieder an seinen Papa und an die traurigen Menschen aus Verlorenherz und sagte entschlossen: „Gehen wir nach Verlustig und tun, was der Spiegel uns sagt, Narr Silberspiegel!“

Da lächelte Narr Silberspiegel. „Das ist recht: Tu, was der Spiegel dir sagt! Du hast hier eine Aufgabe zu erfüllen, Til. Meine Freundin Resi Redewendung, die du später noch kennen lernen wirst, hat mir den Zauberspiegel überlassen, um die bösen Mächte der Königin zu besiegen. Der Spiegel weist uns den Weg, und durch ihn kann uns die Königin nicht sehen, denn er macht uns vor ihrem eigenen schwarzen Zauberspiegel, mit dem sie sonst alles in ihrem Reich sehen kann, unsichtbar. Und im Laufe der Zeit wirst du auch erfahren, wie du wieder nach Hause kommst. Alles wird sich allmählich entwickeln!“

Til fand das alles sehr spannend. Abenteuerlustig, wie er nun plötzlich war, wollte er sofort nach Verlustig aufbrechen und fragte: „Narr Silberspiegel, wie gelangen wir nach Verlustig? Schaffen wir es ohne den Trauerzug?“

„Wir schaffen es mit Hilfe des Zauberspiegels!“, sagte Narr Silberspiegel.

„Was bedeutet denn das?“, fragte Til abermals erstaunt, als er im Spiegel des Narren nun wieder tanzende Buchstaben erkannte, die sich allmählich zu einem Satz zusammensetzten: Tanzt, denn nur lustig findet ihr nach Verlustig!

Da sprang Narr Silberspiegel auf, drehte sich einige Male im Kreis, tanzte lustig und ausgelassen auf dem Bahnsteig herum und rief voller Freude: „Ich habe meinen Sohn wieder!“, während ein paar traurige Menschen um ihn herum immer noch weinten. „Tanz mir nach, Til“, rief Narr Silberspiegel, „denn nur lustig kommst du nach Verlustig!“

„Was hast du denn mit deinem Sohn gemeint?“, fragte Til.

„Ich stelle mir vor, dass ich einen meiner verlorenen Söhne in Verlustig wiederfinde!“, sagte Narr Silberspiegel. „Und du musst dir beim Tanzen auch etwas ganz Schönes vorstellen, damit du lustig wirst, denn sonst kommen wir nicht nach Verlustig!“

Und obwohl Til sonst niemals tanzte, stand er nun auf und tanzte quer über den Bahnsteig. Er versuchte, Narr Silberspiegel in seinen schnellen Bewegungen, Schritten und Drehungen zu folgen. Er hätte diesen Tanz gar nicht beschreiben können: Sie tanzten so, wie sie sich eben fühlten, und Til fühlte sich großartig, denn er stellte sich vor, wie er ein Fußballspiel gegen das beste Team der Liga gewann und seine Mannschaft dabei zum vierten Mal in Folge die Meisterschaft für sich entschied; wie er selbst Torschützenkönig wurde und ihn alle bejubelten, wie es in den vergangenen Jahren schon geschehen war: Immer war es ein großartiges Gefühl gewesen. Aber da war noch ein viel größerer Wunsch in ihm, der ihn in Gedanken an seine Erfüllung unendlich glücklich machte.

Kapitel 7

Mama hat nichts bemerkt, dachte Rafael, wie auch? Der Junge aus dem Wald ist ja nun wieder Til. Mama hat einfach Frühstück gemacht wie jeden Morgen, hat sich mit Til über Fußball unterhalten wie jeden Morgen und ist dann in die Stadtbibliothek gefahren wie jeden Morgen.

Und nun ging Rafael mit Til zur Schule – wie jeden Morgen: Sie gingen nebeneinander die Straße in Richtung Stadtzentrum hinunter und Til erzählte Rafael, der aber in Gedanken war, viel über Fußball. Zur Schule gingen sie wie immer ihren eigenen Weg: Vor der hölzernen, ebenen Bachbrücke, über die man in die Stadt gelangte, bogen sie in einen kleinen Waldweg ein, der stromabwärts am Bach entlang führte. Der Weg führte schließlich weg vom Wald; es folgten Felder, Streuobstwiesen und Bauernhöfe, bis man über eine weitere Brücke des Bachs musste, die in die Stadt zurückführte und auch zur Schule. Obwohl dieser Weg viel länger war, als wenn sie durchs Stadtzentrum zur Schule getrabt wären, gingen Rafael und Til ihn immer sehr gern, denn so konnten sie noch länger miteinander reden, bis sie bei der Schule waren.

An der Holzbrücke, wo die Brüder immer den Waldweg betraten, war ihr Vater mit dem Auto von der Straße in den Bach gestürzt – daran musste Rafael immer denken. Rafael war erst vier Jahre alt gewesen und wusste nicht mehr genau, was damals alles geschehen war. Er konnte sich nur noch daran erinnern, dass er nicht zur Beerdigung seines Vaters gegangen war, sondern den ganzen Tag im Bett verbracht und sich gewünscht hatte, sein Vater würde bald nach Hause kommen wie sonst auch immer.

Nun trabten Rafael und Til nebeneinander auf dem erdigen Waldweg am Bach entlang, der hier breiter und tiefer war als an den anderen Stellen.

„Aber du bist gar nicht Til, richtig?“, fragte Rafael plötzlich, nachdem er eine Weile still gewesen war und Til einfach nur zugehört hatte. Obwohl dieser Junge sich genau so verhielt wie Til, hatte Rafael nun mit einem Mal nicht mehr das Gefühl, dass es sich wirklich um seinen Bruder handelte.

Der Junge sah Rafael an und fragte: „Willst du mich veräppeln, Rafael?“

Da sagte Rafael: „Til nennt mich doch immer Raffi! Warum nennst du mich heute ständig Rafael? Du tust nur so, als ob du Til wärst! Aber ich weiß, dass du es nicht bist! Du hast mich belogen! Du hast gesagt, du bringst mir meinen Bruder zurück, aber ich habe gesehen, wie du heute Nacht in seinem Bett geschlafen hast!“

Plötzlich bekam der Junge ganz dunkle Augen und auch sein Haar wurde immer dunkler. Wütend zog er die Augenbrauen zusammen, die nun finstere Schatten auf seine Augen warfen.

Rafael wurde nun erst recht wütend und brüllte den sonderbaren Jungen an: „Ich will sofort wissen, wo mein Bruder ist!“

In diesem Moment packte der Junge Rafael und drückte ihn ganz fest gegen den Stamm einer Eiche. Rafael konnte sich nicht befreien. Er fühlte sich schwach und dem Jungen hilflos ausgeliefert, er konnte seine Glieder gar nicht mehr bewegen – da bemerkte er mit einem Mal, dass der Junge ihm eine sonderbare Herzmuschel an sein Ohr hielt, die so schwarz war wie das schwarze Haar und die schwarzen Augen des Jungen aus dem Wald. Rafael konnte sich nicht mehr von der Stelle rühren und er konnte auch an nichts mehr denken!

Der Junge verkleinerte seine dunklen Augen zu Schlitzen, kam ganz nahe an Rafael heran und flüsterte mit tiefer und wütender Stimme: „Du hast es dir so gewünscht! Du wolltest so sein wie dein Bruder! Jetzt gibt es nichts mehr, das du tun kannst, um den Zauber rückgängig zu machen – versuch es besser gar nicht!“

Rafael biss die Zähne zusammen, denn der Griff des Jungen um seine Schultern wurde immer stärker. Das tat Rafael weh und er musste sich zusammenreißen, um nicht zu schreien.

Der Junge aus dem Wald grinste und sein Gesicht war halb bedeckt von einem tiefen Schatten, der sich über Stirn und Augen legte. „Du hast mich in dein Leben eingelassen, Rafael – in dem Augenblick, als du mir erlaubt hast, in deine Welt einzugreifen – in diesem Augenblick hast du mir die Tür zu deiner Welt geöffnet! Sei froh, dass ich Til bin, dass ich noch Til bin, denn bald werde ich es nicht mehr sein und dann wird deine Mutter Til vergessen haben – ja, sogar du wirst Til vergessen haben! Und dann werde ich dein Bruder sein!“

Rafael schrie, denn der starke Griff des Jungen tat ihm jetzt sehr weh. Im nächsten Moment nahm der Schmerz sogar noch ruckartig zu. Er schrie noch lauter und durch die Muschel an seinem Ohr hörte er ein lautes, unerträgliches Rauschen, das ihn endlich ohnmächtig werden ließ …

Als Rafael wieder zu sich kam, lag er unter der Eiche am Bach. Er spürte keinen Schmerz mehr an seinen Schultern, als er aufwachte. Vor ihm kniete sein Bruder Til im Gras. Seine blaugrünen Augen blickten freundlich.

„Wir müssen nach Hause!“, sagte Til.

Rafael erinnerte sich an den schwarzhaarigen Jungen, der ihn gegen den Baum gedrückt hatte, bevor er ohnmächtig geworden war. „Wo ist der böse Junge?“, fragte er.

„Welcher Junge?“